Bileam (2/3) — Treuer Gott, untreues Volk

Peter Bruderer
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Im ersten Teil die­ser Bile­am-Serie haben wir Ein­blick bekom­men in die span­nen­de Geschich­te die­ses Sehers, die­ses Pro­phe­ten. So ambi­va­lent er als Per­son zu sein scheint — sein Steh­ver­mö­gen gegen­über sei­nem Auf­trag­ge­ber Balak scheint doch beacht­lich gewe­sen zu sein. Er hät­te das Volk Isra­el ver­flu­chen sol­len. Doch letzt­lich hat er drei­mal den Segen Got­tes über die­sem Volk aus­ge­spro­chen. Gott ist sei­nem Volk treu — dar­an lässt sich nicht rüt­teln.

Auch wenn Bile­am nach die­sen Ereig­nis­sen wie­der zu sich nach Hau­se zieht (Num 24:25), machen die wei­te­ren Hin­wei­se aus der Bibel deut­lich, dass Bile­am aus sei­ner inne­ren ‘Zer­ris­sen­heit’ nicht zurück­fin­det. Zu stark sind anschei­nend die Bin­dun­gen, die er ein­ge­gan­gen ist, zu demü­ti­gend die erfah­re­ne Ver­ach­tung.

Also fin­det Bile­am einen ande­ren Weg, das Volk Isra­el von sei­nem Gott zu tren­nen. Wenn es nicht mög­lich ist, Gott gegen sein Volk zu wen­den, so soll­te es doch mög­lich sein zu bewir­ken, dass das Volk selbst sich von sei­nem Gott abwen­det.

Moab ver­führt Isra­el zur Sün­de, Illu­stra­ti­on aus der Figu­res de la Bible, 1728
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Die Untreue des Volkes gegenüber seinem Gott

Das auf die Geschich­te von Bile­am fol­gen­de Kapi­tel (Num 25:1 – 18) zeigt uns genau dies. Näm­lich wie sich das Volk Isra­el von sei­nem Gott abwen­det:

Und Isra­el ließ sich in Sit­tim nie­der; und das Volk fing an, Unzucht zu trei­ben mit den Töch­tern der Moa­bi­ter, und die­se luden das Volk zu den Opfern ihrer Göt­ter ein. Und das Volk aß [mit ihnen] und bete­te ihre Göt­ter an. Und Isra­el begab sich unter das Joch des Baal-Peor. (Num 25:1 – 3)

So ein­fach geht das. Das Volk, wel­ches auf die uner­schüt­ter­li­che Treue sei­nes Got­tes zäh­len kann, wen­det sich ab.

Doch ist es aus der Per­spek­ti­ve des Vol­kes Isra­el wohl gar nicht so, dass sie ihren Gott ver­las­sen haben. Man hat sich ledig­lich auf die span­nen­den Sachen ein­ge­las­sen, wel­che die tem­po­rä­re Hei­mat vor den Toren des ver­heis­se­nen Lan­des so bie­ten. Irgend­wie muss man ja die Zeit tot­schla­gen. Da hat es hüb­sche Frau­en. Es gibt ziem­lich schö­ne Feste. Und man kann span­nen­de neue spi­ri­tu­el­le Ent­deckun­gen machen!

Unüber­seh­bar ist die sexu­el­le Kom­po­nen­te in der Erzäh­lung. Der Baal-Peor, unter des­sen ‹Joch› sich das Volk Isra­el nun begibt, wird von Jakob Kro­eker bezeich­net als ‘der Gott der Scham­lo­sig­keit, der Herr der Geschlechts­trie­be, dem man beson­ders durch kul­ti­sche Fest­lich­kei­ten und durch Befrie­di­gung der sinn­li­chen Lei­den­schaf­ten hul­dig­te’ (vgl. auch die Jüdi­sche Ency­clo­pe­die).

Sex schafft Bin­dung. Sex schafft auch gemein­sa­me Kin­der. Gemein­sa­me Feste sind die beste Büh­ne dafür, ein­an­der ken­nen zu ler­nen und sich zu ver­brü­dern.

Ohne es zu mer­ken, hat Isra­el sein Herz an etwas ande­res ‘gehängt’, als an den ein­zig wah­ren Gott, der sie aus der Skla­ve­rei geret­tet, in der Wüste getra­gen, ver­sorgt und bis vor die Tore des ver­heis­se­nen Lan­des geführt hat.

Man könn­te nun mei­nen, dass die­se Ent­wick­lung ein­fach zufäl­lig gesche­hen ist, weil es der Natur des Men­schen ent­spricht, sich sei­ner Umge­bung anzu­pas­sen. Und es macht doch auch nur Sinn, den eige­nen Glau­ben mit dem der Gesell­schaft um sich her­um zu har­mo­ni­sie­ren und dadurch Rele­vanz und Glaub­wür­dig­keit zu gewin­nen.

Ein genau­er Blick auf die Vor­gän­ge deckt aber eine schockie­ren­de Rea­li­tät auf: Der Abfall des Vol­kes Isra­el erfolgt nicht zufäl­lig. Sie beruht auf einer kla­ren Stra­te­gie des Fein­des von Isra­el. Und der ‘Souf­fleur’ dabei ist ein Alt­be­kann­ter: Bile­am.

Den ent­schei­den­den Hin­weis dazu fin­den wir in Num 31:

Sie­he, sie haben ja in der Sache des Peor durch den Rat Bile­ams die Kin­der Isra­els vom HERRN abge­wandt, sodass der Gemein­de des HERRN die Pla­ge wider­fuhr!  (Num 31:16)

Was aus der Per­spek­ti­ve des Vol­kes Isra­el nach einem harm­lo­sen Anban­deln mit den moa­bi­ti­schen Frau­en, Kul­ten und Gebräu­chen aus­sieht, ist kei­ne zufäl­li­ge Ent­wick­lung, son­dern eine kla­re Stra­te­gie der Moa­bi­ter auf Anra­ten Bile­ams.

Genau: Wenn es nicht mög­lich ist, Gott gegen sein Volk zu wen­den, so soll­te es doch mög­lich sein, dass sich das Volk selbst von sei­nem Gott abwen­det. Und dafür braucht es gar nicht so viel. Ein paar schö­ne aus­ufern­de Feste, ein wenig spi­ri­tu­el­le Offen­heit, ein biss­chen wohl­ver­dien­te sexu­el­le Locker­heit. Das Volk Isra­el ahnt nicht, was sein Ver­hal­ten für neue Abhän­gig­kei­ten und Gebun­den­heit mit sich brin­gen wird. Und es ahnt auch nicht, dass es der kla­ren Stra­te­gie ihres Fein­des auf den Leim geht.

Das Resul­tat die­ser neu­en reli­giö­sen und sexu­el­len Locker­heit ist letzt­end­lich eben nicht Frei­heit, son­dern eine neue Abhän­gig­keit: ‹Isra­el begab sich unter das Joch des Baal-Peor.›

Unser Sexu­al­ver­hal­ten fin­det eben nicht in einem welt­an­schau­lich neu­tra­len Raum statt, son­dern hat auch eine zutiefst geist­li­che Dimen­si­on. Und wer einer bestimm­ten Pra­xis anhängt, der hängt sein Herz letzt­lich auch an die dahin­ter­lie­gen­de Reli­gio­si­tät. Genau­so wird auch die Per­son, wel­che einer bestimm­ten neu­en Spi­ri­tua­li­tät anhängt, sich für die dazu­ge­hö­ren­de sexu­el­le Pra­xis öff­nen. Dies macht die Geschich­te von Bile­am über­deut­lich.

Bile­am und der Spre­chen­de Esel, Kir­che Sint Jans­kerk, Gou­da NL
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Bileams Rat und die neutestamentliche Gemeinde

Der­art bei­spiel­haft sind die Ereig­nis­se rund um Bile­am, dass sei­ne Per­son auch im Neu­en Testa­ment zum Syn­onym wird für ein bestimm­tes, wie­der­keh­ren­des Han­deln und Den­ken in den ersten Gemein­den.

Pau­lus gibt die Ereig­nis­se von damals als war­nen­des Bei­spiel für die Gemein­de in Korinth:

Wer­det auch nicht Göt­zen­die­ner, so wie etli­che von ihnen, wie geschrie­ben steht: »Das Volk setz­te sich nie­der, um zu essen und zu trin­ken, und stand auf, um sich zu ver­gnü­gen«. Lasst uns auch nicht Unzucht trei­ben, so wie etli­che von ihnen Unzucht trie­ben, und es fie­len an einem Tag 23 000. (1Kor 10:7 – 8)

Wir ent­decken Bile­am im 2. Petrus­brief wie­der. Hier steht er für Irr­leh­rer, wel­che in den betrof­fe­nen Gemein­den von Geld­gier getrie­ben ein zügel­lo­ses Leben pro­pa­giert haben:

Dabei haben sie Augen vol­ler Ehe­bruch; sie hören nie auf zu sün­di­gen und locken die unbe­fe­stig­ten See­len an sich; sie haben ein Herz, das geübt ist in Hab­sucht, und sind Kin­der des Fluchs. Weil sie den rich­ti­gen Weg ver­las­sen haben, sind sie in die Irre gegan­gen und sind dem Weg Bile­ams, des Soh­nes Beors, gefolgt, der den Lohn der Unge­rech­tig­keit lieb­te; aber er bekam eine Zurecht­wei­sung für sei­nen Fre­vel: Das stum­me Last­tier rede­te mit Men­schen­stim­me und wehr­te der Tor­heit des Pro­phe­ten.  (2Pet 2:14 – 16).

Wir fin­den Bile­am im Judas-Brief wie­der, auch hier im Zusam­men­hang mit Irr­leh­rern:

Wehe ihnen! Denn sie sind den Weg Kains gegan­gen und haben sich um Gewin­nes wil­len völ­lig dem Betrug Bile­ams hin­ge­ge­ben und sind durch die Wider­setz­lich­keit Korahs ins Ver­der­ben gera­ten! (Judas 11)

Nicht zuletzt ent­decken wir Bile­am im letz­ten Buch der Bibel. Im Send­schrei­ben an die Gemein­de in Per­ga­mon (Apk 2:14) wird die durch Bile­am pro­pa­gier­te Ver­füh­rung mit der Irr­leh­re der Niko­laïten in Ver­bin­dung gebracht, wel­che die dama­li­ge Gemein­de bedroht hat:

Und dem Engel der Gemein­de in Per­ga­mus schrei­be: Das sagt, der das schar­fe zwei­schnei­di­ge Schwert hat: Ich ken­ne dei­ne Wer­ke und [weiß,] wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist, und dass du an mei­nem Namen fest­hältst und den Glau­ben an mich nicht ver­leug­net hast, auch in den Tagen, in denen Anti­pas mein treu­er Zeu­ge war, der bei euch getö­tet wur­de, da, wo der Satan wohnt. Aber ich habe ein weni­ges gegen dich, dass du dort sol­che hast, die an der Leh­re Bile­ams fest­hal­ten, der den Balak lehr­te, einen Anstoß [zur Sün­de] vor die Kin­der Isra­els zu legen, sodass sie Göt­zen­op­fer aßen und Unzucht trie­ben. So hast auch du sol­che, die an der Leh­re der Niko­lai­ten fest­hal­ten, was ich has­se. Tue Buße! Sonst kom­me ich rasch über dich und wer­de gegen sie Krieg füh­ren mit dem Schwert mei­nes Mun­des. (Apk 2:12 – 16)

Viel deut­li­cher als das Alte Testa­ment brin­gen die neu­te­sta­ment­li­chen Stel­len den Aspekt der fal­schen Leh­re Bile­ams ins Spiel. Es geht in die­sen Tex­ten nicht ein­fach um mora­li­sche Ver­feh­lun­gen ein­zel­ner Per­so­nen in den Gemein­den, son­dern in viel grös­se­rem Mas­se um ihre Legi­ti­mie­rung durch fal­sche Leh­rer.

Wo es um Ver­feh­lun­gen ein­zel­ner Men­schen geht, ist die Bibel sehr klar: Wir sind alle­samt Sün­der und ‘erman­geln des Ruh­mes’, den wir vor Gott haben sol­len (Röm 3:23; vgl Röm 7:19). Wir alle bedür­fen der Gna­de, die uns von Gott in Chri­stus ver­lie­hen wird (Röm 3:24). Wir sol­len unse­re Auf­merk­sam­keit zual­ler­erst dem ‘Bal­ken’ im eige­nen Auge und nicht dem ‘Split­ter’ im Auge unse­res Bru­ders wid­men (Mt 7:3). Wer sich rüh­men will, der soll sich nicht sei­ner selbst rüh­men, son­dern der ‘soll sich des Herrn rüh­men’ (2Kor 10:17). Für den Sün­der hat Gott jeder­zeit Ver­ge­bung und Gna­de bereit, und genau­so sol­len auch wir mit der nöti­gen Demut und im Wis­sen um unse­re eige­ne Bedürf­tig­keit ande­ren Men­schen begeg­nen.

Eine völ­lig ande­re Sache ist es aber, wenn der Sün­de eine theo­lo­gi­sche, lehr­mäs­si­ge Legi­ti­mie­rung erteilt wird. Hier for­dert uns die Bibel ganz klar dazu auf, fal­schen Leh­ren und ihren Ver­tre­tern ent­ge­gen­zu­tre­ten. Im Bei­spiel der Gemein­de in Per­ga­mon waren es die Niko­laïten, wel­che, wie es scheint, das Mit­fei­ern an heid­ni­schen Festen (ver­bun­den mit dem Essen von Göt­zen­op­fer) und Unzucht theo­lo­gisch legi­ti­mier­ten.

Die Liste der Bibel­stel­len, wo mit fal­schen Leh­rern hart ins Gericht gegan­gen wird, ist lang. Wie­der­holt wird in der Bibel vor sol­chen Men­schen gewarnt (vgl z.B: Jes 5:20; Mt 15:14; Gal 1:8).
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Die Achillesferse der Gemeinde

Die Art und Wei­se, wie das Bei­spiel von Bile­am und dem untreu­en Volk den Leser der hei­li­gen Schrift bis in die Send­schrei­ben der Offen­ba­rung hin­ein beglei­tet, macht deut­lich, dass es bei die­ser Geschich­te um mehr geht als um eine ein­ma­li­ge Lek­ti­on. Es geht um eine Lek­ti­on für das Volk Got­tes zu allen Zei­ten.

Das Volk Isra­el liess sich schein­bar pro­blem­los zu reli­giö­sem Syn­kre­tis­mus und sexu­el­ler Unrein­heit ver­lei­ten. Die­se Achil­les­fer­se des Vol­kes Isra­el ist eben­so die­je­ni­ge der Gemein­de Jesu, wie die neu­te­sta­ment­li­chen Bibel­stel­len klar­ma­chen. Dar­auf muss sie immer wie­der hin­ge­wie­sen wer­den, denn der ‘Rat des Bile­am’ ist eine bewuss­te Stra­te­gie des Teu­fels, die Gemein­de von Jesus zu tren­nen.

Die­ser Bei­trag ist als drei­tei­li­ge Serie auf­ge­baut. Die wei­te­ren Tei­le:
Bile­am (1/3) – Der Pro­phet und sein Esel
Bile­am (3/3) – Leh­ren für unse­re Zeit

Wer die Bile­am-Bot­schaft in einer Pre­digt auf­ge­ar­bei­tet sehen möch­te, kann dies hier tun:

2 Comments
  1. Avatar
    Christian Haslebacher 1 Woche ago
    Reply

    Es scheint mir, dass die Ansät­ze, wel­che das Volk Isra­el ins Ver­der­ben stürz­ten — 1. die sexu­el­len Kon­tak­te mit den Töch­tern der Moa­bi­ter und 2. das Opfern für die Göt­ter der Moa­bi­ter — bereits in den Segens­sprü­chen Bile­ams ent­hal­ten waren. Das geseg­ne­te Volk Isra­el wird beschrie­ben mit 1. «ein Volk, das abge­son­dert wohnt» (23,9) und 2. «es gibt kei­ne Zau­be­rei und kei­ne Wahr­sa­ge­rei in Isra­el» (23,23). — Balak muss­te also ein­fach für das Gegen­teil des­sen sor­gen, was das geseg­ne­te Isra­el cha­rak­te­ri­sier­te. So wur­de der Segen Bile­ams, der in einem Kli­ma der Auf­leh­nung gegen Got­tes Absicht gespro­chen wur­de, indi­rekt doch noch zu einem Fluch. Wenn man so will, hat Bile­am das Geheim­nis des Vol­kes Isra­el aus­ge­plau­dert: Ein Volk, das sich an Gott ori­en­tiert und ihm allein dient, gehei­ligt und geweiht.

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 1 Woche ago
      Reply

      Dan­ke Chri­sti­an für die­se wert­vol­le Ergän­zung!

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