Streitkultur, Wahrheitsliebe

Paul und Peter Bruderer
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Nun ist er also erfolgt, der gros­se Appell für eine neue Streit­kul­tur. Unter der Schirm­herr­schaft von ERF Medi­en in Deutsch­land sowie nam­haf­ter Per­sön­lich­kei­ten im evan­ge­lisch-frei­kirch­li­chen Raum wer­den 20’000 Unter­schrif­ten gesucht für eine neue, «lie­be­vol­le­re» Streit­kul­tur. Auch uns bei Daniel­Op­ti­on betrifft die­ses The­ma. Vie­le Lesen mit Freu­de unse­re Arti­kel, aber eini­ge sehen die Art, wie wir schrei­ben, auch kri­tisch. Zeit, uns zurück­zu­neh­men und uns ande­ren Hob­bys zuzu­wen­den?

Wir leben in ver­rück­ten Zei­ten. In den sozia­len Medi­en ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen pri­va­ter und öffent­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on. Rechen­zen­tren ana­ly­sie­ren jedes Wort und jeden Maus­klick, den wir machen und erstel­len ziel­ge­rich­te­te Pro­fi­le zur Wei­ter­ver­wer­tung. Face­book ist längst nicht mehr nur das Netz­werk pri­va­ter Freun­de, son­dern auch Schlacht­feld der Mei­nungs­ma­cher und Influ­en­cer. Vor­bei sind die Zei­ten, wo der Pastor sich dar­auf ver­las­sen konn­te, dass sei­ne Wor­te ab der Kan­zel und eine gut kura­tier­te Kir­chen­bi­blio­thek sei­ne Schäf­chen auf dem guten Pfad hal­ten wird. Mei­nungs­bil­dung – auch christ­li­che – fin­det heu­te zu einem gros­sen Teil online statt.

Die letz­ten Jah­re haben im Bereich der Mei­nungs­äus­se­rung schein­bar wider­sprüch­li­che Ent­wick­lun­gen gebracht. Diver­se aktu­el­le Stu­di­en bele­gen die Angst eines gros­sen Teils der Bevöl­ke­rung, die eige­ne Mei­nung im öffent­li­chen Raum zu sagen. Auf der ande­ren Sei­te wach­sen auch Empö­rung und ver­ba­le Aggres­si­on im Netz. Mit Shitstorms und öffent­li­cher Brand­mar­kung wer­den Per­so­nen mit uner­wünsch­ten Hal­tun­gen ver­bal «ver­nich­tet», wie bei­spiels­wei­se kürz­lich der EVP-Jung­po­li­ti­ker Ben­ja­min Zür­cher. Ernst­haf­te und kon­struk­ti­ve Dis­kus­sio­nen sind jeder­zeit gefähr­det durch Trol­ling.

Auch die christ­li­che Sze­ne erlebt die­ser Tage die Fol­gen der Grenz­ver­wi­schun­gen im digi­ta­len Raum. Theo­lo­gi­en und Sicht­wei­sen kämp­fen um Ein­fluss, auch die abstru­se­sten Glau­bens­ide­en fin­den ihre Abneh­mer, und Rich­tungs­kämp­fe inner­halb von Kon­fes­sio­nen und Gemein­schaf­ten fin­den ihren Aus­druck in Blogs und hit­zi­gen Online-Dis­kus­sio­nen. Dabei ent­larvt auch hier der Ton in so man­cher Dis­kus­si­on die Sehn­sucht der Dis­kus­si­ons­part­ner nach «Ver­gel­tung» — man will lie­ber das Streit­ge­spräch gewin­nen als das Herz des Gegen­übers.

Seit einem hal­ben Jahr mischen auch wir mit Daniel­Op­ti­on mit. Neben vie­len posi­ti­ven Reak­tio­nen gibt es auch eini­ge, wel­che unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on manch­mal als «tren­nend» emp­fin­den. Eini­ge stos­sen sich dar­an, dass wir Theo­lo­gen und kirch­li­che Lei­tungs­per­so­nen auch mal mit einem kri­ti­schen Kom­men­tar nament­lich zitie­ren. Eini­ge emp­fin­den, dass wir die wert­vol­le Ein­heit unter Chri­sten in Fra­ge stel­len, wenn wir eine Abgren­zung vor­neh­men. Doch die Art und Wei­se unse­res Schrei­bens ist bewusst und selbst­ge­wählt. Nach­fol­gend möch­ten wir eini­ge Hin­ter­grün­de dazu geben.


Kampf der Ele­phan­ten, Bild: iStock

Quellenangaben ermöglichen gesunde Meinungsbildung

In der Wis­sen­schaft gehört offe­nes Refe­ren­zie­ren von Quel­len zum Ein­mal­eins des guten Arbei­tens. Das sau­be­re Ver­lin­ken von Quel­len und das kor­rek­te Zitie­ren von kon­kre­ten Aus­sa­gen ermög­li­chen es dem Leser, die­se selbst zu über­prü­fen und sich ein Bild zu machen, ob eine Quel­le gut dar­ge­stellt wur­de. Sie nicht anzu­ge­ben ist mit­un­ter auch eine Bevor­mun­dung des Lesers.

In der Blo­go­sphä­re hat sich zum Teil eine ande­re Kul­tur eta­bliert. Vie­le ver­zich­ten auf Ver­lin­kun­gen und sau­be­res Zitie­ren. Dies hat bei eini­gen sicher mit dem Anlie­gen zu tun, nie­man­den an den Pran­ger zu stel­len. Bei ande­ren Blog­gern liegt der Grund aber dar­in, dass sie kein «Traf­fic» gene­rie­ren wol­len auf den Web­sei­ten, die sie kri­ti­sie­ren. Was zusätz­lich dazu kommt: Ohne Refe­ren­zie­ren und Zitie­ren ist es ein­fa­cher, die Sach­la­ge so dar­zu­stel­len, wie es einem am besten passt. Es ent­ste­hen dann sehr ein­fach ver­zerr­te und unfai­re Feind­bil­der, wel­che nicht wei­ter über­prüft und öffent­lich kor­ri­giert wer­den kön­nen.

Des­halb haben wir uns bei Daniel­Op­ti­on für ein mög­lichst sau­be­res Refe­ren­zie­ren und Zitie­ren ent­schie­den. Wir wol­len unse­re Leser nicht bevor­mun­den, son­dern sie in ihrer unab­hän­gi­gen Mei­nungs­bil­dung unter­stüt­zen. Die­ses Vor­ge­hen bie­tet uns einen bes­se­ren Schutz davor, ande­re ver­zerrt dar­zu­stel­len und es kommt mit der Ver­ant­wor­tung, zitier­te Per­so­nen fair wie­der­zu­ge­ben. Dies mag nicht immer per­fekt gelin­gen, aber wir glau­ben, dass dies der bes­se­re Weg ist, als unse­re Quel­len zu ver­schwei­gen.

Schreiben ist Silber, reden ist Gold

Wir möch­ten mit dem Publi­zie­ren unse­rer Gedan­ken wich­ti­ge Dis­kus­sio­nen für die christ­li­che Gemein­schaft anstos­sen und mit­prä­gen! Wir möch­ten Ori­en­tie­rung und Inspi­ra­ti­on geben in unse­re Zeit hin­ein! Wir möch­ten selbst der Wahr­heit Got­tes auf die Spur kom­men, und unse­re Ent­deckun­gen nicht für uns behal­ten!

Dabei ist es uns wich­tig, dass unse­re Kom­mu­ni­ka­ti­on kei­ne Ein­bahn­stras­se ist. Des­halb hat mit der Lan­cie­rung unse­res Blogs auch die Pro­duk­ti­on unse­res eige­nen Biers und unse­res eige­nen Kaf­fees begon­nen. Wir möch­ten nicht nur schrei­ben, son­dern auch reden, indem wir unse­re Gesprächs­part­ner per­sön­lich tref­fen. Unzäh­li­ge per­sön­li­che Begeg­nun­gen haben so in den ver­gan­ge­nen Mona­ten statt­ge­fun­den – mit neu­en Freun­den, Neu­gie­ri­gen und auch kri­tisch gesinn­ten Lesern.


Kampf der Bären, Bild: iStock

Wahrheit ist auch trennend

Das Trai­nie­ren der „Lie­bes­fä­hig­keit“ dür­fe nicht auf Kosten der Wahr­heit gesche­hen, mein­te Andre­as Bop­part kürz­lich am Lei­tungs­kon­gress von Wil­low Creek. Damit spricht «Bop­pi» etwas Wesent­li­ches an, das in unse­rer Zeit gleich­zei­tig eine gros­se Her­aus­for­de­rung ist.

Unse­re west­li­chen Kul­tu­ren sind heu­te näm­lich stark von einem post­mo­der­nen Wahr­heits­be­griff geprägt, wel­cher abso­lu­te Wahr­heit ablehnt und gar als Bedro­hung sieht. Das post­mo­der­ne Man­tra lau­tet: Gel­ten las­sen, und zwar ohne zu wer­ten. Wer die «Wahr­heit» einer ande­ren Per­son in Fra­ge stellt, ist aus post­mo­der­ner Sicht auto­ma­tisch lieb­los und aus­gren­zend. Die christ­li­che Vor­stel­lung einer real vor­han­de­nen Wahr­heit steht damit in direk­tem Kon­flikt zur domi­nan­ten Wahr­heits­vor­stel­lung unse­rer Zeit.

Wahr­heit ist eben, kon­se­quent gedacht, auch tren­nend. Und zwar tren­nend in Bezug auf die Gedan­ken, in Bezug auf das Men­ta­le, nicht aber auf die Bezie­hun­gen. Das will heis­sen: Ich kann gänz­lich ande­rer Mei­nung sein als du, aber trotz­dem dein Freund sein und ein Bier mit dir trin­ken. Wahr­heit ist in die­sem rich­tig ver­stan­de­nen Sinn tren­nend, denn wenn es Wahr­heit gibt, gibt es auch Unwahr­heit. Die­se Unter­schei­dung zu machen, fällt uns aber zuneh­mend schwer, weil der post­mo­der­ne Mensch dies als Man­gel an Lie­be inter­pre­tiert, es als aus­gren­zend emp­fin­det.

Der bekann­te Autor und Apo­lo­get Fran­cis Scha­ef­fer sprach bereits 1984 von einer christ­li­chen Aver­si­on gegen Kon­fron­ta­ti­on und Kor­rek­tur. Das Ver­sa­gen der evan­ge­li­ka­len Welt, für die Wahr­heit als Wahr­heit ein­zu­ste­hen, sei «das gros­se evan­ge­li­ka­le Desa­ster». Wahr­heit sei untrenn­bar mit Kon­fron­ta­ti­on ver­bun­den:

«Wahr­heit bringt Kon­fron­ta­ti­on mit sich. Wahr­heit ver­langt nach Kon­fron­ta­ti­on, lie­be­vol­ler Kon­fron­ta­ti­on, aber Kon­fron­ta­ti­on nichts­de­sto­trotz.» Fran­cis A. Scha­ef­fer, The Gre­at Evan­ge­li­cal Dis­a­ster, Eige­ne Über­set­zung

Wem die Wahr­heit lieb ist, der muss auch bereit sein, über Unwahr­heit zu reden, der muss auch bereit sein zur lie­be­vol­len Kon­fron­ta­ti­on.


Kampf der Füch­se, Bild: uns­plash

Konfliktlösung durch Ausklammerung?

Was wir heu­te land­auf und land­ab hören, ist, dass christ­li­che Ein­heit nicht auf bestimm­ten Leh­ren oder ethisch-mora­li­schen Vor­stel­lun­gen, son­dern allein auf die Per­son von Jesus Chri­stus fokus­sie­ren soll­te.

Die­ser Über­zeu­gung liegt mög­li­cher­wei­se die Vor­stel­lung zugrun­de, dass Leh­re in unse­ren Tagen bezie­hungs­tren­nend wirkt. Man kann es sich kaum noch vor­stel­len, dass man gut mit ein­an­der aus­kom­men kann, wenn man unter­schied­li­cher Mei­nung ist. Die­se Ansicht beruht viel­leicht auf der Mei­nung, dass es im Urwald ver­schie­de­ner Lehr­mei­nun­gen nicht mehr mög­lich ist, an gemein­sa­men christ­li­chen Lehr-Fun­da­men­ten fest­zu­hal­ten. Dar­um, so die Annah­me, soll­ten wir uns um der Ein­heit wil­len von Leh­re fern hal­ten und uns statt­des­sen auf Jesus kon­zen­trie­ren.

Die­se Art von Appell häuft sich in einer Zeit, in der gros­se gesell­schaft­li­che Umbrü­che im Bereich der Ethik auch in der christ­li­chen Sze­ne statt­fin­den und zu Span­nun­gen in Wer­ken und Gemein­schaf­ten füh­ren. Fol­gen­de Bei­spie­le zei­gen, wie das aus­for­mu­liert wird:

Andre­as Bop­part meint an der Wil­low-Creek Kon­fe­renz:

«Am Ende ist Wahr­heit nicht in einem stei­fen Dog­men-Kata­log zu fin­den, denn Wahr­heit ist eine Per­son. Des­halb kom­men wir im Glau­ben nicht um die­se Chri­stus-Bezie­hung her­um.»

Tobi­as Faix appel­liert am Gnadau­er Zukunfts­kon­gress im März 2019:

«Es ist nicht die Theo­lo­gie, die uns zusam­men­hält. Es ist Chri­stus.
Es ist nicht die rich­ti­ge Fröm­mig­keit, nein, es ist Chri­stus.
Es ist nicht die rich­ti­ge Ethik, es ist Chri­stus.»

Sol­che Aus­sa­gen beinhal­ten eine wich­ti­ge Wahr­heit, wel­che Jesus in Joh 14:6 sei­nen Jün­gern klar­macht: «Ich bin der Weg und die Wahr­heit und das Leben.» Christ­li­che Wahr­heit hat einen Namen: Jesus. Der christ­li­che Glau­be ist Bezie­hung. Wir beten kei­ne Theo­lo­gie an und kei­ne Ethik und auch nicht die Bibel, son­dern Jesus Chri­stus. Er ist Gott, nicht die Bibel, nicht unse­re Theo­lo­gie, nicht unse­re Ethik.

Gleich­zei­tig macht uns die Abgren­zung Mühe, denn in sol­chen State­ments wird christ­li­che Leh­re gegen die Per­son Jesus aus­ge­spielt. Faix for­mu­liert es ziem­lich abso­lut: Nicht die Theo­lo­gie … son­dern Chri­stus. Doch war­um ist uns unwohl bei sol­chen Aus­sa­gen?

Zum einen ist die Behaup­tung, dass Leh­re in unse­rem Glau­bens­le­ben einen neben­ge­ord­ne­ten Platz haben soll­te, selbst eine lehr­mäs­si­ge Behaup­tung, die wahr oder falsch sein kann. Tim Kel­ler bringt es auf den Punkt:

Die stän­di­ge Behaup­tung, dass Leh­re unbe­deu­tend ist, ist in sich selbst eine Leh­re (Tim Kel­ler auf Twit­ter)

Zum ande­ren sehen wir im bibli­schen Text etwas Wei­te­res, näm­lich, was für ein Gewicht Jesus und die ersten Chri­sten den Fra­gen von Leh­re und Glau­bens­pra­xis gaben.

Der Wert der Lehre bei Jesus

Wenn Jesus sich in Joh 14:6 als die per­so­ni­fi­zier­te Wahr­heit prä­sen­tiert, sagt er im glei­chen Atem­zug, wie eng die Ver­knüp­fung der Lie­be (=Bezie­hung) zu ihm mit dem Gehor­sam sei­nem Wort (=Leh­re) und sei­nen Gebo­ten (=Ethik) gegen­über ist: «Liebt ihr mich, so wer­det ihr mei­ne Gebo­te hal­ten.» (Joh 14:15) «Wer mei­ne Gebo­te hat und hält sie, der ist es, der mich liebt.» Joh 14:21 «Wer mich liebt, der wird mein Wort hal­ten.» (Joh 14:23) 

Ohne Bezie­hung zu Jesus, der Wahr­heit in Per­son, ist alle Theo­lo­gie und Ethik nichts wert. Aber das ande­re gilt auch: Wenn unse­re Bezie­hung zu Jesus nicht kon­kret wird in gesun­der Leh­re und in der Art und Wei­se, wie wir leben, ist uns Jesus nichts wert. Dann ist das Bekennt­nis zu Jesus ein blos­ses Lip­pen­be­kennt­nis, eine reli­giö­se Emo­ti­on. Dann ist es frag­lich, ob wir es über­haupt noch mit dem wah­ren Jesus zu tun haben!

Wenn uns unse­re soeben abge­schlos­se­ne DNA-Serie etwas gelehrt hat, dann dies, wie sich bei den ersten Chri­sten der Glau­be in einem kon­kre­ten Lebens­stil nie­der­ge­schla­gen hat, der Leben und Leh­re in radi­ka­le Ver­bin­dung bringt. Ihr Lebens­stil stand oft in einem star­ken Kon­trast zur dama­li­gen Kul­tur und war ein wich­ti­ges Ele­ment des christ­li­chen Zeug­nis­ses.

In Joh 17:17 bit­tet Jesus sei­nen Vater für sei­ne Jün­ger: «Hei­li­ge sie in der Wahr­heit; dein Wort ist die Wahr­heit.» Wahr­heit ist eine Per­son. Und die­se Wahr­heit in Per­son stellt sich auch ganz hin­ter die Wahr­heit in ver­schrif­te­ter Form und möch­te uns hel­fen, die­se zu ver­ste­hen. (Lk 24:25 – 27) Die­se Wahr­heit in Per­son gibt uns durch sein Leben und sein Wort auch eine ganz beson­de­re Sicht auf den Men­schen und die Schöp­fung. Leh­re, Bezie­hung und Ethik fin­den im christ­li­chen Glau­ben eine wun­der­ba­re Har­mo­nie und wir­ken zusam­men. Lehre/Wahrheit aus­klam­mern wird letzt­lich dazu füh­ren, dass wir auch die Bezie­hung und den guten Lebens­wan­del ver­lie­ren, den Jesus von uns möch­te.

Der Wert der Lehre in der frühen Kirche

Dass sich Got­tes Wahr­heit auch in Form von guter Dok­trin und Ethik im Leben sei­ner Kin­der zei­gen soll, wuss­ten bereits die ersten Chri­sten. Das Erste, was wir über­haupt von der ersten christ­li­chen Gemein­de lesen, ist dies: «Sie blie­ben aber bestän­dig in der Leh­re der Apo­stel.» (Apg 2:42)

Die­se Leh­re wur­de sehr schnell auch ver­schrif­tet, zum Bei­spiel in Form von ersten Bekennt­nis­sen, wel­che ihren Ein­gang fan­den in die neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten. Bei­spie­le sol­cher frü­he­ster Bekennt­nis­se fin­den wir in 1Kor 15:3 – 7 oder Phil 2:5 – 11 (der Chri­stus­hym­nus). Der Apo­stel Pau­lus spricht im Zusam­men­hang mit der Bewah­rung christ­li­cher Ein­heit davon, dass die Chri­sten nicht nur der­sel­ben Gesin­nung, son­dern auch der­sel­ben Über­zeu­gung sein sol­len. (sie­he 1Kor 1:10)

Gute, wah­re Leh­re ist wich­tig. Und sie muss uns auch heu­te die eine oder ande­re respekt­vol­le inner­christ­li­che Kon­fron­ta­ti­on und Klä­rung wert sein. Das war bei den ersten Chri­sten nicht anders. Da wur­de eben­so inten­siv um Fra­gen von Dok­trin und Ethik gerun­gen. Gut doku­men­tiert sind zum Bei­spiel die Span­nun­gen zwi­schen Juden­chri­sten und Hei­den­chri­sten in den ersten Jahr­zehn­ten der christ­li­chen Gemein­de. Die­ser schwe­len­de Kon­flik­t wur­de nicht durch Appel­le, mit­ein­an­der nett zu sein, gelöst, son­dern durch offe­nes Benen­nen der Kon­flikt­punk­te, inten­si­ve Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen sowie im gemein­sa­men, geord­ne­ten Rin­gen auf der Basis der Schrift.

Im ersten Apo­stel­kon­zil (Apg. 15) wur­den sowohl dok­tri­nel­le Fra­gen (Got­tes Heils­plan für die Hei­den­chri­sten) als auch ethisch/moralische Aspek­te (Absa­ge der sexu­el­len Unzucht) gere­gelt. Die­ses Kon­zil hat­te dann auch Vor­bild­cha­rak­ter für diver­se wei­te­re Kon­zi­le (z.B. Nicäa, Cal­ce­don usw.), wo die wach­sen­den christ­li­chen Gemein­schaf­ten in wei­te­ren Glau­bens­fra­gen gemein­sa­me Über­zeu­gun­gen fan­den. Sicher gilt es, zwi­schen Kern­fra­gen des Glau­bens und weni­ger zen­tra­len Fra­gen zu dif­fe­ren­zie­ren. Wo sol­len wir ein­an­der Luft zum Atmen geben, und wo geht es um Fun­da­men­ta­les? Fun­da­men­ta­le christ­li­che Wahr­hei­ten sind zu kost­bar, als dass sie einem Schein-Frie­den oder einer Schein-Ein­heit geop­fert wer­den soll­ten.

In unse­rem aktu­el­len Arti­kel › «Die Drit­te Opti­on» spre­chen wir dar­über, dass Wahr­heit für uns nicht nur rela­tio­nal-sub­jek­tiv, son­dern auch pro­po­si­tio­nal-objek­tiv sein soll­te:

«Wahr­heit ist objek­tiv da und muss sub­jek­tiv erlebt wer­den in der Begeg­nung mit Jesus Chri­stus. Des­halb bie­tet Wahr­heit sowohl Gewiss­heit über Gott, wie auch Bezie­hung zu ihm. Bekennt­nis­se und Leh­re sind wesent­lich und bestim­men Ein­heit unter Chri­sten.» (Paul Bru­de­rer, die Drit­te Opti­on)

Lass uns unser post­mo­der­nes Wahr­heits­pro­blem nicht dadurch lösen, dass wir wesent­lich­ste Fra­gen unse­res Glau­bens und Lebens aus der Dis­kus­si­on aus­klam­mern und in die pri­va­te Kam­mer ver­ban­nen, son­dern indem wir die Lehr­in­hal­te und Wahr­heits­fra­gen offen auf den Tisch brin­gen! Und das in guter Freund­schaft — zum Bei­spiel bei einem Glas Bier oder einer Tas­se Kaf­fee!


Kampf der Anti­lo­pen, Bild: iStock

Harmonie um jeden Preis?

Wir Chri­sten haben ein gros­ses Bedürf­nis nach Har­mo­nie. Ja, wir selbst (Peter und Paul) sind unglaub­lich har­mo­nie­be­dürf­tig. Wir has­sen Kon­flik­te, sie berei­ten uns Kopf­schmer­zen und schlaf­lo­se Näch­te. Wenn irgend­wie mög­lich suchen wir einen Weg, sie nicht aus­tra­gen zu müs­sen! Auch als Chri­sten ist unse­re ober­ste Maxi­me oft die Wah­rung einer wie auch immer gear­te­ten Ein­heit und wir unter­ord­nen die­ser Maxi­me vie­les – mög­li­cher­wei­se auch die Wahr­heit?

In sei­ner Rede am Wil­low Kon­gress sprach Micha­el Herbst die Gefahr von Lei­tern an, «wel­che blin­den Gehor­sam for­dern, anstatt ande­re zu ermäch­ti­gen, mün­di­ge Chri­sten zu wer­den.» Die­se Gefahr sehen wir vor allem als eine Anfra­ge an Basi­s­chri­sten. Wir las­sen uns oft nur zu ger­ne blind an der Hand füh­ren. Es ist bequem und prak­tisch. Doch Gott möch­te, dass wir mün­di­ge Chri­sten wer­den, sei­ne Wahr­hei­ten ver­ste­hen, ganz per­sön­lich ergrei­fen und leben. Scheu­en wir die Ener­gie nicht, wel­che es dazu braucht.

Lei­ter ver­die­nen unse­ren Respekt und unse­re Unter­stüt­zung. Aber auch sie sind nicht gefeit vor Betriebs­blind­heit, schlei­chen­der Ent­frem­dung von ihrer Basis oder eli­tä­rem Den­ken. Vor allem leben Lei­ter auch immer wie­der mit Sach­zwän­gen, wel­che sich aus ihren Ver­ant­wor­tun­gen erge­ben. Gera­de des­halb braucht es auch die Stim­men der Basis, wel­che gewis­se The­men unbe­fan­ge­ner anspre­chen kön­nen! Eine Basis, die sich aktiv und kon­struk­tiv mit aktu­el­len The­men und Ent­wick­lun­gen befasst und bereit ist, auch Fra­gen zu stel­len, lei­stet des­halb einen wich­ti­gen Dienst für die christ­li­che Gemein­de.

Wie kaum eine ande­re Per­son hat sich Mar­kus Till mit inner­kirch­li­cher Streit­kul­tur aus­ein­an­der­ge­setzt und bie­tet in sei­nem Buch «Zeit des Umbruchs» zehn hilf­rei­che Ansät­ze zu einem kon­struk­ti­ven und respekt­vol­len Dis­kurs:

  1. Bei der Sache blei­ben, statt den ande­ren Men­schen anzu­grei­fen!
  2. Bereit sein, sich dem per­sön­li­chen Gespräch und den Fak­ten zu stel­len!
  3. Men­schen statt Dis­kus­sio­nen gewin­nen!
  4. Im geeig­ne­ten Rah­men Namen zu nen­nen, statt all­ge­mein zu blei­ben!
  5. Stets die eige­ne Moti­va­ti­on und Hal­tung über­prü­fen!
  6. Auf Augen­hö­he dis­ku­tie­ren, statt von oben her­ab!
  7. Ein­an­der los­las­sen!
  8. Vom Hei­li­gen Geist abhän­gig blei­ben!
  9. Den ande­ren wirk­lich ver­ste­hen, bevor wir ihn kri­ti­sie­ren!
  10. Sich von Hoff­nung und Ver­trau­en statt von Miss­trau­en lei­ten las­sen!

Die­se zehn Punk­te bie­ten schon ein ziem­li­ches Übungs­feld!

Alles hat sei­ne Zeit. Frie­den und Ruhe. Aber auch mal wich­ti­ge Klä­run­gen. Ja, auch die christ­li­che «Par­ty» braucht ab und zu «Par­ty­cras­her» mit ner­vi­gen Fra­gen. Lass uns ver­su­chen, die­se lie­be­voll und respekt­voll zu klä­ren (Phil 4:8) mit dem Wunsch, dass sich Gott uns allen dar­in offen­bart.

4 Comments
  1. Avatar
    David M. Taylor 2 Monaten ago
    Reply

    If you don’t mind me com­men­ting in Eng­lish. A very good arti­cle. I par­ti­cu­lar­ly like the way that you justi­fy your approach to naming peop­le, lin­king sources and addres­sing spe­ci­fics.

    I have been pon­de­ring this pro­blem very inten­se­ly in recent days. Becau­se the peop­le who seem war­mest in per­son can be the first ones to with­draw when it comes to see­king truth.

    God bless you both.

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 2 Monaten ago
      Reply

      Thank you David!

  2. Avatar
    Manfred Reichelt 2 Monaten ago
    Reply

    Alles schön und gut. Aber vie­le Chri­sten mei­nen ja «die Wahr­heit» zu HABEN. Nur dumm, dass sie nicht mit der «Wahr­heit» des ande­ren Chri­sten über­ein­stimmt. Hat ein NUR Gläu­bi­ger die Wahr­heit? Hat man nicht Wahr­heit nur dann, wenn man sie selbst erkennt und NICHT, wenn man nur den Äuße­run­gen ande­rer, und sei es Gott, GLAUBT? — Eine Wahr­heit, die ich als sol­che betrach­te und NUR Glau­be soll zur ERKENNTNIS füh­ren. Hät­ten also Chri­sten ERKENNTNISSE, dann könn­ten sie sich dar­über aus­tau­schen und tat­säch­lich ver­stän­di­gen. Auf der Ebe­ne des Glau­bens ist das UNMÖGLICH.

    Und da wir bei der Wahr­heit sind: An die­ser Wahr­heit kann kei­ner mehr vor­bei­ge­hen, der die Wahr­heit sucht:
    https://​www​.aca​de​mia​.edu/​3​7​9​3​6​7​3​4​/​G​e​n​e​t​i​k​_​R​e​i​n​k​a​r​n​a​t​i​o​n​_​K​i​r​che

  3. Regula Lehmann
    Regula Lehmann 2 Monaten ago
    Reply

    So wich­tig. Dan­ke für die­sen Arti­kel, der auf den Punkt bringt, was mich in letz­ter Zeit beschäf­tigt hat. Unter ande­rem, weil ich inner­lich kei­nen Frie­den hat­te, den Streit­kul­tur-Auf­ruf von ERF zu unter­schrei­ben. Obwohl ja total viel Gutes drin ist. Kürz­lich sag­te jemand, ver­söhn­lich zu dis­ku­tie­ren bedeu­te für ihn, dass es nicht ums Recht­ha­ben gehe. Ich bin ein­ver­stan­den, dass es nicht dar­um geht, dass ICH recht habe. Aber die Fra­ge, was das Rech­te ist, gehört doch zur Wahr­heits­su­che und zu einer ver­nünf­ti­gen Dis­kus­si­on dazu. Und zu einem plau­si­blen, sinn­ma­chen­den Glau­ben. «Aus Lie­be zur Wahr­heit lasst uns strei­ten», heisst es in einem genia­len Song auf Klaus And­re Eick­hoffs CD über Mar­tin Luther.
    So viel soll­te die Wahr­heit uns wert sein. Auch wenns ab und zu schlaf­lo­se Näch­te gibt des­we­gen…😏

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