Holy Bible? (4/6) — Schriftverständnis der Evangelikalen

Roland Hardmeier
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Das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis hat viele Gesichter. Es ist vom Ver­trauen geprägt, dass die Bibel Gottes Wort an uns ist. In diesem Teil beschreibe ich das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis und ver­gle­iche es mit dem Fun­da­men­tal­is­mus und dem Post-Evan­ge­likalis­mus. Die Unter­schiede zwis­chen diesen einan­der ver­wandten Ansätzen der Ausle­gung ergeben sich aus ihrer Geschichte und ihrem Weltbezug.

Weil die Evan­ge­likalen wed­er eine Kirche noch eine Denom­i­na­tion sind, son­dern eine Bewe­gung mit unschar­fen Gren­zen, ist das Schriftver­ständ­nis nicht ein­deutig fest­gelegt. Das erstaunt für eine Bewe­gung, die sich wesentlich durch ihre Bibel­hal­tung definiert. Es zeigt aber auch, dass die Bewe­gung trotz ihrer grund­sät­zlich kon­ser­v­a­tiv­en Aus­rich­tung the­ol­o­gisch dynamisch und form­bar ist. Das Spek­trum reicht von der teil­weisen Akzep­tanz his­torisch-kri­tis­ch­er Forschungsergeb­nisse und der Ablehnung der Ver­balin­spi­ra­tion (Gott dik­tierte den bib­lis­chen Ver­fassern den Text) bis zum Fes­thal­ten an der völ­li­gen Irrtum­slosigkeit der Bibel. Trotz dieser Bre­ite kann man von ein­er dreifachen Grun­dori­en­tierung sprechen, welche die Bewe­gung zusammenhält.

Geschichtlichkeit und Verlässlichkeit

Evan­ge­likale verbindet erstens der Glaube an die his­torische Ver­lässlichkeit der Bibel Alten und Neuen Tes­ta­ments. Die bib­lis­chen Geschicht­en sind nicht Leg­en­den, son­dern von Gott in Raum und Zeit gewirk­te Geschehnisse, von denen glaub­würdi­ge his­torische Zeug­nisse vorliegen.

Die Bibel ist nach evan­ge­likalem Ver­ständ­nis eine Ein­heit. Das Alte Tes­ta­ment als das Buch der Anfänge ist auf das Neue Tes­ta­ment als das Buch der Erfül­lung angelegt. Das Neue Tes­ta­ment set­zt die alttes­ta­mentlichen Texte, ihre Ken­nt­nis, ihre Kraft und ihre Gel­tung voraus. Nur aufeinan­der bezo­gen kön­nen bei­de Teile richtig ver­standen wer­den. Die meis­ten evan­ge­likalen Chris­ten lesen die Bibel deshalb «heils­geschichtlich». Der Begriff besagt, dass die Bibel einen göt­tlichen Heil­s­plan enthält. Gott lenkt die Geschichte durch sein Ein­wirken so, dass sich daraus ein zusam­men­hän­gen­des Geschehen ergibt, das auf die Ver­her­rlichung Gottes und das Heil­w­er­den der Schöp­fung zielt. Die Heilige Schrift Alten und Neuen Tes­ta­ments reflek­tiert dieses zusam­men­hän­gende Geschehen durch ihre the­ol­o­gis­che Ein­heit. Die bib­lis­che Sto­ry ist zwar äusserst vielgestaltig, was The­men und Ereignisse bet­rifft. Trotz­dem ist die Bibel mehr als ein Kom­pendi­um von Gotte­ser­fahrun­gen. Ihr eigentlich­er Autor ist Gott, der durch die Schriften der Bibel seinen göt­tlichen Heil­s­plan offenbart.

Die heils­geschichtliche Lesart der Bibel führt zur unau­flös­lichen Verbindung von Glauben und Geschichte. Dem Glauben kann nach evan­ge­likalem Ver­ständ­nis nur gewiss sein, was sich in der Geschichte ereignete. So hat Gott in der Aufer­ste­hung Jesu konkret in Raum und Zeit gehan­delt, so wie er im Auszug aus Ägypten han­delte oder zu den Propheten sprach. Dieses heil­brin­gende Wirken Gottes in der Men­schheits­geschichte führt zur heils­geschichtlichen Betra­ch­tung der Bibel. Sie bringt die Überzeu­gung her­vor, dass sie als echte «Geschichte» mehr als ein Kom­pendi­um von «Geschicht­en» ist, die blosse Ideen transportieren.

In der Ver­hält­nis­bes­tim­mung von Glauben und Geschichte liegt ein Grund­satzkon­flikt zwis­chen evan­ge­likaler The­olo­gie und mod­ern­er Bibel­wis­senschaft. Durch den Ein­fluss der Aufk­lärung begann die wis­senschaftliche The­olo­gie im 18. Jahrhun­dert Glaube und Geschichte voneinan­der zu tren­nen. Die Erzäh­lun­gen der Bibel gäben nicht notwendi­ger­weise his­torische Real­itäten wieder und der Glaube sei auf diese auch gar nicht angewiesen. Demge­genüber hiel­ten kon­ser­v­a­tive Kreise an der Geschichtlichkeit der in der Bibel berichteten Erzäh­lun­gen als Real­grund des Glaubens fest.

Die eine Seite geht also von einem ungeschichtlichen Glauben aus. Die geschichtliche Ver­ankerung des Glaubens wird als zweitrangig betra­chtet, weil es in der Bibel vornehm­lich um überzeitliche Wahrheit­en gehe. Die andere Seite ord­net die Geschichte dem Glauben vor. Nur was tat­säch­lich geschehen sei, könne dem Glauben als Real­grund dienen. Dieser Grund­satzkon­flikt beste­ht als ungelöstes Prob­lem zwis­chen evan­ge­likalem Schriftver­ständ­nis und mod­ern­er Bibel­wis­senschaft bis heute fort.

Inspiration und Unfehlbarkeit

Der Glaube an die Ver­lässlichkeit der Bibel ergibt sich für Evan­ge­likale zweit­ens aus dem Glauben an die Inspi­ra­tion. Unter Inspi­ra­tion ist ein über­natür­lich­er, durch göt­tliche Vorse­hung bewirk­ter Ein­fluss des Heili­gen Geistes gemeint, der die Ver­fass­er der bib­lis­chen Schriften ver­an­lasste, das zu schreiben, was dem göt­tlichen Willen entspricht, ohne dabei ihre Per­sön­lichkeit auszuschal­ten. Nach evan­ge­likalem Ver­ständ­nis ist die Bibel Alten und Neuen Tes­ta­ments vom Heili­gen Geist gewirk­tes Zeug­nis und als solch­es verbindlich­es Gotteswort.

Der Glaube an die Inspi­ra­tion ist kein von aussen an die Bibel herange­tra­gen­er Gedanke. Er ergibt sich aus dem bib­lis­chen Zeug­nis Alten und Neuen Tes­ta­ments, das uns die Propheten, Jesus und die Apos­tel hin­ter­lassen haben. Die ste­hende Formel «so spricht der Herr» im Mund der Propheten ist Aus­druck davon, dass sie ihre Botschaften unter dem Ein­druck nieder­schrieben, dass der Gott Israels durch sie sprach. Jesus bil­ligte dem Alten Tes­ta­ment Autorität zu, er erläuterte seine Sendung aus dem Alten Tes­ta­ment, er machte davon Gebrauch als er Ver­suchun­gen wider­stand, und er bestand auf der Ver­lässlichkeit der Schrift (Joh 10,35; Mt 4,1ff; 5,17). Paulus fasst den Glauben an die Inspi­ra­tion des Alten Tes­ta­ments in dem Satz «die Schrift ist von Gott eingegeben» zusam­men (2Tim 3,16–17). Dieses bib­lis­che Selb­stzeug­nis ist nach evan­ge­likaler Auf­fas­sung unbe­d­ingt ern­stzunehmen, damit die Bibel von sich aus das sagen kann, was sie will.

Die hohe Wertschätzung des Alten Tes­ta­ments wird von Evan­ge­likalen auf die kanon­is­chen Schriften des Neuen Tes­ta­ments aus­gedehnt (auf die sich Paulus noch nicht bezo­gen haben kon­nte, weil es das, was wir heute ganz selb­stver­ständlich das Neue Tes­ta­ment nen­nen, damals noch nicht gab). Die Bibel in ihrer Gesamtheit ist nach evan­ge­likalem Ver­ständ­nis Gottes inspiri­ertes Wort.

Die ver­schiede­nen The­o­rien der Inspi­ra­tion, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben, sind mit dem Gedanken der Irrtum­slosigkeit der Bibel ver­bun­den. Für weite Teile der evan­ge­likalen Bewe­gung, auf jeden Fall für ihren fun­da­men­tal­is­tis­chen Flügel, führt die Lehre von der Inspi­ra­tion zur Lehre von der Irrtum­slosigkeit der Bibel. Derek Tid­ball schreibt in seinem Grundlagenwerk:

«Zwei Begriffe, die man ständig mit evan­ge­likalen Ansicht­en über die Bibel in Verbindung bringt, sind ‘Unfehlbarkeit’ und ‘Irrtum­slosigkeit’. Sie deuten an, dass die Bibel in allen ihren Teilen ohne Fehler und in allen ihren Aus­sagen völ­lig ver­trauenswürdig ist, nicht nur da, wo es um Glaubens­fra­gen geht, son­dern auch bei allen geschichtlichen, geo­graphis­chen, philosophis­chen und anderen Fra­gen. Manch­mal wird der Aus­druck ‘voll­ständi­ge Ver­balin­spi­ra­tion’ gebraucht, was heis­sen soll, dass alle vork­om­menden Wörter im vollen Sinn inspiri­ert und deshalb wirk­lich Worte Gottes sind.»[1]

Die «Chica­go-Erk­lärung zur Irrtum­slosigkeit der Bibel» (1978), die wichtig­ste Selb­st­darstel­lung des Fun­da­men­tal­is­mus (der auch viele Evan­ge­likale zus­tim­men), fasst die Unfehlbarkeit der Bibel wie fol­gt zusammen:

«Da die Heilige Schrift Gottes eigenes Wort ist, das von Men­schen geschrieben wurde, die der Heilige Geist dazu ausrüstete und dabei überwachte, ist sie in allen Fra­gen, die sie anspricht, von unfehlbar­er göttlicher Autorität: Ihr muss als Gottes Unter­weisung in allem geglaubt wer­den, was sie beken­nt; ihr muss als Gottes Gebot in allem gehorcht wer­den, was sie fordert; sie muss als Gottes Zusage in allem aufgenom­men wer­den, was sie ver­heißt. Der Heilige Geist, der göttliche Autor der Schrift, beglaubigt sie durch sein inneres Zeug­nis und dadurch, dass er unseren Ver­stand erleuchtet, um ihre Botschaft zu ver­ste­hen. Da die Schrift vollständig und wörtlich von Gott gegeben wurde, ist sie in allem, was sie lehrt, ohne Irrtum oder Fehler. Dies gilt nicht weniger für das, was sie über Gottes Han­deln in der Schöpfung, über die Geschehnisse der Welt­geschichte und über ihre eigene, von Gott gewirk­te lit­er­arische Herkun­ft aus­sagt, als für ihr Zeug­nis von Gottes ret­ten­der Gnade im Leben einzel­ner.»[2]

Die Debat­te über die Irrtum­slosigkeit ist ein neuzeitlich­es Phänomen. Ihre Wurzeln liegen in der kon­fes­sionellen Spal­tung der Chris­ten­heit in der nachre­for­ma­torischen Peri­ode.[3] Auf dem Konzil von Tri­ent (1545–1563) lehnte die katholis­che Kirche das refor­ma­torische «Sola Scrip­tura» ab und erk­lärte Schrift samt Tra­di­tion zur Grund­lage des christlichen Glaubens. Die protes­tantis­chen Kirchen standen vor der Auf­gabe das «Sola Scrip­tura» zu vertei­di­gen, um so der Ref­or­ma­tion eine the­ol­o­gis­che Grund­lage zu geben. Zu diesem Zweck entwick­el­ten sie die Lehre von der Ver­balin­spi­ra­tion und sicherten damit gle­ichzeit­ig das protes­tantis­che Schrift­prinzip. Trotz­dem sind refor­ma­torisches und evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis nicht iden­tisch. Die Dif­ferenz lässt sich gut an Luthers Prinzip von der «Mitte der Schrift» ablesen.

Martin Luthers «Mitte der Schrift»

Das evan­ge­likale und das fun­da­men­tal­is­tis­che Ver­ständ­nis der Inspi­ra­tion gehen über das refor­ma­torische Schriftver­ständ­nis hin­aus. Der entschei­dende Unter­schied beste­ht darin, dass das evan­ge­likale und das fun­da­men­tal­is­tis­che Schriftver­ständ­nis auf kri­tis­che Dis­tanz zu Luthers Prinzip von der «Mitte der Schrift» geht. Mit der Aus­sage, dass die Schrift «ohne Irrtum und Fehler» ist, geht die Chica­go-Erk­lärung über Luther und das refor­ma­torische Schriftver­ständ­nis hin­aus. Wenn alle Teile der Heili­gen Schrift gle­icher­massen inspiri­ert und ohne Irrtum sind, ist Kri­tik an Teilen der Bibel nicht möglich. Es ist dann nur schw­er denkbar, von grund­sät­zlich stärk­er oder weniger zu gewich­t­en­den Aus­sagen oder Bibel­teilen zu reden. Zu solch­er Kri­tik aber sah sich Luther genötigt, trotz seines Glaubens, kein­er der Schreiber der Bibel habe geir­rt, wie er sich ein­mal aus­drück­te. Entschei­dend für Luthers Schriftver­ständ­nis war seine Ent­deck­ung von der Recht­fer­ti­gung aus Glauben. Für Luther war wegen dieser für ihn alles über­ra­gen­den Ent­deck­ung entschei­dend, «was Chris­tum trei­bet», denn Chris­tus ist die Mitte der Schrift.

Luther übte von diesem entschei­den­den Gedanken aus­ge­hend Sachkri­tik an der Bibel. Die bib­lis­chen Büch­er sind nach Luther darauf zu prüfen, ob sie der Mitte der Schrift, Jesus Chris­tus und der Recht­fer­ti­gung aus Glauben, dienen. Wegen dieser Mitte kon­nte Luther den Jakobus­brief, der seinem Ver­ständ­nis nach die Recht­fer­ti­gung aus Glauben unter­lief, als «stro­h­erne Epis­tel» beze­ich­nen. Aus dem­sel­ben Grund hat­te Luther ein gebroch­enes Ver­hält­nis zur Johan­nesof­fen­barung, da sein­er Auf­fas­sung nach in ihr Chris­tus wed­er gelehrt noch erkan­nt wird, um seine For­mulierung zu gebrauchen. Zum Hebräer­brief ging Luther auf kri­tis­che Dis­tanz, weil er seinem Ver­ständ­nis nach den Sün­dern zu wenig Raum für die Busse lässt, was gegen die Evan­gelien und die Briefe des Paulus sei.

Die Chica­go-Erk­lärung schiebt Sachkri­tik dieser Art einen Riegel, indem sie fes­thält, dass die Schrift «in allem», was sie sagt, «von unfehlbar­er göt­tlich­er Autorität» ist. Ein kri­tis­ches Auss­chei­den von Tex­ten, die nicht im Ein­klang mit der Mitte der Schrift sind, kann es so nicht geben. Obwohl nicht alle Evan­ge­likalen den fun­da­men­tal­is­tis­chen Stand­punkt der Chica­go-Erk­lärung teil­ten, lehnen die meis­ten evan­ge­likalen Ausleger Luthers Prinzip von der Mitte der Schrift ab. Sie bestre­it­en damit nicht, dass Jesus das Zen­trum der Schrift ist. Trotz­dem verzicht­en sie auf das Konzept, um nicht den Ein­druck zu erweck­en, sie wür­den Teile der Bibel als nicht inspiri­ert betrachten.

Gehorsam und Geltungsbereich

Als inspiri­ertes Gotteswort ist die Bibel für evan­ge­likale Chris­ten drit­tens verbindliche Grund­lage für Leben und Glauben. Sie ist Gotteswort und Men­schen­wort gle­ichzeit­ig. Als von Men­schen ver­fasstes Wort ist sie zunächst Zeug­nis des Lebens und Glaubens Israels und der ersten Chris­ten. Weil dieses Zeug­nis von Gottes Geist geleit­et ist, ist es wahrhaftig, ver­lässlich und nor­mgebende Offen­barung für uns. Dadurch wird die Schrift die Zeit­en über­schre­i­t­en­des Gotteswort. Eben­falls ins Gewicht fällt, dass viele Evan­ge­likale den Gedanken der «Unfehlbarkeit» der Idee der «Irrtum­slosigkeit» vorziehen und ihn damit begrün­den, dass die Bibel sowohl eine göt­tliche als auch eine men­schliche Seite hat.

Ins­ge­samt ste­ht das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis, vor allem wenn es um die Inspi­ra­tion geht, dem Fun­da­men­tal­is­mus näher als der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft. Im 19. und 20. Jahrhun­dert pro­fil­ierte sich die evan­ge­likale Bewe­gung dort, wo es galt, tra­di­tionelle christliche Lehren gegen den Mod­ernismus und kri­tis­che Anwürfe zu vertei­di­gen. Die evan­ge­likale Antwort auf die durch die Mod­erne aus­gelösten Krisen bestand stets im Behar­ren auf einem Grundbe­stand des Glaubens. Dieser Grundbe­stand wurde durch den Ver­weis auf die Bibel als inspiri­ertes Gotteswort und durch die wörtliche Ausle­gung dieses Wortes gesichert. Aus diesem Grund ist die evan­ge­likale Bewe­gung immer eine Bibel­be­we­gung gewe­sen. Was die Bewe­gung zusam­men­hält, ist das Beken­nt­nis zur Bibel als Gottes inspiri­ertes Wort.

Abgrenzung zum Fundamentalismus

Obwohl Evan­ge­likale und Fun­da­men­tal­is­ten oft gle­ichge­set­zt wer­den, gibt es Unter­schiede. Sie haben eine gemein­same Geschichte und sie teilen wichtige the­ol­o­gis­che Stand­punk­te. Die Gemein­samkeit­en sind gröss­er als die Unter­schiede, die Gren­zen zwis­chen bei­den Posi­tio­nen unscharf. Was das Schriftver­ständ­nis bet­rifft, teilen sie den Glauben an die unbe­d­ingte Ver­lässlichkeit der Schrift sowie an ihre andauernde Gültigkeit. In Abgren­zung zum Evan­ge­likalis­mus kann in Bezug auf das Schriftver­ständ­nis von ein­er dreifachen Ten­denz im Fun­da­men­tal­is­mus gesprochen werden:

Der Fun­da­men­tal­is­mus weist erstens eine Ten­denz zur gesellschaftlichen und akademis­chen Iso­la­tion auf. Der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft wird mit grossem Mis­strauen begeg­net. Der Fun­da­men­tal­is­mus nimmt nur begren­zt Teil an der wis­senschaftlichen Erforschung der Bibel. Dort, wo man sich mit der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft beschäftigt, erfol­gt die Auseinan­der­set­zung fast auss­chliesslich im Modus der Ablehnung.

Die Evan­ge­likalen haben mit dem Auf­bruch der «New Evan­gel­i­cals» in der Mitte des 20. Jahrhun­derts die Iso­la­tion hin­ter sich gelassen und nehmen am the­ol­o­gis­chen Diskurs teil. Obwohl viele Evan­ge­likale der his­torisch-kri­tis­chen Ausle­gung dis­tanziert gegenüber­ste­hen, arbeit­en sie teil­weise mit ihren Meth­o­d­en und geste­hen ihnen ihren recht­mäs­si­gen Platz in der Ausle­gung zu. Sie haben weniger Schwierigkeit­en Tei­l­ergeb­nisse der kri­tis­chen Forschung anzuerken­nen und in ihre The­olo­gie zu inte­gri­eren als Fun­da­men­tal­is­ten. Unter Evan­ge­likalen ist das Bedürf­nis nach the­ol­o­gis­chen Grenzziehun­gen weniger stark aus­ge­bildet als bei den Fun­da­men­tal­is­ten. Man definiert sich weniger über das, was man bekämpft, und find­et die eigene Iden­tität mehr in pos­i­tiv­en Glaubensin­hal­ten. Das schafft Raum für gesellschaftliche Aufgeschlossen­heit und ermöglicht eine wis­senschaftliche Beschäf­ti­gung mit der Bibel.

Der Fun­da­men­tal­is­mus spricht sich zweit­ens stärk­er als der Evan­ge­likalis­mus für eine wörtliche Inter­pre­ta­tion bib­lis­ch­er Texte aus. Zusam­men mit dem Evan­ge­likalis­mus beste­ht der Fun­da­men­tal­is­mus darauf, dass die von den bib­lis­chen Autoren berichteten Geschehnisse his­torische Ereignisse wiedergeben und nicht blosse Lit­er­atur sind. Wenn es jedoch um den Gebrauch wis­senschaftlich­er Meth­o­d­en in der Ausle­gung geht, zeigen sich erhe­bliche Unter­schiede. So wer­den in der fun­da­men­tal­is­tis­chen Ausle­gung lit­er­arischen Gat­tun­gen und den damit ver­bun­de­nen Sprach­for­men wenig Beach­tung geschenkt. Fun­da­men­tal­is­ten leg­en möglichst wörtlich aus, während Evan­ge­likale mehr Raum für Sym­bo­l­ik lassen. So glauben Fun­da­men­tal­is­ten, dass die 1000 Jahre von Offen­barung 20 wörtlich zu inter­pretieren sind, während viele Evan­ge­likale die Zahl sym­bol­isch ausle­gen, weil die Offen­barung ihre Botschaft vor­wiegend durch Zahlen und Sym­bole vermittelt.

Der Fun­da­men­tal­is­mus weist drit­tens eine stärkere Ten­denz zur Sys­tem­a­tisierung bib­lis­ch­er Inhalte auf als der Evan­ge­likalis­mus. Typ­isch für das fun­da­men­tal­is­tis­che Schriftver­ständ­nis ist der Glaube, dass sich aus der Bibel ein geschlossenes Sys­tem von the­ol­o­gis­chen Wahrheit­en ableit­en lässt. In Teilen des Fun­da­men­tal­is­mus ist immer noch der Aufk­lärungs­glaube wirk­sam (obwohl man sich anson­sten scharf von den Grund­sätzen der Aufk­lärung abgren­zte), der besagt, dass sich jeglich­es the­ol­o­gis­che Prob­lem lösen lässt, wenn man sich nur inten­siv genug mit dem Gegen­stand beschäftigt. Das führt dazu, dass Bibel­texte speku­la­tiv aneinan­derg­erei­ht wer­den, bis ein geschlossenes the­ol­o­gis­ches Sys­tem entste­ht. Beson­ders kon­se­quent wird diese Überzeu­gung in Endzeit­fra­gen angewen­det, so dass ganze Endzeit­fahrpläne erstellt werden.

Unterschiede zum Post-Evangelikalismus

Seit der Jahrtausendwende wird es immer deut­lich­er: Für eine wach­sende Zahl evan­ge­likaler Chris­ten tut sich eine Diskrepanz auf zwis­chen dem, was sie in ihren Gemein­den gelehrt wur­den, und dem, was sie als stim­mig für ihren Glauben eracht­en. Das führt für viele zu ein­er kri­tis­chen Auseinan­der­set­zung mit der Bibel und der Frage, ob bib­lis­che Texte nicht auch anders inter­pretiert wer­den kön­nen. Gibt es die Hölle wirk­lich? Gibt es alter­na­tive Heil­swege neben Jesus? Ist die bib­lis­che Sex­u­alethik nicht zeitbe­d­ingt und überholt?

Die Lösung für viele Post-Evan­ge­likale liegt darin, sich der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft anzunäh­ern. Sie ermöglicht es ihnen, sich inten­siv mit bib­lis­chen Tex­ten auseinan­derzuset­zen, gle­ichzeit­ig kön­nen sie die als unzeit­gemäss emp­fun­de­nen Ergeb­nisse evan­ge­likaler Ausle­gung hin­ter sich lassen und pro­gres­sive Stand­punk­te ein­nehmen. Dave Tom­lin­son wid­met in seinem Klas­sik­er «The post evan­gel­i­cal» der Bibel als Wort Gottes ein Kapi­tel. Sein­er Erfahrung nach wer­den viele Post-Evan­ge­likale vom Glauben an die Irrtum­slosigkeit («inerran­cy») der Bibel umgetrieben. Dieser Geist müsse «aus­getrieben» wer­den.[4] Die Beschäf­ti­gung mit der Irrtum­slosigkeit sei Zeitver­schwen­dung, zumal die Bibel nir­gends ihre eigene Irrtum­slosigkeit behaupte.

Welch­es Ver­ständ­nis von Gottes Wort ste­ht hin­ter Tom­lin­sons schroff wirk­enden Aus­sagen? Tom­lin­son geht davon aus, dass die Bibel Fehler, Irrtümer und Diskrepanzen aufweist und stellt die Frage, inwiefern die Bibel unter diesen Voraus­set­zun­gen «Gottes Wort» sein könne. Die Lösung find­et Tom­lin­son in der Angle­ichung an die mod­erne Bibel­wis­senschaft mit ihrem kri­tis­chen Schriftzu­gang. Die Bibel «sei» nicht Offen­barung, son­dern «bezeuge» sie. Sie sei deshalb nicht an sich Gottes Wort, son­dern sie «werde» für den Gottes Wort, der sie im Glauben lese. Dieser Mit­tel­weg zwis­chen mod­ern­er Bibel­wis­senschaft und tra­di­tioneller Ausle­gung eröffnet poste­van­ge­likale Spiel­räume. Unter der Voraus­set­zung, dass die bib­lis­chen Ver­fass­er keinen fehler­losen Text ver­fassten, son­dern unter Umstän­den ihre begren­zte Sichtweise wieder­gaben, kön­nen Fra­gen der Sex­ual­moral, der Bedeu­tung der nichtchristlichen Reli­gio­nen oder des Süh­ne­todes Jesu neu inter­pretiert werden.

Nach poste­van­ge­likaler Lesart ist die Bibel weniger ein Buch, das unverän­der­bare Wahrheit­en enthält, und mehr ein Kom­pendi­um schriftlich­er Zeug­nisse vom Han­deln Gottes. Es sei deshalb nicht so sehr nach sta­tis­chen Dog­men zu suchen, und es gehe mehr darum, sich von den bib­lis­chen Tex­ten exis­ten­ziell ansprechen und für das Leben in der Nach­folge inspiri­eren zu lassen. Die klas­sis­che Bibelausle­gung ver­liert im Post-Evan­ge­likalis­mus an Bedeu­tung, an ihre Seite tritt eine nar­ra­tive Lesart und ein intu­itives Hine­in­fühlen in die Texte. Das führt zu Stand­punk­ten, die sich stark vom klas­sis­chen Evan­ge­likalis­mus unter­schei­den und eine grosse Nähe zu bibelkri­tis­chen Posi­tio­nen haben.

Ergebnis

Ich halte das tra­di­tionelle evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis für sehr aus­ge­wogen. Es entspricht im Ver­gle­ich mit den anderen in dieser Serie unter­sucht­en Bibelzugän­gen (fun­da­men­tal­is­tisch, poste­van­ge­likal, bibelkri­tisch) dem bib­lis­chen Selb­stanspruch am besten. Es überzeugt, weil es the­ol­o­gisch weniger eng ist als das fun­da­men­tal­is­tis­che, weil es den Wort­laut des Bibel­textes ern­ster nimmt als die nar­ra­tive Lesart viel­er Poste­van­ge­likaler, und weil sie nicht die Ver­nun­ft zum Richter über Gottes Wort macht wie die mod­erne Bibel­wis­senschaft, son­dern Gottes Wort im Glauben liest.

Das Schriftver­ständ­nis der Evan­ge­likalen kann wie fol­gt zusam­menge­fasst wer­den: Die Bibel legt ver­lässlich Zeug­nis ab vom geschichtlichen Han­deln Gottes, so dass die bib­lis­chen Schriften ein solides Fun­da­ment für den Glauben an Jesus als den Chris­tus Israels und Ret­ter der Welt bieten. Die Bibel ist als dieses ver­lässliche Zeug­nis Wort Gottes, das unter dem Antrieb des Heili­gen Geistes ent­stand, und uns in Fra­gen des Lebens und des Glaubens unfehlbar mit dem Willen Gottes bekan­nt­macht. Die Botschaft der Bibel erschliesst sich uns durch eine sorgfältige Ausle­gung und durch das Wirken des Heili­gen Geistes. Als Wort Gottes hat die Bibel Autorität. Sie ist nicht nur ein Gegen­stand, den wir unter­suchen, son­dern zugle­ich Anrede Gottes an uns. Sie lehrt uns nicht alles, was wir wis­sen möcht­en, aber sie lehrt uns alles, was wir zu einem dem Willen Gottes entsprechen­den Leben wis­sen müssen.


Fuss­noten:
[1] Tid­ball, Reiz­wort Evan­ge­likal, 146.
[2] Teil 1: Zusam­men­fassende Erklärung.
[3] Für das Fol­gende Zim­mer, Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?, 120–121.
[4] Tom­lin­son, The post evan­gel­i­cal, 85ff.

4 Comments
  1. Avatar
    geru furrer 2 Wochen ago
    Reply

    Lieber Paul und Roland
    Danke für diese wertvollen Texte. Warte richtig auf den näch­sten! Weit­er so.

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 2 Wochen ago
      Reply

      Thx Geru!

  2. Avatar
    Pasci 3 Wochen ago
    Reply

    Wir sind zwar erst bei Teil 4 von 6, ich möchte mich bere­its jet­zt aber her­zlich bedanken, für die tollen, fundierten und nachvol­lziehbaren Aufsätze!

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 3 Wochen ago
      Reply

      Danke! Meld’ doch deine Fra­gen auf dieser Plat­tfor­ma anbrin­gen. Wir machen mit Roland einen Video Pod­cast, in dem wir Leser­fra­gen einbringen.

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