Demut

Paul Bruderer
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Ent­rü­stung, Empö­rung, Wut und Pro­test wer­den aktu­ell als berech­tig­te Äus­se­rung gegen Unge­rech­tig­keit gese­hen. Es scheint auch legi­tim zu sein, Men­schen, die eine ande­re Mei­nung ver­tre­ten, nie­der­zu­schrei­en, vom Soci­al­me­dia Pro­fil zu blockie­ren oder anders­wie zu ‹can­celn›. Reli­giö­se Debat­ten zwi­schen Ver­tre­tern unter­schied­li­cher Welt­an­schau­ung, aber auch inner­halb einer Reli­gi­on wüten mit glei­chen Mecha­nis­men und ähn­li­chem Ton. Gute inhalt­li­che Dis­kus­sio­nen schei­nen kaum mehr mög­lich. Der öffent­li­che Dis­kurs steht vie­ler­orts in Flam­men. Nur eine Jesus-mäs­si­ge Art des Gesprächs führt uns da wie­der her­aus.

Ema­nu­el Hun­zi­ker hat die Fra­ge auf­ge­wor­fen, wie wir in der heu­ti­gen Zeit effek­tiv über Jesus reden. Jesus inter­agier­te mit Men­schen ande­rer reli­giö­ser Mei­nung. Er äus­ser­te sich zu Unge­rech­tig­keit, und wur­de ulti­ma­tiv ‹gecan­celt› indem er unschul­dig ver­ur­teilt und hin­ge­rich­tet wur­de. Ein rau­es Umfeld also! Was kön­nen wir von Jesu für den Umgang mit Men­schen, die ein ande­res Gedan­ken­gut haben und mit­un­ter aggres­siv auf­tre­ten, ler­nen?

Die Jesus-Variante von Demut

Obschon Jesus immer wie­der über sich als Per­son, sei­ne Über­zeu­gun­gen und sei­nen Auf­trag spricht, öff­net er an einem Ort ganz spe­zi­ell sein Herz, um das Inne­re sei­ner See­le zu zei­gen:

Ich bin sanft­mü­tig und von Her­zen demü­tig (Mt 11:29)

Demut und Sanft­mut defi­nie­ren das Innen­le­ben und Wesen von Jesus und damit auch sei­nen Umgang mit Men­schen. Jesu Zugang zu Men­schen war tat­säch­lich immer wie­der von unglaub­li­cher Sanft­heit und Fein­ge­fühl geprägt. Sei­ne Begeg­nung mit der Ehe­bre­che­rin (Joh 8:10 – 11) sticht her­aus, oder sei­ne Trau­er über Jeru­sa­lem (Mt 23:37).. Es fällt uns nicht schwer, in sol­chen Stel­len einen demü­ti­gen und sanft­mü­ti­gen Jesus zu sehen.

Wenn wir die Wor­te ‹Demut› und ‹Sanft­mut› hören, ver­bin­den wir damit Ide­en, wie ein sol­ches Ver­hal­ten aus­sieht. Demü­tig und sanft­mü­tig sein heisst, die eige­ne Mei­nung in den Hin­ter­grund tre­ten zu las­sen, kon­tur­los blei­ben — den­ken vie­le. Sanft­mü­tig sein mit Men­schen ande­rer Über­zeu­gung bedeu­tet kei­ner­lei Kon­fron­ta­ti­on ein­zu­ge­hen mit der ande­ren Per­son — nicht zu wider­spre­chen.

Wirk­lich? Wenn Demut und Sanft­mut das Leben von Jesus defi­nier­ten: War Jesus auch in fol­gen­den Situa­tio­nen demü­tig und sanft­mü­tig?

Weh euch, Schrift­ge­lehr­te und Pha­ri­sä­er, ihr Heuch­ler, die ihr den Zehn­ten gebt von Min­ze, Dill und Küm­mel und lasst das Wich­tig­ste im Gesetz bei­sei­te, näm­lich das Recht, die Barm­her­zig­keit und den Glau­ben! (Mt 23:23)

Weh euch, Schrift­ge­lehr­te und Pha­ri­sä­er, ihr Heuch­ler, die ihr seid wie die über­tünch­ten Grä­ber, die von außen hübsch schei­nen, aber innen sind sie vol­ler Toten­ge­bei­ne und lau­ter Unrat! So auch ihr: Von außen scheint ihr vor den Men­schen gerecht, aber innen seid ihr vol­ler Heu­che­lei und miss­ach­tet das Gesetz. (Mt 23:27 – 28)

Kommt hier Demut und Sanft­mut zum Aus­druck? Darf Jesus, der Sohn Got­tes, die Demut in Per­son, so mit Men­schen umge­hen? Es gibt vie­le Bei­spie­le in denen wir sehen, wie Jesus Men­schen wider­spricht. Er kon­fron­tiert und kor­ri­giert. Manch­mal reagiert er sogar mit Zorn. Wenn Sanft­mut und Demut das Wesen von Jesus defi­nie­ren, dann müs­sen auch sol­che Hand­lun­gen Jesu von sei­ner Demut geprägt sein. Könn­te es sein, dass wir mit unse­rem Ver­ständ­nis von Demut dane­ben lie­gen?


Pho­to by Tom­my van Kes­sel on Uns­plash

Wissen, wer ich bin

Demü­tig sein heisst anneh­men, wer ich wirk­lich bin und dem ent­spre­chend han­deln. Jesus wuss­te um sei­ne Iden­ti­tät als Sohn Got­tes. Er leb­te, sprach und han­del­te die­ser Iden­ti­tät und dem damit ver­bun­de­nen Auf­trag ent­spre­chend. Alles ande­re wäre man­geln­de Demut gewe­sen, oder mit ande­ren Wor­ten: Stolz.

Ich ken­ne Men­schen, die das Poten­ti­al haben zu so viel mehr, als sie aus­le­ben. Ein Freund von mir hat die Bega­bung zum Lei­ter einer Kir­che, will aber lie­ber nur die Got­tes­dien­ste besu­chen. Das ist sein gutes Recht. Aber ich wer­de das Gefühl nicht los, dass er den beque­men Weg wählt mit der Aus­re­de, ande­re könn­ten es bes­ser. Das ist fal­sche Demut, das ist Stolz.

Manch­mal braucht ein Dorf einen neu­en Gemein­de-Ammann, oder eine Stadt einen neu­en Stadt­prä­si­den­ten. Leu­te mit den ent­spre­chen­den Fähig­kei­ten zie­hen sich ‹demü­tig› zurück. Aber die Gesell­schaft bräuch­te ihre real vor­han­de­nen Fähig­kei­ten der Lei­ter­schaft.

Das ist fal­sche Demut, das ist Stolz: weni­ger tun wol­len, als wozu wir eigent­lich beru­fen wären.

Selbst­ver­ständ­lich gibt es das Umge­kehr­te, wenn Men­schen sich über­schät­zen, zuviel von sich selbst hal­ten. Die­ses Sze­na­rio ver­bin­den wir eher mit Stolz, und das ist es auch.

Jesus war demü­tig. Er aner­kann­te sei­ne Iden­ti­tät und leb­te die­ser ent­spre­chend. Er war der Sohn Got­tes und hat­te einen dem ent­spre­chen­den Auf­trag. Des­halb sehen wir ihn manch­mal mit sanf­tem Fein­ge­fühl agie­ren. Sei­ne Iden­ti­tät und sein Auf­trag for­der­ten die­ses Ver­hal­ten. Ande­re Male kon­fron­tier­te, kor­ri­gier­te und wider­sprach er, weil das zu sei­ner Iden­ti­tät und sei­nem Auf­trag gehör­te. Auch wenn Jesus kon­fron­tiert und wider­spricht, ist er demü­tig. Wenn wir Kon­fron­ta­ti­on und Wider­spruch sehen, dür­fen wir nicht dar­aus schlies­sen, dass Stolz oder Arro­ganz vor­han­den sind. Manch­mal soll­ten wir kon­fron­tie­ren und wider­spre­chen, gera­de weil wir demü­tig sind.


Pho­to by Eli­jah O’Don­nell on Uns­plash

Demütiger Umgang mit anders Denkenden

Demut soll­te ein wesent­li­cher Aspekt des Umgangs von Chri­sten mit Men­schen ande­rer Über­zeu­gun­gen sein. Ich emp­fin­de es als wich­tig zu ver­ste­hen, wel­che Art von Demut damit gemeint ist.

Als Chri­sten müs­sen wir nicht ‹kuschen›. Wir soll­ten uns nicht in fal­scher Demut selbst aus dem Dis­kurs neh­men. Wir dür­fen rea­li­sie­ren, wer wir sind und dem ent­spre­chend mit Men­schen ande­rer Über­zeu­gung kom­mu­ni­zie­ren. Demut heisst zuhö­ren, ver­su­chen zu ver­ste­hen . Demut bedeu­tet in sanf­ter Wei­se eine ande­re Mei­nung äus­sern. Demut kon­fron­tiert auch und ver­sucht das Gegen­über zu kor­ri­gie­ren. Sie tut dies respekt­voll, nicht auf mani­pu­la­ti­ve Wei­se. Nie­mals kon­fron­tie­ren, wider­spre­chen oder zu kor­ri­gie­ren ver­su­chen ist nicht Demut, son­dern mei­stens eher Stolz oder Feig­heit.

Als Chri­sten tre­ten wir in einem Umfeld vol­ler Ent­rü­stung, Empö­rung, Wut und Pro­test auf. Wir soll­ten uns aus­zeich­nen durch etwas, das anders ist als die Art unse­res Umfel­des. Die­ses ‹anders› soll­te das­sel­be sein, wie das, was Jesus aus­zeich­ne­te. Wir soll­ten dar­an erkannt wer­den, dass wir sei­ne Demut, Tole­ranz und Geduld leben. Wir tun das, weil wir wis­sen, zu wem er uns gemacht hat und was sein Auf­trag an uns ist. Des­halb neh­men wir uns Zeit mit den Men­schen. Wir hören zu und ver­su­chen zu ver­ste­hen. Wir ermu­ti­gen, zei­gen unser Ein­ver­ständ­nis wo wirk­li­ches Ein­ver­ständ­nis vor­han­den ist. Aber wir wider­spre­chen manch­mal auch, kon­fron­tie­ren, ver­su­chen zu kor­ri­gie­ren. Wenn wir das tun, fal­len wir nicht aus der Demut in den Stolz, son­dern gera­de weil wir demü­tig sind, gera­de weil wir lie­ben, tun wir die­se Din­ge. Die Alter­na­ti­ve ist Gleich­gül­tig­keit, und das ist für uns kei­ne Opti­on.

Des­halb lie­be Chri­sten, lasst uns die Jesus-Art von Demut leben und uns so unse­ren Mit­men­schen ver­schen­ken, selbst wenn sie aggres­siv agie­ren, unfair, mani­pu­lie­rend, her­ab­las­send und ent­rü­stet.

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