Aquileia 4/4 — Die Irrlehren von Aquileia

Peter Bruderer
single-image

Hahn gegen Schild­krö­te. Der Streit fin­det statt auf dem herr­li­chen Mosa­ik­bo­den der Kir­che von Aqui­leia. Der Hahn, Sym­bol der christ­li­chen Wach­sam­keit, gegen die Schild­krö­te, dem ‘Tier der Unter­welt’. Aqui­leia — das war auch der Schau­platz eines gros­sen Rin­gens um die christ­li­che Leh­re. Die­ses Rin­gen fin­det auch sei­nen Nie­der­schlag im Apo­sto­li­kum-Kom­men­tar von Rufin. Die­ses Rin­gen fin­det auch heu­te in den Kir­chen unse­rer Zeit statt.

Drei­mal hat Petrus Jesus in jener denk­wür­di­gen und lan­gen Nacht vor des­sen Ver­ur­tei­lung und Kreu­zi­gung ver­leug­net. Als der Hahn kräht, wird Petrus die eige­ne Untreue mit vor Augen geführt. Er ver­lässt den Ort des Gesche­hens und weint bit­te­re Trä­nen. Der Hahn, er steht für Wach­sam­keit, Gei­stes­ge­gen­wart und die Ent­lar­vung der Lüge. Aber nicht nur das. Der Hahn ist auch Sym­bol der Auf­er­ste­hung und der Ver­kün­di­gung der guten Nach­richt: er kün­digt den neu­en Mor­gen an — gleich wie mit der Auf­er­ste­hung Jesu für die Mensch­heit ein ‘neu­er Tag’ anbricht. Heu­te ziert der Hahn vie­le Kirch­tür­me und erin­nert dabei an die Freu­de der christ­li­chen Bot­schaft von Ostern und gleich­zei­tig an unse­re mensch­li­che Anfäl­lig­keit und Selbst­über­schät­zung.

Im Gegen­satz dazu die Schild­krö­te, wel­che als Krea­tur der Unter­welt gilt, die sich im Schlamm der Erde schmut­zig macht. Das ita­lie­ni­sche Wort für Schild­krö­te (tar­taru­ga) ist prak­tisch gleich­lau­tend mit dem alt­grie­chi­schen Wort tar­ta­ros – der Bezeich­nung eines per­so­ni­fi­zier­ten Teils der Unter­welt. Die Schild­krö­te sym­bo­li­siert in der christ­li­chen und auch mytho­lo­gi­schen Tra­di­ti­on das, was ‘von unten’ kommt und das Gute und Wah­re bedroht.

Der Streit zwi­schen dem Hahn und der Schild­krö­te, zwi­schen dem Ver­kün­der der Wahr­heit und dem Ver­tre­ter des gros­sen ‘Durch­ein­an­der­brin­gers’, ist uns in der Kir­che von Aqui­leia in Mosa­ik­form erhal­ten geblie­ben. Schon immer stand die­se Stadt im Span­nungs­feld ver­schie­de­ner Glau­bens­vor­stel­lun­gen. Als jun­ger Mann erlebt Rufin die­se Span­nun­gen. Sei­ne Kir­che steht in einer Zer­reiss­pro­be zwi­schen nicäa­nisch-ortho­do­xem Glau­ben und der aria­ni­schen Aus­prä­gung des Chri­sten­tums. Rufin wür­de 373, noch bevor sich die Ortho­do­xie im Rah­men der Syn­ode von Aqui­leia in der Regi­on durch­set­zen wür­de, Rich­tung Ori­ent abrei­sen. Doch Rufins Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum macht klar, dass ihn das The­ma der Unter­schei­dung zwi­schen gesun­der und unge­sun­der christ­li­cher Leh­re sein gan­zes Leben beglei­tet hat. Elf ver­schie­de­ne Irr­leh­rer nennt Rufin in sei­nem Kom­men­tar zum Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis beim Namen – und rund zwan­zig fal­sche Leh­ren wer­den beschrie­ben und ver­wor­fen.

Ach­tung, dies ist ein län­ge­rer Arti­kel. Über das nach­fol­gen­de Inhalts­ver­zeich­nis kannst du dich ori­en­tie­ren:

1. Grund­sätz­li­che Gedan­ken zur Irr­leh­re
2. Die Irr­leh­ren im Über­blick
3. Gott im Wan­del
4. Böser Gott, guter Gott
5. Das vom Gesetz befrei­te Evan­ge­li­um
6. Das Evan­ge­li­um der Gesetz­lich­keit
7. Der pro­gres­si­ve Syn­kre­tis­mus
8. Jesus — Gott oder Mensch?
9. Eins, Zwei oder Drei
10. Leib­lich Auf­er­stan­den?
11. Ein Gott der zwei­ten Chan­ce?
12. Zur Höl­le mit dem Teu­fel
13. Per­sön­li­che Bilanz

1. Grundsätzliche Gedanken zur Irrlehre

Bevor ich ver­su­che, einen Ein­blick in die von Rufin the­ma­ti­sier­ten Irr­leh­ren zu geben, möch­te ich eini­ge grund­sätz­li­che Gedan­ken vor­aus­schicken:

  • Das Volk Got­tes war schon zu allen Zei­ten einer äus­se­ren, wie auch einer inne­ren Bedro­hung durch unge­sun­de Leh­ren aus­ge­setzt. Im Alten Testa­ment rede­ten fal­sche Pro­phe­ten ihren Köni­gen nach dem Mund oder sorg­ten aktiv für die Ver­füh­rung des Vol­kes. Bei­spiel eines sol­chen Ver­füh­rers ist der Pro­phet Bileam, des­sen sub­ti­le Tak­ti­ken das Volk Isra­el fast ins Ver­der­ben gestürzt hät­ten. Ich habe die Geschich­te Bileams in einer drei­tei­li­gen Serie auf­ge­ar­bei­tet (Teil 1, Teil 2, Teil 3).
  • Die neu­te­sta­ment­li­che Gemein­de steht vor den glei­chen Bedro­hun­gen, wie die alt­te­sta­ment­li­che. «Seht zu, dass euch nicht jemand ver­füh­re» (Mt 24:4), warn­te Jesus sei­ne Jün­ger im Hin­blick auf die Zukunft. Geist­li­che Wach­sam­keit und Unter­schei­dungs­ver­mö­gen hat im Zeit­al­ter des Wahr­heits­plu­ra­lis­mus für vie­le einen komi­schen Bei­geschmack bekom­men. Doch wir soll­ten uns im Kla­ren sein: sie ist nicht weni­ger als ein Gebot Jesu an sei­ne Jün­ger. Gleich dem Hahn sol­len wir wach­sam sein!
  • Wir soll­ten nicht von vor­ne­her­ein alles Unge­wohn­te oder Neue ver­däch­tig fin­den und ableh­nen. Viel­mehr sol­len wir „alles prü­fen und das Gute behal­ten“ (1Thess 5:21). Mass­stab, an dem alles geprüft wer­den muss, ist dabei die Bibel (vgl. 1Tim 6:3 – 4; Hebr 4:12). Wie geist­li­ches Unter­schei­dungs­ver­mö­gen geübt und gepflegt wer­den kann, hat Jür­gen Neid­hart für uns in einem Arti­kel erläu­tert.
  • Auch die grund­le­gen­den christ­li­chen Bekennt­nis­se, sind hilf­rei­che Instru­men­te in der Beur­tei­lung von Ideen und Gedan­ken­gut, wel­ches in der christ­li­chen Gemein­schaft Ein­zug hält. Die­se kom­pak­ten Zusam­men­fas­sun­gen des Glau­bens sind, wie wir es am Bei­spiel des Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses erken­nen kön­nen, auch in der Aus­ein­an­der­set­zung mit fal­schen Leh­ren ent­stan­den. Lehnt jemand zum Bei­spiel gewis­se Sät­ze des Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses ab oder deu­tet sie um, so ist dies ver­mut­lich nur Sym­ptom einer grös­se­ren dahin­ter­lie­gen­den welt­an­schau­li­chen Ver­än­de­rung im Den­ken die­ser Per­son. Zum Bei­spiel hat in unse­ren Tagen die Ableh­nung der Jung­frau­en­geburt oder der leib­li­chen Auf­er­ste­hung oft etwas damit zu tun, dass die ent­spre­chen­de Per­son bewusst oder unbe­wusst einen Welt­an­schau­li­chen ‘Shift’ weg von der jüdisch-christ­li­chen, hin zu einem natu­ra­li­sti­schen voll­zo­gen hat.
  • Nicht immer waren bei der Bekämp­fung von Irr­leh­ren die Moti­ve lau­ter. Nur schon am Bei­spiel des Zer­würf­nis­ses zwi­schen Hie­ro­ny­mus und Rufin wird ersicht­lich, wie schnell auch unter Chri­sten mensch­li­che Kon­flik­te Vor­wür­fe von Irr­leh­re befeu­ern kön­nen. Des­halb gilt zual­ler­erst: «Ein jeder Prü­fe sich selbst» (Vgl. 1Kor 11:28; Gal 6:4; Mt 7:5). Dies gilt auch, wenn es um die Bekämp­fung von Irr­leh­ren auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne geht. Bewe­gun­gen, wel­che im Lau­fe der Geschich­te durch die insti­tu­tio­nel­le Kir­che bekämpft wur­den, haben oft auch auf Miss­stän­de in der Kir­che reagiert. Ob es die Wal­den­ser, die Refor­ma­to­ren, die Täu­fer oder die Chri­sten des Gen­fer Reveil waren – Got­tes Geist hat immer wie­der auch Pro­test- und Erneue­rungs­be­we­gun­gen gebraucht, um sei­ne Geschich­te fort­zu­schrei­ben und sei­ne Gemein­de neu zu bele­ben. Des­halb soll­ten neue Leh­ren oder Bewe­gun­gen von eta­blier­ten Kir­chen immer auch als Auf­ruf zur Selbst­prü­fung ver­stan­den wer­den. Die Anfäl­lig­keit der Gemein­de Jesu hat oft ihren Hin­ter­grund dar­in, dass die Gemein­de selbst sich bereits von Jesus, der Quel­le des leben­di­gen Was­sers, ent­fernt hat. Gott ruft in vie­ler­lei Wei­se zur Bus­se und Umkehr. Er tut dies durch geist­ge­wirk­te Erneue­rungs­be­we­gun­gen. Aber auch fal­sche Pro­phe­ten oder Men­schen, wel­che gar nicht in einer Bezie­hung mit Gott ste­hen, kön­nen Werk­zeu­ge sein im Dien­ste Got­tes, um sei­ner Gemein­de den Spie­gel vor­zu­hal­ten.
  • Nicht immer waren bei der Bekämp­fung von Irr­leh­ren die Mit­tel ange­mes­sen. Der Bei­spie­le, wo Chri­sten ande­re Chri­sten im Ver­lau­fe der Geschich­te mit dem Schwert bekämpft haben, gibt es lei­der zur Genü­ge. Nur 20 Minu­ten von mei­nem Wohn­ort in Rich­tung Nor­den wur­de 1415 der Refor­ma­tor Jan Hus in Kon­stanz von der Katho­li­schen Kir­che als Ket­zer zum Feu­er­tod ver­ur­teilt. Nur 30 Minu­ten süd­lich von mei­nem Wohn­ort wur­de 1527 in Zürich der Wie­der­täu­fer Felix Manz im Auf­trag der refor­mier­ten Stadt­her­ren in der Lim­mat ertränkt. Nur ein Jahr spä­ter, 1528, wird in mei­ner eige­nen Wohn­ge­mein­de Frau­en­feld einer der ansäs­si­gen Pfar­rer erdolcht, im Streit um die erweck­li­che Leh­re, wel­che er unters Volk brach­te. Sein Name: Johan­nes ab Burg. Die­se drei Bei­spie­le sind nota­be­ne alles Bei­spie­le von berech­tig­ten Reform­an­lie­gen, wel­che durch eine domi­nan­te reli­giö­se Grup­pie­run­gen mit Gewalt bekämpft wur­de. Wo Chri­sten mit Waf­fen und son­sti­gen Macht­mit­teln ande­ren Men­schen den Glau­ben oder eine bestimm­te Aus­prä­gung des Glau­bens auf­zwin­gen woll­ten, ent­stand auch gros­ser Scha­den für die Sache des Glau­bens. Wo kirch­li­che und staat­li­che Macht in der Ver­gan­gen­heit zusam­men­ge­fal­len sind, wur­de nur zu oft ver­ges­sen, was eigent­lich zur Urchrist­li­chen DNA gehö­ren wür­de, näm­lich die gewalt­lo­se Fein­des­lie­be.
  • Aus den oben genann­ten Punk­ten ergibt sich, dass Son­der­leh­ren und häre­ti­sche Bewe­gun­gen immer auch dif­fe­ren­ziert beur­teilt wer­den soll­ten. Die Sie­ger haben die Geschich­te geschrie­ben. Wir soll­ten dar­um bemüht sein, nicht ein­fach die Per­spek­ti­ve der Sie­ger ein­zu­neh­men, son­dern in der mensch­li­chen Geschichts­schrei­bung nach der Geschichts­schrei­bung Got­tes zu suchen.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

2. Die Irrlehren im Überblick

Die fol­gen­de Tabel­le gibt einen Über­blick über die Irr­leh­rer und Irr­leh­ren, wel­che Rufin in sei­nem Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum erwähnt.

Was waren denn die Aus­schluss-The­men, wenn es um den christ­li­chen Glau­ben geht? Bei allem was Rufin in sei­nen knap­pen Sät­zen zusam­men­fasst, gilt es, die Pro­zes­se dahin­ter vor Augen zu haben.

Zum einen gab es inhalt­li­che Pro­zes­se. Gera­de die Leh­re der Drei­ei­nig­keit hat sich erst nach und nach in den ersten Jahr­hun­der­ten kon­kre­ti­siert. In die­sem Pro­zess wur­de auch man­che Sack­gas­se erkun­det. Doch durch­ge­setzt hat sich berech­tig­ter­wei­se die Leh­re, wie sie die Kir­che in ihren Kon­zi­len von Nicäa und Chal­ce­don for­mu­liert hat und wel­che die vie­len bibli­schen Hin­wei­se über Natur und Wesen Got­tes in ein schlüs­si­ges Gesamt­bild bringt. Das Wesen Got­tes bleibt letzt­end­lich geheim­nis­voll und wird sich nie voll­stän­dig in Wor­ten beschrei­ben las­sen. Das heisst aber nicht, dass wir nicht mit­hil­fe der bibli­schen Offen­ba­rung wah­re Aus­sa­gen und Beob­ach­tun­gen über Gott machen kön­nen.

Zum ande­ren ging es immer auch um die Fra­ge der histo­ri­schen Wahr­heit. So bei­spiels­wei­se in der Fra­ge der Auf­er­ste­hung. «Der Herr ist wahr­haf­tig auf­er­stan­den» (Lk 24:34), war der Ruf der Emma­us­jün­ger nach ihrer Begeg­nung mit Jesus. «Mein Herr und mein Gott!» (Joh 20:28), war der Ruf des Zweif­lers Tho­mas, nach­dem er mit sei­nen eige­nen Hän­den die Wund­ma­le des auf­er­stan­de­nen Jesus berührt hat­te. Die leib­li­che Auf­er­ste­hung war für die Jün­ger erleb­te Rea­li­tät – und deren Zeu­gen waren sie und blie­ben sie. Wenn nun spä­ter Men­schen kom­men wür­den, wel­che die leib­li­che Auf­er­ste­hung ableh­nen oder sie geist­lich inter­pre­tie­ren wür­den, so ging es schlicht und ein­fach um die Fra­ge einer histo­ri­schen Wahr­heit. Dann konn­ten sol­che Umdeu­tun­gen aus der Sicht der ersten Chri­sten nur eines sein: Leug­nung der Rea­li­tät, Lüge.

Mit die­sem Hin­ter­grund möch­te ich mich nun den von Rufin erwähn­ten Irr­leh­rern und Irr­leh­ren im Ein­zel­nen zuwen­den.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

3. Gott im Wandel

Ist Gott unver­än­der­bar, oder voll­zieht er selbst eine Ent­wick­lung? Unter ande­rem um die­se grund­le­gen­de Fra­ge ging es bei der Leh­re von Sabel­li­us, dem ersten Irr­leh­rer, den Rufin in sei­nem Kom­men­tar erwähnt. Sabel­li­us lehr­te eine Form des Moda­lis­mus, wel­che davon aus­ging, dass Gott sich in einer zeit­li­chen Abfol­ge in drei ver­schie­de­nen ‘Modi’ mani­fe­stiert hat: erst als Gott-Vater, dann als Gott-Sohn und letzt­end­lich als Hei­li­ger Geist. In der Leh­re von Sabel­li­us besteht Gott nicht aus drei gleich­zei­tig exi­stie­ren­den unter­schied­li­chen Per­so­nen der Gott­heit, wel­che zuein­an­der in Bezie­hung ste­hen. Viel­mehr ent­wickelt er eine Art Pro­zess-Theo­lo­gie eines Got­tes im Wan­del.

Das Anlie­gen der Moda­li­sten war durch­aus berech­tigt: sie woll­ten nicht in die Fal­le der Viel­göt­te­rei fal­len, son­dern am Mono­the­is­mus fest­hal­ten: «Höre, Isra­el, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer» (5Mo 6:4). Aus dem Wunsch am Mono­the­is­mus fest­zu­hal­ten und gleich­zei­tig dem gött­li­chen Anpruch Jesu gerecht zu wer­den, ent­wickel­te sich das Kon­zept eines Got­tes im Wan­del. Die Moda­li­sten konn­ten durch­aus auch Bibel­stel­len zur Unter­stüt­zung ihres Kon­zep­tes auf­füh­ren, wie zum Bei­spiel Joh 14:9: «Wer mich sieht, sieht den Vater». Doch ent­stand dadurch ein Wider­spruch zum star­ken alt­te­sta­ment­li­chen Zeug­nis über die Unver­än­der­bar­keit Got­tes (Mal 3:6) und ein Kon­flikt mit den diver­sen Tri­ni­ta­ri­schen Stel­len, wo wir alle drei Per­so­nen der Gott­heit gleich­zei­tig in Akti­on sehen, wie zum Bei­spiel bei der Tau­fe (Lk 3:22). Die Leh­ren des Moda­lis­mus führ­ten auch zur Idee des Patri­pas­sia­nis­mus, wel­che gemäss Rufin «vom Vater selbst behaup­tet, sowohl dass er aus der Jung­frau gebo­ren und sicht­bar gewor­den sei, als dass er im Flei­sche gelit­ten habe». Genau: Wenn Chri­stus Gott war, dann muss­te er auch der Vater sein, folg­lich war es auch der Vater, der von Maria in die Welt gebo­ren wur­de und am Kreuz hing und sich dann ’selbst auf­er­weck­te›.

Die Väter der Chri­sten­heit haben die Idee des Moda­lis­mus ver­wor­fen. Vater, Sohn und Hei­li­ger Geist sind nicht ein­fach sich ablö­sen­de Mani­fe­sta­tio­nen eines ‹evo­lu­tio­nä­ren› Got­tes, son­dern haben zu allen Zei­ten in Ein­heit bestan­den. Den­noch ist die Idee eines Got­tes, der sich im Wan­del befin­det, ein wie­der­keh­ren­des The­ma in der Kir­chen­ge­schich­te.

Bei­spiel für ein aktu­el­les ähn­li­ches Kon­zept ist die soge­nann­te Pro­zess-Theo­lo­gie — ein theo­lo­gi­scher Mega­trend der ver­gan­ge­nen 100 Jah­re. Beein­flusst unter ande­rem durch die Pro­zess-Theo­rie Hegels ent­wickel­ten Theo­lo­gen die Idee einer gegen­sei­ti­gen Beein­flus­sung von Gott und Mensch, bei der auch Gott Ver­än­de­rung erfährt. Hegels Idee von The­se-Anti­the­se-Syn­the­se wird dabei auf die Bezie­hung zwi­schen Gott und Mensch ange­wandt. Das Ergeb­nis ist die Vor­stel­lung, dass Gott selbst einer pro­zess­haf­ten Ent­wick­lung unter­wor­fen ist, beein­flusst durch den Men­schen. In die­sem moder­nen Kon­zept der Pro­zess-Theo­lo­gie ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Schöp­fer und Geschöpf, denn Gott wird in einem dyna­mi­schen Pro­zess gleich­sam auch zum vom Men­schen geschaf­fe­nen und geform­ten Wesen.

Theo­lo­ge und Buch­au­tor Roger e. Olson begrün­det sei­ne Ableh­nung der Pro­zess-Theo­lo­gie unter ande­rem mit ihrer moda­li­sti­schen Schlag­sei­te:

«Ver­su­che der Pro­zess-Theo­lo­gen, die Tri­ni­tät in ihre Theo­lo­gie zu inte­grie­ren, sind schwach und in aller Regel moda­li­stisch.» (Pathe­os, eige­ne Über­set­zung)

Das Kon­zept eines Got­tes ‘im Pro­zess’ kann der urmen­sch­li­chen Ver­su­chung wohl nur schwer­lich wider­ste­hen, sich Gott nach den eige­nen Vor­stel­lun­gen zu for­men. War­um soll­te er zum Bei­spiel sei­ne in der Bibel fest­ge­hal­te­nen mora­li­schen Vor­stel­lun­gen nicht anpas­sen, wenn wir ihn ent­spre­chend bewe­gen? Die Kehr­sei­te die­ses form­ba­ren Got­tes ist, dass auf ihn nicht mehr wirk­lich Ver­lass ist. Was er heu­te sagt, gilt viel­leicht mor­gen schon nicht mehr. Sabel­li­us mag seit 1900 Jah­ren tot sein, sei­ne Ideen jedoch leben immer wie­der neu auf.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

4. Böser Gott, guter Gott

Ganz ähn­lich hart­näckig wie die Idee des vom Men­schen form­ba­ren Got­tes hält sich die Idee vom ‘bösen’ alt­te­sta­ment­li­chen Gott und vom ‘guten’ neu­te­sta­ment­li­chen Gott.

Zur Zeit der Kir­chen­vä­ter fand die­se Vor­stel­lung in der Gno­stik einen Nähr­bo­den. Die­se Strö­mung ent­wickel­te sich im zwei­ten Jahr­hun­dert nach Chri­stus zum welt­an­schau­li­chen Haupt­geg­ner der frü­hen Kir­che. Wäh­rend es auch hier eine fast unüber­schau­ba­re Anzahl ver­schie­de­ner Lehr-Aus­prä­gun­gen gab, so waren doch eini­ge kla­re und einen­de Prin­zi­pi­en vor­han­den. Eines die­ser Prin­zi­pi­en war die Idee, dass der Gegen­satz zwi­schen Gut und Böse sei­nen Ursprung in zwei Göt­tern hat: einem tran­szen­den­ten und ver­bor­ge­nen guten Gott und einem nie­de­ren und bösen Schöp­fer­gott. Aus der mit Man­gel behaf­te­ten Schöp­fung schlos­sen die Gno­sti­ker auf einen eben­so cha­rak­ter­lich man­gel­haf­ten und selbst­be­zo­ge­nen Schöp­fer­gott. Die Erlö­sung erfolgt in der Gno­stik durch die Erkennt­nis die­ser ver­bor­ge­nen Rea­li­tä­ten des Kos­mos (Wort­be­deu­tung Gno­stik: Kennt­nis, Wis­sen). Damit ist auch ange­deu­tet, was die­se gno­sti­sche Leh­re in ihren Gemein­schaf­ten mit sich brin­gen wür­de, näm­lich eine star­ke inter­ne Abstu­fung der Gemein­schaft auf­grund des ‘Erleuch­tungs­gra­des’ der Mit­glie­der. Dies alles steht eigent­lich in star­kem Kon­trast zum christ­li­chen Evan­ge­li­um, wel­ches von einem guten Schöp­fer­gott, einer Erlö­sung ohne Bedarf an ‘Geheim­wis­sen’ und einer gleich­wer­ti­gen Gemein­schaft aller Gläu­bi­gen spricht. Trotz­dem übte die Gno­stik eine gros­se Anzie­hungs­kraft aus. Unter den von Rufin erwähn­ten Irr­leh­rern befin­den sich eini­ge von die­ser Strö­mung beein­fluss­te Figu­ren, unter ande­rem Mar­ci­on und Valen­ti­nus.

Von Mar­ci­on schreibt Rufin, dass «er leug­net, dass der Vater Chri­sti Gott der Schöp­fer sei». Die christ­li­che Gno­stik inter­pre­tier­te JAHWE, den Schöp­fer­gott des Alten Testa­men­tes, als böse. Ergo konn­te die­ser nicht der Vater von Chri­stus sein. Chri­stus muss­te vom ande­ren, ver­bor­ge­nen, guten Gott abstam­men.

Nun haben die heu­ti­gen, ‘moder­nen’ Ideen eines ‘bösen’ alt­te­sta­ment­li­chen Got­tes einen etwas ande­ren Hin­ter­grund. Die heu­ti­gen Kon­zep­te sehen im ‘bösen’ Schöp­fer­gott eher ein fal­sches Got­tes­bild des alt­te­sta­ment­li­chen Vol­kes Isra­el. Doch führt dies fak­tisch zum glei­chen Ergeb­nis, näm­lich einer Ableh­nung des­sen, wie sich Gott im Alten Testa­ment den Men­schen offen­bar­te. Mit dem ‘guten’ neu­te­sta­ment­li­chen Gott wird gegen den ‘bösen’ alt­te­sta­ment­li­chen ins Feld gezo­gen. Die Bibel wird kon­se­quen­ter­wei­se nur noch als selek­tiv brauch­ba­res Doku­ment gese­hen: was nach ‹gutem Gott› tönt wird ange­nom­men, was nach ‹bösem Gott› schmeckt abge­lehnt.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

5. Das vom Gesetz befreite Evangelium

Es ist eine Iro­nie der Geschich­te, dass es Mar­ci­on ist, von dem als erster ein Vor­schlag für den bibli­schen Kanon doku­men­tiert ist. Doch die Bibel von Mar­ci­on war ziem­lich dünn. Da fehl­te das Alte Testa­ment gänz­lich und auch sämt­li­che neu­te­sta­ment­li­chen Schrift­tei­le, wel­che Mar­ci­on in irgend­ei­ner Form als vom jüdi­schen Glau­ben und Gesetz beein­flusst sah. Die Bibel von Mar­ci­on bestand ledig­lich aus einer gekürz­ten Ver­si­on des Lukas­evan­ge­li­ums und zehn Brie­fen von Pau­lus.

Mar­ci­on über­nimmt, wie bereits erwähnt, Ideen von der Gno­sis und adap­tiert die­se geschickt für die christ­li­che Gemein­de. Mar­ci­on reagiert auch auf reel­le Miss­stän­de in der Kir­che. So hat er die Gna­den- und Recht­fer­ti­gungs­leh­re von Pau­lus mög­lich­wei­se bes­ser ver­stan­den als man­che Theo­lo­gen sei­ner Zeit. Doch er setzt die­se mit einer fal­schen Radi­ka­li­tät um, indem er die Leh­ren von Jesus und von Pau­lus von ihren jüdi­schen Wur­zeln gera­de­zu ‘ampu­tiert’. Mar­ci­ons Leh­ren sind durch­aus attrak­tiv. Er bie­tet ein vom Gesetz befrei­tes Evan­ge­li­um, sozu­sa­gen ein ‘Evan­ge­li­um light‘, wel­ches über rund hun­dert Jah­re hin­weg eine ernst­haf­te Kon­kur­renz zum histo­ri­schen Chri­sten­tum bil­det. Doch Mar­ci­ons Welt­an­schau­ung ist im Kern zutiefst pes­si­mi­stisch, weil sie alles Krea­tür­li­che als böse und schlecht sieht, weil sie die Güte des Geset­zes über­sieht, wel­ches dem Men­schen zum Leben ver­hel­fen will und weil sie eine juden­feind­li­che Ideo­lo­gie eta­bliert, wel­che das alt­te­sta­ment­li­che Volk Got­tes als Reprä­sen­tant eines nie­de­ren und bösen Got­tes ver­steht. Mar­ci­ons Adap­ti­on des Evan­ge­li­ums an den ‘Mega­trend’ der Gno­sis hat ein ver­krüp­pel­tes Evan­ge­li­um her­vor­ge­bracht.

Aus der Bedro­hung der Kir­che durch Irr­leh­ren sind immer wie­der wich­ti­ge Figu­ren gewach­sen, wel­che der Not begeg­net sind. In die­sem Fall Ire­nä­us von Lyon. Die­ser ent­wickelt in sei­ner Schrift ‘Adver­sus hae­re­ses’ (gegen die Her­äsi­en) eine intel­lek­tu­el­le Ant­wort auf die gno­sti­sche Bedro­hung, weist nach, wie sich das Evan­ge­li­um von Jesus Chri­stus schon in den alt­te­sta­ment­li­chen Tex­ten ent­fal­tet und ent­wickelt die Theo­lo­gie eines guten Schöp­fer­got­tes, wel­cher den Men­schen sei­ne Lie­be erwei­sen möch­te. Der Mensch sol­le sich nicht vom Schöp­fer­gott distan­zie­ren. Im Gegen­teil: der Mensch wir nur dann zu einem wah­ren Kunst­werk Got­tes, wenn er sich von ihm for­men und gestal­ten lässt:

«Das Erschaf­fen gehört näm­lich zum Wesen der Güte Got­tes, das Geschaf­fen wer­den aber zum Wesen der Natur des Men­schen. Wenn du ihm also über­gibst, was dein Anteil ist, d. h. Glau­ben an ihn und Gehor­sam, dann wirst du sei­ne Kunst­fer­tig­keit erfah­ren und ein voll­kom­me­nes Werk Got­tes sein.» Ire­nä­us von Lyon, Hei­li­gen­le­xi­kon

Die Vor­stel­lung, sich ‘lästi­ger’ Geset­ze ent­le­di­gen zu kön­nen, ist auch in unse­ren Tagen äus­serst ver­lockend. Ent­spre­chend weit­ver­brei­tet sind im pro­gres­si­ven und libe­ra­len Chri­sten­tum die Kon­zep­te, wel­che einen Keil zwi­schen der Bot­schaft von Jesus und dem Alten Testa­ment trei­ben möch­ten. Doch die Bezie­hung Jesu zum Alten Testa­ment war nicht eine der Ent­frem­dung, son­dern eine der Lie­be und des tie­fen Respekts. Wer Jesus als einen Mann dar­stellt, der auf kri­ti­schen Abstand zum Alten Testa­ment geht, ris­kiert Jesus selbst zu ver­lie­ren und lan­det bei einem ent­stell­ten Evan­ge­li­um.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

6. Das Evangelium der Gesetzlichkeit

Wo Mar­ci­on ein Evan­ge­li­um begrün­det, wel­ches sich sei­ner Wur­zeln ent­le­digt hat, machen es ande­re umge­kehrt: sie leben ein Chri­sten­tum, wel­ches wei­ter­hin fast gänz­lich in den jüdi­schen Riten und Geset­zen ver­haf­tet ist. Für die­se Fehl­ent­wick­lung steht gemäss Rufin die Figur Ebi­on, wel­cher sagt «man müs­se in der Wei­se an Chri­stus glau­ben, dass die fleisch­li­che Beschnei­dung, die Hal­tung des Sab­baths, die fei­er­li­chen Opfer und alle übri­gen Gebräu­che nach dem Buch­sta­ben des Geset­zes gehal­ten wür­den.»

Wir reden hier von einer juden­christ­li­chen Bewe­gung, wel­che die kul­tur­über­win­den­de DNA des Chri­sten­tums nie wirk­lich erfasst hat und das Chri­sten­tum ledig­lich als jüdi­sche Reform­be­we­gung lebt. Teil davon war natür­lich, dass sie an reli­giö­sen Riten und Gepflo­gen­hei­ten wie der Beschnei­dung fest­hiel­ten. Die Ebio­ni­ter sehen in Jesus einen Pro­phe­ten und Nach­kom­men Davids, aber nicht den Sohn Got­tes. Sie ver­stüm­meln die Bibel auf umge­kehr­te Wei­se wie Mar­ci­on, indem sie alle Schrif­ten ableh­nen, wel­che das Juden­tum bedro­hen könn­ten. Es ist nicht viel bekannt über die Ebio­ni­ter. Doch sol­len sie Pau­lus und sei­ne Leh­ren rund­weg abge­lehnt und ihre neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten auf den Hebrä­er­brief und ein gekürz­tes Mat­thä­us­evan­ge­li­um beschränkt haben.

Werk­ge­rech­tig­keit, die Vor­stel­lung mit unse­rer eige­nen Anstren­gung einen Bei­trag zu unse­rer Erlö­sung lei­sten zu kön­nen, ist wohl oft gera­de für Men­schen eine Gefahr, wel­che den Glau­ben ernst­haft leben möch­ten. Die­sen soll­ten die befrei­en­den Kern­bot­schaf­ten von Pau­lus umso wich­ti­ger wer­den:

«Denn aus Gna­de seid ihr geret­tet durch Glau­ben, und das nicht aus euch: Got­tes Gabe ist es, nicht aus Wer­ken, damit sich nicht jemand rüh­me.» (Eph 2:8 – 9)
«Zur Frei­heit hat uns Chri­stus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wie­der das Joch der Knecht­schaft auf­le­gen!» (Gal 5:1)

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

7. Der progressive Synkretismus

Wo ein ver­zerr­tes Evan­ge­li­um gepre­digt wird, ist die näch­ste Irr­leh­re meist nicht weit. So ver­hält es sich mit den Leh­ren von Mani, einer der fas­zi­nie­rend­sten reli­giö­sen Figu­ren der ersten Jahr­hun­der­te. Mani wächst in Seleu­cia-Cte­si­phon auf, etwas süd­lich des heu­ti­gen Bag­dads, am Fluss Tigris. An der Sei­den­stras­se gele­gen, ist die Regi­on durch vie­le ver­schie­de­ne reli­giö­se Ein­flüs­se geprägt. Mani wächst hier in einer christ­li­chen Gemein­schaft auf, wel­che von der vor­hin beschrie­be­nen, sehr gesetz­li­chen ebio­ni­ti­schen Tra­di­ti­on geprägt ist. Sei­ne zukünf­ti­ge Ent­wick­lung muss wohl auch als Reak­ti­on auf sein sehr kon­ser­va­ti­ves Fami­li­en­um­feld gedeu­tet wer­den.

Mani wen­det sich von sei­ner Gemein­schaft ab, um das zu machen, was in unse­ren Tagen gera­de abso­lut ange­sagt ist: sich einen eige­nen reli­giö­sen Cock­tail zu mixen. Als Begrün­der des Manichäis­mus ent­wickelt er einen syn­kre­ti­sti­schen Glau­ben, wel­cher Ele­men­te von Chri­sten­tum, Bud­dhis­mus, Gno­stik und Zoro­a­stris­mus inte­griert. Mit sei­nen eige­nen gött­li­chen Visio­nen und Erkennt­nis­sen sieht er sich selbst dann als Wei­ter­ent­wick­ler und Voll­ender des­sen, was bereits an gött­li­cher Offen­ba­rung durch Pro­phe­ten wie Jesus, Bud­dha oder Zara­thu­stra (dem Begrün­der des Zoro­a­stris­mus) den Men­schen zugäng­lich gemacht wur­de.

Die Leh­ren von Mani sind umfang­reich und kom­plex. Hier stark ver­kürzt eini­ge Merk­ma­le der Leh­ren von Mani:

Pro­gres­si­ve Offen­ba­rung. Mani sieht die Bibel und die Per­son Jesus nur als Zwi­schen­etap­pe einer spi­ri­tu­el­len Evo­lu­ti­on der Mensch­heit. Sei­ne eige­nen Visio­nen und Ein­sich­ten lösen die Offen­ba­run­gen der Bibel und die Per­son Jesus ab.
Syn­kre­tis­mus. Ob Jesus, Sid­dhar­tha oder Zara­thu­stra. Er sieht die­se reli­giö­sen Grün­der­fi­gu­ren alle als ‘vom glei­chen gött­li­chen Fun­ken’ beseelt. Folg­lich inte­griert er dann auch aus ver­schie­de­nen Reli­gio­nen Ele­men­te. Das ‘Chri­sten­tum’ vom Mani glaubt an Reinkar­na­ti­on, inte­griert gno­sti­sche Vor­stel­lun­gen vom bösen Schöp­fer­gott und vie­les mehr.
Eine uni­ver­sel­le Reli­gi­on. Doch es geht Mani um mehr als nur eine bun­te Patch­work-Reli­gio­si­tät. Sein Ziel ist die Eta­blie­rung einer neu­en, uni­ver­sel­len Reli­gi­on, wel­che alle bis­he­ri­gen Reli­gio­nen in eine neue inte­grie­ren wür­de. Die­se könn­te dann wie­der­um ver­schie­de­ne For­men anneh­men, je nach Kon­text. Ent­spre­chend bekam der Manichäis­mus im Ein­fluss­be­reich des Chri­sten­tums ein christ­li­ches Gesicht, im Ein­fluss­be­reich des Bud­dhis­mus ein bud­dhi­sti­sches usw. (vgl. Bri­tan­ni­ca)
Stu­fen der Erleuch­tung. Wie bei gno­stisch inspi­rier­ten Kul­ten üblich erfolgt die Erlö­sung nicht durch die Annah­me von Ver­ge­bung und Gna­de, son­dern durch das Aneig­nen von Wis­sen und Erkennt­nis. Fol­ge­rich­tig struk­tu­riert sie die Manichäi­sche Gemein­schaft in die Kasten der ‘erleuch­te­ten’ Aus­er­wähl­ten und der ‘nie­de­ren’ Hörer. Das aske­ti­sche Leben der ‘Erleuch­te­ten’ wird durch die ‘Hörer’ ermög­licht, wel­che für die Erleuch­te­ten die nie­de­ren Tätig­kei­ten erle­di­gen und ihr Leben finan­zie­ren. Dadurch bekom­men die nie­de­ren Hörer sel­ber ‘Anteil’ an der Erleuch­tung.
Ver­ach­tung von Mate­rie. Die Ver­ach­tung der geschaf­fe­nen Mate­rie zeigt sich deut­lich in der Leh­re Manis von Geburt und Auf­er­ste­hung Jesu. Eine leib­li­che Auf­er­ste­hung fin­det nicht statt, denn das gan­ze Ziel der manichäi­schen Erlö­sung ist die Befrei­ung der See­le (Licht) aus dem irdi­schen Gefäng­nis (Fin­ster­nis). Eine natür­li­che Geburt von Jesus kann nicht statt­ge­fun­den haben, weil dies ein zu stark natür­li­cher Vor­gang ist. Auch die Ein­stel­lung zur Ehe war grund­sätz­lich nega­tiv, weil mensch­li­che Ver­meh­rung nur wei­te­re See­len in die Gefan­gen­schaft ‘irdi­scher’ Kör­per bringt. Unver­bind­li­cher Geschlechts­ver­kehr mit einer Kon­ku­bi­ne unter Ver­mei­dung von Schwan­ger­schaft war jedoch in Ord­nung. Kin­der auf die Welt zu brin­gen war die grös­se­re Sün­de, als dem eige­nen nie­de­ren Kör­per etwas Lust­be­frie­di­gung zu gön­nen. Die kör­per­li­che Frei­zü­gig­keit des Manichäis­mus hat­te einen kör­per- und schöp­fungs­feind­li­chen Hin­ter­grund und degra­dier­te die Frau zum rei­nen Lust­ob­jekt des Man­nes.

Der Manichäis­mus kann ver­mut­lich als erste glo­ba­le syn­kre­ti­sti­sche Reli­gi­on bezeich­net wer­den. Sie brei­te­te sich ab dem vier­ten Jahr­hun­dert mit gros­ser Geschwin­dig­keit ent­lang der Sei­den­stras­se von Nord­afri­ka bis nach Ost­asi­en aus. Im Ein­fluss­be­reich des Chri­sten­tums ope­rier­te der Manichäis­mus mit christ­li­chem Voka­bu­lar und eta­blier­te sich bewusst auch inner­halb der bestehen­den christ­li­chen Gemein­schaf­ten. Dem­entspre­chend schwer war es, die­sen Kult als das aus­zu­ma­chen, was er letzt­end­lich war: eine frem­de Reli­gi­on im Gewand des Chri­sten­tums. Die Katho­li­sche Enzy­klo­pä­die beschreibt die Bemü­hun­gen der Manichä­er, in den Jah­ren 384 – 388 inner­halb der christ­li­chen Gemein­de in Rom Fuss zu fas­sen:

«In Rom schei­nen sie gröss­te Anstren­gun­gen getrof­fen zu haben, ihre wah­re Iden­ti­tät zu ver­ber­gen durch bei­na­he gänz­li­che Anpas­sung an die christ­li­chen Bräu­che.» Kath. Enzyplo­pe­die, eige­ne Über­set­zung

Wer sich mit dem Manichäis­mus aus­ein­an­der­setzt, wird unwei­ger­lich Par­al­le­len zu heu­ti­gen Strö­mun­gen inner­halb der Chri­sten­heit fin­den. So fin­den sich Par­al­le­len zum heu­ti­gen pro­gres­si­ven Chri­sten­tum. Ein Ver­gleich mit den Kon­zep­ten des viel­leicht ein­fluss­reich­sten Mei­nungs­ma­chers im pro­gres­si­ven Chri­sten­tum unse­rer Tage, Richard Rohr, zeigt eine Ver­wandt­schaft. So ver­tre­ten sowohl Mani als auch Rohr das Kon­zept eines ‹Uni­ver­sa­len Chri­stus›, der sich in Pro­phe­ten ver­schie­de­ner Reli­gio­nen mani­fe­stiert hat und in Lebe­we­sen, Pflan­zen und gar totem Gestein gegen­wär­tig ist.  Der nie­der­län­di­sche Phi­lo­soph Roland de Wiet, ein aus­ge­wie­se­ner Ken­ner des Manichäis­mus, sieht den Manichäis­mus auf­grund sei­ner syn­kre­ti­sti­schen Inte­gra­ti­on ver­schie­de­ner Reli­gio­nen als eine ‘Quel­le für die Zukunft des Chri­sten­tums’.

Wir fin­den aber nicht nur Par­al­le­len ins pro­gres­si­ve Feld des Chri­sten­tums, son­dern auch in gewis­se extre­me cha­ris­ma­ti­sche Strö­mun­gen oder Sek­ten wie dem Mor­mo­nis­mus. Die Par­al­le­le hier: dass Offen­ba­run­gen durch neue ‘Apo­stel’ höher­ge­wich­tet wer­den als die bestehen­de Offen­ba­rung in der Bibel. Wenn der Geist einem ‘Erleuch­te­ten’ ein neu­es Wort gibt und die­ses nicht in Über­ein­stim­mung mit der bestehen­den bibli­schen Offen­ba­rung von Gott steht, dann soll­te der im histo­ri­schen Glau­ben ver­an­ker­te Gläu­bi­ge sehr vor­sich­tig sein.

Den wohl gröss­ten Ein­fluss in der Ent­lar­vung des Manichäis­mus als fal­sches Chri­sten­tum hat der Kir­chen­va­ter Augu­stin gehabt. Die­ser ist selbst eini­ge Jah­re lang als ‘Hörer’ in einer manichäi­schen Gemein­schaft dabei gewe­sen. Die Teil­nah­me am Kult mag zusätz­li­che Attrak­ti­vi­tät gehabt haben, weil er sich dabei eine Kon­ku­bi­ne lei­sten konn­te, wäh­rend er ‘sei­nen Geist wei­te­te und per­fek­tio­nier­te’. Doch Augu­stin sieht zuneh­mend hin­ter die Fas­sa­de die­ser Reli­gi­on, bekommt von den ‘Erleuch­te­ten’ kei­ne zufrie­den­stel­len­den Ant­wor­ten auf sei­ne Fra­gen und wird nach sei­ner Zuwen­dung zum histo­ri­schen Chri­sten­tum 387 zum wich­tig­sten Kri­ti­ker der Manichä­er. In zahl­rei­chen Schrif­ten deckt er die Inkon­si­sten­zen der Leh­re auf. Zum Bei­spiel dekon­stru­iert er die Sexu­al­ethik der Manichä­er 388 in sei­ner Schrift «Über die Moral der Manichä­er»:

«In der Ehe, wie das Ehe­ge­setz sagt, kom­men Mann und Frau zusam­men zur Zeu­gung von Kin­dern. Wer immer die Zeu­gung von Kin­dern zur grös­se­ren Sün­de macht als den Geschlechts­ver­kehr, ver­bie­tet damit die Ehe und macht aus der Frau nicht eine Ehe­frau, son­dern eine Kon­ku­bi­ne, wel­che für eini­ge Geschen­ke mit dem Mann zusam­men­ge­bracht wird, zur Befrie­di­gung sei­ner Lei­den­schaf­ten.» Über die Moral der Manichä­er, eige­ne Über­set­zung

Der Ein­fluss des Manichäis­mus in Euro­pa wird in der zwei­ten Hälf­te des ersten Jahr­tau­sends wie­der schwin­den. Doch in der ersten Hälf­te des zwei­ten Jahr­tau­sends mel­det er sich zurück: Bewe­gun­gen des Mit­tel­al­ters wie die Bogo­mi­len (Balkan/Osteuropa) und Kart­ha­rer (Süd­frank­reich) las­sen die Kon­zep­te von Mani wie­der neu auf­le­ben.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

8. Jesus – Gott oder Mensch?

«Ihr aber, für wen hal­tet ihr mich?», fragt Jesus von Naza­reth eines Tages sei­ne Jün­ger. Petrus ant­wor­tet: «Du bist der Mes­si­as, der Sohn des leben­di­gen Got­tes.» (Mt 16:15 – 16).

Die Fra­ge nach der Per­son Jesu, nach sei­ner Her­kunft, sei­nem Wesen, sei­nem Ver­hält­nis zu Gott selbst, hat nicht erst die Autoren der gros­sen Kon­zi­le des vier­ten und fünf­ten Jahr­hun­derts umge­trie­ben. Sie stell­te sich schon den Zeit­ge­nos­sen von Jesus. Für die ersten Chri­sten war bald ein­mal klar: in Jesus waren sie Gott selbst begeg­net. Doch es gab vie­le Fra­gen zu klä­ren.

Paul von Samo­sa­ta und der von ihm inspi­rier­te Pho­tin mein­ten, Jesus sei sei­ner Natur nach ein ganz gewöhn­li­cher Mensch gewe­sen, der erst im Rah­men sei­ner Tau­fe von Gott zu sei­nem Sohn erhöht wur­de (vgl. Adop­tio­nais­mus, dyna­mi­scher Mon­ar­chis­mus). Ande­re wie­der­um mein­ten, die Auf­er­ste­hung Jesu sei der Moment der Erhö­hung Jesu zur Gött­lich­keit. Die gemein­sa­me Aus­sa­ge: Gott wur­de in Jesus nicht als Mensch gebo­ren, son­dern der Mensch Jesus wur­de zu Gott gemacht. Rufin schreibt über Paul von Samo­sa­ta und Pho­tin als von denen, «die da behaup­ten, Chri­stus sei nicht gebo­ren von Ewig­keit aus dem Vater, son­dern er habe aus Maria sei­nen Anfang genom­men: und er sei nicht Gott, der als Mensch gebo­ren wor­den, son­dern aus einem Men­schen sei er Gott gewor­den.»

In eine ähn­li­che Rich­tung gin­gen die Leh­ren von Ari­us und Euno­mi­us. Die­se mei­nen gemäss Rufin, «der Sohn Got­tes habe einen Anfang und sei gerin­ger als der Vater». Für Ari­us war Jesus weder ganz Gott, noch ganz Mensch, son­dern ein ‹ter­ti­um quid› — so etwas wie ein Hybrid zwi­schen Gott und Mensch.

Rufin spricht auch von Men­schen die behaup­ten, «der Sohn Got­tes sehe oder erken­ne den Vater nicht so, wie er selbst vom Vater erkannt oder gese­hen wird»

Man mag die­se Dis­kus­sio­nen rund um Stel­lung und Ursprung von Jesus als spritz­fin­dig erach­ten. Doch die Fol­gen sind poten­zi­ell sehr weit­rei­chend. Ist den Aus­sa­gen eines Jesus zu ver­trau­en, der erst irgend­wann im Lau­fe sei­nes Lebens gött­li­che Iden­ti­tät bekommt? Ist den Aus­sa­gen eines Jesus zu ver­trau­en, der kei­ne voll­stän­di­ge Erkennt­nis des Vaters hat? So wird Jesus schnell zum rein mensch­li­chen Vor­bild ohne gött­li­che Auto­ri­tät – ein ‘Kind sei­ner Zeit’ mit begrenz­ten Ein­sich­ten. Ein Bei­spiel, wie heu­te in gewis­sen Theo­lo­gen­krei­sen ein rein mensch­li­ches Bild von Jesus gezeich­net wird, fin­den wir beim Theo­lo­gen Ste­phan Jüt­te von der Refor­mier­ten Kir­che Zürich in einem Pod­cast. Auch Jesus sei vom Welt­bild sei­ner Zeit, ihrer Kos­mo­lo­gie und Theo­lo­gie geprägt gewe­sen. Des­halb könn­ten die Aus­sa­gen von Jesus — ange­spro­chen sind des­sen Aus­sa­gen über Höl­le und Gericht — nicht auto­ma­tisch für unse­re Zeit für rich­tig erklärt wer­den. Der Mensch habe seit­her dazu­ge­lernt. (ab Min 15:40).

Aber auch anders her­um: hat ein Jesus, der nie ganz Mensch war, wirk­lich gelit­ten am Kreuz? Ver­spür­te er die Schmer­zen die ein Mensch spürt? War sein Erlö­sungs­werk echt oder eher nur ein Schau­spiel, eine Insze­nie­rung Got­tes für den Men­schen? Hat sich das Lei­den Jesu — wie es Rufin als die Sicht der Manichä­er prä­sen­tiert — nur in ‹Schein­bil­dern› zuge­tra­gen? Dann hat kon­se­quen­ter­wei­se der Tod und die Auf­er­ste­hung des Men­schen Jesus gar nie wirk­lich statt­ge­fun­den. Dann schwin­det auch die Hoff­nung des Chri­sten bezüg­lich sei­ner eige­nen Auf­er­ste­hung.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

9. Eins, Zwei oder Drei

Die Fra­ge nach der Iden­ti­tät von Jesus führt uns schon mit­ten in die The­ma­tik der Drei­ei­nig­keit. Auch wenn wir den Begriff ‹Drei­ei­nig­keit› ver­ge­bens in der Bibel suchen, lässt sich die christ­li­che Leh­re von der Drei­ei­nig­keit Got­tes mit den bibli­schen Schrif­ten doch sehr schlüs­sig bele­gen. Die­se Leh­re unglaub­lich zen­tral, denn sie gibt letzt­end­lich die christ­li­che Ant­wort auf die Fra­ge, wer Gott ist. Des­halb, so Fred San­ders von der Bio­la Uni­ver­si­ty in einem Arti­kel, hät­ten Häre­si­en sehr oft in einer feh­ler­haf­ten Tri­ni­täts­leh­re ihren Ursprung:

«Ich den­ke der Grund, dass so vie­le Häre­si­en, die irgend­wo im christ­li­chen Den­ken auf­tau­chen, auf Pro­ble­me mit der Dok­trin der Tri­ni­tät zurück­ge­führt wer­den kön­nen, ist der, dass die Dok­trin der Tri­ni­tät die christ­li­che Ant­wort auf die Fra­ge ist: ‘Wer ist Gott? ’» Fred San­ders, eige­ne Über­set­zung

Vor allem im drit­ten und vier­ten Jahr­hun­dert nahm die christ­li­che Tri­ni­täts­leh­re unter inten­si­ven Dis­kus­sio­nen und in meh­re­ren gesamt­kirch­li­chen Kon­zi­len Gestalt an – und dies vor dem Hin­ter­grund ver­schie­de­ner Irr­leh­ren. Als ein­fa­ches Bei­spiel einer sol­chen Irr­leh­re kann der bereits bespro­che­ne Moda­lis­mus auf­ge­führt wer­den, wel­cher Vater, Sohn und Geist als ein­an­der zeit­lich fol­gen­de Mani­fe­sta­tio­nen des einen Got­tes sah. Die­se zeit­li­che Abfol­ge ver­un­mög­licht Gemein­schaft inner­halb der Drei­ei­nig­keit, ein Merk­mal, wel­ches ganz wesent­lich zum christ­li­chen Got­tes­bild gehört.

Rufin erwähnt in sei­nen Aus­füh­run­gen eine wei­te­re sol­che Ver­ir­rung, näm­lich die Ent­kop­pe­lung des Wir­kens des Hei­li­gen Gei­stes vom Wir­ken des Vaters und des Soh­nes: «Eine Sek­te der Gott­lo­sig­keit bil­den auch Die­je­ni­gen, wel­che zwar zuge­ben, dass der Sohn Got­tes von der Sub­stanz des Vaters sei, den hei­li­gen Geist davon aber tren­nen und aus­schlie­ßen: da doch der Hei­land im Evan­ge­li­um uns eine und die­sel­be Kraft und Gott­heit der Drei­ei­nig­keit zeigt, wenn er sagt: «Tauf­et alle Völ­ker im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Gei­stes.» Gott­los ist es offen­bar, wenn ein Mensch Das­je­ni­ge aus­ein­an­der­reißt, was gött­lich ver­bun­den ist.»

Auch hier spricht Rufin einen Trend an, den es auch heu­te gibt, näm­lich die Vor­stel­lung des Hei­li­gen Gei­stes als einer Art auto­no­mer ‘Ener­gie’. Unter Ener­gie ver­ste­hen wir etwas, was beein­flusst und gelenkt wer­den kann. Ener­gie kann der schlaue Mensch unter sei­ne Ver­fü­gung brin­gen und zu sei­nen Zie­len ver­wer­ten. Die Welt der Eso­te­rik ist voll von Men­schen, wel­che im Rah­men von weis­ser Magie ver­su­chen, ‹posi­ti­ve Ener­gie› anzu­zie­hen und kana­li­sie­ren. Doch der Hei­li­ge Geist wirkt als Teil der Drei­ei­nig­keit und in Ver­bin­dung mit Vater und Sohn – nicht als auto­no­me Kraft oder Ener­gie.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

10. Leiblich Auferstanden?

Über Rufins Apo­lo­ge­tik der leib­li­chen Auf­er­ste­hung habe ich im Arti­kel zum Apo­sto­li­kum schon aus­führ­lich geschrie­ben. Rufin ver­ur­teilt Leh­ren, wel­che besa­gen, «die Auf­er­ste­hung des Flei­sches wer­de sich nicht in der unver­sehr­ten Sub­stanz sei­ner Natur voll­zie­hen» und ver­ur­teilt Valen­ti­nus, denn die­ser «leug­net die Auf­er­ste­hung des Flei­sches über­haupt».

Die Leug­nung einer leib­li­chen Auf­er­ste­hung stand zu Zei­ten Rufins oft im Zusam­men­hang mit der in der Gno­stik ver­brei­te­ten Ver­ach­tung des Natür­li­chen. Die Fol­gen die­ser Ver­ach­tung des Natür­li­chen pen­del­ten in der geleb­ten Pra­xis zwi­schen streng­ster Aske­se (Lust­ne­gie­rung) und Hedo­nis­mus (Lust­ma­xi­mie­rung). Gemäss Euse­bi­us soll der bekann­te Theo­lo­ge Orige­nes sich selbst ent­mannt haben in sei­nem Stre­ben, ein rei­nes Leben ohne mensch­li­che Gelü­ste zu füh­ren. Wei­te­re Aske­ten sol­len sei­nem Bei­spiel gefolgt sein. Ande­re wie­der­um lei­te­ten aus ihrer Gering­schät­zung des Natür­li­chen die Berech­ti­gung ab, ihren Trie­ben mehr oder weni­ger zügel­los nach­zu­ge­hen. Die­se sahen irdi­sche Lei­den­schaf­ten wie Geschlechts­ver­kehr als in kei­nem Zusam­men­hang mit ihrem geist­li­chen Leben.

Hier zeigt sich der Kon­trast zum christ­li­chen Men­schen­bild. Die­ses sieht den Men­schen als im Bil­de Got­tes geschaf­fen und des­halb auch in sei­ner leib­li­chen Geschöpf­lich­keit als wert­voll. Die­ses betont den Men­schen als phy­sisch-see­li­sche Ein­heit. Der Kör­per ist dem christ­li­chen Men­schen­bild nach also gut und wert­voll. Auch des­halb ist die leib­li­che Auf­er­ste­hung wich­tig. Wer die­se negiert, sagt impli­zit: der Kör­per ist unwich­tig – der eige­ne, aber auch der des Näch­sten. Wer im Gegen­satz dazu die leib­li­che Auf­er­ste­hung bejaht, sagt ja zu einer ganz­heit­li­chen Erlö­sung des Men­schen. Der fin­det in die­ser Gewiss­heit auch die Moti­va­ti­on, den eige­nen Kör­per und den Kör­per des Näch­sten wert­voll zu schät­zen.

Wie wich­tig die gan­ze The­ma­tik der Leib­lich­keit ist, zeigt sich auch in aktu­el­len Dis­kus­sio­nen. Im Rah­men der Debat­te rund um Ehe für Alle in den Evan­ge­li­schen Kir­chen der Schweiz stell­te der Rat des SEK dar, dass Fra­gen rund um Sexua­li­tät und Ehe nichts mir dem christ­li­chen Bekennt­nis zu tun haben:

Im Zen­trum der Kir­che steht das Bekennt­nis zu Jesus Chri­stus. Die Fra­ge des Ehe­ver­ständ­nis­ses hat nach Ansicht des Rats kei­nen Bekennt­nis­cha­rak­ter. (Com­mu­ni­qué vom Rat des SEK)

Die­se Aus­sa­ge haben wir bereits in einem aus­führ­li­chen Arti­kel in Fra­ge gestellt — zurecht, fin­de ich. Denn auch das Apo­sto­li­sche Bekennt­nis bin­det mit sei­ner Bekräf­ti­gung der leib­li­chen Auf­er­ste­hung den Kör­per mit ein ins christ­li­che Bekennt­nis. Nicht nur Jesus ist leib­lich auf­er­stan­den, son­dern der Täuf­ling bekennt, dass sein eige­ner Leib auf­er­ste­hen wird. Im Bekennt­nis von Aqui­leia fin­den wir dies zuge­spitz, wenn der Täuf­ling sagt: «Ich glau­be an die Auf­er­ste­hung DIESES Flei­sches». Des­halb ist auch der Umgang mit unse­rem Kör­per Teil unse­res Bekennt­nis­ses als Chri­sten. Der Leib soll gemäss Rufin fol­gen­des sein: «frei bewahrt von der Sün­de», «ein Gefäß der Ehre» und «wohl­be­rei­tet dem Herrn zu jeg­li­chem guten Wer­ke». Der Christ bekennt nicht nur mit dem Mund, er bekennt auch mit dem Leib. Zu vie­le Men­schen prei­sen heu­te Chri­stus mit ihren Lip­pen, wäh­rend sie ihn im Umgang mit ihrem Kör­per ver­leug­nen.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

11. Ein Gott der zweiten Chance?

Wie gehen Chri­sten mit Ver­sa­gen und Feh­lern um? Auch die­se Fra­ge gab zu Zei­ten Rufins Anlass zu hit­zi­gen Dis­kus­sio­nen.

Die Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te stan­den bei­spiels­wei­se vor der Fra­ge, wie sie mit Men­schen umge­hen soll­ten, wel­che im Rah­men von Chri­sten­ver­fol­gun­gen ihren Glau­ben ver­leug­net oder Schrif­ten und Gegen­stän­de der christ­li­chen Gemein­de den Behör­den über­ge­ben hat­ten. Was soll­te mit die­sen Ver­rä­tern am Glau­ben gesche­hen? Soll­te ihnen eine Rück­kehr in die christ­li­che Gemein­schaft .ermög­licht wer­den? Die Fra­ge stell­te sich ins­be­son­de­re nach der Mai­län­der Ver­ein­ba­rung von 313 (‘Tole­ran­ze­dikt’), wel­che den Chri­sten nach vie­len Jah­ren der Benach­tei­li­gung und Ver­fol­gung die freie Glau­bens­aus­übung zuge­stand. Nun konn­te man Christ sein ohne Ver­fol­gungs­ge­fahr. Die Kir­che mach­te den Weg frei für eine Rück­kehr der ‘Ver­rä­ter’ ver­gan­ge­ner Jah­re. Doch Dona­tus wehrt sich gegen die­se Poli­tik und möch­te wei­ter­hin eine ‘beken­nen­de’ Kir­che der kon­se­quen­ten Nach­fol­ge. Die Dona­ti­sten waren eine Pro­test­be­we­gung gegen eine Ver­fla­chung der Kir­che.

Rufin spricht davon, dass Dona­tus «die Tra­di­ti­on der Kir­che fälsch­lich deu­te­te». Was Rufin damit gemeint hat ent­zieht sich mei­ner Kennt­nis. Viel­leicht war er der Ansicht, dass Dona­tus die Poli­tik der Kir­che wil­lent­lich ver­zerrt dar­stell­te? Ich für mich kann den Dona­ti­sten und ihrem Anlie­gen vie­les abge­win­nen. Doch auch wenn ich ent­schie­de­ne Nach­fol­ge als sehr erstre­bens­wert sehe — sie kann in einen Eli­ta­ris­mus mit aus­schlies­sen­der Wir­kung mün­den. Gott ist ein Gott der ersten und der zwei­ten Chan­cen. Wer zu ihm kommt, den stösst er nicht hin­aus (Mt 11:28 – 30, Joh 6:35 – 37). Er hat Gna­de bereit für den Ver­sa­ger, der ernst­haft bereut. Das beste Bei­spiel dafür: Petrus der Jesus vor sei­nem Tod drei­mal ver­leug­net hat!

Zur glei­chen The­ma­tik gehö­ren Rufins Vor­wür­fe gegen­über Novatus, der «den Gefal­le­nen die Bus­se ver­wei­ger­te und die zwei­te Ehe in Fäl­len, wo ein Bedürf­nis gera­de ihre Ein­ge­hung ver­lang­te». Auch Novatus ver­wirft die Rück­kehr von rück­fäl­li­gen Chri­sten in die Gemein­schaft der Kir­che und dehnt die­se Pra­xis auf alle aus, die eine ‘Tod­sün­de’ began­gen haben. Wie auch die Dona­ti­sten, waren die Nova­tia­ner in ihren theo­lo­gi­schen Posi­tio­nen ortho­dox, stan­den aber für eine rigi­de Gemein­de­zucht. Dies brach­te sie in den Kon­flikt mit einer Kir­che, wel­che gera­de im vier­ten Jahr­hun­dert immer mehr den Cha­rak­ter einer Volks­kir­che bekommt. Die zuneh­mend laxe Hand­ha­bung von Gemein­de­zucht auf der einen Sei­te, führ­te auf der ande­ren Sei­te mög­li­cher­wei­se zu einer Über­re­ak­ti­on mit über­trie­be­ner Här­te in Fra­gen der Moral und mit reli­giö­sem Per­fek­tio­nis­mus. Doch unse­re Per­fek­ti­on liegt in Chri­stus, nicht in per­fek­ten Wer­ken.

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

12. Zur Hölle mit dem Teufel

«To Hell with the Devil», singt eine mei­ner Lieb­lings-Musik­grup­pen in ihrem gröss­ten Hit. Damit äus­sern sie sich ganz im Sin­ne der christ­li­chen Tra­di­ti­on bezüg­lich der Zukunft des gros­sen Wider­sa­chers Got­tes. Auch bezüg­lich des Men­schen ist die histo­ri­sche Leh­re der Kir­che ein­deu­tig: es ist dem Men­schen bestimmt, «ein­mal zu ster­ben, danach aber das Gericht» (Heb 9,27).

Doch die Idee einer uni­ver­sel­len Ret­tung aller Krea­tur ist attrak­tiv. Bereits Orige­nes war der Idee des Uni­ver­sa­lis­mus nicht abge­neigt und mach­te sich zumin­dest auf einer intel­lek­tu­el­len Ebe­ne Gedan­ken dar­über. Heu­te ist der Uni­ver­sa­lis­mus in pro­gres­si­ven und libe­ra­len Krei­sen der Chri­sten­heit eine fast unan­ge­foch­te­ne Arbeits­grund­la­ge – mit weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen für deren Reli­gi­ons- und Mis­si­ons­ver­ständ­nis. Doch die Idee des Uni­ver­sa­lis­mus steht im Wider­spruch zum frei­en Wil­len des Men­schen und zur christ­li­chen Über­zeu­gung, dass Gott Lie­be nicht erzwingt.

Dass selbst der Teu­fel noch erlöst wird, das müss­te in letz­ter Kon­se­quenz die Hal­tung einer Per­son sein, wel­che sich dem Uni­ver­sa­lis­mus zuwen­det. Und schein­bar war die­se Hal­tung bereits zu Rufin’s Zeit eine zumin­dest dis­ku­tier­te Idee. Des­halb äus­sert sich Rufin klar und deut­lich gegen jene, die sagen, «es gebe kein gerech­tes Gericht Got­tes gegen Alle; der Teu­fel wer­de von der ver­schul­de­ten Ver­dam­mung erlöst». Damit bringt er auf den Punkt, dass beim Uni­ver­sa­lis­mus letzt­end­lich auch die Gerech­tig­keit auf der Strecke blei­ben muss.

Wäh­rend es in der Bibel durch­aus Tex­te gibt, wel­che in einem uni­ver­sa­li­sti­schen Sinn gedeu­tet wer­den könn­ten, führt eine Fall­stu­die zum gefal­le­nen Engel zu ein­deu­ti­gen Ergeb­nis­sen: Es gibt in der gan­zen Schrift kei­nen ein­zi­gen Hin­weis dar­auf, dass Satan oder irgend­wel­che gefal­le­ne Engel je geret­tet wür­den. Im Gegen­teil: die Schlan­ge erscheint ein erstes Mal am Anfang der Bibel in der Ver­su­chungs-Geschich­te und erscheint in der glei­chen Rol­le gegen den Schluss des letz­ten Buches der Bibel – der Offen­ba­rung. Auch ganz am Ende noch pro­vo­ziert die Schlan­ge die Mensch­heit zur Sün­de und wird schluss­end­lich in einen feu­ri­gen See gewor­fen (Off. 20:10).

In einem Inter­view zu sei­nem Magnum Opus ‘The Devil’s Redemp­ti­on: A New Histo­ry and Inter­pre­ta­ti­on of Chri­sti­an Uni­ver­sa­lism gibt Micha­el McCly­mond fol­gen­des Fazit bezüg­lich der histo­ri­schen Leh­re der Kir­che zum Uni­ver­sa­lis­mus:

«In sei­nen geschrie­be­nen Gebe­ten hat die histo­ri­sche Kir­che für vie­le ver­lo­re­ne und ver­las­se­ne Sün­der gebe­tet: Mör­der, Ver­ge­wal­ti­ger, Ent­füh­rer usw. Doch nie­mand wird in irgend­ei­ner Ära oder Lit­ur­gie ein Gebet zur Erret­tung Satans fin­den. Das ist ein klei­ner, aber über­zeu­gen­der Hin­weis dar­auf, um die gesamt­kirch­li­che Über­zeu­gung über die Jahr­hun­der­te hin­weg auf­zu­zei­gen, dass gewis­se von Gott geschaf­fe­ne intel­li­gen­te Wesen am Ende ver­lo­ren sein wer­den.» Micha­el McCly­mond, Eige­ne Über­set­zung

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

13. Persönliche Bilanz

Wer sich durch alle die Ideen und Gedan­ken durch­ge­ackert hat, wel­che Rufin in sei­nem Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum ver­ur­teilt, der mag kurz etwas erschla­gen sein. Trotz­dem haben wir mit die­sen Erläu­te­run­gen nur die Ober­flä­che ange­kratzt. Hin­ter jeder Irr­leh­re steht meist ein Leh­rer mit sei­ner per­sön­li­chen Bio­gra­fie. Hin­ter jeder Irr­leh­re steht meist auch eine Bewe­gung von Men­schen. Man­che fal­schen Leh­ren ent­stan­den unter dem Ein­fluss von ande­ren Reli­gio­nen und Phi­lo­so­phien. Gewis­se Bewe­gun­gen ent­stan­den auf dem Nähr­bo­den von kirch­li­chen Miss­stän­den.

Ver­schie­de­ne der Leh­ren und Bewe­gun­gen, wel­che Rufin in sei­nem Kom­men­tar ver­wirft, waren zeit­wei­se der­art ein­fluss­reich, dass sie zu einer ernst­haf­ten Kon­kur­renz für den histo­ri­schen Glau­ben der Chri­sten wur­den. Die Grün­der­fi­gu­ren die­ser Bewe­gun­gen müs­sen cha­ris­ma­ti­sche Per­sön­lich­kei­ten und intel­li­gen­te Den­ker gewe­sen sein. Anders gesagt: Intel­li­genz, Bil­dung und Cha­ris­ma schüt­zen nicht vor Irr­tum. Schon Augu­stin hat­te gemahnt:

«Glaubt nicht, Brü­der, dass Häre­si­en durch irgend­wel­che klei­nen See­len ent­ste­hen konn­ten. Nur gros­se Men­schen haben Häre­si­en gemacht» Augu­stin, Ener­ra­tio­nes in Psal­mos 124

Doch Irr­leh­ren waren immer auch im posi­ti­ven Sin­ne ein Kata­ly­sa­tor für Klä­rungs­pro­zes­se in der Kir­che. Denn kon­fron­tiert mit fal­schen Leh­ren muss­ten die Lei­ter der Kir­che noch tie­fer in den bibli­schen Schrif­ten for­schen, um Got­tes Wahr­heit zu ver­ste­hen und die­se zu beschrei­ben. Auf die­se Wei­se ent­stand die christ­li­che Leh­re von der Tri­ni­tät. Auf die­se Wei­se form­te sich auch das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis zu sei­ner end­gül­ti­gen Fas­sung.

Ent­schei­dend waren immer wie­der ein­zel­ne Per­so­nen, wel­che den Mut hat­ten, sich der Irr­leh­re durch ihr biblisch gegrün­de­tes Schrei­ben und Leh­ren ent­ge­gen­zu­stel­len. In Zei­ten der Ver­wir­rung und der fehl­ge­lei­te­ten Ideen erstrahlt die Wahr­heit und Schön­heit des Evan­ge­li­ums umso mehr. Doch es braucht dafür Men­schen die bereit sind, mit dem Licht der gött­li­chen Wahr­heit in die aktu­el­len mensch­li­chen Ideen und Kon­zep­te hin­ein­zu­leuch­ten. Wir soll­ten uns nicht dazu hin­reis­sen las­sen, mit den Instru­men­ten der Macht fal­schen Leh­ren ent­ge­gen­zu­wir­ken. Viel­mehr müs­sen wir die­sen mit einer ‹bet­ter Sto­ry› ent­ge­gen­wir­ken — einer ‹bes­se­ren Geschich­te›, wel­che wir leh­ren UND leben.

Wenn es um das Ent­decken von guter und gesun­der Leh­re geht, so geht es oft um das Ent­decken einer ‘drit­ten Opti­on’ zwi­schen zwei Irr­tü­mern. An eini­gen Bei­spie­len möch­te ich das kurz dar­stel­len.


Down­load PDF

Das Fazit zur gesam­ten Serie über Aqui­leia könn­te fol­gen­der­mas­sen lau­ten: Gott hat sein Reich im Umbruch der Zei­ten gebaut (Aqui­leia). Er hat sein Reich durch unvoll­kom­me­ne Bot­schaf­ter gebaut (Rufin). Er hat sein Reich durch das Bekennt­nis sei­ner Gemein­de gebaut (Apo­sto­li­sches Bekennt­nis). Nicht zuletzt hat er sein Reich trotz mensch­li­chen Irr­leh­ren gebaut.

Die­se Erkennt­nis, wel­che wir aus der vier­tei­li­gen Serie zie­hen kön­nen, bedeu­tet, dass auch wir heu­te Zuver­sicht haben kön­nen. Gott wird auch in den Umbrü­chen unse­rer Zeit sein Reich wei­ter bau­en. Er will dies durch unvoll­kom­me­ne Bot­schaf­ter wie dich und mich tun. Er tut dies durch sei­ne Gemein­de, wel­che auf dem Fun­da­ment der Apo­stel steht. Auch Ver­ir­run­gen und Lügen müs­sen sich letzt­lich in Got­tes Dienst stel­len, der sei­ne Gemein­de durch sei­nen Geist in alle Wahr­heit lei­tet (Joh 16:13).

Dar­stel­lung im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

Schluss­be­mer­kun­gen

Ich bin nicht Histo­ri­ker, son­dern schrei­be ledig­lich als histo­risch inter­es­sier­ter Laie. Jah­res­zah­len sind mit der nöti­gen Vor­sicht zu genies­sen. Bio­gra­fi­sche und geschicht­li­che Ereig­nis­se wer­den in der Lite­ra­tur zum Teil abwei­chend von­ein­an­der dar­ge­stellt. Hier noch eini­ge Recour­cen wel­che mir gehol­fen haben:

Kids hin­ter Git­tern — im Glocken­turm von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

7 Comments
  1. Peter Bruderer
    Peter Bruderer 3 Monaten ago
    Reply

    Hoi Dave

    Dan­ke für dei­ne Rück­mel­dung. Das sind jetzt rela­tiv vie­le Punk­te….

    Ich ver­su­che kurz auf eini­ge ein­zu­ge­hen.

    - Habe ich die bibli­schen und Kir­chen­ge­schicht­li­chen Autoren rich­tig ver­stan­den?
    Die­se Fra­ge habe ich mir auch gestellt. Kir­chen­ge­schich­te ist immer ein Stück­weit Inter­pre­ta­ti­ons­sa­che. Weil ich aber der Sache (in die­sem Fall der Stadt Aqui­leia und der Per­son Rufin) mög­lichst auf den Grund gehen woll­te, um ein mög­lichst stim­mi­ges und gründ­li­ches Gesamt­bild zu haben, sind die Arti­kel halt lan­ge gewor­den. Dass da nicht alle mit­ge­hen kön­nen bin ich mir bewusst. Es kom­men dann auch wie­der viel kür­ze­re Arti­kel und im Juli dann eine Som­mer­pau­se 😊. Es ist mir hier aber auch um mei­nen eige­nen Lern­pro­zess gegan­gen. Manch­mal geht man gezielt einer Sache nach. Manch­mal geht man ein­fach auf eine Rei­se in der Hoff­nung auf span­nen­de Ent­deckun­gen. So war es in die­sem Fall bei mir.

    - Gäbe es für all die vie­len Stun­den an Ana­ly­se und For­mu­lie­rung nicht in ande­rer Form gewinn­brin­gen­de­re Mög­lich­kei­ten?
    Du selbst bist auch seit Jah­ren kon­stant in auf­wen­di­gen und ver­mut­lich kost­spie­li­gen Wei­ter­bil­dun­gen. Ich fin­de: macht das nur, wenn du das als dei­nen Weg siehst. Was mich betrifft: Ich habe in den ver­gan­ge­nen zwei Mona­ten deut­lich mehr Zeit gehabt, weil mein Festi­val ins Was­ser gefal­len ist. Wäh­rend mei­ne eige­nen Nach­for­schun­gen eine auf­wen­di­ge Frei­zeit­be­schäf­ti­gung sind gibt es bei mei­nem Bru­der gros­sen Syn­er­gie­nut­zen in sei­ne Tätig­keit als Pastor einer grös­se­ren Gemein­de.

    -Wir leben in der Post-Coro­na Zeit:
    Die Fra­gen die du stellst, stel­le ich mir auch. In mei­nem erwei­ter­ten Bekann­ten­kreis hat jemand die Coro­na-Beding­te Kün­di­gung nicht ver­kraf­tet. Im Ver­mie­tungs­ge­schäft sind wir mit Geschäfts­auf­ga­ben und mehr kon­fron­tiert. Wie sich der Lock­down nun auf die Besu­cher­ent­wick­lung der Gemein­den aus­wir­ken wird bin ich selbst sehr gespannt. Ich bin aber sel­ber an etwas ande­ren Bau­stel­len dran als der klas­si­sche ‘Pfar­rer’. Was ich weiss ist, dass mein Bru­der wäh­rend dem Lock­down eine sehr hohe Reso­nanz auf den Live­stream sei­ner Gemein­de hat­te (bis zu 1000 Besu­cher pro Live­streams). Jetzt ist wie­der alles im Fluss und es gilt, sich einer ver­än­der­ten Zukunft zu stel­len. Wenn du kon­kre­te Ideen hast — nur zu.

    - Ver­tei­di­gung von Dog­men:
    Ja ich bin bereit gewis­se Dog­men zu ver­tei­di­gen, wo ich die­se als zen­tral emp­fin­de. Dies weil ich immer mehr ent­decke, wie sie nicht grund­los ent­stan­den sind und letzt­end­lich, wenn wir begin­nen sie zu erfas­sen und zu begrei­fen, eben in die von dir beschrie­be­ne Hoff­nung mün­den. In die­ser Hin­sicht war für mich gera­de das Stu­di­um des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses sehr hilf­reich. Ich habe da unglaub­lich viel gelernt und sehe, wie eng die Bekennt­nis­sät­ze der ersten Chri­sten zusam­men­spie­len mit der von ihnen geleb­ten DNA (über die wir eine län­ge­re Serie geschrie­ben haben). Hier neh­me ich wahr, dass gera­de die moder­nen Dekon­struk­tio­nen von Glau­bens­sät­zen eben nicht wirk­lich in Hoff­nung und Halt mün­den. Ich war auch erstaunt, was für eine grund­ne­ga­ti­ve Reak­ti­on gewis­se Leu­te auf die­se 12 ganz ein­fa­chen und grund­le­gen­den Sät­ze des christ­li­chen Bekennt­nis­ses haben. Das wäre jetzt inter­es­sant zu hören, was sie für dich bedeu­ten.

    Soweit mal fürs erste… muss ein Kind im Fuss­ball Trai­ning abho­len gehen…
    LG
    Peti

  2. Avatar
    Dave 3 Monaten ago
    Reply

    Lie­ber Peti,
    mit Stau­nen scrol­le ich mich durch dei­ne und Pauls Bei­trä­ge. Da steckt eine enor­me Recher­chen- und Quel­len­ar­beit dahin­ter und damit vie­le Stun­den an Arbeit. Cha­peau! Gleich­zei­tig bin ich bestürzt, viel­leicht fas­sungs­los. Trau­rig.
    Ich wer­de das Gefühl nicht los, das ihr euch in eine Rich­tung ver­rannt habt, aus der man nur schwer wie­der raus­kommt. Alle Bei­trä­ge, die ich lese, sind in Abgren­zung for­mu­liert (aus­ge­nom­men Gast­bei­trä­ge, die meist ein hoff­nungs­vol­les Bild von Kir­che zu zeich­nen ver­mö­gen). Aus Ein­zel­aus­sa­gen wer­den Kau­sal­zu­sam­men­hän­ge kon­stru­iert, die ledig­lich sub­jek­ti­ver Inter­pre­ta­ti­on unter­lie­gen (Bsp. Aqui­leia 3/4, Zitat Jüt­te und die Schluss­fol­ge­rung, dass für Jüt­te das Apo­sto­li­kum «belang­los» ist).

    Wes­halb stellt ihr wie­der­holt Kau­sal­zu­sam­men­hän­ge dar, die so der Inten­ti­on der jewei­li­gen Per­son nicht gerecht wer­den und zu fal­schen Schluss­fol­ge­run­gen füh­ren? Was mich zur Fol­ge­fra­ge führt, wes­halb ihr davon aus­geht, die bibli­schen und kir­chen­ge­schicht­li­chen Autoren in ihrer Inten­ti­on rich­tig ver­stan­den zu haben (im Gegen­satz zu sehr vie­len ande­ren Den­ke­rin­nen und Den­kern, lei­den­schaft­li­chen Nach­fol­ge­rIn­nen von Jesus Chri­stus), wenn es ganz offen­sicht­lich auch ohne den «gar­sti­gen Gra­ben der Geschich­te» kaum mög­lich ist, ohne sub­jek­ti­ves Wert­ur­teil auf­grund Prä­gung und Vor­an­nah­men das Gegen­über so wie­der­zu­ge­ben, dass es sich ver­stan­den fühlt?

    Ein ande­res Bei­spiel ist die Kri­tik an Richard Rohr, ins­be­son­de­re im Zusam­men­hang mit dem The­ma «Uni­ver­sa­ler Chri­stus». Ich weiss nicht, wie viel du selbst von Rohr wirk­lich gele­sen hast. Ich weiss auch nicht ob dir bewusst ist, dass die eng­li­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be den Titel trug: «Ano­t­her Name for Ever­ything: Why Christ is more than Jesus’ last Name». Ich habe das Buch gele­sen und Rohr ver­wen­det nicht ein­mal den Aus­druck «Uni­ver­sa­ler Chri­stus». Sei­ne Dar­le­gun­gen sind abso­lut nicht ver­gleich­bar mit z.B. Teil­hard de Char­din und sei­nem Ome­ga-Punkt. Rohr argu­men­tiert biblisch-theo­lo­gisch, sehr viel stär­ker sogar als im vor­an­ge­hen­den Buch «Der gött­li­che Tanz». Der eng­li­sche Ver­lag hat dann ent­schie­den, dass «Uni­ver­sal Christ» im Titel kon­tro­ver­ser ist und das Buch damit mehr Auf­merk­sam­keit gene­riert, was anschei­nend gelun­gen ist.
    Ganz ehr­lich: Je län­ger je mehr fra­ge ich mich, wo eigent­lich das Pro­blem liegt, das ihr aus­macht. Wovor wollt ihr wen beschüt­zen? Abge­se­hen davon: Wer liest und ver­steht sol­che umfas­sen­den Bei­trä­ge und kann dar­aus für sich bestimm­te Hand­lun­gen und Denk­wei­sen ablei­ten? Vor allem: Wie kann er /sie das, ohne sel­ber — und ver­mut­lich sehr viel weni­ger dif­fe­ren­ziert als Paul und du – einer Abgren­zungs­men­ta­li­tät zu ver­fal­len?

    Ich weiss, dass sowohl du wie auch Paul von einer gesell­schafts­re­le­van­ten Kir­che träu­men. Von einem Evan­ge­li­um, das einen Impact hat. Und ich fra­ge mich wei­ter: gäbe es für all die vie­len Stun­den an Ana­ly­se und For­mu­lie­rung nicht in ande­rer Form gewinn­brin­gen­de­re Mög­lich­kei­ten für euer Anlie­gen?

    Wie könn­tet ihr eure ana­ly­ti­schen und theo­lo­gi­schen Fähig­kei­ten so ein­set­zen, dass durch Beob­ach­tung des gesell­schaft­li­chen Kon­texts Mög­lich­kei­ten für eine gesell­schafts­re­le­van­te Kir­che mit rele­van­tem Evan­ge­li­um erfol­gen könn­ten, anstel­le einer bin­nen­ori­en­tier­ten Dis­kus­si­on, die dau­ernd Gren­zen zieht? Dabei habe ich nichts gegen durch­dach­te Apo­lo­ge­tik, bei der aber die Hoff­nung (!) im Vor­der­grund steht (1Petr 3,15) und die sich von der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen gegen aus­sen rich­tet (und zwar gem. 1Petr erst dann, wenn kon­kre­te Anfra­gen kom­men und nicht prä­ven­tiv).

    Wir leben in der Post-Coro­na Zeit. Unse­re Gesell­schaft wur­de mas­siv durch­ge­schüt­telt. Sui­zi­de neh­men zu. Davon ist nach­weis­lich jeder fünf­te auf Job-Ver­lust zurück­zu­füh­ren. Wir haben es in der Schweiz gut, was Arbeits­lo­sen­zah­len betrifft und sind nach wie vor auf tie­fem Level. Die Arbeits­lo­sig­keit ist «nur» um 1% ange­stie­gen durch Coro­na. Die Digi­ta­li­sie­rung wird gemäss vor­sich­ti­gen Schät­zun­gen (in den USA) bis zu 40% der Men­schen mit­tel- und lang­fri­stig ihren Job kosten. Was bedeu­ten sol­che Zah­len für Sui­zid­ra­ten? Ein­sam­keit in der Schwei­zer Bevöl­ke­rung wird vom Bund bereits jetzt als «Epi­de­mie» beschrie­ben, die mas­si­ve sozia­le und wirt­schaft­li­che Fol­gen mit sich bringt. Wir leben in einer VUCA-World, einer hoch­kom­ple­xen Umge­bung, die uns künf­tig alles abver­lan­gen wird, auch einen resi­li­en­ten Glau­ben. Was bedeu­tet das für unse­re Fröm­mig­keits­pra­xis und Theo­lo­gie?

    Erste Stu­di­en zei­gen bereits, dass rund 48% der Gemein­de­glie­der wäh­ren dem Lock-Down kei­nen ein­zi­gen Got­tes­dienst oder son­sti­ge Ver­an­stal­tung ihrer Kir­che ver­folgt haben und kei­nen Man­gel bekla­gen. Im Gegen­teil: man hat den frei­en Sonn­tag genos­sen, konn­te end­lich etwas run­ter­fah­ren am Wochen­en­de. Also fast die Hälf­te hat nichts ver­misst! Wei­te­re 23% haben sich Ver­an­stal­tun­gen aus­ge­sucht, die sie ange­spro­chen haben und das waren nicht die ihrer Hei­mat­ge­mein­de. Nur gera­de 17% blie­ben ihrer Gemein­de wäh­rend des Lock-Down treu. Was läuft denn da falsch, dass offen­sicht­lich vie­le froh sind, mal eine Pau­se von all den Ange­bo­ten, Akti­vi­tä­ten und immensem frei­wil­li­gen Enga­ge­ment zu haben? Man kann die­se Ent­wick­lung auf den Indi­vi­dua­lis­mus abschie­ben und ver­mut­lich hat es auch damit zu tun. Aber nicht nur. Eine kri­ti­sche Selbst­be­fra­gung der Kir­che ist m.E. drin­gend not­wen­dig.

    Das sind Fra­gen, die mich bewe­gen und die m.E. ange­gan­gen wer­den müs­sen von fähi­gen Lei­te­rIn­nen christ­li­cher Kir­chen. Anstatt hier und da (viel­leicht zu recht?) gewis­se Dog­men zu ver­tei­di­gen, wäre doch spä­te­stens jetzt die Zeit zu sagen: Wir sit­zen alle im sel­ben Boot. Schau­en wir gemein­sam, dass es wie­der Fahrt auf­nimmt.
    • Schau­en wir auf die Gesell­schaft: Wel­che The­men bewe­gen unser Land?
    • Schau­en wir auf das Evan­ge­li­um: Wel­che Hoff­nung spricht von dort in die Gesell­schaft?
    • Schau­en wir auf die Kir­che: Wie kann sie die­se Hoff­nung inmit­ten der beweg­ten Gesell­schaft leben?
    • Und: Schau­en wir auf theo­lo­gi­sche Bil­dung. Wie kann sie Lei­tungs­per­so­nen dafür sinn­voll aus­rü­sten?

    So, das war jetzt auch ein lan­ger Kom­men­tar und ich will ja nicht Was­ser pre­di­gen und Wein trin­ken. 😊 Ich kann nur sagen: Plea­se think about and stay calm, denn «wer ist es, der euch scha­den könn­te wenn, Paul und du dem Guten nach­ei­fert» (1Petr 3,12)?

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 3 Monaten ago
      Reply

      Hi Dave, schön von dir zu hören und dan­ke für dein Feed­back, wel­ches nicht nur die­sen Arti­kel betrifft, son­dern all­ge­mein unse­re Arti­kel. Anstatt auf die Punk­te ein­zu­ge­hen, die du ansprichst möch­te ich lie­ber eine Fra­ge stel­len: Wo liegt dei­ner Mei­nung nach das Pro­blem mit Abgren­zung? Was genau ist es, das dich dies­be­züg­lich trau­rig macht?
      Wenn du möch­test, gehe ich auch ger­ne auf dei­ne ande­ren Punk­te ein. Aber ich kom­me hier lie­ber mal mit die­ser Fra­ge. Mlg Paul

      • Avatar
        Dave 3 Monaten ago
        Reply

        Salü Paul, ich habe ver­sucht, im nicht gera­de kur­zen Kom­men­tar in Wor­te zu fas­sen, was mich trau­rig macht. Die Fra­ge erstaunt mich daher. Ich den­ke, wir haben auch schon per­sön­lich dar­über gespro­chen. Mehr kann ich dazu eigent­lich nicht sagen, es aber noch­mals in Kür­ze zusam­men­fas­sen:
        Bin­nen­ori­en­tier­te Dis­kus­si­on, ohne Rele­vanz gegen aus­sen
        Per­so­nen wer­den nicht ihrer Inten­ti­on ent­spre­chend dar­ge­stellt (fal­sche Kau­sal­zu­sam­men­hän­ge), dadurch:
        Gren­zen ver­tie­fen und Grä­ben zie­hen
        Fähig­kei­ten eurer­seits die m.E. sinn­stif­ten­der umge­lenkt wer­den könn­ten (Kon­text-Gemein­de-Text-Gemein­de-Kon­text statt: Gemein­de-Text-Text-Gemein­de)

        Da nun aber noch kei­ne mei­ner Fra­gen beant­wor­tet wur­de, stel­le ich die­se ger­ne eben­falls zusam­men­ge­fasst noch­mals:
        Was genau ist das Pro­blem, wor­auf reagiert ihr? Oder wie ein geschätz­ter Leh­rer von mir sag­te: Wer baut den Stau­damm wes­halb?
        Exak­te Kri­tik am aktu­el­len Buch von Richard Rohr?
        Wes­halb wer­den Zusam­men­hän­ge inter­pre­tiert, wo ich kei­ne sehe (Bsp. oben, Jüt­te)?
        Gruss, Dave.

        • Peter Bruderer
          Peter Bruderer 3 Monaten ago
          Reply

          Hoi Dave
          Ich hab dir zu eini­gen dei­ner Fra­gen schon gestern wei­ter oben geant­wor­tet.
          Also noch kurz zu den wei­te­ren von heu­te:

          Was genau ist das Pro­blem, wor­auf reagiert ihr?
           — Du weisst die Ant­wort, weil sowohl ich als auch Paul dir die­se schon im münd­li­chen Gespräch beant­wor­tet haben. Also noch­mals aus­for­mu­liert… Wir haben in den ver­gan­ge­nen Jah­ren fest­ge­stellt, wie im evan­ge­li­ka­len Umfeld Per­so­nen mit Ein­fluss (Jugend­pa­sto­ren, Gemein­de­bau­er, Leh­rer an theo­lo­gi­schen Aus­bil­dungs­städ­ten) mas­si­ve und rasche Ver­än­de­run­gen in ihren ethi­schen und theo­lo­gi­schen Posi­tio­nen voll­zo­gen haben: Weg von den histo­ri­schen Posi­tio­nen der Kir­che hin zu revi­sio­ni­sti­schen, zum Bei­spiel in Fra­gen der Sexua­li­tät oder Schrift­ve­ständ­nis. Du selbst hast ja so eine Rei­se hin­ter dir, aber auch wei­te­re Per­so­nen, wel­che durch ihre Lei­tungs­funk­tio­nen prä­gend die kom­men­den Genera­tio­nen im frei­kirch­li­chen Bereich beein­flus­sen. Du sel­ber prägst Men­schen an einer Aus­bil­dungs­städ­te, wel­che sich an der Glau­bens­ba­sis on Alli­anz und Lau­san­ner Bewe­gung ori­en­tiert. Umso erstaun­li­cher ist es, das du so gereizt auf unser Schrei­ben reagierst. Eigent­lich müss­test du uns den Rücken stär­ken, denn wir schrei­ben ganz in die­sem Sin­ne! Die Beob­ach­tung sol­cher Dis­kre­pan­zen lösen bei uns Fra­gen aus. Und des­halb haben wir ange­fan­gen zu for­schen, zu schrei­ben und unse­re Stim­me zu erhe­ben. Für mich ist das auch eine per­sön­li­che geist­li­che Rei­se. Ich bin da eini­ge Jah­re doch eher trä­ge unter­wegs gewe­sen. Das For­schen, Fra­gen und schrei­ben for­dert mich her­aus, zieht mir manch­mal auch den Boden unter den Füs­sen weg. Aber ich muss mich dem stel­len, und ich ent­decke die Schön­heit und inne­re Kon­si­stenz des Evan­ge­li­ums und des histo­ri­schen Glau­bens der Chri­sten auf einer ganz neu­en Ebe­ne.

          Exak­te Kri­tik am aktu­el­len Buch von Richard Rohr?
           — Mei­ne Kri­tik rich­tet sich nicht spe­zi­fisch gegen das Buch von Rohr son­dern ich sehe gewis­se Gemein­sam­kei­ten zwi­schen sei­nen Leh­ren und denen des Manichäis­mus. Damit ist kei­nes­wegs gesagt, dass die­se bei­den Deckungs­gleich sind. Da gibt es auch wesent­li­che Unter­schie­de. Aber auch kla­re gemein­sa­me Kon­zep­te. Ich will hier ein­fach mal zwei erwäh­nen:
          > Peren­nia­lis­mus + Syn­kre­ti­mus. Mani ging davon aus, dass das gött­li­che Licht sich in den ver­schie­de­nen Reli­gi­ons­grün­dern der Anti­ke offen­bart hat­te. Ins glei­che Horn bläst Rohr, der ja ein beken­nen­der Peren­nia­list ist. Zum Bei­spiel hier: “Jesus and the Bud­dha had both dis­co­ve­r­ed the same spi­ri­tu­al goal and desti­ny, or I would say the one Holy Spi­rit that is gui­ding all of histo­ry.” https://​cac​.org/​j​e​s​u​s​-​a​n​d​-​b​u​d​d​h​a​-​2​017 – 12-08/#gsc.tab=0
          Die Kon­se­quenz ist dann, dass auch die reli­giö­sen For­men ver­mischt und kom­bi­niert wer­den. Dies wider­spricht mei­nes Erach­tens der Leh­re von Jesus und der Apo­stel und führt den Men­schen weg vom Evan­ge­li­um.
          > Tren­nung von ‹Jesus› von ‹Chri­stus›. Bereits Irenae­us hat­te davor gewarnt, ‘Chri­stus’ von ‘Jesus’ zu tren­nen: “But the­re are some who say that Jesus was merely a recepta­cle of Christ…” https://​www​.newad​vent​.org/​f​a​t​h​e​r​s​/​0​1​0​3​3​1​6​.​htm Die­ses gno­sti­sche Kon­zept, wo der Mensch Jesus ledig­lich der Trä­ger des Gött­li­chen ist, fin­dest du auch in der Leh­re von Mani. Hier wird Jesus erst bei sei­ner Tau­fe zum Trä­ger des gött­li­chen Lich­tes. Die Manichä­er waren auch stren­ge Vege­ta­ri­er. Sie gin­gen davon aus, dass das gött­li­che Licht gefan­gen ist im natür­li­chen ‘Fin­ste­ren’. Ergo Vege­ta­ris­mus, um das Licht im Natür­li­chen mög­lichst nicht zu zer­stö­ren… Rohr auf sei­ner Sei­te wid­met sein Buch ‘Uni­ver­sal Christ’ sei­nem Hund Venus: “I can appro­pria­te­ly say that Venus was Christ for me”. Der Chri­stus von Rohr ist weni­ger eine Per­son al sein Pro­zess “The Christ Myste­ry is not a one-time event, but an ongo­ing pro­cess throughout time — as con­stant as the light that fills the uni­ver­se”. Und Jesus ist für ihn ledig­lich eine histo­ri­sche Mani­fe­sta­ti­on des Chri­stus, und nicht wirk­lich Gott: «Christ is God, and Jesus ist the Christ’s histo­ri­cal mani­fe­sta­ti­on in time». Dies degra­diert Jesus zum rei­nen Trä­ger des gött­li­chen. Zuge­spitzt aus­ge­dückt ist Jesus für Rohr nicht wesent­lich mehr als sein Hund Venus. Der Mensch bedarf für Rohr kei­ner Erlö­sung, son­dern nur der rich­ti­gen Erkennt­nis sei­ner inne­woh­nen­den Gött­lich­keit: «I have never been sepa­ra­te from God, nor can I be, exept in my mind». Das ist ziem­lich klas­si­sche Gno­sis. Rohr prä­sen­tiert mei­nes Erach­tens einen ande­ren Jesus, einen ande­ren Men­schen und eine ande­re Erlö­sung als die­je­ni­ge wel­che ich in der Bibel vor­fin­de und in den alt­kirch­li­chen Bekennt­nis­sen bezeugt fin­de.
          Für eine ein­ge­hen­de­re Rück­mel­dung müss­te ich mehr Zeit auf­wen­den, denn Rohr ist nicht der Fokus die­ses Arti­kels. Bis dahin lies doch mal den Text des aus­ge­wie­se­nen Rohr-Ken­ners Dr. Johan­nes Hartl: https://​daniel​op​ti​on​.ch/​g​l​a​u​b​e​/​a​b​s​c​h​i​e​d​-​v​o​n​-​e​i​n​e​m​-​l​e​h​r​er/

          Wes­halb wer­den Zusam­men­hän­ge inter­pre­tiert, wo ich kei­ne sehe (Bsp. oben, Jüt­te)?
           — Rufin spricht ja von Men­schen die behaup­ten, «der Sohn Got­tes sehe oder erken­ne den Vater nicht so, wie er selbst vom Vater erkannt oder gese­hen wird» oder «sei gerin­ger als der Vater». Genau das macht Jüt­te wenn er sagt, der Mensch habe seit der Zeit Jesu dazu­ge­lernt, die Theo­lo­gie von Jesus kön­ne man nicht auto­ma­tisch für rich­tig hal­ten. Dann degra­diert Jüt­te Jesus eben genau zu einer Per­son, wel­che den Durch­blick halt doch nicht so hat­te und dem die Erkennt­nis halt doch da und dort fehl­te. Er tut damit genau das was Rufin anpran­ger­te: Jesus die gött­li­che Erkennt­nis abspre­chen. Es tut mir leid, wenn du da kei­nen Zusam­men­hang siehst, aber ich sehe einen. Es ist mir wie dir wich­tig, mein For­schen für die Gegen­wart frucht­bar zu machen. Des­halb schaf­fe ich auch Bezü­ge in die Gegen­wart, wenn ich mich mal mit der Ver­gan­gen­heit beschäf­ti­ge.

          Soweit für Heu­te. Ich hof­fe das die­se Ant­wor­ten zur Klä­rung dei­ner Fra­gen bei­tra­gen. Hab mir jeden­falls mühe gege­ben 🙂
          Geniess den Abend und dei­ne Fami­lie.
          Peti

          • Avatar
            Dave 3 Monaten ago

            Lie­ber Peti,
            Dan­ke für die Zeit die du dir noch­mals genom­men hast zur Beant­wor­tung mei­ner Fra­gen. Ich habe auch gemerkt, was mich u.a. stört an man­chen eurer Bei­trä­ge. Du schreibst, ich wür­de «gereizt» reagie­ren. Das ist eine per­sön­li­che Inter­pre­ta­ti­on von dir und du hebst damit von der Sache auf die Per­son ab. Genau das mei­ne ich, wenn Jüt­te unter­stellt wird, dass für ihn ein Bekennt­nis «belang­los» ist, weil er ande­re Ansich­ten dazu ver­tritt. Nun bin ich bei wei­tem nicht immer einig mit Jütte’s theo­lo­gi­schen Posi­tio­nen. Trotz­dem wür­de ich mir nicht anmas­sen zu sagen, dass ihm des­we­gen dies oder das egal ist. Das ist eine Ver­schie­bung der Ebe­ne in einer Dis­kus­si­on, die ich nicht gut­heis­se und es wür­de mir leid tun, wenn ich dir das Gefühl gäbe, dei­ne Per­son zu kri­ti­sie­ren.
            Die Posi­ti­on von Hartl zu Rohr ken­ne ich. Sie ver­mag mich nicht zu über­zeu­gen. Die Doku­men­te von Lau­sanne ken­ne ich eben­falls. Wie du sicher weisst habe ich mich für eine umfang­rei­che For­schungs­ar­beit wäh­rend rund 1,5 Jah­ren mit den Doku­men­ten von Lau­sanne 74 bis heu­te inten­siv aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven aus­ein­an­der­ge­setzt. Ich stel­le mich voll und ganz hin­ter Lau­sanne III, Cape Town Com­mit­ment. Dazu kann ich also nicht mehr sagen. Wenn es dich inter­es­siert, du fin­dest mei­ne Arbeit hier: https://​bit​.ly/​3​f​q​Z​Uwy
            Letzt­lich müs­sen wir uns wohl alle drei ein­ge­ste­hen, dass wir uns momen­tan weder in Anlie­gen noch Begrün­dung ver­ste­hen. Ich habe aber die escha­to­lo­gi­sche Hoff­nung, dass wir der­einst dar­über schmun­zeln wer­den. Über unse­re eige­nen Posi­tio­nen, die der ande­ren und über alle mög­li­chen Spe­ku­la­tio­nen. Im Sin­ne die­ser escha­to­lo­gi­schen Hof­fung: Lie­be Grüs­se und Segen.

        • Peter Bruderer
          Peter Bruderer 3 Monaten ago
          Reply

          Dave.

          Wir haben vor 3 Mona­ten dar­über geschrie­ben, was für eine Streit­kul­tur wir uns wün­schen und wes­halb wir es als bes­ser erach­ten mit kla­ren und über­prüf­ba­ren Zita­ten zu arbei­ten. In der Wis­sen­schaft gehört offe­nes Refe­ren­zie­ren von Quel­len zum Ein­mal­eins des guten Arbei­tens. Das Ver­lin­ken von Quel­len und das kor­rek­te Zitie­ren von kon­kre­ten Aus­sa­gen ermög­li­chen es dem Leser, die­se selbst zu über­prü­fen und sich ein Bild zu machen, ob eine Quel­le gut dar­ge­stellt wur­de. Sie geben bei Kri­tik dem kri­ti­sier­ten die Mög­lich­keit, zu reagie­ren. Natür­lich muss es auch hier fair blei­ben. Wir erle­ben lei­der von vie­len, wie sie mit wagen und unspe­zi­fi­schen Aus­sa­gen dif­fu­se Feind­bil­der auf­bau­en, wel­che gan­ze Per­so­nen­grup­pen in Gei­sel­haft neh­men, ohne dass die­se sich dage­gen weh­ren könn­ten. Das erach­te ich als wesent­lich pro­ble­ma­ti­scher. Du hast Ste­fan Jüt­te ange­spro­chen. Ste­fan teilt sel­ber ganz ordent­lich aus, ich ste­he seit rund einem Jahr in gutem Kon­takt mit ihm und er hat bestimmt kein Pro­blem damit, wenn ich mich zu Aus­sa­gen von ihm äus­se­re. Hier noch der Arti­kel zur Streit­kul­tur: https://​daniel​op​ti​on​.ch/​g​l​a​u​b​e​/​e​i​n​h​e​i​t​/​s​t​r​e​i​t​k​u​l​t​u​r​-​w​a​h​r​h​e​i​t​s​l​i​e​be/
          Lau­sanne: Schön kannst du dich hin­ter Lau­sanne III stel­len. Löst bei mir aber eini­ges an Fra­gen aus, wenn ich gewis­se Publi­ka­tio­nen von dir mit den State­ments von Lau­sanne III ver­glei­che – oder von Lau­sanne I. Nimm zum Bei­spiel das Schrift­ver­ständ­nis… Jeden­falls sind ja sol­che Bekennt­nis­se gera­de des­halb hilf­reich, weil sie klä­rend wir­ken und Gesprä­che auch struk­tu­rie­ren kön­nen. Des­halb fin­de ich die früh­kirch­li­chen Bekennt­nis­se auch so rele­vant. Des­halb hab ich auch mit viel Gewinn über das Apo­sto­li­kum geforscht. Viel­leicht fin­den wir ja mal Zeit, uns gemein­sam durch­zu­ackern, zum Bei­spiel durch die Glau­bens­grund­la­ge der SEA. Da fin­de ich dann her­aus, wie du es mit dem «stell­ver­tre­ten­den Opfer des mensch­ge­wor­de­nen Got­tes­soh­nes als ein­zi­ge und all­ge­nüg­sa­me Grund­la­ge der Erlö­sung» hast oder mit der «Recht­fer­ti­gung des Sün­ders allein durch die Gna­de Got­tes auf­grund des Glau­bens an Chri­stus». Sol­che Aus­sa­gen sind eben auch abgren­zend, und nicht nur ein­gren­zend. Im Ernst — ein sol­ches Gespräch könn­te echt klä­rend sein.

          Hebs guet. Viel­leicht wie­der mal in Die­sen­ho­fen. Hab da grad ganz vie­le Bau­stel­len…
          Peti

Leave a Comment

Your email address will not be published.

You may like

In the news