Toleranz

Josua Hunziker
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Wohl kaum eine Eigen­schaft wird heu­te vehe­men­ter gefor­dert als Tole­ranz. Nur wer akzep­tie­re, dass die eige­ne Welt­sicht nicht die ein­zig Wah­re sein kann, wer­de der Kom­ple­xi­tät der heu­ti­gen Gesell­schaft gerecht. Kann ich mir einen eige­nen Stand­punkt über­haupt noch lei­sten?

Ein eige­ner Stand­punkt bedeu­tet für mich, festen Boden unter den Füs­sen zu haben. Auf gewis­se Grund­wahr­hei­ten zu ver­trau­en und auf die­sem Fun­da­ment auf­zu­bau­en. Dies bedingt auch, Gren­zen zu zie­hen; es bedeu­tet, Wahr und Falsch, Gut und Böse zu unter­schei­den. Kri­ti­ker wer­den mir vor­wer­fen, dass ich damit den Dia­log ver­un­mög­li­che, ande­re Men­schen unver­meid­lich dis­kri­mi­nie­re und mich hin­ter mei­nen Pri­vi­le­gi­en als weis­ser, gut gebil­de­ter und hete­ro­se­xu­el­ler Mann ver­stecke. Doch ich bin über­zeugt: Genau das Gegen­teil ist der Fall. Nur durch festen Boden unter den Füs­sen wird Tole­ranz erst mög­lich.

Vor eini­gen Wochen hat mein Bru­der, Ema­nu­el Hun­zi­ker, auf die­sem Blog die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wie wir in der heu­ti­gen Zeit effek­tiv über Jesus reden und das Evan­ge­li­um ver­kün­di­gen kön­nen. Die Ansät­ze, wel­che wir uns als Kir­chen über Jahr­zehn­te antrai­niert haben, schei­nen in der heu­ti­gen plu­ra­li­sti­schen Gesell­schaft an Effek­ti­vi­tät ein­ge­büsst zu haben. Was ist also zu tun? In sei­nem lesens­wer­ten Arti­kel hat Ema­nu­el eini­ge Ansät­ze dazu auf­ge­zeigt, und er schloss in Anleh­nung an Dr. Timo­thy Kel­ler und Prof. John Ina­zu mit einem Auf­ruf zur Demut, Geduld und Tole­ranz. Die­sen drei Begrif­fen möch­ten wir in einer Kurz­se­rie noch genau­er auf den Grund gehen. Wir star­ten mit der Tole­ranz.

Alles fordert Toleranz

Tole­ranz. Ein bela­ste­ter Begriff, des­sen sich heu­te vie­le Mei­nungs­ma­cher bedie­nen. Mir scheint, dass Tole­ranz für man­che Krei­se zum Inbe­griff des mora­li­schen Mass­sta­bes gewor­den ist. «Sei tole­rant!». «Die­se Hal­tung ist ja völ­lig into­le­rant!». «Jene Geste ist ein Muster­bei­spiel für geleb­te Tole­ranz.» Wohin man schaut, wird Tole­ranz gefor­dert und gefei­ert. «Wir haben doch alle die glei­chen Rech­te!». «Wie kann man denn einem les­bi­schen Paar das Recht auf Kin­der ver­wei­gern wol­len?». «Wie kann man eine Frau zwin­gen, ihren Fötus aus­zu­tra­gen und für das Kind zu sor­gen? Ist das nicht die Ent­schei­dung jedes Ein­zel­nen?». «Mehr Tole­ranz bit­te! Mehr Tole­ranz!». Das Ein­zi­ge, was nicht tole­ra­bel ist, ist Into­le­ranz. Sprö­der Kon­ser­va­tis­mus, ver­knorr­tes, rück­stän­di­ges, chau­vi­ni­sti­sches Gedan­ken­gut. Das geht gar nicht.

Ja, wir Kir­chen haben nicht gera­de den besten Ruf, was Tole­ranz angeht. Im Gegen­teil. Wer heu­te von uns Chri­sten und der Kir­che Tole­ranz for­dert, meint im All­ge­mei­nen, dass wir doch bit­te sehr akzep­tie­ren sol­len, dass sich die Zei­ten geän­dert haben. Wir leben schliess­lich nicht mehr im Mit­tel­al­ter. Mono­ga­me Sexu­al­ethik, Unter­drückung der Frau (z.B. in Form von ver­wehr­ten Abtrei­bun­gen) und Leug­nung von Homo­se­xua­li­tät pas­sen doch ein­fach nicht mehr ins auf­ge­klär­te 21. Jahr­hun­dert. Kein Wun­der, wer­den die Kir­chen­bän­ke leer. Wer will sich denn noch sowas anhö­ren?

Meint also Tim Kel­ler mit sei­nem Auf­ruf zur Tole­ranz, dass wir unser ortho­do­xes Bibel­ver­ständ­nis auf­ge­ben und uns den gesell­schaft­li­chen Strö­mun­gen end­lich öff­nen sol­len? Dass sich unse­re Kir­chen wie­der fül­len wür­den, wenn wir nur etwas welt­of­fe­ner mit den Ent­wick­lun­gen unse­rer Zeit umge­hen wür­den? Wohl kaum! Kel­ler wäre wohl der Letz­te, der sein durch­aus ortho­do­xes und in der Kir­chen­tra­di­ti­on gut ver­an­ker­tes Bibel­ver­ständ­nis über Bord wer­fen wür­de. Was ist denn damit gemeint, dass wir Tole­ranz benö­ti­gen, um heu­te das Evan­ge­li­um zu ver­kün­di­gen?

Pho­to by Seba­stia­an Stam / Uns­plash

Anything goes?

Als erstes lohnt sich wohl ein Blick auf den Begriff «Tole­ranz» an sich. Heisst Tole­ranz denn wirk­lich, dass ich mei­ne Gren­zen von Wahr­heit und von Gut und Böse ver­schie­ben muss? Bedeu­tet Tole­ranz, dass ich abwei­chen­de Mei­nun­gen und Deu­tun­gen als rich­tig gel­ten las­se? Bin ich tole­rant, wenn ich alles akzep­tie­re? Ich den­ke nicht. Eric Gujer, der Chef­re­dak­tor der NZZ, bringt dies mei­ner Mei­nung nach in einem Kom­men­tar zur «Bur­ka­de­bat­te» von 2016 gut auf den Punkt:

Tole­ranz bedeu­tet nicht, alles anzu­er­ken­nen, was von aus­sen an eine Gesell­schaft her­an­ge­tra­gen wird. Die­se Fest­stel­lung muss man sich in Zei­ten von Glo­ba­li­sie­rung, Migra­ti­on und einem ver­brei­te­ten Gefühl des «Anything goes» immer wie­der in Erin­ne­rung rufen. Auch der welt­of­fe­ne, frei­heit­lich-plu­ra­li­sti­sche Staat hat die Auf­ga­be, eige­ne Mass­stä­be zu set­zen und zu ver­tei­di­gen. Eric Gujer, NZZ

Das­sel­be gilt auch für die Kir­che. Tole­ranz kann nicht bedeu­ten, alle gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und Strö­mun­gen gut­zu­heis­sen. Im Gegen­teil! Tole­rant zu sein bedingt einen eige­nen, über­zeug­ten Stand­punkt. Denn ich kann die Welt um mich her­um nur aus die­sem Stand­punkt wahr­neh­men. Und nur wenn ich mei­nen Stand­punkt ken­ne, kann ich auch mei­ne eige­ne Bril­le kri­tisch betrach­ten und von ande­ren betrach­ten las­sen. Nur wenn ich mei­nen Stand­punkt ken­ne, kann ich auf ande­re zuge­hen und in den Dia­log tre­ten. Kein Dia­log ohne Tole­ranz — aber auch kein Dia­log ohne Stand­punk­te. Das Mot­to «Anything goes» erstickt jede ernst­haf­te Dis­kus­si­on im Keim.

Die Grenze überschritten

Ich fah­re über die Land­stras­se, das Wet­ter ist schön, die Musik passt. Herr­lich, wie der Sport­wa­gen jede Kur­ve nimmt. Das Röh­ren des V8 Motors lässt mir die Nacken­haa­re auf­ste­hen. Doch gera­de, als ich genuss­voll die weit­läu­fi­ge Links­kur­ve in Angriff neh­me, wer­de ich trotz Son­nen­bril­le für Sekun­den­bruch­tei­le geblen­det. «Mist! Geblitzt!», den­ke ich. Mein Blick sucht die Tacho­na­del. 92. «Hm, wenn ich Glück habe, bin ich viel­leicht gera­de noch in der Tole­ranz.» Die Stim­mung ist dahin. «Spass­brem­sen, die­se Bul­len!».

Viel­leicht geht mei­ne Hoff­nung in Erfül­lung und die Bus­se trifft tat­säch­lich nicht ein. Viel­leicht war ich tat­säch­lich «in der Tole­ranz». Doch heisst das, dass der Staat mei­ne Fahr­wei­se an die­sem Nach­mit­tag gut heisst? Ist die Tole­ranz der Radar­mes­sung das Ein­ge­ständ­nis des Gesetz­ge­bers, dass eine Geschwin­dig­keits­be­gren­zung von 80 km/h doch eigent­lich ziem­lich lang­wei­lig ist? Eine ver­deck­te Erwei­te­rung des erlaub­ten Geschwin­dig­keits­be­rei­ches? Auf gar kei­nen Fall. Wenn mir jemand mit hun­dert­pro­zen­ti­ger Sicher­heit hät­te nach­wei­sen kön­nen, dass ich mit 92 km/h unter­wegs war, wäre mir die Bus­se sicher gewe­sen. Der Tole­ranz­be­reich exi­stiert nicht, weil die Gren­zen auf­ge­weicht wur­den. Son­dern nur, weil in die­sem kon­kre­ten Fall die Mess­me­tho­de nicht exakt genug ist und das Prin­zip «Im Zwei­fels­fall für den Ange­klag­ten» gilt. Der Staat tole­riert mei­ne über­höh­te Geschwin­dig­keit, aber heisst sie damit noch lan­ge nicht gut.

Wer etwas tole­riert, der stellt damit gleich­zei­tig fest, dass das Gegen­über eine Gren­ze über­schrit­ten, sich aus dem Bereich des Wahr­haf­ti­gen und Guten ent­fernt hat. Anson­sten lohnt es sich nicht, von Tole­ranz zu spre­chen. Akzep­tanz wäre dann der tref­fen­de­re Begriff.

In Bezug auf The­men des Glau­bens drückt es der ame­ri­ka­ni­sche Autor Abdu Mur­ray fol­gen­der­mas­sen aus:

Tole­ranz funk­tio­niert nur bei Unter­schie­den, nicht bei Gleich­heit. Nie­mand muss Ide­en tole­rie­ren, wel­che sich von den eige­nen Ide­en kaum unter­schei­den. Eigent­lich ist es in sol­chen Situa­tio­nen sinn­los, von Tole­ranz zu spre­chen. Tole­ranz impli­ziert nicht nur Unter­schie­de, son­dern auch Bela­stung und Span­nung auf­grund die­ser Unter­schie­de. Wir mes­sen die Stär­ke von Metal­len, indem wir unter­su­chen, wie sie Bela­stun­gen wie z.B. Vibra­ti­on, Hit­ze und Käl­te tole­rie­ren. Genau­so kann unser Mass an Tole­ranz an der ent­ste­hen­den Span­nung durch kon­kur­rie­ren­de reli­giö­se Behaup­tun­gen gemes­sen wer­den. Wir tole­rie­ren uns gegen­sei­tig wahr­haf­tig, wenn unse­re gegen­sätz­li­chen Behaup­tun­gen Span­nung aus­lö­sen. Ver­schie­de­ne reli­giö­se Glau­bens­sät­ze brin­gen uns dazu, unse­re eige­nen Glau­bens­sät­ze zu testen. Das ist wah­re Tole­ranz. Und Tole­ranz kann zu Klar­heit füh­ren. Abdu Mur­ray, Saving Truth, Kind­le Posi­ti­on 196 — eige­ne Über­set­zung

Mei­nen eige­nen Stand­punkt zu ken­nen bedeu­tet dabei nicht, dass ich starr­sin­nig dar­auf bestehe und kei­ne ande­re Mei­nung gel­ten las­se — das wäre die Defi­ni­ti­on von Into­le­ranz. Genau­so wenig gilt aber, dass Tole­ranz bedeu­tet, mei­nen Stand­punkt auf­zu­ge­ben.


Pho­to by Ben­ja­min Lam­bert / Uns­plash

Toleranz führt in den Dialog

Tole­ranz bedeu­tet, mei­nen Stand­punkt und mei­ne Gren­zen zu ken­nen, und die­se im uner­müd­li­chen, respekt­vol­len, wert­schät­zen­den Dia­log zu testen und zu schär­fen. Und ja, manch­mal bedeu­tet dies auch, mei­nen Stand­punkt zu ver­schie­ben oder mei­ne Gren­zen wei­ter oder enger zu fas­sen. Nicht, weil irgend­je­mand einen ande­ren Stand­punkt hat und ich die­sen ja als genau­so rich­tig wie mei­nen akzep­tie­ren muss. Son­dern, weil ich durch eine sorg­fäl­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung und einen respekt­vol­len Dia­log über­zeugt wur­de.

Tole­ranz ohne Stand­punkt endet hin­ge­gen in Indif­fe­renz und Rat­lo­sig­keit. Um noch ein­mal Mur­ray zu zitie­ren:

Die Homo­ge­ni­sie­rung von reli­giö­sen Glau­bens­sät­zen führt nicht zu Tole­ranz, son­dern zu Indif­fe­renz. Alle Reli­gio­nen zusam­men­zu­mi­schen resul­tiert im farb­lo­sen Matsch, den ein Kind erzeugt, wel­ches all sei­ne Was­ser­far­ben zusam­men­mischt. Abdu Mur­ray, Saving Truth, Kind­le Posi­ti­on 196 — eige­ne Über­set­zung

Dies gilt für den von Mur­ray ange­spro­che­nen Mix der Reli­gio­nen genau­so wie für die Aus­wei­tung des Begriffs „Chri­sten­tum“ auf alle mög­li­chen säku­la­ren, pan­the­isti­schen oder ande­ren Strö­mun­gen.

Wir haben uns nun dem Begriff der Tole­ranz genä­hert, wel­chen Tim Kel­ler meint, wenn er schreibt:

Tole­ranz bedeu­tet nicht, dass du dei­ne Ansich­ten rela­ti­vierst und dazu ver­pflich­tet bist, der ande­ren Per­son zu sagen: «Du liegst nicht falsch», oder «Du liegst teil­wei­se rich­tig». Ich kann sehr wohl sagen: «Du liegst völ­lig falsch und dei­ne Ansich­ten sind ent­setz­lich, bös­ar­tig und belei­di­gend», und trotz­dem tole­rant sein. Du zeigst Mit­ge­fühl, weil du ver­stan­den hast, dass die­se Per­son ein Geschöpf Got­tes ist und nicht nur eine Schach­fi­gur oder jemand, den du benut­zen oder auf dem du her­um tram­peln kannst. Mein Gegen­über ist eine Per­son mit Wert und Wür­de. Mei­ne Ein­sicht dar­über, dass Gott uns alle erschaf­fen hat, zeigt sich dar­in, dass ich sie lie­be, auch wenn sie völ­lig falsch liegt. Timo­thy Kel­ler, Chri­sti­an Post – eige­ne Über­set­zung

Der Kern der Tole­ranz liegt also nicht in der Akzep­tanz der ande­ren Posi­ti­on, son­dern in der Lie­be, Annah­me und Wert­schät­zung des Gegen­übers als Geschöpf Got­tes. Ich drücke tie­fe Akzep­tanz aus für die Per­son und gleich­zei­tig mei­ne — mög­li­cher­wei­se fun­da­men­ta­len — Fra­ge­zei­chen bezüg­lich ihrer Posi­ti­on, ihrer Mei­nung, ihrem Han­deln. Ich begeg­ne mei­nem Gegen­über mit Lie­be, und gera­de dar­um las­se ich die Span­nun­gen und Dif­fe­ren­zen nicht unthe­ma­ti­siert. Ist mir jemand gleich­gül­tig, so kann ich Dif­fe­ren­zen pro­blem­los links lie­gen las­sen. Liegt mir jedoch jemand am Her­zen, so neh­me ich die Müh­sahl eines wert­schät­zen­den Dia­logs über unse­re Dif­fe­ren­zen auf mich.

Pho­to by Aman­da Sand­lin / Uns­plash

Wie Toleranz sich in unseren Begegnungen auswirkt

Und damit kom­men wir zum Punkt, war­um die­se Tole­ranz im heu­ti­gen gesell­schaft­li­chen Kon­text für die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums unab­ding­bar ist. Denn nur wer sein Gegen­über als geschaf­fe­nen Men­schen mit intrinsi­scher, unan­tast­ba­rer Wür­de sieht, wird ihm trotz aller inhalt­li­cher und mora­li­scher Dif­fe­ren­zen mit einer gewin­nen­den, offe­nen Hal­tung begeg­nen kön­nen. Die ver­schie­de­nen Ansich­ten wer­den offen the­ma­ti­siert und kon­fron­tiert. Die inhalt­li­che Span­nung wird von der per­sön­li­chen Wert­schät­zung getra­gen. In die­sem Kli­ma ent­steht Dia­log, Aus­tausch und — wie Mur­ray deut­lich macht — Klar­heit.

Tole­ranz ist nicht gleich­be­deu­tend mit Gleich­gül­tig­keit. Im Gegen­teil. Ein tole­ran­ter Mensch kann gleich­zei­tig um das Herz des Gegen­übers eifern, es zu gewin­nen ver­su­chen. Der kürz­lich ver­stor­be­ne Apo­lo­get Ravi Zacha­ri­as hat es tref­fend auf den Punkt gebracht, als er sag­te:

Die Rol­le des Apo­lo­ge­ten ist es, die Per­son zu gewin­nen und nicht die Dis­kus­si­on. Ravi Zacha­ri­as — eige­ne Über­set­zung

Ist die­se Sicht erst ein­mal geöff­net, fin­den wir in der Bibel und in der Kir­chen­ge­schich­te eine gan­ze Men­ge Bei­spie­le von die­ser geleb­ten, lie­ben­den und gleich­zei­tig kon­fron­tie­ren­den Tole­ranz:

  • In sei­ner Begeg­nung mit einer ertapp­ten Ehe­bre­che­rin (Joh. 8, 1 – 11) liest Jesus der Frau nicht etwa die Levi­ten. Er ret­tet sie vor dem siche­ren Tod und kon­fron­tiert zuerst ein­mal die schein­hei­li­ge Eli­te mit ihrer eige­nen Sün­de. Doch auch die Ehe­bre­che­rin wird von ihrem Ret­ter nicht mit Samt­hand­schu­hen ange­fasst: Er drückt ihr zwar sei­ne Tole­ranz expli­zit aus («Ich ver­ur­tei­le dich nicht.»), nur um dann aber sogleich sei­ne Ein­schät­zung ihrer sün­di­gen Lebens­wei­se nach­zu­schie­ben: «Du kannst gehen, aber sün­di­ge nun nicht mehr!». Die Sün­de wird beim Namen genannt, doch umfasst von Hand­lun­gen und Wor­ten, wel­che höch­ste Wert­schät­zung für das Leben der Frau aus­drücken.
  • All­ge­mein ist bekannt, dass Jesus bei der Aus­wahl sei­ner Gesell­schaft nicht zim­per­lich war und durch­aus mit den «Out­laws» der dama­li­gen Gesell­schaft ver­kehr­te. Kor­rup­te Zöll­ner, Pro­sti­tu­ier­te und Zelo­ten — nicht gera­de die erwar­te­te Entou­ra­ge des von Gott gesand­ten Königs. Eine wun­der­schö­ne For­mu­lie­rung sei­nes Tole­ranz­ver­ständ­nis­ses gibt Jesus in sei­ner berühm­ten Aus­sa­ge: «Nicht die Star­ken bedür­fen des Arz­tes, son­dern die Kran­ken. […] Ich bin nicht gekom­men, Gerech­te zu rufen, son­dern Sün­der.» (Mt. 9, 12 — 14) Auch hier wird die Sün­de nicht unter den Tep­pich gewischt, son­dern in einer Atmo­sphä­re von Lie­be und Wert­schät­zung benannt.
  • Auch bei der Begeg­nung mit der sama­ri­ta­ni­schen Frau am Brun­nen (Joh. 4) nimmt Jesus kein Blatt vor den Mund. Ja, das eigent­li­che Zeug­nis der Frau, wel­ches die Ein­woh­ner ihrer Stadt in Scha­ren anzog, lau­te­te schlicht und ein­fach: «Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.» (Joh. 4, 39) Doch auch hier geht es Jesus offen­sicht­lich um das Herz der Frau und nicht um die Bloss­stel­lung ihrer Sün­de — Tole­ranz in obi­gem Sin­ne.
  • Auch der Auf­tritt von Pau­lus auf dem Athe­ner Areo­pag (Apg. 17) lässt sich durch die­se Bril­le betrach­ten. Pau­lus «tole­riert» den reli­giö­sen Ansatz der Athe­ner, bringt ihnen hohen Respekt und Wert­schät­zung ent­ge­gen. Er for­mu­liert aber auch unmiss­ver­ständ­lich, wo die Athe­ner aus der Sicht des Evan­ge­li­ums blind sind — auf dem Areo­pag von der Auf­er­ste­hung der Toten zu spre­chen, war ziem­lich uner­hört. Ent­spre­chend ern­te­te Pau­lus zwar von den einen Spott, doch ande­re Her­zen konn­te er gewin­nen. (Apg. 17, 32 – 34)
  • Die durch die Goten ent­führ­ten Skla­ven-Chri­sten im 4. Jh. ord­ne­ten sich ihren neu­en Her­ren gewalt­los unter und lieb­ten ihre Pei­ni­ger. Gleich­zei­tig gin­gen sie den Weg mit Jesus klar und tap­fer wei­ter, «sodass sie», wie Erich Schne­pel beschreibt, «ihre goti­schen Her­ren inner­lich erober­ten». Sie wert­schätz­ten ihre Ent­füh­rer und blie­ben gleich­zei­tig klar und treu im Glau­ben an Chri­stus, was nach und nach die Her­zen ihres Umfelds gewann.

Aus all die­sen Bei­spie­len las­sen sich eini­ge Merk­ma­le einer von Tole­ranz gepräg­ten Evan­ge­li­ums-Begeg­nung destil­lie­ren:

  • Das Gespräch ist geprägt von ech­tem Inter­es­se und einer gros­sen Wert­schät­zung für das Gegen­über, sei­ne Geschich­te und sei­nen Stand­punkt.
  • Als Aus­gangs­punkt die­nen gemein­sa­me Über­zeu­gun­gen und Ansich­ten. Ich bin über­zeugt, dass sich die­se basie­rend auf einer offe­nen Hal­tung zu jedem Men­schen fin­den las­sen.
  • Unter­schie­de in der Welt­sicht wer­den in der Fol­ge offen the­ma­ti­siert. Die bibli­sche Sicht des eigent­li­chen Pro­blems der Mensch­heit — genannt Sün­de — wird klar und dem Kon­text ent­spre­chend for­mu­liert. Der Ton und die Art der Kon­fron­ta­ti­on bleibt aber immer geprägt von Wert­schät­zung und Respekt.

Die­se tole­ran­te Hal­tung lässt sich nicht ein­fach so pro­du­zie­ren. Sie ist im Inner­sten gewirkt durch den Hei­li­gen Geist. Durch das Bewusst­sein, dass ich mich auch selbst auf einem Weg befin­de, die Wahr­heit nicht ein­fach gepach­tet habe und täg­lich Erlö­sung benö­ti­ge. Oft wird es zudem nicht mög­lich sein, all die­se Aspek­te in ein ein­zi­ges Gespräch, eine ein­zi­ge Begeg­nung ein­zu­packen. Es ist also Demut gefor­dert. Und Geduld. Mehr dazu in den fol­gen­den Arti­keln von Paul Bru­de­rer und Ema­nu­el Hun­zi­ker.

Pho­to by Sab­ri Tuz­cu / Uns­plash

Eine hohe Messlatte

Ich selbst bin zutiefst her­aus­ge­for­dert von die­ser For­de­rung nach Tole­ranz, Demut und Geduld. Noch viel zu oft ent­decke ich mich in der Rol­le des Moral­apo­stels, der sich in erster Linie um sei­ne eige­ne Gerech­tig­keit sorgt und lie­ber die Dis­kus­si­on gewinnt als das Herz eines Men­schen. Erste­res ist oft ein­fa­cher. Und in einer Gesell­schaft, in wel­cher die Kir­che ein Mono­pol auf die Defi­ni­ti­on von Gut und Böse hät­te, wäre es nicht schwer, die eige­ne Selbst­ge­rech­tig­keit in ein beein­drucken­des Män­tel­chen von «hei­li­gem Eifer und hin­ge­ge­be­ner Lei­den­schaft» zu ver­packen.

Doch wir leben nicht in einer sol­chen Gesell­schaft. Das Chri­sten­tum und die Kir­che wer­den als eine mög­li­che Opti­on unter einer Viel­zahl von mehr oder weni­ger gleich­be­rech­tig­ten Ansät­zen ange­se­hen. Dar­in tole­rant zu sein bedeu­tet, sich weder trot­zig auf die Insel sei­ner eige­nen Welt­sicht zurück­zu­zie­hen, noch die eige­ne Posi­ti­on auf­zu­ge­ben und sich in einer Wol­ke von Indif­fe­renz und Gleich­gül­tig­keit auf­zu­lö­sen. Wenn alles gleich gül­tig ist, wird am Ende alles gleich­gül­tig sein. Wenn ich im Elfen­bein­turm mei­ner Selbst­ge­rech­tig­keit ver­har­re, wird am Ende alles ver­här­tet sein. Kei­ner der bei­den Ansät­ze zeugt von Lie­be für mei­ne Mit­men­schen. Kei­ner der bei­den Ansät­ze mün­det in der gewin­nen­den Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums.

Für die treue Erfül­lung mei­nes per­sön­li­chen Mis­si­ons­auf­trags bin ich zutiefst abhän­gig von Got­tes Gna­de. Nur Er hat es in der Hand, in mir die­se gewin­nen­de, wert­schät­zen­de Hal­tung der Tole­ranz zu for­men. Die­se Hal­tung, die ich mir selbst und auch dir von gan­zem Her­zen wün­sche.

2 Comments
  1. Silas Wohler
    Silas Wohler 2 Wochen ago
    Reply

    Dan­ke für die wert­vol­len Gedan­ken. Plu­ra­lis­mus schaut von aus­sen tole­rant aus, doch im Innern ist er into­le­rant (ever­ything goes). Das Chri­sten­tum sieht von Aus­sen into­le­rant aus, doch im Innern ist es tole­rant. Im Zen­trum des christ­li­chen Glau­bens steht schliess­lich ein Gott, der bereit ist aus lau­ter Lie­be am Kreuz für Men­schen zu ster­ben, die ihn ihn ableh­nen und ver­ur­tei­len. Die­sem Bei­spiel gilt es für Chrsi­ten nach­zu­ei­fern.

    • Josua Hunziker
      Josua Hunziker 1 Woche ago
      Reply

      Vie­len Dank Silas für die­se tref­fen­de Ergän­zung!

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