Aquileia 3/4 — das Bekenntnis von Aquileia

Peter Bruderer
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«Ich glau­be an Gott, den Vater, den All­mäch­ti­gen» — so tön­te es aus mei­nem Mund, als ich vor 30 Jah­ren das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis vor ver­sam­mel­ter Men­ge auf­sag­te. Zwölf Sät­ze, müh­sam gelernt für mei­ne Kon­fir­ma­ti­on in einer Schwei­zer Frei­kir­che — und schnell wie­der ver­ges­sen. Es waren die glei­chen Wor­te, mit denen vor 1600 Jah­ren die Men­schen in Aqui­leia ins Tauf­becken gestie­gen sind, um ihren Glau­ben an Gott zu bezeu­gen. Doch macht es über­haupt Sinn, sich als Christ mit einem Text zu befas­sen, der ’nicht mal in der Bibel› steht? Für Rufin war die Ant­wort klar, als er die Anfra­ge bekommt, einen Kom­men­tar zu die­sem Bekennt­nis zu ver­fas­sen: Ja!

Nicht vie­le Tex­te der Geschich­te kön­nen eine ähn­li­che Kar­rie­re vor­wei­sen, wie das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis. Ent­stan­den in den ersten Jahr­hun­der­ten der Chri­sten­heit, gehört es seit jeher zu den wich­tig­sten Tex­ten des Chri­sten­tums – eine kom­pak­te Zusam­men­fas­sung des christ­li­chen Glau­bens in zwölf Sät­zen.  Der Text bie­tet eine Grund­la­ge für die christ­li­che Kate­che­se, dem Unter­richt der Gläu­bi­gen in der christ­li­chen Leh­re. Er ist eine Grund­la­ge, auf­grund derer Theo­lo­gen dis­ku­tie­ren und debat­tie­ren kön­nen. Er ist ein Boll­werk der Kir­che zur Ver­tei­di­gung des Glau­bens und Ent­lar­vung von Irr­leh­ren. Über Jahr­hun­der­te hin­weg wur­de die­ses Bekennt­nis im Rah­men der Tau­fe durch die Täuf­lin­ge zu ihrem per­sön­li­chen gemacht. Vie­le Chri­sten star­ben den Mär­ty­rer­tod mit die­sem Bekennt­nis auf den Lip­pen. Für sie war das ein­fa­che «Ich glau­be an Gott, den Vater, den All­mäch­ti­gen» kei­ne gespro­che­ne Flos­kel, son­dern ein Her­zens­be­kennt­nis, für das sie bereit waren, ihr Leben zu las­sen.

Doch die­ses Boll­werk der Kir­che, die­ses ‹kom­pri­mier­te› Wort Got­tes, ist in den ver­gan­ge­nen 200 Jah­ren von zwei­er­lei Wei­se ‘bezwun­gen‘ wor­den:

  1. Im Rah­men des Apo­sto­li­kums­strei­tes in den evan­ge­lisch-refor­mier­ten Kir­chen der Schweiz wur­de im 19. Jahr­hun­dert in den aller­mei­sten Kan­to­nen die Bekennt­nis­frei­heit ein­ge­führt. Zu eng schien der Rah­men des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses für die ton­an­ge­ben­den libe­ra­len Kräf­te in der Kir­che. Anstel­le des gemein­sa­men Bekennt­nis­ses trat in der Kir­che der Mei­nungs­plu­ra­lis­mus.
  2. Ande­re wie­der­um set­zen sich durch Rela­ti­vie­rung oder Umdeu­tung des Inhal­tes über das Apo­sto­li­kum hin­weg. Vor­der­grün­dig wird Lie­be und Aner­ken­nung des Bekennt­nis­ses pro­kla­miert, wäh­rend in der Rea­li­tät eigent­lich kei­ne von des­sen Aus­sa­gen für wahr gehal­ten wer­den. Ein Bei­spiel gibt uns Ste­phan Jüt­te, Ver­ant­wort­li­cher für das Medi­en­por­tal Ref­lab der Refor­mier­ten Kir­che Zürich:

«Ich spre­che das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis sehr ger­ne mit. Aber ich mei­ne des­we­gen nicht, dass die Schöp­fungs­ge­schich­te stimmt und nicht die Evo­lu­ti­ons­theo­rie, dass Maria eine Jung­frau war, die auf über­na­tür­li­che Wei­se schwan­ger gewor­den ist, dass Jesus die Höl­le besucht hat, dann wie­der gelebt hat und in den Him­mel geflo­gen ist oder dass es eine Kir­che gibt, die für die gan­ze Wahr­heit steht.» Ste­phan Jüt­te, Dies­seits

Das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis will aber nicht ein­fach als belang­lo­se For­mel mit­ge­spro­chen wer­den, son­dern es will mit Herz und Ver­stand erfasst und geglaubt wer­den. Und gera­de da bie­tet uns Rufin von Aqui­leia ein unglaub­lich wert­vol­les Geschenk: sei­nen Kom­men­tar zum Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis, geschrie­ben ums Jahr 404 n. Chr. Natür­lich haben auch ande­re Kir­chen­vä­ter sich in den ersten Jahr­hun­der­ten zu Kern­sät­zen des christ­li­chen Glau­bens geäus­sert – auch zu ver­schie­de­nen Sät­zen des christ­li­chen Bekennt­nis­ses. Rufin ist mög­li­cher­wei­se der erste, der sich mit einen kom­plet­ten Kom­men­tar dem christ­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis zuwen­det. Ein Mit­kon­ku­rent ist das ‹explana­tio sym­bo­li ad initi­an­dos›, wel­ches im glei­chen Zeit­raum ent­steht, aber des­sen Autoren­schaft umstrit­ten ist. Rufins Werk ist jeden­falls von gros­ser Bedeu­tung — ein Werk, wel­ches uns einen tie­fen Ein­blick in den gemein­sa­men Glau­ben der Chri­sten jener Zeit schenkt. Ein Werk, wel­ches uns auf­zeigt, wie das Glau­bens­be­kennt­nis von den Genera­tio­nen ver­stan­den wur­de, wel­che ihren end­gül­ti­gen Wort­laut mit­präg­ten. Im sel­ben Sin­ne wie die dama­li­gen Chri­sten soll­ten auch wir es dann ver­ste­hen und auch glau­ben.

Ach­tung, dies ist ein län­ge­rer Arti­kel. Über das nach­fol­gen­de Inhalts­ver­zeich­nis kannst du dich ori­en­tie­ren:

1. Hin­ter­grund des Rufin Kom­men­tars
2. Der Bekennt­nis­text im Ver­gleich
3. Zum Ursprung des apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses
4. Erste Beob­ach­tun­gen zum Kom­men­tar von Rufin
Viel Neu­es Testa­ment, noch mehr Altes Testa­ment / Alle­go­ri­sche Bibel­aus­le­gung / Abgren­zung gegen Irr­leh­ren / Chri­stus Vic­tor UND stell­ver­tre­ten­des Süh­ne­op­fer / Ver­söhn­ter Mensch, Ver­söhn­te Natur / Kei­ne All­ver­söh­nung, son­dern Gericht
5. Die star­ke Apo­lo­ge­tik von Rufin
Glau­be oder Ver­nunft? / Jung­frau­en­geburt? / Ein Gott im Staub und Dreck? / Wah­re Geschich­te oder mensch­li­che Phan­ta­sie? / Ein Gott der Sün­den ver­gibt? / Eine leib­li­che Auf­er­weckung?
6. Per­sön­li­ches Fazit

Petrus ent­sen­det den Evan­ge­li­sten Mar­kus nach Aqui­leia
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

1. Hintergrund des Rufin Kommentars

Wie muss es gewe­sen sein, als Rufin um die Jahr­hun­dert­wen­de vom 4. zum 5. Jahr­hun­dert nach fast 30 Jah­ren im Ori­ent in sei­ne Hei­mat Aqui­leia zurück­kehrt? Als jun­ger Mann ist er aus­ge­zo­gen – als ein vom Leben und man­chen Aben­teu­ern gezeich­ne­ter Mann kehrt er zurück. Sein Ruf ist ihm vor­aus­ge­eilt. Man hat von ihm gehört in Aqui­leia. Pil­ger sind von Aqui­leia aus­ge­zo­gen, sind Rufin in Jeru­sa­lem begeg­net, und haben zu Hau­se wie­der berich­tet. Da gibt es Hel­den­be­rich­te und begrün­de­ten Stolz auf Rufin. Da gibt es aber auch Fra­gen und Ver­un­si­che­rung. Denn auch die ‘schlech­te Pres­se’ von sei­nem ehe­ma­li­gen Weg­ge­fähr­ten Hie­ro­ny­mus hat sei­nen Weg nach Aqui­leia gefun­den. Kann man jeman­dem ver­trau­en, der 30 Jah­re im ‘Aus­land’ war? Sind sei­ne Über­zeu­gun­gen und sein Glau­be noch die glei­chen? Wie haben sich 30 Jah­re in der Kir­che des Ori­ents auf die­sen Mann aus­ge­wirkt? Ist die­ser Mann, der vor Jah­ren aus­ge­zo­gen ist, die Welt zu ent­decken, noch auf dem ‘guten Weg’?

Des­halb hat Rufin, als er von ‘Vater Lau­ren­ti­us’ den Auf­trag zum Schrei­ben bekommt, wohl eine dop­pel­te Auf­ga­be bekom­men. Zum einen soll er dem Auf­trag­ge­ber und ande­ren Men­schen Anteil geben an sei­nem pro­fun­den Wis­sen. Die Schrift, die er ver­fas­sen soll, wird für den Tauf­un­ter­richt ver­wen­det wer­den und so jun­gen Gläu­bi­gen die Grund­la­ge des christ­li­chen Glau­bens ver­mit­teln. Zum ande­ren muss sich Rufin klar gewe­sen sein, dass die Schrift auch eine per­sön­li­che Prü­fung ist. Der Auf­trag gibt ihm die Chan­ce und Auf­ga­be, in sei­ner Hei­mat den Nach­weis sei­nes guten Glau­bens zu erbrin­gen.

Ist Rufin ein guter Mann für die Auf­ga­be? Auf jeden Fall! Denn mit Rufin setzt sich eine Per­son mit dem Glau­bens­be­kennt­nis aus­ein­an­der, wel­che aus dem Vol­len schöp­fen kann. Zu sei­nen geist­lich for­ma­ti­ven Jah­ren in der Kir­che des Westens (Rom, Aqui­leia) haben sich fast 30 Jah­re unter­wegs in der Kir­che des Ori­ents gesellt (Alex­an­dria, Jeru­sa­lem). Im Rah­men sei­ner Zeit als Vor­ste­her eines Klo­sters in Jeru­sa­lem hat er in der Begeg­nung mit Pil­gern unzäh­lig ver­schie­de­ne Glau­bens­prä­gun­gen ken­nen­ge­lernt. Rei­sen bis nach Meso­po­ta­mi­en haben ihn in die ent­fern­ten Win­kel der Chri­sten­heit geführt. Durch sei­ne Über­set­zungs­tä­tig­kei­ten ist er ein pro­fun­der Ken­ner der christ­li­chen Theo­lo­gie und der bis­he­ri­gen Kir­chen­ge­schich­te. Es gibt wohl kaum einen bes­ser qua­li­fi­zier­ten Kan­di­da­ten für die Auf­ga­be, das wohl wich­tig­ste christ­li­che Bekennt­nis zu erläu­tern.

Was kön­nen wir von sei­ner Schrift erwar­ten? Ganz viel! Sie hat zum einen bil­den­den Cha­rak­ter. Der Kom­men­tar war, wie Rufin es schön schreibt, «für die Unter­wei­sung der Klei­nen in Chri­sto» ver­fasst wor­den. Sei­ne Aus­füh­run­gen sol­len der Festi­gung des Glau­bens die­nen, damit den Täuf­lin­gen «kein nacht­hei­li­ges Schwan­ken über Das­je­ni­ge, was sie glau­ben, sich ein­schlei­che.» Der Kom­men­tar gibt uns eine gesi­cher­te Doku­men­ta­ti­on des gül­ti­gen christ­li­chen Glau­bens zur dama­li­gen Zeit. Die Schrift hat aber auch einen apo­lo­ge­ti­schen Cha­rak­ter. Rufin will den Glau­ben stär­ken, indem er Fra­gen und Ein­wän­de anspricht, wel­che in sei­ner Zeit an den christ­li­chen Glau­ben her­an­ge­tra­gen wur­den. Nicht zuletzt hat die Schrift auch abgren­zen­den Cha­rak­ter. Denn Rufin beschreibt nicht nur im affir­ma­ti­ven Sin­ne den rech­ten Glau­ben, er benennt auch deut­lich fal­sche Glau­bens­vor­stel­lun­gen. Durch die­se Kom­bi­na­ti­on von Ein­gren­zung und Aus­gren­zung beschreibt Rufin prä­zi­se, was für die dama­li­gen Chri­sten der ‘Spiel­raum der guten Leh­re’ war.

Ein kur­zer Blick in die spä­te­re Geschich­te zeigt die Wich­tig­keit von Rufins Kom­men­tar in der Kir­chen­ge­schich­te. So war der Text 1478 das erste Werk, wel­ches in Oxford auf einer Buch­pres­se gedruckt wur­de. Es ist aber zugleich bezeich­nend, dass jene gedruck­te Aus­ga­be den Kom­men­tar nicht Rufin zuschreibt, son­dern sei­nem Weg­ge­fähr­ten und spä­te­ren Kri­ti­ker Hie­ro­ny­mus (Jero­me). Des­sen Name hat Rufin nicht nur zu Leb­zei­ten über­schat­tet, son­dern auch weit über den Tod hin­aus.

Der Evan­ge­list Mar­kus ver­kün­det in Aqui­leia das Evan­ge­li­um
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

2. Der Bekenntnistext im Vergleich

Nach­fol­gend fin­det sich der Bekennt­nis­text von Rufin (‹Sym­bo­lum Aqui­lei­um›) in Ver­gleich gesetzt zum römi­schen Ur-Apo­sto­li­kum (‹Sym­bo­lum Roma­num›) und dem Apo­sto­li­schen Bekennt­nis, wie es heu­te in den aller­mei­sten Kir­chen der Welt gespro­chen wird. In einer vier­ten Zei­le wer­den noch Ori­en­ta­li­sche Abwei­chun­gen erfasst, wel­che Rufin in sei­ner Schrift erwähnt.

Rufins Grund­la­ge für die ori­en­ta­li­schen Bekennt­nis­se könn­te jene von Euse­bi­us von Cäs­area sein, wel­che die­ser 325 n. Chr. in einem Brief an sei­ne Gemein­de erwähnt. Als Über­set­zer der Kir­chen­ge­schich­te von Euse­bi­us ist es vor­stell­bar, dass Rufin sich in sei­nen Erläu­te­run­gen auf jenes Bekennt­nis abge­stützt haben könn­te. Noch wahr­schein­li­cher ist jedoch, dass er sich auf das Bekennt­nis von Jeru­sa­lem abge­stützt hat, wo er als Vor­ste­her des Klo­sters am Ölberg gewirkt hat. Das Bekennt­nis von Jeru­sa­lem kann aus Schrif­ten von Cyrill von Jeru­sa­lem rekon­stru­iert wer­den, der Mit­te des vier­ten Jahr­hun­derts gewirkt hat.

In der nach­fol­gen­den Gegen­über­stel­lung sind die von Rufin erwähn­ten Unter­schie­de rot mar­kiert:
Die­se Gegen­über­stel­lung ermög­licht fol­gen­de erste Erkennt­nis­se:

  • Das christ­li­che Glau­bens­be­kennt­nis war, was ihre Sub­stanz betrifft, bereits in der Zeit von Rufin ein voll­stän­di­ges Bekennt­nis.
  • Das christ­li­che Glau­bens­be­kennt­nis, das wir heu­te auf­sa­gen, ist kein ver­fälsch­tes Bekennt­nis, son­dern ent­spricht in der Sub­stanz dem Bekennt­nis der Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te.
  • Das christ­li­che Bekennt­nis war schon damals ein von der gan­zen Kir­che geteil­tes Bekennt­nis. Wenn über Irr­leh­ren, Son­der­ge­mein­schaf­ten und lehr­mäs­si­ge Unter­schie­de der Chri­sten in der dama­li­gen Zeit gespro­chen wird, soll­te dies nicht den Blick auf das Wesent­li­che ver­stel­len: die welt­wei­te Ein­heit der dama­li­gen Chri­sten in den fun­da­men­ta­len Fra­gen des christ­li­chen Glau­bens.
  • Die klei­nen Abwei­chun­gen in den Bekennt­nis­sen sind vor allem regio­na­le Prä­zi­sie­run­gen. Auch Rufin erläu­tert in sei­nem Kom­men­tar eini­ge die­ser regio­na­len Unter­schie­de und zeigt auf, dass sie als Prä­zi­sie­run­gen auf­grund von Irr­leh­ren zu ver­ste­hen sind: «An andern Orten aber – so viel ich die Sach­la­ge über­schaue — schei­nen in Rück­sicht auf gewis­se Häre­ti­ker eini­ge Zusät­ze gemacht wor­den zu sein und zwar sol­che, durch wel­che man den Sinn einer neu­ern­den Leh­re gänz­lich aus­zu­schlie­ßen glaub­te.»

Nun eini­ge Erläu­te­run­gen zu den von Rufin erwähn­ten Unter­schie­den zwi­schen den Bekennt­nis­sen:

Satz 1

‘den unsicht­ba­ren und lei­dens­un­fä­hi­gen’: Die­ser Zusatz im Bekennt­nis von Aqui­leia hat nicht in die End­ver­si­on des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses ein­ge­fun­den. Es han­delt sich um eine Prä­zi­sie­rung des Wesens des Vaters. Rufin schreibt, die­se Prä­zi­sie­rung in Aqui­leia sei «bekann­ter­ma­ßen jener Irr­leh­re des Sabel­li­us wegen zuge­fügt wor­den». Es ging also dar­um, einer fal­schen Leh­re ent­ge­gen­zu­wir­ken. Sabel­li­us ver­trat die Leh­re des Patri­pas­sia­nis­mus, wel­cher davon aus­ging, dass Gott der Vater selbst am Kreuz getö­tet wur­de. Des­halb wur­de im Bekennt­nis von Aqui­leia fest­ge­hal­ten: Gott der Vater ist ‘unsicht­bar und lei­dens­un­fä­hig’. Auch wenn die­ser Zusatz nicht in die End­fas­sung des apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses auf­ge­nom­men wur­de, fan­den die­se Aspek­te aber Ein­gang in wich­ti­ge spä­te­re Bekennt­nis­tex­te, wie zum Bei­spiel dem bekann­ten West­min­ster Bekennt­nis von 1647.

Satz 1/2

‘und in EINEN Gott’ / ‘und in EINEN Chri­stus’: Die ori­en­ta­li­schen Kir­chen hat­ten gemäss Rufin fast alle die­se For­mu­lie­rung in den ersten zwei Sät­zen, statt des all­ge­mei­ne­ren ‘in Gott’ oder ‘in Jesus’. Ein Ver­gleich mit dem Bekennt­nis von Cäs­area bestä­tigt dies. Der Grund gemäss Rufin: «sie legen näm­lich in ihrem Bekennt­nis Gewicht auf die Ein­heit Got­tes und die Ein­heit des Herrn». Die­se Prä­zi­sie­rung könn­te ihren Grund im star­ken Ein­fluss haben, wel­che die Gno­sis ins­be­son­de­re im Ori­ent auf die Kir­che aus­üb­te. Die Gno­sis ging – stark ver­ein­facht – von zwei Gott­hei­ten aus: einem bösen Schöp­fer­gott und einer ande­ren, voll­kom­me­nen Gott­heit, wel­che sich in Chri­stus oder auch ande­ren anti­ken Per­sön­lich­kei­ten offen­bar­te. Es galt dem nie­de­ren Schöp­fer­gott und der von ihm geschaf­fe­nen natür­li­chen Welt durch rich­ti­ge Erkennt­nis der höhe­ren Gott­heit zu ent­flie­hen. Gut mög­lich also, dass die ori­en­ta­li­schen Chri­sten hier Klar­heit schaf­fen woll­ten mit der Beto­nung, dass es nur EINEN Gott gibt und auch nur EINEN Ret­ter – Jesus Chri­stus.

Satz 5

‘hin­ab­ge­stie­gen in das Reich des Todes’: Die­se For­mu­lie­rung aus dem Bekennt­nis von Rufin fin­det sich weder im römi­schen Bekennt­nis, noch in den ori­en­ta­li­schen Vari­an­ten, wie Rufin sel­ber anmerkt. Der Satz hat aber in die End­fas­sung des Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses Ein­gang gefun­den, was wir mög­li­cher­wei­se sogar Rufin und der Kir­che in Aqui­leia zu Ver­dan­ken haben. Eigent­lich kann auch hier die For­mu­lie­rung als Prä­zi­sie­rung des Todes Jesu gese­hen wer­den. Rufin: «Der Sinn des Wor­tes jedoch scheint gleich­mäs­sig zusam­men­zu­tref­fen mit der Behaup­tung, dass er begra­ben wor­den sei.» Der Tod bedeu­tet für den Men­schen auch den Über­gang in das Reich des Todes. Mit die­sem Satz ist auch gesagt: Jesus ist voll und ganz gestor­ben, und ist nicht etwa bei sei­nem Tod in einen Schlum­mer­zu­stand irgend­wel­cher Art ver­setzt wor­den.

Gemäss Rufin will aber mit die­sem Satz auch ver­deut­licht wer­den, dass im Kreu­zes­ge­sche­hen nicht nur Him­mel und Erde Jesus unter­tan wer­den, son­dern auch die Tore der ‘Unter­welt’ auf­ge­bro­chen wer­den: «…stieg die gött­li­che Natur durch das Fleisch hin­ab in den Tod, nicht damit sie nach dem Geset­ze der Sterb­li­chen vom Tode fest­ge­hal­ten wür­de, son­dern um in der Auf­er­ste­hung durch sich selbst des Todes Tho­re zu eröff­nen.»

Satz 11:

‘Auf­er­ste­hung DIESES Flei­sches’: Das Bekennt­nis in Aqui­leia macht hier eine Beto­nung: es ist nicht irgend­ein Leib, wel­cher am Ende des Tages auf­er­steht, son­dern der Leib des­sen, der das Bekennt­nis sein eigen macht. ‘Mein Leib wird Auf­er­ste­hen’, spricht somit der Täuf­ling, und gibt sei­nem Leib damit einen ganz ande­ren Wert, als die vie­len leib­feind­li­chen Welt­an­schau­un­gen der dama­li­gen Zeit. Rufin schrieb dazu: «Das Wort «die­ses» bezieht sich ohne Zwei­fel auf das Fleisch Des­je­ni­gen, der das Bekennt­nis ablegt und sei­ne Stirn mit dem Zei­chen des Kreu­zes bezeich­net: damit ein jeder Gläu­bi­ge wis­se, dass sein Fleisch, wenn er es frei bewahrt von der Sün­de, in Zukunft ein Gefäß der Ehre sein wer­de, wohl­be­rei­tet dem Herrn zu jeg­li­chem guten Wer­ke; wenn er es aber besu­delt in Sün­den, dass es dann sein wer­de ein Gefäß des Zor­nes zum Unter­gan­ge.»

Satz 12:

‘Das ewi­ge Leben’:
In einer frü­he­ren Vari­an­te des römi­schen Bekennt­nis­ses (Mar­cel­lus, 340 n. Chr.) fin­den wir bereits die­sen Satz, der nach­her auch ein fester Bestand­teil der End­fas­sung des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses wird. Ob die­ser Satz im Bekennt­nis von Aqui­leia tat­säch­lich gefehlt hat – dar­über muss spe­ku­liert wer­den. Rufin erwähnt den Satz nicht spe­zi­fisch als Bestand­teil des Bekennt­nis­ses in Aqui­leia. Doch Tat­sa­che ist, dass Rufin an der kor­rek­ten Stel­le im Kom­men­tar genau auf die The­ma­tik der Ewig­keit ein­geht: «Dass aber die Gerech­ten für immer bei Chri­stus unserm Herrn blei­ben, haben wir schon oben ange­ge­ben, wo wir zeig­ten, was der Apo­stel sagt: «Dann wer­den wir, die noch leben, die übrig geblie­ben sind, zugleich mit ihnen ent­rückt wer­den in Wol­ken, Chri­sto ent­ge­gen in die Lüf­te und wer­den so immer­dar bei dem Herrn sein

Petrus weiht Her­ma­go­ras zum Bischof von Aqui­leia, Mar­kus als Zeu­ge
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

3. Zum Ursprung des apostolischen Bekenntnisses

Den Ursprung des Apo­sto­li­schen Bekennt­nis­ses sieht Rufin bei den 12 Apo­steln und dem Mis­si­ons­be­fehl, den Jesus ihnen gege­ben hat­te:

«Dar­um gehet hin und leh­ret alle Völ­ker: Tauf­et sie auf den Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Gei­stes und leh­ret sie hal­ten alles, was ich euch befoh­len habe.» Mt 28:19 – 20

Genau die­sem Mis­si­ons­be­fehl ent­spre­chend nimmt das Apo­sto­li­sche Bekennt­nis dann auch die drei­tei­li­ge Glie­de­rung von Vater (Satz 1), Jesus Chri­stus (Sät­ze 2 – 7) und Hei­li­ger Geist (Satz 8) auf. Beim Apo­sto­li­schen Bekennt­nis sei es dar­um gegan­gen, dass die Apo­stel vor ihrem Aus­ein­an­der­ge­hen die gemein­sa­me Basis ihres Glau­bens fest­ma­chen woll­ten, den sie in die Welt hin­aus­tra­gen woll­ten. Rufin schreibt:

«Im Begrif­fe nun, von­ein­an­der zu schei­den, stell­ten sie sich vor­her gemein­sam eine Norm ihrer zukünf­ti­gen Pre­digt auf, damit sie nicht etwa, wenn der Eine vom Andern getrennt wäre, denen, wel­che zum christ­li­chen Glau­ben ein­ge­la­den wer­den soll­ten, Ver­schie­de­nes vor­trü­gen.» Rufin

Wie ist die­se Ursprungs­ge­schich­te zu wer­ten? Der wich­tig­ste Ein­wand gegen Rufins Ursprungs­ge­schich­te: War­um fin­den wir das Bekennt­nis nicht schon in der Bibel? Eines ist heu­te unbe­strit­ten: dass das Apo­sto­li­sche Bekennt­nis nicht im WORTLAUT das Bekennt­nis der ersten Chri­sten war. Trotz­dem spricht eini­ges dafür, dass des­sen INHALT auf die Apo­stel zurück­ge­hen könn­te. Dafür könn­ten die fol­gen­den Aspek­te spre­chen:

Plau­si­bler Anlass: Das ‘Sym­bo­lum’, wie das Bekennt­nis damals genannt wur­de, war von Anfang an mit der Tauf­pra­xis der Chri­sten ver­knüpft. Es ist gut vor­stell­bar, dass sich schon zur Zeit der Apo­stel eine gemein­sa­me For­mel bei der Tau­fe der vie­len neu­en Gläu­bi­gen eta­bliert haben könn­te.

Ech­te Bedro­hung: Der neue Glau­be der Chri­sten fand sich schon sehr früh inmit­ten von Irr­leh­ren. Es mach­te Sinn, mit dem Bekennt­nis ein ‘Güte­sie­gel’ des ech­ten Glau­bens zu haben, wel­ches die­sen vor fal­scher Leh­re und Schar­la­ta­ne­rie schüt­zen wür­de. Rufin schreibt, dass…

«…vie­le Juden umher­gin­gen und sich fälsch­lich für Apo­stel Chri­sti aus­ga­ben; sie zogen aus Gewinn­sucht oder um des Bau­ches wil­len zur Pre­digt aus, Chri­stum zwar nen­nend, aber ohne ihn zu ver­kün­den nach den ech­ten Grund­li­ni­en der Über­lie­fe­run­gen. Aus die­sem Grun­de wur­de jenes Zei­chen auf­ge­stellt, damit an ihm Der­je­ni­ge wohl erkannt wer­den kön­ne, der wahr­haft nach den apo­sto­li­schen Sat­zun­gen Chri­stum pre­di­ge.» Rufin

Plau­si­ble Begrün­dung, war­um der Text in der Bibel und ande­ren alten Schrif­ten fehlt: Das Bekennt­nis der ersten Chri­sten soll­te gemäss Rufin nicht ver­schrift­licht wer­den, um es vor Miss­brauch durch die Fein­de des Glau­bens zu schüt­zen. Man muss sich vor Augen füh­ren, wie ent­schei­dend es unter den ersten Genera­tio­nen von Chri­sten gewe­sen sein muss­te, dem ande­ren Gläu­bi­gen wirk­lich ver­trau­en zu kön­nen. Chri­sten muss­ten jeder­zeit mit Ver­fol­gung und Aus­gren­zung auf­grund des Glau­bens rech­nen. Rufin benutzt das Bild eines Krie­ges, wo Heer­füh­rer ihren Sol­da­ten ein Code­wort mit auf den Weg geben, damit sie bei Kon­takt mit gleich aus­ge­rü­ste­ten Sol­da­ten sicher­stel­len kön­nen, dass die­se Tat­säch­lich zu ihnen gehö­ren. Genau­so soll­te das Tauf­be­kennt­nis der Chri­sten nur von Mund zu Mund wei­ter­ge­ge­ben wer­den. Auch wenn es für Rufins Erklä­rung kaum wei­te­re früh­christ­li­che Bele­ge gibt, hat die Vor­stel­lung einer siche­ren Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­keit durch­aus Plau­si­bi­li­tät. Rufin schreibt:

«Die­se Tra­di­ti­on aber haben die Apo­stel des­halb nicht zur Auf­zeich­nung auf Per­ga­ment oder Papier gege­ben, son­dern zur Auf­be­wah­rung in den Her­zen der Gläu­bi­gen, damit es sicher sei, dass Nie­mand die­sel­be aus der Lesung, wozu ja zuwei­len auch die Hei­den Gele­gen­heit zu fin­den pfle­gen, son­dern aus der Apo­stel münd­li­cher Pre­digt erlernt habe.» Rufin

Die früh­christ­li­che Tra­di­ti­on: Rufin beruft sich bei sei­nem Kom­men­tar zum Ursprung des Bekennt­nis­ses auf die Tra­di­ti­on. Es gab gemäss ihm zur dama­li­gen Zeit einen Kon­sens bezüg­lich des apo­sto­li­schen Ursprungs des christ­li­chen Glau­bens­be­kennt­nis­ses. So fin­den wir ähn­li­che Ursprungs­ge­schich­ten, zum Bei­spiel in den ‹Con­sti­tu­tio­nes Apo­sto­lo­rum› (ca 380).

Welt­wei­te Ver­brei­tung: Das Argu­ment, wel­ches aus mei­ner Sicht am stärk­sten für einen Ursprung des Bekennt­nis­ses bei den Apo­steln spricht, ist ihre Ver­brei­tung im gan­zen römi­schen Reich in einem weit­ge­hend iden­ti­schen Auf­bau und Inhalt. Die dama­li­ge Welt des römi­schen Rei­ches war zwar ver­netzt, trotz­dem waren die ein­zel­nen eth­ni­schen und regio­na­len Ein­hei­ten noch wesent­lich abge­schot­te­ter, als heu­te und ent­wickel­ten sich dem­entspre­chend sehr eigen­stän­dig. Umso erstaun­li­cher ist es, dass nicht viel grös­se­re regio­na­le Unter­schie­de beim christ­li­chen ‘Sym­bo­lum’ vor­han­den waren. Dies spricht für einen gemein­sa­men Ursprung und eine mit gros­ser Vor­sicht gepfleg­te münd­li­che Wei­ter­ga­be ab ‹erster Stun­de›.

Persönlicher Befund

Ich hal­te es für durch­aus plau­si­bel, dass das Apo­sto­li­sche Bekennt­nis auf die Apo­stel selbst zurück­zu­füh­ren sein könn­te — nicht im Wort­laut, aber in der Struk­tur und inhalt­li­chen Grund­sub­stanz. Wir reden hier ver­mut­lich vor allem von den Inhal­ten der Sät­ze 1 – 8, wel­che in direk­tem Zusam­men­hang mit dem Tauf­be­fehl stan­den. Mit der Tau­fe war dem Bekennt­nis auch ein Ritu­al zur Sei­te gestellt, wel­che die sorg­fäl­ti­ge münd­li­che Wei­ter­ga­be sicher­ge­stellt haben kann.

Die Ursprün­ge der römi­schen Fas­sung ‘Sym­bo­lum Roma­num’ kön­nen in Schrift­form bis in die Mit­te des zwei­ten Jahr­hun­derts zurück­ver­folgt wer­den (Ter­tul­li­an, Ire­nä­us). Das bedeu­tet, münd­li­che Fas­sun­gen könn­ten durch­aus schon wesent­lich frü­her gepflegt wor­den sein.

Nicht glaub­wür­dig sind hin­ge­gen die Legen­den, dass jeder der 12 Apo­stel einen der Sät­ze zum Bekennt­nis bei­getra­gen hat. Dies ent­spricht nicht der Arbeits­wei­se, wel­che wir zum Bei­spiel beim Apo­stel­kon­zil in Apg 15 sehen.

Bischof Her­ma­go­ras und sein Dia­kon For­tu­na­tus wer­den geköpft
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

4. Erste Beobachtungen zum Kommentar von Rufin

Der Kom­men­tar von Rufin ist zu umfang­reich, um ihn detail­liert in die­sem For­mat bespre­chen zu kön­nen. Ich beschrän­ke mich des­halb auf ein­zel­ne Beob­ach­tun­gen.

Viel Neues Testament, noch mehr Altes Testament.

Rufin ist bemüht, sei­ne Gedan­ken zu den ein­zel­nen Bekennt­nis­sät­zen mit Bibel­stel­len zu bele­gen. Dabei scheint er ein beson­de­res Augen­merk dar­auf zu legen, sowohl neu­te­sta­ment­li­che als auch alt­te­sta­ment­li­che Stel­len auf­zu­füh­ren. Zu jedem Glau­bens­satz des Bekennt­nis­ses fin­den sich Bele­ge aus bei­den Testa­men­ten. Auf­fal­lend ist aber, dass das Schwer­ge­wicht bei alt­te­sta­ment­li­chen Tex­ten liegt. Den knapp 60 neu­te­sta­ment­li­chen Ver­wei­sen ste­hen über 70 aus dem Alten Testa­ment gegen­über.

Es muss Rufin des­halb ein beson­de­res Anlie­gen gewe­sen sein, den christ­li­chen Glau­ben und des­sen Bekennt­nis mög­lichst gut auch in den alt­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten zu ver­an­kern.

Die­ser Schwer­punkt bei alt­te­sta­ment­li­chen Stel­len erstaunt auch nicht, wenn man sich die diver­sen Strö­mun­gen vor Augen führt, wel­che in der dama­li­gen Zeit dem Alten Testa­ment kri­tisch oder gar feind­se­lig gegen­über stan­den. Bereits der Häre­ti­ker Mar­ci­on hat­te im zwei­ten Jahr­hun­dert eine Bibel prä­sen­tiert, in dem das Alte Testa­ment gänz­lich fehl­te. Die von der Gno­stik gepräg­ten Gemein­schaf­ten der dama­li­gen Zeit sahen das Alte Testa­ment als von einem Bösen Schöp­fer­gott bestimmt. Die­ser Vor­stel­lung wirkt Rufin ent­ge­gen durch sei­ne Ver­zah­nung des christ­li­chen Bekennt­nis­ses mit dem Alten Testa­ment.

Ins­be­son­de­re das Kreu­zes­ge­sche­hen ver­an­kert Rufin mit ganz vie­len Ver­wei­sen im Alten Testa­ment und betont die unzäh­li­gen Bezü­ge:

«Voll sind von die­sen Geheim­nis­sen die Schrif­ten des Alten Testa­men­tes. Kein Pro­phet, kein Gesetz­ge­ber, kein Psal­men­dich­ter hat dies mit Still­schwei­gen über­gan­gen, im Gegen­teil fast jede Sei­te redet davon…» Rufin

Rufin erweist sich mit sei­nem Kom­men­tar also als Ver­tei­di­ger und Apo­lo­get der GANZEN Bibel. Ein schö­nes Bei­spiel fin­det sich im Kapi­tel 40 des Kom­men­tars, wo Rufin sei­ne Absich­ten offen­legt, die neu­te­sta­ment­li­chen Autoren über­ein­stim­mend mit dem alt­te­sta­ment­li­chen Befund zu prä­sen­tie­ren. Die Ent­geg­nung brauch­te es näm­lich in bei­de Rich­tun­gen. Wäh­rend sich die gno­sti­schen Glau­bens­rich­tun­gen mit dem Alten Testa­ment schwer taten, waren eher gesetz­li­che Glau­bens­ge­mein­schaf­ten, meist jüdi­scher Prä­gung, her­aus­ge­for­dert, auch den Wor­ten eines Pau­lus Ver­trau­en zu schen­ken:

«Damit du aber nicht glau­best, es wür­den die­se Aus­sprü­che des Pau­lus allein gleich­sam als eine neue Pre­digt auf­ge­führt, so höre auch, was einst­mals der Pro­phet Eze­chi­el durch den hei­li­gen Geist vor­her­ge­sagt hat: …» Rufin

Rufin dif­fe­ren­ziert sau­ber zwi­schen kano­ni­schen und nicht-kano­ni­schen Schrif­ten und macht klar, dass es der eine Hei­li­ge Geist ist, der sowohl im Alten wie auch im Neu­en Testa­ment wirkt:

«Es ist nun der­sel­be hei­li­ge Geist, der im alten Bun­de das Gesetz und die Pro­phe­ten, im neu­en Bun­de die Evan­ge­li­en und die Apo­stel inspi­rier­te.» Rufin

Allegorische Bibelauslegung

Unge­wohnt für den Leser im 21. Jahr­hun­dert ist zum Teil die Art und Wei­se, wie Rufin mit Bibel­stel­len umgeht. Es scheint klar, dass er – wie vie­le zu sei­ner Zeit – von den Prin­zi­pi­en der alle­go­ri­schen Schrift­aus­le­gung geprägt war, wie Orige­nes sie 200 Jah­re zuvor ent­wickelt hat­te.

Ein Bei­spiel dafür fin­den wir in sei­ner Deu­tung von Was­ser und Blut, wel­ches Jesus bei der Kreu­zi­gung aus der Sei­te geflos­sen ist (vgl Joh 19:34; Joh 7:38). Die­ses Was­ser und Blut deu­tet Rufin gleich drei­fach:  bezüg­lich der Gna­de und Ver­dam­mung, bezüg­lich Was­ser- und Blut­tau­fe (Mar­ty­ri­um), bezüg­lich der Erschaf­fung des ersten und des neu­en Men­schen:

«Das Was­ser nun ver­goss er, um damit die Gläu­bi­gen abzu­wa­schen: das Blut, um dadurch die Ungläu­bi­gen zu ver­dam­men. Man kann jedoch hier­un­ter auch eine figür­li­che Andeu­tung der zwie­fa­chen Gna­de der Tau­fe ver­ste­hen: die eine, wel­che gege­ben wird durch die Tau­fe des Was­sers, die ande­re, wel­che erwor­ben wird durch das Mar­ty­ri­um in der Ver­gies­sung des Blu­tes; denn Bei­des wird Tau­fe genannt. Wenn man nun auch danach fragt, war­um er nicht aus einem andern Glie­de als gera­de aus der Sei­te Was­ser und Blut ver­gos­sen habe, so scheint mir durch die Sei­te wegen der Rip­pe, die in ihr ist, das Weib ange­deu­tet zu wer­den. Weil also die Quel­le der Sün­de und des Todes aus­ging von dem ersten Wei­be, wel­che eine Rip­pe des ersten Adam war, so lei­tet sich die Quel­le der Erlö­sung und des Lebens aus der Rip­pe des zwei­ten Adam her.» Rufin

An einem ande­ren Ort deu­tet er den gekreu­zig­ten Jesus zur mit den drei ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen des Sie­ges am Kreuz: in die Höhe erho­ben als Zei­chen sei­ner himm­li­schen Herr­schaft, die Arme aus­ge­streckt als Zei­chen der Ein­la­dung an alle Men­schen, in der Erde Ver­an­kert als Zei­chen der Unter­wer­fung des Todes­rei­ches:

«So ist sei­ne Todes­art als Myste­ri­um pas­send gewählt wor­den, damit er zur Höhe erho­ben die Mäch­te der Höhe unter­wer­fe und den Sieg über die­se den erha­be­nen Gewal­ten des Him­mels über­lie­fe­re. Die Hän­de aber hält er, wie der Pro­phet sagt, den gan­zen Tag aus­ge­streckt zu dem Vol­ke, das auf der Erde ist, um die Ungläu­bi­gen als Zeu­gen her­bei­zu­ru­fen und um die Gläu­bi­gen ein­zu­la­den. Der in die Erde ein­ge­senk­te Teil des Kreu­zes aber deu­tet sei­ne Unter­wer­fung der unter­ir­di­schen Rei­che an.» Rufin

Noch bis in die Zeit der Refor­ma­ti­on hin­ein wür­de dies die domi­nan­te Art der Schrift­aus­le­gung sein: eine Art der Bibel­aus­le­gung, wel­che neben dem buch­stäb­li­chen auch noch nach den mora­li­schen und den alle­go­ri­schen Sinn such­te. Erst die Refor­ma­to­ren wür­den sich von die­sem Vor­ge­hen abwen­den und die mora­li­sche und alle­go­ri­sche Text­deu­tung gegen­über der buch­stäb­li­chen abwer­ten. Doch eigent­lich sind die­se bei­den, durch die Refor­ma­ti­on in Ver­ruf gera­te­nen Deu­tungs­me­tho­den, äus­serst wert­vol­le Hil­fen, um die Bot­schaft der Bibel auf einer noch tie­fe­ren Ebe­ne zu begrei­fen. Alle­go­rie heisst, mit bild­haf­ten Aus­sa­gen geist­li­che Zusam­men­hän­ge auf­zu­zei­gen. Auch Jesus hat oft zu die­sem Mit­tel gegrif­fen, zum Bei­spiel wenn er sagt: «Ich bin der Wein­stock, ihr seid die Reben» (Joh 15:5). Auch die mora­li­sche Aus­le­gung von Tex­ten kann sinn­brin­gend sein. Ich mache ein Bei­spiel zur Illu­stra­ti­on. Nehe­mia beschreibt, wie die von Baby­lon heim­ge­kehr­ten Juden die Stadt­mau­er um Jeru­sa­lem wie­der­auf­bau­ten, um sie vor ihren Fein­den zu schüt­zen (Jer 2). Eine mora­li­sche Aus­le­gung die­ser Geschich­te wäre die Fra­ge, wo und vor was wir in unse­rem heu­ti­gen Leben eine Schutz­mau­er brau­chen.

Die Pro­ble­ma­tik kommt bei einer zu extrem alle­go­ri­sier­ten Text­aus­le­gung, wenn die­se die eigent­li­che Bedeu­tung des Tex­tes ver­drängt. Wäh­rend also der buch­stäb­li­che Sinn eines Tex­tes die Basis einer jeden Aus­le­gung bil­den muss, so kann es durch­aus von Gewinn sein, auch mora­li­sche und alle­go­ri­sche Per­spek­ti­ven auf einen Text zu berück­sich­ti­gen.

Abgrenzung gegen Irrlehren

Unge­wohnt für den heu­ti­gen Leser sind auch die zahl­rei­chen und deut­li­chen Ver­ur­tei­lun­gen von Irr­leh­ren. Rufin grenzt nicht nur ein, er grenzt auch ab. Er beschreibt nicht nur im posi­ti­ven Sinn das Wesen und den Inhalt des christ­li­chen Glau­bens, er grenzt die­sen auch ganz klar ab gegen pro­ble­ma­ti­sche oder fal­sche Leh­ren. Unter Nen­nung der Urhe­ber und Beschrei­bung der fal­schen Lehr­in­hal­te wer­den Kul­te und Son­der­grup­pie­run­gen als ‘Sek­ten der Gott­lo­sig­keit’ ver­ur­teilt. Die­se Pra­xis der kla­ren Benen­nung von fal­schen Leh­ren mag uns im Zeit­al­ter von Plu­ra­lis­mus und reli­giö­sem ‘Jeka­mi’ irri­tie­ren, sie hat aber durch­aus ihren biblisch begrün­de­ten Hin­ter­grund. Im letz­ten Arti­kel in die­ser Serie wer­de ich noch ein­ge­hen­der auf die im Kom­men­tar erwähn­ten Irr­leh­ren ein­ge­hen.

Christus Victor UND stellvertretendes Sühneopfer

‘Chri­stus Vic­tor’ ist ein christ­li­ches ‘Buz­z­word’ der Stun­de. Gemeint ist damit das kos­mi­sche Dra­ma, wel­ches sich rund um das Kreu­zes­ge­sche­hen von Jesus Chri­stus ent­fal­tet. Durch sei­ne Kreu­zi­gung und Auf­er­ste­hung erringt Jesus den Sieg über die Kräf­te des Bösen und den Für­sten die­ser Welt, wel­che die Mensch­heit ver­skla­ven und knech­ten. «Chri­stus ist Herr!» (Phil 2:11) — das ist das christ­li­che Urbe­kennt­nis, wel­ches den Sieg Jesu und sein neu­es Mit­ein­an­der mit den Men­schen deut­lich zum Aus­druck bringt.

Dane­ben scheint das Wort ‘Süh­ne­op­fer’ in gewis­sen christ­li­chen Krei­sen das ‘Unwort’ der Stun­de zu sein. Die Idee, dass Jesus sich für uns als stell­ver­tre­ten­des Opfer hin­ge­ge­ben hat – für unse­re Sün­den gestor­ben ist – stösst in libe­ra­len und pro­gres­si­ven Krei­sen teil­wei­se auf vehe­men­te Ableh­nung. Das Süh­ne­op­fer Jesu wird mit einem ‘kos­mi­schen Kinds­miss­brauch’ durch einen sadi­sti­schen Vater ver­gli­chen. (Vgl. Ste­ve Chal­ke, The Lost Mes­sa­ge of Jesus, S 182 – 183). Chri­stus Vic­tor und das Kon­zept des Süh­ne­to­des wer­den dabei fak­tisch als sich gegen­sei­tig aus­schlies­sen­de Kon­zep­te prä­sen­tiert. Bei Rufin fin­den wir aber bei­de Kon­zep­te in einem gött­li­chen Mit­ein­an­der.

Die posi­ti­ve Freu­de und Zuver­sicht des Chri­stus-Vic­tor-The­mas wird zum Bei­spiel in fol­gen­dem Zitat gut dar­ge­stellt:

«Aber erschrick nicht, gläu­bi­ger Leser: denn bald wirst du Den­je­ni­gen, von dem du hörst, dass er gestor­ben sei, als Wie­der­auf­er­stan­de­nen erken­nen. Denn den Tod hat er über­nom­men, um dadurch den Tod zu berau­ben.» Rufin

Denk­wür­dig ist der bild­haf­te Ver­gleich Rufins mit einem Ang­ler (Gott), der sei­nen Sohn Jesus gleich­sam als Köder ein­setzt, um den Tod zu fan­gen:

«Denn er allein, der die Makel der Sün­de nicht kennt, hat die Sün­den Aller getilgt: derer näm­lich, die mit sei­nem Blut die Pfo­sten ihres Glau­bens zeich­ne­ten. Gleich­wie also ein Fisch, wenn er eine mit Spei­se ver­deck­te Angel (Haken) erfasst, nicht nur die Spei­se vom Haken nicht löst, son­dern auch selbst aus der Tie­fe her­vor­ge­zo­gen wird, um dann Andern zur Spei­se zu die­nen: so hat auch Der­je­ni­ge, wel­cher die Herr­schaft des Todes besaß, den Leib Jesu im Tode zwar an sich geris­sen, ohne aber zu mer­ken, dass in dem­sel­ben der Angel­ha­ken der Gott­heit ein­ge­schlos­sen war; son­dern da er ver­schlang, blieb er selbst für immer hän­gen und wur­de, nach­dem die Schran­ken der Höl­le zer­sprengt waren, wie aus der Tie­fe her­vor­ge­zo­gen um Andern zur Spei­se zu wer­den.» Rufin

Mit hin­ein­ver­wo­ben in die­se Ver­bild­li­chung des Sie­ges Jesu fin­den wir aber ganz klar das Bild des Süh­nelam­mes, also des stell­ver­tre­ten­den Süh­ne­to­des Jesu:

«Denn er allein, der die Makel der Sün­de nicht kennt, hat die Sün­den Aller getilgt: derer näm­lich, die mit sei­nem Blu­te die Pfo­sten ihres Glau­bens zeich­ne­tenRufin

Rufin erteilt mit sei­nem Text den aktu­el­len Vor­stel­lun­gen eine Absa­ge, wel­che das stell­ver­tre­ten­de Süh­ne­op­fer Jesu als eine theo­lo­gi­sche Erfin­dung des ‘fin­ste­ren Mit­tel­al­ters’ hin­stel­len. Er steht damit nicht allei­ne, son­dern reiht sich damit ledig­lich ein in die lan­ge Rei­he der früh­christ­li­chen Autoren wie Irenae­us von Lyons, Atha­na­si­us dem Gros­sen oder Basil dem Gros­sen oder dem unbe­kann­ten Autoren des Send­schrei­bens an Dio­gnetus , wel­che das Kreu­zes­ge­sche­hen auch im Sin­ne des Süh­ne­to­des deu­ten. Das Kreu­zes­ge­sche­hen ist mehr­di­men­sio­nal und beinhal­tet sowohl die Hel­den­ge­schich­te Got­tes, der in Jesus den Sieg über die Mäch­te der Fin­ster­nis erringt, als auch die Lam­mes­ge­schich­te Got­tes, der in Jesus sel­ber die mensch­li­che Schuld mit dem eige­nen Blut tilgt.

Versöhnter Mensch, Versöhnte Natur

Im Kreu­zes­ge­sche­hen sieht Rufin nicht nur die Grund­la­ge für die Ver­söh­nung des Men­schen mit Gott. Er sieht in ihr auch die Grund­la­ge für die Ver­söh­nung unter Men­schen, aber auch ganz grund­sätz­lich für eine Ver­söhn­te und wie­der­her­ge­stell­te Schöp­fung. Wie die Dor­nen durch die Sün­de in die Welt kamen, so wird die Natur, sym­bo­li­siert durch die Dor­nen­kro­ne Jesu, wie­der ver­söhnt:

«Um jedoch das Geheim­nis in sei­ner Tie­fe auf­zu­fas­sen, ist zu bemer­ken, dass Der­je­ni­ge, wel­cher kam, um die Sün­den der Welt hin­weg zu neh­men, auch die Erde von dem Flu­che rei­ni­gen muss­te, des­sen Strafs­en­tenz sie nach der Sün­de des ersten Men­schen in den Wor­ten des Herrn emp­fan­gen hat­te: «Ver­flucht sei die Erde in ihren Wer­ken! Dor­nen und Disteln soll sie dir her­vor­brin­gen» Aus dem Grun­de also wird Jesus mit Dor­nen gekrönt, damit jenes erste Ver­dam­mungs­ur­teil gelöst wür­de. Er wird ans Kreuz gebracht, und am Hol­ze wird das Leben der gan­zen Welt auf­ge­han­gen.» Rufin

Keine Allversöhnung, sondern Gericht

Wer gewis­se Pas­sa­gen Rufins über den uni­ver­sel­len Sieg Jesu im Kreu­zes­ge­sche­hen liest, der könn­te dazu nei­gen, ihn als einen Ver­tre­ter der All­ver­söh­nung zu zeich­nen. Und eine sol­che Hal­tung wäre umso bri­san­ter, als Orige­nes, des­sen kon­tro­ver­se Schrif­ten er über­setzt hat­te, als Urhe­ber die­ser Leh­re gilt. Doch Rufin äus­sert sich deut­lich: Men­schen müs­sen ihr Leben im Bewusst­sein des kom­men­den Rich­ters und des kom­men­den Gerichts leben, die­ses wird für die einen ewi­ges Leben brin­gen, den ande­ren ewi­ge Schan­de:

«Dass er aber kom­men wird zu rich­ten die Leben­den und die Toten, leh­ren uns vie­le Zeug­nis­se der hl. Schrift. Ehe wir aber Dies durch pro­phe­ti­sche Bei­spie­le zei­gen, scheint es not­wen­dig zu sein, dar­an zu erin­nern, dass die­ser über­lie­fer­te Glau­be von uns ver­langt, dass wir täg­lich über die Ankunft des Rich­ters besorgt sei­en und unse­re Hand­lun­gen so ein­rich­ten, dass wir dem kom­men­den Rich­ter Rechen­schaft geben kön­nen.» Rufin, Kap 28

«Vie­le wer­den auf­er­ste­hen aus dem Stau­be der Erde, die Einen zwar zum ewi­gen Leben, die Andern aber zur ewi­gen Beschä­mung und Schan­de.» Rufin, Kap 28

Begräb­nis von Bischof Her­ma­go­ras und For­tu­na­tus
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

5. Die starke Apologetik von Rufin

Wie in der Ein­lei­tung erwähnt, hat die Schrift auch einen apo­lo­ge­ti­schen Cha­rak­ter. Rufin bemüht sich, Argu­men­ten gegen den Glau­ben und Anfra­gen an den Glau­ben auch mit Ver­nunft­ar­gu­men­ten ent­ge­gen­zu­wir­ken. Sein Ziel ist es, damit die Schwa­chen zu stär­ken:

«Doch wir wol­len uns bemü­hen, die schwach­gläu­bi­gen See­len durch aus der Natur genom­me­ne Ver­nunft­grün­de zu unter­stüt­zen.» Rufin

Hier eini­ge Fra­ge­stel­lun­gen, wel­che er apo­lo­ge­tisch behan­delt:

Glaube oder Vernunft?

Dem Vor­wurf, der christ­li­che Glau­be beru­he aus Man­gel an Ver­nunft­grün­den nur auf Glau­ben begeg­net er mit dem Nach­weis, dass jede Tätig­keit auf Glau­bens­vor­an­nah­men beruht.

«Die­ses [der Glau­be] aber haben wir des­halb beim Anfan­ge unse­rer Aus­ein­an­der­set­zung vor­aus­ge­schickt, weil die Hei­den uns den Ein­wurf zu machen pfle­gen, es beru­he unse­re Reli­gi­on, in Ermang­lung von Ver­nunft­grün­den, auf der blos­sen Über­zeu­gung des Glau­bens: eben des­halb haben wir gezeigt, dass Nichts unter­nom­men wer­den noch bestehen kön­ne ohne den Ein­fluss eines vor­her­ge­hen­den Glau­bens.» Rufin

Mit ver­schie­de­nen Bei­spie­len zeigt Rufin auf, wie jede Tätig­keit auf der Grund­la­ge von Glau­ben pas­siert:

  • Ins Meer begibt sich nur wer glaubt, dass er auch wie­der glück­lich ans Land stei­gen wird.
  • Der Bau­er sät den Samen nur aus, weil er glaubt, dass mit­hil­fe von Son­ne und Regen Frucht ent­ste­hen wird.
  • Den Ehe­bund schliesst nur, wer an eine zukünf­ti­ge Nach­kom­men­schaft glaubt.
  • In den Unter­richt wird ein Kind nur geschickt, wenn man dar­an glaubt, dass sich das Wis­sen des Leh­rers auf den Schü­ler über­tra­gen wird.
  • Die Auf­ga­be zu Herr­schen über­nimmt nur der­je­ni­ge, der glaubt, dass ihm Völ­ker, Städ­te und Hee­re auch gehor­sam sein wer­den.

Rufins Fazit:

«Wenn nun Nie­mand an der­glei­chen Din­ge her­an­tritt, ohne an ihre zukünf­ti­ge Ver­wirk­li­chung zu glau­ben, gilt es dann nicht in einem viel höhe­ren Mas­se von der Erkennt­nis Got­tes, dass man zu ihr nur durch den Glau­ben gelan­ge?» Rufin

Jungfrauengeburt?

Dass Maria eine Jung­frau gewe­sen sein soll­te, sorg­te damals schon für Geläch­ter:

«Doch pfle­gen uns die Hei­den zu ver­la­chen, wenn sie uns die Geburt der Jung­frau beken­nen hören». Rufin

Wenn in unse­ren Tagen also Athe­isten und libe­ra­le Theo­lo­gen in das­sel­be Horn bla­sen, so ist dies nichts Neu­es. Die­sem Geläch­ter begeg­net Rufin mit einem Ein­blick in die viel­fäl­ti­gen Repro­duk­ti­ons­for­men der Natur und mit dem Nach­weis, dass die Grün­dungs­my­then ande­ren Reli­gio­nen noch viel lächer­li­cher sind:

«Dass die Bie­nen ganz bestimmt kei­ne geschlecht­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen ken­nen und kei­nen Fötus gebä­ren, ist all­ge­mein bekannt. Doch las­sen sich auch noch eini­ge ande­re Bei­spie­le einer der­ar­ti­gen Geburt anfüh­ren. Und nun soll ein Vor­gang, der durch gött­li­che Macht zur Wie­der­her­stel­lung der gan­zen Welt bewirkt wor­den, als unglaub­lich erschei­nen, für den sich Ana­lo­gien sogar in der Geburt von Tie­ren fin­den las­sen! Übri­gens ist es zu ver­wun­dern, dass Dies den Hei­den unmög­lich scheint, da sie doch glau­ben, ihre Miner­va sei aus dem Gehirn des Jupi­ters gebo­renRufin

Ein Gott im Staub und Dreck?

Auch die Idee, das Gott durch eine ‘schmut­zi­ge’ mensch­li­che Geburt auf die Welt gekom­men sein soll, war für vie­le in der dama­li­gen Zeit unvor­stell­bar. Die­se emp­fin­den es gemäss Rufin als «unwür­dig, dass jene so hohe Maje­stät durch die Geschlechts­tei­le eines Wei­bes hin­durch in die Welt getre­ten sei».

Die­se Anfra­ge an den christ­li­chen Glau­ben ist auch in unse­rer Zeit bei­spiels­wei­se bei Mos­lems ein gros­ses Hin­der­nis zum Glau­ben. Der erha­be­ne Gott macht sich doch nicht schmut­zig! Doch Rufin macht klar, dass der Dreck der Geburt Jesu ledig­lich die Barm­her­zig­keit Got­tes noch mehr her­aus­streicht. Er ist bereit, sich für das Ver­lo­re­ne schmut­zig zu machen. Mit zwei Bei­spie­len macht Rufin klar, das Got­tes Rein­heit und Jesu mensch­li­che Geburt kei­nen Wider­spruch bil­den:

«Wenn Jemand, der selbst ein erwach­se­ner und kräf­ti­ger Mann ist, einen Kna­ben in einer Schmutz­gru­be in Lebens­ge­fahr erblickt und nun in den tief­sten Kot hin­ab­steigt, um den ster­ben­den Klei­nen zu ret­ten, wird man den als einen Beschmutz­ten schel­ten, weil er ein wenig in den Kot getre­ten, oder wird man ihn als barm­her­zig loben, weil er einem dem Tode Ver­fal­le­nen das Leben geret­tet?» Rufin

«Nun sie­he, wenn ein Strahl der Son­ne in irgend­ei­nen Abgrund voll Schmutz hin­ein­fällt, zieht er dann selbst sich irgend­wie eine Befleckung zu? Oder gereicht die Beleuch­tung schmut­zi­ger Din­ge der Son­ne zum Schimpf?» Rufin

Rufin macht auch klar, das Gott sich in Jesus nicht das erste mal die Hän­de schmut­zig gemacht hat. Das tat er schon bei der Erschaf­fung des Men­schen:

«Wir sagen, dass der Mensch von Gott erschaf­fen wor­den aus Lehm der Erde. Will man nun da eine Befleckung Got­tes erken­nen, wo er sein Werk wie­der sucht, dann muss­te bei Wei­tem eher da eine Beschmut­zung fest­ge­stellt wer­den, wo er im Anfan­ge sein Werk schafft.» Rufin

Auch das Lei­den von Jesus fällt in die glei­che Kate­go­rie des für den dama­li­gen Men­schen Unver­ständ­li­chen. Wie kann es denn sein, dass Gott selbst in Jesus gegeis­selt, geschla­gen, ange­spien und beschimpft wird? Des­halb, so Rufin, sind die dar­auf hin­wei­sen­den alt­te­sta­ment­li­chen Pro­phe­ti­en so wich­tig:

«Denn unglaub­lich erscheint es, dass Gott, der Sohn Got­tes, Sol­ches gelit­ten habe, und das es von ihm gepre­digt wer­de. Des­halb also wur­de Dies von den Pro­phe­ten vor­her­ge­sagt, damit den Gläu­bi­gen kein Zwei­fel ent­stün­de.» Rufin

Mit die­sen Über­le­gun­gen baut Rufin eine star­ke Apo­lo­ge­tik gegen die leib- und schöp­fungs­ver­ach­ten­den Ideo­lo­gien der dama­li­gen Zeit.

Wahre Geschichte oder menschliche Phantasie?

Rufin betont in sei­nem Kom­men­tar auch die Bedeu­tung der histo­ri­schen Dimen­si­on des christ­li­chen Glau­bens. So ist im Apo­sto­li­schen Bekennt­nis nicht von unge­fähr der Zeit­punkt der Kreu­zi­gung mit einem histo­ri­schen Bezug fest­ge­hal­ten: unter Pon­ti­us Pila­tus hat Jesus gelit­ten. Damit stellt sich das Chri­sten­tum auch in die­sem wich­ti­gen Bekennt­nis der histo­ri­schen Über­prüf­bar­keit sei­ner Behaup­tun­gen. Rufin schreibt:

«Ganz vor­sich­tig aber haben Die­je­ni­gen, wel­che das Sym­bo­lum über­lie­fert haben, auch die Zeit ange­ge­ben, in wel­cher Die­ses gesche­hen ist, unter Pon­ti­us Pila­tus näm­lich, damit nicht irgend­wie die Über­lie­fe­rung von dem Gesche­he­nen als unsi­cher und unbe­stimmt schwan­kend erschei­neRufin

Ein Gott der Sünden vergibt?

Auch der christ­li­che Glau­be an die Ver­ge­bung der Sün­den ist den Men­schen von damals auf­ge­stos­sen:

«Es pfle­gen näm­lich die Hei­den spöt­tisch wider uns zu sagen, dass wir uns selbst täu­schen, wenn wir glau­ben, dass tat­säch­lich began­ge­ne Ver­bre­chen durch Wor­te aus­ge­tilgt wer­den kön­nen. So sagen sie: Kann Jemand, der eine Mord­tat beging, ein Nicht­mör­der sein und Der­je­ni­ge als Nicht­ehe­bre­cher ange­se­hen wer­den, der einen Ehe­bruch beging?» Rufin

Rufin meint zu die­ser Fra­ge, es sei «bes­ser durch das ein­fa­che Bekennt­nis des Glau­bens als durch wis­sen­schaft­li­che Begrün­dung zu ant­wor­ten». In letz­ter Kon­se­quenz sei es die Gesin­nung und nicht die Tat an sich, wel­che dem gött­li­chen Urteil unter­lie­ge. Ent­lang die­ser Über­le­gung sei auch Sün­den­ver­ge­bung zu ver­ste­hen, als eine von Gott geschenk­te neue Gesin­nung:

«Die Tat ist es also nicht, wel­che mich in sol­chen Fäl­len zum Schul­di­gen macht, da sie ja zuwei­len auch recht­mäs­sig geschieht, son­dern die schlech­te Gesin­nung. Wenn nun also die Gesin­nung in mir, die ver­bre­che­risch wur­de, und in wel­cher die böse Tat ihren Ursprung nahm, gebes­sert wird, wie soll­te ich dann nicht als ein unschul­dig Gewor­de­ner, der vor­dem ein Ver­bre­cher war, erschei­nen kön­nen?» Rufin

Eine leibliche Auferweckung?

Bezüg­lich Auf­er­ste­hung gibt es für Rufin kei­nen Zwei­fel an der leib­li­chen Auf­er­ste­hung von Jesus. Ja die­se ist ihm sogar äus­serst wich­tig, denn mit der Auf­fahrt Jesu ‘zieht das Natür­li­che in den Him­mel ein’:

«Weil nun die Wäch­ter der himm­li­schen Tho­re und die Für­sten des Him­mels die­sen Ein­zug als einen neu­en erblick­ten, sehend, wie die fleisch­li­che Natur ein­zog in die ver­bor­ge­nen Räu­me des Him­mels, reden sie unter­ein­an­der, wie David vom hl. Gei­ste erfüllt es aus­spricht mit den Wor­ten: «Hebet eure Tho­re, ihr Für­sten, erhe­bet euch, ihr ewi­gen Tho­re, und es wird ein­zie­hen der König der Herr­lich­keit. Wer ist die­ser König der Herr­lich­keit? Der Herr, der star­ke und mäch­ti­ge, der Herr, mäch­tig im Kamp­fe.» Dies ist doch nicht geru­fen in Bezug auf die Macht der Gott­heit, son­dern im Hin­blick auf die auf­stei­gen­de mensch­li­che Natur, die nun in neu­er Ver­än­de­rung zur Rech­ten Got­tes ver­setzt wur­deRufin

Es steht für Rufin fest, dass auch auf den Men­schen eine leib­li­che Auf­er­weckung war­tet. Der neue Leib ist ein ver­än­der­ter Leib, wie Rufin klar­stellt, denn der neue Leib ist nicht mehr der Ver­we­sung aus­ge­setzt:

«So wer­den auch Die­je­ni­gen, die in Chri­sto auf­er­ste­hen wer­den, fort­an weder die Ver­we­sung noch den Tod ver­spü­ren: nicht als ob sie der Natur des Flei­sches ent­klei­det wür­den, son­dern indem sei­ne Beschaf­fen­heit und Eigen­tüm­lich­keit ver­än­dert wird.» Rufin

Inter­es­san­ter­wei­se bemerkt Rufin, dass es nicht nur die Hei­den sind, wel­che die Auf­er­ste­hung des Flei­sches anfech­ten, son­dern dass hier der Kampf auch inner­halb der Kir­che statt­fin­det, wo häre­ti­sche Bewe­gun­gen wie die Valen­ti­ner und die Manichä­er die­se in Abre­de stell­ten. Die Skep­ti­ker und Kri­ti­ker der leib­li­chen Auf­er­ste­hung sagen:

«Wie kann das Fleisch, wel­ches in die Fäul­nis über­geht und zer­fällt oder in Staub ver­wan­delt wird, zuwei­len auch von der Tie­fe des Mee­res ver­schlun­gen wird und in den Flu­ten sich zer­streut, wie­der zusam­men­ge­bracht und zur Ein­heit her­ge­stellt und aus ihm ein mensch­li­cher Kör­per von Neu­em gebil­det wer­den?» Rufin

Die­sen gibt Rufin eine dop­pel­te Ant­wort. Zum einen ant­wor­tet er den Häre­ti­kern in den Rei­hen der Chri­sten mit Jesu eige­nen Wor­ten. Schon die­ser hat­te den Sad­du­zä­ern, wel­che eben­falls nicht an die Auf­er­ste­hung glaub­ten, fol­gen­des ent­geg­net:

«Dass aber die Toten auf­er­weckt wer­den, hat auch Mose beim Dorn­busch ange­deu­tet, wenn er den Herrn «den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs» nennt. Er ist aber nicht der Gott von Toten, son­dern von Leben­den.» (Lk 20:37 – 38)

Zum ande­ren ent­geg­net er dem Ein­wand, dass ein ver­we­ster mensch­li­cher Kör­per nicht wie­der zusam­men­ge­fügt wer­den kann, mit einer span­nen­den Gegen­fra­ge:

«Und wenn ein sterb­li­ches Genie im Innern der Erde die dem Gol­de und dem Sil­ber eigen­tüm­li­che Ader, die bei Wei­tem unglei­che auch des Erzes, die ver­schie­de­ne des Eisens und Blei­es ent­decken kann: soll man dann nicht glau­ben, dass die gött­li­che Kraft das einem jeden mensch­li­chen Lei­be eigen­tüm­lich Zuge­hö­ri­ge auf­fin­den und unter­schei­den kön­ne auch wenn es selbst zer­streut erscheintRufin

Wie wir schon in der Erläu­te­rung der Unter­schie­de zwi­schen ver­schie­de­nen Bekennt­nis­sen gese­hen haben, wur­de in Aqui­leia von der ‘Auf­er­ste­hung DIESES Flei­sches’ gespro­chen. Dies, damit jedem Täuf­ling glas­klar vor Augen ste­hen wür­de, dass es um das eige­ne Fleisch geht, nicht nur um die Auf­er­ste­hung von Jesus. Rufin:

«Das Wort «die­ses» bezieht sich ohne Zwei­fel auf das Fleisch Des­je­ni­gen, der das Bekennt­nis ablegt.» Rufin

Es ist bemer­kens­wert, mit wel­chem Nach­druck Rufin das The­ma der Auf­er­ste­hung bear­bei­tet. Und man darf sagen, dass auch 1600 Jah­re nach sei­nem Wir­ken das The­ma nichts an Aktua­li­tät ver­lo­ren hat: libe­ra­le und pro­gres­si­ve Theo­lo­gen unse­rer Tage leh­nen die Vor­stel­lung einer leib­li­chen Auf­er­ste­hung oft ab oder voll­zie­hen geist­li­che Umdeu­tun­gen. Damit höh­len sie den inner­sten Kern des christ­li­chen Glau­bens aus. Pau­lus bringt auf den Punkt wie zen­tral die Auf­er­ste­hung ist:

«Gibt es kei­ne Auf­er­ste­hung der Toten, so ist auch Chri­stus nicht auf­er­weckt wor­den. Ist aber Chri­stus nicht auf­er­weckt wor­den, so ist uns­re Pre­digt ver­geb­lich, so ist auch euer Glau­be ver­geb­lich.» (1Kor 15:13 – 14)

Ein ‘Him­mel vol­ler Zeu­gen’ — Mär­ty­rer aus der Geschich­te Aqui­lei­as:
Oben rechts Her­ma­go­ras, For­tu­na­tus und Euphe­mia
Oben links der Evan­ge­list Mar­kus, Hil­ari­us und Tati­an
Wei­te­re Mär­ty­rer in der unte­ren Figu­ren­rei­he
Fres­ko in der Haupt­ap­sis der Basi­li­ka. Bild: iStock

6. Persönliches Fazit

Von den ersten Tagen an stand die christ­li­che Gemein­de vor der dop­pel­ten Her­aus­for­de­rung, die Wahr­heit fest­zu­hal­ten und der Unwahr­heit zu begeg­nen. Das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis macht genau dies: Es hält die Glau­bens­wahr­hei­ten der christ­li­chen Gemein­de fest und zieht damit auch Gren­zen. Das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis steht damit neben zen­tra­len Bibel­tex­ten wie den 10 Gebo­ten oder dem ‘Vater unser’ als ein wich­ti­ges Instru­ment zur Pfle­ge und Wah­rung des christ­li­chen Glau­bens. Albert Moh­ler fasst die Bedeu­tung des Bekennt­nis­ses fol­gen­der­mas­sen zusam­men:

«Alle Chri­sten glau­ben mehr als das, was das Apo­sto­li­sche Glau­bens­be­kennt­nis beinhal­tet, aber kei­ner kann weni­ger glau­ben» Moh­ler, The Apost­les Creed, Sei­te 15

Es gibt einen unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang zwi­schen dem Bekennt­nis der Gemein­de und der Exi­stenz der Gemein­de. Die­ser Zusam­men­hang wird in der Beru­fung von Petrus als Hir­te der ersten christ­li­chen Gemein­de sicht­bar. Auf das Bekennt­nis von Petrus bezüg­lich der Iden­ti­tät von Jesus hin — «Du bist der Chri­stus, des leben­di­gen Got­tes Sohn!» (Mt 16:16) — folgt post­wen­dend die Zusa­ge von Jesus an Petrus: «Du bist Petrus, und auf die­sen Fel­sen will ich mei­ne Gemein­de bau­en» (Mt 16:18). Das Bekennt­nis von Petrus begrün­det nicht nur sei­ne eige­ne Iden­ti­tät son­dern auch die Exi­stenz der ersten Gemein­de.

Wenn heu­te an vie­len Orten die grund­le­gen­den christ­li­chen Bekennt­nis­se bei­sei­te­ge­legt wer­den, dann steht dahin­ter oft der Wunsch nach einem frei­en und unge­bun­de­nen Glau­ben. Im Zen­trum soll die per­sön­li­che Got­tes­be­zie­hung ste­hen. Gemein­sa­me Über­zeu­gun­gen und Lehr­sät­ze wer­den da schnell als ein Hin­der­nis gese­hen für die eige­ne, per­sön­li­che Glau­bens- und die Lebens­ent­fal­tung. Die­ser Indi­vi­dua­lis­mus fin­det sei­nen Nie­der­schlag dann auch in der Kul­tur der Kir­che. Doch der Wunsch nach einem Glau­ben ohne Glau­bens­sät­ze ist des­halb pro­ble­ma­tisch, weil er nicht der Rea­li­tät ent­spricht. Jeder hat Glau­bens­sät­ze, nach denen er sein Leben gestal­tet und sei­ne Ent­schei­dun­gen fällt – die Fra­ge ist wel­che. Der Christ und die Kir­che, die sich nicht ans christ­li­che Bekennt­nis bin­den, wer­den sich letzt­end­lich an ein ande­res, frem­des Bekennt­nis bin­den. Die­ses frem­de Bekennt­nis wird die Men­schen die­ser Kir­chen letzt­lich von Jesus Chri­stus weg­füh­ren. Des­halb war Jesus in sei­nen Anwei­sun­gen an die Jün­ger klar: «Leh­ret sie hal­ten alles, was ich euch befoh­len habe.» (Mt 28:20)

Wenn heu­te an vie­len Orten das Bekennt­nis bei­sei­te­ge­legt wird, dann steht dahin­ter auch der Wunsch, in einer Zeit der Kon­sum­ori­en­tie­rung dem Men­schen mög­lichst gerin­ge Hür­den zum Glau­ben in den Weg zu legen. Die­ses nach­voll­zieh­ba­re Anlie­gen stel­le ich gera­de in mei­nem frei­kirch­lich-evan­ge­li­ka­len Umfeld fest. Hier neh­men seit Jah­ren  kul­tu­rel­le Rele­vanz und Prag­ma­tis­mus eine zen­tra­le Rol­le ein in den gemein­de­bau­li­chen Stra­te­gien. Wer kul­tu­rel­le Rele­vanz jedoch zur ober­sten Maxi­me erhebt, ris­kiert über kurz oder lang theo­lo­gi­sche Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Er wird die kul­tu­rell nicht geneh­men Bekennt­nis-Wahr­hei­ten opfern. Dafür braucht er die­se gar nicht expli­zit abzu­leh­nen. Es reicht, dass er nicht mehr über sie spricht — den Rest erle­digt der Zahn der Zeit.

Wenn heu­te an vie­len Orten das christ­li­che Bekennt­nis bei­sei­te­ge­legt wird, dann steht dahin­ter auch der Wunsch, in einer Zeit des Mei­nungs­plu­ra­lis­mus die christ­li­che Ein­heit zu wah­ren. Auch hier wird ger­ne die Stra­te­gie gewählt, nicht mehr über Leh­re oder Dok­trin zu reden — denn die­se trennt ja angeb­lich. Der Glau­bens­kern, um den sich die Gemein­de sam­melt, ver­liert so aber mehr und mehr an Kon­tur. Das Erwa­chen erfolgt, wenn man merkt, wie sich inner­halb der glei­chen Gemein­schaft mit­un­ter gegen­sei­tig aus­schlies­sen­de Über­zeu­gun­gen eta­bliert haben. Die Fol­ge sind Span­nun­gen, die unüber­brück­bar sind und zur Zer­stö­rung der Gemein­schaft und der Ein­heit füh­ren. Man­che pro­gres­si­ve Leit­fi­gu­ren möch­ten die­se Span­nun­gen behe­ben, durch gänz­li­che Los­lö­sung der Chri­sten­heit von den ‘tra­dier­ten Wahr­hei­ten’ der Ver­gan­gen­heit. Die Chri­sten­heit sol­le den näch­sten Schritt der geist­li­chen ‘Höher­ent­wick­lung’ gehen. Ein­heit durch Preis­ga­be der eige­nen Wur­zeln. Doch es ist frag­lich, ob die Preis­ga­be der Wahr­heit zugun­sten eines Wahr­heits­plu­ra­lis­mus oder das Los­las­sen des histo­ri­schen Chri­sten­tums zugun­sten einer näch­sten ‘evo­lu­tio­nä­ren’ Höher­ent­wick­lung des Gei­stes die rich­ti­ge Medi­zin ist. Wird nicht die Blu­me, wel­che sich selbst von ihrer Wur­zel abschnei­det, nach kur­zer Zeit ver­wel­ken?

Viel­leicht wäre die bes­se­re Lösung, dass wir uns als Chri­sten zurück­be­sin­nen auf das, was an erster Stel­le die Chri­sten zusam­men­ge­hal­ten hat und von allen gemein­sam geglaubt wur­de – was ihnen Kraft und Freu­de und Zuver­sicht in gros­sen Anfech­tun­gen gege­ben hat? Genau die­se Sub­stanz des gemein­sam Geglaub­ten wird uns im Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis vor Augen geführt! Anstatt die Äste abzu­schnei­den auf denen wir als Chri­sten sit­zen, könn­te doch der Weg in die Ein­heit ein Weg zurück zu den Anfän­gen unse­res Glau­bens sein – zu den ersten Chri­sten und zu dem, wovon sie von gan­zem Her­zen über­zeugt waren.

Der Gal­li­sche Mönch Vin­cent von Lérin präg­te in der ersten Hälf­te des 5. Jh. den fol­gen­den Satz:

«Des­glei­chen ist in der katho­li­schen Kir­che selbst ent­schie­den dafür Sor­ge zu tra­gen, dass wir das fest­hal­ten, was über­all, was immer und was von allen geglaubt wur­de; denn das ist im wah­ren und eigent­li­chen Sin­ne katho­lischVin­cent von Lérin, 5. Jh.

Die Suche nach dem, was von Chri­sten ‘über­all, immer und von allen geglaubt’ wor­den ist, führt uns zurück zu den Anfän­gen der christ­li­chen Gemein­de, zur Bibel und den gemein­sa­men, einen­den Erkennt­nis­sen der Apo­stel und der ersten Kir­chen­vä­ter. Ist das Rück­wärts­ge­wandt? Nein, ich glau­be viel­mehr, dass ein sol­ches Vor­ge­hen uns Chri­sten dabei hel­fen könn­te, unnö­ti­gen ‹Bal­last› abzu­wer­fen, das Wesent­li­che vom Unwe­sent­li­chen zu unter­schei­den und gleich­zei­tig ganz neu unse­re Iden­ti­tät zu ent­decken und zu leben.

Gute Leh­re ist nicht Selbst­zweck, son­dern sie will uns in die Wahr­heit füh­ren und eine tie­fe­re Erkennt­nis und die Lie­be zu Gott för­dern, wel­che auch unse­ren All­tag prägt. Sie will uns Glau­bens­sta­bi­li­tät schen­ken und uns vor fal­schen Schlüs­sen und Irr­we­gen bewah­ren. Die früh­christ­li­chen Bekennt­nis­se sind dar­in eine gros­se Hil­fe. Sie haben im Feu­er der Ver­fol­gung und unter Bedro­hung durch fal­sche Leh­ren Gestalt ange­nom­men. Jedes Wort im Apo­sto­li­schen Bekennt­nis fin­det sich aus gutem Grund dar­in. Wir tun gut dar­an, uns auch heu­te noch mit des­sen Wor­ten zu befas­sen und sie bei der Beur­tei­lung von christ­li­cher Leh­re zu beach­ten.

Inter­es­sant ist die Ver­zah­nung des Glau­bens­be­kennt­nis­ses mit den geleb­ten Wer­ten der ersten Chri­sten. Das Apo­sto­li­sche Bekennt­nis spannt sozu­sa­gen den theo­lo­gi­schen Hin­ter­grund auf, vor dem sich die DNA der ersten Chri­sten ent­wickelt hat­te. Die Über­zeu­gung bezüg­lich Gott als Vater und Schöp­fer von Him­mel und Erde, zusam­men mit dem Glau­ben an die Auf­er­ste­hung des Lei­bes, bil­den den Hin­ter­grund für das posi­ti­ve Men­schen­bild und Kör­per­ver­ständ­nis der ersten Chri­sten. Das Ver­ständ­nis des kul­tur­über­grei­fen­den Wer­tes aller Men­schen, der lei­den­schaft­li­che Ein­satz für den Schutz des Lebens, die sozia­le Zuwen­dung zu den Armen und Kran­ken und auch die Alter­na­ti­ve Sexu­al­ethik der ersten Chri­sten bau­en auf den Über­zeu­gun­gen, dass der Mensch als von Gott geschaf­fe­nes Wesen wert­voll ist und sich die­ser Wert ange­sichts der leib­li­chen Auf­er­ste­hung auch auf den Kör­per bezieht. In ihrem Erlö­ser Jesus, der unter Pon­ti­us Pila­tus gelit­ten hat, fin­den sie die Kraft für ihre eige­ne gewalt­lo­se Fein­des­lie­be. Wem die­se Wer­te ein Anlie­gen sind, der tut gut dar­an, dem Nähr­bo­den Sor­ge zu tra­gen, auf denen sie gewach­sen sind.

Wer die Türe zum Apo­sto­li­schen Glau­bens­be­kennt­nis auf­schliesst, der kann in des­sen ein­fa­chen Sät­zen eine Fül­le geist­li­chen Lebens ent­decken. So ist es jeden­falls mir ergan­gen bei der genaue­ren Betrach­tung der 12 unschein­ba­ren Sät­ze, wel­che ich vor 30 Jah­ren als Kon­fir­mand aus­wen­dig ler­nen muss­te. Dass ich dazu moti­viert wur­de, ver­dan­ke ich auch Rufin – die­ser ver­ges­se­nen Gestalt der Kir­chen­ge­schich­te. Mit ihm möch­te ich sagen: «Ich glau­be an Gott, den Vater, den All­mäch­ti­gen».

Her­ma­go­ras tauft Gre­go­ri­us und sei­ne Fami­lie
Fres­ko in der
Cryp­ta der Basi­li­ka. Bild: Peter Bru­de­rer

Schluss­be­mer­kun­gen

Ich bin nicht Histo­ri­ker, son­dern schrei­be ledig­lich als histo­risch inter­es­sier­ter Laie. Jah­res­zah­len sind mit der nöti­gen Vor­sicht zu genies­sen. Bio­gra­fi­sche und geschicht­li­che Ereig­nis­se wer­den in der Lite­ra­tur zum Teil abwei­chend von­ein­an­der dar­ge­stellt. Ursprungs­fra­gen sind oft Gegen­stand kon­tro­ver­ser Dis­kus­sio­nen. Hier noch eini­ge Recour­cen wel­che mir gehol­fen haben:

Die Kids in der Tauf­kir­che von Aqui­leia, 4. Jh. Bild: Peter Bru­de­rer

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