Fragen erlaubt. Antworten auch! (Teil 1/2)

Paul und Peter Bruderer
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‹Zwei­feln erlaubt. Glau­ben auch!› Die­ser erfri­schen­de Slo­gan begeg­ne­te mir kürz­lich auf dem super Blog der FCT-Kir­che aus Täger­wi­len. Der Spruch trifft den Nagel auf den Kopf in einer Zeit, in der ich oft von Leu­ten höre, die angeb­lich vor allem Fra­gen mögen, aber kei­ne Ant­wort wol­len.

Auch unter Theo­lo­gen begeg­nen mir ver­mehrt Men­schen, wel­che die Fra­gen mehr zu lie­ben schei­nen als die Ant­wor­ten. In einem span­nen­den Por­trait der refor­mier­ten Theo­lo­gin Sara Stöck­lin wird fest­ge­stellt, dass ihr ‹Fra­gen lie­ber sind als Ant­wor­ten›. Ob das nur die Sicht der Jour­na­li­stin ist, oder ob Stöck­lin sich selbst auch so sieht, weiss ich nicht. Aber die Aus­sa­ge sticht her­aus!

In eine ähn­li­che Rich­tung geht der kürz­lich auf dem Blog der refor­mier­ten Kir­che des Kan­tons Zürich erschie­ne­ne Arti­kel  ‹Glau­be ohne Ant­wor­ten› von Ste­phan Jüt­te. Der Arti­kel ist durch­drun­gen von Aus­sa­gen wie ‹ich weiss es nicht› oder ‹die­ses Chri­sten­tum hat kei­ne Ant­wor­ten›. Jüt­te scheint es sehr wohl zu sein in einer Welt mit vie­len Fra­gen und weni­gen bis kei­nen Ant­wor­ten. Das Chri­sten­tum wäre sei­ner Mei­nung nach viel span­nen­der, wenn es kei­ne Ant­wor­ten mehr prä­sen­tie­ren wür­de.

War­um sind uns Fra­gen manch­mal lie­ber als Ant­wor­ten? Eine Per­son kann ver­schie­de­ne Absich­ten ver­fol­gen, wenn sie Fra­gen stellt. Ich schla­ge fol­gen­de unvoll­stän­di­ge Liste von Absich­ten vor (Ich wür­de mich über Vor­schlä­ge von wei­te­ren Kate­go­ri­en freu­en!):

Gott-loses Fragen

Mein Stu­di­um zum Elek­tro Inge­nieur an der ZHAW Win­ter­thur war eine span­nen­de Zeit für mei­nen Glau­ben, weil ich vie­le Gesprä­che hat­te mit mei­nen nicht-gläu­bi­gen Freun­den. Ich erin­ne­re mich ger­ne an die leb­haf­ten und enga­gier­ten Dis­kus­sio­nen. Manch­mal ende­ten die­se Unter­hal­tun­gen mit Fra­gen eines Kol­le­gen, die schlicht nicht zu beant­wor­ten waren. Ich hat­te schnell den Ver­dacht, dass er sie nur des­halb stell­te, um sich Gott vom Leib zu hal­ten. Ich nen­ne das mal ‹gott-loses Fra­gen›: Fra­gen stel­len, um Gott auf Distanz zu hal­ten, also um Gott los­zu­wer­den.

Reaktionäres Fragen

Manch­mal wol­len die Leu­te nicht Gott, son­dern die vie­len gut gemein­ten aber viel­leicht wenig durch­dach­ten Ant­wor­ten von Chri­sten los­wer­den. Ein Weg, sich die vie­len mit­un­ter unbe­frie­di­gen­den Ant­wor­ten vom Leib zu hal­ten, ist, die Fra­gen mehr zu lie­ben als die Ant­wor­ten. Ich nen­ne die­se Art ‹reak­tio­nä­res Fra­gen›, weil man damit eine Gegen­re­ak­ti­on lebt zu einem Umfeld, das zu schnell und zu oft Ant­wor­ten zu lie­fern ver­sucht, die unbe­frie­di­gend sind.

Es könn­te sein, dass die Lie­be zu Fra­gen, wel­che wir bei Stöck­lin und Jüt­te sehen, in die­se Kate­go­rie gehört. Bei­de sind Theo­lo­gen. Ihre Vor­lie­be für Fra­gen kann also kaum zur ersten (‹gott-losen›) Kate­go­rie gehö­ren. Zumin­dest Stöck­lin hat einen ähn­li­chen frei­kirch­li­chen Hin­ter­grund, wie ich ihn habe. Ich weiss aus eige­ner Erfah­rung nur zu gut, wie schnell man in die­sen Krei­sen Ant­wor­ten geben will, wenn jemand Zwei­fel hat. Lei­der sind die Ant­wor­ten oft vor­schnell und wenig durch­dacht. In einem sol­chen Umfeld sind reak­tio­nä­re Fra­gen ein gutes und in gewis­sen Fäl­len wohl auch berech­tig­tes Mit­tel, um Schwä­chen auf­zu­zei­gen oder sich etwas ‹Luft› zu ver­schaf­fen.

Legitimierendes Fragen

Fra­gen zu stel­len kann aber schlicht und ein­fach auch damit zu tun haben, dass man gewis­se Ant­wor­ten nicht hören will. Die­se Art von Fra­gen wächst auf dem Nähr­bo­den eines beun­ru­hig­ten Gewis­sens und dient dazu, die­sem etwas ent­ge­gen­zu­stel­len. Tim Kel­ler bringt dies auf den Punkt im Zusam­men­hang mit der weit ver­brei­te­ten Pra­xis jun­ger Chri­sten, vor­ehe­li­chen Sex zu haben. Kel­ler berich­tet im Arti­kel von Derek Rish­ma­wy davon, wie ein ihm bekann­ter und alt­ge­dien­ter ‹Col­le­ge-Pastor› auf Glau­bens­zwei­fel vie­ler Stu­den­ten reagiert habe:

Als er mit ihnen über den Zustand ihres geist­li­chen Lebens sprach, mur­mel­ten sie etwas von den Schwie­rig­kei­ten mit dem Glau­ben, von Zwei­feln, die sie heg­ten, nach­dem sie ein biss­chen Phi­lo­so­phie-Unter­richt hat­ten oder ein paar Stun­den Natur­wis­sen­schaft. Jetzt sei ihr Glau­be in den Grund­fe­sten erschüt­tert. Wenn die Stu­den­ten an die­sem Punkt ange­langt waren, schau­te er sie an und stell­te ihnen eine Fra­ge: «Und — mit wem hast du in letz­ter Zeit geschla­fen?»

Was tun, wenn du dich einem Ver­hal­ten hin­gibst, wel­ches nach dei­nen bis­he­ri­gen Moral­vor­stel­lun­gen abzu­leh­nen ist, aber dich auf mäch­ti­ge und sinn­li­che Wei­se ein­nimmt? Dann sind Fra­gen und Zwei­fel auf ein­mal sehr will­kom­men, weil sie dir bei der Legi­ti­mie­rung dei­nes Ver­hal­tens und beim Über­tö­nen des eige­nen Gewis­sens hel­fen kön­nen. Ich nen­ne dies des­halb ‹legi­ti­mie­ren­des Fra­gen›.

Hoffendes Fragen

Der Slo­gan der FCT-Kir­che deu­tet dar­auf hin, dass es eine vier­te Absicht gibt, Fra­gen zu stel­len, wel­che die ersten drei Kate­go­ri­en nicht haben: Man fragt, weil man die Wahr­heit und eine ent­spre­chen­de Ant­wort wünscht. Man sucht, weil man am Ende glau­ben möch­te. Ich nen­ne die­se Art ‹hof­fen­des Fra­gen›. Man fragt, weil man hofft, eine Ant­wort zu bekom­men! Das ist die Art zu fra­gen, die wir in der Bibel im Psalm 13 vor­fin­den:

Wie lan­ge noch, Herr, willst du mich ver­ges­sen? Etwa für immer? Wie lan­ge noch willst du dich vor mir ver­ber­gen? Wie lan­ge noch muss ich unter tie­fer Trau­rig­keit lei­den und den gan­zen Tag Kum­mer in mei­nem Her­zen tra­gen? Wie lan­ge noch darf mein Feind auf mich her­ab­se­hen? Psalm 13,2 – 3

Die­se Fra­gen sind der­art exi­sten­zi­ell, dass sie nach einer Ant­wort lech­zen! Die­se Art von Fra­gen kön­nen nie­mals dar­auf abzie­len, Gott los­zu­wer­den. Im Gegen­teil! Sie wer­den gestellt, gera­de um wie­der Nähe zu Gott zu fin­den! Die­se Fra­gen sind auch nicht reak­tio­när, um sich Gläu­bi­ge oder unan­ge­neh­me ethi­sche The­men vom Leib zu hal­ten. Die­se Fra­gen sind in der Hoff­nung gestellt, dass Ant­wor­ten kom­men und man den Glau­ben wie­der fin­den darf. So endet dann auch der Psalm im Glau­ben:

Doch ich will auf dei­ne Güte ver­trau­en, von gan­zem Her­zen will ich jubeln über dei­ne Ret­tung! Mit mei­nem Lied will ich dem Herrn dan­ken, weil er mir Gutes erwie­sen hat. Psalm 13,6

Über die­sen Psalm und das hof­fen­de Fra­gen rede ich in die­ser aktu­el­len Video-Pre­digt:

Zweifeln erlaubt, Glauben auch!

Gott-loses, reak­tio­nä­res und legi­ti­mie­ren­des Fra­gen sind mir zu sicher, zu kon­trol­liert, zu emo­ti­ons­los und ’safe›, denn das Fra­gen fin­det mit kon­trol­lie­ren­der Absicht statt.

Das hof­fen­de Fra­gen mit sei­nen rohen Emo­tio­nen ist ehr­li­cher, lebens­na­her, span­nen­der und beun­ru­hi­gen­der! Die­ses exi­sten­zi­el­le Fra­gen birgt die rea­le Gefahr des Glau­bens­ver­lu­stes. Aber es birgt auch die rea­le ‹Gefahr›, dass Gott das Herz neu mit Gewiss­heit des Glau­bens füllt! Es birgt das Poten­ti­al, dass aus Zwei­fel Glau­be ent­steht! Ich seh­ne mich nach mehr von die­ser Art ehr­li­chen Fra­gens, wo man wirk­lich Ant­wor­ten bekom­men und den Glau­ben wie­der fin­den will.

Teil 2 von die­sem Arti­kel fin­dest du hier.

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