Aquileia 2/4 — Rufin der Missionar

Peter Bruderer
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Schon oft hat er die Schif­fe andocken und wie­der able­gen sehen im Hafen von Aqui­leia. Im Alter von 27 Jah­ren ist es für ihn sel­ber soweit: Rufin von Aqui­leia segelt mit sei­nem For­scher­drang und sei­nem Gott ‹im Gepäck› dem Ori­ent ent­ge­gen. Fast 30 Jah­re wird er unter­wegs sein zwi­schen Ägyp­ten und Meso­po­ta­mi­en. Zurück­keh­ren wird er als pro­fun­der Ken­ner des dama­li­gen Chri­sten­tums, als Über­set­zer bedeu­ten­der histo­ri­scher und theo­lo­gi­scher Schrif­ten und als Grün­der eines Klo­sters in Jeru­sa­lem. Den­noch soll­te er nur eine Rand­no­tiz der Kir­chen­ge­schich­te wer­den. Denn Rufin war nicht nur ‘zur fal­schen Zeit gebo­ren’, er macht sich auch die fal­sche Per­son zum Feind.

Das vier­te Jahr­hun­dert neigt sich dem Ende zu. Es ist das gol­de­ne Zeit­al­ter der Kir­chen­vä­ter. Hie­ro­ny­mus pro­fi­liert sich als Über­set­zer der gan­zen Bibel ins Latei­ni­sche, eine Über­set­zung, wel­che unter dem Namen ‹Vul­ga­ta› zum Norm­text der katho­li­schen Kir­che wer­den soll­te. Ambro­si­us prä­sen­tiert sich als gewief­ter Kir­chen­po­li­ti­ker, wel­cher die Begün­sti­gung des Chri­sten­tums und letzt­end­li­che ihre Erhe­bung zur Staats­re­li­gi­on mass­geb­lich mit­prägt. Und mit Augu­sti­nus steigt grad der ganz gros­se Stern am Theo­lo­gen­him­mel auf, der mit Wer­ken wie ‘Bekennt­nis­se’ (Con­fes­sio­nes), ‘Die Got­tes­bür­ger­schaft’ (De civi­ta­te dei) und einem apo­lo­ge­ti­schen Rie­sen­werk den christ­li­chen Glau­ben mit den Phi­lo­so­phi­en sei­ner Zeit dia­log­fä­hig machen wird.

Da kann Rufin sich noch so als Über­set­zer wesent­li­cher Schrif­ten wie der Kir­chen­ge­schich­te von Euse­bi­us oder den Schrif­ten des Theo­lo­gen Orige­nes pro­fi­lie­ren. Da kann er sich durch sei­nen Kom­men­tar zum apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis oder der Grün­dung des ersten latei­ni­schen Klo­sters in Jeru­sa­lem ver­dient machen. Die Cham­pi­ons­league der Kir­chen­ge­schich­te bleibt ihm ver­wehrt. Denn irgend­wann hat er sich mit sei­nem ein­fluss­rei­chen Freund Hie­ro­ny­mus über­wor­fen. Rufin bleibt in den gän­gi­gen Kir­chen­ge­schichts­bü­chern eine Fuss­no­te im Zusam­men­hang mit ande­ren, ‘wich­ti­ge­ren’ Namen.

Mir per­sön­lich gefällt es, mich auch mal abseits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de zu bewe­gen, sowohl im eige­nen Leben, als auch in mei­nem Nach­for­schen. Got­tes Geschich­te mit den Men­schen ist nicht ein­fach deckungs­gleich mit den Schlag­zei­len der Geschichts­bü­cher. Geschichts­bü­cher wer­den zumeist von denen geschrie­ben, wel­che in der Geschich­te als Sie­ger her­vor­ge­gan­gen sind. Doch Gott hat sei­ne eige­ne Geschichts­schrei­bung. Des­halb inter­es­siert mich Rufin, die­se ver­ges­se­ne Figur der Kir­chen­ge­schich­te.

Rufin fin­det man auch unter dem latei­ni­schen Namen Rufi­nus oder Tyran­ni­us Rufi­nus, oder auch mit Orts­be­zeich­nun­gen: Rufin von Con­cordia, Rufin von Aqui­leia, oder auch mal unter dem namen Rufus.


Rufin­dar­stel­lung,
Quel­le: Öster­rei­chi­sche Natio­nal­bi­blio­thek

Chronologie / Biographie

345

Rufin wird in Con­cordia bei Aqui­leia gebo­ren. Sei­ne Eltern sol­len Chri­sten gewe­sen sein. Rufin ist an Lite­ra­tur und Wis­sen­schaft sehr inter­es­siert.

359

Schon im Alter von 14 Jah­ren kann Rufin zur Aus­bil­dung in Rhe­to­rik und Phi­lo­so­phie nach Rom gehen. Dort befasst er sich mit den Wer­ken der latei­ni­schen und grie­chi­schen Kir­chen­vä­ter, wobei er die grie­chi­schen Kir­chen­vä­ter noch man­gels Sprach­kennt­nis­sen auf Latein lesen muss. Hier lernt er Hie­ro­ny­mus (auch bekannt unter dem Namen Jero­me) ken­nen und befreun­det sich mit ihm.

370

Im Alter von etwa 25 Jah­ren tritt Rufin in die mona­sti­sche Gemein­schaft in Aqui­leia ein. Hier wird er von Bischof Vale­ria­nus getauft und als Assi­stent des spä­te­ren Bischofs Chro­ma­ti­us ein­ge­setzt. Auch Hie­ro­ny­mus soll sich zwi­schen­zeit­lich in die mona­sti­sche Gemein­schaft von Aqui­leia ein­ge­fun­den haben.

372

Um die­se Zeit sieht sich Hie­ro­ny­mus ver­an­lasst, in den Ori­ent zu rei­sen. Rufin beschliesst, es sei­nem Freund gleich­zu­ma­chen und reist auch nach Alex­an­dria, wo er sich der Schu­le von Didy­m­us anschliesst. Hier kommt er (wie auch Hie­ro­ny­mus) in Kon­takt mit den Wer­ken von Orige­nes – dem ein­fluss­rei­chen und kon­tro­ver­sen Begrün­der der alle­go­ri­schen Aus­le­gungs­me­tho­de der Hei­li­gen Schrift. Rufin begeg­net hier auch dem damals 75-jäh­ri­gen berühm­ten Aske­ten Maka­ri­us von Alex­an­dri­en und lernt Mela­nia die Älte­re ken­nen. Die­se wird eine wich­ti­ge Ver­bün­de­te im Leben von Rufin. Mela­nia soll ‘eine auf­rich­ti­ge Bewun­de­rin sei­ner Tugend’ gewe­sen sein. Sie wird ihm zu einem spä­te­ren Zeit­punkt in Rich­tung Jeru­sa­lem fol­gen und von dort bis an sein Lebens­en­de.
In Alex­an­dri­en wird der Glau­be von Rufin aber auf die Pro­be gestellt. Anhän­ger der Aria­ni­schen Son­der­leh­re (wel­che 325 nach Chri­stus auf dem Kon­zil von Nicäa ver­ur­teilt wor­den war), haben sich des bischöf­li­chen Stuhls in Alex­an­dria bemäch­tigt und ver­su­chen, unter­stützt durch den aria­ni­schen Kai­ser Valens, ihre Sicht der christ­li­chen Leh­re durch­zu­set­zen. Für Rufin bedeu­te­te dies Ker­ker sowie Miss­hand­lung durch die Hand der Aria­ner.
Dass er wie­der frei­kommt hat Rufin der wohl­ha­ben­den Mela­nia zu ver­dan­ken, wel­che ihr Ver­mö­gen ein­setzt, um ihm und ande­ren ver­folg­ten Geist­li­chen zu hel­fen.

377

Mit Mela­nia und ande­ren ver­folg­ten Chri­sten zieht Rufin nach Jeru­sa­lem wo er dank eines Emp­feh­lungs­schrei­bens von Hie­ro­ny­mus freund­lich auf­ge­nom­men wird. Hier wirkt Rufin um ca. 380 als Mit­be­grün­der des Män­ner­klo­sters am Ölberg, wäh­rend die Stif­te­rin Mela­nia das dazu­ge­hö­ri­ge Frau­en­klo­ster lei­tet. Durch die vie­len Kon­tak­te mit Pil­gern ver­brei­tet sich der Ruf von Rufin als Gelehr­ter. Er scheint sich beson­ders um Men­schen zu bemü­hen, die hin­sicht­lich der ortho­do­xen Kir­chen­leh­re abwei­chen­de Ansich­ten ver­tre­ten. Er wird zum Mis­sio­nar und Seel­sor­ger für fehl­ge­lei­te­te Chri­sten:

«Mit der prie­ster­li­chen Wei­he aus­ge­rü­stet ent­fal­te­te sodann Rufin eine eif­ri­ge und erfolg­rei­che Tätig­keit in der Seel­sor­ge, die nament­lich auch durch zahl­rei­che Kon­ver­sio­nen von Anhän­gern des antio­che­ni­schen Schisma’s wie der mace­do­nia­ni­schen und aria­ni­schen Häre­sie gekrönt wur­de.» Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Uni­ver­si­tät Fri­burg

In Jeru­sa­lem wen­det sich Rufin auch dem Stu­di­um der grie­chi­schen Spra­che zu und fängt an, sich als Über­set­zer grie­chi­scher Wer­ke ins Latein einen Namen zu machen. Den Anfang machen die Geschichts­bü­cher von Fla­vi­us Jose­phus. Spä­ter fol­gen Wer­ke des Orige­nes. In die­se Zeit fal­len auch diver­se Rei­sen von Rufin. So soll er unter ande­rem auch Meso­po­ta­mi­en besucht haben, ein Gebiet, wel­ches heu­te mehr­heit­lich im Irak liegt.

385

Sein Freund Hie­ro­ny­mus kommt 385 nach diver­sen Rei­sen wie­der ins Hei­li­ge Land, wo er in Beth­le­hem ein eige­nes Klo­ster grün­det und die durch das gemein­sa­me wis­sen­schaft­li­che Inter­es­se genähr­te Freund­schaft mit Rufin wei­ter pflegt. Doch nach 25 Jah­ren der Freund­schaft wird in die­se Zeit hin­ein der Same der Feind­schaft zwi­schen den bei­den Freun­den gesät.

Mee­res­land­schaft im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia, Aus­schnitt.
Bild: Peter Bru­de­rer

392

Hin­ter­grund des sich anbah­nen­den Bruchs der Freund­schaft ist ein Mönch Namens Ater­bi­us. Die­ser kommt ums Jahr 392 nach Jeru­sa­lem und bezich­tigt Rufin wie auch Hie­ro­ny­mus, Anhän­ger von Irr­leh­ren des Orige­nes zu sein. Orige­nes war schon immer ein umstrit­te­ner Theo­lo­ge gewe­sen, wel­cher aber mit sei­nem umfang­rei­chen Werk auch gros­se Fas­zi­na­ti­on aus­üb­te. In die­ser Situa­ti­on kommt Hie­ro­ny­mus umge­hend der Auf­for­de­rung nach, sich öffent­lich von den Irr­tü­mern des Orige­nes zu distan­zie­ren. Rufin dage­gen scheint in sei­nem per­sön­li­chen Stolz getrof­fen zu sein und wei­gert sich, auf die For­de­run­gen von Ater­bi­us ein­zu­ge­hen. Sei­nen Freund Hie­ro­ny­mus soll er der unnö­ti­gen Schwä­che gegen­über einem ‘daher­ge­lau­fe­nen Mönch’ bezich­tigt haben.

In einer spä­te­ren Schrift – sei­nem Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum – wird Rufin noch ein­zel­ne pro­ble­ma­ti­sche Lehr­mei­nun­gen von Orige­nes ableh­nen, ohne jedoch den Leh­rer Orige­nes sel­ber beim Wort zu nen­nen. So wird er sich gegen All­ver­söh­nung äus­sern, eine Leh­re, für die Orige­nes Sym­pa­thi­en hat­te.

War es ein Feh­ler sich erha­ben über die Vor­wür­fe von Ater­bi­us zu füh­len? War es ein Feh­ler, Orige­nes durch ‘Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rung’ in Schutz zu neh­men? Viel­leicht schon. Jeden­falls wird der Zwi­schen­fall in Jeru­sa­lem zum Aus­gangs­punkt dafür, dass sich Hie­ro­ny­mus in sei­nen ein­fluss­rei­chen Schrif­ten fort­an kri­tisch über Rufin äus­sert. In sei­ner kurz dar­auf erschei­nen­den Schrift De Viris illu­s­tri­bus (= «berühm­te Män­ner») igno­riert Hie­ro­ny­mus sei­nen lang­jäh­ri­gen Freund ganz und gar, wäh­rend er nicht weni­ger als 135 ande­re Per­so­nen mit Kurz­bio­gra­fi­en wür­digt. Das wird auch einer der Grün­de sein, war­um Rufin in der kirch­li­chen Geschichts­schrei­bung kaum Beach­tung fin­det.

394

Kurz dar­auf, im Jah­re 394, kommt es zu einem Ver­mitt­lungs­ver­such durch Mela­nia, wel­che sich um eine Ver­söh­nung der bei­den ehe­ma­li­gen Freun­de bemüht. In der Gra­bes­kir­che von Jeru­sa­lem rei­chen sich die bei­den Kon­tra­hen­ten die Hand.

397

Als Begleit­per­son von Mela­nia ver­lässt Rufin 397 das Hei­li­ge Land und kommt nach Rom. Hier macht er sich als Dienst für einen gewis­sen Maka­ri­us an die Über­set­zung der Apo­lo­gie für Orige­nes. Wei­te­re Über­set­zungs­wer­ke fol­gen. Rufin scheint sicht­lich bemüht, den Ruf von Orige­nes zu ver­bes­sern. Er geht sel­ber davon aus, dass die Wer­ke von Orige­nes nach ihrer Ver­fas­sung diver­se Fäl­schun­gen durch Häre­ti­ker erlit­ten haben. Des­halb greift er sel­ber redak­tio­nell bei sei­ner Über­set­zungs­ar­beit ein, wie er in der Ein­lei­tung sei­ner Über­set­zung des Peri archon offen zugibt. Das wie­der­um soll­te ihm zum Vor­wurf gemacht wer­den.

Nach Voll­endung sei­ner Über­set­zungs­tä­tig­kei­ten in Rom kehrt Rufin als Weit­ge­rei­ster in sei­ne Hei­mat Aqui­leia zurück. Mit dabei hat er ein Emp­feh­lungs­schrei­ben von Papst Siri­ci­us.

Gegen 30 Jah­re sind wohl ver­gan­gen, seit er aus­ge­zo­gen ist von Aqui­leia. Er hat Spra­chen gelernt, Ker­ker von innen gese­hen, ein Klo­ster gegrün­det, Schrif­ten ver­fasst und die dama­li­ge Welt des Ostens von Ägyp­ten bis Meso­po­ta­mi­en bereist. Wie wohl kaum ein ande­rer hat er die Viel­falt und die unter­schied­li­chen Lehr­tra­di­tio­nen der dama­li­gen Chri­sten­heit ken­nen­ge­lernt.

Doch vor­bei ist es damit nicht mit dem Ärger. Denn Hie­ro­ny­mus wird auf die Wer­ke auf­merk­sam, wel­che Rufin in Rom über­setzt hat. In die­sen weist Rufin auch auf die anfäng­li­che Begei­ste­rung von Hie­ro­ny­mus für die Schrif­ten von Orige­nes hin. Für Hie­ro­ny­mus ist dies sehr ärger­lich. Mitt­ler­wei­le hat Ana­sta­si­us – ein guter Freund von Hie­ro­ny­mus – den ver­stor­be­nen Siri­ci­us als Bischof von Rom abge­löst. Hie­ro­ny­mus erwirkt, dass die­ser Rufin nach Rom zitiert um per­sön­lich Ver­ant­wor­tung abzu­le­gen über sei­nen Glau­ben. Doch Rufin erweist sich wie schon damals in Jeru­sa­lem als ‘schwie­ri­ger Fall’. Er wei­gert sich unter Ver­weis auf Gesund­heit und Fami­li­en­ver­hält­nis­se, dem Auf­ge­bot nach Rom nach­zu­kom­men. Statt­des­sen ver­fasst er eine schrift­li­che Ant­wort, in wel­cher er sich ‘in durch­aus recht­gläu­bi­gem Sin­ne über Tri­ni­tät, Incar­na­ti­on, Auf­er­ste­hung des Flei­sches, Gericht, Ewig­keit der Höl­len­stra­fen, Ursprung der See­le’ äus­sert (Vgl. Biblio­thek der Kir­chen­vä­ter, Uni­ver­si­tät Fri­burg). Er betont dabei, dass er nur der Über­set­zer von Orige­nes und nicht des­sen Ver­tei­di­ger oder Befür­wor­ter sei.

401

Doch die schrift­li­che Erklä­rung von Rufin wird in Rom weder vom Papst noch von Hie­ro­ny­mus akzep­tiert. Hie­ro­ny­mus bezeich­net Rufin als Drücke­ber­ger und der Papst äus­sert sei­nen Unmut über Rufin’s Über­set­zungs­ar­bei­ten in einem Brief an den Bischof von Jeru­sa­lem. Als Rufin davon erfährt, sieht er sich zu zwei wei­te­ren Schrif­ten zur Ver­tei­di­gung sei­nes Glau­bens ver­an­lasst. In die­sen zeigt sich deut­lich wie tief betrof­fen und gekränkt Rufin durch die kon­stan­ten Anschul­di­gun­gen gegen­über sei­ner Per­son ist. Rufin greift Hie­ro­ny­mus mit unz­im­per­li­chen Wor­ten an. Hie­ro­ny­mus, sel­ber ein äus­serst tem­pe­ra­ment­vol­ler und von sich selbst über­zo­ge­ner Zeit­ge­nos­se, denkt nicht dar­an, klein bei­zu­ge­ben. Er kon­tert die Vor­wür­fe. Miss­trau­en, Arg­wohn und per­sön­li­cher Stolz schei­nen zu die­sem Zeit­punkt auf bei­den Sei­ten über­hand­zu­neh­men. Es ent­wickelt sich ein Schlag­ab­tausch, der schrift­lich und auch öffent­lich geführt wird. So ver­däch­tigt Hie­ro­ny­mus Rufin, ihn bei der nord­afri­ka­ni­schen Kir­che ange­schwärzt zu haben. Er schickt eine sei­ner Rufin-kri­ti­schen Schrif­ten an die nord­afri­ka­ni­sche Kir­che, wor­auf sich der in Nord­afri­ka wir­ken­de Augu­sti­nus mit einem Auf­ruf zur Ver­söh­nung ein­schal­tet. Ob die­ser Auf­ruf Wir­kung zeigt ist nicht bekannt, doch nach die­ser Inter­ven­ti­on ergreift Hie­ro­ny­mus nicht wie­der die Feder gehen Rufin, solan­ge die­ser lebt.

Rufin sel­ber kann sich wie­der kon­struk­ti­ve­ren Pro­jek­ten zuwen­den – dem Schrei­ben und Über­set­zen von Tex­ten. So ent­steht in die­ser Zeit nach dem gros­sen Streit auf Wunsch von Chro­ma­ti­us, dem Bischof von Aqui­leia, eine Über­set­zung der Kir­chen­ge­schich­te von Euse­bi­us, wel­che er sel­ber bis ins Jahr 395 hin­ein ergänzt. Auch in die­se Zeit – ver­mut­lich ins Jahr 404 – fällt die Ver­fas­sung sei­nes Kom­men­tars zum Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis, dem ich mich in den näch­sten zwei Arti­keln wid­men wer­de.

410

Viel­leicht war in den Jah­ren nach der Jahr­hun­dert­wen­de auch auf­grund der geo­po­li­ti­schen Lage weni­ger Zeit übrig für per­sön­li­che Ani­mo­si­tä­ten. Schon seit län­ge­rer Zeit war das römi­sche Reich durch die auf­kom­men­de Völ­ker­wan­de­rung bedroht. Zudem war der Rufin gegen­über skep­tisch gesinn­te Papst Ana­sta­si­us Ende 401 gestor­ben und damit mög­li­cher­wei­se auch die ‘Akte Rufin’ geschlos­sen wor­den. In Aqui­leia bedro­hen die Lan­go­bar­den die Stadt, und im Jah­re 410 fällt die Stadt Rom beim Sturm der Visi­go­ten. Ange­sichts der Bedro­hung durch die Lan­go­bar­den ver­lässt Rufin die Stadt in Rich­tung Rom. Er nimmt Mela­nia und ihre Ange­hö­ri­gen mit und zieht nach Süden in Rich­tung Sizi­li­en, wo er ver­mut­lich um die Jah­res­wen­de 410/411 in Mes­si­na stirbt.

Wäh­rend es Hie­ro­ny­mus nach dem Tod von Rufin nicht las­sen kann, des­sen Tod mit bit­te­ren Wor­ten zu kom­men­tie­ren, sind ande­re des Lobes voll. Nam­haf­te Per­so­nen wie Pal­la­di­us, Cas­sia­nus, Gen­na­di­us, Sido­ni­us oder Papst Gel­asi­us rüh­men Rufin. Pau­li­nus von Nola soll Rufin als ‘wirk­lich hei­lig und hoch­ge­bil­det’ gewür­digt haben.


Mee­res­land­schaft im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia, Aus­schnitt.
Bild: Peter Bru­de­rer

Persönliches Fazit

Die Geschich­te von Rufin gewährt einen ein­ma­li­gen Ein­blick in die Über­gans­zeit vom drit­ten zum vier­ten Jahr­hun­dert und in das Leben eines weit­ge­rei­sten christ­li­chen ‘Influ­en­cers’ der dama­li­gen Zeit.

Die geo­po­li­ti­sche Lage war wegen Reichs­tei­lung und begin­nen­der Völ­ker­wan­de­rung äus­serst insta­bil. Gleich­zei­tig wur­de die Kir­che, wel­che 380 die Erhe­bung des Chri­sten­tums zur Staats­re­li­gi­on erleb­te, zuneh­mend in die poli­ti­schen Macht­spie­le ver­wickelt. Nach 300 Jah­ren des welt­wei­ten Wachs­tums war die Kir­che sel­ber mit einem theo­lo­gi­schen Plu­ra­lis­mus kon­fron­tiert. Das führ­te zu Bemü­hun­gen, die Kern­in­hal­te der christ­li­chen Leh­re in Form von Bekennt­nis­sen schrift­lich fest­zu­hal­ten. Wie die Kir­che von damals unvoll­kom­men war, so auch Rufin, die Haupt­fi­gur die­ses Arti­kels. Doch wie Gott in den Wir­ren jener Zeit sei­ne Geschich­te schrieb, so auch trotz der Unvoll­kom­men­heit sei­nes Die­ners Rufin.

Rufin war zwei­fel­los intel­li­gent, begabt und vom Wunsch beseelt, Gott mit sei­nem Leben zu die­nen. Dass er sich dem mona­sti­schen Leben ver­pflich­tet hat, wel­ches mit Ent­halt­sam­keit und Aske­se ver­bun­den war, ist eine Bestä­ti­gung dafür.

Ein wesent­li­ches Merk­mal sei­ner Bio­gra­phie scheint die Aus­ein­an­der­set­zung mit ver­schie­de­nen Glau­bens­strö­mun­gen gewe­sen zu sein. Das ist nicht erstaun­lich, war doch Rufins Hei­mat­stadt Aqui­leia, bedingt durch ihre geo­gra­phi­sche Lage einer Viel­zahl von reli­giö­sen Ein­flüs­sen und christ­li­chen Lehr­mei­nun­gen aus­ge­setzt. Spä­ter, im Rah­men sei­ner aus­ge­dehn­ten Rei­sen und im Rah­men sei­ner Begeg­nun­gen mit Pil­gern aus aller Welt in Jeru­sa­lem, ist er wohl fast jeder Aus­prä­gung des christ­li­chen Glau­bens begeg­net, wel­che die dama­li­ge Welt gekannt hat. Rufin kann­te den Glau­ben, wie er in der West- und der Ost­kir­che gelebt wur­de, wohl wie kaum ein ande­rer Zeit­ge­nos­se.

Gera­de die Berich­te aus sei­ner Wir­kungs­zeit in Jeru­sa­lem prä­sen­tie­ren ihn als Mis­sio­nar unter Chri­sten. Rufin scheint sicht­lich bemüht gewe­sen zu sein, Men­schen zu einem gesun­den und biblisch begrün­de­ten Glau­ben zu ver­hel­fen. Wir befin­den uns mit­ten in der Über­gangs­zeit vom tole­rier­ten Chri­sten­tum zum Staats­chri­sten­tum. Christ zu sein war ‘Hip’ und sozu­sa­gen der Mega­trend der Stun­de. Damit erleb­te er die Geburts­stun­de des Namens- und Kul­tur­chri­sten­tums mit allem was die­ses an fal­schen Glau­bens­vor­stel­lun­gen, syn­kre­ti­sti­schen Strö­mun­gen und Lip­pen­be­kennt­nis­sen mit sich brach­te. In die­sem Umfeld erweist sich Rufin als einer, der sei­ne Mit­men­schen in einen ech­ten, gegrün­de­ten und geleb­ten Glau­ben hin­ein zu beglei­ten ver­sucht. Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nur ver­ständ­lich, dass Rufin wohl zutiefst gekränkt war, als gegen ihn Vor­wür­fe erho­ben wur­den. Hat­te er nicht Fol­ter und Ker­ker erdul­det für den Glau­ben? War nicht er der­je­ni­ge, der sich mit gros­ser Anstren­gung dafür ein­ge­setzt hat­te, Men­schen von fal­schen und destruk­ti­ven Glau­bens­vor­stel­lun­gen weg­zu­brin­gen, hin zum leben­di­gen Glau­ben an Jesus?

In die­ser Situa­ti­on zeigt sich wohl eine per­sön­li­che Schwä­che von Rufin. In sei­nem Stolz gekränkt reagiert er nicht mehr in einer der Sache dien­li­chen Art und Wei­se und ver­ur­sacht dadurch den Kon­flikt mit Hie­ro­ny­mus. Die­ser Kon­flikt zeigt deut­lich, wie theo­lo­gi­sche Dis­pu­te durch per­sön­li­che Kon­flik­te über­la­gert sein kön­nen. Der Kon­flikt zwi­schen Rufin und Hie­ro­ny­mus dreh­te sich vor­der­grün­dig um theo­lo­gi­sche Anlie­gen und Fra­gen der Über­set­zungs­qua­li­tät (Hie­ro­ny­mus warf Rufin unge­nau­es Arbei­ten vor), doch lag an des­sen Ursprung eine Bruch­stel­le in der per­sön­li­chen Bezie­hung der ehe­ma­li­gen Freun­de. Dies kann uns heu­te eine Leh­re sein in unse­rem eige­nen Umgang mit Kon­flik­ten und Dif­fe­ren­zen.

Waren nun die Vor­wür­fe der Irr­leh­re gegen Rufin berech­tigt? Ich per­sön­lich den­ke nicht. Ich den­ke aber, dass er durch sein Ver­hal­ten sehr unkla­re Signa­le gege­ben hat, wel­che zu sei­nen Ungun­sten ver­stan­den wer­den konn­ten und einen unter­schwel­li­gen Kon­flikt an die Ober­flä­che brach­ten: Ver­wei­ge­rungs­hal­tung, unkla­re Stel­lung­nah­men in Bezug auf sei­ne Über­set­zungs­tä­tig­kei­ten der Wer­ke von Orige­nes.

Es muss aber auch gesagt wer­den, dass sich Rufins ambi­va­len­tes Ver­hal­ten bezüg­lich Orige­nes eigent­lich sehr gut deckt mit des­sen spä­te­ren histo­ri­schen Bewer­tung. Orige­nes hat­te einen lei­den­schaft­li­chen Glau­ben gelebt und gilt als der gei­sti­ge Vater der mona­sti­schen Bewe­gung und der christ­li­chen Mystik. Mit sei­nen umfang­rei­chen Schrif­ten hat­te er der Kir­che vie­le wert­vol­le Impul­se gege­ben. Sei­ne Prin­zi­pi­en der alle­go­ri­schen Aus­le­gung waren weit her­um beliebt und fin­den auch in Rufins Schrif­ten ihren Nie­der­schlag. Gleich­zei­tig aber war Orige­nes Theo­lo­gie stark von Gno­stik und Hel­le­nis­mus beein­flusst, was zum theo­lo­gi­schen ‹Flirt› mit Leh­ren wie Reinkar­na­ti­on und Prä­exi­stenz der See­len, Ableh­nung der leib­li­chen Auf­er­ste­hung und Ableh­nung eines gerech­ten Gerich­tes Got­tes, also Uni­ver­sa­lis­mus, geführt hat. (vgl. Siers­zyn, Band 1, Sei­te 187) Die­se Leh­ren sties­sen in der Kir­che sehr schnell auf Kri­tik und Ableh­nung und wur­den in spä­te­ren Kon­zi­len aus­drück­lich ver­wor­fen (z.B. Kon­stan­ti­no­pel 553). Es ist bezeich­nend, dass Rufin in sei­nem Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum vie­le Irr­leh­rer beim Namen nennt. Doch wäh­rend er alle oben erwähn­ten pro­ble­ma­ti­schen Leh­ren von Orige­nes ver­ur­teilt, ver­mei­det es Rufin tun­lichst, Orige­nes als Urhe­ber fal­scher Leh­ren beim Namen zu nen­nen. Woll­te der Haupt­über­set­zer der Wer­ke von Orige­nes des­sen Ruf schüt­zen? Man kann dar­über spe­ku­lie­ren. Ich hal­te es für mög­lich.

Rund 55 Jah­re alt wur­de Rufin. Gegen 30 Jah­re davon ver­brach­te er im Ori­ent. Rund 10 Jah­re sei­nes Lebens sind durch den Kon­flikt mit Hie­ro­ny­mus geprägt, wel­cher auch weit­ge­hend die Geschichts­schrei­bung über sei­ne Per­son prägt. Wir soll­ten aber die ande­ren Aspek­te sei­nes Wir­kens des­we­gen nicht ver­ges­sen: sein Wir­ken als ‘Men­schen­fi­scher’ und Mis­sio­nar unter Chri­sten und auch sei­ne eige­nen Schrif­ten. Eine sei­ner eigen­stän­di­gen Schrif­ten ist sein Kom­men­tar zum Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis – ein wert­vol­les Werk, mit dem ich mich in den kom­men­den 2 Arti­keln befas­sen wer­de.


Mee­res­land­schaft im Boden­mo­sa­ik der Basi­li­ka von Aqui­leia, Aus­schnitt.
Bild: Peter Bru­de­rer

Schluss­be­mer­kun­gen
Ich bin nicht Histo­ri­ker, son­dern schrei­be ledig­lich als histo­risch inter­es­sier­ter Laie. Jah­res­zah­len sind mit der nöti­gen Vor­sicht zu genies­sen. Bio­gra­fi­sche und geschicht­li­che Ereig­nis­se wer­den in der Lite­ra­tur zum Teil abwei­chend von­ein­an­der dar­ge­stellt. Hier noch eini­ge Recour­cen wel­che mir gehol­fen haben:

Auf den Spu­ren von Rufin… im ehe­ma­li­gen Hafen von Aqui­leia
Bild: Peter Bru­de­rer

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