Den Glauben verlieren Teil 4: Das Kräftefeld anderer Religionen

Paul Bruderer
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Chri­sten ver­lie­ren manch­mal den Glau­ben. Schuld sind nicht immer die Kir­chen, wel­che sie schlecht behan­deln oder eine unge­sun­de Theo­lo­gie haben. Manch­mal liegt die Ursa­che dar­in, dass sich ein Christ für eine neue Lehr-Mei­nung öff­net, wel­che ihn in ein nahe­zu unauf­halt­sa­mes Kräf­te­feld ande­rer Reli­gio­nen führt.

Ein Bei­spiel für eine sol­che Ent­wick­lung ist Bart Cam­po­lo. Sein Weg, der ihn von sei­nem christ­li­chen Glau­ben zu einem Athe­is­mus geführt hat, ist gut doku­men­tiert. Er beschreibt, dass es einen bestimm­ten Punkt gege­ben hat. Als er die­sen Punkt erreicht hat, ist er auf einen Weg getre­ten, der ihn nahe­zu unauf­halt­sam vom Glau­ben an Jesus weg­ge­führt hat in einen völ­lig ande­ren Glau­ben, den Athe­is­mus.

Religiöse Grund-Paradigmen

Ich möch­te erklä­ren, war­um ich das Wort ‹unauf­halt­sam› benut­ze.

Es gibt letzt­lich nicht so vie­le reli­giö­se Grund-Syste­me (ich nen­ne sie in die­sem Arti­kel der Ein­fach­heit hal­ber Para­dig­men oder Welt­an­schau­un­gen). James Sire zum Bei­spiel nennt fol­gen­de Welt­an­schau­un­gen:

  • Christ­li­cher The­is­mus
  • Deis­mus
  • Natu­ra­lis­mus
  • Nihi­lis­mus
  • Exi­sten­zia­lis­mus
  • Öst­li­cher pan­the­isti­scher Monis­mus
  • New Age Spi­ri­tua­li­tät
  • Post­mo­der­ne
  • Isla­mi­scher The­is­mus

Man kann dar­über debat­tie­ren, ob es ande­re sind oder zah­len­mäs­sig mehr oder weni­ger. Der bekann­te Anthro­po­lo­ge Paul Hie­bert unter­schei­det sechs Welt­an­schau­un­gen.  Peter Jones argu­men­tiert in einem beden­kens­wer­ten Buch, dass es letzt­lich nur zwei Para­dig­men gibt.

Die­se Unter­schie­de in der Beur­tei­lung ändern nichts dar­an, dass die zen­tra­len Glau­bens-Über­zeu­gun­gen von Welt­an­schau­un­gen zwei wich­ti­ge Eigen­schaf­ten haben:

  • Sie unter­schei­den ihr eige­nes Para­dig­ma grund­le­gend von den ande­ren Para­dig­men
  • Sie hän­gen eng zusam­men

Die oben genann­te Unauf­halt­sam­keit hat mit die­sen bei­den Eigen­schaf­ten zu tun, wes­halb ich sie mit eini­gen Bei­spie­len illu­strie­ren möch­te.

Unterscheidung

Zum Bei­spiel defi­niert sich der christ­li­che The­is­mus durch die Über­zeu­gung, dass es einen Schöp­fer gibt, der sich in sei­nem Wesen radi­kal von der Schöp­fung unter­schei­det. Fach­leu­te nen­nen das die Tran­szen­denz Got­tes. Der Gott der Bibel ist auch soge­nannt imma­nent — also sei­ner Schöp­fung nahe. Doch er ist eben auch tran­szen­dent, also wesens­mäs­sig anders.

Die Über­zeu­gung, dass der Schöp­fer wesens­mäs­sig anders ist als die Schöp­fung, unter­schei­det den christ­li­chen The­is­mus von ande­ren Welt­an­schau­un­gen, ins­be­son­de­re vom bei uns ton­an­ge­ben­den Natu­ra­lis­mus und pan­the­isti­schen Monis­mus. Die­se letzt­ge­nann­ten Para­dig­men sind gekenn­zeich­net durch den Glau­ben, dass es kei­nen Gott gibt aus­ser­halb der Natur. Gemäss ihnen ist alles, was auch nur ansatz­wei­se ‹Gott› genannt wer­den könn­te (wobei der Natu­ra­lis­mus das Wort ‹Gott› nie brau­chen wür­de), wesens­mäs­sig gleich wie die Natur.

Wir sehen hier, dass es grund­le­gen­de Inkom­pa­ti­bi­li­tät geben kann zwi­schen den Para­dig­men. Der Grund dafür ist die erste Eigen­schaft der zen­tra­len Leh­ren der Welt­an­schau­ung: Sie gren­zen ein Para­dig­ma von den ande­ren Para­dig­men ab.

Ein zusammenhängendes Netz

Pho­to by Joshua Sorti­no on Uns­plash

Die zen­tra­len Leh­ren eines Para­dig­mas sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Sie bil­den sozu­sa­gen ein zusam­men­hän­gen­des, unauf­lös­ba­res Netz. Die Fol­ge die­ser zwei­ten Eigen­schaft ist: Wer eine die­ser zen­tra­len Leh­ren auf­gibt, wird eine Ten­denz haben, bald auch die ande­ren, damit ver­knüpf­ten Über­zeu­gun­gen auf­zu­ge­ben. Die­se Art von Ket­ten­re­ak­ti­on sehen wir beson­ders gut beim ein­gangs erwähn­ten Cam­po­lo.

Ich ken­ne die­se Ket­ten­re­ak­tio­nen aus mei­nem Freun­des­kreis, wo Freun­de einen bestimm­ten Punkt erreicht haben und sich nun schein­bar unauf­halt­sam vom Glau­ben an Jesus ent­fer­nen. Die­se Unauf­halt­sam­keit hat mit der engen Ver­bun­den­heit zu tun, wel­che die zen­tra­len Leh­ren einer Welt­an­schau­ung oft haben. Des­halb kann man nicht die eine Leh­re los­las­sen, ohne die damit ver­bun­de­ne ande­re Leh­re eben­falls auf­zu­ge­ben.

Bei einem Christ kann das aus­se­hen wie bei Cam­po­lo: Wenn er auf­hört, an die Leh­re der Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes zu glau­ben, wird er bald auch die damit ver­bun­de­nen Leh­ren ver­lie­ren, z.B. jene der gött­li­chen Inspi­ra­ti­on und Auto­ri­tät der Bibel und jene der leib­li­chen Auf­er­ste­hung Jesu vom Tod.

Ein Bud­dhist kann eine ana­lo­ge Erfah­rung machen. Viel­leicht hört er auf, an eine der grund­le­gen­den Über­zeu­gun­gen aller moni­sti­schen Reli­gio­nen zu glau­ben, z.B. dass das Gött­li­che unper­sön­lich ist. Gibt er die­se fun­da­men­ta­le Über­zeu­gung auf, geht es los. Bald wird er auch an ande­re wich­ti­ge bud­dhi­sti­sche Leh­ren nicht mehr glau­ben und wird sich in Rich­tung eines ande­ren Para­dig­mas bewe­gen.

Das ‹progressive Christentum›

Eine schnell­wach­sen­de Grup­pie­rung inner­halb des Chri­sten­tums ist das ‹pro­gres­si­ve Chri­sten­tum›. Ande­re nen­nen es das ‹post-evan­ge­li­ka­le Chri­sten­tum›. Dave Jäg­gi schreibt:

Man geht der­zeit davon aus, dass die Ent­wick­lung von vor- zu post­kri­tisch in den USA mit jähr­lich mehr als drei Mio. Chri­stin­nen und  Chri­sten die gröss­te Bewe­gung inner­halb des Chri­sten­tums dar­stellt.

Labels sind nicht immer hilf­reich. Aber Chri­sten, die sich ein stück­weit mit einem die­ser Labels oder die­ser Art von Chri­sten­tum iden­ti­fi­zie­ren, haben das Anlie­gen, bestehen­de Über­zeu­gun­gen zu hin­ter­fra­gen. Ich tei­le ihre Mei­nung, dass unse­re Gemein­den Raum dazu geben müs­sen. Wir sind als Gemein­den nicht immer gut im Zulas­sen von Fra­gen, in Debat­ten, im Aus­hal­ten unter­schied­li­cher Mei­nun­gen.

Die­ses berech­tig­te Anlie­gen kann aber dazu füh­ren, dass Chri­sten ihren Glau­ben an Punk­ten hin­ter­fra­gen, die für den christ­li­chen Glau­ben von der­mas­sen zen­tra­ler Bedeu­tung sind, dass sie wie Bart Cam­po­lo ins Kräf­te­feld von fun­da­men­tal ande­ren Reli­gio­nen kom­men. Eini­ge Freun­de von mir, und mich dünkt auch eini­ge lei­ten­de Figu­ren in die­sem Seg­ment der Chri­sten­heit, sind de fak­to bereits in einer nicht-christ­li­chen Glau­bens-Kon­zep­ti­on ange­langt. Sie nen­nen sich viel­leicht noch Chri­sten, aber sie müss­ten wie Cam­po­lo den Mut haben, sich zu outen und zuzu­ge­ben, dass sie es nicht mehr sind.

Mein Wunsch an die Leiter, welche das progressive und post-evangelikale Christsein fördern

Mein gros­ser und drin­gen­der Wunsch an pro­gres­si­ve und post­evan­ge­li­ka­le Lei­ter ist, dass sie den Weg, den sie ange­fan­gen haben zu gehen, soweit wie mög­lich zu Ende den­ken. Sie müs­sen sich bewusst sein, dass es Glau­bens-Über­zeu­gun­gen gibt, die der­mas­sen zen­tral sind für den christ­li­chen Glau­ben, dass wenn sie an die­sen rüt­teln, sie sich selbst und ande­re ins Kräf­te­feld ande­rer Reli­gio­nen füh­ren.

Die­se Lei­ter nen­nen sich Chri­sten und beein­flus­sen bewusst die Gläu­bi­gen in unse­ren Kir­chen und Gemein­den. Des­halb wün­sche ich von ihnen, dass sie ver­ste­hen, wo der Weg enden wird, den sie ein­ge­schla­gen haben und auf den sie mög­lichst vie­le mit­neh­men wol­len, und dass sie die­sen End­punkt trans­pa­rent kom­mu­ni­zie­ren.

1 Comment
  1. Avatar
    Alpöhi 3 Wochen ago
    Reply

    Hilf­rei­cher Arti­kel.

    Ich den­ke, es liegt auch an «Reli­gi­on vs. Glau­be». Das Chri­sten­tum als Reli­gi­on (wört­lich «Zurück­bin­dung») kann mir gestoh­len blei­ben.

    Für mich ist Christ­sein kei­ne Reli­gi­on. Christ­sein ist Bezie­hung, denn Bezie­hung ist der rote Faden, der sich von vor­ne bis hin­ten durch die gan­ze Bibel durch­zieht: Bezie­hung zwi­schen Gott und den Men­schen, und auch Bezie­hung unter den Men­schen. Die Bezie­hung geht den Men­schen kaputt, Gott flickt sie wie­der, sie geht wie­der kaputt, Gott flickt sie wie­der… Die Bibel ist voll davon.

    Dies schrei­be ich wohl wis­send, dass auch MEINE Bezie­hun­gen — z.B. die zu Gott und die zu mei­ner Frau — zer­brech­lich sind. Ich mache es wie Luther und hän­ge mich an die­sen Jesus. Dann erfah­re ich, dass er mich trägt, auch wenn ich mal wie­der zweif­le (was schon bei den ersten Jün­gern dazu­ge­hör­te. Not­wen­di­ger­wei­se?)

    Denn dass ich Gott gefun­den habe, ist nicht so wich­tig. Wich­ti­ger ist, dass ER mich gefun­den hat 😉

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