Das Evangelium in einer nach-christlichen Kultur

Emanuel Hunziker
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Die her­kömm­li­chen Stra­te­gi­en der Evan­ge­li­sa­ti­on grei­fen nur noch begrenzt, weil wir in einer nach-christ­li­chen Kul­tur leben. Wor­auf müs­sen wir ach­ten, wenn wir unse­re Gesell­schaft neu mit der Lie­be von Jesus und sei­ner guten Nach­richt (dem Evan­ge­li­um) errei­chen wol­len?

Christ­li­che Pasto­ren, Stu­den­ten, Stra­te­gen und Influ­en­cer müs­sen mög­li­cher­wei­se an eini­gen wich­ti­gen Punk­ten umden­ken, um ihr Umfeld mit dem Glau­ben an Jesus bekannt zu machen. Alles fängt mit einer guten Ana­ly­se an, wel­che Tim Kel­ler mei­ner Mei­nung nach äus­serst tref­fend macht:

„Wir tre­ten in eine neue Ära ein, in der man als Christ nicht nur kei­ne sozia­len Vor­tei­le mehr hat, son­dern effek­tiv einen Preis dafür bezahlt … Die heu­ti­ge (west­li­che) Kul­tur prägt die Men­schen so, dass sie das Chri­sten­tum nicht nur anstös­sig, son­dern unver­ständ­lich fin­den … Die Lei­ter der Kir­chen müs­sen neue Wege fin­den, um Men­schen zu errei­chen, denen es nicht im Ent­fern­te­sten in den Sinn käme, in die Kir­che zu kom­men oder auch nur an die grund­le­gend­sten christ­li­chen Grund­la­gen zu glau­ben.“ – Zitat Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

Ange­sichts der neu­en gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten ist es für Kel­ler aber kei­ne Fra­ge, ob man zugun­sten die­ser die theo­lo­gi­schen Grund­la­gen opfern müss­te:

Oft wird ja bezwei­felt, dass es mög­lich ist, an einer soli­den pro­te­stan­ti­schen Theo­lo­gie fest­zu­hal­ten und den­noch in Kon­tex­ten, in denen Christ­sein schein­bar kom­plett abge­lehnt wird, ganz­heit­lich und frucht­bar Gemein­de zu bau­en. Doch es ist mög­lich – nicht trotz einer klas­si­schen kon­ser­va­ti­ven Theo­lo­gie, son­dern gera­de auf die­ser Grund­la­ge. – Timo­thy Kel­ler, Cen­ter Church (deut­sche Aus­ga­be) S. 352f

In der Fol­ge nennt Timo­thy Kel­ler in Anleh­nung an Lar­ry Hurtado fünf Grund­ele­men­te, um den post-christ­li­chen Westen mit dem Evan­ge­li­um zu errei­chen. Die Mehr­heit des nach­fol­gen­den Tex­tes ist mehr oder weni­ger direkt aus Kel­lers Arti­kel über­setzt:


Resia See mit Kir­chen­turm, Tren­ti­no, Ita­li­en, Bild: iStock

1. Die Kultur anhand des Evangeliums erklären

Bevor wir einer Kul­tur das Evan­ge­li­um erklä­ren kön­nen, müs­sen wir die Kul­tur ANHAND des Evan­ge­li­ums erklä­ren.

Es genügt nicht zu bewei­sen, dass der christ­li­che Glau­be aktu­ell ist und mit unse­rer moder­nen Kul­tur mit­hal­ten kann, indem wir z.B. histo­ri­sche Bewei­se für die Auf­er­ste­hung von Jesus oder der Echt­heit der Bibel auf­füh­ren. Es braucht mehr als das.

Der bekann­te Kir­chen­va­ter Augu­sti­nus übte bei­spiels­wei­se mit sei­ner Schrift ‹Von der Bür­ger­schaft Got­tes› radi­ka­le Kri­tik an der vor­herr­schen­den heid­ni­schen Kul­tur und zeig­te auf, wie die­se heid­ni­sche Kul­tur an ihren eige­nen Stan­dards schei­tert. Erst durch die­se direk­te Kon­fron­ta­ti­on bekam das Evan­ge­li­um eine ernst­zu­neh­men­de Rele­vanz, weil es einen bes­se­ren Weg auf­zeig­te.

In dem Sin­ne kom­men wir auch heu­te nicht dar­um her­um, die vor­herr­schen­de säku­la­re Kul­tur des Westens und ihren Anspruch auf Neu­tra­li­tät, Objek­ti­vi­tät und Uni­ver­sa­li­tät anhand des Evan­ge­li­ums zu hin­ter­fra­gen. Ins­be­son­de­re soll­te ein sol­ches Vor­ge­hen auf­zei­gen, dass das moder­ne säku­la­re Bezugs­sy­stem im Bestre­ben, das indi­vi­du­el­le Selbst voll­stän­dig von allen Ansprü­chen der Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­schaft zu befrei­en, zu unse­ren moder­nen Ver­hält­nis­sen geführt hat, in der

  • alle Wer­te rela­tiv
  • alle Bezie­hun­gen ein Tausch­han­del
  • alle Iden­ti­tä­ten hoch­gra­dig zer­brech­lich
  • alle (angeb­li­chen) Quel­len der Erfül­lung ent­täu­schend sind.

Das Nar­ra­tiv der Spät­mo­der­ne lau­tet: „Frei sein ist der Sinn des Lebens“. Es gilt, die­se herr­schen­de Defi­ni­ti­on von Frei­heit anhand des Evan­ge­li­ums zu beleuch­ten und zu hin­ter­fra­gen und die Frei­heit durch Chri­stus in Rela­ti­on zu stel­len, wie dies im näch­sten Punkt beschrie­ben wird.


Resia See mit Kir­chen­turm, Tren­ti­no, Ita­li­en, Bild: iStock

2. Eine Evangeliums-Dynamik, die dem Nach-Christentum gerecht wird

Nie­mand kann ohne Sinn, Zufrie­den­heit, Frei­heit, Iden­ti­tät, Ver­ge­bung und Hoff­nung leben. Es gilt also, die gän­gi­gen Ant­wor­ten der Men­schen auf die gros­sen Fra­gen des Lebens respekt­voll zu hin­ter­fra­gen und zur gege­be­nen Zeit in Rela­ti­on zur unüber­trof­fe­nen Erfül­lung zu stel­len, die das Evan­ge­li­um bereit­hält:

  • Einen Sinn im Leben, der nicht durch Leid genom­men wer­den kann (gege­be­nen­falls sogar ver­tieft wer­den kann)
  • Eine Zufrie­den­heit, die nicht auf Umstän­den basiert
  • Eine Frei­heit, die Gemein­schaft und Lie­bes­be­zie­hun­gen nicht zu einem Tausch­han­del degra­diert
  • Eine Iden­ti­tät, die nicht zer­brech­lich ist und nicht auf Lei­stung oder Abgren­zung basiert
  • Einen Weg, um mit Schuld und Ver­ge­bung umzu­ge­hen, ohne blei­ben­de Bit­ter­keit und Scham
  • Eine Grund­la­ge, um Gerech­tig­keit zu bewir­ken, ohne dabei selbst zum Unter­drücker zu wer­den
  • Einen Weg, um nicht nur der Zukunft, son­dern dem Tod selbst gelas­sen und im Frie­den zu begeg­nen

In Anleh­nung an Jona 2:10: «Bei dem HERRN ist Ret­tung.» sieht Kel­ler fol­gen­de zwei Kern­ele­men­te in der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums in einer post-christ­li­chen Kul­tur als unum­gäng­lich:

  • Die schlech­te Nach­richt: Du ver­suchst dich sel­ber zu erlö­sen, aber du schaffst es nicht.
  • Die gute Nach­richt: Du kannst nur durch Chri­stus erlöst wer­den, nicht durch dei­ne Bemü­hun­gen.


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3. Eine dem kulturellen Standard entgegengesetzte Art des Gemeinschaftslebens

Die christ­li­che Gemein­de der ersten Jahr­hun­der­te leb­te mit Über­zeu­gung fol­gen­de fünf Wesens­merk­ma­le, die zusam­men ein unzer­trenn­ba­res Gan­zes bil­den:


  1. Mul­ti-kul­tu­rell: In den Gemein­den leb­ten Men­schen ver­schie­den­ster eth­ni­scher Hin­ter­grün­de zusam­men
  2. Sozi­al: Sie küm­mer­ten sich mit gros­sem Enga­ge­ment um Arme und Rand­stän­di­ge
  3. Gewalt­los: Sie such­ten Ver­ge­bung statt Ver­gel­tung
  4. Schutz des Lebens: Sie waren vehe­ment und ganz prak­tisch gegen Abtrei­bung und Kinds­tö­tung
  5. Alter­na­ti­ve Sexu­al­ethik: Ihre Sexu­al­ethik war revo­lu­tio­när anders als die Sexu­al­ethik der römi­schen Kul­tur

Mehr zu die­sen fünf Wer­ten ist im Leit­ar­ti­kel zu lesen. Wich­tig ist zu ver­ste­hen, dass die­se fünf aktiv geleb­ten, ethi­schen Wer­te der Chri­sten für die römi­sche Gesell­schaft anstös­sig, aber gleich­zei­tig auch anzie­hend waren.

Indem die ersten Chri­sten die fünf Wer­te leb­ten, zeig­ten sie durch ihr Leben die Schwä­chen des römi­schen Rei­ches und des­sen Kul­tur auf. So wur­de das Chri­sten­tum mit der Zeit zu einer ernst­zu­neh­men­den und sogar attrak­ti­ven Opti­on für eine Gesell­schaft, wel­che die Chri­sten gleich­zei­tig ver­folg­te und ver­ach­te­te.

In die­sem Sin­ne inter­pre­tier­ten die Chri­sten durch ihr Leben die römi­sche Kul­tur anhand des Evan­ge­li­ums (sie­he Punkt 1).

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4. Ein Gegen-Katechismus für ein digitales Zeitalter

Kel­ler bezieht hier das Wort ‹Kate­chis­mus› nicht auf das klas­si­sche Fra­ge-Ant­wort-Sche­ma, son­dern betont die grund­sätz­li­che Art und Wei­se, wie die Kir­che die Chri­sten mit den bibli­schen Leh­ren form­ten. Denn es ging dabei nicht nur dar­um, sich die bibli­sche Leh­re als sol­che ein­zu­prä­gen, son­dern die­se auch in Rela­ti­on zur domi­nan­ten Alter­na­ti­ve zu set­zen, wel­che die vor­herr­schen­de Kul­tur anbie­tet. Chri­sten soll­ten dar­in gelehrt und trai­niert wer­den, den Zeit­geist und sei­ne Ansprü­che anhand der bibli­schen Leh­re zu dekon­stru­ie­ren und sich vor sei­nem Ein­fluss zu schüt­zen.

Das bedeu­tet: Die Nar­ra­ti­ve der domi­nan­ten Kul­tur und ihre Defi­ni­ti­on von Iden­ti­tät, Frei­heit und Moral müs­sen auf der Grund­la­ge der Bibel als sol­che iden­ti­fi­ziert und als nicht-plau­si­bel ent­larvt wer­den. Die Kir­che muss zudem ihre Mit­glie­der dar­auf trai­nie­ren, ihren Glau­ben in ihren Arbeits­all­tag zu inte­grie­ren (statt nur am Sonn­tag zu ‹polie­ren›), damit das Evan­ge­li­um auf natür­li­che Wei­se ‹Salz und Licht› sein kann.

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5. Gnade auf den Punkt bringen

Das Ver­ständ­nis für den Unter­schied zwi­schen Evan­ge­li­ums-Gna­de und reli­giö­sem Mora­lis­mus darf uns nie­mals abhan­den­kom­men, so Kel­ler. Er bezeich­net die nach-christ­li­che Welt in einem Vor­trag als immun gegen das Chri­sten­tum, weil die Men­schen das Evan­ge­li­um mit Mora­lis­mus ver­wech­seln. Kel­ler selbst for­mu­liert das Evan­ge­li­um der Gna­de so:

Du bist so feh­ler­haft und ver­lo­ren, dass Chri­stus für dei­ne Erlö­sung ster­ben muss­te, aber gleich­zei­tig so sehr geliebt und ange­nom­men, dass er es ger­ne für dich tat. –Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

Jesus macht im Gleich­nis der ver­lo­re­nen Söh­ne in Lukas 15 klar und deut­lich, dass das Evan­ge­li­um weder mit Rela­ti­vis­mus (jün­ge­rer Sohn) noch mit Mora­lis­mus (älte­rer Sohn) zu ver­wech­seln ist. Auch der Kir­chen­va­ter Ter­tul­li­an bemerk­te, dass jede Wahr­heit zwi­schen zwei Häre­si­en gekreu­zigt wird. Die befrei­en­de Wahr­heit des Evan­ge­li­ums der Gna­de ist die drit­te und bes­se­re Opti­on.

Johan­nes Hartl bringt in sei­nem genia­len Vor­trag ‹Das ent­fes­sel­te Evan­ge­li­um› die Mei­nung der Euro­pä­er über das Chri­sten­tum auf den Punkt: «Euro­pä­er den­ken, Christ sein bedeu­te, ein guter Mensch zu sein.» Hartl nennt die­se Defi­ni­ti­on ein ‹Fake-Evan­ge­li­um›. Denn was bedeu­tet es, ein guter Mensch zu sein? Der Rela­ti­vist sagt: «Ich bin ein guter Mensch, denn es gibt nur gute Men­schen. Jeder soll so leben, wie es für ihn stimmt». Der Mora­list sagt: «Ich bin ein guter Mensch, weil ich kei­ner von den Bösen bin! Ich bin ein guter Mensch, weil ich Gutes tue.» Pikant dar­an: Bei­de Defi­ni­tio­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen völ­lig reli­gi­ons­un­ab­hän­gig gelebt wer­den, auch als Athe­ist.

Die bibli­sche Bot­schaft vom Kreuz hin­ge­gen besagt:

  • Der Mora­list hat schon ein wenig recht, es gibt die Bösen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Wir alle gehö­ren zu den Bösen. (Joh 3,19)
  • Der Rela­ti­vist hat auch ein wenig recht, denn es gibt den guten Men­schen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Kei­ner von uns ist gut! (Röm 3,12)
  • Es gibt nur einen guten Men­schen, und der besieg­te das Böse durch sei­nen stell­ver­tre­ten­den Tod für die Mensch­heit. (2.Kor 5,21)

Das Evan­ge­li­um der Gna­de rich­tet unse­ren Blick auf den gekreu­zig­ten Got­tes­sohn und sagt uns: «So ver­lo­ren wärst du. Und so geliebt bist du.» (Joh 3,16)

Timo­thy Kel­ler beschreibt in sei­nem Vor­trag über das Evan­ge­li­um in der Post­mo­der­ne sein Umden­ken wie folgt:

Ich hielt das Evan­ge­li­um lan­ge nur für Anfän­ger-Wahr­hei­ten, die das erfor­der­li­che Mini­mum an Leh­re für den Ein­stieg ins Glau­bens­le­ben beschrei­ben. Theo­lo­gie, so dach­te ich, ist das anspruchs­vol­le­re, sub­stan­zi­el­le­re, tie­fe­re, bibli­sche Zeug. Wie falsch ich damit lag!

Alle Theo­lo­gie muss eine Erläu­te­rung und Dar­stel­lung des Evan­ge­li­ums sein, ins­be­son­de­re im post­mo­der­nen Zeit­al­ter… in dem die Grund­la­gen der christ­li­chen Welt­an­schau­ung weit­ge­hend unbe­kannt sind. Dar­um müs­sen wir in unse­ren Aus­sa­gen jedes Mal zum Herz­stück der Sache vor­drin­gen, dem Evan­ge­li­um der Gna­de. Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

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