Das Postmoderne Dilemma mit Wahrheit und Macht

Paul Bruderer
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Unse­re Gesell­schaft hat ein fei­nes Gespür für das pro­ble­ma­ti­sche Ver­hält­nis von Wahr­heit und Macht. Wir haben Angst, dass Wahr­heits­an­sprü­che zu Macht­miss­brauch und Gewalt füh­ren. Die post­mo­der­nen Den­ker haben das Pro­blem erkannt und schla­gen eine Lösung vor: Wir sol­len die Idee einer ein­zi­gen Wahr­heit auf­ge­ben. Letzt­lich hal­ten sie an der Macht fest und geben die Wahr­heit auf. Jesus Chri­stus geht genau den umge­kehr­ten Weg: Er lässt er sei­ne Macht los und hält an der Wahr­heit fest. Die Aus­wir­kun­gen sind unge­ahnt gross!

Das Problem

Post­mo­der­ne Den­ker wie Jean-Fran­cois Lyo­tard haben das mit­un­ter äus­serst pro­ble­ma­ti­sche Ver­hält­nis erkannt zwi­schen Macht und Wahr­heit. „Die gros­se Erzäh­lung hat ihre Glaub­wür­dig­keit ver­lo­ren.“ (Das post­mo­der­ne Wis­sen, Sei­te 112). Mit der «gros­sen Erzäh­lung» meint Lyo­tard die mensch­li­chen Ver­su­che, eine all­um­fas­sen­de Erklä­rung zu geben – also eine abso­lu­te Wahr­heit über allem ande­rem. Er schrieb kurz nach­dem Ideo­lo­gi­en, wel­che mit Abso­lut­heits­an­spruch geglaubt wur­den, die Welt in zwei Welt­krie­ge gestürzt hat­ten. Histo­risch stimmt es, dass viel Gewalt im Namen einer für abso­lut gehal­te­nen Wahr­heit geführt wor­den ist. Chri­sten sind lei­der kei­ne Aus­nah­me.

So löst die Postmoderne das Problem

Lyo­tard schlägt vor, dass wir auf­hö­ren, an eine Wahr­heit zu glau­ben, also an eine abso­lu­te Wahr­heit. Die Logik ist, dass wir dann nicht in der Gefahr ste­hen, Gewalt aus­zu­üben. Wir sol­len also vie­le Wahr­hei­ten zulas­sen und zwar ohne sie zu wer­ten. Die­se Wahr­hei­ten dür­fen durch­aus wider­sprüch­lich sein – kein Pro­blem. Das post­mo­der­ne Man­tra lau­tet: Ande­re Mei­nun­gen gel­ten las­sen, und zwar ohne zu wer­ten.

Ich bin mit den post­mo­der­nen Den­kern einig, dass wir ein ech­tes Pro­blem haben im Ver­hält­nis zwi­schen Macht und Wahr­heit. Es ist grau­en­voll, was im Lau­fe der Geschich­te alles im Namen einer für abso­lut geglaub­ten Wahr­heit ange­rich­tet wor­den ist. Doch ich glau­be auch, dass die vor­ge­schla­ge­ne Lösung nicht nur zu kurz greift, son­dern genau das wei­ter­führt, was die Post­mo­der­ne aus der Welt zu schaf­fen ver­sucht: Macht­miss­brauch.

Das Problem mit dieser Lösung

Das Pro­blem ist, dass auch die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie nicht davor gefeit ist, ihre Macht zu miss­brau­chen. Sie tut das bei­spiels­wei­se, indem sie den öffent­li­chen Dis­kurs mass­geb­lich kon­trol­liert, wenn nicht sogar domi­niert. Ver­schie­de­ne Inkar­na­tio­nen post­mo­der­ner Ideo­lo­gie wie z.B. der Kul­tur­mar­xis­mus, Femi­nis­mus oder die Gen­der­ideo­lo­gie las­sen kei­ne ande­ren alter­na­ti­ven Erzähl­va­ri­an­ten zu.

Ein aktu­el­les Bei­spiel aus Deutsch­land ist die soeben beschlos­se­ne Gesetz­ge­bung, wel­che ein Ver­bot von Kon­ver­si­ons­the­ra­pi­en für unter 18-Jäh­ri­ge durch­setzt und das Bewer­ben gänz­lich unter­sagt. Hier steht nicht mehr nur das Ver­hin­dern von miss­bräuch­li­cher oder schlech­ter The­ra­pie­pra­xis im Vor­der­grund, son­dern es wird Men­schen auf der Basis der Gen­der­ideo­lo­gie ganz grund­sätz­lich vor­ge­schrie­ben, was sie zu den­ken, reden und ent­schei­den haben.

Hier wie an vie­len ande­ren Orten arbei­tet eine post­mo­der­ne Ideo­lo­gie ziel­ge­rich­tet auf Durch­set­zung und Domi­nanz ihres Gedan­ken­guts in der Gesell­schaft hin. Es soll nur gedacht und gesagt wer­den, was die Ideo­lo­gie erlaubt. Mir kommt es vor, als hät­te die Post­mo­der­ne die Wahr­heit auf­ge­ge­ben, um nur noch mehr an der Macht fest­zu­hal­ten. Gra­phisch könn­te man das so dar­stel­len:

Auf den Punkt gebracht: Die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie hat die Wahr­heit auf­ge­ge­ben, um an die Macht zu gelan­gen. Ich will nicht unfair sein. Die Post­mo­der­ne hat­te ursprüng­lich das Ziel, das Pro­blem der Macht zu lösen. Ent­stan­den ist letzt­lich ein neu­es Macht­sy­stem auf Kosten der Wahr­heit.

Jesus Chri­stus zeigt uns in sei­nem Leben den genau umge­kehr­ten Weg.

So löst Jesus das Problem

Kurz vor sei­nem frei­wil­li­gen Tod am Kreuz führt Jesus ein für unse­re Fra­ge auf­schluss­rei­ches Gespräch mit Pila­tus. Eigent­lich ist es ja kein Gespräch, son­dern viel­mehr ein Ver­hör. Und in die­sem Ver­hör kom­men genau die bei­den zen­tra­len post­mo­der­nen The­men von Macht und Wahr­heit zu Spra­che. Ich para­phra­sie­re Aus­schnit­te aus der Kon­ver­sa­ti­on:

Pila­tus ließ Jesus vor­füh­ren. »Bist du der König der Juden?«, frag­te er ihn. Jesus ant­wor­te­te: »Das Reich, des­sen König ich bin, ist nicht von die­ser Welt.« Da sag­te Pila­tus zu ihm: »Dann bist du also tat­säch­lich ein König?« Jesus erwi­der­te: »Du hast Recht – ich bin ein König. Ich bin in die Welt gekom­men, um für die Wahr­heit Zeu­ge zu sein; dazu bin ich gebo­ren. Jeder, der auf der Sei­te der Wahr­heit steht, hört auf mei­ne Stim­me.« – »Wahr­heit?«, sag­te Pila­tus zu ihm. »Was ist Wahr­heit?« (aus Joh 18:33 – 38)

Die Fra­ge, ob Jesus König ist, ist die Macht-Fra­ge: «Wie viel Macht hast du, Jesus?» Im Dia­log kommt der Moment, an dem Jesus sei­ne eige­ne Macht aner­kennt. Anstatt beim The­ma der Macht zu blei­ben, geht Jesus span­nen­der­wei­se zu einem ande­ren The­ma über, näm­lich zum The­ma Wahr­heit. Er bezeich­net das Offen­le­gen der Wahr­heit als sei­nen Lebens­auf­trag. (Joh 18:37)

Beim Abwä­gen zwi­schen Macht und Wahr­heit scheint Jesus hier also auf die Sei­te der Wahr­heit zu gehen. Was stellt Jesus denn mit sei­ner Macht an? Die Bibel erklärt uns, dass Jesus so etwas wie ein zwei­stu­fi­ges Auf­ge­ben sei­ner Macht durch­lief, als er Mensch wur­de und als er am Kreuz starb:

Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stu­fe mit ihm stand, nutz­te sei­ne Macht nicht zu sei­nem eige­nen Vor­teil aus. Im Gegen­teil: Er ver­zich­te­te auf alle sei­ne Vor­rech­te und stell­te sich auf die­sel­be Stu­fe wie ein Die­ner. Er wur­de einer von uns – ein Mensch wie ande­re Men­schen.  Aber er ernied­rig­te sich noch mehr: Im Gehor­sam gegen­über Gott nahm er sogar den Tod auf sich; er starb am Kreuz wie ein Ver­bre­cher.  (Phil 2:6 – 8)

Was Jesus hier tut, lässt sich gra­phisch fol­gen­der­mas­sen dar­stel­len:

Wir sind jetzt in der Lage, die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie zu ver­glei­chen mit dem Leben von Jesus. Wir erken­nen einen immensen Unter­schied zwi­schen bei­den. Die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie gibt Wahr­heit auf und hält an der Macht fest, wäh­rend Jesus sei­ne Macht auf­gibt und an der Wahr­heit fest­hält. Die Aus­wir­kun­gen die­ses Unter­schieds sind immens.

Weil die Post­mo­der­ne die Wahr­heit auf­gibt, ver­schlei­ert sie unse­ren Blick auf das Wesen der Din­ge. Indem sie an der Macht fest­hält, drückt sie ande­ren ihre Ansich­ten auf.

Jesus hin­ge­gen nutzt sei­ne Macht nicht, um sei­ne Über­zeu­gun­gen ande­ren auf­zu­zwin­gen. Indem Jesus an der Wahr­heit fest­hält, ver­schlei­ert er unse­ren Blick nicht, son­dern zeigt uns das Wesen der Din­ge. Denn das ist es, was die Wahr­heit tut: Sie offen­bart das Wesen der Din­ge. Weil Jesus an der Wahr­heit fest­hält, kann er etwas tun, was die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie nie­mals tun kann: Er offen­bart uns auf ver­läss­li­che Wei­se das Wesen der Din­ge. Genau das war — unter ande­rem — sein Lebens­auf­trag. Er kam als Zeu­ge der Wahr­heit ins­be­son­de­re in Bezug auf das Wesen von Gott und sei­ner Macht.

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er sei­nen ein­zi­gen Sohn hin­gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht ver­lo­ren geht, son­dern das ewi­ge Leben hat. (Joh 3,16)

Das ist also die Wahr­heit über das Wesen Got­tes: Eine Lie­be, die sich hin­gibt, auf dass wir geret­tet wer­den kön­nen. Jesus erklärt uns die­se Wahr­heit nicht nur mit Wor­ten, son­dern beweist sie durch sei­ne Taten. Er geht kurz nach dem erwähn­ten Ver­hör durch Pila­tus frei­wil­lig ans Kreuz für die Erlö­sung der Welt. Damit zeigt er uns Men­schen auch das Wesen von Got­tes Macht: Sie übt nicht Gewalt an ande­ren, son­dern lenkt die Gewalt auf sich selbst, damit sün­di­ge Men­schen geret­tet wer­den kön­nen. Ein ande­res Wort, um das Wesen die­ser Macht Got­tes zu beschrei­ben, fin­den wir auf den Lip­pen der Men­schen, die mit Jesus leb­ten:

Wir alle haben aus der Fül­le sei­nes Reich­tums Gna­de und immer neu Gna­de emp­fan­gen. Denn durch Mose wur­de uns das Gesetz gege­ben, aber durch Jesus Chri­stus sind die Gna­de und die Wahr­heit zu uns gekom­men. Nie­mand hat Gott je gese­hen. Der ein­zi­ge Sohn hat ihn uns offen­bart, er, der selbst Gott ist und an der Sei­te des Vaters sitzt. (Joh 1,16 – 18)

Das Wort ist Gna­de. Die Wahr­heit über das Wesen der Macht Got­tes ist: Sei­ne Macht ermög­licht Gna­de! Ver­dient hät­ten wir etwas ande­res. Doch Got­tes Macht schenkt Gna­de. Denn nur wer höch­ste Macht hat, kann den Schul­di­gen begna­di­gen:

Got­tes Macht ist nicht eine Macht, vor der wir flie­hen müs­sen, son­dern eine Macht, in der wir Zuflucht und Schutz fin­den kön­nen. Got­tes Macht ist eine Macht, der wir ver­trau­en und uns anver­trau­en kön­nen. Was für eine wun­der­ba­re, lebens­ver­än­dern­de, unse­re Her­zen erobern­de Erkennt­nis und Erfah­rung! Eine Erkennt­nis und Erfah­rung, wel­che die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie schlicht und ergrei­fend ver­passt, weil sie die Wahr­heit fal­len lässt. Die Wahr­heit ent­puppt sich als genau das, was die Post­mo­der­ne nötig hät­te, um das Pro­blem der Gewalt zu lösen.

Anmerkung

Die­ser Blog ist inspi­riert von zwei mei­ner Pre­dig­ten:

Pre­digt: Kannst du Gewalt ver­hin­dern?

Pre­digt: Wie löst Jesus das Pro­blem der Post­mo­der­ne?

5 Comments
  1. Avatar
    Claudia 2 Wochen ago
    Reply

    Hal­lo zusam­men
    und dan­ke für den Kom­men­tar, aber mich über­zeugt die Beschrei­bung der 3. Opti­on hier nicht. Mir fehlt Gott in die­ser Beschrei­bung. Es fehlt die Ver­deut­li­chung, dass er es ist, der uns die Augen für die Wahr­heit öff­net. Die Suche nach Gott und sei­ner Nähe ist es, was uns als sei­ne Kin­der mehr und mehr zur Wahr­heit führt. Und mit der Hoff­nung dies rich­tig zu for­mu­lie­ren, glau­be ich, dass wir als sei­ne Kin­der nicht die Wahr­heit per se mehr lie­ben dür­fen als wir Gott lie­ben, zu schnell kann uns die­ser Weg in die Irre füh­ren. Auch kann für mich Got­tes Wahr­heit nicht kon­stru­iert oder re-kon­stru­iert wer­den, denn Gott ist Wahr­heit. Er hat immer exi­stiert und wird immer exi­stie­ren. Erst durch die Füh­rung des Hei­li­gen Gei­stes wird es uns mög­lich zu erken­nen, was Gott uns offen­ba­ren möch­te.
    Lie­be Grüs­se, Clau­dia

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 2 Wochen ago
      Reply

      Hi Clau­dia, good Point! Du sprichst ein häu­fig dis­ku­tier­tes The­ma der Phi­lo­so­phie an: Das Ver­hält­nis von Gott zur Wahr­heit. Die Fra­ge ist, ob Wahr­heit so etwas wie eine von Gott sepa­ra­te abstrak­te Sache ist oder ob Gott die Wahr­heit IST. Tra­di­tio­nel­le christ­li­che Theologie/Philosophie hat ten­den­zi­ell die zwei­te Vari­an­te gewählt: Gott ist Wahr­heit. Aus­ser­halb von ihm, unab­hän­gig von ihm, gibt es kei­ne Wahr­heit. Wahr­heit ist des­halb letzt­lich eine Per­son (Jesus sagt: «Ich BIN die Wahr­heit»). Stimmt das, so stimmt auch was du sagst: Man kann die Wahr­heit nicht mehr lie­ben als man Gott liebt. Wer Gott liebt, wird dem­zu­fol­ge die Wahr­heit lie­ben. Wer behaup­tet Gott zu lie­ben aber kein wahr­heits­su­chen­der Mensch ist, liebt Gott nicht. Und das Umge­kehr­te gilt eben­so: Wer behaup­tet die Wahr­heit zu lie­ben, aber Gott nicht liebt, liebt in Wirk­lich­keit nicht die Wahr­heit son­dern etwas ande­res als die Wahr­heit.

  2. Avatar
    Manfred Reichelt 2 Wochen ago
    Reply

    Um Wahr­heit erken­nen zu kön­nen, muss man erst ein­mal Wahr­heit lie­ben. Das ist auch für Chri­sten über­haupt nicht selbst­ver­ständ­lich, wie sich immer wie­der zeigt:
    https://​man​fre​d​rei​chelt​.wor​d​press​.com/​2​0​1​7​/​0​7​/​0​4​/​d​e​r​-​h​l​-​g​e​i​s​t​-​u​n​d​-​d​i​e​-​w​a​h​r​h​e​it/

  3. Paul Bruderer
    Paul Bruderer 3 Wochen ago
    Reply

    Thx Samu­el! Schön wahr­ge­nom­men! Wir fan­gen alle an in der drit­ten Opti­on zu ticken 🙂

  4. Avatar
    Samuel L. 3 Wochen ago
    Reply

    Schö­ne Gegen­über­stel­lung von Wahr­heit und Macht/Verantwortung! 🙂

    Die Dani­el-Opti­on bei der Wahr­heit wäre:
    1. Opti­on: «Es gibt eine Wahr­heit, und ich ken­ne sie» (abso­lu­ter Wahr­heits­an­spruch)
    2. Opti­on: «Wahr­heits­an­sprü­che wider­spre­chen sich offen­sicht­lich, also kann es offen­bar kei­ne abso­lu­te Wahr­heit geben / Wahr­heit ist nur ein Kon­strukt im Kopf jedes Ein­zel­nen» (Relativismus/Konstruktivismus)
    3. Opti­on: «Es gibt eine Wahr­heit. Aber unser Erken­nen ist Bruch­stück­haft — wir haben alle nur einen ein­sei­ti­gen Zugang dazu, und wir sind ange­wie­sen auf Dia­log, um aus dem Stück­werk die Wahr­heit anzu­nä­hern und zu re-kon­stru­ie­ren» (Re-Kon­struk­ti­vis­mus)

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