Der lange Schatten von Paul Tillich

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by | 12. Sep. 2026 | 18 comments

WARUM POSTEVANGELIKALE THEOLOGEN AN IHREM VORBILD ZWEIFELN SOLLTEN

Paul Tillich zählte zu den berühmtesten The­olo­gen des 20. Jahrhun­derts. Wenig bekan­nt ist sein zügel­los­es Sex­u­alleben, welch­es dem Anschein nach auch über­grif­figes Ver­hal­ten bein­hal­tete. Trotz­dem wird Tillich derzeit wieder pop­ulär gemacht, unter anderem auch von poste­van­ge­likalen The­olo­gen, die sich son­st gerne als Vorkämpfer gegen Sex­is­mus und Gren­zver­let­zun­gen präsen­tieren. Blenden sie die Frage nach ein­er möglichen Verbindung zwis­chen dem Lebensstil von Tillich und sein­er The­olo­gie aus? Kann ein­er im christlichen Glauben Ges­tran­de­ter heuti­gen Gläu­bi­gen und Kirchen unkri­tisch als Vor­bild dienen?

Was in eingewei­ht­en Kreisen ein offenes Geheim­nis war, wurde 1973 mit der Veröf­fentlichung der Mem­oiren von Han­nah Tillich auch der bre­it­en Öffentlichkeit bekan­nt. Darin berichtet die Witwe des 1965 ver­stor­be­nen «Rock­stars» der The­olo­gie und Philoso­phie von ihrem Leben an der Seite ihres berühmten Ehe­gat­ten.[1] Das Buch sandte Schock­wellen aus und brachte Tillich, der 1959 das Cov­er des Time Mag­a­zine gezierte, ein weit­eres Mal in die Schlagzeilen.[2] Han­nah Tillich (1896–1988) präsen­tiert ihren Mann als Per­son, deren Promiskuität schein­bar keine Gren­zen kan­nte. Die Zeitschrift «Der Spiegel» fasste die Schock­wirkung damals fol­gen­der­massen zusam­men:

«Daß er es jedoch so toll getrieben haben soll, wie seine Witwe jet­zt behauptet, ver­stört und ver­let­zt die weltweite Schar der Tillich-Jünger.»[3]

Ich habe länger gezögert, diesen Artikel zu veröf­fentlichen. Seit über drei Jahren liegt er in mein­er Schublade. Warum sollte man die Sün­den eines längst ver­stor­be­nen Mannes wieder aufwär­men? Sollte man sich nicht um den Balken im eige­nen Auge küm­mern, anstatt den Split­ter bei anderen anzuprangern? Gibt es nicht kom­pe­ten­tere Leute, die über Tillich schreiben kön­nten?

Der Grund, weshalb ich mich den­noch für die Pub­lika­tion entsch­ieden habe, ist fol­gen­der: Paul Tillich und seine The­olo­gie haben sich seit der Veröf­fentlichung eines Beitrags in der Worthaus-Mediathek als Fixstern am poste­van­ge­likal-the­ol­o­gis­chen Him­mel etabliert. Damit erhält Tillich auch eine sig­nifikante Ausstrahlung ins evan­ge­likale Milieu. Ein Pub­likum, das neu mit Tillichs The­olo­gie in Berührung kommt, soll in Bezug auf die Fra­gen, die sich aus sein­er per­sön­lichen Lebens­führung ergeben, nicht im Dun­klen gelassen wer­den.

Paul Tillich (1886–1965) / Cred­it: GRANGER — His­tor­i­cal Pic­ture Archive / Alamy Stock Pho­to

Eine postevangelikale Renaissance

In der The­olo­gie ver­hält es sich ähn­lich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einan­der ab, während alt­bekan­nte The­men und Per­sön­lichkeit­en immer wieder eine Renais­sance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).

In den ver­gan­genen zir­ka 15 Jahren begin­nen die the­ol­o­gis­chen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emer­gent-Church-Bewe­gung[4] wie zum Beispiel Bri­an McLaren[5], Rob Bell[6] oder Tripp Fuller[7] wieder zu zirkulieren. So wies ein Gast­beitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vie­len Par­al­le­len zwis­chen der The­olo­gie von Paul Tillich und den Inhal­ten des Rob-Bell-Buch­es «What We Talk About When We Talk About God» hin.[8] In einem weit­eren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Bri­an McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt ver­gle­icht, der einem Patien­ten eine anspruchsvolle, aber drin­gend notwendi­ge Chemother­a­pie ver­schreibt.[9]

Ähn­liche Töne sind bei den heuti­gen Erben der Emer­gent-Church-Bewe­gung zu hören, die sich in den poste­van­ge­likalen Net­zw­erken sam­meln. So begrün­det beispiel­sweise der bekan­nte Song­writer Mar­tin Pep­per im Jahr 2018 seinen Ein­tritt in die Evan­ge­lis­che Kirche in Deutsch­land unter anderem mit Paul Tillich. In einem Face­book-Post erk­lärt er, er habe sich «mit Fasz­i­na­tion durch die Sys­tem­a­tis­che The­olo­gie von Paul Tillich» durchgear­beit­et und «auto­di­dak­tisch alle wichti­gen Veröf­fentlichun­gen von ihm mehrfach durchgear­beit­et».[10]

Der The­ologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem aus­führlichen und vielge­se­henen Beitrag auf dem Worthaus-Por­tal präsen­tiert. Damit liegt er möglicher­weise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renais­sance im deutschsprachi­gen, poste­van­ge­likalen Milieu.[11]  

Auch Mar­tin Thoms, das jüng­ste Mit­glied in der poste­van­ge­likalen Elite, hat Tillich gele­sen und dabei erkan­nt: «Gott und Welt sind keine Gegen­sätze, son­dern zwei Seit­en der­sel­ben Wirk­lichkeit.» Denn «Gott ist die Tiefe des Seins.».[12]

Zulet­zt hat der junge The­ologe Manuel Gräßlin in seinem viel­beachteten Buch «Theo­pho­bie – Warum Gott nicht sich­er, aber gut ist» (2026, SCM Brock­haus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich einges­timmt. Als Pas­tor ein­er ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evan­ge­likalen Milieu zugerech­net wer­den. In seinem Buch beze­ich­net er Tillich als «großen The­olo­gen des 20. Jahrhun­derts» und basiert seine eige­nen Gedanken über Zweifel auf dessen «klu­gen the­ol­o­gis­chen Über­legun­gen».[13]

Der «Geist von Tillich» scheint in unseren Tagen also neu erwacht zu sein. Das erhöhte Inter­esse an Tillich kommt wohl nicht von unge­fähr: Während sein­er lan­gen und umfan­gre­ichen Lauf­bahn prägte er Ideen zu The­men, die auch von Vertretern der poste­van­ge­likalen Bewe­gung pri­or­isiert wer­den. In seinem Vor­trag greift Dietz eines dieser The­men auf: die „Recht­fer­ti­gung des Zwei­flers”. Poste­van­ge­likale kri­tisieren den aus ihrer Sicht schlecht­en Umgang ihrer ehe­ma­li­gen, evan­ge­likalen Heimat mit Zweifel. Und Tillich gibt ihnen das, wonach sie suchen. In sein­er Lehre präsen­tiert Tillich das Zweifeln als Aus­druck wahrer, tiefer Reli­giosität und kri­tisiert das Argu­men­tieren für die Exis­tenz Gottes als Aus­druck falsch­er Reli­giosität. Das Absolute war für ihn ein Idol.[14] Damit befind­en wir uns mit­ten in den aktuellen Diskus­sio­nen um Glaubens­dekon­struk­tion. Paul Tillich scheint diese Diskus­sion bere­its vor hun­dert Jahren vor­weggenom­men zu haben.

Tillichs ethis­che Über­legun­gen sind eben­falls von Inter­esse. Er lehnt eine sta­tis­che Regel­moral ab und befür­wortete eine auf Liebe basierende, adap­tive und sich stets trans­formierende, sit­u­a­tive Ethik. Auch hier find­en sich wichtige Anknüp­fungspunk­te für Poste­van­ge­likale, welche meis­tens die Sex­u­alethik ihrer früheren Kirchen hin­ter sich lassen wollen.[15]

Ein weit­eres inter­es­santes Ele­ment ist die biografis­che Entwick­lung von Tillich. Der junge Tillich mit sein­er eher kon­ser­v­a­tiv­en Ethik und The­olo­gie verän­dert sich zu einem «Mann von Welt» mit ein­er Offen­heit für andere Reli­gio­nen und Weltan­schau­un­gen, der über den Glauben in der Sprache sein­er Zeit spricht. Diese Verän­derung entste­ht, weil Tillich die Frage beschäftigt, wie wir in ein­er säku­laren Gesellschaft Spir­i­tu­al­ität leben kön­nen ohne religiösen «Bal­last». Er sass min­destens genau­so gerne bei den Philosophen wie bei den The­olo­gen. Damit vol­lzieht Tillich eine Bewe­gung aus dem christlichen «Ghet­to» her­aus und in den zeit­genös­sis­chen Diskurs hinein, wie ihn sich viele Poste­van­ge­likale wün­schen.

Tillich wird in sein­er Zeit nicht nur unter The­olo­gen, son­dern auch im Fach­bere­ich der Philoso­phie zu ein­er ein­flussre­ichen Gestalt. Er prägt auch die zunehmende Pop­u­lar­ität östlich­er Spir­i­tu­al­ität im West­en erhe­blich mit. Auch hier gibt es eine Par­al­lele zum Poste­van­ge­likalis­mus, in dem ein erhöht­es Inter­esse für östliche Konzepte der Spir­i­tu­al­ität und des Denkens festzustellen ist.

In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren wird Tillich so etwas wie eine Vater­fig­ur für die spir­ituelle Such­be­we­gung der 68er. Ins­beson­dere müssen wir seinen Ein­fluss auf die Human Poten­tial-Bewe­gung erwäh­nen, die ab den 1960er Jahren an der US-West­küste mit Med­i­ta­tion, Grup­penther­a­pi­en, Dro­gen­ex­per­i­menten und sex­uellen Erleb­nis­sen nach men­schlich­er Erfül­lung und neuen spir­ituellen Erleb­nis­sen strebt.[16] Ein Bren­npunkt dieser Bewe­gung war das Esalen-Insti­tut, wo Tillich in den Jahren vor seinem Tod auch Vorträge hält.[17]

Der Bruch mit den persönlichen Werten

Eine beden­kliche Tat­sache lautet: Paul Tillich war ein notorisch­er Ehe­brech­er. Doch seine Jugend­jahre sahen noch ganz anders aus. In seinem Worthaus-Vor­trag erwäh­nt Thorsten Dietz, wie sich der junge Tillich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als Mit­glied der christlichen Stu­den­ten­verbindung «Wingolf» dafür stark machte, Mit­glieder, die im Bere­ich der Sex­u­al­ität Fehltritte began­gen hat­ten, auf Lebzeit­en auszuschliessen.[18]

Dietz stützt sich dabei auf eine neuere Forschungsar­beit über die jun­gen Jahre Tillichs.[19] Diese von Samuel Andrew Shearn ver­fasste Arbeit zeigt, wie der junge Tillich ein­er­seits ver­suchte, sich vom Schat­ten seines kon­ser­v­a­tiv­en Vaters zu lösen, ander­er­seits aber in ein­er rigi­den Moral die Hoff­nung auf den Zusam­men­halt der Stu­den­ten­verbindung sah. Es war eine Zeit, in der Ein­heit auf­grund the­ol­o­gis­ch­er Stre­it­igkeit­en nicht mehr in den Dog­men gefun­den wer­den kon­nte. Der junge Tillich sah in ein­er rigi­den Moral den Kitt für den Zusam­men­halt der Verbindung. Die Gesund­heit eines Organ­is­mus, so Tillich, sollte dadurch sicht­bar wer­den, dass er fähig ist, «Fremd­kör­p­er auszuschei­den».[20] Mit anderen Worten: Der Leib Christi muss für seine eigene Gesund­heit sor­gen, indem beispiel­sweise die Ein­hal­tung ein­er christlichen Sex­ual­moral sichergestellt und Men­schen nöti­gen­falls aus der Gemein­schaft ent­fer­nt wer­den.

Es sieht so aus, als habe sich Tillich selb­st bis zu seinem achtundzwanzig­sten Leben­s­jahr, als er kurz nach Aus­bruch des Ersten Weltkriegs seine erste Ehe­frau Mar­garethe („Grethi”) Wev­er heiratete, an ein strik­tes sex­ual­moralis­ches Prinzip gehal­ten. Er heiratete als «Jungfrau».[21]

Doch wie Thorsten Dietz erläutert, hat der Dienst in der Mil­itärseel­sorge im Ersten Weltkrieg bei Tillich seine Spuren hin­ter­lassen. In dieser Zeit entwick­elte sich ein «neuer» Tillich, welch­er gemäss Dietz den Schat­ten seines kon­ser­v­a­tiv­en Vaters ganz abgeschüt­telt und sich endgültig von den «engen» Glaubenssätzen sein­er Jugend­jahre befre­it hat.

Zweifel­los war der Erste Weltkrieg ein trau­ma­tis­ches Erleb­nis für Tillich, wie für viele andere auch. Gewalt, Aggres­sion, Trauer, Äng­ste, Ver­lust, Tren­nung und Ent­frem­dung sind Begriffe, die in diesem Zusam­men­hang fall­en, eben­so wie die entsprechen­den Belas­tun­gen bei den Frauen, die lange Jahre im Aus­nah­mezu­s­tand funk­tion­ierten.[22] Doch das Erleben eines Krieges bedeutet nicht zwangsläu­fig, dass sich eine Per­son genau in diese oder jene Rich­tung entwick­eln wird.

Ich per­sön­lich bin der Mei­n­ung, dass ein weit­eres Ereig­nis im Leben Tillichs unmit­tel­bar nach dem Krieg von eben­so ein­schnei­den­der Bedeu­tung für seine the­ol­o­gis­che Entwick­lung sein kön­nte. Denn in den Jahren 1919–1924 durch­bricht Tillich seine früheren Werte im Bere­ich der Sex­u­al­ität mit ein­er Kon­se­quenz, die sprach­los macht.

Die Mem­oiren von Han­nah Tillich, 1973 mit Skizze von Han­nah auf dem Umschlag / Pho­to: Peter Brud­er­er

Sexuelle Grenzüberschreitungen

Um diesen Bruch im Leben Tillichs zu ver­ste­hen, muss man die Mem­oiren sein­er Frau Han­nah lesen.[23] Darin berichtet sie, wie sie unmit­tel­bar nach Kriegsende im Feb­ru­ar 1919 eine Affäre mit Paul Tillich begin­nt.[24] Han­nah ist zu diesem Zeit­punkt bere­its ver­lobt und Paul Tillich ist mit Grethi ver­heiratet. Doch «Grethi» hat während des Krieges selb­st eine Affäre und wird schwanger. Die Ehe von Paul Tillich ste­ht vor dem Aus.

Nun legt Tillich das gle­iche Ver­hal­ten an den Tag wie seine untreue Ehe­frau. Wöchentlich trifft er sich mit Han­nah für eine gemein­same Nacht. Doch die Affäre führt vor­erst nicht dazu, dass Han­nah sich von ihrem Ver­lobten tren­nt. Sie heiratet ihren Ver­lobten Albert, ver­spricht Tillich jedoch, ihn «bin­nen einem Jahr» zu ver­lassen.

Bere­its kurz nach der Hochzeit nutzt Han­nah einen Vor­wand, um sich wieder mit Paul tre­f­fen zu kön­nen. Sie ver­brin­gen eine «Nacht der Nächte» zusam­men und die Bei­den tre­f­fen sich auch weit­er­hin, nach­dem Han­nah von ihrem Ehe­mann Albert schwanger gewor­den ist. Als Han­nah eines Tages wieder zu Paul geht, stellt sich bei ihrer Ankun­ft her­aus, dass in der Nebenkam­mer bere­its eine weit­ere junge Dame auf Paul wartet: eine Stu­dentin, die bei ihm Nach­hil­fe­un­ter­richt genom­men hat. Die Stu­dentin attack­iert die schwan­gere Han­nah sofort kreis­chend und kratzend. Es wird endgültig klar: Paul Tillich sieht es mit der Treue lock­er.

Schlussendlich lassen sich sowohl Han­nah wie auch Paul von ihren ersten Ehep­art­nern schei­den und heirat­en einan­der. Doch das, was eigentlich die Hochzeit­snacht wer­den soll, wird für Han­nah zur Katas­tro­phe. Paul eröffnet ihr auf dem Weg nach Hause, dass er sich mit seinem guten Fre­und «Dox» zu ein­er noch nicht erfol­gten Jungge­sel­len­par­ty verabre­det hat. Dieser Dox war, wie Han­nah lakonisch bemerkt, der Mann, der Pauls erste Ehe­frau ver­führt hat­te, während Paul an der Kriegs­front war.[25] Die per­fek­te Hochzeit­snacht war für Paul Tillich also eine rauschende Par­ty zusam­men mit dem Ver­führer sein­er Ex-Frau und weit­eren Damen mit ein­deutiger Absicht, die eben­falls an dieser unzeit­i­gen Jungge­sel­len­par­ty teil­nah­men.

Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erst anfan­gen, ein solch respek­t­los­es Ver­hal­ten im Detail zu analysieren.

Han­nah und Paul Tillich führen ihr Leben lang eine «offene Beziehung». In ihrem Buch spricht Han­nah Tillich aus­führlich über Dreiecks­beziehun­gen, Swinger-Erfahrun­gen und vieles mehr. Paul pflegt in den Städten die Rotlichtvier­tel aufzusuchen, um seinen pornografis­chen Nei­gun­gen nachzuge­hen. Doch bezahlt habe er gemäss Han­nah nie für Sex.[26] Für Sex zu zahlen, war für Tillich nicht nötig. Er hat­te als Pro­fes­sor mit zunehmen­dem Ruf genü­gend Damen in seinem Umfeld, welche er aktiv umgar­nte und die sich ihm, wie es scheint, immer wieder willig hingaben. Zu den Objek­ten sein­er Begierde gehörten ins­beson­dere auch Stu­dentin­nen in seinen Klassen. Das Muster, diese zu ver­führen, lässt sich von sein­er ersten Dozen­ten­tätigkeit an der Uni­ver­sität Berlin bis zu den ruhm­re­ichen Tagen in den USA ver­fol­gen.[27]

Die sex­uellen Beziehun­gen von Tillich sind in aller Regel wohl ein­vernehm­lich. Wir müssen aber davon aus­ge­hen, dass Paul Tillich in einzel­nen Sit­u­a­tio­nen auch über­grif­fig wurde. So soll Rein­hold Niebuhr, der bekan­nte The­ologe, der Tillich vor dem zweit­en Weltkrieg von Deutsch­land in die USA holte, von einem Fall sex­ueller Nöti­gung durch Tillich berichtet haben. Laut dem Niebuhr-Biografen Richard Fox waren die end­losen Affären Tillichs mit ein Grund, weshalb sich Niebuhr zunehmend von diesem ent­fremdete:

«Tillich war schon seit Jahren in eine Serie sex­ueller Eska­paden ver­wick­elt. Er war nicht nur sein­er Frau Han­nah untreu, son­dern auch über­schwänglich und zwang­haft promiskuitiv. Ein­mal schick­te Niebuhr eine sein­er Stu­dentin­nen zu Tillich, um ihn während sein­er Sprech­stunde zu besuchen. Er empf­ing sie fre­undlich, schloss die Tür und begann, sie zu befum­meln. Sie berichtete Niebuhr von dem Vor­fall, der Tillich nie verzieh.» [28]

Es ist kein schönes Bild, das sich hier präsen­tiert. Tillich, der als junger The­ologe noch für eine kon­ser­v­a­tive Sex­ual­moral ein­trat, mutierte zu einem Fall für «#MeToo» und bleibt es zeitlebens. Die Quel­len­lage bestätigt auf jeden Fall das Bild eines Mannes, der seine Macht­stel­lung als Pro­fes­sor aus­nutzte, um seine sex­uellen Triebe zu befriedi­gen. Es gibt kein­er­lei Anze­ichen dafür, dass er dafür Gewis­sens­bisse oder Reue emp­fand oder einen Grund sah, sein Ver­hal­ten zu ändern. Wichtiger als das Erge­hen sein­er Sex­part­ner­in­nen war Tillich aber sein eigen­er Ruf. Er bemühte sich sichtlich darum, dass dieser gewahrt blieb.[29]

Allein die Ereignisse rund um die Heirat von Paul und Han­nah sind haarsträubend. Diese Ereignisse fan­den nicht in den weltof­fe­nen 60ern statt, als sich eine lib­erale the­ol­o­gis­che Elite sich eifrig in die sich anbah­nende sex­uelle Rev­o­lu­tion ein­brachte. Sie ereigneten sich zu ein­er Zeit, in der die weltweite Kirche noch klare kon­ser­v­a­tive Ansicht­en in Fra­gen der Sex­u­alethik ver­trat und die pro­gres­siv­en gesellschaftlichen Ele­mente der Weimar­er Repub­lik (1918–1933) noch keinen Ein­fluss auf die Kirchen­lehre hat­ten. Tat­säch­lich gab es im Fre­un­deskreis von Tillich die Sorge, das Gerede über seine Affären kön­nten zu seinem Auss­chluss aus der Kirche führen.[30] Aus mein­er Sicht greift damit das Argu­ment zu kurz, Tillichs Ver­hal­ten sei rein kul­tur- oder zeitbe­d­ingt gewe­sen.

Man kön­nte die Schilderun­gen Han­nahs in Zweifel ziehen als die Darstel­lung ein­er ver­bit­terten Ehe­frau, die mit ihrem ver­stor­be­nen Mann abrech­nen will und ihm Geschicht­en unter­jubelt. Doch die Erzäh­lung von Han­nah ist glaub­würdig, weil sie sich selb­st auch nicht schont. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie die Ehe selb­st auch nicht als exk­lu­sives Ver­hält­nis leben wollte. Die ver­heeren­de­nAuswirkun­gen von Tillichs Ver­hal­ten auf Han­nahs Gemüt liegen den­noch auf der Hand und machen sich ihren Mem­oiren immer wieder bemerk­bar. Sie war es, die den seel­is­chen Preis für Pauls Hunger nach Ruhm, Ehre und sex­uellen Erfahrun­gen bezahlte.

Ein scheinbar unentbehrlicher, «modernen Heiliger»

Angesichts der Fak­ten­lage ist es ver­wun­der­lich, dass die The­olo­gengilde auch heute, im Zeital­ter von «#MeToo», diesem wichti­gen biografis­chen Ele­ment im Leben von Paul Tillich keine Aufmerk­samkeit zu geben scheint. So hört man im über zweistündi­gen Worthaus-Vor­trag von Thorsten Dietz keine Hin­weise auf die Ver­an­la­gung Tillichs und deren poten­zielle Wirkung auf die Opfer, auf sein famil­iäres Umfeld und sein akademis­ches Wirken. Thorsten Dietz referiert sehr aus­führlich und ken­nt­nis­re­ich über die Glaubensen­twick­lung von Tillich rund um den Ersten Weltkrieg und ergrün­det diverse Ursachen für Zweifel im Leben von Tillich. Doch nur in einem Neben­satz find­et sich ein Hin­weis auf mögliche Kom­p­lika­tio­nen im Pri­vatleben:

«…er hat geheiratet und wieder geheiratet und es war nicht immer ein­fach…»[31]

Diese For­mulierung reduziert ein hochgr­a­dig destruk­tives und gren­züber­schre­i­t­en­des Ver­hal­ten auf ein bloss­es «nicht immer ein­fach­es» Beziehungs­dra­ma. Damit wird der sys­tem­a­tis­che Charak­ter von Tillichs Fehlver­hal­ten – möglicher­weise unab­sichtlich – ver­harm­lost. Es ist ein bemerkenswert­er blind­er Fleck, dass die sex­uellen Gren­züber­schre­itun­gen Tillichs in einem so aus­führlichen Vor­trag uner­wäh­nt bleiben – ger­ade bei einem Ref­er­enten, der sich an ander­er Stelle um die Sen­si­bil­isierung in Fra­gen sex­ueller Gren­züber­schre­itun­gen bemüht hat.[32]

Andere Tillich-Ken­ner scheinen das zügel­lose Sexleben von Tillich eben­falls zu rel­a­tivieren. So meint Wern­er Schüssler, es könne «kein Aussen­ste­hen­der beurteilen», was an den Geschicht­en von Tillich und Han­nah wahr oder falsch ist.[33] Mar­got Hahl, eine Bekan­nte von Paul Tillich, meint, dass die Ehe zwis­chen Tillich und Han­nah nicht «nach herkömm­lichen Massstäben» beurteilt wer­den dürfe.[34]

Die inter­na­tion­al wohl bekan­nteste Tillich-Biografie wird 1976 von seinen Ver­traut­en Wil­helm und Mar­i­on Pauck pub­liziert. Sie scheint darauf aus­gerichtet zu sein, die Wogen zu glät­ten, die durch Han­nahs Mem­oiren ent­standen sind. Paucks beschreiben Han­nah als schwierige, unberechen­bare und eifer­süchtige Frau, die Paul oft verärg­ert und frus­tri­ert habe.[35] Gle­ichzeit­ig rück­en sie Paul Tillich immer wieder in ein pos­i­tives Licht. So heisst es, die Vielfalt sein­er sex­uellen Beziehun­gen sei in der «Auf­nah­me­bere­itschaft, Offen­heit, Sen­si­bil­ität und Wärme seines Wesens» begrün­det gewe­sen.[36] Sein ver­w­er­flich­es Ver­hal­ten wird damit umgedeutet und zu einem inte­gralen Ele­ment sein­er Glaub­würdigkeit und seines Genies gemacht:

«Eben diese Schwächen in ihm, mit denen er sich let­ztlich in so über­aus schmer­zliche Weise ver­söh­nt hat­te, macht­en ihn so glaub­würdig und gle­ichzeit­ig so schw­er zu fassen als schöpferisch­er Denker wie als Men­sch.»[37]

Wer sich etwas mit der The­matik von Macht­miss­brauch und Sex­u­al­ität auseinan­der­set­zt, weiss, dass alle Kon­fes­sio­nen und Glauben­srich­tun­gen ihre Gefährdun­gen haben. Es ist gut, wenn auch im evan­ge­likalen und freikirch­lichen Milieu Miss­brauchssi­t­u­a­tio­nen aufgek­lärt wer­den und eine nötige Sen­si­bil­isierung stat­tfind­et. Dabei sollen jedoch bei allen die gle­ichen Massstäbe ange­wandt wer­den. Im Fall von Paul Tillich scheint es fast so, als habe man sich in ein­er The­olo­gengilde darauf fest­gelegt, dass seine The­olo­gie zu wichtig und bedeut­sam ist, als dass man sie durch die schmutzige Real­ität seines Pri­vatlebens infrage stellen dürfte. Tillich scheint in eine ganz eigene Kat­e­gorie zu gehören. Er scheint dem Urteil von Nor­mal­sterblichen gän­zlich entrückt und unan­tast­bar zu sein. Die einzig angemessene Form, über ihn zu schreiben, scheint die Hagiografie zu sein, also das Schreiben über ihn als mod­er­nen Heili­gen.

Woher kommt diese selt­same Blind­heit in Bezug auf Tillichs sex­uelle Gren­züber­schre­itun­gen? Ich sehe es fol­gen­der­massen: Man diskred­i­tiert nicht gerne eine Per­son, deren Ideen man sich selb­st zu eigen gemacht hat. Und bei Tillich haben sich so ziem­lich alle bedi­ent, die sich in den Geistesströ­mungen unser­er Zeit als fortschrit­tlich, weltof­fen oder mutig darstellen möcht­en.

Ein Stück weit ist es nachvol­lziehbar, dass wir unsere Vor­bilder und Helden schützen wollen, manch­mal auch da, wo es nicht mehr ange­bracht ist. In dieser Hin­sicht ste­hen wir wohl alle in der gle­ichen Gefahr.

In der Causa Paul Tillich ist der schot­tis­che The­ologe Don­ald M. MacK­in­non[38] ein­er der weni­gen, der deut­liche Worte der Kri­tik find­et. MacK­in­non ist in den Jahren 1953/54 selb­st Zuhör­er in Tillichs Vor­lesun­gen und macht 1975 in einem Auf­satz bemerkenswerte Aus­sagen:

«Wir müssen zugeben, dass Tillich gewil­lt scheint, seine unange­focht­ene Macht als Lehrer und als intellek­tueller Prophet dafür zu nutzen, Frauen in seinen Bann zu ziehen, von denen er viele offen­bar ver­führt hat. Er erscheint als bewusst promiskuitiv, und in sein­er Promiskuität mit ein­er kühlen Grausamkeit gegenüber sein­er Frau.»

«Als seine Frau in ihrer Verzwei­flung ver­suchte, eine Schei­dung auf­grund von Ehe­bruch einzure­ichen, warf er sich vor ihr auf den Boden und bet­telte sie an, dies nicht zu tun. Er span­nte seine Fre­unde ein, um ihr klarzu­machen, dass dies seine Kar­riere zer­stören würde. Trau­riger­weise müssen wir fest­stellen, dass sich der ‘Mut zum Sein’, von dem Tillich schrieb, nicht dahinge­hend aus­gewirkt hat, dass er bere­it gewe­sen wäre, seine Kar­riere, seinen Sta­tus, seinen Ruf oder seine Sicher­heit aufs Spiel zu set­zen.»

«Es ist die berech­nende und kun­stvolle Vertei­di­gung eines Lebensstils, bei gle­ichzeit­iger eben­so kun­stvoll ver­bor­gen­er Aufrechter­hal­tung dieses Lebensstils.» [39]

Meines Eracht­ens hat McK­in­non die richti­gen Beobach­tun­gen gemacht. Wir müssen die Frage stellen, inwiefern Tillich sein eigenes unmoralis­ches Ver­hal­ten mit sein­er The­olo­gie gerecht­fer­tigt, es «ratio­nal­isiert» hat.

Tillichs liberale Theologie als Rationalisierung seiner Unmoral

Jede Sünde ruft nach ein­er Antwort. Reue und Beken­nt­nis ist die Antwort, welche uns die Bibel aufzeigt und nahelegt:

«Wenn wir aber unsre Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sün­den vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.» (1Joh 1,9)

Lei­der suchen wir Men­schen manch­mal nach anderen Antworten. Eine solche ist, dass wir uns einen Gott erdenken, der unser Ver­hal­ten toleriert. In diesem zweit­en Fall wird die The­olo­gie, also die Gotteslehre, an das Ver­hal­ten der Men­schen angepasst. Auch diesen Vor­gang beschreibt die Schrift und fällt ein klares Verdikt:

«Wer sagt: Ich habe ihn erkan­nt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügn­er, und in dem ist die Wahrheit nicht.» (1Joh 2,4)

Kein­er beschreibt wohl einen der­ar­ti­gen Vor­gang der selb­st­bezeugten Gotte­serken­nt­nis, die an den offen­barten Geboten Gottes vor­bei agiert, bess­er als Sam Keen.[40]Keen war The­ologe, Schüler von Tillich und in den Siebziger­jahren eine wichtige Per­son am Esalen-Insti­tut in Kali­fornien:

«Als ich 13 war und voller wilder Haare, wusste ich jen­seits jeden Zweifels, dass Jesus wiederkom­men würde und das Mil­len­ni­um ein­läuten würde. Ich sehnte mich nach diesem Zeital­ter jen­seits der Ambi­gu­i­tät. Aber ich betete, dass Jesus warten würde, bis ich meine Jungfräulichkeit ver­loren hat­te. Meine Gebete wur­den erhört. Sei­ther fällt es mir schw­er, an die Wiederkun­ft zu glauben.» [41]

Eine sex­uelle Erfahrung hat Keen dazu bewogen, Zweifel in Bezug auf bish­er Geglaubtes zu entwick­eln. Seine The­olo­gie fol­gt nun sein­er Biografie.

Tat­säch­lich stellt sich die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir uns einem Ver­hal­ten hingeben, das unseren bish­eri­gen Moralvorstel­lun­gen wider­spricht, uns aber auf mächtige und sinnliche Weise in seinen Bann zieht? Dann sind Fra­gen und Zweifel jeden­falls plöt­zlich sehr willkom­men, denn sie kön­nen uns helfen, unser Ver­hal­ten zu legit­imieren und unser schlecht­es Gewis­sen zu beruhi­gen. Eine nahe­liegende Möglichkeit ist dabei auch, unser Gottes­bild so anzu­passen, dass es wieder zu unser­er neuen, gelebten Real­ität passt.

Mir geht es nicht darum, Fra­gen und Zweifel grund­sät­zlich unter «Gen­er­alver­dacht» zu stellen. Es gibt sehr wohl tiefe und berechtigte Fra­gen an Exis­tenz und Glauben, denen unbe­d­ingt der nötige Raum gegeben wer­den soll. Es gibt aber eben auch rebel­lis­che oder legit­imierende Fra­gen, die let­z­tendlich nur das Ziel ver­fol­gen, unan­genehmen Wahrheit­en auszuwe­ichen.[42]

In sein­er Forschungsar­beit doku­men­tiert Samuel Andrew Shearn die jun­gen Jahre von Paul Tillich bis ins Jahr 1919 und stellt in den Kriegs­jahren 1914–1918 Verän­derun­gen in Tillichs The­olo­gie fest. Als Seel­sorg­er an der Front musste Tillich das ganze Lei­den und die ganze Desil­lu­sion­ierung ein­er Gen­er­a­tion miter­leben. Aus einem Tillich, der als Stu­dent lib­erale Zwei­fler auss­chliessen wollte, wird in diesen Jahren gemäss Shearn ein Tillich, der selb­st den Athe­is­mus als berechtigte, «gerecht­fer­tigte» Form des Glaubens sieht.[43] Shearn verortet eben­falls in dieser Zeit die Entwick­lung von Tillichs Ansicht, dass das Absolute eine Art Götze sei. Des Weit­eren entwick­elt sich bei Tillich in dieser Zeit eine tiefe Abnei­gung gegenüber «Selb­stauf­gabe» und «Beu­gung». Tillich beken­nt sich zunehmend zur Autonomie des Men­schen.[44]

Auch die Biografen Pauck verorten die grosse Wand­lung Tillichs in den Kriegs­jahren. Er habe sich niemals wieder von seinem «unge­heuren Lei­den angesichts des Todes» erholt. Die Biografen deuten auch an, dass Tillichs Ide­ale in Bezug auf ehe­liche Treue bere­its in diesen Jahren zu erodieren begin­nen. Er war, so bericht­en sie, «hin- und herg­eris­sen zwis­chen flüchti­gen Bekan­ntschaften, wie sie jed­er Sol­dat leicht find­en kann, und der einen ‘wahren Liebe’, die daheim wartete».[45]

Ich denke, wir soll­ten den sex­uellen Damm­bruch im Leben von Tillich – sein radikales Übertreten sein­er bish­eri­gen Sex­ual­moral – mit­denken, wenn wir über die Entwick­lung von Tillichs Gottes­bild, The­olo­gie und Ethik nach­denken. Dieser Damm­bruch hat seinen Ansatzpunkt schon in den Kriegs­jahren, ent­fal­tet aber seine volle Kraft in der Zeit unmit­tel­bar danach. Erstaunlicher­weise stellen die Biografen Pauck die Möglichkeit der «ratio­nal­isierten Unmoral» selb­st in den Raum:

«Tillich gab sein­er Schuld und Angst auf andere Weise Aus­druck: […] So ver­wen­dete er viel­er­lei Frag­mente – seine Leben­skon­flik­te, seine Ein­sicht­en und Gedanken­split­ter aller Art – in höchst kon­struk­tiv­er Weise zum Bau seines Sys­tems»[46]

Die Spiritualisierung der sexuellen Grenzüberschreitung

Der mögliche Zusam­men­hang zwis­chen Tillichs The­olo­gie und seinem Ver­hal­ten muss uns aus einem ein­fachen Grund inter­essieren: Die The­olo­gie, die er im Laufe seines Lebens entwick­elte, stellte seine über­grif­fige Promiskuität schein­bar in kein­er Weise infrage, son­dern recht­fer­tigte sie vielmehr sub­til als spir­ituelle Erfahrung.

In seinem Buch «Love, Pow­er, and Jus­tice» definiert Paul Tillich die Liebe als «das Streben nach der Ein­heit des Getren­nten».[47] Es scheint, als sei diese Def­i­n­i­tion für Tillich auch ein sex­uelles Pro­gramm gewe­sen. Ein Heiliger ohne Libido würde «aufhören Krea­tur zu sein». Der Sex­u­al­trieb sei ein Bestandteil auch der «geistlich­sten Fre­und­schaft» und des «asketis­chsten Mys­tizis­mus»[48]. Im Denken von Tillich scheint die Liebe in ihren ver­schiede­nen Aus­prä­gun­gen stets von einem Aspekt des sex­uellen Begehrens und dem Streben nach sex­uellem Vol­lzug mitbes­timmt zu sein.[49] Ein Rezensent des Buch­es stellte berechtigter­weise die kri­tis­che Frage: «Kön­nten nicht eine Vielzahl von zer­störerischen Hand­lun­gen unter dem Ban­ner der Liebe gerecht­fer­tigt wer­den?»[50]

Auch die Biografen Pauck haben sich die Frage nach den zer­störerischen Hand­lun­gen gestellt: «Hat er Ehen ver­hin­dert? Hat er Ehen zer­stört?», fra­gen sie in ihrer Erörterung des ungezügel­ten Lebens Tillichs. Ihre Antwort lautet: «Er hat ver­sucht, seine Schuldge­füh­le durch eine Regel zu dämpfen, die er mit den Jahren entwick­elte: Es kommt nicht darauf an, was zwis­chen zwei Men­schen geschieht, solange dieser Beziehung die ‘agape’ nicht fehlt.»[51]

Tillich recht­fer­tigte den Ehe­bruch mit ein­er spir­ituellen Erfahrungs-Dimen­sion, die ihm son­st fehlen würde. Dieser Aspekt wird in den Aus­führun­gen des Tillich-Schülers Rol­lo May sicht­bar. Unmit­tel­bar nach Erscheinen der Mem­oiren von Han­nah Tillich präsen­tiert May im Buch «Paulus» seine eigene Darstel­lung von Paul Tillich und ver­sucht, seinen Men­tor wieder in ein pos­i­tives Licht zu rück­en. Es sei ein­fach Fakt, dass Tillich ein liebenswert­er Mann von spir­itueller und sinnlich­er Nei­gung gewe­sen sei, erläutert er. Frauen hät­ten dies als höchst attrak­tiv emp­fun­den. Tillichs Leben sei das klarste Beispiel eines «Eros in Aktion» gewe­sen. Die vie­len Frauen, mit denen er Affären hat­te, habe er immer in Berührung mit «höheren Sphären und Poten­tialen» gebracht. Er habe «genug Eros für alle» gehabt.[52] – Hierzu wäre allerd­ings anzumerken, dass die ero­tis­che Liebe nicht mit der selb­sthingeben­den göt­tlichen Agape-Liebe ver­wech­selt wer­den darf.

Rol­lo May zitiert Auszüge aus Briefen, die Tillich an seine Geliebten schrieb. Diese zeigen deut­lich, dass Tillich Spir­i­tu­al­ität ein­set­zte, um Frauen für ein sex­uelles Aben­teuer zu gewin­nen. Er ver­wen­dete dazu einen mit sex­uellen Untertö­nen aufge­lade­nen christlichen Jar­gon. Ein beispiel­hafter Auszug aus einem dieser Briefe lautet:

«All meine Vital­ität wird aufer­weckt, wenn ich an dich denke. Denk an mich an Oster­mor­gen! Wird der Stein je weg­gerollt wer­den? In unendlich­er Liebe, P.» [53]

Rol­lo May möchte Tillich mit seinen Aus­führun­gen in ein besseres Licht rück­en. Bei uns soll­ten sie jedoch die umgekehrte Wirkung haben. Die Ver­wen­dung spir­itueller Sprache zur Ver­führung über­schre­it­et die Lin­ie zum geistlichen Miss­brauch. Es ist Spir­i­tu­al­isierung sex­ueller Gren­züber­schre­itung.

In religiösen Kreisen scheint die Beru­fung auf eine spir­ituelle Dimen­sion ein­er der effek­tivsten Wege zu sein, mit denen sich Täter Zugang zu ihren Opfern ver­schaf­fen. Auf diese Weise scheint auch Tillich seine «Zielob­jek­te» zu bear­beit­en. Sprach­lich zeigen sich beispiel­sweise Par­al­le­len zur über­grif­fi­gen ero­tis­chen Mys­tik des bekan­nten Arche-Grün­ders Jean Vanier (1928–2019) und sein­er Mit­täter.[54] Diese hat­ten the­ol­o­gis­che Argu­mente entwick­elt, um ihre miss­bräuch­lichen sex­uellen Hand­lun­gen als geistliche Erfahrun­gen zu recht­fer­ti­gen. Der Unter­suchungs­bericht zu Jean Vanier und seinem Net­zw­erk offen­bart in den Briefwech­seln mit ihren Opfern die gle­iche Anwen­dung spir­itueller Sprache zur Gewin­nung von Sex­u­al­part­nern. Die Syn­these des Unter­suchungs­bericht­es for­muliert dies wie fol­gt:

«Jean Vanier erweckt offen­sichtlich die Lei­den­schaft der Frauen, die ihm schreiben. Es lassen sich zahlre­iche spir­ituell zwei­deutige Briefe beobacht­en, die an der Gren­ze zwis­chen dem Fleis­chlichen und dem Geistlichen ste­hen. Die Liebes­briefe wer­den zu ein­er Neu­for­mulierung des litur­gis­chen Geheimniss­es mit mehrdeuti­gen For­mulierun­gen aus der Bibel als Sub­text.»[55]

Einem unpersönlichen Gott ist keine Rechenschaft geschuldet.

Die The­olo­gie von Paul Tillich ist kom­plex und umfan­gre­ich. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht als Experte für sein Gesamtwerk präsen­tieren. Beim Ein­tauchen in seine Schriften haben sich mir seine Konzepte nicht immer voll­ständig erschlossen. Ich bin keineswegs der Einzige, dem es so ergan­gen ist.[56] Pos­i­tiv aus­ge­drückt mag diese Unzugänglichkeit an der Inno­va­tion­skraft Tillichs liegen. Er gab sich kaum mit beste­hen­den Konzepten zufrieden, son­dern wollte als Gren­zgänger zwis­chen ver­schiede­nen Wel­ten stets auch Neu­land betreten.

Für mich ist aber klar, dass da ein Ele­fant im Raum ste­ht, den manche partout nicht sehen wollen.

Aus mein­er Sicht hört sich der «Mut zum Sein», von dem Tillich so gerne sprach, wie ein Hohn an, wenn man bedenkt, dass er schein­bar um jeden Preis seinen öffentlichen Ruf wahren wollte und alles Erden­kliche in Bewe­gung set­zte, damit seine Affären nicht an der Öffentlichkeit disku­tiert wur­den.[57]

Ich möchte darauf hin­weisen, dass die The­olo­gie der «Recht­fer­ti­gung des Zwei­flers» auch etwas mit dem Bedürf­nis nach Gewis­senberuhi­gung zu tun haben kön­nte, seine verän­derte Ethik selb­stver­ständlich auch etwas mit seinem Leben zu tun haben dürfte.

Zulet­zt möchte ich auf den abstrak­ten und unper­sön­lichen Gott in den Beschrei­bun­gen von Tillich hin­weisen. Es ist ein Gottes­bild, welch­es den Men­schen kein Gegenüber mehr bietet.

Neben den bekan­nten Büch­ern von Tillich hat mir ein kurz­er Auf­satz von ihm geholfen, den er 1958 in der ‘Sat­ur­day Evening Post’ pub­lizierte. Unter dem Titel «The Lost Dimen­sion of Reli­gion» gibt Tillich einen auch für Laien ver­ständlichen Ein­blick in seine Gedanken­welt.[58]

In diesem Auf­satz beklagt Tillich den Ver­lust der «Tiefendi­men­sion» in der Reli­gion. Wer diese Dimen­sion wieder für sich ent­deck­en möchte, solle laut Tillich nicht mehr im Bere­ich des christlichen Glaubens suchen, son­dern in der zeit­genös­sis­chen Kun­st, Lit­er­atur, Philoso­phie und Architek­tur. Tillich geht in dem Artikel hart ins Gericht mit allem, was «externe Sicher­heit» biete. Beson­ders aufs Korn nimmt er dabei eine damals auf­strebende Galions­fig­ur der evan­ge­likalen Bewe­gung: Bil­ly Gra­ham[59]. Dieser scheint für Tillich der Inbe­griff dessen zu sein, was er ver­ab­scheut. Gra­ham besitze zwar «per­sön­liche Integrität», aber sein «prim­i­tiv­er Fun­da­men­tal­is­mus» würde das geistliche Prob­lem der Zeit nur ver­stärken und keine wirk­lichen Antworten geben. Tillich scheint richtigge­hend frus­tri­ert zu sein, dass jemand die Frech­heit besitzt, nicht nur Fra­gen zu stellen, son­dern auch konkrete Antworten zu geben, bib­lis­che Geschicht­en nicht nur sym­bol­isch zu deuten, son­dern von ihnen als his­torische Fak­ten zu sprechen. Dass dieser Bil­ly Gra­ham dabei noch unglaublich pop­ulär war und die Sta­di­en füllte, war für Tillich eine absolute Zumu­tung![60]

Das Inter­es­sante an Tillichs Auf­satz ist, dass er darin nie von einem Gott mit per­son­alen Eigen­schaften spricht, son­dern von Gott als «Idee». Während die lib­eralen The­olo­gen vor Tillichs Zeit zumin­d­est noch an eine – wie auch immer geart­ete – «Vater­schaft Gottes» glaubten, scheint bei Tillich auch diese Sicht Gottes zu verblassen. Gott ist für ihn der «Ground of Being», der «Urgrund des Seins» – was auch immer er genau darunter ver­stand. Den geläu­fi­gen Konzepten über Gott stellt er die For­mulierung «God above God» – «Gott über Gott» – ent­ge­gen. Dem christlichen Selb­stver­ständ­nis von einem per­son­alen Gott, der in der Geschichte han­delt, seinen Willen durch das Reden sein­er Propheten den Men­schen offen­bart und sein Wesen in Jesus Chris­tus zeigt (vgl. Hebr 1,1), stellt Tillich einen Gott als Abstrak­tum ent­ge­gen, der sich all unseren Kat­e­gorien entzieht.

Vielle­icht hätte sich Tillich eine Scheibe von der Integrität Bil­ly Gra­hams abschnei­den sollen, anstatt dessen The­olo­gie mit dem Strohmann des «prim­i­tiv­en Fun­da­men­tal­is­mus» zu bear­beit­en. Vielle­icht waren es genau die klaren moralis­chen Vorstel­lun­gen dieses schein­bar «prim­i­tiv­en Fun­da­men­tal­is­mus», die Bil­ly Gra­ham sein Leben lang davon bewahrt haben, sein­er Frau untreu zu wer­den. Die bekan­nte «Bil­ly-Gra­ham-Regel»[61], welche ver­heirateten Män­nern abrät, Zeit allein mit anderen Frauen zu ver­brin­gen, wird zwar immer wieder kri­tisiert, war für Gra­ham aber ein wirk­samer Selb­stschutz. So bewahrte sie ihn davor, Zer­störung in sein eigenes Leben und das Leben ander­er zu brin­gen.[62]

Auch Tillich sollte zu Lebzeit­en seine Kri­tik­er find­en. So übte der The­ologe Nels Fer­ré[63] im Jahr 1957 im «Scot­tish Jour­nal of The­ol­o­gy» deut­liche Kri­tik an Tillichs ent­per­son­al­isiertem Gottes­bild.[64] 1963 erschien zudem die erste mir bekan­nte Kri­tik in Buch­länge. Der The­ologe Ken­neth Hamil­ton[65] kam darin zu dem Faz­it, dass Tillich «ein mod­ern­er Gnos­tik­er» sei, dessen the­ol­o­gis­ches Sys­tem dem tra­di­tionellen Chris­ten­tum nur in ober­fläch­lichen Belan­gen gle­iche. Tillichs Sys­tem als ein Ganzes wahrzunehmen, bedeute dem­nach, zu erken­nen, dass es «mit dem christlichen Evan­geli­um inkom­pat­i­bel» sei.[66]

Wenn man dieses deut­liche Faz­it liest, fragt man sich, was Tillich für eine neue Gen­er­a­tion von The­olo­gen und christlichen Influ­encern so inter­es­sant macht? Für mich selb­st ist klar, dass eine wahrhaft christliche The­olo­gie auf dem in der bib­lis­chen Offen­barung dargelegten The­is­mus aufge­baut sein muss. Der per­son­ale, gle­ichzeit­ig imma­nente und tran­szen­dente Gott der Bibel kann nicht gegen einen nicht­per­son­alen oder rein imma­nen­ten Gott aus­ge­tauscht wer­den, ohne dass die Botschaft des Chris­ten­tums in ihrem Kern ver­loren geht. Doch genau dies hat Tillich meines Eracht­ens vol­l­zo­gen. Für Tillich mag diese Gottesvorstel­lung einen Vorteil gehabt haben: Einem unper­sön­lichen Gott ist man keine Rechen­schaft schuldig. Es ist diesem egal, was man im Bett oder im Vor­lesungssaal alles so treibt.

Wir müssen aber auch das Andere erken­nen: Mit einem unper­sön­lichen Gott kann man nicht rin­gen. Er gibt uns keine Antworten auf unsere Fra­gen. Wir kön­nen keine hoff­nungsvollen Gebete oder ent­täuschte Kla­gen an ihn richt­en. Wir kön­nen diesem Gott auch nicht danken und ihn nicht anbeten. Er kann uns auch nicht vergeben und auch nicht lieben. Er entzieht sich uns und ver­schwindet im Nebel. Der Men­sch ver­liert sein Gegenüber und ist auf sich selb­st zurück­ge­wor­fen und allein.

Der evan­ge­likale Denker Fran­cis Scha­ef­fer[67], der zur gle­ichen Zeit wie Tillich wirk­te, berichtet tat­säch­lich, dass Tillich auf die Frage nach dem Gebet geant­wortet habe, er bete nicht mehr, son­dern medi­tiere.[68] Der per­son­ale, ansprech­bare Gott ist im Leben des altern­den Tillich nicht mehr greif­bar.

Die Reise nach Osten weg vom Christentum

Die neuen Wege der Gottes­suche ent­pup­pten sich bei Tillich eben­so wie bei vie­len sein­er Schüler als eine Reise nach Osten, hin zu Bud­dhis­mus und Hin­duis­mus.

Tillichs let­zter öffentlich­er Auftritt macht deut­lich, wo er die Zukun­ft von The­olo­gie und Glauben sah. In einem Vor­trag an der Uni­ver­sität von Chica­go stellte er sich sowohl gegen die Neo-Ortho­dox­ie von Karl Barth als auch gegen die neuen Vertreter der Gott-ist-tot-The­olo­gie.[69]

Tillich hat­te mit sein­er Ablehnung eines tra­di­tionellen The­is­mus die Gott-ist-tot-The­olo­gie wesentlich inspiri­ert, und deren Vertreter beriefen sich nachvol­lziehbar­erweise auf ihn.[70] Doch in den Jahren vor seinem Tod ver­schob sich sein Inter­esse zunehmend weg von ein­er säku­lar­isierten Reli­gion hin zu nichtchristlichen religiösen Erleb­nis­sen.

Der Reli­gion­shis­torik­er Mircea Eli­ade[71], der ein guter Fre­und von Tillich war, spricht in einem Nachruf auf Tillich von ein­er «tiefen Anziehung zu nichtchristlichen Reli­gio­nen».[72] Tillich habe «keine Angst gehabt vor der Eige­nar­tigkeit und manch­mal fast dämonis­chen Aus­drucks­form» religiösen Erlebens.[73]

Viele der geisti­gen Kinder Tillichs wür­den den Weg beschre­it­en, den dieser vorge­spurt hat­te: den Weg in die Welt der nicht-the­is­tis­chen Spir­i­tu­al­ität. Mit im Gepäck hat­ten sie Tillichs sex­uelle Präferenz – die «freie» Liebe – und neue spir­ituelle Katalysatoren wie LSD.[74]

Aus dem Bericht sein­er Frau Han­nah über die let­zten Tage von Paul Tillich wird deut­lich, wie sehr der Kern seines christlichen Glaubens wohl ver­loren ging.[75] Tillich inter­essierte sich im Angesicht des nahen­den Todes für das tibetanis­che Buch der Toten[76]. Han­nah, die selb­st mehr mit östlich­er Spir­i­tu­al­ität und Eso­terik anfan­gen kon­nte als mit dem Chris­ten­tum, habe ihn angesichts seines bevorste­hen­den Todes damit getröstet, dass seine Gedanken die «Sub­stanz des Kos­mos» verän­dert hät­ten und dass er in den «Kreis der geistlichen Kräfte» ein­treten würde, welche das Antlitz der Erde verän­dern. Trotz­dem bringt Han­nah ihrem Mann seine Bibeln ans Ster­be­bett. Doch er wollte nicht, dass ihm aus der Bibel vorge­le­sen wird. Han­nah Tillich berichtet wie fol­gt:

«Seit er krank war, hat­te ich nichts ins Spi­tal mit­ge­bracht, auss­er seinen Bibeln – ein kleines griechis­ches Neues Tes­ta­ment, eine deutsche Bibel, die ihm schon seit seinem ersten Leben­s­jahr gehörte, und eine englis­che Aus­gabe. Ich hat­te gehofft, ihm aus der Bibel vorzule­sen, wenn er unruhig wurde, falls er das von mir wün­schte, aber er hat­te die griechis­che Aus­gabe nur ein einziges Mal mit sein­er gebrech­lichen Hand berührt. Er wollte die anderen Bibeln nicht sehen und sich auch nichts daraus vor­lesen lassen. Ich war froh darüber. Er gehörte zur Welt, zum Kos­mos, nicht zu einem einzi­gen Buch.»[77]

Han­nah war klar, dass ihr ster­ben­der Mann nicht mehr ein­er einzel­nen Glaubens­ge­mein­schaft und deren Schrift ange­hörte. Er gehörte zur Welt, zu den uner­gründlichen Tiefen des Kos­mos.

Die Reinwaschung einer Biografie

Inter­es­san­ter­weise lesen sich die Todesstun­den von Tillich in der Biografie des Ehep­aars Pauck befremdlich anders als bei Han­nah:

«Heute ist mein Ster­be­tag», sagte er [Paul]. Äusserst geschwächt, ergriff er das griechis­che Neue Tes­ta­ment, das sie mit ein­er deutschen Bibel, seinem kost­baren Besitz, an sein Bett gebracht hat­te. Er bat sie zu verzei­hen, wo er gefehlt habe. Gemein­sam sprachen sie dann ein kleines deutsches Gedicht, das sie auf ihren Spaziergän­gen durch den East Hamp­ton­er Garten aufzusagen pflegten; und die Gewis­sheit, dass sie das nie wieder zusam­men­tun wür­den, füllte seine Augen mit Trä­nen. […] Die Kranken­schwest­er half ihm, sich aufzuricht­en, er schob seine Beine über den Bet­trand, liess sich dann aber auf die Kissen zurück­fall­en und ver­schied friedlich.»[78] (in Klam­mer: meine Ergänzung)

Paucks geben für diesen Text nur eine Quelle an: den Ster­be­bericht aus der Fed­er von Han­nah Tillich.[79] Doch die Diskrepanz in Tonal­ität und Sub­stanz der bei­den Berichte ist offen­sichtlich. So sug­geriert der Bericht des Ehep­aars Pauck ein Inter­esse in die Bibel, während Han­nah konkretes Desin­ter­esse an der Bibel aufzeigt. Von ein­er Bitte um Verzei­hung ist im ref­eren­zierten Text nir­gends die Rede, eben­so wenig von einem gemein­sam aufge­sagten Gedicht.

Paucks scheinen hier an ein­er Heiligsprechung Tillichs zu arbeit­en. Sie betreiben eine Form von Hagiografie, welche ihren Fre­und für die Nach­welt in einem ganz bes­timmten Licht zeigen soll. Dafür musste sein Lebensende offen­bar in einem klas­sisch-christlichen Licht dargestellt wer­den, inklu­sive Bibel­liebe, Busse und friedlichem Entschlafen.

Die Mem­oiren von Han­nah Tillich sind dem gegenüber sich­er sehr per­sön­lich und sub­jek­tiv. Aber sie sind auch die einzige Quelle für viele der entschei­den­den Momente im Leben von Paul Tillich. Diese Mem­oiren zeigen ein anderes Bild dieses «grossen» The­olo­gen. So berichtet Han­nah, wie ihr Mann vor seinem Tod noch einen Wun­sch hat­te: Han­nah solle in seinem Büro aufräu­men und uner­wün­schte Spuren sein­er pri­vat­en Lei­den­schaften ent­fer­nen.[80] Nach dem Tod von Tillich machte sich Han­nah ans Werk:

«Ich schloss die Schubladen auf. Alle Fotos der Mäd­chen fie­len her­aus, Briefe und Gedichte, lei­den­schaftliche Appelle und Zeug­nisse von Abscheu. Neben den Schubladen, die seine geistige Ernte enthal­ten soll­ten, lagen die Büch­er, die er geschrieben hat­te, sowie die unveröf­fentlicht­en Manuskripte in einem wilden Durcheinan­der. Ich war ver­sucht, zwis­chen die heili­gen Seit­en seines hochgeschätzten Lebenswerks jene obszö­nen Zeichen des realen Lebens zu leg­en, das er in das Gold der Abstrak­tion ver­wan­delt hat­te — König Midas des Geistes.» [81]

In der Welt von Tillich hat­ten offen­sichtlich sex­uelle Per­ver­sion und the­ol­o­gis­che «Per­fek­tion» in der gle­ichen Schublade Platz. Das sollte eigentlich zur Vor­sicht mah­nen, wenn wir uns heute aus eben dieser the­ol­o­gis­chen Schublade bedi­enen. Doch es scheint, als ob die The­olo­gen lieber Hagiografie als Biografie betreiben, wenn es um Paul Tillich geht.

Ein doppelter Schatten

Der lange Schat­ten von Paul Tillich ist ein dop­pel­ter: Der eine Schat­ten ist die andauernde Wirkung sein­er The­olo­gie – bis in die heutige poste­van­ge­likale Renais­sance hinein. Der andere Schat­ten ist die ver­drängte, dun­kle Seite sein­er Biografie mit all den Fra­gen, die sich daraus ergeben. Deshalb wäre es auch ange­bracht, Tillich und sein­er The­olo­gie mit der einen Zutat zu begeg­nen, welche dieser selb­st so gross­geschrieben hat: dem Zweifel.

Was nützt uns die «grossar­tige» The­olo­gie Tillichs, wenn sie ihm keinen Anlass gab, sein eigenes destruk­tives per­sön­lich­es Ver­hal­ten zu ändern? Warum brauchen wir sie, wenn sie Tillich möglicher­weise eher Instru­mente zur Recht­fer­ti­gung seines eige­nen Han­delns bot und er seine the­ol­o­gis­che Elo­quenz gezielt als Instru­ment der Ver­führung ein­set­zte? Wozu Tillichs Ideen preisen, wenn sie bei ihm nicht Reue und Neuan­fang, son­dern Ver­heim­lichung und Gesichtswahrung bewirk­ten? Wie sollen wir mit der Real­ität sein­er geistlichen Wand­lun­gen weg vom his­torischen christlichen Glauben umge­hen? Es sind solche Fra­gen, denen wir uns stellen soll­ten. Ich will damit nicht sagen, dass ein The­ologe, der eine gute bib­lis­che The­olo­gie hat, keine Fehler macht und sünd­los bleibt. Der Punkt ist aber, dass seine The­olo­gie ihn dann wieder auf eine gute Bahn brin­gen kann. Bei Tillich ver­hält sich aber genau dieser Punkt anders. Und eine The­olo­gengilde, welche ihr eigenes the­ol­o­gis­ches Sys­tem auf Tillichs Sys­tem aufge­baut hat, scheint bish­er wenig Inter­esse an ein­er Beant­wor­tung dieser Fra­gen zu haben.

Han­nah Tillich erfüllte Pauls Wun­sch, Spuren zu ver­nicht­en. Gemäss ihren Mem­oiren ver­brachte sie nach seinem Tod zwei Tage damit, die pro­fes­sionelle Arbeit Tillichs von pri­vat­en Spuren ver­gan­gener Lieb­schaften und Laster zu befreien und Uner­wün­scht­es dem Feuer zu übergeben. So wurde zumin­d­est vor­erst Tillichs let­zter Wun­sch erfüllt. Das Bild, das er von sich präsen­tieren wollte, wurde gewahrt.[82]

The­olo­gen unser­er Zeit scheinen eben­so diesen let­zten Wun­sch von Paul Tillich zu erfüllen. So wurde Paul Tillich im Som­mer 2022 im Rah­men der Eröff­nung des Mar­burg­er The­olo­gie- und Diakonieweges ein Platz unter ins­ge­samt 16 Per­sön­lichkeit­en der christlichen The­olo­gie- und Diakoniegeschichte Mar­burgs zugewiesen. Mit­tler­weile wurde die Instal­la­tion wieder auss­er Betrieb genom­men. Aber wie man im Inter­netarchiv ein­se­hen kann, hielt sich auch hier die biografis­che Tafel und die abspiel­bare Audio-Biografie an das ungeschriebene Gesetz und präsen­tierte Tillich so, wie dieser es selb­st gerne haben wollte: sauber und reinge­waschen.[83]

Was würde man wohl dazu sagen, wenn Evan­ge­likale heute Bill Hybels oder Ravi Zacharias wieder feiern, für diese Per­so­n­en Gedenk­tafeln und der­gle­ichen auf­stellen, und dabei ihre Ver­fehlun­gen ver­schweigen oder ver­harm­losen wür­den? An dieser Stelle entste­ht eine the­ol­o­gis­che Asym­me­trie: Während die Instru­mente der Dekon­struk­tion und der kri­tis­chen Biografie-Analyse bei kon­ser­v­a­tiv­en Vor­bildern kon­se­quent ange­wandt wer­den, scheinen sie bei den intellek­tuellen Vater­fig­uren der Lib­eralen selt­sam stumpf zu bleiben. Es sollte aber mit gle­ichen Ellen gemessen wer­den!

Während Paul Tillich in den Pub­lika­tio­nen unser­er Tage ein­mal mehr als Meis­ter tiefer Erken­nt­nisse heiligge­sprochen wird, lässt das Schweigen über seine dun­kle Seite die Men­schen, welche Opfer sein­er Trieb­haftigkeit wur­den, ein­mal mehr im Schat­ten ver­schwinden. Zudem wer­den durch dieses Schweigen dem aktuellen Diskurs wesentliche Infor­ma­tio­nen zur Einord­nung und Bew­er­tung sein­er The­olo­gie voren­thal­ten. Das «Genie» Tillich kann meines Eracht­ens nicht vom «Men­schen» Tillich getren­nt wer­den. Seine Lebens­führung berechtigt zu ern­sthaften Anfra­gen an seine The­olo­gie. Ich hoffe deshalb, dass mein Beitrag ein­er neuen Gen­er­a­tion von The­olo­gen das Vergessene oder Ver­drängte zugänglich macht und zu einem kri­tis­cheren Umgang mit Tillich und seinen Ideen führt.

Eines möchte ich mit allem Nach­druck beto­nen: Dieser biografis­che Ein­blick in das Leben von Paul Tillich darf kein Grund sein, uns selb­st über ihn zu erheben. Wir alle «erman­geln des Ruhmes», den wir vor Gott haben soll­ten (Röm 3,23). Wir alle brauchen Gnade und soll­ten deshalb auf jeden Fall auch für andere Raum für Gnade haben, Neuan­fänge zulassen, Men­schen nicht zu «Gefan­genen» einzel­ner Ereignisse in ihrem Leben machen, his­torische Zusam­men­hänge mit­berück­sichti­gen und der­gle­ichen.

Es gilt jedoch auch zu beacht­en, dass Lehrern in der christlichen Gemeinde – dazu zäh­le ich The­olo­gen – eine beson­dere Vor­bild­funk­tion zukommt (vgl. 1Pet 5,2–3; 1Tim 3,2–4). Im Fall von Tillich kön­nen wir nicht von Einzel­ereignis­sen sprechen. Von Reue kann kaum die Rede sein. Es liegt eine Sys­tem­atik vor. Deshalb bin ich per­sön­lich der Überzeu­gung, dass eine öffentliche Diskus­sion über seine Per­son oder eine Besprechung sein­er The­olo­gie mit der nöti­gen Trans­parenz hin­sichtlich der unge­ord­neten, prob­lema­tis­chen Seit­en seines Pri­vatlebens erfol­gen sollte.

Wie seht ihr das? Für einen gesit­teten Diskurs ste­ht die Kom­men­tar­funk­tion offen!


Titel­bild: Paul Tillich (1886–1965), Cred­it: GRANGER — His­tor­i­cal Pic­ture Archive / Alamy Stock Pho­to


[1] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973

[2] https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,908007,00.html (aufgerufen: 08.09.2026)

[3] https://www.spiegel.de/kultur/10–000-maedchenbeine-a-c4cb1d13-0002–0001-0000–000041843174 (aufgerufen: 08.09.2026)

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Emerging_Church (aufgerufen: 08.09.2026)

[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Brian_McLaren (aufgerufen: 08.09.2026)

[6] https://en.wikipedia.org/wiki/Rob_Bell (aufgerufen: 08.09.2026)

[7] https://trippfuller.com/ (aufgerufen: 08.09.2026)

[8] https://trippfuller.com/2013/03/12/rob-bell-out-of-the-process-tillichian-closet/ (aufgerufen: 08.09.2026)

[9] https://brianmclaren.net/q‑r-death-of-god/ (aufgerufen: 08.09.2026); Ver­gle­iche dazu auch die Forschungsar­beit von Jeff Keuss, The emer­gent church and neo-cor­re­la­tion­al the­ol­o­gy after Tillich, Schleier­ma­ch­er and Brown­ing, Scot­tish Jour­nal of The­ol­o­gy / Vol­ume 61 / Issue 04 / Novem­ber 2008

[10] https://www.facebook.com/peppersongs/posts/pfbid0GaB2aj4e6wXrTja6qy2xB1orFevg46JbCH5abFQDWyhVHTw91EnF9nztwyB1yCCRl (aufgerufen: 08.09.2026)

[11] https://www.youtube.com/watch?v=3jNUruj8SgY – Aktuell über 15’000 Aufrufe! (aufgerufen: 08.09.2026)

[12] https://www.reflab.ch/am-puls-des-heiligen-martin-thoms/ (aufgerufen: 08.09.2026)

[13] Manuel Gräßlin, Theo­pho­bie — Warum Gott nicht sich­er, aber gut ist, 2026, Kapi­tel «Glaube ohne Schlusspunkt»

[14] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, 2022, S167

[15] Ver­gle­iche zum Beispiel den das Kapi­tel «Ethics in a Chang­ing World» in: Paul Tillich, Moral­i­ty and Beyond, 1963

[16] https://en.wikipedia.org/wiki/Human_Potential_Movement (aufgerufen: 08.09.2026)

[17] https://en.wikipedia.org/wiki/Esalen_Institute (aufgerufen: 08.09.2026)

[18] https://en.wikipedia.org/wiki/Wingolf (aufgerufen: 08.09.2026)

[19] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, 2022

[20] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S. 51–52

[21] Vgl. Alexan­der C. Irwin, Eros toward the World, Paul Tillich and the The­ol­o­gy of the Erot­ic, 1991, S. 104

[22] Vgl. zum Beispiel: Mag­nus Hirschfeld, Sit­tengeschichte des Weltkrieges, 1930

[23] https://www.amazon.com/Time-Hannah-Tillich/dp/0812817427 (aufgerufen: 08.09.2026)

[24] Andere Biografen ver­legen den Beginn der Affäre ins Jahr 1920. Han­nah Tillich jedoch datiert den Masken­ball, an dem sie Paul Tillich ken­nen­lernte, in den Feb­ru­ar 1919, also unmit­tel­bar nach Kriegsende, Vgl. Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S83

[25] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, Zusam­men­zug aus den Seit­en 83 bis 101. Anmerkung: Wern­er Schüssler nen­nt in seinem Buch Richard Wegen­er als den Fre­und von Tillich, der eine Affäre mit sein­er ersten Frau Grethi hat­te. «Dox» ist sein Über­nahme. Ver­gle­iche auch die Biografie von Pauck.

[26] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S175-177

[27] In ihrer Tillich-Biografie beschreiben Wil­helm und Mar­i­on Pauck über die Zeit als Pri­vat­dozent in Berlin, wie Paul Tillich sich in eine «Vielfalt ero­tis­ch­er Aben­teuer stürzte», wobei die Frauen ihm «in den Cafés oder als Stu­dentin­nen in Vor­lesungssaal und Sem­i­nar oder als Unbekan­nte auf dem Ball» begeg­net seien. Siehe: Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S92

[28] Richard Wight­man Fox, Rein­hold Niebuhr – a Biografy, 1985, S257, eigene Über­set­zung.

[29] Siehe dazu z.B.: Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S284 oder Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S190

[30] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S94

[31] https://youtu.be/3jNUruj8SgY?t=3229 (aufgerufen: 08.09.2026)

[32] Samuel Andrew Shearn, der Autor auf dessen Forschungsar­beit der Vor­trag von Dietz mass­ge­blich beruht, erwäh­nt diese Aspek­te. Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S11-13. Zu den Beiträ­gen von Thorsten Dietz zum The­ma des sex­uellen Miss­brauchs Vgl. z.B. sein Fachar­tikel dazu im Buch: Sex­u­al­isierte Gewalt in der evan­ge­lis­chen Kirche – Wie The­olo­gie und Kirche sich verän­dern müssen, Johann Hin­rich Clausen (Hg.), 2022. Vgl. auch seine aus­führliche Besprechung des Miss­brauchsskan­dals bei den ‘South­ern Bap­tists’ in den USA oder sein Pod­cast zusam­men mit Tobias Faix über sex­u­al­isierte Gewalt.

[33] Wern­er Schüssler, Paul Tillich, 1997, S15

[34] Vgl. Wern­er Schüssler, Paul Tillich, 1997, S15

[35] Siehe z.B.: Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S98,102

[36] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S97

[37] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S102

[38] https://en.wikipedia.org/wiki/Donald_M._MacKinnon (aufgerufen: 08.09.2026)

[39] Vgl. Don­ald M. MacK­in­non, Explo­rations in The­ol­o­gy 5, S129-137

[40] https://en.wikipedia.org/wiki/Sam_Keen (aufgerufen: 08.09.2026)

[41] Jef­frey J. Kri­pal, Esalen, Amer­i­ca and the Reli­gion of no Reli­gion, 2007, S289, eigene Über­set­zung

[42] Eine gute Aus­d­if­feren­zierung dazu hat Paul Brud­er­er in zwei Artikeln vorgenom­men. Siehe hier: https://danieloption.ch/glaube/fragen-erlaubt-antworten-auch/ (aufgerufen: 08.09.2026) oder hier: https://danieloption.ch/zweifel/fragen-erlaubt-antworten-auch-teil‑2–2‑variante‑2/ (aufgerufen: 08.09.2026)

[43] [43] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S219,197

[44] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pas­tor Tillich – The jus­ti­fi­ca­tion of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S208,209

[45] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S63-64

[46] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S101

[47] Paul Tillich, Love, Pow­er, and Jus­tice: Onto­log­i­cal Analy­ses and Eth­i­cal Appli­ca­tions, 1954, S25, meine Über­set­zung

[48] Paul Tillich, Love, Pow­er, and Jus­tice: Onto­log­i­cal Analy­ses and Eth­i­cal Appli­ca­tions, 1954, S33, meine Über­set­zung

[49] Paul Tillich, Love, Pow­er, and Jus­tice: Onto­log­i­cal Analy­ses and Eth­i­cal Appli­ca­tions, 1954, S32, meine Über­set­zung

[50] https://people.bu.edu/wwildman/tillich/resources/review_tillich-paul_love_power_justice.htm#Review_by_WGD (aufgerufen: 08.09.2026)

[51] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S100

[52] Rol­lo May, Paulus, 1973, S49ff

[53] Rol­lo May, Paulus, 1973, S53, meine Über­set­zung

[54] https://www.christianitytoday.com/news/2023/january/jean-vanier-l-arche-abuse-sect-report-thomas-philippe-catho.html (aufgerufen: 08.09.2026)

[55] Syn­the­sis of the Study Commission’s report man­dat­ed by L’Arche inter­na­tionale: Con­trol and Abuse, An inves­ti­ga­tionon Thomas Philippe, Jean Vanier and L’Arche, Jan 2023, meine Über­set­zung

[56] Siehe zum Beispiel die unter­halt­same Anek­dote im fol­gen­den Vor­trag des bekan­nten evan­ge­likalen Autoren Wal­ter Mar­tin: https://www.youtube.com/watch?v=4HTYocC0mAs&t=2939s (aufgerufen: 08.09.2026)

[57] Die Biografen Pauck beze­ich­nen das grosse Bedürf­nis nach Erfolg und Beifall als das eine, was sich in der Per­sön­lichkeit von Tillich von Anfang bis Ende durchzieht. Siehe: Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S75,100

[58] The Sat­ur­day Evening Post, Adven­tures of the Mind, 1958: Paul Tillich, The Lost Dimen­sion in Reli­gion

[59] https://en.wikipedia.org/wiki/Billy_Graham (aufgerufen: 08.09.2026)

[60] 1957 sprach Bil­ly Gra­ham beispiel­sweise vor kumuliert ein­er hal­ben Mil­lion Men­schen in New York. Siehe: https://www.newsweek.com/billy-grahams-historic-nyc-crusade-inspired-thousands-827130 (aufgerufen: 08.09.2026)

[61] https://en.wikipedia.org/wiki/Billy_Graham_rule (aufgerufen: 08.09.2026)

[62] https://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/the-billy-graham-rule-doesnt-honor-your-wife-it-demeans-her–and-all-women/2019/07/11/c1ac14e6-a380-11e9-bd56-eac6bb02d01d_story.html (aufgerufen: 08.09.2026)

[63] https://en.wikipedia.org/wiki/Nels_F._S._Ferr%C3%A9 (aufgerufen: 08.09.2026)

[64] Vgl.  Nels Fer­ré, Three Crit­i­cal Issues in Tillich’s Philo­soph­i­cal The­ol­o­gy, The Scot­tish Jour­nal of The­ol­o­gy, X, No. 3 (Sept., 1957)

[65] https://www.wlupress.wlu.ca/Contributors/H/Hamilton-Kenneth-Morris (aufgerufen: 08.09.2026)

[66] Ken­neth Hamil­ton, The Sys­tem and the Gospel, Macmil­lan, 1963, S 205–207 und Umschlag­text

[67] https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Schaeffer (aufgerufen: 08.09.2026)

[68] Wiedergegeben aus: F. Scha­ef­fer, Gott ist keine Illu­sion, 1977 (englis­che Erstaus­gabe 1968), S87

[69] Aus seinem Vor­trag: «Deshalb müssen wir als The­olo­gen zwei Bar­ri­eren durch­brechen gegen eine freie Annäherung an die Geschichte der Reli­gion: die ortho­dox-exk­lu­sive und die säku­lar-ablehnende.» Paul Tillich, The Future of Reli­gions, 1966, S83, eigene Über­set­zung.

[70] So schreibt Thomas J. J. Altiz­er im Vor­wort des Gott-ist-Tot Klas­sik­ers «The Gospel of Chris­t­ian Athe­ism» (1967): «[…] it was Tillich who exer­sised the great­est the­o­log­i­cal influ­ence on my work.» (S10). Vgl. auch: https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,941410–3,00.html

[71] https://en.wikipedia.org/wiki/Mircea_Eliade (aufgerufen: 08.09.2026)

[72] Paul Tillich, The Future of Reli­gions, 1966, S32, eigene Über­set­zung.

[73] Paul Tillich, The Future of Reli­gions, 1966, S33, eigene Über­set­zung.

[74] Als Beispiel kann Paul Lee, derAs­sis­tent von Paul Tillich in Har­ward genan­nt wer­den. Dieser war mit beteiligt am soge­nan­nten ‘Good Fri­day Exper­i­ment’, einem spir­ituellen Dro­gen­ex­per­i­ment in der Marsch Chap­pel in Boston, 1962. Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Marsh_Chapel_Experiment (aufgerufen: 08.09.2026)

[75] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S222-224, eigene Über­set­zung

[76] Dies deckt sich mit den Aus­sagen des Reli­gion­shis­torik­ers Mircea Eli­ade, der beim altern­den Tillich eine «tiefe Anziehung zu nichtchristlichen Reli­gio­nen» fest­stellte. Siehe: Paul Tillich, The Future of Reli­gions, 1966, S32, eigene Über­set­zung.

[77] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S224. Über­set­zung: Deepl. Englis­ch­er Orig­inal­text: «I had not brought any­thing to the hos­pi­tal since he had been ill, except his Bibles – a small Greek New Tes­ta­ment, a Ger­man Bible, which had been his from his first year of life, and an Englisch ver­sion. I had hoped to read from the Bible to him when he became rest­less, if he wished me to, but he had only once touched the Greek Ver­sion with his frail hand. He did not wish to see the oth­er Bibles or to have the Bible read to him. I was glad. He belonged to the world, to the cos­mos, not to one sin­gle book.»

[78] Wil­helm und Mar­i­on Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S292

[79] Wil­helm und Mar­i­on Pauck ver­weisen in der Fuss­note auf die Mem­oiren von Han­nah, Seit­en 219 bis 225.

[80] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S243

[81] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S241, eigene Über­set­zung

[82] Han­nah Tillich, From Time to Time, 1973, S243

[83] https://www.eh-tabor.de/de/forschen/marburger-theologie-und-diakonieweg (Aufgerufen am 24.03.2023). Zum Zeit­punkt der Pub­lika­tion dieses Artikels ist die Web­seite nicht mehr erre­ich­bar. Gemäss Auskun­ft ist der Mar­burg­er The­olo­gie- und Diakonieweges nicht mehr in Betrieb ist, weiss ich nicht. Jedoch kann der von Thorsten Dietz ver­fasste Text zu Paul Tillich sowie die dazu gehörende Audio­datei im Inter­netarchiv aufgerufen wer­den: https://web.archive.org/web/20230606034205/https://www.eh-tabor.de/de/forschen/marburger-theologie-und-diakonieweg

Über den Kanal

Peter Bruderer

Peter Bruderer, Jahrgang 1974, als Kind von Missionaren in Afrika aufgewachsen, seit 1986 in der Schweiz. 1998 war Peter Gründungsmitglied der erwecklichen 'Godi'-Jugendarbeit in Frauenfeld, welche er bis 2013 prägte. Heute arbeitet er als Projektleiter im kirchlichen und gemeinnützigen Bereich. Ein zweites Standbein ist die Arbeit als Architekt. Peter lebt mit seiner Familie in Frauenfeld, Schweiz.

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Kommentare zu diesen Beitrag

18 Comments

  1. Peter Bruderer

    Gem­i­ni zur Frage, ob die Deutsche Paul Tillich Gesellschaft sich auf ihrer Web­seite zu den moralis­chen Aspek­ten äussert:

    Eine Unter­suchung der Webauftritte der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft (DPTG) (paultillich.de bzw. paultillich.univie.ac.at) liefert fol­gen­des klares Bild bezüglich Tillichs moralis­chen Ver­fehlun­gen und Eska­paden:
    1. Aus­blendung im offiziellen Auftritt der Gesellschaft

    Auf den Web­seit­en der Paul-Tillich-Gesellschaft find­en sich keine direk­ten Hin­weise oder inhaltlichen Auseinan­der­set­zun­gen mit seinen moralis­chen Ver­fehlun­gen, Affären, seinem Pornografie-Kon­sum oder den Enthül­lun­gen sein­er Ehe­frau Han­nah Tillich (From Time to Time, 1973).

    Biografie & Chronik: Auf den Unter­seit­en zur Biografie wird die Ehe mit Han­nah Wern­er (1924) als rein chro­nol­o­gis­ch­er Fakt gelis­tet. Wed­er die Umstände der Ehe noch Tillichs Lebenswan­del in Berlin oder den USA wer­den dort prob­lema­tisiert.

    Fokus der Gesellschaft: Die veröf­fentlicht­en Artikel, Tagung­spro­gramme und Doku­mente beschränken sich rein auf seine sys­tem­a­tis­che The­olo­gie, Kul­tur­philoso­phie, Exilgeschichte und Dialek­tik (z. B. Kul­tur­philoso­phie, Recht­fer­ti­gung und Zweifel, Reli­gions­be­griff, Juden­tum).

    2. Die his­torische Hal­tung der Gesellschaft zur Kausa Han­nah Tillich

    Die Abwe­sen­heit dieser The­men auf der Web­seite hat eine deut­liche Vorgeschichte:

    His­torische Abwehr: Als Han­nah Tillich 1973 ihre Mem­oiren veröf­fentlichte, in denen sie Tillichs uner­sät­tliche Affären, seine Bisex­u­al­ität und seine Geheimarchive detail­liert beschrieb, reagierte die deutsche Tillich-Gemeinde entset­zt.

    Juris­tis­che Schritte: Die Deutsche Paul-Tillich-Gesellschaft ver­suchte damals sog­ar auf dem Rechtsweg, das Bekan­ntwer­den und die Pub­lika­tion biographis­ch­er Details zu ver­hin­dern bzw. einzudäm­men.

    Rezep­tion: Während der Enthül­lungsskan­dal in den 1970er-Jahren in den Medi­en (wie dem SPIEGEL) bre­it disku­tiert wurde, wählte die Tillich-Gesellschaft die Lin­ie der Funk­tion­stren­nung: Werk und Sys­tem­atik ste­hen im Vorder­grund; das Pri­vatleben wird schlicht ignori­ert bzw. als irrel­e­vant für den the­ol­o­gis­chen Gehalt eingestuft.

    Faz­it

    Die offizielle Paul-Tillich-Gesellschaft blendet moralis­che Ver­fehlun­gen auf ihrer Plat­tform voll­ständig aus. Wer nach kri­tis­chen biographis­chen Aufar­beitun­gen zur Sex­u­alethik oder Ehep­rax­is Tillichs sucht, wird auf ihren Web­seit­en nicht fündig, son­dern muss auf externe Biografien und Feuil­leton-Analy­sen (wie von Han­nah Tillich, Wil­helm & Mar­i­on Pauck oder zei­this­torischen Artikeln) zurück­greifen.

    Reply
  2. Martin Schönewerk

    Was für ein aus­geze­ich­neter Artikel! Gerne mehr davon!

    Reply
    • Peter Bruderer

      Her­zlichen Dank!

      Reply
  3. Johannes Traichel

    Danke Peter!
    Gut recher­chiert und sehr erhel­lend…

    Reply
    • Peter Bruderer

      Mer­ci!

      Reply
  4. David

    Lieber Peti!
    Ein Meis­ter­w­erk! Danke! Ich glaube, dass dieser Beitrag sehr, sehr wichtig ist. Nicht nur in der auss­chweifend­en und unbib­lis­chen Sex­u­alethik, son­dern auch im immer mehr in einen nicht-christlichen (Pan-)Theismus abdrif­ten­den Glauben sehe ich Par­al­le­len zur progressiven/postevangelikalen The­olo­gie. Natür­lich kann man nicht alle “über einen Kamm scheren”, das will ich auch nicht. Doch Ähn­lichkeit­en zu Tillichs moralis­chem Ver­hal­ten und zu sein­er the­ol­o­gis­chen Entwick­lung sind nicht von der Hand zu weisen.

    DANKE, dass du so pro­fund recher­chiert und das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hast. Die wahrschein­lich unzäh­li­gen Stun­den, die in diesem Artikel steck­en, lohnen sich! Sei dir dessen sich­er!

    Reply
    • Peter Bruderer

      Danke David. Das ist seher ermuti­gend. Ich bin tat­säch­lich an einem Fol­geartikel dran, wo ich den Drift in Rich­tung nicht-christlichen (Pan-)Theismus weit­er­folge. Arbeit­sti­tel ist “Die Kinder Tillichs”. Soll sich­er in den Sam­mel­bän­den von JESUS27 erscheinen und allen­falls auch noch hier auf dem Blog.

      Reply
  5. Alex aus Cloppenburg

    Ok, wir wis­sen jet­zt, dass Tillich ein Dreckskerl war. Ob die Poste­van­ge­likalen diese Erken­nt­nis davon abhält, ihn weit­er zu feiern, ist zu bezweifeln.
    Luther und Calvin haben ver­mut­lich die ehe­liche Treue ern­ster genom­men, hat­ten aber dafür nach­weis­lich Men­schen­leben auf dem Gewis­sen. Auch da gibt es nicht wenige, die die bei­den deswe­gen diskred­i­tiert sehen.
    Man braucht auch nicht König David zu stra­pazieren, der bis zu seinem Tod ein „Mann nach Gottes Herzen“ und gle­ichzeit­ig ein Schuft war, um festzuhal­ten, dass Werk und Per­son zu unter­schei­den sind.

    Reply
    • Peter Bruderer

      David hat über seine sex­uellen Ver­fehlun­gen Busse getan (Psalm 51). Darin unter­schei­det er sich fun­da­men­tal von einem Tillich. der sich eine The­olo­gie zurecht­gelegt hat, die sein Ver­hal­ten legit­imierte.

      Reply
      • Alex aus Cloppenburg

        David hat am Ster­be­bett Mor­daufträge verteilt, seine Nach­folge nicht organ­isiert und damit seinen Söhne gegeneinan­der aufge­bracht. Die „Musterung“, die 70.000 Leuten das Leben kostete, hat­te David eben­falls zu ver­ant­worten.
        Und selb­st wenn wir Salo­mo nehmen. Er ver­sündigt sich im Alter — hurt ger­ade in geistlich­er Hin­sicht, wird dafür kri­tisiert und ist trotz­dem mit mehreren Büch­ern ein Bestandteil des Kanons gewor­den.
        Ich vertei­di­ge den Tillich nicht, aber die Bibel und die Kirchengeschichte ist voll von zweifel­haften Fig­uren, die trotz­dem Autoritäten darstellen.

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        • Peter Bruderer

          Das ist so. David hat aber auch akzep­tiert, dass nicht er den Tem­pel bauen darf, weil er Blut ver­gossen hat.

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        • Udo

          David wurde „Mann nach dem Herzen Gottes“ genan­nt, weil seine grundle­gende Aus­rich­tung Gott galt und er Gottes königlichen Auf­trag erfüllen sollte – nicht weil er sünd­los gewe­sen wäre. Seine Ver­brechen wur­den klar verurteilt, seine Buße war real, seine Verge­bung war Gnade und seine bleiben­den Fol­gen waren schw­er. David ist sowohl ein Beispiel für echte Umkehr als auch ein Warnze­ichen vor Macht­miss­brauch und ein Hin­weis auf die Notwendigkeit des vol­lkomme­nen Königs Jesus Chris­tus.

          Reply
  6. Jürg Buchegger

    Ich geste­he, dass ich Tillich nie gele­sen habe. Er hat mich nicht inter­essiert. Diesen Artikel finde ich span­nend und er zeigt zweier­lei: Biografie und The­olo­gie sind nahe beieinan­der. Und für den sog. Poste­van­ge­likalis­mus gilt: nichts Neues unter der Sonne: alles schon mal da gewe­sen. The­ol­o­gis­ches Rück­bil­dungstur­nen unter Anleitung lib­eraler Ther­a­peuten.

    Reply
    • Remo

      Danke lieber Peter für diesen Artikel. Er bestätigt mich ein­mal mehr darin, dass ich — lan­deskirch­lich aufgewach­sen, freikirch­lich zum Glauben gekom­men und nun seit vie­len Jahren in der evan­ge­lis­chen Kirche tätig — the­ol­o­gisch klas­sisch evan­ge­likal geblieben bin. Die Poste­van­ge­likalen sind mir noch nie geheuer gewe­sen. Zu viele faule Früchte sind daraus her­vorge­gan­gen, auch von solchen, die mal “on fire” waren und auf “dem Berg” studiert haben.

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  7. Udo

    Vie­len Dank für den sach­lichen und inter­es­san­ten Artikel! Ich laß let­ztens, dass Karl Barth und Paul Tillich bezüglich ihrer ehe­lichen Treue keine Vor­bilder waren. Nun ist Barths Dreiecks­beziehung sicher­lich noch eine andere Num­mer als Tillichs ent­gleistes Sex­u­alleben.
    Mir fiel dazu die War­nung von Jakobus ein (Jak 3, 1+2): „Drängt euch nicht danach, Lehrer zu sein, meine Brüder. Ihr wisst ja, dass wir ‹als Lehrer› ein stren­geres Gericht zu erwarten haben, 2 denn wir alle machen oft Fehler. Wer beim Reden keine Fehler macht, der ist ein vol­lkommen­er Mann und kann auch seinen Kör­p­er im Zaum hal­ten.“ Ob Tillichs The­olo­gie weniger irrig gewe­sen wäre, wenn er treu gewe­sen wäre? Zumin­d­est kann man sich kaum vorstellen, dass der Heilige Geist in seinem Leben beson­ders wirk­sam war. Wohin sein Cre­do führt sieht man: Weg von der bib­lis­chen Offen­barung, weg von dem bib­lis­chen Chris­tus. Tillichs Glaube, in dem der Zweifel eine fun­da­men­tale Bedeu­tung hat, trägt wed­er im Leben noch im Ster­ben. Sein nicht ger­ade neuer Ver­such, die Kluft zwis­chen christlichem Glauben und heutiger Lebenswelt (Less­ings „garstiger bre­it­er Graben“) zu über­brück­en bleibt ein gefährlich­es Unter­fan­gen, das bis heute zu ein­er neuen, kul­turell angepassten Reli­gion führt, die mit dem christlichen Glauben der Apos­tel, also der Leute, die
    Chris­tus per­sön­lich erlebt hat­ten, nichts mehr zu tun hat und Sünde (einen Begriff den man natür­lich in unser­er Kul­tur erset­zen muss) dann Salon fähig macht.

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    • Peter Bruderer

      Danke Udo für den tre­f­fend­en Bibelvers!

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    • Alin

      Hochin­ter­es­sant. Wie immer extrem gut recher­chiert und argu­men­tiert. Mir stellt sich die Frage, für wie viele lib­erale The­olo­gen so eine Ratio­nal­isierung des eige­nen sünd­haften Lebens durch ihre The­olo­gie noch nach­weisen lässt. Bibel­treue The­olo­gen und Pas­toren sündi­gen trotz ihrer The­olo­gie. Lib­erale wegen ihrer The­olo­gie.

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