Holy Bible? (1/6) — Ein Grundsatzkonflikt

Roland Hardmeier
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Durch die Plat­tform «Worthaus», ins­beson­dere die Beiträge von Siegfried Zim­mer, ist ein Kon­flikt um die Bibel ent­flammt, der sich im Grund­satz bis auf die Ref­or­ma­tion zurück­führen lässt. Auf der einen Seite geht es um die mod­erne Bibel­wis­senschaft, wie sie heute an den Uni­ver­sitäten üblich ist. Auf der anderen Seite geht es um das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis, das der Bibel­wis­senschaft dis­tanziert gegenüber­ste­ht. In dieser sech­steili­gen Serie unter­suche ich die geschichtlichen Hin­ter­gründe und die the­ol­o­gis­chen Grund­sätze bei­der Seit­en und möchte einen Beitrag zur Klärung leisten.

In diesem ersten Teil werde ich darstellen, worin der Kon­flikt beste­ht. Ich werde noch keine Antworten bieten, son­dern erst mal möglichst aus­ge­wogen die Dynamik des Stre­its beschreiben. Mit vorschnellen Antworten und Schuldzuweisun­gen ist nichts gewonnen.

Die mod­erne Bibel­wis­senschaft legt die Bibel im Ein­vernehmen mit der Ver­nun­ft aus. Sie hat dazu über­prüf­bare Herange­hensweisen an die bib­lis­chen Texte entwick­elt, die zusam­men­fassend als «his­torisch-kri­tis­che Meth­ode» beze­ich­net wer­den. Ich werde sie in Teil 5 näher beschreiben. Evan­ge­likale The­olo­gen messen der his­torisch-kri­tis­chen Meth­ode begren­zte Bedeu­tung zu. Sie beto­nen stärk­er die Notwendigkeit des ver­trauensvol­lens Lesens der Heili­gen Schrift und des Wirkens des Heili­gen Geistes in der Auslegung.

Bei­de Seit­en kön­nen auf eine lange Geschichte ver­weisen. Die Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft began­nen sich im Zuge der Aufk­lärung vor zwei­hun­dert Jahren zu entwick­eln und sind von einem grossen Teil der the­ol­o­gis­chen Fach­welt anerkan­nt. Das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis, das an vie­len staat­sun­ab­hängi­gen Sem­i­naren und Hochschulen voraus­ge­set­zt wird, greift bis zum Pietismus und zur altkirch­lichen Bibelausle­gung zurück und weiss eine starke Beken­nt­nistra­di­tion hin­ter sich. Bei­de Seit­en kön­nen gewichtige his­torische, the­ol­o­gis­che und weltan­schauliche Argu­mente vorbringen.

Evangelikale Ausdifferenzierung

In Bezug auf das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis ist zu berück­sichti­gen, dass die evan­ge­likale Bewe­gung eine bunte Angele­gen­heit ist, in der the­ol­o­gis­che Posi­tio­nen vari­ieren kön­nen. Die evan­ge­likale Bewe­gung ist, wie Gisa Bauer in ihrer Habil­i­ta­tion­ss­chrift «Evan­ge­likale Bewe­gung und evan­ge­lis­che Kirche» nach­weist, in jüng­ster Zeit von ein­er starken Aus­d­if­feren­zierung geprägt.[1]

Auf der einen Seite des evan­ge­likalen Spek­trums gibt es die Fun­da­men­tal­is­ten, die an der Irrtum­slosigkeit der Bibel fes­thal­ten und ein indi­vid­u­al­is­tis­ches Heilsver­ständ­nis vertreten. Der Tod Jesu am Kreuz war ein Sühnopfer, das vor dem Zorn Gottes ret­tet, sofern Chris­tus durch Busse und Glauben angenom­men wird. Die Evan­ge­li­sa­tion ist die vor­rangige Auf­gabe der Kirche. Der Fokus auf soziale Auf­gaben wird als Ver­wässerung des Evan­geli­ums beklagt. In ethis­chen und gesellschaftlichen Fra­gen vertreten Fun­da­men­tal­is­ten kon­ser­v­a­tive Posi­tio­nen. Die Ehe ist für die Gemein­schaft zwis­chen Mann und Frau reserviert, Homo­sex­u­al­ität wird von der Bibel verurteilt, Frauen dür­fen in der Kirche wed­er lehren noch leiten.

Auf der anderen Seite gibt es die Post-Evan­ge­likalen, die sich durch pro­gres­sive Stand­punk­te von ihrer ursprünglichen evan­ge­likalen Heimat abset­zen.[2] Die Bibel enthält ihrer Auf­fas­sung nach nicht «sta­tis­che Wahrheit­en», wie sie Fun­da­men­tal­is­ten aus den bib­lis­chen Tex­ten ableit­en. Die Bibel wird in Anlehnung an die mod­erne Bibel­wis­senschaft als men­schlich­es Zeug­nis vom Wirken Gottes gele­sen. Das Heilsver­ständ­nis ist im Wesentlichen human­is­tisch. Jesus wird weniger als Ret­ter wahrgenom­men, der für uns starb, und stärk­er als Vor­bild por­traitiert, dem wir nacheifern sollen. Im Fokus ste­ht weniger das Streben nach ewigem Leben und mehr die Gestal­tung eines erlösten Lebens im Dies­seits. In ethis­chen Fra­gen sind Post-Evan­ge­likale pro­gres­siv. Mann und Frau sind einan­der gle­ichgestellt, in der Regel wird die Öff­nung der Ehe für homo­sex­uelle Paare befürwortet.

Zwis­chen diesen bei­den Polen befind­et sich der klas­sis­che Evan­ge­likalis­mus, der den über­wiegen­den Teil der Bewe­gung aus­macht. Das gilt sowohl für die weltweite evan­ge­likale Com­mu­ni­ty als auch für den deutschen Sprachraum. Im evan­ge­likalen Main­stream haben je nach kirch­lich­er Prä­gung und the­ol­o­gis­chen Präferen­zen kon­ser­v­a­tive und pro­gres­sive Posi­tio­nen Platz. Der Evan­ge­likalis­mus ist, bed­ingt durch seine Geschichte, schon immer vielgestaltig gewe­sen. Zusam­menge­hal­ten wird er durch das Beken­nt­nis zur Bibel als Wort Gottes. Während der fun­da­men­tal­is­tis­che Flügel von Anfang an Teil der evan­ge­likalen Bewe­gung war, hat der Post-Evan­ge­likalis­mus mit der Jahrtausendwende der bun­ten evan­ge­likalen Bewe­gung einen weit­eren, kräfti­gen Tupfer hinzugefügt.

Auf­fal­l­end ist, dass Post-Evan­ge­likale sich den Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft annäh­ern, um die Bibel zu inter­pretieren. Die in jüng­ster Zeit wach­senden Dif­feren­zen inner­halb der evan­ge­likalen Bewe­gung ergeben sich aus dieser Annäherung. Ganz all­ge­mein lässt sich sagen, dass die ver­schiede­nen the­ol­o­gis­chen Posi­tio­nen wie «kon­ser­v­a­tiv» über «pro­gres­siv» bis «lib­er­al» auf die Art und Weise zurück­ge­führt wer­den kön­nen, wie die Bibel gele­sen wird. Es han­delt sich, auch wenn ethis­che Fra­gen ver­han­delt wer­den, also um einen Grundsatzkonflikt.

«Worthaus» und Siegfried Zimmer

In den let­zten Jahren ist die Debat­te über das rechte Schriftver­ständ­nis haupt­säch­lich in Blogs sowie auf der Plat­tform «Worthaus» geführt wor­den. Worthaus möchte in wis­senschaftlich ver­ant­wort­bar­er Weise bib­lis­che Inhalte einem post­mod­er­nen Pub­likum nahe­brin­gen. Man will nach eige­nen Angaben Ein­sicht­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft zugänglich machen und einen unver­stell­ten Blick auf den christlichen Glauben ermöglichen. Siegfried Zim­mer, Mit­be­grün­der von Worthaus, gehört zu den promi­nen­testen Red­nern. Als emer­i­tiert­er Pro­fes­sor für evan­ge­lis­che The­olo­gie und Reli­gion­späd­a­gogik bringt er ein bre­ites Fach­wis­sen mit. Charak­ter­is­tisch für seine beliebten Refer­ate sind die Ver­ständlichkeit der von ihm ver­mit­tel­ten Stoffe und seine Polemik gegen Evan­ge­likale und Fun­da­men­tal­is­ten. Zim­mer arbeit­et in bewusster Abgren­zung zum evan­ge­likalen Schriftver­ständ­nis mit den Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibelwissenschaft.

In seinem Refer­at «Warum das fun­da­men­tal­is­tis­che Bibelver­ständ­nis nicht überzeu­gen kann» legt Zim­mer sein Bibelver­ständ­nis in Anlehnung an Luther dar und bringt seine Argu­mente gegen das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis vor. [3] Obwohl sich Zim­mer der Unter­schiede zwis­chen evan­ge­likalem und fun­da­men­tal­is­tis­chem Schriftzu­gang bewusst ist, ver­schwim­men diese in seinem Refer­at, so dass der Ein­druck entste­ht, evan­ge­likale Ausle­gung sei grund­sät­zlich fun­da­men­tal­is­tisch. Ich werde in einem späteren Teil auf die Unter­schiede zwis­chen dem evan­ge­likalen und dem fun­da­men­tal­is­tis­chen Schriftver­ständ­nis eingehen.

Zim­mer unter­schei­det in seinem Refer­at markant zwis­chen Jesus und Gott auf der einen und der Bibel auf der anderen Seite. Jesus sei die «primäre» Offen­barung Gottes, die Bibel als von Gottes Geist inspiri­ertes Zeug­nis von Men­schen die «sekundäre» Offen­barung. Die Bibel enthalte unzäh­lige Fehler, in «Heils­din­gen» besitze sie hinge­gen eine «ver­lässliche Ori­en­tierungskraft». In seinem Buch «Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?» legt Zim­mer sein Schriftver­ständ­nis aus­führlich und auf ver­ständliche Weise dar und gren­zt sich auch hier dezi­diert vom evan­ge­likalen Schriftver­ständ­nis ab.

Für Zim­mer ist die Bibel bei aller Wertschätzung ein men­schlich­es Buch und kri­tis­che Forschung darum möglich und sachgemäss. Zim­mers Schriftver­ständ­nis lässt sich einem gemäs­sigten his­torisch-kri­tis­chen Ansatz zuord­nen. Als Ref­er­ent wird er bis weit ins evan­ge­likale Lager hinein gerne und zum Teil unkri­tisch gehört und ist auf freikirch­lichen Ver­anstal­tun­gen in den Red­nerlis­ten zu finden.

Vernunft oder Offenbarung?

Evan­ge­likale Schrif­tausle­gung und mod­erne Bibel­wis­senschaft sind keine völ­li­gen Gegen­sätze. Bei­de Ansätze verbindet der Glaube, dass Gottes Wort in ein­er geschichtlichen Sit­u­a­tion an uns ergan­gen ist und die Ausle­gung der Bibel unter Berück­sich­ti­gung dieser Sit­u­a­tion inter­pretiert wer­den muss. Welche Meth­o­d­en dabei anzuwen­den sind und welche Gültigkeit die einzel­nen Texte haben, ist Gegen­stand eines lan­gen Stre­its. Der Kon­flikt mit seinen schein­bar unver­söhn­lichen Stand­punk­ten ist nichts grund­sät­zlich Neues. Es han­delt sich, wie Jörg Bre­itschw­erdt in sein­er Dis­ser­ta­tion «The­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv» über die evan­ge­likale Bewe­gung zeigt, um einen inner­protes­tantis­chen Bibel­stre­it. Er wurde beson­ders heftig im 19. Jahrhun­dert und um die Mitte des 20. Jahrhun­derts geführt und lässt sich bis zur Ref­or­ma­tion zurück­führen. Im Grund­satz geht es um eine nicht gek­lärte Span­nung zwis­chen Ref­or­ma­tion und Human­is­mus. Für die Ref­or­ma­tion ste­ht Mar­tin Luther mit seinem Schrift­prinzip, für den Human­is­mus sein katholis­ch­er Gegen­spiel­er Eras­mus von Rot­ter­dam. Bre­itschw­erdt zeich­net den Stre­it um die Bibel akribisch nach und stellt fest:

«Im Hin­ter­grund der grossen the­ol­o­gis­chen Auseinan­der­set­zun­gen des 19. und 20. Jahrhun­derts ste­ht die Frage nach der Gel­tung bzw. Inter­pre­ta­tion des protes­tantis­chen Schrift­prinzips.»[4]

Das protes­tantis­che Schrift­prinzip besagt, dass die Bibel Gottes Offen­barung und sein verbindlich­es Wort an uns ist und dass es durch das innere Zeug­nis des Geistes richtig aus­gelegt wer­den kann. Die Schrift ste­ht über jeglich­er Tra­di­tion und den Anmas­sun­gen der men­schlichen Ver­nun­ft. Seinen präg­nan­testen Aus­druck find­et das protes­tantis­che Schrift­prinzip im Wahlspruch der Ref­or­ma­tion «sola scriptura».

Das protes­tantis­che Schrift­prinzip beruht auf dem Grund­satz der Ver­ständlichkeit der Schrift. Die Schrift ist nach Luther klar und im Glauben zugänglich. Gott offen­bart sich nicht in logis­chen Kat­e­gorien, weshalb der men­schliche Ver­stand nicht in der Lage ist, göt­tliche Dinge zu erfassen, son­dern der Heilige Geist die richtige Hil­fe in der Ausle­gung bieten muss. Dem gegenüber betonte Eras­mus im Stre­it mit Luther, dass es viele dun­kle Stellen und sog­ar Wider­sprüche in der Schrift gäbe. Es sei deshalb «nicht möglich, allein die Schrift zum Massstab für the­ol­o­gis­che Urteile zu nehmen, da dies (auf­grund der kon­sta­tierten vie­len dun­klen Stellen der Schrift) nur zu unsicheren Ausle­gun­gen führe. Von daher sei die The­olo­gie auf die Über­liefer­ung der Väter und das Urteil der Amt­sträger ver­wiesen, die in der Nach­folge der Apos­tel stün­den.»[5]

Für Luther stand die Schrift vor jed­er The­olo­gie und Tra­di­tion. In Eras­mus Schriftver­ständ­nis war das Urteil men­schlich dazu befähigter Zwis­chenin­stanzen (in seinem Fall Roms Lehrautorität) nötig, um die Heilige Schrift richtig zu inter­pretieren. Der Stre­it zwis­chen Ref­or­ma­tion und Human­is­mus bekam vom 17. Jahrhun­dert an eine neue Dimen­sion durch die geis­tes­geschichtlichen Umwälzun­gen der Aufk­lärung.  Sie führten zu ein­er Dauerkrise des protes­tantis­chen Schrift­prinzips, die bis heute anhält.

Bei der aktuellen Diskus­sion um das rechte Schriftver­ständ­nis ist im Auge zu behal­ten, dass der Stre­it um die Bibel ein Kind der Mod­erne ist, und die neuer­lichen Fra­gen rund um die Bibel, die durch das Phänomen des Post-Evan­ge­likalis­mus aufge­taucht sind, den Umwälzun­gen der Post­mod­erne geschuldet sind. Im Grunde genom­men wird die Diskus­sion um das protes­tantis­che Schrift­prinzip unter verän­derten Vorze­ichen weit­erge­führt. Die evan­ge­likale The­olo­gie beruft sich haupt­säch­lich auf Luther (obwohl sie ihm in seinem Schriftver­ständ­nis nicht in allem fol­gt), während Vertreter der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft den human­is­tis­chen Ansatz von Eras­mus wei­t­er­denken (für Johann Salo­mo Sem­ler, ihr promi­nen­tester Vor­denker, war nicht Luther, son­dern Eras­mus der wahre Refor­ma­tor).[6] Vertreter der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft wie Siegfried Zim­mer berufen sich aber auch auf Luther, weil dieser Teile der Bibel kri­tisch las. Davon später mehr.

Konservative Proteste

Der Kon­flikt um die Bibel ist also nicht neu. Hier lohnt sich der Blick ins vor­let­zte Jahrhun­dert. Als sich im 19. Jahrhun­dert in der uni­ver­sitären The­olo­gie die kri­tis­che Inter­pre­ta­tion der Bibel immer mehr durch­set­zte, kam es zu ein­er von kon­ser­v­a­tiv­en Kreisen ange­führten Protest­be­we­gung. Bre­itschw­erdt kon­sta­tiert fol­gende Sit­u­a­tion zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

«Zu Beginn des 19. Jahrhun­derts war der the­ol­o­gis­che Ratio­nal­is­mus in vie­len Gebi­eten Deutsch­lands sehr wirk­mächtig – viele Pfar­rer waren von ihm geprägt, auch in den Kirchen­leitun­gen. An den evan­ge­lisch-the­ol­o­gis­chen Fakultäten in Deutsch­land set­zte sich zudem im Laufe des 19. Jahrhun­derts immer mehr die his­torisch-kri­tis­che Meth­ode zur Erforschung der Schriften des Alten und Neuen Tes­ta­mentes durch. Diese Entwick­lung wurde jedoch bei vie­len Gemein­degliedern und Gemein­dep­far­rern nicht mit vol­l­zo­gen, so dass sich zwis­chen Gemein­de­fröm­migkeit und the­ol­o­gis­ch­er Wis­senschaft eine immer grössere Kluft auf­tat, die während des gesamten 19. Jahrhun­derts als Kon­flik­therd schwelte.»[7]

Zu Beginn des 19. Jahrhun­derts ste­hen sich mit dem the­ol­o­gis­chen Ratio­nal­is­mus, der sich der Aufk­lärung als Inter­pre­ta­tion­s­muster bedi­ent, und den evan­ge­likal geprägten Erweck­ungs­be­we­gun­gen, zwei grosse Ströme gegenüber, «wobei von den erweck­ten The­olo­gen vor allem die Sünd­haftigkeit des Men­schen und seine daraus fol­gende Ver­loren­heit, die Got­theit Jesu Christi und der Süh­ne­tod Jesu als nicht aufgeb­bar­er christlich­er Lehrbe­stand deklar­i­ert, von den von lib­eralem und ratio­nal­is­tis­chem Gedankengut bes­timmten The­olo­gen dage­gen die hin­ter den bib­lis­chen Bericht­en liegende moralis­che Wahrheit betont wurde.»[8]

Es entwick­elt sich eine enorme Dynamik: Im Laufe des 19. Jahrhun­derts dringt die kri­tis­che The­olo­gie immer weit­er an die Uni­ver­sitäten vor. Sie erobert einen fes­ten Platz in der Pfar­raus­bil­dung und gelangt von dort an die kirch­liche Basis. Es kommt zu Unsicher­heit­en und Kon­flik­ten in den Kirchge­mein­den. Der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft verpflichtete Pfar­rer bestre­it­en die Autorität der Bibel. Sie ver­mö­gen die von den kon­ser­v­a­tiv­en Kräften beton­ten «Heil­stat­sachen» nicht mehr zu glauben und erset­zen sie mit «Ver­nun­ft­wahrheit­en», die sie ratio­nal­is­tisch aus der Bibel ableit­en. Zu den «Heil­stat­sachen» zählen die Kon­ser­v­a­tiv­en die Jungfrauenge­burt Jesu und seine Göt­tlichkeit, die Erlö­sungs­bedürftigkeit des Men­schen, Jesu Süh­ne­tod zur Recht­fer­ti­gung des Sün­ders, seine leib­liche Aufer­ste­hung und sein Wiederkom­men als Wel­tenrichter. Diese Heil­stat­sachen bilden einen Grundbe­stand des Glaubens, der kon­ser­v­a­tive und erweck­liche Kreise weit über das 19. Jahrhun­dert hin­aus eint. Bald müssen sich die Lan­deskirchen­leitun­gen mit Pfar­rern befassen, die das apos­tolis­che Glaubens­beken­nt­nis im Gottes­di­enst nicht mehr sprechen wollen, sowie mit Pro­fes­soren, welche die «Heil­stat­sachen» nicht mehr vertreten.[9]

Kon­ser­v­a­tive Kräfte sehen den Grundbe­stand des Glaubens in Gefahr und schliessen sich zu lokalen Protest­be­we­gun­gen zusam­men. Sie gelan­gen an ihre Kirchen­leitun­gen und fordern, dass Pfar­rer, die das Glaubens­beken­nt­nis nicht sprechen, aus ihrem Amt ent­fer­nt wer­den und dass Pro­fes­soren, welche die «Heil­stat­sachen» leug­nen, auf ihre Pro­fes­sur verzicht­en und in andere Fach­bere­iche wech­seln. Bre­itschw­erdt fasst die kon­ser­v­a­tiv­en Proteste wie fol­gt zusammen:

«Ins­ge­samt kam es in den Auseinan­der­set­zun­gen um die ‘mod­erne The­olo­gie’ in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts zu einem inhaltlichen Kon­sens bre­it­er the­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv­er Kräfte, der sich argu­men­ta­tiv gegen ver­schiedene Angriffe auf die His­tor­iz­ität der Heils­geschichte ent­fal­tete… Im Zuge der Aus­bre­itung divers­er Erweck­ungs­be­we­gun­gen kam es auf mehreren Ebe­nen zu Zusam­men­schlüssen ganz unter­schiedlich­er the­ol­o­gis­ch­er Prä­gun­gen, die sich allerd­ings in der Ablehnung zen­traler Ergeb­nisse der the­ol­o­gis­chen Aufk­lärung einig waren: Der Neben- oder Überord­nung der Ver­nun­ft über die Aus­sagen der Heili­gen Schrift, der Bestre­itung der Iden­tität von Heiliger Schrift und Wort Gottes, der Bestre­itung der His­tor­iz­ität der in den Evan­gelien über­liefer­ten Ereignisse und der Bestre­itung des Glaubens als Voraus­set­zung für eine rechte Ausle­gung der Heili­gen Schrift.»[10]

Die Kon­ser­v­a­tiv­en behar­ren mit dem Hin­weis auf die bib­lis­chen Heil­stat­sachen auf einem Grundbe­stand des Glaubens, den sie in Anlehnung an die altkirch­liche und refor­ma­torische Ausle­gung aus der Bibel ableit­en. Der the­ol­o­gis­che Rich­tungsstre­it des 19. Jahrhun­derts ist im Grunde genom­men also ein Bibel­stre­it. Die Par­al­le­len zum gegen­wär­ti­gen Kon­flikt um die Bibel sind offensichtlich.

Mehr als Theologenstreit

Im Kon­flikt zwis­chen dem evan­ge­likalen Schriftver­ständ­nis und der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft stellen sich grundle­gende Fra­gen: Ist die Bibel inspiri­ertes Gotteswort oder bezeu­gen hier ein­fach Men­schen ihren Glauben? Je stärk­er von den einen der Inspi­ra­tions­gedanke betont wird, desto stärk­er ist das Ver­trauen in die Heilige Schrift als von Gott kom­mendes Wort. Je stärk­er andere sich die Bibel als men­schlich­es Zeug­nis von Gottes Han­deln denken, desto mehr wer­den im Prozess dieses Zeug­nis­gebens men­schliche Fehler einkalkuliert. Wer hat recht in diesem Stre­it? Kann von der Bibel als göt­tlich­er Offen­barung gesprochen wer­den und sie entsprechend mit der Hil­fe des Heili­gen Geistes aus­gelegt wer­den? Oder ist die Bibel ganz im Ein­vernehmen mit der men­schlichen Ver­nun­ft zu inter­pretieren? Dies war die Kar­di­nal­frage im Bibel­stre­it des 19. Jahrhun­derts und ist es im Grunde genom­men geblieben. Der Stre­it hat Auswirkun­gen auf aktuelle gesellschaftliche Fra­gen. Kann die Bibel unter den Denkvo­raus­set­zun­gen der Post­mod­erne noch als moralis­che Instanz angerufen wer­den? Oder ist sie in der verän­derten Sit­u­a­tion von heute nicht mehr in der Lage, in ethis­chen Fra­gen Leitlin­ien vorzugeben?

Die Debat­te ist also mehr als The­olo­gen­stre­it. Sie rührt an die Grund­festen des Glaubens. Was zum christlichen Glauben gehört und wie dieser Glaube gelebt wer­den soll, entschei­det sich schon früh am Schriftver­ständ­nis. Mit dem Schriftver­ständ­nis wer­den Weichen gestellt, die vom Glauben in ganz bes­timmte Rich­tung befahren wer­den und darüber entschei­den, zu was sich dieser Glaube beken­nt und wie er gestal­tet wird. In den näch­sten bei­den Teilen werde ich beschreiben, welche Weichen in welche Rich­tung gestellt wur­den. Die Beschäf­ti­gung mit den entsprechen­den geschichtlichen Entwick­lun­gen ist unumgänglich, wenn man den Kon­flikt um die Bibel ver­ste­hen will.

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Fuss­noten:
[1] Bauer, Evan­ge­likale Bewe­gung und evan­ge­lis­che Kirche in der Bun­desre­pub­lik Deutschland.
[2] Vgl. Das Buch von Markus Till, Zeit des Umbruchs.
[3] www.worthaus.de (Refer­at vom 22.6.2014).
[4] Bre­itschw­erdt, The­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv, 37ff für das Folgende.
[5] Ebd., 41.
[6] Ebd., 61.
[7] Ebd., 81.
[8] Ebd., 83.
[9] Näheres bei Bre­itschw­erdt, The­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv, 153ff.
[10] Ebd., 151.

2 Comments
  1. Avatar
    eisbach 4 Monaten ago
    Reply

    Hal­lo,

    bevor ich mich inhaltlich äußere… ich schreibe hier unter einem Pseu­do­nym, nicht weil ich einen kom­plett anony­men Kom­men­tar abgeben will, son­dern ein­fach deswe­gen, weil ich keine Per­son des öffentlichen Lebens bin und meinen realen Namen ein­fach aus Daten­schutz­grün­den hier nicht nen­nen möchte.

    VORBEMERKUNG
    Ich würde mich gerne noch viel aus­führlich­er und gründlich­er äußern, doch schon allein aus zeitlichen Grün­den ist mir dies nicht möglich, so dass mein Kom­men­tar vielle­icht eher stich­punk­tar­tig ist und eher Impulse, als durch und durch aus­gear­beit­et Argu­mente enthält.

    GRUNDSÄTZLICHES ZUM ARTIKEL
    Ich denke, das Anliegen dieses Artikels, diese Serie und auch das dieser Plat­tform ist klar: Es geht darum, um Klarheit zu schaf­fen, zu Fra­gen, die für den christlichen Glauben eine große Rel­e­vanz haben. Auseinan­der­set­zung und Klärung dieser Fra­gen haben rich­tungsweisenden Charakter.
    Ich stimme damit übere­in, dass auch die Frage, wie wir diese Samm­lung von Schriften, die wie Bibel nen­nen, betra­chtet wer­den muss, eine wichtige ist.
    Ich kann diese Frage allerd­ings nicht als einen Grund­kon­flikt in der Weise sehen, dass das ‘Schriftver­ständ­nis’ so etwas wie eine Weichen­stel­lung ist, die darüber entschei­det, ob man in die Irre läuft oder ans Ziel kom­men wird. Eine Ablehnung einiger Texte der Bibel, als das, was Gott den Men­schen zu sagen hat, oder, nur das als his­torisch kor­rekt, oder in ander­er Weise als rel­e­vant für unser dasein als Men­schen zu betra­cht­en, was mit den (aktuellen) Erken­nt­nis­sen (vor allem) der (Natur-) Wis­senschaften in Übere­in­stim­mung gebracht wer­den kann. würde ich eher als die Folge ein­er “Ungläu­bigkeit”, als dessen Ursache sehen.

    Durch die Wahl des Begriffs ‘Grund­kon­flikt’ (ohne Frageze­ichen dahin­ter) lässt sich schon erah­nen auf was die ganze Argu­men­ta­tion hin­aus laufen wird… was im zweit­en Artikel zu dieser Serie vielle­icht auch nochmals an dem Satz “Dem stellen die Evan­ge­likalen ent­ge­gen, dass die Bibel nur mit einem Grund­ver­trauen gewinnbrin­gend gele­sen wer­den kann.” deut­lich wird – auch wenn hier direkt noch keine eigene Stel­lung bezo­gen wird.
    An andere Stelle wird der Begriff ‘Logik’ mit ein­er “ungeeigneten” Herange­hensweise zum Ver­ständ­nis der bib­lis­chen Schriften in Verbindung gebracht, was diese Vorausah­nung auch nochmals bestärkt.

    THEMATISCHES
    Ich weiß nicht, ob dem Autor die Auseinan­der­set­zung Fran­cis Scha­ef­fers, in seinem Werk ‘Wie kön­nen wir denn leben?’ mit dem Einzug des Exis­ten­zial­is­mus in die The­olo­gie, sowie mit dessen grund­sät­zliche Art, sich mit den Fra­gen in Zusam­men­hang mit Gott zu beschäfti­gen, bekan­nt ist.
    Ich bin mir nicht sich­er, aber dachte zumin­d­est bish­er, dass man Scha­ef­fer zu den ‘Evan­ge­likalen’ zählt (wenn man solch eine Ein­teilung machen will) Das was er schreibt ste­ht aber aus mein­er Sicht im krassen Gegen­satz zu dem, wie hier ein evan­ge­likales Bibelver­ständ­nis beschrieben wird.
    Egal von welchem Stand­punkt ich starte, und egal welche Meth­ode ich anwende, es kommt doch darauf an, ob es mir wirk­lich darum geht, (die) Wahrheit zu find­en – oder eher darum, mich in meinem Weg bestätigt zu sehen. Ich muss nicht, wie Grund­kap­i­tal, ohne dass nichts geht, zuerst Ver­trauen haben um zu rel­e­van­ten und zielführen­den Erken­nt­nis­sen zu gelan­gen. (Auch wenn eine Ver­trauensfähigkeit eine gewisse Rolle spie­len wird.) Ver­trauen braucht eine Basis, es muss doch zuge­s­tanden wer­den, dass diese erst ein­mal geschaf­fen wer­den muss.
    Wir sind doch Wesen, die Urteils­fähigkeit und Forscher­drang und Ver­ständ­nis­fähigkeit haben. Natür­lich beste­ht immer wieder die Gefahr, sich allein, oder zumin­d­est vor allem, auf solche Dinge zu ver­lassen. Doch Grund­sät­zlich, denke ich, sind diese Fähigkeit­en dazu da, die Möglichkeit­en unseres Lebens auszuschöpfen (Worüber sich Gott, als Geber dieser Gaben wohl unendlich freien würde…)
    In der “christlichen Welt” (ich benutze jet­zt ein­fach mal diesen Begriff, auch wenn ich ihn gar nicht so mag…), gab und gibt es so viele Dinge zu denen ein­fach gesagt wird: “Das muss man halt so glauben”. Warum auch immer hieß und heißt es, es gibt da nicht wirk­lich Argu­mente dafür, da ist nichts logis­ches dran usw.
    Ich weiß nicht, ob solch eine Umgang aus Macht­in­ter­essen oder aus “Faul­heit” zus­tande kam.
    Ja , unser Erken­nt­nisse wer­den niemals voll­ständig sein kön­nen, aber das bedeutet nicht, das wir über­haupt nichts rel­e­vantes erken­nen kön­nen, das unser Ver­stand zu über­haupt nichts taugt usw. 

    Ich steige jet­zt nicht tiefer in diese The­matik ein, denke aber, dass so etwas wie ein großes Vaku­um unter Chris­ten vorhan­den ist, das eigentlich nach ein­er “eher ratio­nalen Auseinan­der­set­zung mit dem christlichen Glauben ver­langt, (nicht auss­chießlich, aber ‘auch’) weil diese ein grundle­gen­des Bedürf­nis ist, das lei­der under Chris­ten viel zu stark ver­nach­läs­sigt, teils ver­pönt, teils ver­boten war uns immer noch ist.

    WORTHAUS
    Wenn es eine Ini­tia­tive gibt, deren Anliegen es ist, “dem unver­stell­ten Blick” näher zu kom­men, ist das in meinen Augen grund­sät­zlich eine sehr begrüßenswerte Aktivität.
    Bib­lis­che Texte sind es wert, auch mit den inten­sivsten und evtl. aufwendig­sten wis­senschaftlichen Meth­o­d­en unter­sucht zu wer­den. Es ist unsere Auf­gabe als Men­schen, so etwas zu tun; doch möglicher­weise hat die Ablehnung dessen, diesen Gegen­satz zwis­chen Bibel-Wis­senschaft und “ein­fachem Glauben” erst her­auf­beschworen. (Wenn die Bibel “wahr” ist, wird sie jed­er wis­senschaftlichen Erken­nt­nis stand hal­ten, oder vielle­icht sog­ar auch ein­mal die ein oder andere in den Schat­ten stellen.)
    Ich sah es als ein Anliegen des ‘Worthaus­es’ diese (gewinnbrin­gende und eigentlich unab­d­ing­bare) Qual­ität der Auseinan­der­set­zung, des sich befassens, ein­er bre­it­en Zuhör­erschaft nahe zu bringen.
    Ich habe die Worthaus-Vorträge seit dessen Grün­dung bis ca. zum Jahr 2015 rauf und runter gehört, klar auch deswe­gen, weil darin so viel war, zu dem ich zuvor noch nie etwas gehört habe. Aber es sind auch viele Erken­nt­nisse, dabei, die ich gewon­nen habe und nicht mehr mis­sen möchte.
    Ich schätze und mag Siegfried Zim­mer. ich bin ihm ein paar mal begeg­net, wir hat­ten miteinan­der gesprochen und uns per e.mail geschrieben. Heute, nach bes­timmten Auseinan­der­set­zun­gen und neuer Erfahrun­gen würde ich sagen, dass ich mit Dr. Zim­mer in zumin­d­est eini­gen, aber doch solchen Punk­ten, die ich als sehr wesentlich betra­chte, ein­deutig nicht übere­in­stimme. (Was ich sehr schade finde…)

    SCHLUSSBEMERKUNG
    Ich ziehe nun kein inhaltlich­es Faz­it zur Ausein­der­set­zung mit bib­lis­chen Tex­ten oder mit der Bibel als ganzes, son­dern schreibe hier mal (frei von der Leber weg), dass ich einen Artikel wie diesen, für mich nicht in Übere­in­stim­mung mit dem Anspruch ein­er “Daniel-Option” sehen kann.
    Für mich geschieht die Auseinan­der­set­zung mit der The­matik nicht gründlich genug, bringt nicht in Rich­tung Wurzel vor, son­dern wirkt aufge­set­zt. Ich denke nicht, dass sie dazu dienen kann, solche eine unvorstell­bare Brücke zwis­chen ganz gegen­sät­zlichen Posi­tio­nen zu bauen, wie es einst Daniel trotz Gefan­gen­schaft und trotz Ver­ab­scheuung des Kultes in Baby­lon, tat.
    Ich meine, dass hier so eine Gele­gen­heit ver­passt wird und das ganze eher dazu beträgt, dass sich gegen­sät­zliche Lager noch mehr abriegeln, es ein­fach zeigt, dass man niemals dazu bere­it sein wird, eine Brücke zu bauen, eine Verbindung herzustellen, dann, wenn Gott das wollte.

    Ich bitte darum, diese Kri­tik möglichst als kon­struk­tiv zu betra­cht­en und nicht als grund­los­es “Geschimpfe”…
    … und verbleibe mit Segenswünschen

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 4 Monaten ago
      Reply

      Danke liebe/r Eis­bach. (Setz ein­fach deinen Namen ein), dass du dir die Zeit genom­men hast, aus­führlich zu schreiben. Die Auseinan­der­set­zung wird im Ver­lauf der näch­sten Artikel gründlich­er wer­den. Ich denke, du wirst da noch viel wichtiges und inter­es­santes find­en. Ich sehe diese Serie als wichtig und rich­tungsweisend und freue mich auf alle Interaktion 👍

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