Wie sollen wir heute über Jesus reden?

Emanuel Hunziker
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Die Welt wan­delt sich ras­ant und so auch die Lebenswelt der Men­schen. Welche Auswirkun­gen hat dieser Wan­del auf die Verkündi­gung der fro­hen Botschaft von Jesus Chris­tus? Was war im christlich geprägten West­en bis Mitte des 20. Jahrhun­derts noch anders als heute?

Als Leit­er ein­er Kirche bin ich in beson­der­er Weise her­aus­ge­fordert, den Auf­trag von Jesus für seine Nach­fol­ger ernst zu nehmen und gewis­senhaft auszuführen. Wie befreiend war der Moment, als ich ver­stand, dass Jesus nach­fol­gen zuerst ein­mal bedeutet, nah bei Jesus zu sein.

Und er steigt auf den Berg und ruft zu sich, die er wollte. Und sie kamen zu ihm; und er berief zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende. Markus 3,13–14

Nähe zu Jesus

Bei Jesus sein, das klingt vielver­sprechend. Damit fängt alles an. Das ist die erste und wichtig­ste Beru­fung jedes Jesus-Nach­fol­gers. Die Sendung fol­gt dann in einem zweit­en Schritt. Jesus sendet nie­man­den aus, der keine per­sön­liche Verbindung zu ihm hat.

Nach­folge ist Bindung an Chris­tus; weil Chris­tus ist, darum muß Nach­folge sein. Eine Idee von Chris­tus, ein Lehrsys­tem, eine all­ge­meine religiöse Erken­nt­nis von der Gnade oder Sün­den­verge­bung macht Nach­folge nicht notwendig, ja schließt sie in Wahrheit aus, ist der Nach­folge feindlich. Zu ein­er Idee tritt man in ein Ver­hält­nis der Erken­nt­nis, der Begeis­terung, vielle­icht auch der Ver­wirk­lichung, aber niemals der per­sön­lichen gehor­samen Nach­folge. Diet­rich Bon­ho­ef­fer, Nach­folge (Ger­man Edi­tion) (S.25). Kin­dle-Ver­sion.

Jesus nach­fol­gen. Bei ihm sein. In sein­er Gegen­wart leben. Ihn hören. Von ihm ler­nen. Von ihm leben. Er ist das Brot des Lebens. Er ist das Licht der Welt. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist die Tür. Er ist der gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe. Er ist der Wein­stock, wir sind die Reben. Ohne ihn kön­nen wir nichts tun. Ohne seinen Saft fehlt uns die Kraft. Ohne seine Kraft entste­ht kein Trauben­saft.

Wie Johannes an der Brust des Her­rn liegen und ein ver­trautes Gespräch führen. Auser­wählt sein. Dazu gehören zum inneren Zirkel des Rab­bis. Wer will das nicht? Und dann vom Gottes­sohn höch­st­per­sön­lich ordiniert und aus­ge­sandt wer­den, welche Ehre! Wie sieht sein Auf­trag für einen Kirchge­meinde-Leit­er wie mich konkret aus? Fol­gende For­mulierung finde ich tre­f­fend:

Die Auf­gabe der Leit­er ein­er Gemeinde beste­ht darin, das Evan­geli­um so in die Lebenswelt der Men­schen zu über­tra­gen, dass sie seine Kraft erken­nen kön­nen, die nicht in einem the­ol­o­gis­chen Gedankenge­bäude liegt, son­dern das Leben grundle­gend und anhal­tend verän­dert. Tim­o­thy Keller, Cen­tre Church Deutsch, Seite 65.

Mit den Worten Bon­ho­ef­fers heisst das: Men­schen in die Nach­folge von Jesus führen. Men­schen nicht an sich selb­st, son­dern an Jesus binden. Nicht an eine Kirche. Nicht an ein Sys­tem. Nicht an ein the­ol­o­gis­ches Gedankenkon­strukt son­dern an eine reale Per­son. Wie das konkret aussieht, muss im Kon­text jed­er Zeit­epoche und von jed­er Gen­er­a­tion aufs neue durch­dacht und angewen­det wer­den.

Pho­to by Rich Smith / Unsplash

Die Lebenswelt der heutigen Menschen

Wie sieht das bei uns heute aus? Die Lebenswelt der Men­schen im West­en ist so vielschichtig wie nie zuvor. Die Dig­i­tal­isierung gibt Zugang zu diversen Infor­ma­tion­squellen. Das Ange­bot ist über­wälti­gend.  Die Auswahl scheint end­los. Warum sollte man sich da auf etwas fes­tle­gen? Es kön­nte ja noch etwas Besseres kom­men. Man will ja nichts ver­passen. Und so ziehen wir post­mod­er­nen Zeitgenossen im Kreisverkehr des Lebens unsere Run­den und kön­nen uns nicht für die eine oder andere Aus­fahrt entschliessen. Es kön­nte ja eine Sack­gasse sein. Das gilt auch für die eigene Spir­i­tu­al­ität. Wir mix­en uns unseren Glauben­scock­tail nach eigen­em Gut­dünken zusam­men. Je nach­dem wie es grad sin­nvoll erscheint. Das Rezept selb­st verän­dert sich andauernd. Doch Haupt­sache es stimmt ger­ade für mich. Jet­zt. Alles andere ist rel­a­tiv.

Ein Weg — viele Wege

Es gibt nur einen Weg zum Vater: Jesus. Doch es gibt viele Wege zu Jesus. Das wird schon in den Evan­gelien deut­lich. Darum gibt es auch nicht die einzig richtige Art und Weise, die fro­he Botschaft zu verkün­den. Jesus liess z.B. bei der nächtlichen Frages­tunde mit dem Phar­isäer Nikode­mus grad von vorn­here­in die Bombe platzen und sagte als Ein­stieg ins Gespräch:

Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Johannes 3,3

Bäm! Der Aufruf kommt doch son­st jew­eils erst gegen Schluss, oder? Anscheinend kon­nte Jesus ihm das zumuten. Das kon­fron­tierende Gespräch mit Jesus löste jeden­falls Gutes aus bei Nikode­mus. Er vertei­digt Jesus und spendete das teure, wohlriechende Öl für die Ein­bal­samierung seines Leich­nahms.

Ganz anders bei der samari­tis­chen Frau am Brun­nen. Jesus fängt ein Gespräch mit ihr an, indem er sie um Wass­er bit­tet und lenkt die Kon­ver­sa­tion fein­füh­lig dann Schritt für Schritt zum Finale, an dem er sich ihr als der ver­sproch­ene Mes­sias zu erken­nen gibt.

Die Frau spricht zu ihm: Ich weiß, dass der Mes­sias kommt, der Chris­tus genan­nt wird; wenn jen­er kommt, wird er uns alles verkündi­gen. Jesus spricht zu ihr: Ich bin es, der mit dir redet. Johannes 4,25–26

Die Folge davon: Eine ganze Stadt kommt zum Glauben an Jesus! Ich kann mir gut vorstellen, dass Johannes diese bei­den Begeg­nun­gen mit Jesus in seinem Evan­geli­um bewusst hin­tere­inan­der rei­hte, als wollte er damit sagen: Kein Men­sch ist wie der andere. Aber Jesus ist zugänglich für alle.

Das Vorwissen der Menschen ist entscheidend

Als Kirchen­leit­er im 21. Jahrhun­dert suche ich nach gang­baren Wegen, um die fro­he Botschaft so in die Lebenswelt der Men­schen zu über­tra­gen, dass es ihr Leben grundle­gend und anhal­tend verän­dert. Zurück­blick­en kann helfen, doch Copy-Paste funk­tion­iert nicht mehr. Die Welt wan­delt sich ras­ant und so auch die Lebenswelt der Men­schen.

Welche Auswirkun­gen hat dieser Wan­del auf die Verkündi­gung der fro­hen Botschaft von Jesus Chris­tus? Was war im christlich geprägten West­en bis Mitte des 20. Jahrhun­derts noch anders als heute? Tim­o­thy Keller beschreibt es fol­gen­der­massen:

Chris­ten kon­nten sich darauf ver­lassen, dass ihre Zuhör­er genü­gend Vor­wis­sen besassen, um die christliche Botschaft zu ver­ste­hen — eine Botschaft, die all­ge­mein als glaub­würdig und pos­i­tiv galt. Die Auf­gabe lautete, die Men­schen davon zu überzeu­gen, dass sie per­sön­lich Chris­tus braucht­en und durch die Kraft des Heili­gen Geistes eine Entschei­dung für Chris­tus tre­f­fen mussten. Tim­o­thy Keller, Cen­tre Church Deutsch, Seite 179.

Das Vor­wis­sen ist eine alles entschei­dende Kom­po­nente bei jed­er Verkündi­gung. Das ler­nen wir auch von Jesus. Wir müssen unser Gegenüber ken­nen, damit wir wis­sen, von was wir aus­ge­hen kön­nen. Wenn sich die Zuhör­erschaft ein­er Erweck­ungsver­anstal­tung in den 1970er Jahren zu 98% aus christlich sozial­isierten Men­schen zusam­menset­zte, bestand die Strate­gie des Red­ners primär darin, ihr Vor­wis­sen auf eine Entschei­dung für eine lebendi­ge Beziehung mit Jesus Chris­tus hin zu bün­deln.

Die Erk­lärung des Evan­geli­ums kon­nte recht schlicht gehal­ten wer­den: Die Beto­nung lag auf der Umkehr zum Glauben, ohne mit gewaltigem Aufwand zunächst über die Exis­tenz und das Wesen des Gottes der Bibel und die christliche Welt­sicht sprechen zu müssen. Ausser­dem war es nicht allzu schwierig, Men­schen in eine Gemeinde einzu­laden, zumal die Zuge­hörigkeit zu ein­er Gemeinde als etwas Pos­i­tives galt. Tim­o­thy Keller, Cen­tre Church Deutsch, Seite 179.

Gross-Evan­ge­li­sa­tio­nen, umrahmt von Musik und öffentlichem Aufruf zur Busse und Bekehrung liessen die Men­schen in Scharen zur Bühne strö­men, wie hier 1975 bei ein­er predigt von Bil­ly Gra­ham.

Würde eine solche Botschaft auch heute noch ziehen? Ich wage es zu bezweifeln. Nicht weil die Botschaft ver­al­tet wäre. Das Evan­geli­um von Jesus ist aktueller denn je! Doch die Lebenswelt der Zuhör­er ist heute eine andere als in den 70er Jahren. Wir leben in ein­er nachchristlichen Zeit. Das Vor­wis­sen der Zuhör­er, auf das Bil­ly Gra­ham in sein­er Botschaft Bezug nehmen kon­nte, ist mit­tler­weile weit­ge­hend abhan­den gekom­men. Denn ein paar Jahrzehnte später…

… sind in unseren heuti­gen plu­ral­is­tis­chen Gesellschaften die wichti­gen Insti­tu­tio­nen des öffentlichen Lebens auf kein ein­heitlich­es Glaubenssys­tem aus­gerichtet. Nie­mand erbt mehr seinen Glauben von seinen Vor­fahren. Jed­er wählt aktiv zwis­chen konkur­ri­eren­den Glaubens- und Weltan­schau­ungssys­te­men und muss durch per­sön­liche Ansprache davon überzeugt wer­den. Tim­o­thy Keller, Cen­tre Church Deutsch, Seite 69.

Die Plau­si­bil­ität geben­den Struk­turen unser­er Gesellschaft haben sich kom­plett verän­dert. Sie ste­hen längst nicht mehr in direk­tem Bezug zur Kirche und dem christlichen Glauben an einen heili­gen Gott. In den 1970 Jahren kon­nte man bei einem Gespräch davon aus­ge­hen, dass der Gesprächspart­ner die grundle­gen­den christlichen Lehren ken­nt. Die Evan­ge­li­sa­tions-Strate­gien baut­en auf dieses Vor­wis­sen auf und es ging primär darum, schlafende Namen­schris­ten zu “erweck­en” und sie in eine lebendi­ge Beziehung und Nach­folge zu Jesus Chris­tus zu führen. Der son­ntägliche Besuch ein­er Kirche gehörte automa­tisch mit dazu.

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Die Menschen sind gegen das Christentum geimpft

Die nachchristliche, post­mod­erne Gesellschaft reagiert aller­gisch auf Wahrheits- und Autorität­sansprüche religiös­er Insti­tu­tio­nen wie der Kirche. Chris­ten­tum? Das haben wir doch hin­ter uns! Wie nach ein­er Imp­fung haben die Men­schen Antikör­p­er gebildet, die sofort Alarm schla­gen, wenn irgen­det­was christlich-religiös­es in ihrem Dun­stkreis auf­taucht. Die Lebenswelt hat sich markant gewan­delt. Die Def­i­n­i­tio­nen wur­den neu definiert.

In den vierziger Jahren kon­nte ein Pas­tor zu einem Jugendlichen sagen: “Sei ein guter Junge!” und die aller­meis­ten hät­ten gewusst, was er damit meinte. Seit Ende der siebziger Jahre würde man antworten: “Was meinst du denn mit ‘gut’? Ich definiere ‘gut’ vielle­icht ein biss­chen anders. Was fällt dir ein, mir deine per­sön­liche Mei­n­ung aufzu­drück­en?!” Tim­o­thy Keller, Cen­tre Church Deutsch, Seite 178–179.

Die Frage lautet also: Wie kön­nen wir heute unseren Mit­men­schen von Jesus erzählen? Wie kön­nen wir den Auf­trag heute aus­führen, zu dem uns Jesus aussendet?

Auch wenn es heute vielle­icht weniger zieht als noch vor 60 Jahren: Gros­se­van­ge­li­sa­tio­nen sind bess­er als ihr Ruf. Life on Stage z.B. set­zt mit ein­er zeit­gemässen Form bei dieser Strate­gie an. Anhand ein­er wahren Lebens­geschichte, die in Form eines pro­fes­sionell pro­duzierten Musi­cals erzählt wird, bekommt der Besuch­er die lebensverän­dernde Kraft des Kreuzes vor Augen gemalt und wird zu einem Leben mit Jesus ein­ge­laden.

Doch wie sieht es im All­t­ag aus? Nach welchen Leitlin­ien ver­hal­ten wir uns im Pausen-Gespräch am Arbeit­splatz? Wo set­zen wir an? Auf was müssen wir beson­ders acht­en, um die fro­he Botschaft von Jesus kon­tex­tu­al­isiert und zeit­gemäss zu ver­mit­teln?

In ein­er zunehmend polar­isierten Gesellschaft scheint der respek­tvolle Umgang mit Ander­s­gläu­bi­gen und das gle­ichzeit­ige Fes­thal­ten an der Wahrheit des Evan­geli­ums eine ent­muti­gende, wenn nicht gar völ­lig unmögliche Auf­gabe. Leah MarieAnn Klett, Chris­t­ian Post – Eigene Über­set­zung

Ein Gott der Liebe und Gnade kann bei einem post­mod­ern denk­enden Men­schen ein­er­seits Inter­esse weck­en, weil die Idee von Näch­sten­liebe sich mit seinem human­is­tis­chen Men­schen­bild vere­in­baren lässt. Im Angesicht von Leid und Ungerechtigkeit kann ein Gott, der anscheinend so etwas zulässt aber auch schnell wieder als unhalt­bar abgelehnt wer­den. Hin­sichtlich dieser kon­tro­ver­sen Aus­gangslage ist schon manch ein­er beim Ver­such, seinen Auf­trag gewis­senhaft auszuführen, vom Pferd gefall­en. Das führt zu unter­schiedlichen Strate­gien im Umgang damit:

Chris­ten tendieren zu ein­er der fol­gen­den Kat­e­gorien, wenn sie ver­suchen, das Evan­geli­um auf die aktuell vorherrschende Kul­tur zu beziehen: (1) Sie dominieren und ver­suchen, die Über­hand zu gewin­nen; (2) sie wählen den Rück­zug und das Fern­bleiben von öffentlichen Diskursen, oder (3) sie ver­suchen sich zu sehr anzu­passen, zu assim­i­lieren und die Werte der Welt zu übernehmen.

Der Schlüs­sel ist die “treue Anwe­sen­heit”, was bedeutet, du bleib­st dem Evan­geli­um treu, machst kein­er­lei Kom­pro­misse und bleib­st erkennbar Christ, aber son­der­st dich nicht von der Kul­tur ab. Tim­o­thy Keller, Chris­t­ian Post – eigene Über­set­zung

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Auch Jere­mia schrieb dem Volk Israel in der Ver­ban­nung in Babel diese von Gott befoh­lene Strate­gie: Das Volk sich proak­tiv in Babel engagieren, statt sich in ein frommes Ghet­to zurück zu ziehen und auf die Rück­kehr in ihr Land zu warten:

So spricht der HERR, der allmächtige Gott Israels, zu allen Ver­ban­nten, die er von Jerusalem nach Baby­lonien wegführen ließ: Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und ern­tet ihre Früchte! Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heirat­en, damit auch sie Kinder zur Welt brin­gen. Euer Volk soll wach­sen und nicht klein­er wer­den. Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch wegführen ließ, und betet für sie. Wenn es ihr gut geht, wird es auch euch gut gehen. Jere­mia 29,4–7

Gott ver­langte 3 Dinge von seinem Volk:

  1. Sie sollen sich in Babel nieder­lassen und wohnen, statt sich zurückziehen und abson­dern.
  2. Der Kul­tur Babels sollen sie respek­tvoll wider­ste­hen und ihre Werte nicht übernehmen.
  3. Ihre Mit­men­schen sollen sie aufopfer­nd lieben und sich darum wed­er ver­ach­t­end noch ger­ingschätzig oder ego­is­tisch in der Gesellschaft Babels involvieren.

Das war die von Gott ange­ord­nete Strate­gie, um in ein­er hei­d­nis­chen Kul­tur Salz und Licht sein zu kön­nen, ohne dass das Salz seine Wirkung ver­liert und das Licht unter den Schef­fel gestellt wer­den muss. Wir brauchen Glaube, Hoff­nung und Liebe, um diese Strate­gie umzuset­zen.

Demut, Geduld, Toleranz

Dr. Tim­o­thy Keller und Pro­fes­sor John Inazu nen­nen drei Ver­hal­tensweisen, die Anstand und Friede in ein­er zunehmend ges­pal­te­nen Gesellschaft ermöglichen: Geduld, Demut und Tol­er­anz. Keller beschreibt Geduld als eine Funk­tion der christlichen Hoff­nung, Demut als eine Funk­tion des christlichen Glaubens,  und Tol­er­anz als eine Funk­tion der christlichen Liebe.

Du kannst Demut leben, indem du die Gren­zen dessen anerkennst, was du beweisen kannst. Ins­beson­dere Chris­ten soll­ten wis­sen, dass Glaube ein Geschenk Gottes ist und Argu­mente begren­zt bleiben. Wir wer­den durch Glaube gerettet, nicht durch Argu­mente. Demut bedeutet zu sagen: ‘Ich kann dir nicht beweisen was ich dir erzäh­le, weil so viel davon auf Glauben basiert.’ Tim­o­thy Keller, Chris­t­ian Post – eigene Über­set­zung

Demut ste­ht aber nicht etwa in einem Wider­spruch zur christlichen Glaubens­gewis­sheit. Demut anerken­nt lediglich die vom Schöpfer definierten Gren­zen an, die nicht weg argu­men­tiert wer­den kön­nen, aber auch nicht müssen. Demut bedeutet aber nicht Min­der­w­ert. Der Demütige lotet seine Gott gegebe­nen Möglichkeit­en voll aus und ent­fal­tet sein Poten­tial zur vollen Trag­weite. Aber er gibt sich nicht gröss­er als er in Wahrheit ist. Der Demütige ste­ht zu sich selb­st, so wie Gott zu ihm ste­ht. Ich glaube, wir müssen unser Ver­ständ­nis von Demut gründlich auf­frischen!

Geduld bedeutet, seinem Gegenüber ver­ständ­nisvoll zuzuhören und gute Fra­gen zu stellen. Das ist eine Form der Hoff­nung. Wir wis­sen, dass Gott am Ende tri­um­phieren, Gerechtigkeit her­stellen und jede Träne abwis­chen wird. Weil wir diese Hoff­nung haben, kön­nen wir geduldig sein. Tim­o­thy Keller, Chris­t­ian Post – eigene Über­set­zung

Geduld, die sich aus lebendi­ger Hoff­nung nährt, haben wir bit­ter nötig. Es geht nicht primär darum, dass wir “Erfolge” vor­weisen kön­nen. Wir dür­fen aus ein­er Ruhe, die in der ewigen Königsh­errschaft von Jesus ver­ankert ist, mit unseren Mit­men­schen unter­wegs sein und Nähe zulassen. So wer­den sie unweiger­lich mit der Kraft und dem Saft des Wein­stocks in Berührung kom­men, die in und durch uns fliessen. Wo Jesus drin ist, kommt auch Jesus her­aus! Wenn er fehlt, kön­nen wir sowieso ein­pack­en. Ohne ihn kön­nen wir nichts tun. Ja, der HERR allein kann ret­ten!

Tol­er­anz bedeutet nicht, dass du deine Ansicht­en rel­a­tivierst und dazu verpflichtet bist, der anderen Per­son zu sagen ‘Du liegst nicht falsch’ oder ‘Du liegst teil­weise richtig’. Ich kann sehr wohl sagen, ‘Du liegst völ­lig falsch und deine Ansicht­en sind entset­zlich, bösar­tig und belei­di­gend,’ und trotz­dem tol­er­ant sein.

Du zeigst Mit­ge­fühl, weil du ver­standen hast, dass diese Per­son ein Geschöpf Gottes ist und nicht nur eine Schachfig­ur oder jemand den du benutzen oder auf dem du herum tram­peln kannst. Mein Gegenüber ist eine Per­son mit Wert und Würde. Meine Ein­sicht darüber, dass Gott uns alle erschaf­fen hat zeigt sich darin, dass ich sie liebe, auch wenn sie völ­lig falsch liegt. Tim­o­thy Keller, Chris­t­ian Post – eigene Über­set­zung

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Zeit­en ändern sich. Die Kirche hat ihre Monopol­stel­lung in der west­lichen Gesellschaft ver­loren. Die einen bedauern das. Die anderen sehen neue Chan­cen darin. Jeden­falls sind neue Strate­gien gefordert, den Auf­trag von Jesus weit­er­hin gewis­senhaft auszuführen. Die Botschaft bleibt dieselbe. Sie ist zeit­los und stets lebendig, dynamisch und kraftvoll. In der Nach­folge Jesu ler­nen wir vor allem ihn immer bess­er ken­nen und dadurch auch uns selb­st. So begeg­nen wir auch unseren Mit­men­schen anders.

»Liebe den Her­rn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit ganzem Willen und mit aller dein­er Kraft und deinem ganzen Ver­stand! Und: Liebe deinen Mit­men­schen wie dich selb­st!« Lukas 10,27

Dieses höch­ste Gebot beschreibt nicht nur die Lösung des Prob­lems der Men­schheit, son­dern auch das Prob­lem selb­st. Ja, wir kön­nen unsere Mit­men­schen eben nur in dem Masse lieben WIE wir uns selb­st lieben. Und weil wir mit uns selb­st nicht ver­söh­nt sind, leg­en wir uns mit unseren Mit­men­schen an. Wir pro­jizieren unser eigenes Manko – die Tren­nung von Gott – auf unsere Mit­men­schen. Ein Teufel­skreis­lauf. Darum kom­men wir nie und niemals an der Nach­folge Jesu vor­bei. Er ist der Ret­ter der Welt. Er kann dich und mich erlösen. Nah bei ihm sein. Darum gehts. Darauf läuft’s hin­aus. Dahin dür­fen wir auch andere führen. Auf Gott hof­fend und darum geduldig. Gott glaubend und deshalb demütig. Gott liebend und darum tol­er­ant. Jesus ist nah­bar. Gestern, heute und mor­gen.

5 Comments
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    Simon B. 6 Monaten ago
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    Wow! Toller Artikel. Vie­len Dank Emanuel! Es ist so freimachend, dass Jesus nach­fol­gen zuerst heißer, nahe beim ihm zu sein. Eine wohltuende Erken­nt­nise. Wo Jesus drin ist kommt auch Jesus raus — ein ganz stark­er Satz! Auf dem Hin­ter­grund von Demut, Geduld und Tol­er­anz kommt Jesus dann auch so raus, dass er Glaube, Liebe und Hoff­nung weck­en kann.

    • Emanuel Hunziker
      Emanuel Hunziker 6 Monaten ago
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      Danke Simon! Ja, nah bei Jesus sein dür­fen ist der höch­ste Ehren­platz den es gibt. Gle­ichzeit­ig wer­den wir in sein­er Gegen­wart mit uns selb­st kon­fron­tiert, weil er der endgültige Massstab set­zt. Wir sind zuallererst auf die Demut, Geduld und Tol­er­anz von Jesus selb­st angewiesen. Hier kommt die Schön­heit des Evan­geli­ums zum Vorschein. Jesus bezahlt unsere Schuld und bedeckt unsere Scham. Es kostete ihn sein Leben, aber er tat es aus Liebe. Er ver­söh­nte uns mit Gott. Dadurch kön­nen wir ver­söh­nt mit uns selb­st und unseren Mit­men­schen leben. Wenn diese Real­ität unser Bewusst­sein durch­dringt, wer­den wir unsere Mit­men­schen lieben kön­nen, weil wir durch Jesus uns selb­st lieben lern­ten. Ich wün­sche Dir Gottes Segen!

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    Reichelt 6 Monaten ago
    Reply

    Um das Evan­geli­um heute den Men­schen nahe brin­gen zu kön­nen, muss man selb­st erst ein­mal tiefer in die Wahrheit ein­drin­gen. Denn man muss in der Lage sein, Fra­gen beant­worten zu kön­nen. Beson­ders auch die nach dem Leid. Dazu war man bish­er nicht fähig.
    Nach­dem inner­halb des christlichen Spek­trums die Reinkar­na­tion aktzep­tiert sein wird, wird die Botschaft Christi lichtvoll erstrahlen kön­nen.
    https://docs.google.com/viewer?a=v&pid=sites&srcid=ZGVmYXVsdGRvbWFpbnxlcndlY2t1bmd1bmRlcm5ldWVydW5nfGd4Ojc1MDQ0YWYzZTljYzMwYjE

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
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      Lieber Man­fred

      Danke für deine Reak­tion. Reinkar­na­tion mag vielle­icht in einem gewis­sen Spek­trum der Kirche heute akzep­tiert sein. Ich per­sön­lich erachte sie für eine Irrlehre. Damit ste­he ich auch nicht alleine da, denn die Lehre der Reinkar­na­tion ste­ht ganz grund­sät­zlich im Kon­flikt mit der Lehre von der leib­lichen Aufer­ste­hung, welche die his­torische Kirche immer gelehrt hat und welche auf Zeu­gen­bericht­en der ersten Chris­ten beruht.

      Du bemerkst in deinem Text richtig, das diese Lehre der Reinkar­na­tion im Rah­men des Konzils von Kon­stan­tinopel 553 verurteilt wurde. Du find­est diese Verurteilung aber schon weit früher, zum Beispiel ums Jahr 400 im ersten bekan­nten Kom­men­tar zum Apos­to­likum, geschrieben von Rufi­nus:

      «Ein got­t­los­es Unternehmen ist es, wenn Manichäus lehrt, ein­mal dass er selb­st der Parak­let sei, dann wenn er sagt, die Welt sei von einem bösen Prinzip gemacht, Gott sei nicht ihr Schöpfer, und wenn er das alte Tes­ta­ment ver­wirft: wenn er behauptet, es gebe eine gute und eine böse Natur, die sich gegen­seit­ig wider­strit­ten: wenn er nach den Pythagoräern lehrt, die men­schlichen See­len, die mit Gott gle­ich ewig seien, kehrten in ver­schiede­nen Phasen der Geburt zurück in Viehher­den, Tiere und Bestien: wenn er die Aufer­ste­hung unseres Fleis­ches leugnet: wenn er von dem Lei­den und der Geburt des Her­rn behauptet, dass sich diese nicht wahrhaft im Fleis­che, son­dern nur in Schein­bildern vol­l­zo­gen hät­ten.»

      In deinem eige­nen Blog beschreib­st du ja deine eigene Beru­fung zum ‘Propheten’ durch einen Traum im Jahre 2015, und dass du ’nicht von Men­schen berufen, nicht von ein­er Kirche oder Gemein­schaft, son­dern von Gott’. In diesem Zusam­men­hang möcht­est du vielle­icht tat­säch­lich deine Lehren mal mit denen des Reli­gion­s­grün­ders Mani ver­gle­ichen, denn auch er sah sich als direkt von Gott berufen­er Parak­let, ohne Bedarf jeglich­er men­schlich­er Rechen­schaft oder Kor­rek­tur. Haben vielle­icht auch deshalb deine vie­len Kom­mentare auf unsere Artikel kaum je wirk­lich einen Bezug zum Geschriebe­nen, son­dern möcht­en uns vor allem an dein­er ‘göt­tlichen Erleuch­tung’ teil­haben lassen?

      Her­zlich, Peter

      • Avatar
        Manfred Reichelt 6 Monaten ago
        Reply

        Lieber Peter,

        in Fra­gen der Wahrheit geht es nicht darum, ob sie uns passt oder nicht. Auch nicht darum, ob eine Wahrheit abgelehnt oder akzep­tiert wurde.
        Ich denke nicht, dass Du meinen ver­link­ten Beitrag gele­sen hast, denn dann kön­ntest Du wis­sen, dass es HEUTE an der Reinkar­na­tion KEIN VORBEI mehr gibt, da diese Lehre nicht nur philosophisch unan­fecht­bar gewor­den ist, son­dern auch durch die akademis­che Erforschung von “Erin­nerun­gen an frühere Erden­leben” ver­i­fiziert wurde. Auch habe ich unter dem Titel “Warum ger­ade ich? — Schick­sals­fra­gen im Licht neuester Erken­nt­nisse” ein Büch­lein geschrieben, dass die Reinkar­na­tion the­ol­o­gisch auch in der Bibel verortet.
        Die Lehre der Reinkar­na­tion ste­ht auch NICHT im WIDERSPRUCH zur Aufer­ste­hung, son­dern macht sie über­haupt erst möglich. Denn sie gibt die Kon­ti­nu­ität von der Wiederge­burt über die vol­lkommene Heili­gung über mehrere Erden­leben (der welch­er Christ wurde schon ein EINEM Erden­leben in das Bild Christi gestal­tet?) bis eben zur Aufer­ste­hung, die nur durch eine vol­lkom­men heil gewor­dene Seele möglich ist.

        Wenn Du den ver­link­ten Text durch­li­est, wirst Du ent­deck­en, dass es für die Chris­ten keinen wirk­lichen GRUND gab, die Reinkar­na­tion aus der christlichen Lehre zu ver­ban­nen, son­dern die Ver­ban­nung einzig und allein auf das Unver­mö­gen klar zu denken und zu urteilen der Geg­n­er der Reinkar­na­tion beruht. Also auf Inkom­pe­tenz.

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