DNA (6/10): Radikale Nächstenliebe

Pascal Götz
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Stell dir vor, du lebst im drit­ten Jahr­hun­dert in einer römi­schen Stadt. Bei einem Sturz holst du dir einen offe­nen Bruch. Schon kurz dar­auf beginnt die Wun­de zu eitern. Wenn du nicht reich oder Teil der römi­schen Armee bist, bedeu­tet das für dich mit ziem­li­cher Sicher­heit ein Leben im Elend – oft sogar den Tod. Wenn du Glück hast, gibt es in dei­ner Nähe eine christ­li­che Gemein­de.

Antike Missstände

Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Anti­ke war aus heu­ti­ger Sicht eine Kata­stro­phe. So etwas wie ein Medi­zin­stu­di­um gab es nicht. Es gab Askle­pi­os, den grie­chi­schen Gott der Heil­kun­de. Doch auch sei­ne Prie­ster hat­ten oft nur sehr rudi­men­tä­res Wis­sen über die Abläu­fe im mensch­li­chen Kör­per. Ihre wich­tig­ste Heil­me­tho­de war der Heil­schlaf: Nach einer auf­wen­di­gen Rei­ni­gungs­pro­ze­dur mit Fasten­zeit und Opfern durf­te der Kran­ke im Tem­pel über­nach­ten. In der Nacht soll­te dann Askle­pi­os oder sei­ne Toch­ter Hygie­ia dem Kran­ken erschei­nen. Der Prie­ster ver­such­te dann anhand des Trau­mes her­aus­zu­fin­den, durch wel­che Heil­me­tho­de Askle­pi­os den Kran­ken hei­len wür­de. Die fol­gen­den Behand­lun­gen waren oft auf­wen­dig und vor allem nicht kosten­los. Und weil der Tem­pel hei­lig war, soll­te dort nie­mand ster­ben. Tod­kran­ke wur­den dar­um gar nicht erst auf­ge­nom­men. Wegen der hohen Kin­der­sterb­lich­keit blieb Schwan­ge­ren der Zugang eben­falls ver­wehrt. Gera­de für die Ärm­sten und Schwäch­sten in der Gesell­schaft, hat­te der Gott Askle­pi­os also wenig zu bie­ten.


Rui­nen des Askle­pi­os-Tem­pel in Epi­dau­rus — Pas­cal Götz

Wer reich war, konn­te sich einen Haus­arzt lei­sten. Medi­zin und Pfle­ge war Skla­ven­ar­beit – defi­ni­tiv unter der Wür­de eines frei­en römi­schen Bür­gers. Auch die Armee beschäf­tig­te Ärz­te. Die haben ihr Wis­sen in der Pra­xis erwor­ben und ver­stan­den sich dar­um vor allem auf Kriegs­ver­let­zun­gen. Mehr muss­ten sie auch nicht kön­nen, denn Zivi­li­sten wur­den in den Laza­ret­ten nicht behan­delt. Mit­leid wur­de von den Römern als Schwä­che ange­se­hen, die nur denen etwas nütz­te, die nichts zur All­ge­mein­heit bei­tra­gen konn­ten.

Ein­fa­che Krank­hei­ten und Ver­let­zun­gen wur­den in der Regel von der eige­nen Fami­lie behan­delt. Mit etwas Glück ver­stand sich da jemand auf Kräu­ter­kun­de. Doch genau wie heu­te brauch­te es nicht all­zu viel, bis man auf pro­fes­sio­nel­le medi­zi­ni­sche Hil­fe ange­wie­sen war. Doch anders als heu­te, gab es die für vie­le Men­schen nicht. Dar­um konn­te schon ein Bein­bruch ein Leben im Elend oder sogar den Tod bedeu­ten. Es sei denn, in dei­ner Nach­bar­schaft gab es Chri­sten.

Schon in der Apo­stel­ge­schich­te wird berich­tet, dass die erste Gemein­de sich um die Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft geküm­mert hat. Damit leb­te die christ­li­che Gemein­de eine der fünf radi­ka­len Wer­te, wel­che sie von ihrem umlie­gen­den Umfeld unter­schie­den hat. Dafür ern­te­te sie zuerst Spott, spä­ter jedoch die Bewun­de­rung der römi­schen Bevöl­ke­rung.

In Apg 6 berich­tet Lukas, dass die erste Gemein­de extra Dia­ko­ne ernann­te, weil die sozia­le Arbeit so viel Zeit in Anspruch nahm. Jesus selbst hat­te sei­nen Jün­gern bei­gebracht, nicht nach Ruhm und Ehre zu stre­ben, son­dern ande­ren zu die­nen.

Beson­ders ein­drück­lich ist Mt 25:34 – 46: Der Dienst für den König Jesus misst sich dar­an, wie mit den Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft umge­gan­gen wird. War­um? Weil der König selbst einer die­ser Armen, Kran­ken und Gefan­ge­nen gewor­den ist. Es beein­druckt mich, wie die Gerech­ten in Mt 25:37 – 39 gar nicht wis­sen, dass sie Jesus selbst gedient haben. Sie haben die Not der Men­schen gese­hen und gehan­delt. Und ganz unschein­bar, uner­war­tet, unspek­ta­ku­lär ist ihnen Jesus begeg­net. Jesus geht dort­hin, wo Zer­bruch ist. In schön her­ge­rich­te­ten Palä­sten gibt es für ihn wenig zu tun. Wer Jesus sehen will, der muss ihm ins Elend die­ser Welt fol­gen. Pau­lus wie­der­holt die­se For­de­rung in Röm 12:20 indem er Spr 25:21 – 22 zitiert:

Wenn nun dei­nen Feind hun­gert, so gib ihm zu essen; dür­stet ihn, so gib ihm zu trin­ken. Wenn du das tust, dann wirst du feu­ri­ge Koh­len auf sein Haupt sam­meln. Römer 12,20

Wenn jemand Not lei­det, dann küm­me­re dich um ihn! Selbst dann, wenn es dein Feind ist. Hin­ter die­ser Ein­stel­lung steht einer­seits die grund­le­gen­de Über­zeu­gung, dass jedes Leben wert­voll ist. Ande­rer­seits wuss­ten die ersten Chri­sten, dass Hass nur mit Lie­be und Barm­her­zig­keit besiegt wer­den kann. Jesus hat­te es ihnen vor­ge­macht.

Der ägyp­ti­sche Mönch Pacho­mi­us (292/298 – 346) war vor sei­ner Zeit als Christ Sol­dat gewe­sen. In The­ben begeg­ne­ten ihm zum ersten Mal Chri­sten und er war sofort davon beein­druckt, dass die sich um die Nöte der Sol­da­ten küm­mer­ten:

«Da ich, erzählt Pacho­mi­us, die­se ihre Hand­lungs­wei­se sah und mich dar­über sehr wun­der­te, erfuhr ich von mei­nem Gefähr­ten, daß die Chri­sten gegen alle, vor­nehm­lich aber gegen die Frem­den, mit­lei­dig und men­schen­freund­lich sei­en.» Vita Pacho­mii 2

Nach­dem er Christ gewor­den war, zog er sich erst als Mönch in die Ein­sam­keit der Wüste zurück. Spä­ter orga­ni­sier­te er die Ein­sied­ler in der Wüste und grün­de­te das erste Klo­ster. Die Klo­ster­ge­mein­schaf­ten wur­den schnell bekannt für eine gute Ver­sor­gung von Kran­ken und Bedürf­ti­gen. Hier wur­den noch vor allem die Mön­che behan­delt. Doch die Idee einer all­ge­mei­nen Kran­ken­pfle­ge wur­de von den Chri­sten immer wei­ter aus­ge­baut. Bald ent­stan­den im heu­ti­gen Frank­reich und Ita­li­en die ersten Xeno­do­chi­en (xenos=der Frem­de, dechomai=aufnehmen), eine Mischung aus Gast­haus für Rei­sen­de und Kran­ken­haus. Als das Pil­ger­we­sen im 4. Jahr­hun­dert immer wich­ti­ger wur­de, errich­te­ten die Kir­chen ent­lang der Pil­ger­rou­ten extra Hospi­ta­le (hospes=Gast). Oft wur­den die­se direkt an bestehen­de Kir­chen ange­baut. In die­sem Sinn ist das Spi­tal eine christ­li­che Erfin­dung der Näch­sten­lie­be.

Doch selbst als das Chri­sten­tum im 4. Jahr­hun­dert zur römi­schen Staats­re­li­gi­on wur­de, ver­stan­den vie­le römi­sche Beam­te den Sinn hin­ter die­sen Kran­ken­häu­sern nicht. Als Basi­li­us der Gros­se (330 – 379) in Cäsarea das erste wirk­lich öffent­li­che Hospi­tal bau­en woll­te, muss­te er den Statt­hal­ter der Pro­vinz erst über­zeu­gen:

«Wem tun wir Unrecht, wenn wir Her­ber­gen bau­en für die Frem­den, wel­che auf der Durch­rei­se hier anwe­send sind, sowie für die, wel­che krank­heits­hal­ber irgend­ei­ner Pfle­ge bedür­fen, wenn wir sol­chen Men­schen die erfor­der­li­che Erquickung bereit­stel­len, Kran­ken­pfle­ger, Ärz­te, Last­tie­re, Beglei­ter? Zwangs­läu­fig fol­gen die­sen auch Gewer­be, sol­che die zum Leben nötig sind, und sol­che, die zu einer ver­fei­ner­ten Lebens­füh­rung erfun­den wor­den sind, fer­ner ande­re, für die Werk­stät­ten erfor­der­li­chen Häu­ser. All das ist eine Zier­de für den Ort, für unse­ren Statt­hal­ter aber ein Aus­hän­ge­schild, da der gute Ruf auf ihn zurück­fällt!» Basi­li­us der Gros­se, Brief 94, zitiert auf Sei­te 157 in Geschich­te der Dia­ko­nie in Quel­len

Damals wie heu­te haben Poli­ti­ker ger­ne Pro­jek­te bewil­ligt, wel­che ihrem per­sön­li­chen Ruf und der Wirt­schaft genützt haben. Das Modell der unbe­ding­ten Näch­sten­lie­be war so erfolg­reich, dass der heid­ni­sche Kai­ser Juli­an es letzt­end­lich zäh­ne­knir­schend kopier­te:

«Errich­te in jeder Stadt zahl­rei­che Her­ber­gen, damit die Frem­den – und nicht nur die zu den Uns­ri­gen zäh­len­den, son­dern auch von den ande­ren soll jeder Bedürf­ti­ge in den Genuss der von uns geüb­ten Men­schen­freund­lich­keit kom­men. […] Denn es ist eine Schmach, wenn von den Juden nicht ein ein­zi­ger um Unter­stüt­zung nach­su­chen muss, wäh­rend die gott­lo­sen Gali­lä­er [gemeint sind die Chri­sten] neben den ihren auch noch die uns­ri­gen ernäh­ren, die uns­ri­gen aber der Hil­fe von unse­rer Sei­te offen­bar ent­beh­ren müs­sen.» Kai­ser Juli­an, Brief an den Ober­prie­ster Arsa­ki­os von Gal­li­en, zitiert auf Sei­te 107 in Juli­an. Brie­fe grie­chisch-deutsch


Isen­hei­mer Altar — Detail

Christus — der Mitleidende

Die Lie­be zu den Kran­ken ist in der gan­zen Kir­chen­ge­schich­te ein wich­ti­ges The­ma geblie­ben. Ein beson­de­res Bei­spiel dafür ist der Isen­hei­mer Altar. Auf dem Sockel des Altars ist die Grab­le­gung von Jesus zu sehen. Auf­fäl­lig ist, dass der Kör­per von Jesus mit schwar­zen Flecken über­säht ist. Es ist das soge­nann­te Anto­ni­us­feu­er. Die­se Krank­heit wird durch die Auf­nah­me von Getrei­de aus­ge­löst, das mit dem Mut­ter­korn­pilz infi­ziert wur­de. Nun, Jesus hat­te bei der Kreu­zi­gung ganz sicher kei­ne Mut­ter­korn­ver­gif­tung. Aber der Isen­hei­mer Altar stand ursprüng­lich in einem Klo­ster, in dem man sich vor allem um Men­schen mit genau die­ser Krank­heit geküm­mert hat. Die Kran­ken, die hier­her­ka­men, soll­ten sich im hin­ge­rich­te­ten Chri­stus wie­der­erken­nen. Das Bild soll­te sie trö­sten und ihnen zei­gen, dass Jesus bei ihnen war. Aber es gab noch eine zwei­te Art der Iden­ti­fi­ka­ti­on: Die dor­ti­gen Anto­ni­ter-Mön­che wur­den täg­lich dar­an erin­nert, dass ihnen in den Pati­en­ten Jesus selbst begeg­ne­te.

Jesus wird am Kreuz selbst zum Hilfs­be­dürf­ti­gen. Doch genau in die­sem abso­lu­ten Tief­punkt erkennt das Chri­sten­tum den ent­schei­den­den Wen­de­punkt der Welt­ge­schich­te. Das schein­ba­re Ende wird zum tri­um­pha­len Anfang. Nicht trotz son­dern gera­de im Lei­den zeigt sich die Kraft Got­tes auf bis dahin unge­kann­te Art. Das Leid ist der Ort, an dem Gott wohnt. Jeden­falls so lan­ge bis das Böse end­gül­tig über­wun­den ist. Jesus hat nach sei­ner Auf­er­ste­hung sei­ne Nar­ben behal­ten. Für die Jün­ger wur­den sie zum Beweis, dass sie es tat­säch­lich mit ihrem Mei­ster zu tun hat­ten (Joh 20:19 – 29). Die Zei­chen des Elends wur­den zu ewi­gen Zei­chen der Wür­de (Offb 5:1 – 14).

Doch was machen wir mit die­sem Wis­sen? Klar: Näch­sten­lie­be und Chri­sten­tum, das gehört irgend­wie zusam­men. Das wür­de ver­mut­lich sogar der eine oder ande­re Athe­ist aner­ken­nen. Doch oft wird falsch ver­stan­den, was mit die­ser Lie­be eigent­lich gemeint ist. Näch­sten­lie­be im christ­li­chen Sinn bedeu­tet weit mehr als ein­fach nur nett zu sei­nen Mit­men­schen zu sein. Um Jesus zu zitie­ren:

Und wenn ihr liebt, die euch lie­ben, was für Dank habt ihr davon? Denn auch die Sün­der lie­ben, die sie lie­ben. Lk 6:32

Nett sein ist schön und gut. Aber nett ist doch jeder. Zumin­dest in der Selbst­wahr­neh­mung. Viel­leicht nicht zu jedem, aber grund­sätz­lich eigent­lich schon. Oder etwa nicht?

Eini­ge Ver­se wei­ter sagt Jesus:

Viel­mehr liebt eure Fein­de; tut Gutes und leiht, ohne etwas dafür zu hof­fen, so wird euer Lohn groß sein, und ihr wer­det Kin­der des Aller­höch­sten sein; denn er ist gütig gegen die Undank­ba­ren und Bösen. Dar­um seid barm­her­zig, wie auch euer Vater barm­her­zig ist. Lk 6:35 – 36

Christ­li­che Näch­sten­lie­be beginnt da, wo die mensch­li­che Lie­be endet. Die­se Lie­be wen­det sich an den, von dem man kei­ne Gegen­lei­stung erwar­ten kann. Wer in die Kir­chen­ge­schich­te schaut, wird fest­stel­len, dass geist­li­che Auf­brü­che oft von einer neu­en Hin­wen­dung zu den Schwa­chen beglei­tet wor­den sind. Neben der Alten Kir­che wären eini­ge Bei­spiel dafür die Hospi­tal­or­den, Franz von Assi­si, die Refor­ma­ti­on (das Her­zog­tum Pfalz-Zwei­brücken führ­te als erstes Ter­ri­to­ri­um welt­weit die all­ge­mei­ne Schul­pflicht für Mäd­chen und Jun­gen ein), der Pie­tis­mus (Zin­zen­dorf, Francke, Spitt­ler u.a.), die Heils­ar­mee…

Wich­tig: Der Umkehr­schluss funk­tio­niert nicht. Ein grös­se­res sozia­les Enga­ge­ment führt nicht unbe­dingt zu mehr Spi­ri­tua­li­tät. Aber eine ver­tief­te Jesus-Bezie­hung führt fast zwangs­läu­fig zu einer wach­sen­den Lie­be zu unse­ren Mit­men­schen – gera­de zu denen, die man unbe­wusst oder ins­ge­heim für nicht lie­bens­wert hält: den Wirt­schafts­flücht­ling, die Nut­te, den Sozi­al­schma­ro­zer, den Demen­ten.

Die Nächstenliebe neu Entdecken!

Seit der Auf­klä­rung hat in Euro­pa der Staat vie­le Auf­ga­ben über­nom­men, die ursprüng­lich fester Bestand­teil der Kir­che gewe­sen sind. Ja, die kirch­li­chen Struk­tu­ren sind irgend­wann an ihre Gren­zen gestos­sen. Doch auch wenn Ein­rich­tun­gen wie Kran­ken­häu­ser, Pfle­ge­hei­me, öffent­li­che Schu­len heu­te staat­lich bzw. pri­vat­wirt­schaft­lich betrie­ben wer­den, so basie­ren sie zu einem beträcht­li­chen Teil auf christ­li­chen Ide­en. Ich will das Bild nicht dunk­ler malen als es ist. Natür­lich hat die Kir­che auch dadurch an Ein­fluss ver­lo­ren, dass sie die Hoheit über die sozia­len Insti­tu­tio­nen abge­ben muss­te. Aber Men­schen wie der ver­stor­be­ne Pfar­rer Sie­ber zei­gen uns, was christ­li­che Lie­be bedeu­tet. Gera­de bei Sie­ber sieht man, dass unser staat­li­ches Sozi­al­sy­stem auf Ergän­zung ange­wie­sen ist. Bei den Schwäch­sten und Anstren­gend­sten feh­len oft lie­be­vol­le Lösun­gen. Notiz am Ran­de: Als ich Sie­bers Buch «Men­schen­wa­re – wah­re Men­schen» gele­sen habe, war es mir schon fast pein­lich, wie oft gera­de die Kir­che Sie­ber unnö­tig Stei­ne in den Weg gelegt hat. Liebs Volk Got­tes, das kön­nen wir bes­ser! Jesus hat es uns anders vor­ge­lebt.

Ich habe das Gefühl, dass die Kir­che in Euro­pa noch ein­mal neu dar­an gemes­sen wer­den wird, wie sie mit den Men­schen am Rand umgeht. Wir befin­den uns in einer Zeit, in der Euro­pa sei­ne christ­li­chen Wur­zeln immer mehr ver­gisst. Und in die­ser Demenz ver­gisst die Hei­mat der Demo­kra­tie auch ein Stück weit, war­um sie sozi­al han­deln soll.

Schon vor knapp 20 Jah­ren hat der Phi­lo­soph Jür­gen Haber­mas dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Euro­pa reli­giö­se Spra­che und Begrün­dungs­we­ge nicht mehr ver­steht. Inhalt­lich zehrt die säku­la­re Gesell­schaft aber immer noch von den Nor­men und Vor­stel­lun­gen, wel­che der christ­li­che Glau­be über Jahr­hun­der­te hin­weg in Euro­pa ver­an­kert hat. Man spricht von Näch­sten­lie­be, weiss aber nicht mehr, was das eigent­lich meint. Man spricht von Men­schen­rech­ten und kann eigent­lich nicht genau begrün­den, war­um es so etwas wie eine Men­schen­wür­de über­haupt geben soll.

Aber dass es da einen Gott gibt, der den Men­schen sein Eben­bild nennt und ihm Wür­de zuspricht, das klingt nach einem Mär­chen aus lang ver­ges­se­nen Tagen. Man spricht von Soli­da­ri­tät, aber war­um über­haupt? Und mit wem? Was gehen mich die Flücht­lin­ge an, die übers Mit­tel­meer kom­men? Wir befin­den uns in einer Zeit, in der es für jedes Gebre­chen einen Spe­zia­li­sten gibt. Bist du krank? Geh ins Kran­ken­haus. Bist du alt? Geh ins Alters­heim. Bist du arbeits­los? Geh aufs RAV.

Ich möch­te nicht respekt­los klin­gen. Ich bin wirk­lich froh um unse­re pro­fes­sio­nel­len Ärz­tin­nen, Pfle­ger, Sozi­al­ar­bei­ter und Leh­re­rin­nen. Frü­her war defi­ni­tiv nicht alles bes­ser, im Gegen­teil. Aber die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Näch­sten­lie­be hat zur Fol­ge, dass die Schwa­chen in unse­rer Gesell­schaft aus dem Blick­feld ver­schwin­den. Wie vie­le Men­schen in unse­ren Brei­ten­gra­den haben noch nie einen Toten gese­hen? Wie vie­le haben noch nie einen pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen gewa­schen? Wer hat heu­te noch den Mut, ein Kind mit Behin­de­rung gross­zu­zie­hen? Wie vie­le haben noch nie ihr Abend­essen mit einem Obdach­lo­sen geteilt, nicht ein­fach Geld gege­ben, son­dern sich Zeit genom­men, sich hin­ge­setzt, zuge­hört?

Wir befin­den uns in einer Zeit, in der jeder Lei­den­de in die Anony­mi­tät des Gesund­heits- und Sozi­al­we­sens abge­scho­ben wer­den kann. Das geht so lan­ge, bis wir selbst an der Peri­phe­rie der Gesell­schaft ver­schwin­den und uns fra­gen, war­um man uns ver­ges­sen hat. Ein häu­fi­ger Grund, war­um Men­schen heu­te ster­ben wol­len, ist nicht phy­si­scher Schmerz, son­dern sozia­le Iso­la­ti­on und Ein­sam­keit. Unser Gesund­heits­sy­stem befrie­digt unse­re kör­per­li­chen Bedürf­nis­se so gut wie noch nie. Doch mit unse­rer See­le tut es sich oft schwer. Nicht nur Pati­en­tin­nen, son­dern auch das Pfle­ge­per­so­nal kla­gen über zu wenig Zeit für ech­te, war­me, mensch­li­che Begeg­nun­gen. Gleich­zei­tig befin­den wir uns in einer Zeit, in der sich Men­schen nach einem neu­en Sinn im Leben seh­nen. Die jüng­sten Umwelt­pro­te­ste zei­gen, dass hier eine Genera­ti­on her­an­wächst, die sich für etwas ein­set­zen will, das grös­ser ist als sie selbst. Beste Vor­aus­set­zun­gen also für eine Neu­ent­deckung der Näch­sten­lie­be.

Wie gesagt, die­ser Arti­kel ist kein Auf­ruf für mehr sozia­les Enga­ge­ment. Er ist kein Auf­ruf dazu, einen Ster­ben­den bis zum Schluss zu beglei­ten, Obdach­lo­se bei sich über­nach­ten zu las­sen oder einem Flücht­ling eine Lehr­stel­le zu ver­mit­teln. Das ist alles lobens­wert. Aber er will mehr. Die­ser Text ist ein Auf­ruf, Jesus neu auch als den elen­den Men­schen am Kreuz zu sehen.

Jesus, der sich nicht mit den Köni­gen die­ser Welt gleich­ge­macht hat, son­dern mit dem Abscheu­lich­sten, was die Mensch­heit her­vor­brin­gen kann: mit den zum Tod Ver­ur­teil­ten, den trau­ma­ti­sier­ten Kriegs­op­fern, den anstecken­den Kran­ken, den anstren­gen­den Alten, den kor­rup­ten Steu­er­be­am­ten, den unge­wollt Schwan­ge­ren und ihren noch unge­woll­te­ren Babys. Hier ist Got­tes Kraft mäch­tig (2Kor 12:9 – 10).

Jesus ging nicht dort­hin, wo alles glänz­te, son­dern dort­hin, wo der Dreck unüber­seh­bar war. Und nicht nur das, er hat das alles in sich auf­ge­nom­men und getra­gen. Es wird der Tag kom­men, an dem Jesus mit Macht und Ehre auf­tre­ten wird (Offb 19:11 – 16). Doch bis dahin tun wir gut dar­an, Jesus im Elend die­ser Welt zu suchen.

Wer die­sem Jesus nach­folgt, der soll­te nicht über­rascht sein, wenn er mehr und mehr das sieht, was Jesus sieht. Und wer die Welt mit den Augen Got­tes wahr­nimmt, der wird es nicht aus­hal­ten, dass sie bleibt, wie sie ist. Er wird aus Lie­be zum Näch­sten han­deln müs­sen. Nicht weil es ihm befoh­len wor­den ist, son­dern weil Lie­be nicht untä­tig blei­ben kann. Und die Welt wird es sehen und sich über die­sen Jesus und sei­ne Anhän­ger wun­dern.

2 Comments
  1. Avatar
    Elisabeth Rohr 3 Monaten ago
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    Mein Lieb­lings­the­ma!!! Vie­len Dank für die gute Aus­füh­rung und die wich­ti­gen Wor­te, dass ein Leben mit Jesus Aus­wir­kun­gen hat und die Armen, Kran­ken und Aus­ge­stos­se­nen Wert und Hil­fe erhal­ten.

    • Pascal Götz
      Pascal Götz 3 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke dir

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