WARUM POSTEVANGELIKALE THEOLOGEN AN IHREM VORBILD ZWEIFELN SOLLTEN
Paul Tillich zählte zu den berühmtesten Theologen des 20. Jahrhunderts. Wenig bekannt ist sein zügelloses Sexualleben, welches dem Anschein nach auch übergriffiges Verhalten beinhaltete. Trotzdem wird Tillich derzeit wieder populär gemacht, unter anderem auch von postevangelikalen Theologen, die sich sonst gerne als Vorkämpfer gegen Sexismus und Grenzverletzungen präsentieren. Blenden sie die Frage nach einer möglichen Verbindung zwischen dem Lebensstil von Tillich und seiner Theologie aus? Kann einer im christlichen Glauben Gestrandeter heutigen Gläubigen und Kirchen unkritisch als Vorbild dienen?
Was in eingeweihten Kreisen ein offenes Geheimnis war, wurde 1973 mit der Veröffentlichung der Memoiren von Hannah Tillich auch der breiten Öffentlichkeit bekannt. Darin berichtet die Witwe des 1965 verstorbenen «Rockstars» der Theologie und Philosophie von ihrem Leben an der Seite ihres berühmten Ehegatten.[1] Das Buch sandte Schockwellen aus und brachte Tillich, der 1959 das Cover des Time Magazine gezierte, ein weiteres Mal in die Schlagzeilen.[2] Hannah Tillich (1896–1988) präsentiert ihren Mann als Person, deren Promiskuität scheinbar keine Grenzen kannte. Die Zeitschrift «Der Spiegel» fasste die Schockwirkung damals folgendermassen zusammen:
«Daß er es jedoch so toll getrieben haben soll, wie seine Witwe jetzt behauptet, verstört und verletzt die weltweite Schar der Tillich-Jünger.»[3]
Ich habe länger gezögert, diesen Artikel zu veröffentlichen. Seit über drei Jahren liegt er in meiner Schublade. Warum sollte man die Sünden eines längst verstorbenen Mannes wieder aufwärmen? Sollte man sich nicht um den Balken im eigenen Auge kümmern, anstatt den Splitter bei anderen anzuprangern? Gibt es nicht kompetentere Leute, die über Tillich schreiben könnten?
Der Grund, weshalb ich mich dennoch für die Publikation entschieden habe, ist folgender: Paul Tillich und seine Theologie haben sich seit der Veröffentlichung eines Beitrags in der Worthaus-Mediathek als Fixstern am postevangelikal-theologischen Himmel etabliert. Damit erhält Tillich auch eine signifikante Ausstrahlung ins evangelikale Milieu. Ein Publikum, das neu mit Tillichs Theologie in Berührung kommt, soll in Bezug auf die Fragen, die sich aus seiner persönlichen Lebensführung ergeben, nicht im Dunklen gelassen werden.

Eine postevangelikale Renaissance
In der Theologie verhält es sich ähnlich wie in der Musik oder Mode. Trends lösen einander ab, während altbekannte Themen und Persönlichkeiten immer wieder eine Renaissance erleben. So ist es auch bei Paul Tillich (1886–1965).
In den vergangenen zirka 15 Jahren beginnen die theologischen Ideen von Tillich bei Aushängeschildern der Emergent-Church-Bewegung[4] wie zum Beispiel Brian McLaren[5], Rob Bell[6] oder Tripp Fuller[7] wieder zu zirkulieren. So wies ein Gastbeitrag auf dem Blog von Tripp Fuller im Jahr 2013 auf die vielen Parallelen zwischen der Theologie von Paul Tillich und den Inhalten des Rob-Bell-Buches «What We Talk About When We Talk About God» hin.[8] In einem weiteren Artikel aus dem Jahr 2014 würdigt Brian McLaren Tillich, indem er ihn mit einem Arzt vergleicht, der einem Patienten eine anspruchsvolle, aber dringend notwendige Chemotherapie verschreibt.[9]
Ähnliche Töne sind bei den heutigen Erben der Emergent-Church-Bewegung zu hören, die sich in den postevangelikalen Netzwerken sammeln. So begründet beispielsweise der bekannte Songwriter Martin Pepper im Jahr 2018 seinen Eintritt in die Evangelische Kirche in Deutschland unter anderem mit Paul Tillich. In einem Facebook-Post erklärt er, er habe sich «mit Faszination durch die Systematische Theologie von Paul Tillich» durchgearbeitet und «autodidaktisch alle wichtigen Veröffentlichungen von ihm mehrfach durchgearbeitet».[10]
Der Theologe Thorsten Dietz hat im Jahr 2020 das Wirken von Tillich in einem ausführlichen und vielgesehenen Beitrag auf dem Worthaus-Portal präsentiert. Damit liegt er möglicherweise (mit) am Ursprung der kleinen Tillich-Renaissance im deutschsprachigen, postevangelikalen Milieu.[11]
Auch Martin Thoms, das jüngste Mitglied in der postevangelikalen Elite, hat Tillich gelesen und dabei erkannt: «Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.» Denn «Gott ist die Tiefe des Seins.».[12]
Zuletzt hat der junge Theologe Manuel Gräßlin in seinem vielbeachteten Buch «Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist» (2026, SCM Brockhaus) in die Lobeshymne auf Paul Tillich eingestimmt. Als Pastor einer ICF-Gemeinde kann Gräßlin dem evangelikalen Milieu zugerechnet werden. In seinem Buch bezeichnet er Tillich als «großen Theologen des 20. Jahrhunderts» und basiert seine eigenen Gedanken über Zweifel auf dessen «klugen theologischen Überlegungen».[13]
Der «Geist von Tillich» scheint in unseren Tagen also neu erwacht zu sein. Das erhöhte Interesse an Tillich kommt wohl nicht von ungefähr: Während seiner langen und umfangreichen Laufbahn prägte er Ideen zu Themen, die auch von Vertretern der postevangelikalen Bewegung priorisiert werden. In seinem Vortrag greift Dietz eines dieser Themen auf: die „Rechtfertigung des Zweiflers”. Postevangelikale kritisieren den aus ihrer Sicht schlechten Umgang ihrer ehemaligen, evangelikalen Heimat mit Zweifel. Und Tillich gibt ihnen das, wonach sie suchen. In seiner Lehre präsentiert Tillich das Zweifeln als Ausdruck wahrer, tiefer Religiosität und kritisiert das Argumentieren für die Existenz Gottes als Ausdruck falscher Religiosität. Das Absolute war für ihn ein Idol.[14] Damit befinden wir uns mitten in den aktuellen Diskussionen um Glaubensdekonstruktion. Paul Tillich scheint diese Diskussion bereits vor hundert Jahren vorweggenommen zu haben.
Tillichs ethische Überlegungen sind ebenfalls von Interesse. Er lehnt eine statische Regelmoral ab und befürwortete eine auf Liebe basierende, adaptive und sich stets transformierende, situative Ethik. Auch hier finden sich wichtige Anknüpfungspunkte für Postevangelikale, welche meistens die Sexualethik ihrer früheren Kirchen hinter sich lassen wollen.[15]
Ein weiteres interessantes Element ist die biografische Entwicklung von Tillich. Der junge Tillich mit seiner eher konservativen Ethik und Theologie verändert sich zu einem «Mann von Welt» mit einer Offenheit für andere Religionen und Weltanschauungen, der über den Glauben in der Sprache seiner Zeit spricht. Diese Veränderung entsteht, weil Tillich die Frage beschäftigt, wie wir in einer säkularen Gesellschaft Spiritualität leben können ohne religiösen «Ballast». Er sass mindestens genauso gerne bei den Philosophen wie bei den Theologen. Damit vollzieht Tillich eine Bewegung aus dem christlichen «Ghetto» heraus und in den zeitgenössischen Diskurs hinein, wie ihn sich viele Postevangelikale wünschen.
Tillich wird in seiner Zeit nicht nur unter Theologen, sondern auch im Fachbereich der Philosophie zu einer einflussreichen Gestalt. Er prägt auch die zunehmende Popularität östlicher Spiritualität im Westen erheblich mit. Auch hier gibt es eine Parallele zum Postevangelikalismus, in dem ein erhöhtes Interesse für östliche Konzepte der Spiritualität und des Denkens festzustellen ist.
In den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren wird Tillich so etwas wie eine Vaterfigur für die spirituelle Suchbewegung der 68er. Insbesondere müssen wir seinen Einfluss auf die Human Potential-Bewegung erwähnen, die ab den 1960er Jahren an der US-Westküste mit Meditation, Gruppentherapien, Drogenexperimenten und sexuellen Erlebnissen nach menschlicher Erfüllung und neuen spirituellen Erlebnissen strebt.[16] Ein Brennpunkt dieser Bewegung war das Esalen-Institut, wo Tillich in den Jahren vor seinem Tod auch Vorträge hält.[17]
Der Bruch mit den persönlichen Werten
Eine bedenkliche Tatsache lautet: Paul Tillich war ein notorischer Ehebrecher. Doch seine Jugendjahre sahen noch ganz anders aus. In seinem Worthaus-Vortrag erwähnt Thorsten Dietz, wie sich der junge Tillich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg als Mitglied der christlichen Studentenverbindung «Wingolf» dafür stark machte, Mitglieder, die im Bereich der Sexualität Fehltritte begangen hatten, auf Lebzeiten auszuschliessen.[18]
Dietz stützt sich dabei auf eine neuere Forschungsarbeit über die jungen Jahre Tillichs.[19] Diese von Samuel Andrew Shearn verfasste Arbeit zeigt, wie der junge Tillich einerseits versuchte, sich vom Schatten seines konservativen Vaters zu lösen, andererseits aber in einer rigiden Moral die Hoffnung auf den Zusammenhalt der Studentenverbindung sah. Es war eine Zeit, in der Einheit aufgrund theologischer Streitigkeiten nicht mehr in den Dogmen gefunden werden konnte. Der junge Tillich sah in einer rigiden Moral den Kitt für den Zusammenhalt der Verbindung. Die Gesundheit eines Organismus, so Tillich, sollte dadurch sichtbar werden, dass er fähig ist, «Fremdkörper auszuscheiden».[20] Mit anderen Worten: Der Leib Christi muss für seine eigene Gesundheit sorgen, indem beispielsweise die Einhaltung einer christlichen Sexualmoral sichergestellt und Menschen nötigenfalls aus der Gemeinschaft entfernt werden.
Es sieht so aus, als habe sich Tillich selbst bis zu seinem achtundzwanzigsten Lebensjahr, als er kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs seine erste Ehefrau Margarethe („Grethi”) Wever heiratete, an ein striktes sexualmoralisches Prinzip gehalten. Er heiratete als «Jungfrau».[21]
Doch wie Thorsten Dietz erläutert, hat der Dienst in der Militärseelsorge im Ersten Weltkrieg bei Tillich seine Spuren hinterlassen. In dieser Zeit entwickelte sich ein «neuer» Tillich, welcher gemäss Dietz den Schatten seines konservativen Vaters ganz abgeschüttelt und sich endgültig von den «engen» Glaubenssätzen seiner Jugendjahre befreit hat.
Zweifellos war der Erste Weltkrieg ein traumatisches Erlebnis für Tillich, wie für viele andere auch. Gewalt, Aggression, Trauer, Ängste, Verlust, Trennung und Entfremdung sind Begriffe, die in diesem Zusammenhang fallen, ebenso wie die entsprechenden Belastungen bei den Frauen, die lange Jahre im Ausnahmezustand funktionierten.[22] Doch das Erleben eines Krieges bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich eine Person genau in diese oder jene Richtung entwickeln wird.
Ich persönlich bin der Meinung, dass ein weiteres Ereignis im Leben Tillichs unmittelbar nach dem Krieg von ebenso einschneidender Bedeutung für seine theologische Entwicklung sein könnte. Denn in den Jahren 1919–1924 durchbricht Tillich seine früheren Werte im Bereich der Sexualität mit einer Konsequenz, die sprachlos macht.

Sexuelle Grenzüberschreitungen
Um diesen Bruch im Leben Tillichs zu verstehen, muss man die Memoiren seiner Frau Hannah lesen.[23] Darin berichtet sie, wie sie unmittelbar nach Kriegsende im Februar 1919 eine Affäre mit Paul Tillich beginnt.[24] Hannah ist zu diesem Zeitpunkt bereits verlobt und Paul Tillich ist mit Grethi verheiratet. Doch «Grethi» hat während des Krieges selbst eine Affäre und wird schwanger. Die Ehe von Paul Tillich steht vor dem Aus.
Nun legt Tillich das gleiche Verhalten an den Tag wie seine untreue Ehefrau. Wöchentlich trifft er sich mit Hannah für eine gemeinsame Nacht. Doch die Affäre führt vorerst nicht dazu, dass Hannah sich von ihrem Verlobten trennt. Sie heiratet ihren Verlobten Albert, verspricht Tillich jedoch, ihn «binnen einem Jahr» zu verlassen.
Bereits kurz nach der Hochzeit nutzt Hannah einen Vorwand, um sich wieder mit Paul treffen zu können. Sie verbringen eine «Nacht der Nächte» zusammen und die Beiden treffen sich auch weiterhin, nachdem Hannah von ihrem Ehemann Albert schwanger geworden ist. Als Hannah eines Tages wieder zu Paul geht, stellt sich bei ihrer Ankunft heraus, dass in der Nebenkammer bereits eine weitere junge Dame auf Paul wartet: eine Studentin, die bei ihm Nachhilfeunterricht genommen hat. Die Studentin attackiert die schwangere Hannah sofort kreischend und kratzend. Es wird endgültig klar: Paul Tillich sieht es mit der Treue locker.
Schlussendlich lassen sich sowohl Hannah wie auch Paul von ihren ersten Ehepartnern scheiden und heiraten einander. Doch das, was eigentlich die Hochzeitsnacht werden soll, wird für Hannah zur Katastrophe. Paul eröffnet ihr auf dem Weg nach Hause, dass er sich mit seinem guten Freund «Dox» zu einer noch nicht erfolgten Junggesellenparty verabredet hat. Dieser Dox war, wie Hannah lakonisch bemerkt, der Mann, der Pauls erste Ehefrau verführt hatte, während Paul an der Kriegsfront war.[25] Die perfekte Hochzeitsnacht war für Paul Tillich also eine rauschende Party zusammen mit dem Verführer seiner Ex-Frau und weiteren Damen mit eindeutiger Absicht, die ebenfalls an dieser unzeitigen Junggesellenparty teilnahmen.
Ich möchte an dieser Stelle gar nicht erst anfangen, ein solch respektloses Verhalten im Detail zu analysieren.
Hannah und Paul Tillich führen ihr Leben lang eine «offene Beziehung». In ihrem Buch spricht Hannah Tillich ausführlich über Dreiecksbeziehungen, Swinger-Erfahrungen und vieles mehr. Paul pflegt in den Städten die Rotlichtviertel aufzusuchen, um seinen pornografischen Neigungen nachzugehen. Doch bezahlt habe er gemäss Hannah nie für Sex.[26] Für Sex zu zahlen, war für Tillich nicht nötig. Er hatte als Professor mit zunehmendem Ruf genügend Damen in seinem Umfeld, welche er aktiv umgarnte und die sich ihm, wie es scheint, immer wieder willig hingaben. Zu den Objekten seiner Begierde gehörten insbesondere auch Studentinnen in seinen Klassen. Das Muster, diese zu verführen, lässt sich von seiner ersten Dozententätigkeit an der Universität Berlin bis zu den ruhmreichen Tagen in den USA verfolgen.[27]
Die sexuellen Beziehungen von Tillich sind in aller Regel wohl einvernehmlich. Wir müssen aber davon ausgehen, dass Paul Tillich in einzelnen Situationen auch übergriffig wurde. So soll Reinhold Niebuhr, der bekannte Theologe, der Tillich vor dem zweiten Weltkrieg von Deutschland in die USA holte, von einem Fall sexueller Nötigung durch Tillich berichtet haben. Laut dem Niebuhr-Biografen Richard Fox waren die endlosen Affären Tillichs mit ein Grund, weshalb sich Niebuhr zunehmend von diesem entfremdete:
«Tillich war schon seit Jahren in eine Serie sexueller Eskapaden verwickelt. Er war nicht nur seiner Frau Hannah untreu, sondern auch überschwänglich und zwanghaft promiskuitiv. Einmal schickte Niebuhr eine seiner Studentinnen zu Tillich, um ihn während seiner Sprechstunde zu besuchen. Er empfing sie freundlich, schloss die Tür und begann, sie zu befummeln. Sie berichtete Niebuhr von dem Vorfall, der Tillich nie verzieh.» [28]
Es ist kein schönes Bild, das sich hier präsentiert. Tillich, der als junger Theologe noch für eine konservative Sexualmoral eintrat, mutierte zu einem Fall für «#MeToo» und bleibt es zeitlebens. Die Quellenlage bestätigt auf jeden Fall das Bild eines Mannes, der seine Machtstellung als Professor ausnutzte, um seine sexuellen Triebe zu befriedigen. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass er dafür Gewissensbisse oder Reue empfand oder einen Grund sah, sein Verhalten zu ändern. Wichtiger als das Ergehen seiner Sexpartnerinnen war Tillich aber sein eigener Ruf. Er bemühte sich sichtlich darum, dass dieser gewahrt blieb.[29]
Allein die Ereignisse rund um die Heirat von Paul und Hannah sind haarsträubend. Diese Ereignisse fanden nicht in den weltoffenen 60ern statt, als sich eine liberale theologische Elite sich eifrig in die sich anbahnende sexuelle Revolution einbrachte. Sie ereigneten sich zu einer Zeit, in der die weltweite Kirche noch klare konservative Ansichten in Fragen der Sexualethik vertrat und die progressiven gesellschaftlichen Elemente der Weimarer Republik (1918–1933) noch keinen Einfluss auf die Kirchenlehre hatten. Tatsächlich gab es im Freundeskreis von Tillich die Sorge, das Gerede über seine Affären könnten zu seinem Ausschluss aus der Kirche führen.[30] Aus meiner Sicht greift damit das Argument zu kurz, Tillichs Verhalten sei rein kultur- oder zeitbedingt gewesen.
Man könnte die Schilderungen Hannahs in Zweifel ziehen als die Darstellung einer verbitterten Ehefrau, die mit ihrem verstorbenen Mann abrechnen will und ihm Geschichten unterjubelt. Doch die Erzählung von Hannah ist glaubwürdig, weil sie sich selbst auch nicht schont. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie die Ehe selbst auch nicht als exklusives Verhältnis leben wollte. Die verheerendenAuswirkungen von Tillichs Verhalten auf Hannahs Gemüt liegen dennoch auf der Hand und machen sich ihren Memoiren immer wieder bemerkbar. Sie war es, die den seelischen Preis für Pauls Hunger nach Ruhm, Ehre und sexuellen Erfahrungen bezahlte.
Ein scheinbar unentbehrlicher, «modernen Heiliger»
Angesichts der Faktenlage ist es verwunderlich, dass die Theologengilde auch heute, im Zeitalter von «#MeToo», diesem wichtigen biografischen Element im Leben von Paul Tillich keine Aufmerksamkeit zu geben scheint. So hört man im über zweistündigen Worthaus-Vortrag von Thorsten Dietz keine Hinweise auf die Veranlagung Tillichs und deren potenzielle Wirkung auf die Opfer, auf sein familiäres Umfeld und sein akademisches Wirken. Thorsten Dietz referiert sehr ausführlich und kenntnisreich über die Glaubensentwicklung von Tillich rund um den Ersten Weltkrieg und ergründet diverse Ursachen für Zweifel im Leben von Tillich. Doch nur in einem Nebensatz findet sich ein Hinweis auf mögliche Komplikationen im Privatleben:
«…er hat geheiratet und wieder geheiratet und es war nicht immer einfach…»[31]
Diese Formulierung reduziert ein hochgradig destruktives und grenzüberschreitendes Verhalten auf ein blosses «nicht immer einfaches» Beziehungsdrama. Damit wird der systematische Charakter von Tillichs Fehlverhalten – möglicherweise unabsichtlich – verharmlost. Es ist ein bemerkenswerter blinder Fleck, dass die sexuellen Grenzüberschreitungen Tillichs in einem so ausführlichen Vortrag unerwähnt bleiben – gerade bei einem Referenten, der sich an anderer Stelle um die Sensibilisierung in Fragen sexueller Grenzüberschreitungen bemüht hat.[32]
Andere Tillich-Kenner scheinen das zügellose Sexleben von Tillich ebenfalls zu relativieren. So meint Werner Schüssler, es könne «kein Aussenstehender beurteilen», was an den Geschichten von Tillich und Hannah wahr oder falsch ist.[33] Margot Hahl, eine Bekannte von Paul Tillich, meint, dass die Ehe zwischen Tillich und Hannah nicht «nach herkömmlichen Massstäben» beurteilt werden dürfe.[34]
Die international wohl bekannteste Tillich-Biografie wird 1976 von seinen Vertrauten Wilhelm und Marion Pauck publiziert. Sie scheint darauf ausgerichtet zu sein, die Wogen zu glätten, die durch Hannahs Memoiren entstanden sind. Paucks beschreiben Hannah als schwierige, unberechenbare und eifersüchtige Frau, die Paul oft verärgert und frustriert habe.[35] Gleichzeitig rücken sie Paul Tillich immer wieder in ein positives Licht. So heisst es, die Vielfalt seiner sexuellen Beziehungen sei in der «Aufnahmebereitschaft, Offenheit, Sensibilität und Wärme seines Wesens» begründet gewesen.[36] Sein verwerfliches Verhalten wird damit umgedeutet und zu einem integralen Element seiner Glaubwürdigkeit und seines Genies gemacht:
«Eben diese Schwächen in ihm, mit denen er sich letztlich in so überaus schmerzliche Weise versöhnt hatte, machten ihn so glaubwürdig und gleichzeitig so schwer zu fassen als schöpferischer Denker wie als Mensch.»[37]
Wer sich etwas mit der Thematik von Machtmissbrauch und Sexualität auseinandersetzt, weiss, dass alle Konfessionen und Glaubensrichtungen ihre Gefährdungen haben. Es ist gut, wenn auch im evangelikalen und freikirchlichen Milieu Missbrauchssituationen aufgeklärt werden und eine nötige Sensibilisierung stattfindet. Dabei sollen jedoch bei allen die gleichen Massstäbe angewandt werden. Im Fall von Paul Tillich scheint es fast so, als habe man sich in einer Theologengilde darauf festgelegt, dass seine Theologie zu wichtig und bedeutsam ist, als dass man sie durch die schmutzige Realität seines Privatlebens infrage stellen dürfte. Tillich scheint in eine ganz eigene Kategorie zu gehören. Er scheint dem Urteil von Normalsterblichen gänzlich entrückt und unantastbar zu sein. Die einzig angemessene Form, über ihn zu schreiben, scheint die Hagiografie zu sein, also das Schreiben über ihn als modernen Heiligen.
Woher kommt diese seltsame Blindheit in Bezug auf Tillichs sexuelle Grenzüberschreitungen? Ich sehe es folgendermassen: Man diskreditiert nicht gerne eine Person, deren Ideen man sich selbst zu eigen gemacht hat. Und bei Tillich haben sich so ziemlich alle bedient, die sich in den Geistesströmungen unserer Zeit als fortschrittlich, weltoffen oder mutig darstellen möchten.
Ein Stück weit ist es nachvollziehbar, dass wir unsere Vorbilder und Helden schützen wollen, manchmal auch da, wo es nicht mehr angebracht ist. In dieser Hinsicht stehen wir wohl alle in der gleichen Gefahr.
In der Causa Paul Tillich ist der schottische Theologe Donald M. MacKinnon[38] einer der wenigen, der deutliche Worte der Kritik findet. MacKinnon ist in den Jahren 1953/54 selbst Zuhörer in Tillichs Vorlesungen und macht 1975 in einem Aufsatz bemerkenswerte Aussagen:
«Wir müssen zugeben, dass Tillich gewillt scheint, seine unangefochtene Macht als Lehrer und als intellektueller Prophet dafür zu nutzen, Frauen in seinen Bann zu ziehen, von denen er viele offenbar verführt hat. Er erscheint als bewusst promiskuitiv, und in seiner Promiskuität mit einer kühlen Grausamkeit gegenüber seiner Frau.»
«Als seine Frau in ihrer Verzweiflung versuchte, eine Scheidung aufgrund von Ehebruch einzureichen, warf er sich vor ihr auf den Boden und bettelte sie an, dies nicht zu tun. Er spannte seine Freunde ein, um ihr klarzumachen, dass dies seine Karriere zerstören würde. Traurigerweise müssen wir feststellen, dass sich der ‘Mut zum Sein’, von dem Tillich schrieb, nicht dahingehend ausgewirkt hat, dass er bereit gewesen wäre, seine Karriere, seinen Status, seinen Ruf oder seine Sicherheit aufs Spiel zu setzen.»
«Es ist die berechnende und kunstvolle Verteidigung eines Lebensstils, bei gleichzeitiger ebenso kunstvoll verborgener Aufrechterhaltung dieses Lebensstils.» [39]
Meines Erachtens hat McKinnon die richtigen Beobachtungen gemacht. Wir müssen die Frage stellen, inwiefern Tillich sein eigenes unmoralisches Verhalten mit seiner Theologie gerechtfertigt, es «rationalisiert» hat.
Tillichs liberale Theologie als Rationalisierung seiner Unmoral
Jede Sünde ruft nach einer Antwort. Reue und Bekenntnis ist die Antwort, welche uns die Bibel aufzeigt und nahelegt:
«Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.» (1Joh 1,9)
Leider suchen wir Menschen manchmal nach anderen Antworten. Eine solche ist, dass wir uns einen Gott erdenken, der unser Verhalten toleriert. In diesem zweiten Fall wird die Theologie, also die Gotteslehre, an das Verhalten der Menschen angepasst. Auch diesen Vorgang beschreibt die Schrift und fällt ein klares Verdikt:
«Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht.» (1Joh 2,4)
Keiner beschreibt wohl einen derartigen Vorgang der selbstbezeugten Gotteserkenntnis, die an den offenbarten Geboten Gottes vorbei agiert, besser als Sam Keen.[40]Keen war Theologe, Schüler von Tillich und in den Siebzigerjahren eine wichtige Person am Esalen-Institut in Kalifornien:
«Als ich 13 war und voller wilder Haare, wusste ich jenseits jeden Zweifels, dass Jesus wiederkommen würde und das Millennium einläuten würde. Ich sehnte mich nach diesem Zeitalter jenseits der Ambiguität. Aber ich betete, dass Jesus warten würde, bis ich meine Jungfräulichkeit verloren hatte. Meine Gebete wurden erhört. Seither fällt es mir schwer, an die Wiederkunft zu glauben.» [41]
Eine sexuelle Erfahrung hat Keen dazu bewogen, Zweifel in Bezug auf bisher Geglaubtes zu entwickeln. Seine Theologie folgt nun seiner Biografie.
Tatsächlich stellt sich die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir uns einem Verhalten hingeben, das unseren bisherigen Moralvorstellungen widerspricht, uns aber auf mächtige und sinnliche Weise in seinen Bann zieht? Dann sind Fragen und Zweifel jedenfalls plötzlich sehr willkommen, denn sie können uns helfen, unser Verhalten zu legitimieren und unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Eine naheliegende Möglichkeit ist dabei auch, unser Gottesbild so anzupassen, dass es wieder zu unserer neuen, gelebten Realität passt.
Mir geht es nicht darum, Fragen und Zweifel grundsätzlich unter «Generalverdacht» zu stellen. Es gibt sehr wohl tiefe und berechtigte Fragen an Existenz und Glauben, denen unbedingt der nötige Raum gegeben werden soll. Es gibt aber eben auch rebellische oder legitimierende Fragen, die letztendlich nur das Ziel verfolgen, unangenehmen Wahrheiten auszuweichen.[42]
In seiner Forschungsarbeit dokumentiert Samuel Andrew Shearn die jungen Jahre von Paul Tillich bis ins Jahr 1919 und stellt in den Kriegsjahren 1914–1918 Veränderungen in Tillichs Theologie fest. Als Seelsorger an der Front musste Tillich das ganze Leiden und die ganze Desillusionierung einer Generation miterleben. Aus einem Tillich, der als Student liberale Zweifler ausschliessen wollte, wird in diesen Jahren gemäss Shearn ein Tillich, der selbst den Atheismus als berechtigte, «gerechtfertigte» Form des Glaubens sieht.[43] Shearn verortet ebenfalls in dieser Zeit die Entwicklung von Tillichs Ansicht, dass das Absolute eine Art Götze sei. Des Weiteren entwickelt sich bei Tillich in dieser Zeit eine tiefe Abneigung gegenüber «Selbstaufgabe» und «Beugung». Tillich bekennt sich zunehmend zur Autonomie des Menschen.[44]
Auch die Biografen Pauck verorten die grosse Wandlung Tillichs in den Kriegsjahren. Er habe sich niemals wieder von seinem «ungeheuren Leiden angesichts des Todes» erholt. Die Biografen deuten auch an, dass Tillichs Ideale in Bezug auf eheliche Treue bereits in diesen Jahren zu erodieren beginnen. Er war, so berichten sie, «hin- und hergerissen zwischen flüchtigen Bekanntschaften, wie sie jeder Soldat leicht finden kann, und der einen ‘wahren Liebe’, die daheim wartete».[45]
Ich denke, wir sollten den sexuellen Dammbruch im Leben von Tillich – sein radikales Übertreten seiner bisherigen Sexualmoral – mitdenken, wenn wir über die Entwicklung von Tillichs Gottesbild, Theologie und Ethik nachdenken. Dieser Dammbruch hat seinen Ansatzpunkt schon in den Kriegsjahren, entfaltet aber seine volle Kraft in der Zeit unmittelbar danach. Erstaunlicherweise stellen die Biografen Pauck die Möglichkeit der «rationalisierten Unmoral» selbst in den Raum:
«Tillich gab seiner Schuld und Angst auf andere Weise Ausdruck: […] So verwendete er vielerlei Fragmente – seine Lebenskonflikte, seine Einsichten und Gedankensplitter aller Art – in höchst konstruktiver Weise zum Bau seines Systems»[46]
Die Spiritualisierung der sexuellen Grenzüberschreitung
Der mögliche Zusammenhang zwischen Tillichs Theologie und seinem Verhalten muss uns aus einem einfachen Grund interessieren: Die Theologie, die er im Laufe seines Lebens entwickelte, stellte seine übergriffige Promiskuität scheinbar in keiner Weise infrage, sondern rechtfertigte sie vielmehr subtil als spirituelle Erfahrung.
In seinem Buch «Love, Power, and Justice» definiert Paul Tillich die Liebe als «das Streben nach der Einheit des Getrennten».[47] Es scheint, als sei diese Definition für Tillich auch ein sexuelles Programm gewesen. Ein Heiliger ohne Libido würde «aufhören Kreatur zu sein». Der Sexualtrieb sei ein Bestandteil auch der «geistlichsten Freundschaft» und des «asketischsten Mystizismus»[48]. Im Denken von Tillich scheint die Liebe in ihren verschiedenen Ausprägungen stets von einem Aspekt des sexuellen Begehrens und dem Streben nach sexuellem Vollzug mitbestimmt zu sein.[49] Ein Rezensent des Buches stellte berechtigterweise die kritische Frage: «Könnten nicht eine Vielzahl von zerstörerischen Handlungen unter dem Banner der Liebe gerechtfertigt werden?»[50]
Auch die Biografen Pauck haben sich die Frage nach den zerstörerischen Handlungen gestellt: «Hat er Ehen verhindert? Hat er Ehen zerstört?», fragen sie in ihrer Erörterung des ungezügelten Lebens Tillichs. Ihre Antwort lautet: «Er hat versucht, seine Schuldgefühle durch eine Regel zu dämpfen, die er mit den Jahren entwickelte: Es kommt nicht darauf an, was zwischen zwei Menschen geschieht, solange dieser Beziehung die ‘agape’ nicht fehlt.»[51]
Tillich rechtfertigte den Ehebruch mit einer spirituellen Erfahrungs-Dimension, die ihm sonst fehlen würde. Dieser Aspekt wird in den Ausführungen des Tillich-Schülers Rollo May sichtbar. Unmittelbar nach Erscheinen der Memoiren von Hannah Tillich präsentiert May im Buch «Paulus» seine eigene Darstellung von Paul Tillich und versucht, seinen Mentor wieder in ein positives Licht zu rücken. Es sei einfach Fakt, dass Tillich ein liebenswerter Mann von spiritueller und sinnlicher Neigung gewesen sei, erläutert er. Frauen hätten dies als höchst attraktiv empfunden. Tillichs Leben sei das klarste Beispiel eines «Eros in Aktion» gewesen. Die vielen Frauen, mit denen er Affären hatte, habe er immer in Berührung mit «höheren Sphären und Potentialen» gebracht. Er habe «genug Eros für alle» gehabt.[52] – Hierzu wäre allerdings anzumerken, dass die erotische Liebe nicht mit der selbsthingebenden göttlichen Agape-Liebe verwechselt werden darf.
Rollo May zitiert Auszüge aus Briefen, die Tillich an seine Geliebten schrieb. Diese zeigen deutlich, dass Tillich Spiritualität einsetzte, um Frauen für ein sexuelles Abenteuer zu gewinnen. Er verwendete dazu einen mit sexuellen Untertönen aufgeladenen christlichen Jargon. Ein beispielhafter Auszug aus einem dieser Briefe lautet:
«All meine Vitalität wird auferweckt, wenn ich an dich denke. Denk an mich an Ostermorgen! Wird der Stein je weggerollt werden? In unendlicher Liebe, P.» [53]
Rollo May möchte Tillich mit seinen Ausführungen in ein besseres Licht rücken. Bei uns sollten sie jedoch die umgekehrte Wirkung haben. Die Verwendung spiritueller Sprache zur Verführung überschreitet die Linie zum geistlichen Missbrauch. Es ist Spiritualisierung sexueller Grenzüberschreitung.
In religiösen Kreisen scheint die Berufung auf eine spirituelle Dimension einer der effektivsten Wege zu sein, mit denen sich Täter Zugang zu ihren Opfern verschaffen. Auf diese Weise scheint auch Tillich seine «Zielobjekte» zu bearbeiten. Sprachlich zeigen sich beispielsweise Parallelen zur übergriffigen erotischen Mystik des bekannten Arche-Gründers Jean Vanier (1928–2019) und seiner Mittäter.[54] Diese hatten theologische Argumente entwickelt, um ihre missbräuchlichen sexuellen Handlungen als geistliche Erfahrungen zu rechtfertigen. Der Untersuchungsbericht zu Jean Vanier und seinem Netzwerk offenbart in den Briefwechseln mit ihren Opfern die gleiche Anwendung spiritueller Sprache zur Gewinnung von Sexualpartnern. Die Synthese des Untersuchungsberichtes formuliert dies wie folgt:
«Jean Vanier erweckt offensichtlich die Leidenschaft der Frauen, die ihm schreiben. Es lassen sich zahlreiche spirituell zweideutige Briefe beobachten, die an der Grenze zwischen dem Fleischlichen und dem Geistlichen stehen. Die Liebesbriefe werden zu einer Neuformulierung des liturgischen Geheimnisses mit mehrdeutigen Formulierungen aus der Bibel als Subtext.»[55]
Einem unpersönlichen Gott ist keine Rechenschaft geschuldet.
Die Theologie von Paul Tillich ist komplex und umfangreich. Ich möchte mich an dieser Stelle nicht als Experte für sein Gesamtwerk präsentieren. Beim Eintauchen in seine Schriften haben sich mir seine Konzepte nicht immer vollständig erschlossen. Ich bin keineswegs der Einzige, dem es so ergangen ist.[56] Positiv ausgedrückt mag diese Unzugänglichkeit an der Innovationskraft Tillichs liegen. Er gab sich kaum mit bestehenden Konzepten zufrieden, sondern wollte als Grenzgänger zwischen verschiedenen Welten stets auch Neuland betreten.
Für mich ist aber klar, dass da ein Elefant im Raum steht, den manche partout nicht sehen wollen.
Aus meiner Sicht hört sich der «Mut zum Sein», von dem Tillich so gerne sprach, wie ein Hohn an, wenn man bedenkt, dass er scheinbar um jeden Preis seinen öffentlichen Ruf wahren wollte und alles Erdenkliche in Bewegung setzte, damit seine Affären nicht an der Öffentlichkeit diskutiert wurden.[57]
Ich möchte darauf hinweisen, dass die Theologie der «Rechtfertigung des Zweiflers» auch etwas mit dem Bedürfnis nach Gewissenberuhigung zu tun haben könnte, seine veränderte Ethik selbstverständlich auch etwas mit seinem Leben zu tun haben dürfte.
Zuletzt möchte ich auf den abstrakten und unpersönlichen Gott in den Beschreibungen von Tillich hinweisen. Es ist ein Gottesbild, welches den Menschen kein Gegenüber mehr bietet.
Neben den bekannten Büchern von Tillich hat mir ein kurzer Aufsatz von ihm geholfen, den er 1958 in der ‘Saturday Evening Post’ publizierte. Unter dem Titel «The Lost Dimension of Religion» gibt Tillich einen auch für Laien verständlichen Einblick in seine Gedankenwelt.[58]
In diesem Aufsatz beklagt Tillich den Verlust der «Tiefendimension» in der Religion. Wer diese Dimension wieder für sich entdecken möchte, solle laut Tillich nicht mehr im Bereich des christlichen Glaubens suchen, sondern in der zeitgenössischen Kunst, Literatur, Philosophie und Architektur. Tillich geht in dem Artikel hart ins Gericht mit allem, was «externe Sicherheit» biete. Besonders aufs Korn nimmt er dabei eine damals aufstrebende Galionsfigur der evangelikalen Bewegung: Billy Graham[59]. Dieser scheint für Tillich der Inbegriff dessen zu sein, was er verabscheut. Graham besitze zwar «persönliche Integrität», aber sein «primitiver Fundamentalismus» würde das geistliche Problem der Zeit nur verstärken und keine wirklichen Antworten geben. Tillich scheint richtiggehend frustriert zu sein, dass jemand die Frechheit besitzt, nicht nur Fragen zu stellen, sondern auch konkrete Antworten zu geben, biblische Geschichten nicht nur symbolisch zu deuten, sondern von ihnen als historische Fakten zu sprechen. Dass dieser Billy Graham dabei noch unglaublich populär war und die Stadien füllte, war für Tillich eine absolute Zumutung![60]
Das Interessante an Tillichs Aufsatz ist, dass er darin nie von einem Gott mit personalen Eigenschaften spricht, sondern von Gott als «Idee». Während die liberalen Theologen vor Tillichs Zeit zumindest noch an eine – wie auch immer geartete – «Vaterschaft Gottes» glaubten, scheint bei Tillich auch diese Sicht Gottes zu verblassen. Gott ist für ihn der «Ground of Being», der «Urgrund des Seins» – was auch immer er genau darunter verstand. Den geläufigen Konzepten über Gott stellt er die Formulierung «God above God» – «Gott über Gott» – entgegen. Dem christlichen Selbstverständnis von einem personalen Gott, der in der Geschichte handelt, seinen Willen durch das Reden seiner Propheten den Menschen offenbart und sein Wesen in Jesus Christus zeigt (vgl. Hebr 1,1), stellt Tillich einen Gott als Abstraktum entgegen, der sich all unseren Kategorien entzieht.
Vielleicht hätte sich Tillich eine Scheibe von der Integrität Billy Grahams abschneiden sollen, anstatt dessen Theologie mit dem Strohmann des «primitiven Fundamentalismus» zu bearbeiten. Vielleicht waren es genau die klaren moralischen Vorstellungen dieses scheinbar «primitiven Fundamentalismus», die Billy Graham sein Leben lang davon bewahrt haben, seiner Frau untreu zu werden. Die bekannte «Billy-Graham-Regel»[61], welche verheirateten Männern abrät, Zeit allein mit anderen Frauen zu verbringen, wird zwar immer wieder kritisiert, war für Graham aber ein wirksamer Selbstschutz. So bewahrte sie ihn davor, Zerstörung in sein eigenes Leben und das Leben anderer zu bringen.[62]
Auch Tillich sollte zu Lebzeiten seine Kritiker finden. So übte der Theologe Nels Ferré[63] im Jahr 1957 im «Scottish Journal of Theology» deutliche Kritik an Tillichs entpersonalisiertem Gottesbild.[64] 1963 erschien zudem die erste mir bekannte Kritik in Buchlänge. Der Theologe Kenneth Hamilton[65] kam darin zu dem Fazit, dass Tillich «ein moderner Gnostiker» sei, dessen theologisches System dem traditionellen Christentum nur in oberflächlichen Belangen gleiche. Tillichs System als ein Ganzes wahrzunehmen, bedeute demnach, zu erkennen, dass es «mit dem christlichen Evangelium inkompatibel» sei.[66]
Wenn man dieses deutliche Fazit liest, fragt man sich, was Tillich für eine neue Generation von Theologen und christlichen Influencern so interessant macht? Für mich selbst ist klar, dass eine wahrhaft christliche Theologie auf dem in der biblischen Offenbarung dargelegten Theismus aufgebaut sein muss. Der personale, gleichzeitig immanente und transzendente Gott der Bibel kann nicht gegen einen nichtpersonalen oder rein immanenten Gott ausgetauscht werden, ohne dass die Botschaft des Christentums in ihrem Kern verloren geht. Doch genau dies hat Tillich meines Erachtens vollzogen. Für Tillich mag diese Gottesvorstellung einen Vorteil gehabt haben: Einem unpersönlichen Gott ist man keine Rechenschaft schuldig. Es ist diesem egal, was man im Bett oder im Vorlesungssaal alles so treibt.
Wir müssen aber auch das Andere erkennen: Mit einem unpersönlichen Gott kann man nicht ringen. Er gibt uns keine Antworten auf unsere Fragen. Wir können keine hoffnungsvollen Gebete oder enttäuschte Klagen an ihn richten. Wir können diesem Gott auch nicht danken und ihn nicht anbeten. Er kann uns auch nicht vergeben und auch nicht lieben. Er entzieht sich uns und verschwindet im Nebel. Der Mensch verliert sein Gegenüber und ist auf sich selbst zurückgeworfen und allein.
Der evangelikale Denker Francis Schaeffer[67], der zur gleichen Zeit wie Tillich wirkte, berichtet tatsächlich, dass Tillich auf die Frage nach dem Gebet geantwortet habe, er bete nicht mehr, sondern meditiere.[68] Der personale, ansprechbare Gott ist im Leben des alternden Tillich nicht mehr greifbar.
Die Reise nach Osten weg vom Christentum
Die neuen Wege der Gottessuche entpuppten sich bei Tillich ebenso wie bei vielen seiner Schüler als eine Reise nach Osten, hin zu Buddhismus und Hinduismus.
Tillichs letzter öffentlicher Auftritt macht deutlich, wo er die Zukunft von Theologie und Glauben sah. In einem Vortrag an der Universität von Chicago stellte er sich sowohl gegen die Neo-Orthodoxie von Karl Barth als auch gegen die neuen Vertreter der Gott-ist-tot-Theologie.[69]
Tillich hatte mit seiner Ablehnung eines traditionellen Theismus die Gott-ist-tot-Theologie wesentlich inspiriert, und deren Vertreter beriefen sich nachvollziehbarerweise auf ihn.[70] Doch in den Jahren vor seinem Tod verschob sich sein Interesse zunehmend weg von einer säkularisierten Religion hin zu nichtchristlichen religiösen Erlebnissen.
Der Religionshistoriker Mircea Eliade[71], der ein guter Freund von Tillich war, spricht in einem Nachruf auf Tillich von einer «tiefen Anziehung zu nichtchristlichen Religionen».[72] Tillich habe «keine Angst gehabt vor der Eigenartigkeit und manchmal fast dämonischen Ausdrucksform» religiösen Erlebens.[73]
Viele der geistigen Kinder Tillichs würden den Weg beschreiten, den dieser vorgespurt hatte: den Weg in die Welt der nicht-theistischen Spiritualität. Mit im Gepäck hatten sie Tillichs sexuelle Präferenz – die «freie» Liebe – und neue spirituelle Katalysatoren wie LSD.[74]
Aus dem Bericht seiner Frau Hannah über die letzten Tage von Paul Tillich wird deutlich, wie sehr der Kern seines christlichen Glaubens wohl verloren ging.[75] Tillich interessierte sich im Angesicht des nahenden Todes für das tibetanische Buch der Toten[76]. Hannah, die selbst mehr mit östlicher Spiritualität und Esoterik anfangen konnte als mit dem Christentum, habe ihn angesichts seines bevorstehenden Todes damit getröstet, dass seine Gedanken die «Substanz des Kosmos» verändert hätten und dass er in den «Kreis der geistlichen Kräfte» eintreten würde, welche das Antlitz der Erde verändern. Trotzdem bringt Hannah ihrem Mann seine Bibeln ans Sterbebett. Doch er wollte nicht, dass ihm aus der Bibel vorgelesen wird. Hannah Tillich berichtet wie folgt:
«Seit er krank war, hatte ich nichts ins Spital mitgebracht, ausser seinen Bibeln – ein kleines griechisches Neues Testament, eine deutsche Bibel, die ihm schon seit seinem ersten Lebensjahr gehörte, und eine englische Ausgabe. Ich hatte gehofft, ihm aus der Bibel vorzulesen, wenn er unruhig wurde, falls er das von mir wünschte, aber er hatte die griechische Ausgabe nur ein einziges Mal mit seiner gebrechlichen Hand berührt. Er wollte die anderen Bibeln nicht sehen und sich auch nichts daraus vorlesen lassen. Ich war froh darüber. Er gehörte zur Welt, zum Kosmos, nicht zu einem einzigen Buch.»[77]
Hannah war klar, dass ihr sterbender Mann nicht mehr einer einzelnen Glaubensgemeinschaft und deren Schrift angehörte. Er gehörte zur Welt, zu den unergründlichen Tiefen des Kosmos.
Die Reinwaschung einer Biografie
Interessanterweise lesen sich die Todesstunden von Tillich in der Biografie des Ehepaars Pauck befremdlich anders als bei Hannah:
«Heute ist mein Sterbetag», sagte er [Paul]. Äusserst geschwächt, ergriff er das griechische Neue Testament, das sie mit einer deutschen Bibel, seinem kostbaren Besitz, an sein Bett gebracht hatte. Er bat sie zu verzeihen, wo er gefehlt habe. Gemeinsam sprachen sie dann ein kleines deutsches Gedicht, das sie auf ihren Spaziergängen durch den East Hamptoner Garten aufzusagen pflegten; und die Gewissheit, dass sie das nie wieder zusammentun würden, füllte seine Augen mit Tränen. […] Die Krankenschwester half ihm, sich aufzurichten, er schob seine Beine über den Bettrand, liess sich dann aber auf die Kissen zurückfallen und verschied friedlich.»[78] (in Klammer: meine Ergänzung)
Paucks geben für diesen Text nur eine Quelle an: den Sterbebericht aus der Feder von Hannah Tillich.[79] Doch die Diskrepanz in Tonalität und Substanz der beiden Berichte ist offensichtlich. So suggeriert der Bericht des Ehepaars Pauck ein Interesse in die Bibel, während Hannah konkretes Desinteresse an der Bibel aufzeigt. Von einer Bitte um Verzeihung ist im referenzierten Text nirgends die Rede, ebenso wenig von einem gemeinsam aufgesagten Gedicht.
Paucks scheinen hier an einer Heiligsprechung Tillichs zu arbeiten. Sie betreiben eine Form von Hagiografie, welche ihren Freund für die Nachwelt in einem ganz bestimmten Licht zeigen soll. Dafür musste sein Lebensende offenbar in einem klassisch-christlichen Licht dargestellt werden, inklusive Bibelliebe, Busse und friedlichem Entschlafen.
Die Memoiren von Hannah Tillich sind dem gegenüber sicher sehr persönlich und subjektiv. Aber sie sind auch die einzige Quelle für viele der entscheidenden Momente im Leben von Paul Tillich. Diese Memoiren zeigen ein anderes Bild dieses «grossen» Theologen. So berichtet Hannah, wie ihr Mann vor seinem Tod noch einen Wunsch hatte: Hannah solle in seinem Büro aufräumen und unerwünschte Spuren seiner privaten Leidenschaften entfernen.[80] Nach dem Tod von Tillich machte sich Hannah ans Werk:
«Ich schloss die Schubladen auf. Alle Fotos der Mädchen fielen heraus, Briefe und Gedichte, leidenschaftliche Appelle und Zeugnisse von Abscheu. Neben den Schubladen, die seine geistige Ernte enthalten sollten, lagen die Bücher, die er geschrieben hatte, sowie die unveröffentlichten Manuskripte in einem wilden Durcheinander. Ich war versucht, zwischen die heiligen Seiten seines hochgeschätzten Lebenswerks jene obszönen Zeichen des realen Lebens zu legen, das er in das Gold der Abstraktion verwandelt hatte — König Midas des Geistes.» [81]
In der Welt von Tillich hatten offensichtlich sexuelle Perversion und theologische «Perfektion» in der gleichen Schublade Platz. Das sollte eigentlich zur Vorsicht mahnen, wenn wir uns heute aus eben dieser theologischen Schublade bedienen. Doch es scheint, als ob die Theologen lieber Hagiografie als Biografie betreiben, wenn es um Paul Tillich geht.
Ein doppelter Schatten
Der lange Schatten von Paul Tillich ist ein doppelter: Der eine Schatten ist die andauernde Wirkung seiner Theologie – bis in die heutige postevangelikale Renaissance hinein. Der andere Schatten ist die verdrängte, dunkle Seite seiner Biografie mit all den Fragen, die sich daraus ergeben. Deshalb wäre es auch angebracht, Tillich und seiner Theologie mit der einen Zutat zu begegnen, welche dieser selbst so grossgeschrieben hat: dem Zweifel.
Was nützt uns die «grossartige» Theologie Tillichs, wenn sie ihm keinen Anlass gab, sein eigenes destruktives persönliches Verhalten zu ändern? Warum brauchen wir sie, wenn sie Tillich möglicherweise eher Instrumente zur Rechtfertigung seines eigenen Handelns bot und er seine theologische Eloquenz gezielt als Instrument der Verführung einsetzte? Wozu Tillichs Ideen preisen, wenn sie bei ihm nicht Reue und Neuanfang, sondern Verheimlichung und Gesichtswahrung bewirkten? Wie sollen wir mit der Realität seiner geistlichen Wandlungen weg vom historischen christlichen Glauben umgehen? Es sind solche Fragen, denen wir uns stellen sollten. Ich will damit nicht sagen, dass ein Theologe, der eine gute biblische Theologie hat, keine Fehler macht und sündlos bleibt. Der Punkt ist aber, dass seine Theologie ihn dann wieder auf eine gute Bahn bringen kann. Bei Tillich verhält sich aber genau dieser Punkt anders. Und eine Theologengilde, welche ihr eigenes theologisches System auf Tillichs System aufgebaut hat, scheint bisher wenig Interesse an einer Beantwortung dieser Fragen zu haben.
Hannah Tillich erfüllte Pauls Wunsch, Spuren zu vernichten. Gemäss ihren Memoiren verbrachte sie nach seinem Tod zwei Tage damit, die professionelle Arbeit Tillichs von privaten Spuren vergangener Liebschaften und Laster zu befreien und Unerwünschtes dem Feuer zu übergeben. So wurde zumindest vorerst Tillichs letzter Wunsch erfüllt. Das Bild, das er von sich präsentieren wollte, wurde gewahrt.[82]
Theologen unserer Zeit scheinen ebenso diesen letzten Wunsch von Paul Tillich zu erfüllen. So wurde Paul Tillich im Sommer 2022 im Rahmen der Eröffnung des Marburger Theologie- und Diakonieweges ein Platz unter insgesamt 16 Persönlichkeiten der christlichen Theologie- und Diakoniegeschichte Marburgs zugewiesen. Mittlerweile wurde die Installation wieder ausser Betrieb genommen. Aber wie man im Internetarchiv einsehen kann, hielt sich auch hier die biografische Tafel und die abspielbare Audio-Biografie an das ungeschriebene Gesetz und präsentierte Tillich so, wie dieser es selbst gerne haben wollte: sauber und reingewaschen.[83]
Was würde man wohl dazu sagen, wenn Evangelikale heute Bill Hybels oder Ravi Zacharias wieder feiern, für diese Personen Gedenktafeln und dergleichen aufstellen, und dabei ihre Verfehlungen verschweigen oder verharmlosen würden? An dieser Stelle entsteht eine theologische Asymmetrie: Während die Instrumente der Dekonstruktion und der kritischen Biografie-Analyse bei konservativen Vorbildern konsequent angewandt werden, scheinen sie bei den intellektuellen Vaterfiguren der Liberalen seltsam stumpf zu bleiben. Es sollte aber mit gleichen Ellen gemessen werden!
Während Paul Tillich in den Publikationen unserer Tage einmal mehr als Meister tiefer Erkenntnisse heiliggesprochen wird, lässt das Schweigen über seine dunkle Seite die Menschen, welche Opfer seiner Triebhaftigkeit wurden, einmal mehr im Schatten verschwinden. Zudem werden durch dieses Schweigen dem aktuellen Diskurs wesentliche Informationen zur Einordnung und Bewertung seiner Theologie vorenthalten. Das «Genie» Tillich kann meines Erachtens nicht vom «Menschen» Tillich getrennt werden. Seine Lebensführung berechtigt zu ernsthaften Anfragen an seine Theologie. Ich hoffe deshalb, dass mein Beitrag einer neuen Generation von Theologen das Vergessene oder Verdrängte zugänglich macht und zu einem kritischeren Umgang mit Tillich und seinen Ideen führt.
Eines möchte ich mit allem Nachdruck betonen: Dieser biografische Einblick in das Leben von Paul Tillich darf kein Grund sein, uns selbst über ihn zu erheben. Wir alle «ermangeln des Ruhmes», den wir vor Gott haben sollten (Röm 3,23). Wir alle brauchen Gnade und sollten deshalb auf jeden Fall auch für andere Raum für Gnade haben, Neuanfänge zulassen, Menschen nicht zu «Gefangenen» einzelner Ereignisse in ihrem Leben machen, historische Zusammenhänge mitberücksichtigen und dergleichen.
Es gilt jedoch auch zu beachten, dass Lehrern in der christlichen Gemeinde – dazu zähle ich Theologen – eine besondere Vorbildfunktion zukommt (vgl. 1Pet 5,2–3; 1Tim 3,2–4). Im Fall von Tillich können wir nicht von Einzelereignissen sprechen. Von Reue kann kaum die Rede sein. Es liegt eine Systematik vor. Deshalb bin ich persönlich der Überzeugung, dass eine öffentliche Diskussion über seine Person oder eine Besprechung seiner Theologie mit der nötigen Transparenz hinsichtlich der ungeordneten, problematischen Seiten seines Privatlebens erfolgen sollte.
Wie seht ihr das? Für einen gesitteten Diskurs steht die Kommentarfunktion offen!
Titelbild: Paul Tillich (1886–1965), Credit: GRANGER — Historical Picture Archive / Alamy Stock Photo
[1] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973
[2] https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,908007,00.html (aufgerufen: 08.09.2026)
[3] https://www.spiegel.de/kultur/10–000-maedchenbeine-a-c4cb1d13-0002–0001-0000–000041843174 (aufgerufen: 08.09.2026)
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Emerging_Church (aufgerufen: 08.09.2026)
[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Brian_McLaren (aufgerufen: 08.09.2026)
[6] https://en.wikipedia.org/wiki/Rob_Bell (aufgerufen: 08.09.2026)
[7] https://trippfuller.com/ (aufgerufen: 08.09.2026)
[8] https://trippfuller.com/2013/03/12/rob-bell-out-of-the-process-tillichian-closet/ (aufgerufen: 08.09.2026)
[9] https://brianmclaren.net/q‑r-death-of-god/ (aufgerufen: 08.09.2026); Vergleiche dazu auch die Forschungsarbeit von Jeff Keuss, The emergent church and neo-correlational theology after Tillich, Schleiermacher and Browning, Scottish Journal of Theology / Volume 61 / Issue 04 / November 2008
[10] https://www.facebook.com/peppersongs/posts/pfbid0GaB2aj4e6wXrTja6qy2xB1orFevg46JbCH5abFQDWyhVHTw91EnF9nztwyB1yCCRl (aufgerufen: 08.09.2026)
[11] https://www.youtube.com/watch?v=3jNUruj8SgY – Aktuell über 15’000 Aufrufe! (aufgerufen: 08.09.2026)
[12] https://www.reflab.ch/am-puls-des-heiligen-martin-thoms/ (aufgerufen: 08.09.2026)
[13] Manuel Gräßlin, Theophobie — Warum Gott nicht sicher, aber gut ist, 2026, Kapitel «Glaube ohne Schlusspunkt»
[14] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, 2022, S167
[15] Vergleiche zum Beispiel den das Kapitel «Ethics in a Changing World» in: Paul Tillich, Morality and Beyond, 1963
[16] https://en.wikipedia.org/wiki/Human_Potential_Movement (aufgerufen: 08.09.2026)
[17] https://en.wikipedia.org/wiki/Esalen_Institute (aufgerufen: 08.09.2026)
[18] https://en.wikipedia.org/wiki/Wingolf (aufgerufen: 08.09.2026)
[19] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, 2022
[20] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S. 51–52
[21] Vgl. Alexander C. Irwin, Eros toward the World, Paul Tillich and the Theology of the Erotic, 1991, S. 104
[22] Vgl. zum Beispiel: Magnus Hirschfeld, Sittengeschichte des Weltkrieges, 1930
[23] https://www.amazon.com/Time-Hannah-Tillich/dp/0812817427 (aufgerufen: 08.09.2026)
[24] Andere Biografen verlegen den Beginn der Affäre ins Jahr 1920. Hannah Tillich jedoch datiert den Maskenball, an dem sie Paul Tillich kennenlernte, in den Februar 1919, also unmittelbar nach Kriegsende, Vgl. Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S83
[25] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, Zusammenzug aus den Seiten 83 bis 101. Anmerkung: Werner Schüssler nennt in seinem Buch Richard Wegener als den Freund von Tillich, der eine Affäre mit seiner ersten Frau Grethi hatte. «Dox» ist sein Übernahme. Vergleiche auch die Biografie von Pauck.
[26] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S175-177
[27] In ihrer Tillich-Biografie beschreiben Wilhelm und Marion Pauck über die Zeit als Privatdozent in Berlin, wie Paul Tillich sich in eine «Vielfalt erotischer Abenteuer stürzte», wobei die Frauen ihm «in den Cafés oder als Studentinnen in Vorlesungssaal und Seminar oder als Unbekannte auf dem Ball» begegnet seien. Siehe: Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S92
[28] Richard Wightman Fox, Reinhold Niebuhr – a Biografy, 1985, S257, eigene Übersetzung.
[29] Siehe dazu z.B.: Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S284 oder Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S190
[30] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S94
[31] https://youtu.be/3jNUruj8SgY?t=3229 (aufgerufen: 08.09.2026)
[32] Samuel Andrew Shearn, der Autor auf dessen Forschungsarbeit der Vortrag von Dietz massgeblich beruht, erwähnt diese Aspekte. Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S11-13. Zu den Beiträgen von Thorsten Dietz zum Thema des sexuellen Missbrauchs Vgl. z.B. sein Fachartikel dazu im Buch: Sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche – Wie Theologie und Kirche sich verändern müssen, Johann Hinrich Clausen (Hg.), 2022. Vgl. auch seine ausführliche Besprechung des Missbrauchsskandals bei den ‘Southern Baptists’ in den USA oder sein Podcast zusammen mit Tobias Faix über sexualisierte Gewalt.
[33] Werner Schüssler, Paul Tillich, 1997, S15
[34] Vgl. Werner Schüssler, Paul Tillich, 1997, S15
[35] Siehe z.B.: Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S98,102
[36] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S97
[37] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S102
[38] https://en.wikipedia.org/wiki/Donald_M._MacKinnon (aufgerufen: 08.09.2026)
[39] Vgl. Donald M. MacKinnon, Explorations in Theology 5, S129-137
[40] https://en.wikipedia.org/wiki/Sam_Keen (aufgerufen: 08.09.2026)
[41] Jeffrey J. Kripal, Esalen, America and the Religion of no Religion, 2007, S289, eigene Übersetzung
[42] Eine gute Ausdifferenzierung dazu hat Paul Bruderer in zwei Artikeln vorgenommen. Siehe hier: https://danieloption.ch/glaube/fragen-erlaubt-antworten-auch/ (aufgerufen: 08.09.2026) oder hier: https://danieloption.ch/zweifel/fragen-erlaubt-antworten-auch-teil‑2–2‑variante‑2/ (aufgerufen: 08.09.2026)
[43] [43] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S219,197
[44] Vgl. Samuel Andrew Shearn, Pastor Tillich – The justification of the Doubter, Samuel Andrew Shearn, 2022, S208,209
[45] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S63-64
[46] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S101
[47] Paul Tillich, Love, Power, and Justice: Ontological Analyses and Ethical Applications, 1954, S25, meine Übersetzung
[48] Paul Tillich, Love, Power, and Justice: Ontological Analyses and Ethical Applications, 1954, S33, meine Übersetzung
[49] Paul Tillich, Love, Power, and Justice: Ontological Analyses and Ethical Applications, 1954, S32, meine Übersetzung
[50] https://people.bu.edu/wwildman/tillich/resources/review_tillich-paul_love_power_justice.htm#Review_by_WGD (aufgerufen: 08.09.2026)
[51] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S100
[52] Rollo May, Paulus, 1973, S49ff
[53] Rollo May, Paulus, 1973, S53, meine Übersetzung
[54] https://www.christianitytoday.com/news/2023/january/jean-vanier-l-arche-abuse-sect-report-thomas-philippe-catho.html (aufgerufen: 08.09.2026)
[55] Synthesis of the Study Commission’s report mandated by L’Arche internationale: Control and Abuse, An investigationon Thomas Philippe, Jean Vanier and L’Arche, Jan 2023, meine Übersetzung
[56] Siehe zum Beispiel die unterhaltsame Anekdote im folgenden Vortrag des bekannten evangelikalen Autoren Walter Martin: https://www.youtube.com/watch?v=4HTYocC0mAs&t=2939s (aufgerufen: 08.09.2026)
[57] Die Biografen Pauck bezeichnen das grosse Bedürfnis nach Erfolg und Beifall als das eine, was sich in der Persönlichkeit von Tillich von Anfang bis Ende durchzieht. Siehe: Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S75,100
[58] The Saturday Evening Post, Adventures of the Mind, 1958: Paul Tillich, The Lost Dimension in Religion
[59] https://en.wikipedia.org/wiki/Billy_Graham (aufgerufen: 08.09.2026)
[60] 1957 sprach Billy Graham beispielsweise vor kumuliert einer halben Million Menschen in New York. Siehe: https://www.newsweek.com/billy-grahams-historic-nyc-crusade-inspired-thousands-827130 (aufgerufen: 08.09.2026)
[61] https://en.wikipedia.org/wiki/Billy_Graham_rule (aufgerufen: 08.09.2026)
[62] https://www.washingtonpost.com/lifestyle/style/the-billy-graham-rule-doesnt-honor-your-wife-it-demeans-her–and-all-women/2019/07/11/c1ac14e6-a380-11e9-bd56-eac6bb02d01d_story.html (aufgerufen: 08.09.2026)
[63] https://en.wikipedia.org/wiki/Nels_F._S._Ferr%C3%A9 (aufgerufen: 08.09.2026)
[64] Vgl. Nels Ferré, Three Critical Issues in Tillich’s Philosophical Theology, The Scottish Journal of Theology, X, No. 3 (Sept., 1957)
[65] https://www.wlupress.wlu.ca/Contributors/H/Hamilton-Kenneth-Morris (aufgerufen: 08.09.2026)
[66] Kenneth Hamilton, The System and the Gospel, Macmillan, 1963, S 205–207 und Umschlagtext
[67] https://de.wikipedia.org/wiki/Francis_Schaeffer (aufgerufen: 08.09.2026)
[68] Wiedergegeben aus: F. Schaeffer, Gott ist keine Illusion, 1977 (englische Erstausgabe 1968), S87
[69] Aus seinem Vortrag: «Deshalb müssen wir als Theologen zwei Barrieren durchbrechen gegen eine freie Annäherung an die Geschichte der Religion: die orthodox-exklusive und die säkular-ablehnende.» Paul Tillich, The Future of Religions, 1966, S83, eigene Übersetzung.
[70] So schreibt Thomas J. J. Altizer im Vorwort des Gott-ist-Tot Klassikers «The Gospel of Christian Atheism» (1967): «[…] it was Tillich who exersised the greatest theological influence on my work.» (S10). Vgl. auch: https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,941410–3,00.html
[71] https://en.wikipedia.org/wiki/Mircea_Eliade (aufgerufen: 08.09.2026)
[72] Paul Tillich, The Future of Religions, 1966, S32, eigene Übersetzung.
[73] Paul Tillich, The Future of Religions, 1966, S33, eigene Übersetzung.
[74] Als Beispiel kann Paul Lee, derAssistent von Paul Tillich in Harward genannt werden. Dieser war mit beteiligt am sogenannten ‘Good Friday Experiment’, einem spirituellen Drogenexperiment in der Marsch Chappel in Boston, 1962. Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Marsh_Chapel_Experiment (aufgerufen: 08.09.2026)
[75] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S222-224, eigene Übersetzung
[76] Dies deckt sich mit den Aussagen des Religionshistorikers Mircea Eliade, der beim alternden Tillich eine «tiefe Anziehung zu nichtchristlichen Religionen» feststellte. Siehe: Paul Tillich, The Future of Religions, 1966, S32, eigene Übersetzung.
[77] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S224. Übersetzung: Deepl. Englischer Originaltext: «I had not brought anything to the hospital since he had been ill, except his Bibles – a small Greek New Testament, a German Bible, which had been his from his first year of life, and an Englisch version. I had hoped to read from the Bible to him when he became restless, if he wished me to, but he had only once touched the Greek Version with his frail hand. He did not wish to see the other Bibles or to have the Bible read to him. I was glad. He belonged to the world, to the cosmos, not to one single book.»
[78] Wilhelm und Marion Pauck, Paul Tillich – Sein Leben und Denken. Band 1: Leben, 1977, S292
[79] Wilhelm und Marion Pauck verweisen in der Fussnote auf die Memoiren von Hannah, Seiten 219 bis 225.
[80] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S243
[81] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S241, eigene Übersetzung
[82] Hannah Tillich, From Time to Time, 1973, S243
[83] https://www.eh-tabor.de/de/forschen/marburger-theologie-und-diakonieweg (Aufgerufen am 24.03.2023). Zum Zeitpunkt der Publikation dieses Artikels ist die Webseite nicht mehr erreichbar. Gemäss Auskunft ist der Marburger Theologie- und Diakonieweges nicht mehr in Betrieb ist, weiss ich nicht. Jedoch kann der von Thorsten Dietz verfasste Text zu Paul Tillich sowie die dazu gehörende Audiodatei im Internetarchiv aufgerufen werden: https://web.archive.org/web/20230606034205/https://www.eh-tabor.de/de/forschen/marburger-theologie-und-diakonieweg






Gemini zur Frage, ob die Deutsche Paul Tillich Gesellschaft sich auf ihrer Webseite zu den moralischen Aspekten äussert:
Eine Untersuchung der Webauftritte der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft (DPTG) (paultillich.de bzw. paultillich.univie.ac.at) liefert folgendes klares Bild bezüglich Tillichs moralischen Verfehlungen und Eskapaden:
1. Ausblendung im offiziellen Auftritt der Gesellschaft
Auf den Webseiten der Paul-Tillich-Gesellschaft finden sich keine direkten Hinweise oder inhaltlichen Auseinandersetzungen mit seinen moralischen Verfehlungen, Affären, seinem Pornografie-Konsum oder den Enthüllungen seiner Ehefrau Hannah Tillich (From Time to Time, 1973).
Biografie & Chronik: Auf den Unterseiten zur Biografie wird die Ehe mit Hannah Werner (1924) als rein chronologischer Fakt gelistet. Weder die Umstände der Ehe noch Tillichs Lebenswandel in Berlin oder den USA werden dort problematisiert.
Fokus der Gesellschaft: Die veröffentlichten Artikel, Tagungsprogramme und Dokumente beschränken sich rein auf seine systematische Theologie, Kulturphilosophie, Exilgeschichte und Dialektik (z. B. Kulturphilosophie, Rechtfertigung und Zweifel, Religionsbegriff, Judentum).
2. Die historische Haltung der Gesellschaft zur Kausa Hannah Tillich
Die Abwesenheit dieser Themen auf der Webseite hat eine deutliche Vorgeschichte:
Historische Abwehr: Als Hannah Tillich 1973 ihre Memoiren veröffentlichte, in denen sie Tillichs unersättliche Affären, seine Bisexualität und seine Geheimarchive detailliert beschrieb, reagierte die deutsche Tillich-Gemeinde entsetzt.
Juristische Schritte: Die Deutsche Paul-Tillich-Gesellschaft versuchte damals sogar auf dem Rechtsweg, das Bekanntwerden und die Publikation biographischer Details zu verhindern bzw. einzudämmen.
Rezeption: Während der Enthüllungsskandal in den 1970er-Jahren in den Medien (wie dem SPIEGEL) breit diskutiert wurde, wählte die Tillich-Gesellschaft die Linie der Funktionstrennung: Werk und Systematik stehen im Vordergrund; das Privatleben wird schlicht ignoriert bzw. als irrelevant für den theologischen Gehalt eingestuft.
Fazit
Die offizielle Paul-Tillich-Gesellschaft blendet moralische Verfehlungen auf ihrer Plattform vollständig aus. Wer nach kritischen biographischen Aufarbeitungen zur Sexualethik oder Ehepraxis Tillichs sucht, wird auf ihren Webseiten nicht fündig, sondern muss auf externe Biografien und Feuilleton-Analysen (wie von Hannah Tillich, Wilhelm & Marion Pauck oder zeithistorischen Artikeln) zurückgreifen.
Theoblog.de hat meinen aktuellen Artikel aufgegriffen mit ergänzenden Informationen: https://theoblog.de/der-lange-schatten-von-paul-tillich/
Was für ein ausgezeichneter Artikel! Gerne mehr davon!
Herzlichen Dank!
Danke Peter!
Gut recherchiert und sehr erhellend…
Merci!
Lieber Peti!
Ein Meisterwerk! Danke! Ich glaube, dass dieser Beitrag sehr, sehr wichtig ist. Nicht nur in der ausschweifenden und unbiblischen Sexualethik, sondern auch im immer mehr in einen nicht-christlichen (Pan-)Theismus abdriftenden Glauben sehe ich Parallelen zur progressiven/postevangelikalen Theologie. Natürlich kann man nicht alle “über einen Kamm scheren”, das will ich auch nicht. Doch Ähnlichkeiten zu Tillichs moralischem Verhalten und zu seiner theologischen Entwicklung sind nicht von der Hand zu weisen.
DANKE, dass du so profund recherchiert und das der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hast. Die wahrscheinlich unzähligen Stunden, die in diesem Artikel stecken, lohnen sich! Sei dir dessen sicher!
Danke David. Das ist seher ermutigend. Ich bin tatsächlich an einem Folgeartikel dran, wo ich den Drift in Richtung nicht-christlichen (Pan-)Theismus weiterfolge. Arbeitstitel ist “Die Kinder Tillichs”. Soll sicher in den Sammelbänden von JESUS27 erscheinen und allenfalls auch noch hier auf dem Blog.
Ok, wir wissen jetzt, dass Tillich ein Dreckskerl war. Ob die Postevangelikalen diese Erkenntnis davon abhält, ihn weiter zu feiern, ist zu bezweifeln.
Luther und Calvin haben vermutlich die eheliche Treue ernster genommen, hatten aber dafür nachweislich Menschenleben auf dem Gewissen. Auch da gibt es nicht wenige, die die beiden deswegen diskreditiert sehen.
Man braucht auch nicht König David zu strapazieren, der bis zu seinem Tod ein „Mann nach Gottes Herzen“ und gleichzeitig ein Schuft war, um festzuhalten, dass Werk und Person zu unterscheiden sind.
David hat über seine sexuellen Verfehlungen Busse getan (Psalm 51). Darin unterscheidet er sich fundamental von einem Tillich. der sich eine Theologie zurechtgelegt hat, die sein Verhalten legitimierte.
David hat am Sterbebett Mordaufträge verteilt, seine Nachfolge nicht organisiert und damit seinen Söhne gegeneinander aufgebracht. Die „Musterung“, die 70.000 Leuten das Leben kostete, hatte David ebenfalls zu verantworten.
Und selbst wenn wir Salomo nehmen. Er versündigt sich im Alter — hurt gerade in geistlicher Hinsicht, wird dafür kritisiert und ist trotzdem mit mehreren Büchern ein Bestandteil des Kanons geworden.
Ich verteidige den Tillich nicht, aber die Bibel und die Kirchengeschichte ist voll von zweifelhaften Figuren, die trotzdem Autoritäten darstellen.
Das ist so. David hat aber auch akzeptiert, dass nicht er den Tempel bauen darf, weil er Blut vergossen hat.
David wurde „Mann nach dem Herzen Gottes“ genannt, weil seine grundlegende Ausrichtung Gott galt und er Gottes königlichen Auftrag erfüllen sollte – nicht weil er sündlos gewesen wäre. Seine Verbrechen wurden klar verurteilt, seine Buße war real, seine Vergebung war Gnade und seine bleibenden Folgen waren schwer. David ist sowohl ein Beispiel für echte Umkehr als auch ein Warnzeichen vor Machtmissbrauch und ein Hinweis auf die Notwendigkeit des vollkommenen Königs Jesus Christus.
Ich gestehe, dass ich Tillich nie gelesen habe. Er hat mich nicht interessiert. Diesen Artikel finde ich spannend und er zeigt zweierlei: Biografie und Theologie sind nahe beieinander. Und für den sog. Postevangelikalismus gilt: nichts Neues unter der Sonne: alles schon mal da gewesen. Theologisches Rückbildungsturnen unter Anleitung liberaler Therapeuten.
Danke lieber Peter für diesen Artikel. Er bestätigt mich einmal mehr darin, dass ich — landeskirchlich aufgewachsen, freikirchlich zum Glauben gekommen und nun seit vielen Jahren in der evangelischen Kirche tätig — theologisch klassisch evangelikal geblieben bin. Die Postevangelikalen sind mir noch nie geheuer gewesen. Zu viele faule Früchte sind daraus hervorgegangen, auch von solchen, die mal “on fire” waren und auf “dem Berg” studiert haben.
Vielen Dank für den sachlichen und interessanten Artikel! Ich laß letztens, dass Karl Barth und Paul Tillich bezüglich ihrer ehelichen Treue keine Vorbilder waren. Nun ist Barths Dreiecksbeziehung sicherlich noch eine andere Nummer als Tillichs entgleistes Sexualleben.
Mir fiel dazu die Warnung von Jakobus ein (Jak 3, 1+2): „Drängt euch nicht danach, Lehrer zu sein, meine Brüder. Ihr wisst ja, dass wir ‹als Lehrer› ein strengeres Gericht zu erwarten haben, 2 denn wir alle machen oft Fehler. Wer beim Reden keine Fehler macht, der ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen Körper im Zaum halten.“ Ob Tillichs Theologie weniger irrig gewesen wäre, wenn er treu gewesen wäre? Zumindest kann man sich kaum vorstellen, dass der Heilige Geist in seinem Leben besonders wirksam war. Wohin sein Credo führt sieht man: Weg von der biblischen Offenbarung, weg von dem biblischen Christus. Tillichs Glaube, in dem der Zweifel eine fundamentale Bedeutung hat, trägt weder im Leben noch im Sterben. Sein nicht gerade neuer Versuch, die Kluft zwischen christlichem Glauben und heutiger Lebenswelt (Lessings „garstiger breiter Graben“) zu überbrücken bleibt ein gefährliches Unterfangen, das bis heute zu einer neuen, kulturell angepassten Religion führt, die mit dem christlichen Glauben der Apostel, also der Leute, die
Christus persönlich erlebt hatten, nichts mehr zu tun hat und Sünde (einen Begriff den man natürlich in unserer Kultur ersetzen muss) dann Salon fähig macht.
Danke Udo für den treffenden Bibelvers!
Hochinteressant. Wie immer extrem gut recherchiert und argumentiert. Mir stellt sich die Frage, für wie viele liberale Theologen so eine Rationalisierung des eigenen sündhaften Lebens durch ihre Theologie noch nachweisen lässt. Bibeltreue Theologen und Pastoren sündigen trotz ihrer Theologie. Liberale wegen ihrer Theologie.