Abschied von einem Lehrer

Johannes Hartl
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Als ich das erste Mal ein Buch von Richard Rohr las, eröff­ne­te sich eine neue Welt für mich. Aus die­sem Grund schrei­be ich die­se Zei­len mit einem betrüb­ten Her­zen. Viel­leicht täu­sche ich mich ja, natür­lich ist die­se Ein­schät­zung sub­jek­tiv und am Schluss muss jeder selbst ent­schei­den.

Ich kann jeden gut ver­ste­hen, der von Rohr fas­zi­niert ist, die­sem unge­wöhn­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Fran­zis­ka­ner­pa­ter. Jah­re­lang hab ich ihn geliebt. Die­se Ver­bin­dung von Bibel, Mystik und Psy­cho­lo­gie hat­te ich vor­her noch nie irgend­wo gese­hen. Das war in den 90ern und damals war Hier­zu­lan­de in erster Linie sein Buch „Der wil­de Mann“ bekannt und spä­ter jenes über das Enne­agramm. Heu­te ist Rohr welt­be­rühmt, wur­de von Oprah Win­frey inter­viewt und Bono von U2 ist ein erklär­ter Fan. Als 20-Jäh­ri­ger hat­te ich alle Bücher von Rohr, die es auf dem deut­schen Markt gab, min­de­stens ein­mal gele­sen. Ich erach­te­te ihn als mei­nen wich­tig­sten Leh­rer. Heu­te bin ich trau­rig über sei­nen Weg…

Richard Rohr ist geni­al. Sein Schreib­stil ist packend und sei­ne Her­an­ge­hens­wei­se an christ­li­che Lehr­aus­sa­gen sehr inno­va­tiv. In einem Satz klingt er abso­lut eso­te­risch, der näch­ste Satz wie­der klingt super-kon­ser­va­tiv wie aus dem Kate­chis­mus. Er lässt sich nicht leicht in eine Box sper­ren. Ihn umweht etwas Monu­men­ta­les. Und die Wei­te sei­ner Gedan­ken ist etwas, das ich bei vie­len christ­li­chen Den­kern ver­mis­se. Wie wun­der­bar wäre es gewe­sen, hät­te sein Denk­weg nicht jene Wen­dung gemacht… 

Mein Abschied von ihm als Leh­rer begann im Jahr 2000. Damals war sein Buch „Ever­ything belongs. The gift of con­tem­pla­ti­ve pray­er“ erschie­nen. Es traf mich zutiefst. Hier fand mei­ne eige­ne Lie­be für das kon­tem­pla­ti­ve Gebet tie­fen Wie­der­hall. Noch immer fin­de ich eini­ge Pas­sa­gen des Buches abso­lut groß­ar­tig. Ein biss­chen schlucken muss­te ich bei einem Art Nach­wort, in dem Rohr sei­ne „kon­tem­pla­ti­ve“ Sicht auf das Kreuz Chri­sti ent­warf. Für mich klang das ein biss­chen sehr nach All­ver­söh­nung und Rela­ti­vis­mus, aber OK. In den Jah­ren danach ver­folg­te ich Rohrs wei­te­ren Weg und wur­de immer irri­tier­ter. Über „Hoff­nung und Acht­sam­keit“, „Pure Prä­senz“ bis hin zu sei­nen neue­sten Büchern über die Drei­fal­tig­keit und den kos­mi­schen Chri­stus befrem­de­te mich sei­ne theo­lo­gi­sche Ent­wick­lung immer mehr.  


Richard Rohr 2013, Bild:
Festi­val of Faiths

Ich fas­se den ent­schei­den­den Punkt vor­weg gleich zusam­men. Beim Chri­sten­tum geht es um die Lie­be. Um die Begeg­nung mit dem mensch­ge­wor­de­nen Gott, die alles ver­än­dert. Es ist eine Bezie­hung, kein spi­ri­tu­el­ler Pfad. Alles dreht sich um den, mit dem wir die­se Bezie­hung haben: Jesus. Bei Richard Rohr scheint mir Jesus selbst zum Sym­bol für eine kos­mi­sche Trans­for­ma­ti­on zu wer­den, in der wir selbst und über­haupt alles gött­lich wird. 

Die Herz­mit­te der christ­li­chen Bot­schaft ist die Erlö­sung durch Kreuz und Auf­er­ste­hung Jesu. An die­sem Kern­punkt hängt die gan­ze Theo­lo­gie. In „Ever­ything belongs“ und noch aus­führ­li­cher in „Ins Herz geschrie­ben“ ent­fal­tet Rohr sei­ne Sicht auf das Kreuz. 

In einem Satz: Jesus starb, um unse­re Ein­stel­lung zu ändern. „Auf Kal­va­ria wur­de für uns nichts „geän­dert“, aber alles offen­bart, so dass wir uns ändern kön­nen.“ (283). Um Erkennt­nis geht es also nur. Mit Opfer­vor­stel­lung hat das Kreuz nichts zu tun, Gott hät­te ohne Wei­te­res auch ein­fach so ver­ge­ben kön­nen (285). Das, was mit Jesus am Kreuz geschah, sym­bo­li­siert den Tod unse­res fal­schen Selbst (271) durch Kon­fron­ta­ti­on mit dem Schmerz. „Heu­te wür­den wir das viel­leicht als „Trau­er­ar­beit“ bezeich­nen“ (273). „Jesus ist das „Holo­gramm“ für alles, was sich in einem holo­gra­phi­schen, bestän­di­gen und sich selbst wie­der­ho­len­den Uni­ver­sum ereig­net“ (281). 

Moment Mal, Jesus also als Sym­bol? Ich den­ke, hier sind wir tat­säch­lich am sprin­gen­den Punkt ange­kom­men. „Gott ist kein Sym­bol für das Gute, das Gute ist ein Sym­bol für Gott“, hat GK Che­ster­ton mal geschrie­ben. Bei Rohr dage­gen wird alles zum Sym­bol. Der Punkt scheint mir wesent­lich. Sym­bol aber für was? 


Richard Rohr 2013, Bild:
Festi­val of Faiths

Im Herz von Rohrs Spi­ri­tua­li­tät steht die Ver­wand­lung. Ver­wand­lung durch Inte­gra­ti­on des Schat­tens, Tod des fal­schen Ichs, Erkennt­nis, dass alles eins ist. Jesus war der erste non-dua­le Leh­rer des Westens. Die­se Gedan­ken sind so alt, dass es gar nicht so ein­fach ist, zu loka­li­sie­ren, wo sie als erstes auf­tra­ten. Die Vor­stel­lung, dass Licht und Schat­ten in einem Span­nungs­ver­hält­nis ste­hen und nach einer Auf­lö­sung auf einer höhe­ren Erkennt­nis­ebe­ne stre­ben, ist gno­stisch. Der Gedan­ke vom fal­schen Selbst und der Allein­heit fin­det sich zum Bei­spiel im Hin­du­is­mus. Die Vor­stel­lung vom spi­ri­tu­el­len Weg als Weg des Leer­wer­dens wie­der­um gibt es im Bud­dhis­mus, beson­ders im Zen. Natür­lich stimmt vie­les an dem auch zum Teil. Grund­sätz­lich ist es auch kein Pro­blem, wenn Chri­sten Anklän­ge der Wahr­heit auch in nicht­christ­li­chen Tra­di­tio­nen erken­nen. Sie lesen die­se „Samen­kör­ner der Wahr­heit“ (vgl. die „logoi sper­ma­ti­koi“ bei Justin dem Apo­lo­ge­ten) als Hin­wei­se auf die Fül­le in Chri­stus. Bei Rohr läuft es exakt anders her­um. Jesus wird als Sym­bol gele­sen für etwas noch Grö­ße­res, in dem alle Reli­gio­nen unter­schieds­los eins wer­den, auch wenn nur die Mysti­ker die­se Ein­heit sehen. Die Per­son Jesu löst sich auf. Rohr tut dies, indem er den kos­mi­schen Chri­stus vom irdi­schen Jesus trennt. Dies beson­ders in sei­nem 2019 erschie­ne­nen Buch „The uni­ver­sal Christ“. Hier liest man: “Christ was clear­ly not just Jesus of Naza­reth, but some­thing much more immense” (3). Wie ver­trägt die­se Sicht sich mit dem Phil­ip­per­hym­nus, wie mit dem Johan­ne­spro­log, wie mit dem Koloss­erbrief? Wird doch über­all dort die Ein­heit des gött­li­chen Chri­stus mit dem Men­schen Jesus betont? Tat­säch­lich bedeu­tet selbst das Wort „Chri­stus“ bei Rohr nichts mehr, was exklu­siv mit Jesus von Naza­reth zu tun hät­te: “What the Christ means is the con­flu­ence of divini­ty and phy­si­ca­li­ty, spi­rit and mat­ter. When the mate­ri­al and spi­ri­tu­al worlds coexist, we have Christ.” (2009, NCR Online)

Wo die spi­ri­tu­el­le und mate­ri­el­le Welt zusam­men­flie­ßen, dort ist Chri­stus. Des­halb ist die Inkar­na­ti­on Jesu, von Chri­sten als Zen­trum der Geschich­te bekannt, auch kein zeit­lich fixier­tes Ereig­nis: „The Christ Myste­ry is not a one-time event, but an ongo­ing pro­cess throughout time“ (14). Das Buch wid­met Richard Rohr sei­ner ver­stor­be­nen Hün­din Venus, die eben­falls „Chri­stus für ihn“ war. In sei­nem Buch über die Drei­fal­tig­keit „The Divi­ne Dance“ wird dar­aus fol­ge­rich­tig: die gan­ze Schöp­fung ist gött­lich. „Some mystics who were on real jour­neys of pray­er took this mes­sa­ge to its con­si­stent con­clu­si­on: crea­ti­on is thus “the fourth per­son of the Bles­sed Tri­ni­ty”! Once more, the divi­ne dance isn’t a clo­sed cir­cle — we’re all invi­ted!Die Schöp­fung ist die vier­te Per­son der Drei­fal­tig­keit… 

Was genau hat das noch mit der Bot­schaft der bibli­schen Schrif­ten zu tun oder dem, was man übli­cher­wei­se „Chri­sten­tum“ nann­te? Die­se Auf­fas­sung wäre tref­fen­der mit dem Begriff des Panenthe­is­mus über­schrie­ben. Alles ist gött­lich. 


Richard Rohr 2013, Bild: Festi­val of Faiths

Wor­in genau besteht der Unter­schied zur christ­li­chen Leh­re? Im Chri­sten­tum geht es um die Begeg­nung mit einer rea­len Per­son. Die­se Per­son ist Jesus Chri­stus, wah­rer Mensch und wah­rer Gott. Er ist die Mit­te, auf die alles hin­läuft. Der Weg, die Wahr­heit und das Leben. An ihm schei­det und ent­schei­det sich alles. Weil er Rich­ter ist, ist er auch der Ret­ter. Wer ihm glaubt, ist geret­tet.

In den öst­li­chen Reli­gio­nen geht es um etwas Ande­res. Es geht um Ver­wand­lung durch Erkennt­nis. Bei Jesus geschieht Ver­wand­lung durch sei­ne Lie­be. „Der Mensch wird am Du zum ich“, hat Mar­tin Buber gesagt. Die Erlö­sung geschieht durch rea­le, am Kreuz gewirk­te Ver­söh­nung mit Gott. Es geht um per­so­na­le Bezie­hung. In Bud­dhis­mus und Hin­du­is­mus geht es um Über­win­dung des Ich. Die Ein­zel­per­son ist eine Täu­schung. Das Ziel ist das Nir­wa­na, nicht die lie­be­vol­le Bezie­hung. Die Fein­des­lie­be Jesu ent­springt der frei­en Ver­ge­bung unse­rer Sün­den am Kreuz. Sie unter­schei­det sich von der Gewalt­lo­sig­keit Bud­dhas, die dem Grund­ge­dan­ken ent­stammt, dass auch das Lei­den nur Pro­dukt von Illu­si­on ist (sie­he etwa hier). Ins­ge­samt ist Rohrs Sicht auf Spi­ri­tua­li­tät und Erlö­sung die gno­stisch-öst­li­che Erlö­sung durch Erkennt­nis, in gro­ßer Nähe zur Idee der „Inte­gra­ti­on des Schat­tens“, wie etwa bei CG Jung. Mit der klas­sisch christ­li­chen Sote­rio­lo­gie hat all das nicht mehr so viel zu tun. 

Ent­spre­chend gering sind Rohrs Berüh­rungs­äng­ste mit der hin­du­isti­schen Pra­xis selbst. So emp­fiehlt er das Sin­gen des Om-Man­tras. Und in die­sem Video kann man es sogar live in dem von ihm gegrün­de­ten „Cen­ter for Action and Con­tem­pla­ti­on“ erle­ben.

Rohrs spi­ri­tu­el­les System ähnelt an vie­len Stel­len der Theo­rie des eso­te­ri­schen Vor­den­kers Ken Wil­ber (den er auch häu­fig zitiert). Sie ver­bin­det eine Sicht spi­ri­tu­el­ler Ent­wick­lung, die der bio­lo­gi­schen Evo­lu­ti­on ähnelt („spi­ral dyna­mics“), auch das Buch „Gott 9.0“ von Wer­ner Tiki Küsten­ma­cher ist stark von die­ser Theo­rie geprägt. Über Ken Wil­bers Gedan­ken­mo­dell sind Eck­art Tol­le, Oprah Win­frey und ziem­lich vie­le ande­re Vor­läu­fer der moder­nen Mix-Spi­ri­tua­li­tät fuß­läu­fig erreich­bar. 

Viel­leicht klingt all das jetzt viel stren­ger, als ich es mei­ne. Wür­de ich sagen, dass man Richard Rohr nicht auch mit Gewinn lesen kann? Das wür­de ich kei­nes­falls. Ich bin gro­ßer Fan davon, Bücher zu lesen, die der eige­nen Welt­sicht wider­spre­chen. Man fin­det über­all auch wah­re Aus­sa­gen! Wer mei­nen eige­nen Denk­weg ein biss­chen kennt, weiß, dass ich mich durch­aus ein wenig mit dem Bud­dhis­mus befasst habe, noch mehr mit dem Juden­tum und am mei­sten mit der Phi­lo­so­phie. Ich fand auch Ken Wil­ber und Eck­art Tol­le ganz span­nend, natür­lich auch Fried­rich Nietz­sche, und sogar bei Richard Daw­kins fin­det man mit­un­ter einen sinn­vol­len Gedan­ken. Wenn ein Autor, noch dazu ein christ­li­cher Theo­lo­ge, jedoch behaup­tet, den Sinn und die Mit­te der christ­li­chen Leh­re zu beschrei­ben, dann darf man fra­gen, ob man ihm in die­sem Anspruch ver­trau­en kann, oder nicht. 


Richard Rohr 2013, Bild: Festi­val of Faiths

Bevor ich wei­ter­schrei­be, eine Ent­geg­nung auf zwei mög­li­che Ein­wän­de. 

  1. Johan­nes, geht es Dir erklär­ter­ma­ßen nicht um Ein­heit? Wes­halb schreibst Du jetzt einen kri­ti­schen Arti­kel über jeman­den, der vie­len Men­schen auf dem Weg mit Jesus gehol­fen hat? Hast Du nicht an ande­rer Stel­le gegen sol­che Haar­spal­te­rei­en Dich aus­ge­spro­chen? 
  2. Sieht es nicht der eine so und der ande­re so? Wie kann sich jemand anma­ßen, die Theo­lo­gie eines ande­ren zu kri­ti­sie­ren?   

Kur­ze Erwi­de­rung: es geht mir tat­säch­lich um die Ein­heit jener, die an Jesus glau­ben. Eine Ein­heit, die sich dann in Lie­be und Annah­me auch auf jene erstreckt, die nicht oder anders glau­ben. Doch natür­lich muss christ­li­che Ein­heit sich um etwas her­um ver­sam­meln, was sie eint. Die klas­sisch christ­li­che Leh­re, wie sie etwa in den evan­ge­li­schen Bekennt­nis­schrif­ten und im katho­li­schen Kate­chis­mus ver­sam­melt sind, bie­ten mei­nes Erach­tens genug Gemein­sam­kei­ten, um vie­les mit­ein­an­der zu tun. Ich per­sön­lich füh­le mich auch nicht beru­fen, die kon­fes­si­ons­tren­nen­den Fra­gen zu dis­ku­tie­ren. Also zum Bei­spiel die Fra­ge nach dem Ämter­ver­ständ­nis. Davon völ­lig ver­schie­den sind die zen­tra­len Glau­bens­aus­sa­gen, die alle Chri­sten ver­bin­den. Sie grün­den sich alle auf die alt­kirch­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis­se. Ich glau­be, dass Richard Rohrs Theo­lo­gie die zen­tra­len Aus­sa­gen der christ­li­chen Got­tes­leh­re und der Chri­sto­lo­gie hin­ter sich gelas­sen hat. Des­halb han­delt es sich hier auch nicht um das Haar in der Sup­pe, son­dern eher um die gan­ze Mahl­zeit, von der die Sup­pe nur die Vor­spei­se ist. Alle früh­kirch­li­chen Kon­zi­li­en han­del­ten von der Chri­sto­lo­gie. Denn mit der Leh­re über Jesus Chri­stus ent­schei­det sich alles wei­te­re. Und nein, dar­um zu rin­gen, ist nicht Arro­ganz oder Bes­ser­wis­se­rei, son­dern wir wer­den im NT expli­zit dazu auf­ge­for­dert (vgl. 2 Joh 4 – 7; Kol 2:8f; 2 Tim 4:2 etc.). Und selbst­ver­ständ­lich darf jeder auch das, was ich öffent­lich sage oder schrei­be, nach genau dem glei­chen Kri­te­ri­um kri­ti­sie­ren und sich eine eige­ne Mei­nung bil­den.  

Und wie nun kann man Theo­lo­gie kri­ti­sie­ren? Ich nen­ne eines (und wie ich fin­de: das wich­tig­ste) Kri­te­ri­um: christ­li­che Theo­lo­gie muss dem Gesamt­zeug­nis der Hei­li­gen Schrift gerecht wer­den. Nach­dem das hier kein aka­de­mi­scher Arti­kel ist und ich ihn für Ange­hö­ri­ge unter­schied­li­cher Kon­fes­sio­nen ver­ständ­lich schrei­ben möch­te, belas­se ich es bei die­ser einen Fra­ge. Inwie­fern ent­spricht das, was Richard Rohr schreibt, dem, was die bibli­schen Tex­te her­ge­ben. Und mir scheint sei­ne Leh­re von Gott, Jesus, Schöp­fung, Erlö­sung, Gna­de, Sün­de und Hei­li­gung nicht kom­pa­ti­bel mit dem Gesamt­zeug­nis die­ser Tex­te.  

Ist die Chri­sto­lo­gie erst ein­mal schräg, wird alles ande­re auch schräg. Lei­der ist Richard Rohr nicht der ein­zi­ge Leh­rer, des­sen Weg ich irgend­wann nicht mehr mit­ge­hen konn­te. Mei­ne beschei­de­ne Erfah­rung war bis­her: wer in der Chri­sto­lo­gie „inno­va­ti­ve“ Ideen hat­te, lan­de­te mit­tel­fri­stig auch in ande­ren Berei­chen der Theo­lo­gie in ganz neb­li­gen Gewäs­sern. Rob Bell, Bri­an McLa­ren, Micha­el Gungor: sie alle befin­den sich heu­te weit weg von ortho­do­xem Chri­sten­tum, Gungor bezeich­net sich mei­nes Wis­sens nach nicht ein­mal mehr als Christ. Was ver­bin­det sie alle? Inspi­ra­ti­on durch Richard Rohr. „Ich bin jetzt wei­ter“, klingt so toll. Doch mir kommt immer die­se Bibel­stel­le in den Sinn: 

„Jeder, der wei­ter­geht und nicht in der Leh­re des Chri­stus bleibt, hat Gott nicht; wer in der Leh­re bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn.“ (2 Joh 9)

Richard Rohr deu­tet Jesus als Sym­bol für etwas Kos­mi­sches, noch Grö­ße­res. Er durch­schaut die bibli­sche Spra­che und erblickt hin­ter ihr die gno­sti­sche Trans­for­ma­ti­ons­leh­re. Das Durch­schau­en hat immer etwas Reiz­vol­les. Doch was, wenn schließ­lich alles durch­sich­tig gewor­den ist? Wer alles durch­schaut, sieht am Ende nichts mehr, schreibt CS Lewis so schön. „Die­se Rose ist ein Sym­bol mei­ner Lie­be für Dich“, sagt ein Ver­lieb­ter. Doch wie klän­ge die Umkeh­rung? „Mei­ne Lie­be ist nur ein Sym­bol für die­se Rose“ – am Schluss bleibt nicht mehr die per­so­na­le Rea­li­tät der Lie­be, son­dern nur noch das Sym­bol. Geschieht bei Rohr nicht Das­sel­be? Wo aber die Per­so­nen sich auf­lö­sen, da endet auch die Bezie­hung, endet sogar die Lie­be. 


Richard Rohr 2013, Bild: Festi­val of Faiths

Anhang: 

Home­pages aus pro­te­stan­ti­scher und katho­li­scher Per­spek­ti­ve, die Richard Rohrs Theo­lo­gie aus­führ­lich kri­tisch beleuch­ten:

Die theo­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Pro­ble­me in Richard Rohrs Leh­re wur­den in der Kir­chen­ge­schich­te und der Geschich­te der spi­ri­tu­el­len Theo­lo­gie schon jahr­hun­der­te­lang dis­ku­tiert. Rohr hat dabei eine ein­zig­ar­ti­ge Vor­lie­be für jene Theo­rien, die schon von Anfang an als umstrit­ten gal­ten, nicht sel­ten wur­den sie auch als Irr­leh­ren ver­ur­teilt. 

Sei­ne phi­lo­so­phi­schen Vor­an­nah­men von der Ver­gött­li­chung des Seins ent­spre­chen an eini­gen Stel­len Duns Sco­tus, an ande­ren Mei­ster Eck­art, bei­de zitiert er häu­fig. Eini­ge Lehr­sät­ze des Letz­te­ren wur­den als Irr­leh­ren ver­ur­teilt. Ein­füh­rend in die Pro­ble­ma­tik etwa Bal­tha­sar, Hans-Urs von: Herr­lich­keit III, Im Raum der Meta­phy­sik. Zur meta­phy­si­schen Pro­ble­ma­tik der Seins­leh­re des Duns Sco­tus etwa: Ulrich, Fer­di­nand: Homo Abyssus. 

In der spi­ri­tu­el­len Theo­lo­gie ist Mystik, die sich von der inkar­nier­ten Per­son Jesu Chri­sti ent­fernt, eben­so wohl­be­kannt. Sie wur­de immer wie­der ver­sucht und immer wie­der als Häre­sie ver­ur­teilt. Schon in den Lehr­ver­ur­tei­lun­gen Mei­ster Eck­arts geht es dar­um. Johan­nes vom Kreuz und Tere­sa von Avi­la ver­ur­tei­len sie scharf. Einen Über­blick bie­tet der Klas­si­ker von Tan­que­rey, Adol­phe: Grund­riss der asze­ti­schen und mysti­schen Theo­lo­gie. Eine syste­ma­ti­sche Theo­lo­gie der Mystik, die der christ­li­chen Dog­ma­tik treu bleibt, fin­det sich pro­te­stan­ti­scher­seits zum Bei­spiel bei dem puri­ta­ni­schen Klas­si­ker Owen, John: Com­mu­ni­on with the Tri­u­ne God (aus dem Jah­re 1637; gedank­lich ver­wandt: A.W.Tozer und John Piper), katho­li­scher­seits zum Bei­spiel Bal­tha­sar, Hans-Urs von: Betrach­ten­des Gebet.

Für die biblisch Inter­es­sier­ten ein paar Bibel­stel­len, die in Span­nungs­ver­hält­nis zu Richard Rohrs Kreu­zes­theo­rie ste­hen: 

Kreuz als Süh­ne: Röm 3:24 – 26, Hebr 2:17, 1 Joh 2:1 – 2, 1 Joh 4:10f, Kol 2:13 – 15
Chri­stus hat mich erkauft: Apg 20:28, Gal 4:4f (vom Gesetz), Mk 10:15 (Löse­geld), 1 Petr 1:18f, 2 Petr 2:1, Offb 5:9
Jesu Tod als Opfer für mich: Eph 5:2, 1 Kor 5:7, Hebr 9:11, Hebr 9:24f
Jesus hin­ge­ge­ben für mich: Gal 2:20, Gal 1:3f, Joh 3:16, Röm 5:6, Eph 5:25, 1 Joh 3:16
Durch Jesu Blut gerei­nigt / gehei­ligt: Offb 1:5, Hebr 10:8 – 15, 1 Kor 1:17 – 2:5
Durch Jesu Tod mit Gott ver­söhnt: 2 Kor 5:18, Kol 1:19 – 21, Röm 5:9 – 11, Eph 2:13 – 18, Gal 2:16 – 17
Jesus trug die Sün­den: Jes 53:12, Hebr 9:28, 1 Petr 2:24f, Joh 1:29, 2 Kor 5:21
Auf­er­weckung / Anteil­ga­be: Eph 2:4 – 9, Gal 2:20, Röm 6:4 – 11, 1 Joh 4:9 – 11, Kol 2:13

Anmerkung des ‹Daniel Option›-Teams:

Wir dan­ken Dr. Johan­nes Hartl, dass wir die­sen Arti­kel publi­zie­ren dür­fen. Das Ori­gi­nal wur­de am 21. April 2020 auf sei­nem Blog und auf Face­book publi­ziert. Eben­falls lesens­wert sind die wei­te­ren Ergän­zun­gen zum Arti­kel, wel­che Johan­nes Hartl am 24. April 2020 auf Face­book gemacht hat.

1 Comment
  1. Avatar
    Michael Berra 3 Monaten ago
    Reply

    Dan­ke für die­sen Arti­kel. Mir gefällt beson­ders, wie Hartl her­aus­streicht, dass die Auf­ga­be Got­tes oder von Jesus Chri­stus als rea­les, kon­kre­tes, «per­so­na­les» Gegen­über das Zen­trum des christ­li­chen Glau­bens erschüt­tert.

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