C. S. Lewis' Ästhetik und Greta Gerwigs Narnia

Was würde C. S. Lewis über Greta Gerwigs Narnia denken?

Lesezeit: 10 Minuten
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by | 28. Okt. 2026 | 0 comments

Zwei Thesen anlässlich von The Magician’s Nephew

Schon Monate vor dem Kinos­tart spal­tet Gre­ta Ger­wigs Nar­nia-Ver­fil­mung The Magician’s Nephew die Nar­nia-Fans. Die eine Frak­tion beklagt die uns derzeit bekan­nten ästhetis­chen Entschei­dun­gen – ins­beson­dere die Beset­zung von Meryl Streep als Syn­chron­sprecherin für Aslan –, während andere entwed­er unver­hohlen begeis­tert von der neuen Ver­fil­mung sind.

Die Ver­suchung ist, dies alles nun auf unter­schiedliche Geschmäck­er zurück­zuführen. Vielle­icht aber soll­ten wir nicht so vorschnell sein. Denn die christliche Philoso­phie von C. S. Lewis selb­st legt nahe, dass die Schön­heit von Kunst­werken viel objek­tiv­er ist als gemein­hin gedacht.

Dieser Artikel nimmt deshalb Gre­ta Ger­wigs Film zum Anlass, um zwei Lewiss­che The­sen zu erörtern:

1) Die Unter­schei­dung zwis­chen zwei grundle­gen­den Erfahrungsweisen: look­ing at und look­ing along[1]. Diese bei­den Erfahrungsweisen wer­den auf Gre­ta Ger­wigs Rolle als Regis­seurin eines Nar­nia-Films angewen­det. Es wird argu­men­tiert, dass Ger­wig in Bezug auf das Chris­ten­tum der epis­temis­che Zugang des look­ing along fehlt, weshalb sie trotz bester Absicht­en ohne externe Hil­fe nicht in der Lage ist, einem christlichen Werk gerecht zu wer­den.

2) Lewis’ The­o­rie der Ästhetik. Lewis war ein ästhetis­ch­er Objek­tivist. Er ver­trat die Ansicht, dass Mei­n­ungsver­schieden­heit­en bei ästhetis­chen Urteilen keine rein sub­jek­tive “Geschmacks­fra­gen” sind, son­dern durch die unter­schiedliche Empfänglichkeit der Men­schen für Schön­heit zu erk­lären seien. Diese Empfänglichkeit wiederum ist laut Lewis auf geschulte Emo­tio­nen und eine Selb­sthingabe an die Kun­st zurück­zuführen. Diese The­o­rie wird sowohl auf Gre­ta Ger­wig als auch auf Fans angewen­det, die über die Vorzüge des Films disku­tieren (basierend auf dem, was nach der Veröf­fentlichung des ersten Trail­ers bekan­nt ist).

„Meditation in a Toolshed“: Warum das Christentum nur von innen heraus erfasst werden kann

In seinem kurzen Essay „Med­i­ta­tion in a Tool­shed“ (Lewis 2000b) ver­gle­icht C. S. Lewis zwei Arten, die Real­ität zu erleben: look­ing at und look­ing along. Lewis fordert uns auf, uns vorzustellen, wir stün­den in einem dun­klen Geräteschup­pen, dessen einziges Licht durch einen Spalt in der Tür fällt. Der Son­nen­strahl ist deut­lich zu erken­nen. Wir kön­nen ihn anse­hen (look­ing at) und den Strahl wahrnehmen; oder wir kön­nen ent­lang des Strahls­blick­en (look­ing along) und die Aussen­welt sehen. Look­ing at beste­ht für Lewis vor allem in der wis­senschaftlichen Meth­ode. Zum Beispiel messen (“betra­cht­en”) Neu­rowis­senschaftler Gehirn­wellen, oder Anthro­polo­gen beschreiben und kat­e­gorisieren die Rit­uale indi­gen­er Völk­er. Look­ing along hinge­gen ist die „Per­spek­tive von innen“ oder von “mit­ten­drin”. Der junge Mann, der ver­liebt ist, kann uns aus eigen­er Erfahrung erzählen, was es bedeutet, ver­liebt zu sein; der tanzende Schamane wird uns ver­sich­ern, dass er den Gott des Regens und der Ernte anruft.

Lewis’ Ziel ist es, die (nach wie vor weit ver­bre­it­ete) Annahme zu wider­legen, dass look­ing at irgend­wie der wahrhaftigere und „objek­ti­vere“ Zugang zur Real­ität sei. Es ist zum Beispiel ziem­lich offen­sichtlich, dass der Neu­rowis­senschaftler, der Gehirn­scans betra­chtet, auf diese Weise niemals her­aus­find­en kann, was es wirk­lich bedeutet, ver­liebt zu sein; tat­säch­lich kann er auf diese Weise nicht ein­mal her­aus­find­en, was etwas so Grundle­gen­des wie Schmerz ist. Das bedeutet laut Lewis jedoch nicht, dass look­ing at immer die min­der­w­er­tigere Erken­nt­nisweise ist. Im Fall des Schama­nen beispiel­sweise kön­nte eine sorgfältige wis­senschaftliche Unter­suchung, die zeigt, dass kein kausaler Zusam­men­hang zwis­chen seinem Tanz und dem Wet­ter beste­ht, mehr Wahrheit zutage fördern als seine innere Per­spek­tive, dass er im Kon­takt mit dem Regen­gott ist. Lewis beste­ht jedoch darauf, dass wir von Fall zu Fall entschei­den müssen:

One must look both along and at every­thing. In par­tic­u­lar cas­es we shall find rea­son for regard­ing the one or the oth­er vision as infe­ri­or.  (ebd.)

Was hat das mit Ger­wigs Ver­fil­mung von The Magician’s Nephew zu tun? Lassen Sie mich zunächst ein Argu­ment vor­brin­gen und dann erläutern, wo „Med­i­ta­tion in a Tool­shed“ ins Spiel kommt.

P1: Es ist für eine Per­son, die eine andere Weltan­schau­ung als das Chris­ten­tum ver­tritt, nicht möglich, ein ein­deutig christlich­es Kunst­werk angemessen zu adap­tieren, es sei denn, sie unter­wirft sich der Auf­sicht eines christlichen Art Direc­tors.

P2: Gre­ta Ger­wig ist keine prak­tizierende Christin.

C: Daher ist sie selb­st mit den besten Absicht­en nicht in der Lage, The Magician’s Nephew angemessen zu adap­tieren.

Natür­lich kommt in Prämisse 1 der Unter­schied zwis­chen look­ing at und look­ing along ins Spiel. Jemand, dessen Weltan­schau­ung nicht wirk­lich christlich ist, gle­icht jeman­dem, der ent­lang eines anderen Licht­strahls blickt. Er mag das Chris­ten­tum zwar mit wis­senschaftlich­er Präzi­sion und Ehrfurcht betra­cht­en, aber er kann niemals “mit den Augen eines Chris­ten” blick­en, es sei denn, er wird selb­st Christ. Denn das Chris­ten­tum ist nicht bloss eine Philoso­phie, die man ein­fach annehmen kann, indem man an ihre grundle­gen­den Lehren glaubt (und selb­st Philoso­phien kön­nen Per­spek­tiv­en haben, die man nur “von innen” her­aus erfassen kann). Das Chris­ten­tum ist zwar ein Glaubenssys­tem, aber es ist weit mehr als das. Es bein­hal­tet eine per­sön­liche Beziehung zu Gott durch Jesus Chris­tus, so wie die Kinder in Nar­nia eine per­sön­liche Beziehung zu Aslan auf­bauen. Und das führt uns zurück zum vorheri­gen Beispiel des ver­liebten jun­gen Mannes[2].

Jemand, dessen Weltan­schau­ung nicht wirk­lich christlich ist, ist wie jemand, der ent­lang eines anderen Licht­strahls blickt.

In Prämisse 1 steckt noch eine zweite Behaup­tung, und diese ist vielle­icht die umstrit­tenere. Sie besagt, dass jemand, der sich in ein­er nichtchristlichen Erken­nt­nishal­tung befind­et, ein christlich­es Kunst­werk nicht angemessen adap­tieren kann. Reicht es denn nicht aus, dem Aus­gangs­ma­te­r­i­al gründlich treu zu bleiben? Dies scheint keinen per­sön­lichen Glauben zu erfordern. Vielle­icht nicht, aber wird das Ergeb­nis das­selbe sein, als hätte ein echter Christ das Kunst­werk insze­niert? Ich glaube nicht: Es wird etwas fehlen. Doch das ist nicht ein­mal die Sit­u­a­tion, mit der wir im Fall von Ger­wig kon­fron­tiert sind. Zuvor habe ich die For­mulierung „durch eine andere Weltan­schau­ungslinse blick­en“ ver­wen­det. Der nichtchristliche Regis­seur, der dem christlichen Aus­gangs­ma­te­r­i­al gerecht wer­den will, gle­icht jeman­dem, der nicht ent­lang des christlichen Licht­strahls blick­en kann, der aber alles, was ihm jemand, der dazu in der Lage ist, dik­tiert, getreu nieder­schreibt oder zeich­net. Ger­wig erscheint mir eher als eine Per­son, die behauptet, mit christlichen Augen zu sehen, ohne dies tat­säch­lich zu tun. Was sie uns also als christlich verkauft, ist es in Wirk­lichkeit nicht.

Jemand wies mich darauf hin, dass die von Dis­ney zwis­chen 2005 und 2010 pro­duzierten Nar­nia-Filme ein Gegen­beispiel zu Prämisse 1 seien. Aber sind sie das wirk­lich? Bei allen drei Fil­men fungierte Dou­glas Gre­sham, Lewis’ Stief­sohn, als „christlich­er Berater“. Auch wenn die anderen Mit­glieder des Drehbuch- und Pro­duk­tion­steams keine oder zumin­d­est keine ein­deutig prak­tizieren­den Chris­ten waren, führten Gre­shams Ein­fluss sowie deren offen­sichtliche Bere­itschaft, den Fil­men ihre eige­nen nichtchristlichen Weltan­schau­un­gen nicht aufzuzwin­gen, zu Kunst­werken, die nicht nur den Büch­ern zumin­d­est im Geiste (wenn auch nicht immer wörtlich) treu bleiben, son­dern auch von der Fange­meinde all­ge­mein geliebt wer­den. Meine For­mulierung von Prämisse 1 erfasst solche Kon­stel­la­tio­nen.

Damit bleiben wir bei Prämisse 2. Ist es gerecht­fer­tigt, Ger­wig als keine echte Christin zu beze­ich­nen? Gre­ta Ger­wig hat wieder­holt ihre Bewun­derung und sog­ar Zunei­gung für den Katholizis­mus zum Aus­druck gebracht (zum Beispiel hier, siehe auch ihren Film „Lady Bird“). Das „Konzept der Gnade“, so sagte sie, habe sie schon immer fasziniert. Sie beze­ich­nete sog­ar das Buch Lit­tle Women, auf dem ihr gle­ich­namiger Film aus dem Jahr 2019 basiert, als eine „zutief­st christliche“ Geschichte. Darüber hin­aus brachte sie tiefe Ehrfurcht vor Lewis zum Aus­druck und beze­ich­nete ihn als „so facetten­re­ich und so gelehrt“. In einem ganz aktuellen Inter­view behauptet sie sog­ar, „alles gele­sen oder wieder gele­sen zu haben, was Lewis geschrieben hat“[3]. Allerd­ings stellte sie auch klar, dass sie die the­ol­o­gis­chen Überzeu­gun­gen ihrer katholis­chen Schule nicht teile. Es gibt weit­ere Anze­ichen dafür, dass ihre Sicht auf das Chris­ten­tum selek­tiv ist. Sie betont die Gnade und erwäh­nt niemals deren Gegen­stück, das Gericht. Zudem spricht sie von „Busse durch Liebe“. Dies scheint zu implizieren, dass jemand „durch Liebe zur Busse bewegt“ wer­den könne. Der bib­lis­che Begriff der Busse (μετάνοια) ist jedoch ganz klar Aus­druck ein­er aus dem Inneren kom­menden Wil­lens­be­we­gung und erfordert ein inneres Beken­nt­nis der eige­nen Sünde, nicht jedoch unbe­d­ingt Liebe von aussen. Es beste­hen daher erhe­bliche Zweifel daran, dass Ger­wig in der Lage ist, aus der Per­spek­tive ein­er per­sön­lichen, bib­lis­chen Beziehung zu Gott zu blick­en.

Lewis’ Ästhetiktheorie und Gerwigs Film

Darüber hin­aus mah­nt Lewis’ eigene Ästhetik­the­o­rie zur Vor­sicht gegenüber dem bevorste­hen­den Film, noch bevor dieser über­haupt erschienen ist. Als Erstes ist anzumerken, dass Lewis ein ästhetis­ch­er Objek­tivist war. Das bedeutet, dass er glaubte, Schön­heit liege tat­säch­lich im Objekt selb­st[4]. Obwohl Lewis keine spez­i­fis­che The­o­rie über das Wesen der Schön­heit entwick­elte, macht diese Pas­sage aus The Abo­li­tion of Man seinen ästhetis­chen  Objek­tivis­mus (all­ge­mein­er gesprochen, Wer­to­b­jek­tivis­mus) ziem­lich deut­lich:

Der Schüler, der diese Pas­sage in The Green Book liest, wird zwei Aus­sagen glauben: erstens, dass alle Sätze, die ein Wert­prädikat enthal­ten, Aus­sagen über den emo­tionalen Zus­tand des Sprech­ers sind, und zweit­ens, dass alle der­ar­ti­gen Aus­sagen unwichtig sind. Es stimmt, dass Gaius und Titius keines dieser Dinge wörtlich gesagt haben. Sie haben nur ein bes­timmtes Wert­prädikat (erhaben) als ein Wort behan­delt, das die Emo­tio­nen des Sprech­ers beschreibt. Es bleibt den Schülern über­lassen, diese Herange­hensweise auf alle Wert­prädikate auszuweit­en: Und es wird ihnen kein noch so geringes Hin­der­nis in den Weg gelegt, dies zu tun. (Lewis 2001, 4, meine Über­set­zung)

Lewis kri­tisiert die Behaup­tung, dass Aus­sagen über den ästhetis­chen Wert eines Objek­ts Aus­sagen über die eige­nen Gefüh­le seien. Sein­er Ansicht nach sind sie Aus­sagen über das Objekt. Dies ste­ht im Gegen­satz zum intellek­tuellen Kli­ma unser­er Zeit, in dem ästhetis­che Urteile typ­is­cher­weise als sub­jek­tive Geschmack­san­gele­gen­heit­en abge­tan wer­den.

Wer­turteile kön­nen entwed­er angemessen oder unangemessen sein.

C. S. Lewis (para­phrasiert)

Aus Lewis’ Objek­tivis­mus (oder aus irgen­dein­er Form von dif­feren­ziertem ästhetis­chem Objek­tivis­mus) fol­gt jedoch nicht, dass es keine Mei­n­ungsver­schieden­heit­en über ästhetis­che Urteile geben kann. Lewis etwa glaubte auch, dass die Art und Weise, wie man die Schön­heit eines Objek­ts wahrn­immt, von bes­timmten epis­temis­chen Bedin­gun­gen auf der Seite des Sub­jek­ts abhängt. Nen­nen wir diese Sichtweise „ästhetis­chen objek­tivis­tis­chen Dis­po­si­tion­is­mus“, da das Sub­jekt die richtige Dis­po­si­tion benötigt, um Schön­heit wahrzunehmen. Die bei­den Hauptbe­din­gun­gen scheinen zu sein: 1) richtig geschulte emo­tionale Reak­tio­nen und 2) Aufgeschlossen­heit gegenüber dem Kunst­werk.

Was emo­tionale Reak­tio­nen bet­rifft, macht er in The Abo­li­tion of Man deut­lich, dass Wer­turteile (ein­schliesslich ästhetis­ch­er Urteile) entwed­er angemessen oder unangemessen sein kön­nen:

Das kleine men­schliche Wesen wird zunächst nicht die richti­gen Reak­tio­nen zeigen. Es muss darauf trainiert wer­den, Freude, Zunei­gung, Ekel und Hass gegenüber jenen Din­gen zu empfind­en, die tat­säch­lich angenehm, liebenswert, ekel­er­re­gend und ver­ab­scheuungswürdig sind. (ebd., 16, meine Über­set­zung)

Das Inter­es­sante daran ist nicht nur, dass Lewis glaubte, es gäbe richtige und falsche Reak­tio­nen, son­dern auch, dass Gefüh­le eine wichtige Rolle bei der kor­rek­ten Erken­nung von Werten spie­len. Das soll nicht heis­sen, dass Lewis Emo­tio­nen mit ratio­nalen Urteilen gle­ich­set­zte. Ganz im Gegen­teil, er betont, dass Emo­tio­nen als solche uns keine Ori­en­tierung in der Real­ität geben:

Keine Emo­tion ist an sich ein Urteil; in diesem Sinne sind alle Emo­tio­nen und Gefüh­le unl­o­gisch. (ebd., 19, meine Über­set­zung)

Er fügt jedoch sofort hinzu:

Aber sie kön­nen vernün­ftig oder unvernün­ftig sein, je nach­dem, ob sie der Ver­nun­ft entsprechen oder nicht. Das Herz tritt niemals an die Stelle des Ver­standes: Aber es kann und sollte ihm gehorchen. (ebd., 19, meine Über­set­zung)

Das sich abze­ich­nende Bild ist fol­gen­des: Die Emo­tio­nen müssen durch Schu­lung (die auch intellek­tuelle Bil­dung bein­hal­tet) kalib­ri­ert wer­den; sind sie ein­mal kalib­ri­ert, sind sie ver­lässliche Weg­weis­er zum Guten, Wahren und Schö­nen. Es sollte jedoch hinzuge­fügt wer­den, dass nicht jede Schu­lung tauglich ist. Wir müssen offen sein für die Möglichkeit, dass manche For­men der Schu­lung, so rig­oros sie auch sein mögen, den “Wertekom­pass” der Men­schen eher verz­er­ren. Eine ganz aktuelle griechisch-nor­wegis­che Studie zeigt, dass nor­male Men­schen tra­di­tionelle Architek­tur gegenüber zeit­genös­sis­cheren Gebäu­den bevorzu­gen, selb­st wenn diese mit Fach­preisen aus­geze­ich­net wur­den (Moura­tidis 2026). Natür­lich stellt sich die Frage, wer als Massstab herange­zo­gen wer­den soll: die pro­fes­sionellen Kri­tik­er (was Laien als ästhetisch unge­bildet erscheinen lässt) oder die ungeschul­ten Stu­di­en­teil­nehmer (was zeigt, dass die Aus­bil­dung der Kri­tik­er ihren Sinn für das Schöne irgend­wie verz­er­rt hat)? Ich werde in Kürze auf diesen Punkt zurück­kom­men.

Es gibt noch ein zweites Kri­teri­um für ein kor­rek­tes ästhetis­ches Urteil: die Empfänglichkeit für das Kunst­werk. Damit meint Lewis, dass wir uns davon zurück­hal­ten müssen, unsere sub­jek­tiv­en Vorstel­lun­gen und Vor­lieben auf das Kunst­werk zu pro­jizieren:

Wahre Wertschätzung erfordert den umgekehrten Prozess. Wir dür­fen unsere eigene Sub­jek­tiv­ität nicht auf die Bilder loslassen und sie zu deren Trägern machen. Wir müssen damit begin­nen, all unsere eige­nen Vorurteile, Inter­essen und Assozi­a­tio­nen so voll­ständig wie möglich bei­seite zu leg­en. (Lewis 2015, Kap. 3, meine Über­set­zung)

Und:

Die erste Forderung, die jedes Kunst­werk an uns stellt, ist Hingabe. Schau hin. Höre zu. Nimm wahr. Tritt bei­seite. (Ebd., meine Über­set­zung)

Lewis erk­lärt den Unter­schied auch fol­gen­der­massen: Falsche ästhetis­che Wertschätzung zielt darauf ab, das Kunst­werk (für die eige­nen Zwecke) zu nutzen, während richtige Wertschätzung das „Sich-Hingeben“ an das Kunst­werk und damit an die Absicht­en des Kün­stlers voraus­set­zt. Auch hier beeilt sich Lewis, das Missver­ständ­nis auszuräu­men, dass dies den Betra­chter pas­siv mache. Weit davon ent­fer­nt – die Vorstel­lungskraft kann und sollte aktiv sein, jedoch inner­halb der Gren­zen dessen, was das Kunst­werk präsen­tiert (ebd., Kap. 3).

Wo ste­hen wir nun in Bezug auf Ger­wigs neuen Kinofilm? Ein­er­seits gibt uns Lewis’ Erken­nt­nis­the­o­rie der Schön­heit einen Anhalt­spunkt dafür, warum es unter Nar­nia-Fans so heftige Mei­n­ungsver­schieden­heit­en über den neuen Film gibt. Ist es möglich, dass ein Teil der Fange­meinde über geschulte Emo­tio­nen ver­fügt und der andere nicht? Und wenn ja, welche Frak­tion hat Recht: diejeni­gen, die Ger­wigs ästhetis­che (und nar­ra­tive) Entschei­dun­gen ver­ab­scheuen, oder diejeni­gen, die ein­fach nur begeis­tert sind, den Film zu sehen? Zumin­d­est lässt sich sagen: Wenn Lewis’ ästhetis­ch­er dis­po­si­tionaler Objek­tivis­mus zutrifft, muss die eine Seite Unrecht haben und die andere Recht. Wir kön­nten nun ver­suchen, unter Beru­fung auf intellek­tuelles Wis­sen über Lewis’ Werk zu entschei­den. Das wirk­lich Inter­es­sante ist jedoch, dass die Kluft nicht zwis­chen Experten und Gele­gen­heit­sle­sern ver­läuft. In meinem Social-Media-Net­zw­erk gibt es sowohl Fans als auch Kri­tik­er von Ger­wigs Ansatz unter sehr gut informierten Men­schen (ein­schliesslich Lewis-Gelehrten). Gelehrsamkeit in Sachen Lewis ist also mit sehr unter­schiedlichen ästhetis­chen Urteilen über Lewis-Adap­tio­nen kom­pat­i­bel.

Wir kön­nen diesel­ben bei­den Kri­te­rien auf Ger­wig selb­st anwen­den. Ger­wig ist eine selb­ster­nan­nte Fem­i­nistin (wiewohl auch keine extreme). Es ist daher zweifel­haft, ob ihre emo­tionale Ein­stel­lung sie dazu befähigt, Lewis’ Weltan­schau­ung – wie sie in seinen Werken zum Aus­druck kommt und sicher­lich nicht fem­i­nis­tisch ist – richtig zu erken­nen. In einem Inter­view über ihren Film „Bar­bie“ aus dem Jahr 2023 sagte sie, sie wün­sche sich eine Welt, in der bei­de Geschlechter abso­lut gle­ich behan­delt wer­den. Das entspricht wed­er der bib­lis­chen noch der Lewis’schen Sichtweise auf die Geschlechter1. Und wie sieht es mit der Aufgeschlossen­heit aus? Der Trail­er deutet stark darauf hin, dass Ger­wig ihre eige­nen Ideen in The Magician’s Nephew ein­fliessen lässt: Rock­musik, die Aslans gesun­gene Erschaf­fung von Nar­nia begleit­et, David-Bowie-Ästhetik in Bezug auf den Grossen Löwen und eine Hand­lung, die in den 1950er (statt den 1900er) Jahren spielt – all das mag ihren eige­nen stilis­tis­chen Vor­lieben entsprechen, stellt jedoch eine mas­sive Abwe­ichung von Lewis’ Werk dar. Man kön­nte ein­wen­den, dass es auf die Ideen ankommt und die „Ver­pack­ung“ unter­schiedlich sein kann. Lewis weist diese Ansicht vehe­ment zurück:

Es sind nicht nur unsere eige­nen „Ideen“ über, sagen wir, Mars und Venus, die bei­seit­egeschoben wer­den müssen. Das würde nur Platz für Bot­ti­cel­lis „Ideen“ schaf­fen, im gle­ichen Sinne des Wortes. Wir wür­den somit nur jene Ele­mente sein­er Schöp­fung aufnehmen, die er mit dem Dichter teilt. Und da er schliesslich ein Maler und kein Dichter ist, reicht dies nicht aus. Was wir aufnehmen müssen, ist seine spez­i­fisch bild­ner­ische Schöp­fung: das, was aus vie­len Massen, Far­ben und Lin­ien die kom­plexe Har­monie der gesamten Lein­wand entste­hen lässt. (ebd., Kap. 3, meine Über­set­zung)

Es gibt noch einen weit­eren Lewis’schen Massstab, der darauf hin­deutet, dass Ger­wigs Adap­tion keine gute ist. In „Chris­tian­i­ty and Cul­ture“ schreibt Lewis: „Man kann kein Kunst­werk beurteilen, ohne es so zu nutzen, wie es beab­sichtigt war“ (Lewis 2000a). Nutzt Gre­ta Ger­wig das Aus­gangs­ma­te­r­i­al so, wie es beab­sichtigt war? Wie oben dargelegt, haben wir gute Gründe zu der Annahme, dass dies nicht der Fall ist.

Den­noch bleibt eines beste­hen: Um Ger­wigs Werk umfassend und gründlich beurteilen zu kön­nen, müssen wir den Film sehen. Und selb­st dann wer­den wir etwas Geduld auf­brin­gen müssen, um abzuwarten, welche Auswirkun­gen der Film haben wird. Lewis war der Ansicht, dass Schön­heit und Güte zwar unter­schiedlich sind, aber eng miteinan­der ver­bun­den sind. Gute Kun­st oder schlichtweg Schön­heit hat eine trans­for­ma­tive Wirkung, so Lewis (siehe seine ästhetis­chen Begeg­nun­gen in Sur­prised by Joy). So fasst er präg­nant zusam­men, wie man ein Kunst­werk auf lange Sicht beurteilen sollte:

Die einzi­gen bei­den Fra­gen, die man sich langfristig über ein Kunst­werk stellen sollte, sind erstens, ob es inter­es­sant, unter­halt­sam und ansprechend ist, und zweit­ens, ob dieser Genuss Bestand hat und einem bei all den anderen Din­gen hil­ft oder im Weg ste­ht, die man geniessen, tun oder sein möchte. (Lewis 2006, 119–120, meine Über­set­zung).

Die Bibel sagt: „An ihren Frücht­en werdet ihr sie erken­nen“. Mal sehen, welche Früchte Ger­wigs Film her­vor­brin­gen wird.

Bibliografie

Lewis, C. S. 2000b. “Med­i­ta­tion in a Tool­shed.” In Essay Col­lec­tion & Oth­er Short Pieces, Kin­dle.

Lewis, C. S. 2015. An Exper­i­ment in Crit­i­cism. Harper­One.

Lewis, C. S.. 2006. A Pref­ace to Par­adise Lost. Atlantic Pub­lish­ers & Dist.

Lewis, C. S. 2000a. “Chris­tian­i­ty and Cul­ture.” In Essay Col­lec­tion & Oth­er Short Pieces, Kin­dle.


[1] Ich habe die Begriffe im Englis­chen Orig­i­nal belassen. Eine vernün­ftige deutsche Über­set­zung schein mir kaum möglich.

[2] Nicht, dass eine per­sön­liche Beziehung zu Gott viel oder notwendi­ger­weise dem Ver­liebt­sein in eine Frau oder einen Mann ähneln würde.

[3] Eine Behaup­tung, die schw­er zu glauben ist, angesichts des umfan­gre­ichen Werkes von Lewis, das nicht nur seine Bel­letris­tik, son­dern auch Essays, per­sön­liche Briefe, Gedichte und wis­senschaftliche Arbeit­en umfasst.

[4] Dies ist ein etwas vere­in­facht­es Bild. Die präzis­ere For­mulierung wäre, dass die Eigen­schaft der Schön­heit im Objekt verkör­pert ist. Es gibt jedoch min­destens noch eine weit­ere Möglichkeit, eine Form des ästhetis­chen Objek­tivis­mus zu vertreten, näm­lich wenn die Eigen­schaft der Schön­heit in der Anord­nung von Sub­jekt, Objekt, der Ver­an­la­gung des Objek­ts, ästhetis­che Reak­tio­nen her­vorzu­rufen, und der Ver­an­la­gung des Sub­jek­ts, solche Reak­tio­nen zu zeigen, sowie in den Umstän­den, unter denen die Wahrnehmung von Schön­heit stat­tfind­et, verkör­pert ist.

  1. Zweifel­los glaubte Lewis an die bib­lis­che Lehre, dass Män­ner und Frauen vor Gott gle­ichwer­tig sind, nicht jedoch, dass sie gle­ichartig sind, was vom Fem­i­nis­mus einge­fordert wird. ↩︎

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Alin Cucu

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