Wie sollen wir heute über Jesus reden?

Emanuel Hunziker
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Die Welt wan­delt sich rasant und so auch die Lebens­welt der Men­schen. Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die­ser Wan­del auf die Ver­kün­di­gung der fro­hen Bot­schaft von Jesus Chri­stus? Was war im christ­lich gepräg­ten Westen bis Mit­te des 20. Jahr­hun­derts noch anders als heu­te?

Als Lei­ter einer Kir­che bin ich in beson­de­rer Wei­se her­aus­ge­for­dert, den Auf­trag von Jesus für sei­ne Nach­fol­ger ernst zu neh­men und gewis­sen­haft aus­zu­füh­ren. Wie befrei­end war der Moment, als ich ver­stand, dass Jesus nach­fol­gen zuerst ein­mal bedeu­tet, nah bei Jesus zu sein.

Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er woll­te. Und sie kamen zu ihm; und er berief zwölf, damit sie bei ihm sei­en und damit er sie aus­sen­de. Mar­kus 3,13 – 14

Nähe zu Jesus

Bei Jesus sein, das klingt viel­ver­spre­chend. Damit fängt alles an. Das ist die erste und wich­tig­ste Beru­fung jedes Jesus-Nach­fol­gers. Die Sen­dung folgt dann in einem zwei­ten Schritt. Jesus sen­det nie­man­den aus, der kei­ne per­sön­li­che Ver­bin­dung zu ihm hat.

Nach­fol­ge ist Bin­dung an Chri­stus; weil Chri­stus ist, dar­um muß Nach­fol­ge sein. Eine Idee von Chri­stus, ein Lehr­sy­stem, eine all­ge­mei­ne reli­giö­se Erkennt­nis von der Gna­de oder Sün­den­ver­ge­bung macht Nach­fol­ge nicht not­wen­dig, ja schließt sie in Wahr­heit aus, ist der Nach­fol­ge feind­lich. Zu einer Idee tritt man in ein Ver­hält­nis der Erkennt­nis, der Begei­ste­rung, viel­leicht auch der Ver­wirk­li­chung, aber nie­mals der per­sön­li­chen gehor­sa­men Nach­fol­ge. Diet­rich Bon­hoef­fer, Nach­fol­ge (Ger­man Edi­ti­on) (S.25). Kind­le-Ver­si­on.

Jesus nach­fol­gen. Bei ihm sein. In sei­ner Gegen­wart leben. Ihn hören. Von ihm ler­nen. Von ihm leben. Er ist das Brot des Lebens. Er ist das Licht der Welt. Er ist der Weg, die Wahr­heit und das Leben. Er ist die Tür. Er ist der gute Hir­te, der sein Leben lässt für die Scha­fe. Er ist der Wein­stock, wir sind die Reben. Ohne ihn kön­nen wir nichts tun. Ohne sei­nen Saft fehlt uns die Kraft. Ohne sei­ne Kraft ent­steht kein Trau­ben­saft.

Wie Johan­nes an der Brust des Herrn lie­gen und ein ver­trau­tes Gespräch füh­ren. Aus­er­wählt sein. Dazu gehö­ren zum inne­ren Zir­kel des Rab­bis. Wer will das nicht? Und dann vom Got­tes­sohn höchst­per­sön­lich ordi­niert und aus­ge­sandt wer­den, wel­che Ehre! Wie sieht sein Auf­trag für einen Kirch­ge­mein­de-Lei­ter wie mich kon­kret aus? Fol­gen­de For­mu­lie­rung fin­de ich tref­fend:

Die Auf­ga­be der Lei­ter einer Gemein­de besteht dar­in, das Evan­ge­li­um so in die Lebens­welt der Men­schen zu über­tra­gen, dass sie sei­ne Kraft erken­nen kön­nen, die nicht in einem theo­lo­gi­schen Gedan­ken­ge­bäu­de liegt, son­dern das Leben grund­le­gend und anhal­tend ver­än­dert. Timo­thy Kel­ler, Cent­re Church Deutsch, Sei­te 65.

Mit den Wor­ten Bon­hoef­fers heisst das: Men­schen in die Nach­fol­ge von Jesus füh­ren. Men­schen nicht an sich selbst, son­dern an Jesus bin­den. Nicht an eine Kir­che. Nicht an ein System. Nicht an ein theo­lo­gi­sches Gedan­ken­kon­strukt son­dern an eine rea­le Per­son. Wie das kon­kret aus­sieht, muss im Kon­text jeder Zeit­epo­che und von jeder Genera­ti­on aufs neue durch­dacht und ange­wen­det wer­den.

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Die Lebenswelt der heutigen Menschen

Wie sieht das bei uns heu­te aus? Die Lebens­welt der Men­schen im Westen ist so viel­schich­tig wie nie zuvor. Die Digi­ta­li­sie­rung gibt Zugang zu diver­sen Infor­ma­ti­ons­quel­len. Das Ange­bot ist über­wäl­ti­gend.  Die Aus­wahl scheint end­los. War­um soll­te man sich da auf etwas fest­le­gen? Es könn­te ja noch etwas Bes­se­res kom­men. Man will ja nichts ver­pas­sen. Und so zie­hen wir post­mo­der­nen Zeit­ge­nos­sen im Kreis­ver­kehr des Lebens unse­re Run­den und kön­nen uns nicht für die eine oder ande­re Aus­fahrt ent­schlies­sen. Es könn­te ja eine Sack­gas­se sein. Das gilt auch für die eige­ne Spi­ri­tua­li­tät. Wir mixen uns unse­ren Glau­bens­cock­tail nach eige­nem Gut­dün­ken zusam­men. Je nach­dem wie es grad sinn­voll erscheint. Das Rezept selbst ver­än­dert sich andau­ernd. Doch Haupt­sa­che es stimmt gera­de für mich. Jetzt. Alles ande­re ist rela­tiv.

Ein Weg — viele Wege

Es gibt nur einen Weg zum Vater: Jesus. Doch es gibt vie­le Wege zu Jesus. Das wird schon in den Evan­ge­li­en deut­lich. Dar­um gibt es auch nicht die ein­zig rich­ti­ge Art und Wei­se, die fro­he Bot­schaft zu ver­kün­den. Jesus liess z.B. bei der nächt­li­chen Fra­ge­stun­de mit dem Pha­ri­sä­er Niko­de­mus grad von vorn­her­ein die Bom­be plat­zen und sag­te als Ein­stieg ins Gespräch:

Wenn jemand nicht von neu­em gebo­ren wird, kann er das Reich Got­tes nicht sehen. Johan­nes 3,3

Bäm! Der Auf­ruf kommt doch sonst jeweils erst gegen Schluss, oder? Anschei­nend konn­te Jesus ihm das zumu­ten. Das kon­fron­tie­ren­de Gespräch mit Jesus löste jeden­falls Gutes aus bei Niko­de­mus. Er ver­tei­digt Jesus und spen­de­te das teu­re, wohl­rie­chen­de Öl für die Ein­bal­sa­mie­rung sei­nes Leich­nahms.

Ganz anders bei der sama­ri­ti­schen Frau am Brun­nen. Jesus fängt ein Gespräch mit ihr an, indem er sie um Was­ser bit­tet und lenkt die Kon­ver­sa­ti­on fein­füh­lig dann Schritt für Schritt zum Fina­le, an dem er sich ihr als der ver­spro­che­ne Mes­si­as zu erken­nen gibt.

Die Frau spricht zu ihm: Ich weiß, dass der Mes­si­as kommt, der Chri­stus genannt wird; wenn jener kommt, wird er uns alles ver­kün­di­gen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet. Johan­nes 4,25 – 26

Die Fol­ge davon: Eine gan­ze Stadt kommt zum Glau­ben an Jesus! Ich kann mir gut vor­stel­len, dass Johan­nes die­se bei­den Begeg­nun­gen mit Jesus in sei­nem Evan­ge­li­um bewusst hin­ter­ein­an­der reih­te, als woll­te er damit sagen: Kein Mensch ist wie der ande­re. Aber Jesus ist zugäng­lich für alle.

Das Vorwissen der Menschen ist entscheidend

Als Kir­chen­lei­ter im 21. Jahr­hun­dert suche ich nach gang­ba­ren Wegen, um die fro­he Bot­schaft so in die Lebens­welt der Men­schen zu über­tra­gen, dass es ihr Leben grund­le­gend und anhal­tend ver­än­dert. Zurück­blicken kann hel­fen, doch Copy-Paste funk­tio­niert nicht mehr. Die Welt wan­delt sich rasant und so auch die Lebens­welt der Men­schen.

Wel­che Aus­wir­kun­gen hat die­ser Wan­del auf die Ver­kün­di­gung der fro­hen Bot­schaft von Jesus Chri­stus? Was war im christ­lich gepräg­ten Westen bis Mit­te des 20. Jahr­hun­derts noch anders als heu­te? Timo­thy Kel­ler beschreibt es fol­gen­der­mas­sen:

Chri­sten konn­ten sich dar­auf ver­las­sen, dass ihre Zuhö­rer genü­gend Vor­wis­sen besas­sen, um die christ­li­che Bot­schaft zu ver­ste­hen — eine Bot­schaft, die all­ge­mein als glaub­wür­dig und posi­tiv galt. Die Auf­ga­be lau­te­te, die Men­schen davon zu über­zeu­gen, dass sie per­sön­lich Chri­stus brauch­ten und durch die Kraft des Hei­li­gen Gei­stes eine Ent­schei­dung für Chri­stus tref­fen muss­ten. Timo­thy Kel­ler, Cent­re Church Deutsch, Sei­te 179.

Das Vor­wis­sen ist eine alles ent­schei­den­de Kom­po­nen­te bei jeder Ver­kün­di­gung. Das ler­nen wir auch von Jesus. Wir müs­sen unser Gegen­über ken­nen, damit wir wis­sen, von was wir aus­ge­hen kön­nen. Wenn sich die Zuhö­rer­schaft einer Erweckungs­ver­an­stal­tung in den 1970er Jah­ren zu 98% aus christ­lich sozia­li­sier­ten Men­schen zusam­men­setz­te, bestand die Stra­te­gie des Red­ners pri­mär dar­in, ihr Vor­wis­sen auf eine Ent­schei­dung für eine leben­di­ge Bezie­hung mit Jesus Chri­stus hin zu bün­deln.

Die Erklä­rung des Evan­ge­li­ums konn­te recht schlicht gehal­ten wer­den: Die Beto­nung lag auf der Umkehr zum Glau­ben, ohne mit gewal­ti­gem Auf­wand zunächst über die Exi­stenz und das Wesen des Got­tes der Bibel und die christ­li­che Welt­sicht spre­chen zu müs­sen. Aus­ser­dem war es nicht all­zu schwie­rig, Men­schen in eine Gemein­de ein­zu­la­den, zumal die Zuge­hö­rig­keit zu einer Gemein­de als etwas Posi­ti­ves galt. Timo­thy Kel­ler, Cent­re Church Deutsch, Sei­te 179.

Gross-Evan­ge­li­sa­tio­nen, umrahmt von Musik und öffent­li­chem Auf­ruf zur Bus­se und Bekeh­rung lies­sen die Men­schen in Scha­ren zur Büh­ne strö­men, wie hier 1975 bei einer pre­digt von Bil­ly Gra­ham.

Wür­de eine sol­che Bot­schaft auch heu­te noch zie­hen? Ich wage es zu bezwei­feln. Nicht weil die Bot­schaft ver­al­tet wäre. Das Evan­ge­li­um von Jesus ist aktu­el­ler denn je! Doch die Lebens­welt der Zuhö­rer ist heu­te eine ande­re als in den 70er Jah­ren. Wir leben in einer nach­christ­li­chen Zeit. Das Vor­wis­sen der Zuhö­rer, auf das Bil­ly Gra­ham in sei­ner Bot­schaft Bezug neh­men konn­te, ist mitt­ler­wei­le weit­ge­hend abhan­den gekom­men. Denn ein paar Jahr­zehn­te spä­ter…

… sind in unse­ren heu­ti­gen plu­ra­li­sti­schen Gesell­schaf­ten die wich­ti­gen Insti­tu­tio­nen des öffent­li­chen Lebens auf kein ein­heit­li­ches Glau­bens­sy­stem aus­ge­rich­tet. Nie­mand erbt mehr sei­nen Glau­ben von sei­nen Vor­fah­ren. Jeder wählt aktiv zwi­schen kon­kur­rie­ren­den Glau­bens- und Welt­an­schau­ungs­sy­ste­men und muss durch per­sön­li­che Anspra­che davon über­zeugt wer­den. Timo­thy Kel­ler, Cent­re Church Deutsch, Sei­te 69.

Die Plau­si­bi­li­tät geben­den Struk­tu­ren unse­rer Gesell­schaft haben sich kom­plett ver­än­dert. Sie ste­hen längst nicht mehr in direk­tem Bezug zur Kir­che und dem christ­li­chen Glau­ben an einen hei­li­gen Gott. In den 1970 Jah­ren konn­te man bei einem Gespräch davon aus­ge­hen, dass der Gesprächs­part­ner die grund­le­gen­den christ­li­chen Leh­ren kennt. Die Evan­ge­li­sa­ti­ons-Stra­te­gien bau­ten auf die­ses Vor­wis­sen auf und es ging pri­mär dar­um, schla­fen­de Namens­chri­sten zu «erwecken» und sie in eine leben­di­ge Bezie­hung und Nach­fol­ge zu Jesus Chri­stus zu füh­ren. Der sonn­täg­li­che Besuch einer Kir­che gehör­te auto­ma­tisch mit dazu.

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Die Menschen sind gegen das Christentum geimpft

Die nach­christ­li­che, post­mo­der­ne Gesell­schaft reagiert all­er­gisch auf Wahr­heits- und Auto­ri­täts­an­sprü­che reli­giö­ser Insti­tu­tio­nen wie der Kir­che. Chri­sten­tum? Das haben wir doch hin­ter uns! Wie nach einer Imp­fung haben die Men­schen Anti­kör­per gebil­det, die sofort Alarm schla­gen, wenn irgend­et­was christ­lich-reli­giö­ses in ihrem Dunst­kreis auf­taucht. Die Lebens­welt hat sich mar­kant gewan­delt. Die Defi­ni­tio­nen wur­den neu defi­niert.

In den vier­zi­ger Jah­ren konn­te ein Pastor zu einem Jugend­li­chen sagen: «Sei ein guter Jun­ge!» und die aller­mei­sten hät­ten gewusst, was er damit mein­te. Seit Ende der sieb­zi­ger Jah­re wür­de man ant­wor­ten: «Was meinst du denn mit ‹gut›? Ich defi­nie­re ‹gut› viel­leicht ein biss­chen anders. Was fällt dir ein, mir dei­ne per­sön­li­che Mei­nung auf­zu­drücken?!» Timo­thy Kel­ler, Cent­re Church Deutsch, Sei­te 178 – 179.

Die Fra­ge lau­tet also: Wie kön­nen wir heu­te unse­ren Mit­men­schen von Jesus erzäh­len? Wie kön­nen wir den Auf­trag heu­te aus­füh­ren, zu dem uns Jesus aus­sen­det?

Auch wenn es heu­te viel­leicht weni­ger zieht als noch vor 60 Jah­ren: Gross­evan­ge­li­sa­tio­nen sind bes­ser als ihr Ruf. Life on Sta­ge z.B. setzt mit einer zeit­ge­mäs­sen Form bei die­ser Stra­te­gie an. Anhand einer wah­ren Lebens­ge­schich­te, die in Form eines pro­fes­sio­nell pro­du­zier­ten Musi­cals erzählt wird, bekommt der Besu­cher die lebens­ver­än­dern­de Kraft des Kreu­zes vor Augen gemalt und wird zu einem Leben mit Jesus ein­ge­la­den.

Doch wie sieht es im All­tag aus? Nach wel­chen Leit­li­ni­en ver­hal­ten wir uns im Pau­sen-Gespräch am Arbeits­platz? Wo set­zen wir an? Auf was müs­sen wir beson­ders ach­ten, um die fro­he Bot­schaft von Jesus kon­tex­tua­li­siert und zeit­ge­mäss zu ver­mit­teln?

In einer zuneh­mend pola­ri­sier­ten Gesell­schaft scheint der respekt­vol­le Umgang mit Anders­gläu­bi­gen und das gleich­zei­ti­ge Fest­hal­ten an der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums eine ent­mu­ti­gen­de, wenn nicht gar völ­lig unmög­li­che Auf­ga­be. Leah Marie­Ann Klett, Chri­sti­an Post – Eige­ne Über­set­zung

Ein Gott der Lie­be und Gna­de kann bei einem post­mo­dern den­ken­den Men­schen einer­seits Inter­es­se wecken, weil die Idee von Näch­sten­lie­be sich mit sei­nem huma­ni­sti­schen Men­schen­bild ver­ein­ba­ren lässt. Im Ange­sicht von Leid und Unge­rech­tig­keit kann ein Gott, der anschei­nend so etwas zulässt aber auch schnell wie­der als unhalt­bar abge­lehnt wer­den. Hin­sicht­lich die­ser kon­tro­ver­sen Aus­gangs­la­ge ist schon manch einer beim Ver­such, sei­nen Auf­trag gewis­sen­haft aus­zu­füh­ren, vom Pferd gefal­len. Das führt zu unter­schied­li­chen Stra­te­gien im Umgang damit:

Chri­sten ten­die­ren zu einer der fol­gen­den Kate­go­rien, wenn sie ver­su­chen, das Evan­ge­li­um auf die aktu­ell vor­herr­schen­de Kul­tur zu bezie­hen: (1) Sie domi­nie­ren und ver­su­chen, die Über­hand zu gewin­nen; (2) sie wäh­len den Rück­zug und das Fern­blei­ben von öffent­li­chen Dis­kur­sen, oder (3) sie ver­su­chen sich zu sehr anzu­pas­sen, zu assi­mi­lie­ren und die Wer­te der Welt zu über­neh­men.

Der Schlüs­sel ist die «treue Anwe­sen­heit», was bedeu­tet, du bleibst dem Evan­ge­li­um treu, machst kei­ner­lei Kom­pro­mis­se und bleibst erkenn­bar Christ, aber son­derst dich nicht von der Kul­tur ab. Timo­thy Kel­ler, Chri­sti­an Post – eige­ne Über­set­zung

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Auch Jere­mia schrieb dem Volk Isra­el in der Ver­ban­nung in Babel die­se von Gott befoh­le­ne Stra­te­gie: Das Volk sich pro­ak­tiv in Babel enga­gie­ren, statt sich in ein from­mes Ghet­to zurück zu zie­hen und auf die Rück­kehr in ihr Land zu war­ten:

So spricht der HERR, der all­mäch­ti­ge Gott Isra­els, zu allen Ver­bann­ten, die er von Jeru­sa­lem nach Baby­lo­ni­en weg­füh­ren ließ: Baut euch Häu­ser und wohnt dar­in! Legt Gär­ten an und ern­tet ihre Früch­te! Hei­ra­tet und zeugt Kin­der! Wählt für eure Söh­ne Frau­en aus, und lasst eure Töch­ter hei­ra­ten, damit auch sie Kin­der zur Welt brin­gen. Euer Volk soll wach­sen und nicht klei­ner wer­den. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weg­füh­ren ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen. Jere­mia 29,4 – 7

Gott ver­lang­te 3 Din­ge von sei­nem Volk:

  1. Sie sol­len sich in Babel nie­der­las­sen und woh­nen, statt sich zurück­zie­hen und abson­dern.
  2. Der Kul­tur Babels sol­len sie respekt­voll wider­ste­hen und ihre Wer­te nicht über­neh­men.
  3. Ihre Mit­men­schen sol­len sie auf­op­fernd lie­ben und sich dar­um weder ver­ach­tend noch gering­schät­zig oder ego­istisch in der Gesell­schaft Babels invol­vie­ren.

Das war die von Gott ange­ord­ne­te Stra­te­gie, um in einer heid­ni­schen Kul­tur Salz und Licht sein zu kön­nen, ohne dass das Salz sei­ne Wir­kung ver­liert und das Licht unter den Schef­fel gestellt wer­den muss. Wir brau­chen Glau­be, Hoff­nung und Lie­be, um die­se Stra­te­gie umzu­set­zen.

Demut, Geduld, Toleranz

Dr. Timo­thy Kel­ler und Pro­fes­sor John Ina­zu nen­nen drei Ver­hal­tens­wei­sen, die Anstand und Frie­de in einer zuneh­mend gespal­te­nen Gesell­schaft ermög­li­chen: Geduld, Demut und Tole­ranz. Kel­ler beschreibt Geduld als eine Funk­ti­on der christ­li­chen Hoff­nung, Demut als eine Funk­ti­on des christ­li­chen Glau­bens,  und Tole­ranz als eine Funk­ti­on der christ­li­chen Lie­be.

Du kannst Demut leben, indem du die Gren­zen des­sen aner­kennst, was du bewei­sen kannst. Ins­be­son­de­re Chri­sten soll­ten wis­sen, dass Glau­be ein Geschenk Got­tes ist und Argu­men­te begrenzt blei­ben. Wir wer­den durch Glau­be geret­tet, nicht durch Argu­men­te. Demut bedeu­tet zu sagen: ‹Ich kann dir nicht bewei­sen was ich dir erzäh­le, weil so viel davon auf Glau­ben basiert.› Timo­thy Kel­ler, Chri­sti­an Post – eige­ne Über­set­zung

Demut steht aber nicht etwa in einem Wider­spruch zur christ­li­chen Glau­bens­ge­wiss­heit. Demut aner­kennt ledig­lich die vom Schöp­fer defi­nier­ten Gren­zen an, die nicht weg argu­men­tiert wer­den kön­nen, aber auch nicht müs­sen. Demut bedeu­tet aber nicht Min­der­wert. Der Demü­ti­ge lotet sei­ne Gott gege­be­nen Mög­lich­kei­ten voll aus und ent­fal­tet sein Poten­ti­al zur vol­len Trag­wei­te. Aber er gibt sich nicht grös­ser als er in Wahr­heit ist. Der Demü­ti­ge steht zu sich selbst, so wie Gott zu ihm steht. Ich glau­be, wir müs­sen unser Ver­ständ­nis von Demut gründ­lich auf­fri­schen!

Geduld bedeu­tet, sei­nem Gegen­über ver­ständ­nis­voll zuzu­hö­ren und gute Fra­gen zu stel­len. Das ist eine Form der Hoff­nung. Wir wis­sen, dass Gott am Ende tri­um­phie­ren, Gerech­tig­keit her­stel­len und jede Trä­ne abwi­schen wird. Weil wir die­se Hoff­nung haben, kön­nen wir gedul­dig sein. Timo­thy Kel­ler, Chri­sti­an Post – eige­ne Über­set­zung

Geduld, die sich aus leben­di­ger Hoff­nung nährt, haben wir bit­ter nötig. Es geht nicht pri­mär dar­um, dass wir «Erfol­ge» vor­wei­sen kön­nen. Wir dür­fen aus einer Ruhe, die in der ewi­gen Königs­herr­schaft von Jesus ver­an­kert ist, mit unse­ren Mit­men­schen unter­wegs sein und Nähe zulas­sen. So wer­den sie unwei­ger­lich mit der Kraft und dem Saft des Wein­stocks in Berüh­rung kom­men, die in und durch uns flies­sen. Wo Jesus drin ist, kommt auch Jesus her­aus! Wenn er fehlt, kön­nen wir sowie­so ein­packen. Ohne ihn kön­nen wir nichts tun. Ja, der HERR allein kann ret­ten!

Tole­ranz bedeu­tet nicht, dass du dei­ne Ansich­ten rela­ti­vierst und dazu ver­pflich­tet bist, der ande­ren Per­son zu sagen ‹Du liegst nicht falsch› oder ‹Du liegst teil­wei­se rich­tig›. Ich kann sehr wohl sagen, ‹Du liegst völ­lig falsch und dei­ne Ansich­ten sind ent­setz­lich, bös­ar­tig und belei­di­gend,› und trotz­dem tole­rant sein.

Du zeigst Mit­ge­fühl, weil du ver­stan­den hast, dass die­se Per­son ein Geschöpf Got­tes ist und nicht nur eine Schach­fi­gur oder jemand den du benut­zen oder auf dem du her­um tram­peln kannst. Mein Gegen­über ist eine Per­son mit Wert und Wür­de. Mei­ne Ein­sicht dar­über, dass Gott uns alle erschaf­fen hat zeigt sich dar­in, dass ich sie lie­be, auch wenn sie völ­lig falsch liegt. Timo­thy Kel­ler, Chri­sti­an Post – eige­ne Über­set­zung

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Zei­ten ändern sich. Die Kir­che hat ihre Mono­pol­stel­lung in der west­li­chen Gesell­schaft ver­lo­ren. Die einen bedau­ern das. Die ande­ren sehen neue Chan­cen dar­in. Jeden­falls sind neue Stra­te­gien gefor­dert, den Auf­trag von Jesus wei­ter­hin gewis­sen­haft aus­zu­füh­ren. Die Bot­schaft bleibt die­sel­be. Sie ist zeit­los und stets leben­dig, dyna­misch und kraft­voll. In der Nach­fol­ge Jesu ler­nen wir vor allem ihn immer bes­ser ken­nen und dadurch auch uns selbst. So begeg­nen wir auch unse­ren Mit­men­schen anders.

»Lie­be den Herrn, dei­nen Gott, von gan­zem Her­zen, mit gan­zem Wil­len und mit aller dei­ner Kraft und dei­nem gan­zen Ver­stand! Und: Lie­be dei­nen Mit­men­schen wie dich selbst!« Lukas 10,27

Die­ses höch­ste Gebot beschreibt nicht nur die Lösung des Pro­blems der Mensch­heit, son­dern auch das Pro­blem selbst. Ja, wir kön­nen unse­re Mit­men­schen eben nur in dem Mas­se lie­ben WIE wir uns selbst lie­ben. Und weil wir mit uns selbst nicht ver­söhnt sind, legen wir uns mit unse­ren Mit­men­schen an. Wir pro­ji­zie­ren unser eige­nes Man­ko – die Tren­nung von Gott – auf unse­re Mit­men­schen. Ein Teu­fels­kreis­lauf. Dar­um kom­men wir nie und nie­mals an der Nach­fol­ge Jesu vor­bei. Er ist der Ret­ter der Welt. Er kann dich und mich erlö­sen. Nah bei ihm sein. Dar­um gehts. Dar­auf läuft’s hin­aus. Dahin dür­fen wir auch ande­re füh­ren. Auf Gott hof­fend und dar­um gedul­dig. Gott glau­bend und des­halb demü­tig. Gott lie­bend und dar­um tole­rant. Jesus ist nah­bar. Gestern, heu­te und mor­gen.

5 Comments
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    Simon B. 2 Monaten ago
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    Wow! Tol­ler Arti­kel. Vie­len Dank Ema­nu­el! Es ist so frei­ma­chend, dass Jesus nach­fol­gen zuerst hei­ßer, nahe beim ihm zu sein. Eine wohl­tu­en­de Erkennt­ni­se. Wo Jesus drin ist kommt auch Jesus raus — ein ganz star­ker Satz! Auf dem Hin­ter­grund von Demut, Geduld und Tole­ranz kommt Jesus dann auch so raus, dass er Glau­be, Lie­be und Hoff­nung wecken kann.

    • Emanuel Hunziker
      Emanuel Hunziker 2 Monaten ago
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      Dan­ke Simon! Ja, nah bei Jesus sein dür­fen ist der höch­ste Ehren­platz den es gibt. Gleich­zei­tig wer­den wir in sei­ner Gegen­wart mit uns selbst kon­fron­tiert, weil er der end­gül­ti­ge Mass­stab setzt. Wir sind zual­ler­erst auf die Demut, Geduld und Tole­ranz von Jesus selbst ange­wie­sen. Hier kommt die Schön­heit des Evan­ge­li­ums zum Vor­schein. Jesus bezahlt unse­re Schuld und bedeckt unse­re Scham. Es koste­te ihn sein Leben, aber er tat es aus Lie­be. Er ver­söhn­te uns mit Gott. Dadurch kön­nen wir ver­söhnt mit uns selbst und unse­ren Mit­men­schen leben. Wenn die­se Rea­li­tät unser Bewusst­sein durch­dringt, wer­den wir unse­re Mit­men­schen lie­ben kön­nen, weil wir durch Jesus uns selbst lie­ben lern­ten. Ich wün­sche Dir Got­tes Segen!

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    Reichelt 3 Monaten ago
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    Um das Evan­ge­li­um heu­te den Men­schen nahe brin­gen zu kön­nen, muss man selbst erst ein­mal tie­fer in die Wahr­heit ein­drin­gen. Denn man muss in der Lage sein, Fra­gen beant­wor­ten zu kön­nen. Beson­ders auch die nach dem Leid. Dazu war man bis­her nicht fähig.
    Nach­dem inner­halb des christ­li­chen Spek­trums die Reinkar­na­ti­on akt­zep­tiert sein wird, wird die Bot­schaft Chri­sti licht­voll erstrah­len kön­nen.
    https://​docs​.goog​le​.com/​v​i​e​w​e​r​?​a​=​v​&​p​i​d​=​s​i​t​e​s​&​s​r​c​i​d​=​Z​G​V​m​Y​X​V​s​d​G​R​v​b​W​F​p​b​n​x​l​c​n​d​l​Y​2​t​1​b​m​d​1​b​m​R​l​c​m​5​l​d​W​V​y​d​W​5​n​f​G​d​4​O​j​c​1​M​D​Q​0​Y​W​Y​z​Z​T​l​j​Y​z​M​w​YjE

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 3 Monaten ago
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      Lie­ber Man­fred

      Dan­ke für dei­ne Reak­ti­on. Reinkar­na­ti­on mag viel­leicht in einem gewis­sen Spek­trum der Kir­che heu­te akzep­tiert sein. Ich per­sön­lich erach­te sie für eine Irr­leh­re. Damit ste­he ich auch nicht allei­ne da, denn die Leh­re der Reinkar­na­ti­on steht ganz grund­sätz­lich im Kon­flikt mit der Leh­re von der leib­li­chen Auf­er­ste­hung, wel­che die histo­ri­sche Kir­che immer gelehrt hat und wel­che auf Zeu­gen­be­rich­ten der ersten Chri­sten beruht.

      Du bemerkst in dei­nem Text rich­tig, das die­se Leh­re der Reinkar­na­ti­on im Rah­men des Kon­zils von Kon­stan­ti­no­pel 553 ver­ur­teilt wur­de. Du fin­dest die­se Ver­ur­tei­lung aber schon weit frü­her, zum Bei­spiel ums Jahr 400 im ersten bekann­ten Kom­men­tar zum Apo­sto­li­kum, geschrie­ben von Rufi­nus:

      «Ein gott­lo­ses Unter­neh­men ist es, wenn Manichä­us lehrt, ein­mal dass er selbst der Para­klet sei, dann wenn er sagt, die Welt sei von einem bösen Prin­zip gemacht, Gott sei nicht ihr Schöp­fer, und wenn er das alte Testa­ment ver­wirft: wenn er behaup­tet, es gebe eine gute und eine böse Natur, die sich gegen­sei­tig wider­strit­ten: wenn er nach den Pytha­go­rä­ern lehrt, die mensch­li­chen See­len, die mit Gott gleich ewig sei­en, kehr­ten in ver­schie­de­nen Pha­sen der Geburt zurück in Vieh­her­den, Tie­re und Besti­en: wenn er die Auf­er­ste­hung unse­res Flei­sches leug­net: wenn er von dem Lei­den und der Geburt des Herrn behaup­tet, dass sich die­se nicht wahr­haft im Flei­sche, son­dern nur in Schein­bil­dern voll­zo­gen hät­ten.»

      In dei­nem eige­nen Blog beschreibst du ja dei­ne eige­ne Beru­fung zum ‹Pro­phe­ten› durch einen Traum im Jah­re 2015, und dass du ’nicht von Men­schen beru­fen, nicht von einer Kir­che oder Gemein­schaft, son­dern von Gott›. In die­sem Zusam­men­hang möch­test du viel­leicht tat­säch­lich dei­ne Leh­ren mal mit denen des Reli­gi­ons­grün­ders Mani ver­glei­chen, denn auch er sah sich als direkt von Gott beru­fe­ner Para­klet, ohne Bedarf jeg­li­cher mensch­li­cher Rechen­schaft oder Kor­rek­tur. Haben viel­leicht auch des­halb dei­ne vie­len Kom­men­ta­re auf unse­re Arti­kel kaum je wirk­lich einen Bezug zum Geschrie­be­nen, son­dern möch­ten uns vor allem an dei­ner ‹gött­li­chen Erleuch­tung› teil­ha­ben las­sen?

      Herz­lich, Peter

      • Avatar
        Manfred Reichelt 2 Monaten ago
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        Lie­ber Peter,

        in Fra­gen der Wahr­heit geht es nicht dar­um, ob sie uns passt oder nicht. Auch nicht dar­um, ob eine Wahr­heit abge­lehnt oder akzep­tiert wur­de.
        Ich den­ke nicht, dass Du mei­nen ver­link­ten Bei­trag gele­sen hast, denn dann könn­test Du wis­sen, dass es HEUTE an der Reinkar­na­ti­on KEIN VORBEI mehr gibt, da die­se Leh­re nicht nur phi­lo­so­phisch unan­fecht­bar gewor­den ist, son­dern auch durch die aka­de­mi­sche Erfor­schung von «Erin­ne­run­gen an frü­he­re Erden­le­ben» veri­fi­ziert wur­de. Auch habe ich unter dem Titel «War­um gera­de ich? — Schick­sals­fra­gen im Licht neue­ster Erkennt­nis­se» ein Büch­lein geschrie­ben, dass die Reinkar­na­ti­on theo­lo­gisch auch in der Bibel ver­or­tet.
        Die Leh­re der Reinkar­na­ti­on steht auch NICHT im WIDERSPRUCH zur Auf­er­ste­hung, son­dern macht sie über­haupt erst mög­lich. Denn sie gibt die Kon­ti­nui­tät von der Wie­der­ge­burt über die voll­kom­me­ne Hei­li­gung über meh­re­re Erden­le­ben (der wel­cher Christ wur­de schon ein EINEM Erden­le­ben in das Bild Chri­sti gestal­tet?) bis eben zur Auf­er­ste­hung, die nur durch eine voll­kom­men heil gewor­de­ne See­le mög­lich ist.

        Wenn Du den ver­link­ten Text durch­liest, wirst Du ent­decken, dass es für die Chri­sten kei­nen wirk­li­chen GRUND gab, die Reinkar­na­ti­on aus der christ­li­chen Leh­re zu ver­ban­nen, son­dern die Ver­ban­nung ein­zig und allein auf das Unver­mö­gen klar zu den­ken und zu urtei­len der Geg­ner der Reinkar­na­ti­on beruht. Also auf Inkom­pe­tenz.

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