Fragen erlaubt. Antworten auch! (Teil 2/2)

Paul Bruderer
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Jesus hat auf Fra­gen manch­mal mit einer Rück­fra­ge geant­wor­tet. Die Idee, dass er dies sehr häu­fig getan hat, passt aber nicht zum Bild von Jesus, das uns die Evan­ge­li­en geben. Mei­ne Mei­nung: Jesus ist der mensch­ge­wor­de­ne Schöp­fer des Uni­ver­sums und er möch­te letzt­lich vor allem Ant­wor­ten geben auf die Fra­gen der Men­schen!

In unse­rem Blog ‹Fra­gen erlaubt — Ant­wor­ten auch› haben wir drei Kate­go­ri­en von Fra­gen-Stel­lun­gen vor­ge­schla­gen. Wir haben um Rück­mel­dun­gen gebe­ten und bedan­ken uns für den Hin­weis auf eine wich­ti­ge wei­te­re Kate­go­rie. Ich nen­ne sie hier ‹ler­nen­des Fra­gen›.

Was ist ‹ler­nen­des Fra­gen›? Man sagt: «Wenn du einem Juden eine Fra­ge stellst, ant­wor­tet er mit einer wei­te­ren Fra­ge!» Es stimmt, dass die Juden — auch zur Zeit von Jesus — die­se Art von ‹ler­nen­dem Fra­gen› geübt und gelebt haben. Ein wich­ti­ges Ziel die­ser Art von Gespräch war, bes­ser zu ver­ste­hen, was das Gegen­über wirk­lich meint. ‹Ler­nen­des Fra­gen› führt dazu, dass ich Neu­es ler­ne über mein Gegen­über und in mei­nen eige­nen Gedan­ken wei­ter­kom­me.

Jesus war mit­un­ter ein Mei­ster im ‹ler­nen­den Fra­gen›. Die­se Erkennt­nis, die einen neu­en Zugang zu gewis­sen Tex­ten mög­lich gemacht hat, hat sich inzwi­schen in der Chri­sten­heit her­um­ge­spro­chen. Ich begeg­ne unter­des­sen bei vie­len Chri­sten der Idee, dass Jesus auf Fra­gen vor allem mit Rück­fra­gen geant­wor­tet hat. Ich habe zwei Anfra­gen an die­se Idee:

  1. Men­schen, die gut sind im Rück­fra­gen stel­len, haf­tet manch­mal etwas cha­rak­ter­lich Schwie­ri­ges an. Könn­te es sein, dass wir die­ses cha­rak­ter­lich Schwie­ri­ge auf Jesus über­tra­gen, wenn wir sagen, dass Jesus vor allem mit Rück­fra­gen geant­wor­tet hat?
  2. Stimmt es, dass Jesus vor allem mit Rück­fra­gen reagiert hat?

Nur mit Rückfragen zu antworten kann irritieren

In mei­ner Gemein­de­ar­beit begeg­ne ich immer wie­der Men­schen, die miss­trau­isch reagie­ren, wenn jemand eine Fra­ge nicht direkt beant­wor­tet. Viel­leicht ist es die Des­il­lu­sio­nie­rung über Poli­ti­ker. Viel­leicht kommt es anders­wo her. Aber es ist das dump­fe Gefühl, dass Leu­te, die bewusst und stra­te­gisch mit Fra­gen ant­wor­ten, damit oft ihre Über­le­gen­heit zum Aus­druck brin­gen möch­ten. Oder sie wol­len die ande­re Per­son auf Abstand hal­ten.

Die­se Vor­stel­lung kann sich auf Jesus über­tra­gen. Die Annah­me, Jesus könn­te in den Gesprä­chen sei­ne kras­se Über­le­gen­heit zum Aus­druck brin­gen oder müh­sa­me reli­giö­se Leu­te auf Distanz hal­ten wol­len, wäre äus­serst pro­ble­ma­tisch, weil er — des­sen bin ich mir sicher — den Men­schen Ant­wor­ten geben will.

Jesus antwortet häufiger mit direkten Antworten

Das ‹ler­nen­de Fra­gen› ist etwas, das Jesus als jüdi­scher ‹Rab­bi› auch gepflegt hat. Aber er gibt erstaun­lich vie­le direk­te Ant­wor­ten! In den vier Evan­ge­li­en der Bibel, wel­che zusam­men eine ver­läss­li­che Dar­stel­lung des Lebens von Jesus geben, sehen wir zusam­men­ge­fasst etwas über 50 Vor­komm­nis­se, bei denen Jesus eine Fra­ge gestellt wird. In über 80% die­ser Fäl­le reagiert Jesus nicht mit einer Rück­fra­ge, son­dern gibt eine kon­kre­te Ant­wort.

Die Ant­wor­ten von Jesus kom­men in ver­schie­de­nen For­men. Er benutzt Para­beln und Meta­phern, aber auch immer wie­der pro­po­si­tio­na­le Aus­sa­gen. Hier ein Bei­spiel von einer direk­ten und kla­ren Ant­wort:

»Rab­bi«, frag­ten die Jün­ger, »wer ist schuld dar­an, dass die­ser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich gela­den oder sei­ne Eltern?« »Weder noch«, ant­wor­te­te Jesus. »Viel­mehr soll an ihm die Macht Got­tes sicht­bar wer­den.» (Joh 9:2 – 3)

Logisch: Die Impli­ka­tio­nen die­ser Ant­wort brin­gen alle Syn­ap­sen in unse­rem Gehirn zum Explo­die­ren. Aber die Ant­wort ist direkt und klar und zeigt uns, wie Gott ‹tickt›.

Jesus sucht menschliche Nähe

Im fol­gen­den Bei­spiel gibt Jesus eine Ant­wort und kom­bi­niert sie mit einer Ein­la­dung, Zeit mit ihm zu ver­brin­gen:

»Rab­bi, wo wohnst du?«»Kommt mit, dann wer­det ihr es sehen!«, sag­te Jesus. Also gin­gen sie mit Jesus dort­hin, wo er wohn­te. Es war unge­fähr vier Uhr nach­mit­tags, und sie blie­ben bei ihm bis zum Abend. (Joh 1:38 – 39)

Jesus benutzt Gleichnisse, um die Dinge deutlich zu machen

Manch­mal erzählt Jesus eine gleich­nis­haf­te Geschich­te, um sei­ne Ant­wort deut­lich zu machen:

»Und wer ist mein Mit­mensch?« Dar­auf­hin erzähl­te Jesus fol­gen­de Geschich­te: »Ein Mann ging von Jeru­sa­lem nach Jeri­cho hin­un­ter…» (Lk 10:29ff)

Der Zweck des Gleich­nis­ses ist nicht Ver­schleie­rung, son­dern eine Ant­wort zu geben. Es stimmt auch, dass die Ant­wor­ten von Jesus manch­mal schwie­rig zu ver­ste­hen sind, wie wir an die­ser Reak­ti­on der Zuhö­rer sehen:

Die Zuhö­rer Jesu ver­stan­den nicht, was er ihnen mit die­sem Ver­gleich sagen woll­te. (Joh 10:6)

Jesus benutzt Rückfragen zielgerichtet

Es gibt eini­ge Situa­tio­nen, in denen Jesus Rück­fra­gen benutzt. In die­sem Bei­spiel setzt er Rück­fra­gen ein, um die Fra­gen­den in die Schran­ken zu wei­sen:

»Woher nimmst du dir das Recht, das alles zu tun? Wer hat dir die Voll­macht dazu gege­ben?« (fra­gen die jüdi­schen Lei­ter) »Ich will euch eine Gegen­fra­ge stel­len«, erwi­der­te Jesus. »Wenn ihr mir dar­auf ant­wor­tet, wer­de ich euch sagen, woher ich die Voll­macht habe, so zu han­deln.» (Mt 21:23ff — Es lohnt sich, den Rest zu lesen.)

In einer ande­ren Gege­ben­heit benutzt Jesus Fra­gen in lie­be­vol­ler seel­sor­ge­ri­scher Art, um Petrus wie­der­her­zu­stel­len, nach­dem er Jesus ver­leum­det hat:

»Simon, Sohn des Johan­nes, hast du mich lieb?« (Joh 21:15ff)

An den Antworten Jesu scheiden sich die Geister

Grund­sätz­lich ist Jesus ein aus­ge­zeich­ne­ter Kom­mu­ni­ka­tor. Das Pro­blem scheint weni­ger zu sein, dass sei­ne Ant­wor­ten schwer zu ver­ste­hen sind, son­dern eben gera­de, dass sie ver­stan­den wer­den!

Seit Beginn sei­ner Dienst­zeit geht es um die Fra­ge, wer Jesus ist. Vor einem jüdi­schen Gericht wird er wie­der­holt gefragt: «Bist du der Chri­stus?» Zuerst ant­wor­tet er nicht, dann aber sagt er:

«Ich bin’s; und ihr wer­det sehen den Men­schen­sohn sit­zen zur Rech­ten der Kraft und kom­men mit den Wol­ken des Him­mels.» (Mk 14:62)

Die­se Ant­wort ist nicht ver­schlei­ernd. Sie ist nicht tak­tisch geschickt ange­legt. Die­se Ant­wort auf die Fra­ge nach der wah­ren Iden­ti­tät von Jesus ist der­art klar, dass sie zu einer kras­sen Reak­ti­on des Hohe­prie­sters führt:

«Da zer­riss der Hohe­prie­ster sei­ne Klei­der und sprach: «Was bedür­fen wir wei­te­rer Zeu­gen? Ihr habt die Got­tes­lä­ste­rung gehört.» (Mk 14:63 – 64)

Jesus reizt! Aber er reizt nicht mit einer geschick­ten rhe­to­ri­schen Tech­nik, son­dern mit einer kras­sen Behaup­tung über sei­ne Per­son. Jesus weiss, wer er ist. Er lebt dem­entspre­chend. Er ant­wor­tet dem­entspre­chend. Aber er ernied­rigt sein Gegen­über nicht, indem er sei­ne Über­le­gen­heit zeigt. Auch weicht er sei­nem Gegen­über nicht aus, son­dern gibt Ant­wor­ten, die Got­tes Sicht der Din­ge zei­gen.

Jesus stellt uns die entscheidende Frage

Jesus ist gemäss Kol 1:16 – 20 der mensch­ge­wor­de­ne Schöp­fer und Hei­land des Uni­ver­sums. Wenn du einen Moment Zeit hät­test, die­sem Schöp­fer der Ster­ne und Gala­xi­en eine Fra­ge zu stel­len, was wür­dest du ihn fra­gen?

Eines bin ich mir sicher: Er wür­de dir ant­wor­ten. Und in sei­ner Ant­wort wür­de Jesus dir auf für dich ver­ständ­li­che Wei­se zei­gen, wer er ist. Und irgend­wann wür­de Jesus dir die­sel­be Fra­ge stel­len, die er sei­nen Jün­gern stellt:

»Und ihr – für wen hal­tet ihr mich?«, frag­te er sie. Da ant­wor­te­te Simon Petrus: »Du bist der Chri­stus, der von Gott gesand­te Ret­ter! Du bist der Sohn des leben­di­gen Got­tes.« (Mt 16:16 – 17)

Wie wür­dest du Jesus ant­wor­ten?

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