DNA (2/10): Gewaltlose Feindesliebe

Paul Bruderer
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Die Feinde gewalt­los lieben ist möglicher­weise eine der radikalsten Forderun­gen von Jesus an seine Jünger. Die ersten Chris­ten lebten das aus und gewan­nen das Herz ganz­er Natio­nen. Liegt vielle­icht hier eine Lösung zur Kri­tik der Post­mod­erne an Reli­gion und Gewalt?

Wir schreiben die Jahre AD 367–372. Christliche Fam­i­lien aus dem gotis­chen Stamm der Ter­win­gen zit­tern, wenn sie hören wie fremde Wagen sich ihrem Haus näh­ern. Der gotis­che Fürst Athanan­rich führt eine sys­tem­a­tis­che Ver­fol­gung der christlichen Min­der­heit im eige­nen Volk durch. Dazu lässt er Wagen mit gotis­chen Göt­ter-Bildern bestück­en. Diese bereisen das Land und machen Halt vor den Häusern von Chris­ten. Wer sich weigert, das Göt­ter-Bild anzu­beten, wird samt sein­er Fam­i­lie im eige­nen Haus im Feuer ver­bran­nt.

Die Goten-Chris­ten schla­gen nicht zurück. Sie rächen sich nicht. Vielmehr erzählen sie weit­er von ihrem Glauben an Jesus Chris­tus und gewin­nen so das Herz ihrer gotis­chen Nach­barn. Es entste­ht eine christliche Erweck­ung unter den Goten. Wie kam es an erster Stelle dazu, dass sich die Herzen dieser unbeugsamen und kriegerischen Goten dem christlichen Glauben zugewen­det haben?

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Gewaltlosigkeit durch Gewissheit

Während ihrer Raubzüge ins römis­che Reich hinein, ent­führen die Goten unter anderem Chris­ten aus Kap­padozien (heutige Türkei) und machen sie zu ihren Sklaven. Der Geschichts-Schreiber Philostor­gios beschreibt im Jahr 400 einen dieser gotis­chen Raubzüge:

Als sie sich, beladen mit reich­er Beute, auf den Heimweg macht­en, führten sie eine Menge Men­schen mit sich fort, unter denen sich auch eine grosse Anzahl von Geistlichen befand. Unter diesen Gefan­genen waren auch viele Gläu­bige. Diese verkehrten mit den Bar­baren und führten nicht wenige zum Glauben (…). Unter denen, die damals fort­geschleppt wur­den, waren auch die Vor­fahren Wul­fi­las, Kap­padozi­er von Abstam­mung (zitiert in Sier­szyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, Band 2, Seite 18)

Diese ent­führten Sklaven-Chris­ten gewin­nen gewalt­los die Herzen ihrer gotis­chen Her­ren. Erich Schne­pel erk­lärt, dass diese Chris­ten:

… in ihrer Gefan­gen­schaft so tapfer und klar den Weg mit Jesus gin­gen, dass sie ihre gotis­chen Her­ren inner­lich eroberten (Schne­pel, Jesus im frühen Mit­te­lal­ter, Seite 18)

Diese gewalt­lose Fein­desliebe muss den Goten, die zum christlichen Glauben kom­men, der­massen Ein­druck gemacht haben, dass sie später in der eige­nen Ver­fol­gung eben­falls Gewalt­losigkeit statt Vergel­tung wählen.

Die geistlichen Wurzeln dieser Gewalt­losigkeit gehen möglicher­weise auf den 1. Petrus­brief zurück. Dieser Brief wurde unter anderem an die Chris­ten in Kap­padozien geschrieben (1. Petr 1:1) von denen einige zu gotis­chen Sklaven wer­den. In diesem Brief bere­it­et Petrus Chris­ten auf die Ver­fol­gung durch Feuer vor:

Geliebte, lasst euch durch das Feuer der Ver­fol­gung unter euch, das euch zur Prü­fung geschieht, nicht befrem­den, als begeg­ne euch etwas Fremdes (1. Petr 4:12)

Diese Feuer-Prü­fun­gen wer­den mit dem einen und einzig wahren Gott, Jesus Chris­tus in Verbindung gebracht:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Her­rn Jesus Chris­tus, der uns nach sein­er großen Barmherzigkeit wiederge­boren hat zu ein­er lebendi­gen Hoff­nung durch die Aufer­ste­hung Jesu Christi von den Toten… Dann werdet ihr euch freuen, die ihr jet­zt eine kleine Zeit, wenn es sein soll, trau­rig seid in mancher­lei Anfech­tun­gen, auf dass euer Glaube bewährt und viel kost­bar­er befun­den werde als vergänglich­es Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offen­bart wird Jesus Chris­tus. (1. Petr 1:3 und 1. Petr 1:6–7)

Es ist der tiefe Glaube an den einzig wahren Gott, der sich in Chris­tus offen­bart hat, der für diese Chris­ten die Kraftquelle für ein gewalt­los­es Leben mit­ten im Feuer der Ver­fol­gung war.

Wie ich später im Artikel zeigen werde, haben wir hier etwas, das die post­mod­erne Ide­olo­gie nicht einzuord­nen ver­mag. Denn diese geht davon aus, dass Abso­lutheit­sansprüche zwangsläu­fig zu Gewal­tausübung führen. Doch bei diesen Chris­ten erleben wir ger­ade die Umkehrung dieser Annahme. Hier haben wir Men­schen, die mit einem religiösen Abso­lutheit­sanspruch glauben, der sie aber nicht in die Gewal­tausübung führt, son­dern im Gegen­teil in eine Fähigkeit, Gewalt zu erdulden!

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Jesus und Gewaltlosigkeit

Dies alles geht auf die Lehre und das Leben von Jesus Chris­tus zurück. Jesus set­zt sich der Gewalt sein­er Feinde aus, indem er sich ans Kreuz nageln lässt, ohne mit Gegenge­walt zu antworten. Dies entspricht ganz sein­er Lehre:

Ihr wisst, dass es heißt: ›Du sollst deine Mit­men­schen lieben, und du sollst deine Feinde has­sen.‹ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch ver­fol­gen. Damit erweist ihr euch als Söhne eures Vaters im Him­mel. (Mt 5:43–45)

Die Kirche hat seit jeher mit der fast unmöglichen Anforderung gerun­gen, die Jesus hier an seine Nach­fol­ger stellt. Doch die ersten christlichen Lehrer und Kirchen­väter lehrten auf­grund dieser Aus­sage von Jesus unmissver­ständlich, dass Chris­ten gewalt­los leben sollen, selb­st im Angesicht von Ver­fol­gung. Wir lesen zum Beispiel in einem der ersten Lehr-Doku­mente der Kirchen­väter (spätes erstes oder früh­es zweites Jahrhun­dert):

Es gibt zwei Wege, ein­er zum Leben und ein­er zum Tod, aber es gibt einen grossen Unter­schied zwis­chen bei­den Wegen. Der Weg zum Leben ist dieser: Zuallererst sollst du Gott lieben, der dich geschaf­fen hat, zweit­ens deinen Nach­barn wie dich selb­st. Seg­ne wer dich ver­flucht und bete für deine Feinde. Denn welchen Dank gibt es, wenn du nur lieb­st, wer dich liebt? Tun das nicht auch die Hei­den? Du aber liebe wer dich has­st, dann wirst du keinen Feind mehr haben. (Auss­chnitte aus der Didache Kapi­tel 1, eigene Über­set­zung)

Gewalt­losigkeit wird hier — wie auch bei Jesus — als ein Merk­mal beze­ich­net, welch­es Chris­ten von allen anderen Men­schen unter­schei­den soll! Eben: Gewalt­lose Fein­desliebe gehört zur DNA der christlichen Gemeinde. Petrus hat das ver­standen, und hat es an die Chris­ten in Kap­padozien ver­mit­telt, welche es ihrer­seits den Goten vorgelebt haben, sodass sie auch danach lebten.

Eine wichtige Kom­po­nente welche den Chris­ten half, gewalt­lose Fein­desliebe zu leben, ist ihre Überzeu­gung, dass Gott Gerechtigkeit brin­gen wird, und sie sich deshalb nicht rächen müssen:

Rächt euch nicht selb­st, liebe Fre­unde, son­dern über­lasst die Rache dem Zorn Gottes. Denn es heißt in der Schrift: »Das Unrecht zu rächen ist meine Sache, sagt der Herr; ich werde Vergel­tung üben.« (Röm 12:18–19)

Wenn ange­grif­f­ene Men­schen die Ausübung von aus­gle­ichen­der Gerechtigkeit in die eigene Hand nehmen, ist die Gefahr gross, dass sie zusät­zliche Ungerechtigkeit und Gewalt tun. Und schon begin­nt die Gewalt-Spi­rale!

Chris­ten sagen bei Gewalt und Ungerechtigkeit nicht “Schwamm drüber, es ist nicht so schlimm” son­dern “Es ist schlimm, aber nicht ich, son­dern Gott sorgt zu sein­er Zeit und auf seine Art für Gerechtigkeit”.

Auch hier haben wir wieder diese klare Ein­sicht, welche jed­er post­mod­er­nen Ide­olo­gie unsin­nig scheint: Men­schen haben einen religiösen Glauben an etwas Absolutes (der Gerechtigkeit-brin­gende einzige Richter der Welt) und dieser Glaube führt dazu, dass sie sel­ber keine Gewalt ausüben.


Tri­umph­bo­gen des Titus am Forum Romanum in Rom — unsplash

Die Herausforderung des Staats-Christentums

Als das Chris­ten­tum Ende des vierten Jahrhun­derts zur ‘Staat­sre­li­gion’ erk­lärt wird, müssen diese The­men nochmals ganz neu durch­dacht wer­den. Plöt­zlich wird alles kom­plex­er als vorher, weil es schw­er vorstell­bar ist, dass ein Staat so gän­zlich ohne Armee und Gewalt auskommt. Wie soll denn ein ‘christlich­er Staat’ agieren, wenn die Lehre Christi Gewalt­losigkeit zu fordern scheint? Und wie agieren, wenn der Weg zu staatlich­er Macht ein Sieg mit­tels Gewalt­losigkeit war?

Die Fragestel­lun­gen des Staats-Chris­ten­tums müssen in einem anderen Artikel behan­delt wer­den. Darf zum Beispiel ein präven­tiv­er Angriff zum Schutz der Zivil­bevölkerung aus­geübt wer­den? Hat denn eigentlich Gott selb­st immer gewalt­los agiert? Wie sollen hier gewisse Stellen im Alten Tes­ta­ment (und Neuen!) ver­standen wer­den? Durfte US-Präsi­dent Trump den iranis­chen Gen­er­al töten oder nicht?

In diesem Artikel beschränke ich mich auf Sit­u­a­tio­nen, die einiger­massen äquiv­a­lent zur Sit­u­a­tion der Chris­ten vor dem Staats-Chris­ten­tum war. Ich würde sagen, dass unsere Sit­u­a­tion in West-Europa ähn­lich ist, weil wir als Chris­ten ohne Staats­macht agieren. Wie reagieren wir in West-Europa als Gemein­den und als einzelne Chris­ten, wenn uns aus antichristlichen Grün­den Gewalt ange­tan wird?

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Christliche Antwort auf Gewalt in Westeuropa

Gemäss einem aktuellen Bericht des Gatesone Insti­tute haben antichristliche Angriffe in Europa sig­nifikant zugenom­men. Mir ist das per­sön­lich in den let­zten Monat­en auch aufge­fall­en, noch bevor ich diesen Artikel gele­sen habe. Ich nenne einige Beispiele aus dem Schweiz­erisch-Deutschen Kon­text:

  • Auss­chre­itun­gen im Zusam­men­hang des ‘Marsch fürs Läbe’ in Zürich, Sep­tem­ber 2019
  • Van­dal­isierung eines Laden­lokals der Fir­ma Läder­ach Okto­ber 2019
  • Störung eines Gottes­di­en­stes in Basel am Heili­ga­bend 2019
  • Brand-Anschlag auf Gebäude und Bus der ‘TOS’ christlichen Gemeinde in Tübin­gen am 27. Dezem­ber 2019 (Die Feuer-Stellen im 1. Petrus-Brief lassen grüssen…)
  • Farb-Anschlag auf die katholis­che Kirche St. Elis­a­beth-Kirche in Berlin-Schöneberg in der Nacht auf den 9. Jan­u­ar 2020

Chris­ten soll­ten in diesen Sit­u­a­tio­nen das ausleben, was Jesus und die ersten Chris­ten gelehrt und vorgelebt haben. Anstatt auf Vergel­tung aus zu sein, sollte die gewalt­lose Fein­desliebe ihr Han­deln bes­tim­men. Dies hat das enorme Poten­tial, die Herzen der Men­schen, die ihnen Gewalt ange­tan haben, mit der Liebe von Jesus zu erre­ichen.

Lei­der gibt es noch heute Chris­ten, die zur Gewalt greifen. Im Moment scheint dies ausser­halb von Europa stattzufind­en (hier ein Beispiel). Auch hier müssen wir fes­thal­ten, dass Gewalt auf keinen Fall der Jesus-Weg ist.

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Gewalt in Diskursen und online-Kommunikation

Ein Ort wo Gewalt aus­geübt wer­den kann, ist in der Kom­mu­nika­tion, beson­ders in den sozialen Medi­en.

Der Ton manch­er Diskus­sion ent­larvt die Sehn­sucht der Diskus­sion­spart­ner nach ‘Vergel­tung’ — man will ein Stre­it­ge­spräch gewin­nen und nicht das Herz des Gegenübers. Man mis­s­repräsen­tiert den Gesprächspart­ner.

Wir leben im Zeital­ter des Inter­nets welch­es Spot­ten und Ver­ach­tung ein­fach und gle­ichzeit­ig guten Diskurs schwierig macht. Deshalb müssen wir der grossen kul­turellen Ver­suchung wider­ste­hen, Spöt­ter zu wer­den. (Tim Keller am 10. Jan­u­ar 2020, eigene Über­set­zung)

Wichtig ist an dieser Stelle, dass gewalt­lose Kom­mu­nika­tion nicht bedeutet, dass man mit allem ein­ver­standen sein muss, was der Diskurspart­ner sagt. Der Diskurs mag sog­ar angeregt ver­laufen und es kann sich immer noch um gewalt­lose Kom­mu­nika­tion han­deln. Ich per­sön­lich glaube, dass wir manch­mal vehe­ment ander­er Mei­n­ung sein kön­nen als der Gesprächspart­ner, weil man diesen Gesprächspart­ner liebt!

Gewalt in der Kom­mu­nika­tion entste­ht unter anderem in der Absicht, in der man etwas sagt. Wenn ich leise und sub­til bin, um den anderen schlecht darzustellen oder dessen Ruf zu schädi­gen, übe ich auch Gewalt aus, ein­fach auf leise und sub­tile Art. Sub­til, unter­grabend oder unter­wan­dernd agieren kann genau­so Gewalt-ausübend sein wie aggres­sives, lautes und nicht-zuhören­des Reden, welche das Gegenüber nicht zu Wort kom­men lassen will, den anderen nicht wirk­lich ken­nen­ler­nen und ernst nehmen will.

Ich plädiere für einen offe­nen, ehrlichen und gerne auch angeregten Diskurs, in dem Mei­n­ungs-Unter­schiede nicht unter den Boden gewis­cht oder ignori­ert wer­den. Eine solche Kom­mu­nika­tion ist nicht von rhetorisch­er Gewalt bes­timmt, son­dern nimmt das Gegenüber mit dessen Mei­n­ung, Mei­n­ungsähn­lichkeit­en und Mei­n­ung­sun­ter­schieden ernst.

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Postmoderne, Absolutheitsansprüche und religiöse Gewalt

Das The­ma der Gewalt hat immense Rel­e­vanz für die post­mod­erne Gesellschaft, welche glaubt, dass eine Ide­olo­gie, die einen Abso­lutheit­sanspruch erhebt, ihren Stand­punkt let­z­tendlich mit Gewalt durch­set­zen wird. Man sollte diesen Ein­druck nicht vorschnell von der Hand weisen. Immer­hin haben wir im 20. Jahrhun­dert von Europa aus­ge­hend unter anderem wegen Ide­olo­gien mit Abso­lutheit­sanspruch zwei Weltkriege vom Zaun geris­sen. Die Post­mod­erne ist ein Protest und radikaler Wider­spruch gegen alle total­itären religiösen und poli­tis­chen Sys­teme.

Prof. Dr. Han­na-Bar­bara Gerl-Falkovitz bringt in einem aus­geze­ich­neten Vor­trag einige wichtige Wesen­szüge der Post­mod­erne zum Aus­druck. So liebt die Post­mod­erne Per­spek­tiv­en, und diese dür­fen dur­chaus wider­sprüch­lich sein. Jede Per­spek­tive zu einem The­ma muss wider­spruch­s­los ste­hen gelassen wer­den. Das post­mod­erne Mantra lautet: Gel­ten lassen, und zwar ohne zu werten. Deshalb ist auch das Nutzen unseres Ver­standes dem post­mod­er­nen Men­schen sus­pekt, denn der Ver­stand bege­ht zwei ‘Sün­den’: die Sünde der Wer­tung und die Sünde des Abso­lutheit­sanspruchs:

  1. Wer den Ver­stand benutzt, um eine Wahrheit zu find­en, stuft die anderen Mei­n­un­gen damit automa­tisch als falsch ein und wertet sie damit. Das ist ein post­mod­ernes ’no go’.
  2. Das zweite Prob­lem ist, dass der Ver­stand selek­tierend wirkt. Damit ist gemeint: Das Find­en der wahren Mei­n­ung führt automa­tisch zum Auss­chluss aller anderen, nicht-wahren Mei­n­un­gen. Der Ver­stand macht eine Engführung von vie­len Mei­n­un­gen auf eine Wahrheit. Damit erhebt der Ver­stand let­ztlich einen Abso­lutheit­sanspruch. Die nicht-wahren Mei­n­un­gen haben dann keine Exis­tenz-Berech­ti­gung und dür­fen — so die Annahme der post­mod­er­nen Ide­olo­gie — not­falls mit argu­men­ta­tiv­er, psy­chis­ch­er oder physis­ch­er Gewalt ange­gan­gen wer­den.

Für die Post­mod­erne sind deshalb alle Diszi­plinen prob­lema­tisch, die stark auf dem Gebrauch des Ver­standes und dessen Engführung auf eine Wahrheit beruhen. Dazu gehören die klas­sis­che The­olo­gie und Philoso­phie. Dazu gehört jed­er Ver­such ein­er über­ge­ord­neten Geschichts-Erzäh­lung (Meta­nar­ra­tiv) welche andere oder unter­ge­ord­nete Erzäh­lun­gen werten oder aus­blenden. Dazu gehören Reli­gio­nen, die auf einen einzi­gen Gott zurück­ge­hen. Die monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen, ins­beson­dere auch das klas­sis­che Chris­ten­tum, kom­men da total schlecht weg, und wer­den als Reli­gio­nen mit hohem Poten­tial zur Gewalt eingestuft. Lei­der ist tat­säch­lich in der Ver­gan­gen­heit im Namen des Chris­ten­tum Gewalt aus­geübt wor­den, und lei­der find­et dies auch in der Gegen­wart statt.

Ich will hier nicht eine Kri­tik der Post­mod­erne machen — andere wie Prof. Dr. Han­na-Bar­bara Gerl-Falkovitz machen das viel bess­er. Was ich bemerken will ist aber Fol­gen­des: Die ersten Chris­ten verzichteten auf Gewalt ger­ade WEIL sie an den einen, einzi­gen Gott glaubten! Die ersten Chris­ten glaubten an den einen Gott der Bibel, der sich in Jesus Chris­tus am Kreuz der Gewalt der Men­schen hin­gibt. Es war dieser Glaube mit Abso­lutheit­sanspruch, der den ersten Chris­ten die Fähigkeit gab, auf Gewalt mit gewalt­los­er Fein­desliebe zu reagieren!

Wir haben es hier mit einem einzi­gar­ti­gen Kurio­sum zu tun, welch­es für das post­mod­erne Denken schlicht undenkbar ist. Ich behaupte: Nicht jed­er Abso­lutheit­sanspruch führt zwangsläu­fig zu Gewalt. Nicht jed­er Monotheimus, nicht jedes the­ol­o­gis­che Meta­nar­ra­tiv, nicht jed­er Gebrauch des Ver­standes endet in Gewalt.

Wenn das, was ich behaupte, stich­haltig ist, dann ist das Prob­lem unser­er Gesellschaft nicht religiös­er Abso­lutheit­sanspruch, son­dern der Glaube an etwas Falsches. Ich wage es, einen Schritt weit­er zu gehen: Erst wenn der Men­sch dem einen wahren und einen Gott in Jesus Chris­tus begeg­net, ist er in der Lage, Fein­desliebe real zu leben. Immer­hin ist Jesus Chris­tus der Friedens­fürst der Welt (Jes 9:5). Erst dann wird der Men­sch durch diesen Glauben befähigt, auf Vergel­tung zu verzicht­en und zu lieben, wer ihn has­st.

Die post­mod­erne Ide­olo­gie hinge­gen hat nicht die Kraft, in die Gewalt­losigkeit zu führen. Im Gegen­teil — es ist auch bei der Post­mod­erne zu befürcht­en, dass sie wie viele andere Ide­olo­gien in der Gewalt-Ausübung endet. Lei­der gibt es Anze­ichen, dass dies im Kleinen bere­its geschieht. Denn die christliche Weigerung, das Rel­a­tive als das ’neue Absolute’ anzuerken­nen, ist mit ein Grund für die Wut gewiss­er poli­tisch links aus­gerichteter Grup­pen auf Chris­ten. Im Fall des Brand-Anschlags auf die TOS und des Farb-Anschlags auf die St. Elis­a­beth-Kirche liegen Beken­ner­schreiben aus ‘fem­i­nis­tisch autonomen Zellen’ vor, welche die Anschläge unter anderem mit dem Engage­ment der betrof­fe­nen Kirchge­mein­den für die Leben­srechte Unge­boren­er begrün­den.

Vor diesem Hin­ter­grund ste­hen auch die weit­er oben im Artikel erwäh­n­ten Beispiele aus der Schweiz und Deutsch­land. Achtung: Auch auf der poli­tis­chen Rechte gibt es bei gewis­sen Grup­pen Ausübung von Gewalt. Die Gemeinde von Jesus sollte sich jen­seits von nur poli­tisch links oder rechts aufhal­ten, wie der Leitar­tikel von Emanuel Hun­zik­er aufzeigt und erst recht von der Gewal­tausübung dieser Grup­pen.

Was unsere west­liche Welt braucht ist nicht die post­mod­erne Aus­radierung jeglich­er Ver­nun­ft, nicht die Aus­löschung jeglich­er Unter­schiede, nicht die Gle­ich­berech­ti­gung jed­er erden­klichen Per­spek­tive und Mei­n­ung. Was unsere west­liche Welt braucht ist das Find­en jen­er einen Per­spek­tive, welche tat­säch­lich fähig macht, selb­st die Feinde zu lieben. Und diese Per­spek­tive find­en wir aus­gelebt in der Chris­ten­heit der ersten Jahrhun­derte.

Hier sehe ich eine der wichtig­sten Gründe, warum die christliche Gemeinde unser­er Zeit ihren Glauben solide und sta­bil grün­den soll. Chris­ten sollen nicht zum Zweifeln ani­miert wer­den, was im Moment lei­der viele tun. Nein, was wir brauchen ist tiefe Gewis­sheit zu find­en im Glauben an den einen wahren Gott, der uns fähig macht, Men­schen, die sich zu unseren ‘Geg­n­ern’ machen, zu lieben. Nur diese aktiv gelebte Liebe, die mitunter einen hohen Preis kosten kann, hat die Kraft die selb­stzer­störerischen Mech­a­nis­men der Post­mod­erne zu durch­brechen und die let­ztlich (zum Teil berechtigter­weise) zynis­che Seele des post­mod­er­nen Men­schen zu erobern mit der Liebe des einen wahren Friede­fürsten: Jesus Chris­tus!

1 Comment
  1. Avatar
    Jonas Gnehm 9 Monaten ago
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    Während Vor­bere­itun­gen für den Geschicht­sun­ter­richt, ist mir aufge­fall­en, dass die erstaunlich friedliche Entste­hung des mod­er­nen Schweiz­er Bun­desstaats zu grossen Teilen darauf beruht, dass es damals Ver­ant­wor­tungsträger wie Gen­er­al Guil­laume Hen­ri Dufour und einige von ihm ernan­nte Offiziere gab, welche dieses Prinzip der “Gewalt­losen Fein­desliebe” auf die mil­itärischen Feldzüge im Son­der­bund­skrieg übertru­gen. Das beacht­enswerte Lebenswerk von Dufour bein­hal­tete die kom­plette kar­tographis­che Erfas­sung der dama­li­gen Schweiz (wom­it es ihm gelang alle z.T. zer­strit­te­nen Kan­tone für dieses Pro­jekt zu vere­inen) und gipfelte schliesslich in der Mit­be­grün­dung des IKRK, das er als erster prä­si­dierte. Auch wenn über seinen Glauben in der Öffentlichkeit nicht viel zu lesen und hören ist, so gibt es für mich keine andere plau­si­ble Erk­lärung, als dass Dufour das Prinzip der “Gewalt­losigkeit gegenüber dem Feind” in der Nach­folge von Jesus Chris­tus so radikal, unbeugsam und kon­se­quent ausleben kon­nte. (aus­gewählte Quellen bestäti­gen dies)
    Ich kann seine Biogra­phie daher jeder/jedem empfehlen, der nach ein­er realen (christlichen) Antwort auf viele der heuti­gen poli­tis­chen, sozialen und mil­itärischen Prob­leme sucht. Das SRF hat zu Dufour vor eini­gen Jahren auch einen Serien­beitrag erstellt: https://www.srf.ch/play/tv/die-schweizer/video/der-general-der-die-schweiz-rettete-guillaume-henri-dufour?id=b9dd57d2-6618–455f-a049-43bd2827e8e2

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