Abschied von einem Lehrer

Johannes Hartl
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Als ich das erste Mal ein Buch von Richard Rohr las, eröffnete sich eine neue Welt für mich. Aus diesem Grund schreibe ich diese Zeilen mit einem betrübten Herzen. Vielle­icht täusche ich mich ja, natür­lich ist diese Ein­schätzung sub­jek­tiv und am Schluss muss jed­er selb­st entschei­den.

Ich kann jeden gut ver­ste­hen, der von Rohr fasziniert ist, diesem ungewöhn­lichen amerikanis­chen Franziskan­er­pa­ter. Jahre­lang hab ich ihn geliebt. Diese Verbindung von Bibel, Mys­tik und Psy­cholo­gie hat­te ich vorher noch nie irgend­wo gese­hen. Das war in den 90ern und damals war Hierzu­lande in erster Lin­ie sein Buch „Der wilde Mann“ bekan­nt und später jenes über das Ennea­gramm. Heute ist Rohr welt­berühmt, wurde von Oprah Win­frey inter­viewt und Bono von U2 ist ein erk­lärter Fan. Als 20-Jähriger hat­te ich alle Büch­er von Rohr, die es auf dem deutschen Markt gab, min­destens ein­mal gele­sen. Ich erachtete ihn als meinen wichtig­sten Lehrer. Heute bin ich trau­rig über seinen Weg…

Richard Rohr ist genial. Sein Schreib­stil ist pack­end und seine Herange­hensweise an christliche Lehraus­sagen sehr inno­v­a­tiv. In einem Satz klingt er abso­lut eso­ter­isch, der näch­ste Satz wieder klingt super-kon­ser­v­a­tiv wie aus dem Kat­e­chis­mus. Er lässt sich nicht leicht in eine Box sper­ren. Ihn umwe­ht etwas Mon­u­men­tales. Und die Weite sein­er Gedanken ist etwas, das ich bei vie­len christlichen Denkern ver­misse. Wie wun­der­bar wäre es gewe­sen, hätte sein Denkweg nicht jene Wen­dung gemacht… 

Mein Abschied von ihm als Lehrer begann im Jahr 2000. Damals war sein Buch „Every­thing belongs. The gift of con­tem­pla­tive prayer“ erschienen. Es traf mich zutief­st. Hier fand meine eigene Liebe für das kon­tem­pla­tive Gebet tiefen Wieder­hall. Noch immer finde ich einige Pas­sagen des Buch­es abso­lut großar­tig. Ein biss­chen schluck­en musste ich bei einem Art Nach­wort, in dem Rohr seine „kon­tem­pla­tive“ Sicht auf das Kreuz Christi ent­warf. Für mich klang das ein biss­chen sehr nach Allver­söh­nung und Rel­a­tivis­mus, aber OK. In den Jahren danach ver­fol­gte ich Rohrs weit­eren Weg und wurde immer irri­tiert­er. Über „Hoff­nung und Acht­samkeit“, „Pure Präsenz“ bis hin zu seinen neuesten Büch­ern über die Dreifaltigkeit und den kos­mis­chen Chris­tus befremdete mich seine the­ol­o­gis­che Entwick­lung immer mehr.  


Richard Rohr 2013, Bild:
Fes­ti­val of Faiths

Ich fasse den entschei­den­den Punkt vor­weg gle­ich zusam­men. Beim Chris­ten­tum geht es um die Liebe. Um die Begeg­nung mit dem men­schge­wor­de­nen Gott, die alles verän­dert. Es ist eine Beziehung, kein spir­itueller Pfad. Alles dreht sich um den, mit dem wir diese Beziehung haben: Jesus. Bei Richard Rohr scheint mir Jesus selb­st zum Sym­bol für eine kos­mis­che Trans­for­ma­tion zu wer­den, in der wir selb­st und über­haupt alles göt­tlich wird. 

Die Herzmitte der christlichen Botschaft ist die Erlö­sung durch Kreuz und Aufer­ste­hung Jesu. An diesem Kern­punkt hängt die ganze The­olo­gie. In „Every­thing belongs“ und noch aus­führlich­er in „Ins Herz geschrieben“ ent­fal­tet Rohr seine Sicht auf das Kreuz. 

In einem Satz: Jesus starb, um unsere Ein­stel­lung zu ändern. „Auf Kalvaria wurde für uns nichts „geän­dert“, aber alles offen­bart, so dass wir uns ändern kön­nen.“ (283). Um Erken­nt­nis geht es also nur. Mit Opfer­vorstel­lung hat das Kreuz nichts zu tun, Gott hätte ohne Weit­eres auch ein­fach so vergeben kön­nen (285). Das, was mit Jesus am Kreuz geschah, sym­bol­isiert den Tod unseres falschen Selb­st (271) durch Kon­fronta­tion mit dem Schmerz. „Heute wür­den wir das vielle­icht als „Trauer­ar­beit“ beze­ich­nen“ (273). „Jesus ist das „Holo­gramm“ für alles, was sich in einem holo­graphis­chen, beständi­gen und sich selb­st wieder­holen­den Uni­ver­sum ereignet“ (281). 

Moment Mal, Jesus also als Sym­bol? Ich denke, hier sind wir tat­säch­lich am sprin­gen­den Punkt angekom­men. „Gott ist kein Sym­bol für das Gute, das Gute ist ein Sym­bol für Gott“, hat GK Chester­ton mal geschrieben. Bei Rohr dage­gen wird alles zum Sym­bol. Der Punkt scheint mir wesentlich. Sym­bol aber für was? 


Richard Rohr 2013, Bild:
Fes­ti­val of Faiths

Im Herz von Rohrs Spir­i­tu­al­ität ste­ht die Ver­wand­lung. Ver­wand­lung durch Inte­gra­tion des Schat­tens, Tod des falschen Ichs, Erken­nt­nis, dass alles eins ist. Jesus war der erste non-duale Lehrer des West­ens. Diese Gedanken sind so alt, dass es gar nicht so ein­fach ist, zu lokalisieren, wo sie als erstes auf­trat­en. Die Vorstel­lung, dass Licht und Schat­ten in einem Span­nungsver­hält­nis ste­hen und nach ein­er Auflö­sung auf ein­er höheren Erken­nt­nisebene streben, ist gnos­tisch. Der Gedanke vom falschen Selb­st und der Allein­heit find­et sich zum Beispiel im Hin­duis­mus. Die Vorstel­lung vom spir­ituellen Weg als Weg des Leer­w­er­dens wiederum gibt es im Bud­dhis­mus, beson­ders im Zen. Natür­lich stimmt vieles an dem auch zum Teil. Grund­sät­zlich ist es auch kein Prob­lem, wenn Chris­ten Anklänge der Wahrheit auch in nichtchristlichen Tra­di­tio­nen erken­nen. Sie lesen diese „Samenkörn­er der Wahrheit“ (vgl. die „logoi sper­matikoi“ bei Justin dem Apolo­geten) als Hin­weise auf die Fülle in Chris­tus. Bei Rohr läuft es exakt anders herum. Jesus wird als Sym­bol gele­sen für etwas noch Größeres, in dem alle Reli­gio­nen unter­schied­s­los eins wer­den, auch wenn nur die Mys­tik­er diese Ein­heit sehen. Die Per­son Jesu löst sich auf. Rohr tut dies, indem er den kos­mis­chen Chris­tus vom irdis­chen Jesus tren­nt. Dies beson­ders in seinem 2019 erschiene­nen Buch „The uni­ver­sal Christ“. Hier liest man: “Christ was clear­ly not just Jesus of Nazareth, but some­thing much more immense” (3). Wie verträgt diese Sicht sich mit dem Philip­per­hym­nus, wie mit dem Johannespro­log, wie mit dem Kolosser­brief? Wird doch über­all dort die Ein­heit des göt­tlichen Chris­tus mit dem Men­schen Jesus betont? Tat­säch­lich bedeutet selb­st das Wort „Chris­tus“ bei Rohr nichts mehr, was exk­lu­siv mit Jesus von Nazareth zu tun hätte: “What the Christ means is the con­flu­ence of divin­i­ty and phys­i­cal­i­ty, spir­it and mat­ter. When the mate­r­i­al and spir­i­tu­al worlds coex­ist, we have Christ.” (2009, NCR Online)

Wo die spir­ituelle und materielle Welt zusam­men­fließen, dort ist Chris­tus. Deshalb ist die Inkar­na­tion Jesu, von Chris­ten als Zen­trum der Geschichte bekan­nt, auch kein zeitlich fix­iertes Ereig­nis: „The Christ Mys­tery is not a one-time event, but an ongo­ing process through­out time“ (14). Das Buch wid­met Richard Rohr sein­er ver­stor­be­nen Hündin Venus, die eben­falls „Chris­tus für ihn“ war. In seinem Buch über die Dreifaltigkeit „The Divine Dance“ wird daraus fol­gerichtig: die ganze Schöp­fung ist göt­tlich. „Some mys­tics who were on real jour­neys of prayer took this mes­sage to its con­sis­tent con­clu­sion: cre­ation is thus “the fourth per­son of the Blessed Trin­i­ty”! Once more, the divine dance isn’t a closed circle—we’re all invit­ed!Die Schöp­fung ist die vierte Per­son der Dreifaltigkeit… 

Was genau hat das noch mit der Botschaft der bib­lis­chen Schriften zu tun oder dem, was man üblicher­weise „Chris­ten­tum“ nan­nte? Diese Auf­fas­sung wäre tre­f­fend­er mit dem Begriff des Panen­the­is­mus über­schrieben. Alles ist göt­tlich. 


Richard Rohr 2013, Bild: Fes­ti­val of Faiths

Worin genau beste­ht der Unter­schied zur christlichen Lehre? Im Chris­ten­tum geht es um die Begeg­nung mit ein­er realen Per­son. Diese Per­son ist Jesus Chris­tus, wahrer Men­sch und wahrer Gott. Er ist die Mitte, auf die alles hin­läuft. Der Weg, die Wahrheit und das Leben. An ihm schei­det und entschei­det sich alles. Weil er Richter ist, ist er auch der Ret­ter. Wer ihm glaubt, ist gerettet.

In den östlichen Reli­gio­nen geht es um etwas Anderes. Es geht um Ver­wand­lung durch Erken­nt­nis. Bei Jesus geschieht Ver­wand­lung durch seine Liebe. „Der Men­sch wird am Du zum ich“, hat Mar­tin Buber gesagt. Die Erlö­sung geschieht durch reale, am Kreuz gewirk­te Ver­söh­nung mit Gott. Es geht um per­son­ale Beziehung. In Bud­dhis­mus und Hin­duis­mus geht es um Über­win­dung des Ich. Die Einzelper­son ist eine Täuschung. Das Ziel ist das Nir­wana, nicht die liebevolle Beziehung. Die Fein­desliebe Jesu entspringt der freien Verge­bung unser­er Sün­den am Kreuz. Sie unter­schei­det sich von der Gewalt­losigkeit Bud­dhas, die dem Grundgedanken entstammt, dass auch das Lei­den nur Pro­dukt von Illu­sion ist (siehe etwa hier). Ins­ge­samt ist Rohrs Sicht auf Spir­i­tu­al­ität und Erlö­sung die gnos­tisch-östliche Erlö­sung durch Erken­nt­nis, in großer Nähe zur Idee der „Inte­gra­tion des Schat­tens“, wie etwa bei CG Jung. Mit der klas­sisch christlichen Sote­ri­olo­gie hat all das nicht mehr so viel zu tun. 

Entsprechend ger­ing sind Rohrs Berührungsäng­ste mit der hin­duis­tis­chen Prax­is selb­st. So emp­fiehlt er das Sin­gen des Om-Mantras. Und in diesem Video kann man es sog­ar live in dem von ihm gegrün­de­ten „Cen­ter for Action and Con­tem­pla­tion“ erleben.

Rohrs spir­ituelles Sys­tem ähnelt an vie­len Stellen der The­o­rie des eso­ter­ischen Vor­denkers Ken Wilber (den er auch häu­fig zitiert). Sie verbindet eine Sicht spir­itueller Entwick­lung, die der biol­o­gis­chen Evo­lu­tion ähnelt („spi­ral dynam­ics“), auch das Buch „Gott 9.0“ von Wern­er Tiki Küsten­mach­er ist stark von dieser The­o­rie geprägt. Über Ken Wilbers Gedanken­mod­ell sind Eckart Tolle, Oprah Win­frey und ziem­lich viele andere Vor­läufer der mod­er­nen Mix-Spir­i­tu­al­ität fußläu­fig erre­ich­bar. 

Vielle­icht klingt all das jet­zt viel strenger, als ich es meine. Würde ich sagen, dass man Richard Rohr nicht auch mit Gewinn lesen kann? Das würde ich keines­falls. Ich bin großer Fan davon, Büch­er zu lesen, die der eige­nen Welt­sicht wider­sprechen. Man find­et über­all auch wahre Aus­sagen! Wer meinen eige­nen Denkweg ein biss­chen ken­nt, weiß, dass ich mich dur­chaus ein wenig mit dem Bud­dhis­mus befasst habe, noch mehr mit dem Juden­tum und am meis­ten mit der Philoso­phie. Ich fand auch Ken Wilber und Eckart Tolle ganz span­nend, natür­lich auch Friedrich Niet­zsche, und sog­ar bei Richard Dawkins find­et man mitunter einen sin­nvollen Gedanken. Wenn ein Autor, noch dazu ein christlich­er The­ologe, jedoch behauptet, den Sinn und die Mitte der christlichen Lehre zu beschreiben, dann darf man fra­gen, ob man ihm in diesem Anspruch ver­trauen kann, oder nicht. 


Richard Rohr 2013, Bild: Fes­ti­val of Faiths

Bevor ich weit­er­schreibe, eine Ent­geg­nung auf zwei mögliche Ein­wände. 

  1. Johannes, geht es Dir erk­lärter­maßen nicht um Ein­heit? Weshalb schreib­st Du jet­zt einen kri­tis­chen Artikel über jeman­den, der vie­len Men­schen auf dem Weg mit Jesus geholfen hat? Hast Du nicht an ander­er Stelle gegen solche Haarspal­tereien Dich aus­ge­sprochen? 
  2. Sieht es nicht der eine so und der andere so? Wie kann sich jemand anmaßen, die The­olo­gie eines anderen zu kri­tisieren?   

Kurze Erwiderung: es geht mir tat­säch­lich um die Ein­heit jen­er, die an Jesus glauben. Eine Ein­heit, die sich dann in Liebe und Annahme auch auf jene erstreckt, die nicht oder anders glauben. Doch natür­lich muss christliche Ein­heit sich um etwas herum ver­sam­meln, was sie eint. Die klas­sisch christliche Lehre, wie sie etwa in den evan­ge­lis­chen Beken­nt­niss­chriften und im katholis­chen Kat­e­chis­mus ver­sam­melt sind, bieten meines Eracht­ens genug Gemein­samkeit­en, um vieles miteinan­der zu tun. Ich per­sön­lich füh­le mich auch nicht berufen, die kon­fes­sion­stren­nen­den Fra­gen zu disku­tieren. Also zum Beispiel die Frage nach dem Ämter­ver­ständ­nis. Davon völ­lig ver­schieden sind die zen­tralen Glauben­saus­sagen, die alle Chris­ten verbinden. Sie grün­den sich alle auf die altkirch­lichen Glaubens­beken­nt­nisse. Ich glaube, dass Richard Rohrs The­olo­gie die zen­tralen Aus­sagen der christlichen Gotteslehre und der Chris­tolo­gie hin­ter sich gelassen hat. Deshalb han­delt es sich hier auch nicht um das Haar in der Suppe, son­dern eher um die ganze Mahlzeit, von der die Suppe nur die Vor­speise ist. Alle frühkirch­lichen Konzilien han­del­ten von der Chris­tolo­gie. Denn mit der Lehre über Jesus Chris­tus entschei­det sich alles weit­ere. Und nein, darum zu rin­gen, ist nicht Arro­ganz oder Besser­wis­serei, son­dern wir wer­den im NT expliz­it dazu aufge­fordert (vgl. 2 Joh 4–7; Kol 2:8f; 2 Tim 4:2 etc.). Und selb­stver­ständlich darf jed­er auch das, was ich öffentlich sage oder schreibe, nach genau dem gle­ichen Kri­teri­um kri­tisieren und sich eine eigene Mei­n­ung bilden.  

Und wie nun kann man The­olo­gie kri­tisieren? Ich nenne eines (und wie ich finde: das wichtig­ste) Kri­teri­um: christliche The­olo­gie muss dem Gesamtzeug­nis der Heili­gen Schrift gerecht wer­den. Nach­dem das hier kein akademis­ch­er Artikel ist und ich ihn für Ange­hörige unter­schiedlich­er Kon­fes­sio­nen ver­ständlich schreiben möchte, belasse ich es bei dieser einen Frage. Inwiefern entspricht das, was Richard Rohr schreibt, dem, was die bib­lis­chen Texte hergeben. Und mir scheint seine Lehre von Gott, Jesus, Schöp­fung, Erlö­sung, Gnade, Sünde und Heili­gung nicht kom­pat­i­bel mit dem Gesamtzeug­nis dieser Texte.  

Ist die Chris­tolo­gie erst ein­mal schräg, wird alles andere auch schräg. Lei­der ist Richard Rohr nicht der einzige Lehrer, dessen Weg ich irgend­wann nicht mehr mit­ge­hen kon­nte. Meine beschei­dene Erfahrung war bish­er: wer in der Chris­tolo­gie „inno­v­a­tive“ Ideen hat­te, lan­dete mit­tel­fristig auch in anderen Bere­ichen der The­olo­gie in ganz nebli­gen Gewässern. Rob Bell, Bri­an McLaren, Michael Gun­gor: sie alle befind­en sich heute weit weg von ortho­dox­em Chris­ten­tum, Gun­gor beze­ich­net sich meines Wis­sens nach nicht ein­mal mehr als Christ. Was verbindet sie alle? Inspi­ra­tion durch Richard Rohr. „Ich bin jet­zt weit­er“, klingt so toll. Doch mir kommt immer diese Bibel­stelle in den Sinn: 

„Jed­er, der weit­erge­ht und nicht in der Lehre des Chris­tus bleibt, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, der hat sowohl den Vater als auch den Sohn.“ (2 Joh 9)

Richard Rohr deutet Jesus als Sym­bol für etwas Kos­mis­ches, noch Größeres. Er durch­schaut die bib­lis­che Sprache und erblickt hin­ter ihr die gnos­tis­che Trans­for­ma­tion­slehre. Das Durch­schauen hat immer etwas Reizvolles. Doch was, wenn schließlich alles durch­sichtig gewor­den ist? Wer alles durch­schaut, sieht am Ende nichts mehr, schreibt CS Lewis so schön. „Diese Rose ist ein Sym­bol mein­er Liebe für Dich“, sagt ein Ver­liebter. Doch wie klänge die Umkehrung? „Meine Liebe ist nur ein Sym­bol für diese Rose“ – am Schluss bleibt nicht mehr die per­son­ale Real­ität der Liebe, son­dern nur noch das Sym­bol. Geschieht bei Rohr nicht Das­selbe? Wo aber die Per­so­n­en sich auflösen, da endet auch die Beziehung, endet sog­ar die Liebe. 


Richard Rohr 2013, Bild: Fes­ti­val of Faiths

Anhang: 

Home­pages aus protes­tantis­ch­er und katholis­ch­er Per­spek­tive, die Richard Rohrs The­olo­gie aus­führlich kri­tisch beleucht­en:

Die the­ol­o­gis­chen und philosophis­chen Prob­leme in Richard Rohrs Lehre wur­den in der Kirchengeschichte und der Geschichte der spir­ituellen The­olo­gie schon jahrhun­derte­lang disku­tiert. Rohr hat dabei eine einzi­gar­tige Vor­liebe für jene The­o­rien, die schon von Anfang an als umstrit­ten gal­ten, nicht sel­ten wur­den sie auch als Irrlehren verurteilt. 

Seine philosophis­chen Voran­nah­men von der Vergöt­tlichung des Seins entsprechen an eini­gen Stellen Duns Sco­tus, an anderen Meis­ter Eckart, bei­de zitiert er häu­fig. Einige Lehrsätze des Let­zteren wur­den als Irrlehren verurteilt. Ein­führend in die Prob­lematik etwa Balthasar, Hans-Urs von: Her­rlichkeit III, Im Raum der Meta­physik. Zur meta­ph­ysis­chen Prob­lematik der Seinslehre des Duns Sco­tus etwa: Ulrich, Fer­di­nand: Homo Abyssus. 

In der spir­ituellen The­olo­gie ist Mys­tik, die sich von der inkarnierten Per­son Jesu Christi ent­fer­nt, eben­so wohlbekan­nt. Sie wurde immer wieder ver­sucht und immer wieder als Häre­sie verurteilt. Schon in den Lehrverurteilun­gen Meis­ter Eckarts geht es darum. Johannes vom Kreuz und Tere­sa von Avi­la verurteilen sie scharf. Einen Überblick bietet der Klas­sik­er von Tan­querey, Adolphe: Grun­driss der aszetis­chen und mys­tis­chen The­olo­gie. Eine sys­tem­a­tis­che The­olo­gie der Mys­tik, die der christlichen Dog­matik treu bleibt, find­et sich protes­tantis­ch­er­seits zum Beispiel bei dem puri­tanis­chen Klas­sik­er Owen, John: Com­mu­nion with the Tri­une God (aus dem Jahre 1637; gedanklich ver­wandt: A.W.Tozer und John Piper), katholis­ch­er­seits zum Beispiel Balthasar, Hans-Urs von: Betra­ch­t­en­des Gebet.

Für die bib­lisch Inter­essierten ein paar Bibel­stellen, die in Span­nungsver­hält­nis zu Richard Rohrs Kreuzes­the­o­rie ste­hen: 

Kreuz als Sühne: Röm 3:24–26, Hebr 2:17, 1 Joh 2:1–2, 1 Joh 4:10f, Kol 2:13–15
Chris­tus hat mich erkauft: Apg 20:28, Gal 4:4f (vom Gesetz), Mk 10:15 (Lösegeld), 1 Petr 1:18f, 2 Petr 2:1, Offb 5:9
Jesu Tod als Opfer für mich: Eph 5:2, 1 Kor 5:7, Hebr 9:11, Hebr 9:24f
Jesus hingegeben für mich: Gal 2:20, Gal 1:3f, Joh 3:16, Röm 5:6, Eph 5:25, 1 Joh 3:16
Durch Jesu Blut gere­inigt / geheiligt: Offb 1:5, Hebr 10:8–15, 1 Kor 1:17–2:5
Durch Jesu Tod mit Gott ver­söh­nt: 2 Kor 5:18, Kol 1:19–21, Röm 5:9–11, Eph 2:13–18, Gal 2:16–17
Jesus trug die Sün­den: Jes 53:12, Hebr 9:28, 1 Petr 2:24f, Joh 1:29, 2 Kor 5:21
Aufer­weck­ung / Anteil­gabe: Eph 2:4–9, Gal 2:20, Röm 6:4–11, 1 Joh 4:9–11, Kol 2:13

Anmerkung des ‹Daniel Option›-Teams:

Wir dan­ken Dr. Johannes Hartl, dass wir diesen Artikel pub­lizieren dür­fen. Das Ori­gi­nal wur­de am 21. April 2020 auf seinem Blog und auf Face­book pub­liziert. Eben­falls lesenswert sind die weit­eren Ergänzun­gen zum Artikel, welche Johannes Hartl am 24. April 2020 auf Face­book gemacht hat.

1 Comment
  1. Avatar
    Michael Berra 6 Monaten ago
    Reply

    Danke für diesen Artikel. Mir gefällt beson­ders, wie Hartl her­ausstre­icht, dass die Auf­gabe Gottes oder von Jesus Chris­tus als reales, konkretes, “per­son­ales” Gegenüber das Zen­trum des christlichen Glaubens erschüt­tert.

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