Aquileia 1/4 — Eine Metrople im Umbruch

Peter Bruderer
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Da steht er, der gute Hir­te. Auf sei­ner Schul­ter ein ver­irr­tes Schaf. In der Hand die Hir­ten­flö­te. Das Lamm zu sei­nen Füs­sen hat den Blick fest auf den Hir­ten gerich­tet, von dem er Ori­en­tie­rung und Schutz erwar­tet. Nach 1400 Jah­ren der Ver­ges­sen­heit wur­de Anfang des 20. Jahr­hun­derts der wun­der­schö­ne Mosa­ik­bo­den der früh­christ­li­chen Basi­li­ka von Aqui­leia wie­der­ent­deckt und frei­ge­legt. Doch ver­steckt unter dem Schutt von Zeit und Geschich­te war der gute Hir­te immer da — ein Sinn­bild für Got­tes Wir­ken in unsi­che­ren Zei­ten.

Die ange­neh­me Sei­te mei­ner Pro­jekt­lei­ter­tä­tig­keit für ein gros­ses kirch­li­ches Feri­en­pro­jekt ist, dass ich immer wie­der auf der Suche nach span­nen­den Aus­flugs­mög­lich­kei­ten bin. So 2018 in der nord­ita­lie­ni­schen Regi­on Friu­li. Hier bie­tet die unter UNESCO-Schutz ste­hen­de Rui­nen­stadt Aqui­leia span­nen­de Ein­blicke in längst ver­gan­ge­ne Zei­ten. Was heu­te nur ein wei­te­res ver­schla­fe­nes Dorf abseits der gros­sen Tou­ri­sten­strö­me ist, war zur Zeit des römi­schen Reichs die viert­gröss­te römi­sche Metro­po­le auf ita­lie­ni­schem Boden.

Aqui­leia zu römi­schen Zei­ten — 3‑D Ani­ma­ti­on

Die Über­re­ste Aqui­lei­as erzäh­len die Geschich­te von Auf­stieg und Zer­stö­rung einer Stadt, von einer Kir­che, die sich in den Wir­ren der Zeit bewäh­ren muss­te und von erstaun­li­chen Men­schen wie Rufin von Aqui­leia, die inmit­ten gros­ser poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Umwäl­zun­gen Geschich­te geschrie­ben haben.

Die­sen Geschich­ten möch­te ich mit einer vier­tei­li­gen Serie nach­spü­ren. Ich bin kein Histo­ri­ker. Aber Geschich­te im All­ge­mei­nen und Kir­chen­ge­schich­te im Spe­zi­fi­schen haben mich schon immer inter­es­siert — ver­gan­ge­ne Geschich­te kann uns etwas für unse­re Gegen­wart und Zukunft leh­ren.

Der Ein­blick in die vor­lie­gen­den Geschich­ten aus Aqui­leia ist für mich umso reiz­vol­ler, als sie Welt- und Kir­chen­ge­schich­te abseits des Main­streams ist. Wer inter­es­siert sich schon für eine ver­ges­se­ne Rui­nen­stadt wie Aqui­leia, wenn es grös­se­re und viel bes­ser erhal­te­ne anti­ke Städ­te gibt? Wen inter­es­siert schon ein Theo­lo­ge der ‘zwei­ten Gar­de’ wie Rufin, wenn es da auch die Cham­pi­ons-League der Kir­chen­vä­ter gibt? Nun, ich bin selbst akti­ver Zeu­ge einer christ­li­chen Pro­vinz-Jugend­ar­beit gewe­sen, wel­che sich vor 20 Jah­ren zu einer beach­tens­wer­ten erweck­li­chen Bewe­gung unter jun­gen Men­schen ent­wickel­te. Erstaun­li­ches geschieht manch­mal an unschein­ba­ren Orten. Und auch die zwei­te Gar­de der Geschich­te kann von Bedeut­sam­keit sein. In die­sem Sin­ne möch­te ich einen Ein­blick in einen span­nen­den und lehr­rei­chen ‘Neben­schau­platz‘ der Geschich­te geben. Neben die­sem Arti­kel wer­den noch fol­gen­de 3 Arti­kel publi­ziert wer­den:

Aqui­leia 2/4 — Rufin der Mis­sio­nar
Aqui­leia 3/4 — Das Bekennt­nis von Aqui­leia
Aqui­leia 4/4 — Die Irr­leh­ren von Aqui­leia


Das ehe­ma­li­ge Forum von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

Die unbekannte Weltmetropole

Aqui­leia. Was heu­te ein ver­schla­fe­nes Pro­vinz­netz mit rund 3000 Ein­woh­nern ist, ist zur Zeit der römi­schen Kai­ser eine der gröss­ten Metro­po­len auf ita­lie­ni­schem Boden. Rund 30’000 Men­schen leben damals in der Stadt, wel­che mit dem gesam­ten Spek­trum von römi­schen Prunk­bau­ten und kul­tu­rel­len Ange­bo­ten auf­war­ten kann. Forum, Thea­ter, Amphi­thea­ter und Zir­kus prä­gen das Stadt­bild. Gewis­se Histo­ri­ker spre­chen vom ‘zwei­ten Rom’ der dama­li­gen Zeit.

Die Bedeu­tung der Stadt hat­te sich seit jeher aus ihrer stra­te­gi­schen Lage erge­ben. Das war bereits bei der Grün­dung der Stadt ums Jahr 186 v. Chr. so, als im Rah­men der Kel­ten­krie­ge eine erste römi­sche Kolo­nie zur Siche­rung des Gebie­tes gegrün­det wur­de. Am nörd­lich­sten Zip­fel der Adria gele­gen war Aqui­leia der idea­le Aus­gangs­punkt für mili­tä­ri­sche Feld­zü­ge in die umkämpf­ten Aus­sen­rän­der des Römi­schen Rei­ches: Rich­tung Nor­den und Osten. Durch den Zugang zum Meer ent­wickel­te sich die Stadt zur wich­tig­sten Hafen­stadt der Adria und zwi­schen­zeit­lich zum wich­tig­sten Stütz­punkt für die römi­sche Armee über­haupt.


Die nörd­li­che Adria zu Zei­ten des römi­schen Reichs. Mit Aqui­leia als Kno­ten­punkt. Quel­le: Digi­tal Atlas of the Roman Empi­re

Die Lage und Funk­ti­on der Stadt als Dreh­schei­be zwi­schen Alpen­raum, Bal­kan und ita­lie­ni­schem Herz­land, die Ver­bin­dun­gen in den gesam­ten Mit­tel­meer­raum durch die Schiff­fahrt und die Bein­flus­sung durch weit­ge­rei­ste römi­sche Legio­nä­re las­sen auf ein von diver­sen kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen gepräg­tes Leben schlies­sen. Hier tref­fen Römer auf Illy­rer, Ger­ma­nen und Slaven. Hier gibt es auch noch die ursprüng­li­chen Wur­zeln der kel­ti­schen Car­ni — Völ­ker, wel­che durch die Römer nach Nor­den ver­drängt wor­den sind. Hier gibt es auch die unter Sol­da­ten belieb­ten Myste­ri­en­kul­te – des­halb kann heu­te unweit von Aqui­leia eine Myt­ras-Höh­le besich­tigt wer­den.

Durch die rege Han­dels­tä­tig­keit ist Aqui­leia eine wohl­ha­ben­de Stadt. Glas­blä­se­rei, Eisen­ver­hüt­tung und Schiff­bau sor­gen für wei­te­re Ein­nah­men. Dies zeigt sich im geho­be­nen Aus­bau vie­ler Gebäu­de. Ins­be­son­de­re die Kunst der Mosa­ik­bö­den wird in Aqui­leia in Voll­endung gepflegt. Die­se wun­der­voll gestal­te­ten Böden sind heu­te die eigent­li­che Attrak­ti­on für den Besu­cher der Rui­nen­stadt.

Von ihrer Grün­dung bis zu ihrer Zer­stö­rung durch die Hun­nen im Jah­re 452 durch­lebt die Stadt wech­sel­haf­te Zei­ten. Wegen ihrer stra­te­gi­schen Bedeu­tung ist Aqui­leia ein ‘Objekt der Begier­de’ im Wirr­warr der römi­schen Macht­spie­le und der begin­nen­den Völ­ker­wan­de­rung. So wird die Stadt immer wie­der bela­gert, sei es durch frem­de Volks­grup­pen, sei es im Rah­men inner­rö­mi­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Doch in den 600 Jah­ren bis zu ihrem Fall ver­mag nie­mand die Stadt zu erobern.


Basi­li­ka von Aqui­leia mit früh­christ­li­chem Mosa­ik­bo­den aus dem 4. Jahr­hun­dert. Bild: Peter Bru­de­rer

Eine aufstrebende Kirche

Das frü­he Chri­sten­tum ent­wickelt sich vor­wie­gend ent­lang des römi­schen Stras­sen­net­zes. Die­se ‘Auto­bah­nen’ von damals begün­sti­gen die schnel­le Aus­brei­tung des christ­li­chen Glau­bens. Schon sehr früh soll so das Evan­ge­li­um das Urba­ne Zen­trum Aqui­leia erreicht haben.

Der Legen­de nach soll der Evan­ge­list Mar­kus im Auf­trag von Petrus in Aqui­leia den neu­en Glau­ben ver­kün­det haben. Der erste Bischof von Aqui­leia soll Her­ma­go­ras gewe­sen sein. Das römi­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um (das amt­li­che Hei­li­gen­buch der katho­li­schen Kir­che) beschreibt sein Wir­ken und sei­nen Mär­ty­rer­tod:

„In Aqui­leia der Tod des hei­li­gen Her­ma­go­ras, eines Schü­lers des hei­li­gen Evan­ge­li­sten Mar­kus: er war der erste Bischof die­ser Stadt, heil­te auf wun­der­ba­re Wei­se Krank­hei­ten, ver­kün­de­te uner­müd­lich die evan­ge­li­sche Wahr­heit und bekehr­te gan­ze Volks­stäm­me; man hat­te schon ver­schie­de­ne Stra­fen über ihn ver­hängt; zuletzt wur­de er mit sei­nem Dia­kon For­tu­na­tus ent­haup­tet und konn­te so tri­um­phie­rend in den Him­mel ein­zie­hen.“ Mar­ty­ro­lo­gi­um

Schon in die­sem Bericht wird sicht­bar, dass die Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums im Rau­me Aqui­leia nicht ohne Lei­den und gros­se Opfer statt­fin­det. Die Liste der Mär­ty­rer von Aqui­leia ist lan­ge. Auch Hil­ari­us von Aqui­leia, ein Nach­fol­ger von Her­ma­go­ras auf dem Bischofs­sitz in Aqui­leia, wird 284 n. Chr. zu Tode gefol­tert, nach­dem er sich wei­ger­te, den heid­ni­schen Göt­tern in der Stadt Opfer zu brin­gen. Das Hei­li­gen­buch der Katho­li­schen Kir­che berich­tet auch von 4 Frau­en, Doro­thy, Eras­ma, Euphemia und The­cia, wel­che im ersten Jahr­hun­dert zum christ­li­chen Glau­ben kon­ver­tie­ren und fol­ge des­sen gefol­tert, geköpft und in den Fluss gewor­fen wer­den. Es bewahr­hei­tet sich, was der früh­christ­li­che Schrift­stel­ler Ter­tu­li­an fest­ge­stellt hat­te:

«Das Blut der Mär­ty­rer ist der Same der Kir­che.» Ter­tu­li­an, Apo­lo­ge­ti­cum, ca 200 n. Chr.

Die Ent­wick­lung der früh­christ­li­chen Gemein­de ist wun­der­schön doku­men­tiert in der auf das zehn­te Jahr­hun­dert datier­ten Kryp­ta, wel­che der früh­christ­li­chen Basi­li­ka von Aqui­leia ange­glie­dert ist. Hier wer­den die Beru­fung von Mar­kus, die Ein­set­zung von Her­ma­go­ras, des­sen Ent­haup­tung und auch der Tod des Dia­kons For­tu­na­tus in wun­der­ba­ren Bil­dern dar­ge­stellt und die Reli­qui­en der Mär­ty­rer For­tu­na­tus und Her­ma­go­ras auf­be­wahrt.


Cryp­ta der Basi­li­ka von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

Das Patri­ar­chat von Aqui­leia ent­wickelt sich zum Aus­gangs­punkt für die Aus­brei­tung des Evan­ge­li­ums weit über die Regi­on hin­aus, ins­be­son­de­re in den nörd­lich gele­ge­nen Alpen­raum hin­ein. Die bekann­te Basi­li­ka, deren Ursprün­ge auf das frü­he vier­te Jahr­hun­dert datiert wer­den, zeugt mit ihrem berühm­ten Mosa­ik­bo­den auch heu­te noch vom Glanz einer Zeit, in der das Evan­ge­li­um von Aqui­leia aus weit hin­aus in die umlie­gen­den heid­ni­schen Völ­ker getra­gen wird.

Doch die Händ­ler und Sol­da­ten, wel­che der Stadt Aqui­leia Wohl­stand brin­gen, sor­gen auch für eine Viel­zahl an welt­an­schau­li­chen und reli­giö­sen Kon­zep­ten. Dem­entspre­chend ent­wickelt sich Aqui­leia zu einem Brenn­punkt der Reli­gio­nen und christ­li­chen Son­der­leh­ren. Gera­de der nahe­ge­le­ge­ne Bal­kan soll­te immer wie­der ein Hot­spot wer­den für christ­li­che und nicht christ­li­che Son­der­leh­ren. In die­sem ‘Nie­mands­land’ zwi­schen den öst­li­chen und west­li­chen Zen­tren der Macht eta­blier­ten sich immer wie­der häre­ti­sche Glau­bens­rich­tun­gen – man sprach in spä­te­ren Jahr­hun­der­ten auch von einem soge­nann­ten ‘refu­gi­um hea­re­ti­co­rum’, einem Zufluchts­ort für Irr­leh­ren.

Die Kir­che der ersten Jahr­hun­der­te sieht sich in Aqui­leia kon­fron­tiert mit Gno­sti­schen Glau­bens­for­men und Myste­ri­en­kul­ten. Im vier­ten Jahr­hun­dert fin­den die Aus­ein­an­der­set­zun­gen um den Aria­nis­mus in Aqui­leia einen Höhe­punkt. Die­se Aus­prä­gung des Chri­sten­tums, wel­che 325 n. Chri­stus im Rah­men des Kon­zils von Nicäa durch die ver­sam­mel­ten Häup­ter der Kir­che ver­ur­teilt wird, sorgt auch in Aqui­leia für erhitz­te Gemü­ter. An der Syn­ode von Aqui­leia um 381 n. Chr. wer­den unter der Lei­tung von Ambro­si­us von Mai­land noch­mals Wei­sun­gen im Zusam­men­hang mit dem Aria­nis­mus erlas­sen. Es macht durch­aus Sinn, dass der Aria­ni­sche Glau­be in Aqui­leia ein­fluss­reich ist. Sei­ne Grün­der­fi­gur ist Ari­us von Alex­an­dria – Alex­an­dria, die ägyp­ti­sche Metro­po­le, die durch regen Schiffs­ver­kehr mit der nord­ita­lie­ni­schen Hafen­stadt ver­bun­den ist.


Der ehe­ma­li­ge Fluss­ha­fen von Aqui­leia. Bild: Peter Bru­de­rer

Doch der Schiffs­ver­kehr funk­tio­niert bekannt­lich in bei­de Rich­tun­gen. Eine der Per­so­nen, wel­che Aqui­leia in Rich­tung Alex­an­dria ver­lässt, ist der Mönch, Histo­ri­ker und Theo­lo­ge Rufin. Die­se eher unbe­kann­te, aber fas­zi­nie­ren­de Gestalt der Kir­chen­ge­schich­te bereist Ägyp­ten und den Ori­ent bis nach Meso­po­ta­mi­en. Bekannt wird er für sei­ne Über­set­zun­gen von christ­li­chen Schrif­ten aus dem Grie­chi­schen ins Latei­ni­sche. In den wei­te­ren Arti­keln wer­de ich mich mit ihm als Per­son und mit sei­ner Aus­le­gung des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses befas­sen.

Das vier­te Jahr­hun­dert bringt, neben zuneh­men­den Frei­hei­ten für die Chri­sten im Rah­men der Kon­stan­ti­ni­schen Wen­de, auch eine wach­sen­de Ver­quickung der Kir­che mit der Poli­tik. Wäh­rend die frü­he­ren Genera­tio­nen von Chri­sten für ihr Glau­bens­be­kennt­nis oft einen hohen Preis bezah­len muss­ten, wird der christ­li­che Glau­be im vier­ten Jahr­hun­dert zum tole­rier­ten, dann geför­der­ten und letzt­lich, im Jahr 380, zum staat­lich ver­ord­ne­ten Glau­ben.

Dass das Chri­sten­tum der neue ‘Main­stream’ ist, sorgt auch für Gegen­re­ak­tio­nen. Kai­ser Juli­an ‘der Apostat’, ein Nef­fe Kon­stan­tins, erlebt als Kind die Intri­gen am Kai­ser­hof, sowie die Ermor­dung sei­nes Vaters und sei­nes älte­ren Bru­ders. Ange­wi­dert durch die unchrist­li­chen Macht­spie­le der christ­li­chen Macht­ha­ber wird er zum erklär­ten Geg­ner des Chri­sten­tums und ins­be­son­de­re des sich anbah­nen­den Staats­chri­sten­tums. Von ihm ist der fol­gen­de Satz fest­ge­hal­ten:

«Die Men­schen sol­len belehrt und gewon­nen wer­den durch Grün­de der Ver­nunft und nicht durch Schlä­ge, Schmä­hun­gen und kör­per­li­che Stra­fen.» Das Chri­sten­tum der Anti­ke, Kind­le Pos 5087

Im Jahr 361 n. Chr. steht Juli­an ‘der Apostat’ vor den Toren von Aqui­leia und bela­gert die Stadt. Doch auch der letz­te römi­sche Kai­ser, wel­cher den christ­li­chen Glau­ben zugun­sten des Hei­den­tums ablehnt, ver­mag den Wider­stand der Stadt nicht zu bre­chen.

In kirch­li­chen Krei­sen gewinnt in die­ser Zeit die mona­sti­sche Bewe­gung zuneh­mend an Bedeu­tung. Auch die­se muss als Reak­ti­on auf die zuneh­men­de Ver­flech­tung des Chri­sten­tums mit dem Staat ver­stan­den wer­den. Die mona­sti­sche Bewe­gung bot ihren Anhän­gern die Mög­lich­keit, den Glau­ben kon­se­quen­ter als die All­ge­mein­heit zu leben. Der Rück­zug ins aske­ti­sche Leben war auch eine Ant­wort auf den zuneh­men­den gesell­schaft­li­chen Zer­fall jener Zeit. Die mona­sti­sche Bewe­gung, wel­che ihren Ursprung vor allem in den aske­ti­schen Bewe­gun­gen der Ost­kir­chen hat­te, gewinnt auch im Raum Aqui­leia an Ein­fluss. Die Stadt ent­wickelt sich zu einem der ersten west­li­chen Zen­tren des Mönch­tums. Einer die­ser Mön­che ist Rufin von Aqui­leia.

Doch gegen Ende des vier­ten Jahr­hun­derts steht auch schon die näch­ste gros­se Umwäl­zung bevor: die begin­nen­de Völ­ker­wan­de­rung wirft ihre Vor­schat­ten auf Stadt und Kir­che.


Die Drei­tei­li­ge Basi­li­ka: Links die Haupt­ba­si­li­ka mit Turm, Rechts die acht­ecki­ge Tauf­kir­che, dazwi­schen die Hei­den­kir­che. Bild: Peter Bru­de­rer

Zerstörung und Wiederaufbau

Nach den theo­lo­gi­schen Wirr­nis­sen der vor­her­ge­hen­den Jahr­zehn­te erfreut sich die Kir­che in Aqui­leia Ende des vier­ten Jahr­hun­derts unter der Lei­tung von Bischof Chro­ma­ti­us rela­tiv fried­li­cher Zei­ten. Doch auf der poli­ti­schen Ebe­ne brau­en sich gros­se Stür­me zusam­men. Um 395 n. Chr. zer­bricht das römi­sche Reich in ein west­li­ches und ein öst­li­ches Reich. Die Stadt Aqui­leia sieht sich zuneh­mend bedroht durch die Völ­ker­wan­de­rung, wel­che auch mit Plün­de­run­gen und Ver­wü­stun­gen ver­bun­den ist. Die Bevöl­ke­rung zieht sich zurück in siche­re­re Gefil­de, das heisst in das Lagu­nen­städt­chen Gra­do, wel­ches über einen natür­li­chen Schutz ver­fügt und nicht auf der Haupt­ver­kehrs­ach­se in Rich­tung Westen liegt. Auch Bischof Chro­ma­ti­us zieht sich nach Gra­do zurück, wo er unge­fähr 406 n. Chr. stirbt.

Wäh­rend die ersten gros­sen Völ­ker­wan­de­rungs­zü­ge noch mehr­heit­lich aus chri­stia­ni­sier­ten Völ­kern wie den Lan­go­bar­den und West­go­ten bestehen, wel­che auf die Zer­stö­rung der Kir­chen­ge­bäu­de ver­zich­ten, bringt der Sturm der Hun­nen unter Atti­la im Jah­re 452 die radi­ka­le Ver­wü­stung und Zer­stö­rung der Stadt mit sich. Sie soll­te sich nie mehr erho­len, auch die Kir­che soll­te nie wie­der mit der ver­gleich­ba­ren Aus­strah­lung von Aqui­leia aus Wir­ken, wie sie es zu ihrer Blü­te­zeit getan hat­te.

Trotz­dem rafft man sich in den dar­auf­fol­gen­den Zei­ten wie­der auf. Ein Zeu­ge des Wie­der­auf­baus ist die Kir­che von Aqui­leia, wie sie uns heu­te in ihrer gan­zen Schön­heit begeg­net. Die­se doku­men­tiert mit ihrer Drei­tei­lung in Basi­li­ka, Hei­den­kir­che und Bap­ti­ste­ri­um, wie die Kir­che unter ande­rem auf die Her­aus­for­de­rung des ‘Mainstream’-Christentums reagier­te. Lesen wir in den neu­te­sta­ment­li­chen Berich­ten noch von ‘Spon­tantau­fen’ (Apg 8:36 – 37, Apg 10:47), so hat sich schon sehr bald eine Kul­tur eta­bliert, Men­schen erst in einem Kate­che­se-Unter­richt zu schu­len, bevor man sie tauf­te und als Mit­glie­der der christ­li­chen Gemein­de auf­nahm. Die­ser Pro­zess der Jün­ger­schaft und theo­lo­gi­schen Basis­bil­dung ist an der Kir­che in Aqui­leia ganz kon­kret an den drei ver­schie­de­nen, zusam­men­ge­bau­ten Gebäu­den ersicht­lich. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass es ab dem vier­ten Jahr­hun­dert auch Vor­tei­le bie­tet, Christ zu wer­den, und des Umstan­des, dass am christ­li­chen Glau­ben inter­es­sier­te Men­schen auch heid­ni­sche Bräu­che und Son­der­leh­ren mit im Gepäck haben, macht ein vor­sich­ti­ges Vor­ge­hen bei der Auf­nah­me von Kir­chen­mit­glie­dern ein­deu­tig Sinn. Die­ses Vor­ge­hen bei der Auf­nah­me von Kir­chen­mit­glie­dern soll­te auch uns ver­an­las­sen, uns Gedan­ken zu machen über unse­re Hand­ha­bung von Tau­fe und Jün­ger­schaft – auch Gedan­ken über unse­re Pra­xis von Mis­si­on, die ja von unse­rer Vor­stel­lung des Ver­hält­nis­ses Kirche/Welt abhän­gig ist. For­men und Wege der Glau­bens­ver­kün­di­gung und ‑ver­mitt­lung kön­nen – ja müs­sen – sich wan­deln, je nach­dem in wel­cher Situa­ti­on sich Kir­che und Gesell­schaft befin­den. Die Sub­stanz des Glau­bens aber bleibt die­sel­be, wel­che Jesus sei­nen Jün­gern anbe­foh­len hat­te (Mt 28:18 – 20).

In Aqui­leia begeg­net uns Geschich­te mit ihrer vol­len Wucht: Auf­stieg, Glanz, Macht, Zer­stö­rung, Flucht und Neu­an­fän­ge einer Stadt las­sen sich sicht­bar an den Stei­nen der Rui­nen­stadt nach­voll­zie­hen. Und genau­so reden die Stei­ne der christ­li­chen Basi­li­ka zu uns. Mit ihrem Mosa­ik­bo­den, wel­cher als gröss­tes alt­kirch­li­ches Mosa­ik in Ita­li­en gilt, erin­nert sie an die rei­che christ­li­che Kul­tur des vier­ten Jahr­hun­derts mit ihrer gan­zen Strahl­kraft. Vor hun­dert Jah­ren wur­de die­ser Boden wie­der frei­ge­legt. Sie ist das stei­ner­ne Zeug­nis eines leben­di­gen Got­tes, der sei­ne Gemein­de auch in den Umbrü­chen der Zeit erhält und bewahrt. Auch dra­ma­ti­sche Ereig­nis­se bedeu­ten nicht das Ende für die christ­li­che Gemein­de, son­dern höch­sten der Über­gang in eine näch­ste Pha­se. Der letz­te Garant der Kir­che ist nicht der Mensch, son­dern der Gute Hir­te selbst, der ver­spro­chen hat: «Ich will mei­ne Kir­che bau­en!» (Vgl. Mt 16:18). Er tat es damals. Er tut es auch heu­te in den Umwäl­zun­gen und Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit!


Die Tauf­kir­che aus der Zeit von Bischof Chro­ma­ti­us, Ende 4. Jahr­hun­dert. Bild: Peter Bru­de­rer

Schlussbemerkungen

Ich bin nicht Histo­ri­ker, son­dern schrei­be ledig­lich als histo­risch inter­es­sier­ter Laie. Jah­res­zah­len und Zah­len­an­ga­ben sind mit der nöti­gen Vor­sicht zu genies­sen; bio­gra­fi­sche und geschicht­li­che Ereig­nis­se wer­den in der Lite­ra­tur zum Teil abwei­chend von­ein­an­der dar­ge­stellt. Hier noch eini­ge Recour­cen wel­che mir gehol­fen haben:

  • Die­se umfang­rei­che Doku­men­ta­ti­on der Aqui­leia-Stif­tung gibt wert­vol­le Ein­blicke in die Geschich­te der Stadt und Kir­che
  • Chri­sten­tum in der Anti­ke, das erste Kir­chen­ge­schichts­band mei­nes ver­stor­be­nen Leh­rers Peter H. Uhl­mann gibt einen ver­ständ­li­chen Ein­blick in die ersten Jahr­hun­der­te der Kir­chen­ge­schich­te, mit einem beson­de­ren Augen­merk auf dis­si­den­te Bewe­gun­gen.
  • Armin Siers­zyn, 2000 Jah­re Kir­chen­ge­schich­te, Band 1
  • Aqui­leia-Geschich­te Kunst Archäo­lo­gie, Bru­no Fachin Hrsg.
  • Aqui­leia Mosai­ci, Bru­no Fachin Hrsg.
  • Aqui­leia, Die Basi­li­ka, Ein Kurz­füh­rer, Schnell + Stei­ner

 

Gren­zen­lo­se Begei­ste­rung bei den Kids! Bild: Peter Bru­de­rer

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