Ist Angst das Grundproblem der Menschheit?

Markus Till
single-image

Beob­ach­tun­gen zum Wort­haus-Vor­trag von Eugen Dre­wer­mann

Mit Eugen Dre­wer­mann hat sich das Wort­haus-Pro­jekt jüngst einen ech­ten Pro­mi an Bord geholt. Flan­kiert von Sieg­fried Zim­mer und Thor­sten Dietz, den bei­den Haupt­prot­ago­ni­sten von Wort­haus, wur­de dafür eine „Popup-Tagung“ ange­setzt, die am 29.2.2020 in Tübin­gen statt­fand — also gera­de noch recht­zei­tig vor dem Coro­na-Shut­down. Ich war sehr gespannt auf die Bot­schaft die­ses bekann­ten und umstrit­te­nen Theo­lo­gen, der die­ses Jahr immer­hin schon 80 Jah­re alt wird. Mit­te April wur­de der Vor­trag unter dem Titel „Jesus aus Naza­reth – von Krieg zu Frie­den“ in der Wort­haus-Media­thek ver­öf­fent­licht.


Dre­wer­mann 2014, 1. Mai Kund­ge­bung, Die Lin­ke, Bild­quel­le:
Micha­el Bruns, Flickr

Angst als Grundproblem der Menschheit

Von Beginn des Vor­trags an wird deut­lich: Angst ist aus der Sicht Dre­wer­manns ein zen­tra­les Grund­pro­blem der Mensch­heit. Das alt­te­sta­ment­li­che Bild eines mora­li­sie­ren­den und bestra­fen­den Got­tes, das sich für ihn bis zu Johan­nes dem Täu­fer durch­zieht, sei Aus­druck eines angst­er­zeu­gen­den Systems, das bereits Kain zum Bru­der­mör­der mach­te. Kain ist somit nicht nur Täter. Er ist auch Opfer sei­ner Erfah­run­gen von Aus­gren­zung, Benach­tei­li­gung und Zurück­wei­sung. Und auch heu­te noch sei fast jeder Mord „ein Kampf dar­um, die ver­lo­re­ne Aner­ken­nung zurück­zu­ge­win­nen.“ (19:38)

Angst vor Zurück­wei­sung raubt laut Dre­wer­mann auch die Fähig­keit, uns zu beherr­schen, ethisch zu han­deln und Auf­for­de­run­gen zur Moral zu befol­gen. Statt­des­sen bekämp­fen wir gera­de auch den uns nahe­ste­hen­den Bru­der, weil sei­ne Qua­li­tä­ten ja die größ­te Gefahr für die eige­ne Aner­ken­nung sind. Wir sind alle aktiv betei­ligt an einem angst- und opfer­er­zeu­gen­den Wirt­schafts- und Bil­dungs­sy­stem, das auf Kon­kur­renz und Ver­drän­gung basiert, gegen­sei­ti­ge Bekämp­fung för­dert, Straf­tä­ter ent­ge­gen der Wei­sung Jesu rich­tet und durch Gefäng­nis­stra­fe aus­grenzt. Aus die­sem System erwächst schließ­lich „Krieg und Unheil in jeder Form“ (22:50). Krieg ist immer eine Fol­ge davon, dass jemand recht haben und sich gegen ande­re durch­set­zen will (59:44). Sol­da­ten sind besol­de­te Tot­schlä­ger (1:14:15). Dre­wer­mann hebt in die­sem Zusam­men­hang vor allem die ame­ri­ka­ni­sche Kriegs­po­li­tik her­vor, die er in einem Atem­zug mit den Nazis nennt (1:15:55).

Was ist nun die Ant­wort Jesu auf die­ses krie­ge­ri­sche Angst- und Kon­kur­renz-System? Das Got­tes­bild Jesu fasst Dre­wer­mann wie folgt zusam­men (41:37):

„Da ist ein Gott, der dich nie ver­lo­ren gibt, der dir immer nach­geht, der dei­ne Not begreift, gera­de, wenn du etwas fal­sches tust, der das soge­nann­te Böse in Dir über­liebt, um Dein Wesen zurück­zu­ge­win­nen, in dem du gut bist, denn du bist doch her­vor­ge­gan­gen aus Got­tes Hand. Es ist unmög­lich zu den­ken, Gott stün­de da mit Rachefan­ta­sien, mit dro­hen­der Stra­fe, mit geball­ter Faust im Nacken. Gott weht um Dich wie die Sanft­heit des Früh­lings­win­des. Und es gibt kei­nen Ort, an dem du ihm ver­lo­ren gehen könn­test. Ver­trau nur auf sein Ver­ste­hen.“ Eugen Dre­wer­mann

Auf Basis der Bot­schaft Jesu dür­fen wir Gott also als Vater den­ken, der uns bedin­gungs­los annimmt und uns nicht wegen unse­rer Lei­stung son­dern um unse­rer selbst wil­len liebt. Das hilft the­ra­peu­tisch, die Gefüh­le der Angst, „der Eifer­sucht, des Has­ses, der Selbst­ver­ur­tei­lung lang­sam aus der See­le zu strei­cheln.“ (23:15) Weil wir in Got­tes Augen gut genug sind, müs­sen wir uns nicht mehr mit ande­ren mes­sen und ver­glei­chen. Weil wir alle Opfer sind, kön­nen wir nicht mehr über­ein­an­der urtei­len, uns über Geschei­ter­te erhe­ben und auf unse­re eige­ne Lei­stung stolz sein. Ande­re hat­ten ja ein­fach nur nicht unser Glück in Bezug auf Her­kunft und Gesund­heit, die uns auch Gunst, Zunei­gung und mate­ri­el­le Sicher­heit ein­brach­te. Unser Wohl­stand ist ein unver­dien­tes Geschenk, den wir groß­zü­gig an die­je­ni­gen wei­ter­rei­chen soll­ten, die die­ses Glück nicht hat­ten. Wenn wir mit Men­schen, die uns schlecht behan­deln, das Gespräch suchen und über unse­re wech­sel­sei­ti­ge Angst spre­chen, kön­nen wir die Sinn­lo­sig­keit des Gegen­ein­an­ders ent­lar­ven, so dass aus Fein­den Freun­de wer­den. Letzt­lich müs­sen wir alles, was Angst vor Ableh­nung erzeugt, über­win­den.

Beson­ders auf­fäl­lig waren für mich zwei star­ke Gegen­sät­ze:

  • Grund­sätz­li­che Moral­kri­tik trifft auf höch­sten Mora­lis­mus: Einer­seits sind wir auf­grund unse­rer Angst gar nicht in der Lage, mora­li­sche For­de­run­gen zu erfül­len. Ande­rer­seits sol­len wir unser Geld weg­ge­ben, selbst Mör­der nicht aus­gren­zen, radi­kal auf Gewalt ver­zich­ten, Ver­bre­cher hei­len statt stra­fen, Kriegs­dienst und Mili­tär voll­stän­dig abschaf­fen – also mora­li­schen Ansprü­chen fol­gen, die bis­lang noch kaum ein Mensch oder eine Gesell­schaft umset­zen konn­te.
  • Ein uto­pisch hoff­nungs­vol­les trifft auf ein ver­stö­rend nega­ti­ves Men­schen­bild: Einer­seits sind auch Ver­bre­cher gute Geschöp­fe Got­tes, die sich ändern wer­den, wenn wir mit ihnen über unse­re und ihre Angst reden. Ande­rer­seits sind Men­schen schlim­mer als Tie­re, weil sie nicht nur Kon­kur­renz­kampf, son­dern gegen­sei­ti­ge Ver­nich­tung suchen. Unse­re Krie­ge sei­en aus­nahms­los von nie­de­ren wirt­schaft­li­chen oder geo­po­li­ti­schen Moti­ven getrie­ben. Selbst bei unse­rer Ent­wick­lungs­hil­fe in Afri­ka gin­ge es nur um die Siche­rung von Roh­stof­fen statt um Hun­ger­hil­fe. Dre­wer­manns abgrund­tie­fes Miss­trau­en gegen poli­ti­sche Eli­ten hat nach mei­nem Ein­druck manch­mal schon fast ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Anklän­ge.


Dre­wer­mann 2009, Abschluss­red­ner einer Frie­dens­de­mon­stra­ti­on am Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag in Bre­men, Bild­quel­le: Wiki­me­dia

Ein ernsthafter Idealist

Ich neh­me Dre­wer­mann ab, dass er es zutiefst ernst und ehr­lich meint. Er scheint ein ech­ter Idea­list zu sein mit der Visi­on eines fried­li­chen Zusam­men­le­bens aller Men­schen als End­ziel. Dafür kann man ihm nur Respekt zol­len. Dre­wer­mann sagt zudem viel Rich­ti­ges:

  • Die Suche nach Frie­den durch Ver­stän­di­gung kann man nicht genug beto­nen.
  • Dass wir Men­schen alle­samt an Got­tes mora­li­schen Ansprü­chen schei­tern ist tat­säch­lich eine der zen­tra­len Bot­schaf­ten des Alten Testa­ments.
  • Jesus hat mehr als deut­lich gemacht, dass nie­mand per­sön­lich ein Recht hat, über ande­re zu urtei­len und zu rich­ten.
  • Dass sich prak­ti­zier­te Näch­sten­lie­be auch mone­tär äußern muss, fin­det sich viel­fach im Neu­en Testa­ment.
  • Die bedin­gungs­lo­se Lie­be und Annah­me des himm­li­schen Vaters ist tat­säch­lich eine ent­schei­dend wich­ti­ge Ant­wort auf unse­re exi­sten­zi­el­le Fra­ge nach Iden­ti­tät, Wert, Annah­me und Zuge­hö­rig­keit.

Das sind zwei­fel­los wich­ti­ge Aspek­te an, die Chri­sten immer wie­der neu und noch viel gründ­li­cher beden­ken soll­ten.

Lei­der erwähnt Dre­wer­mann aber nicht, dass im Neu­en Testa­ment nicht jeder Mensch ohne wei­te­res ein Kind Got­tes ist. Johan­nes schreibt:

All denen aber, die ihn auf­nah­men und an sei­nen Namen glaub­ten, gab er das Recht, Got­tes Kin­der zu wer­den.“ (Joh 1:12)

Der bewuss­te, in der Tau­fe zum Aus­druck kom­men­de Ein­tritt in die Nach­fol­ge Jesu ist im gan­zen Neu­en Testa­ment Vor­aus­set­zung für das heil­sa­me Nähe­ver­hält­nis zu Gott. Sie beginnt nicht mit der Erkennt­nis, dass wir Opfer sind, die Erlö­sung von schlech­ten Umstän­den brau­chen. Am Anfang steht viel­mehr das Ein­ge­ständ­nis, dass wir Sün­der sind, die Erlö­sung vom Ein­fluss und den Kon­se­quen­zen unse­rer Sün­de brau­chen. Eine durch Sün­de ver­ur­sach­te Got­tes­fer­ne scheint Dre­wer­mann aber genau­so wenig zu ken­nen wie die quer durch die Bibel bezeug­te zor­ni­ge und rich­ten­de Sei­te Got­tes.


Dre­wer­mann 2014, Bild­quel­le: Wiki­pe­dia

Falsche Diagnose, falsche Therapie

Böse sind bei Dre­wer­mann nicht ein­zel­ne Men­schen. Böse ist das System! Wäh­rend Pau­lus sei­ne per­sön­li­che Sünd­haf­tig­keit betont (Römer 7:8ff.) und eine stra­fen­de Ord­nungs­macht für not­wen­dig und gott­ge­ge­ben hält (Römer 13:1 – 7) macht es Dre­wer­mann genau umge­kehrt: Er spricht das Indi­vi­du­um grund­sätz­lich frei und stellt statt­des­sen die stra­fen­de Ord­nungs­macht als Pro­ble­m­ur­sa­che dar.

Dre­wer­manns For­de­rung der Über­win­dung von Angst durch radi­ka­len Gewalt­ver­zicht und gren­zen­lo­se Annah­me kann man in der Welt der Real­po­li­tik besten­falls uto­pisch nen­nen. Ich hal­te die­se For­de­rung sogar für gefähr­lich, weil sie die Rea­li­tät des Bösen in uns, das auch unab­hän­gig von schlech­ten Ein­flüs­sen ego­istisch und selbst­herr­lich han­deln möch­te, aus­blen­det. Nicht nur in Dre­wer­manns Vor­trag sind Posi­tiv­bei­spie­le von Gesell­schaf­ten, die straf- und gewalt­freie Uto­pien auf Dau­er leben konn­ten, äußerst spär­lich. Histo­risch mün­de­ten Ansät­ze von anti­ka­pi­ta­li­sti­schen Staats­for­men bis­lang prak­tisch regel­mä­ßig in (oft grau­sa­me) Tra­gö­di­en, wie man aktu­ell wie­der in Vene­zue­la beob­ach­ten muss. Die­ses Schei­tern hat mei­nes Erach­tens sehr wesent­lich mit der fal­schen Grund­an­nah­me zu tun, dass der Mensch gut sein könn­te, wenn man nur die bösen Rah­men­be­din­gun­gen ändern wür­de. Das sim­pli­fi­zier­te Nar­ra­tiv, dass böses Ver­hal­ten nur eine Fol­ge von Angst und eine Reak­ti­on auf Aus­gren­zung und erleb­tes Unrecht sei, raubt uns unse­re Mün­dig­keit, unse­re Wür­de und unse­re Ver­ant­wor­tung für unser Tun. Eine über­zo­ge­ne Opfer­hal­tung bie­tet am Ende auch kei­ne Lösung, son­dern erzeugt im Gegen­teil nur neu­en Hass auf das „System“, die Justiz, das Mili­tär, die Ame­ri­ka­ner, den „Kapi­ta­lis­mus“ oder was man auch immer gera­de als beson­ders unrech­t­erzeu­gend emp­fin­det. So mün­det auch Dre­wer­manns Vor­trag letzt­lich in eine fast umstürz­le­ri­sche System­kri­tik. Ver­schwie­gen wird dabei lei­der, dass unser Wirt­schafts- und Bil­dungs­sy­stem mehr all­ge­mei­nen Wohl­stand her­vor­ge­bracht hat als je ein ande­res System der Welt­ge­schich­te. Ver­schwie­gen wird auch, dass doch gera­de wir Deut­schen im Ange­sicht des Holo­caust wis­sen müss­ten, dass abgrund­tief Böses manch­mal nur mit staat­li­cher Gewalt gestoppt wer­den kann. Und gera­de wir Deut­schen soll­ten doch bei aller not­wen­di­gen Kri­tik auch nie ver­ges­sen, dass wir den Ame­ri­ka­nern extrem viel Gutes zu ver­dan­ken haben. Ich dach­te eigent­lich, dass eine der­art sim­pli­fi­zie­ren­de Dämo­ni­sie­rung von Mili­tär, Straf­ju­stiz, Lei­stungs­ori­en­tie­rung im Bil­dungs­we­sen, Kapi­ta­lis­mus und ame­ri­ka­ni­scher Poli­tik inzwi­schen auch in links­ori­en­tier­ten Krei­sen an Bedeu­tung ver­lo­ren hät­te.

Pri­mä­rer Aus­gangs­punkt für alles Böse ist in die­sem Vor­trag das von Dre­wer­mann behaup­te­te fal­sche Got­tes­bild des Alten Testa­ments. Der Mord Kains kön­ne nur ver­stan­den wer­den vor dem Hin­ter­grund, dass Gott Adam und Eva bestraft, ver­sto­ßen und aus­ge­grenzt hat. Die­ses von Men­schen hal­lu­zi­nier­te fal­sche Bild von Gott wer­de durch Jesu Bot­schaft kor­ri­giert und geheilt, wie Dre­wer­mann auch in sei­nem Schluss­wort dar­legt (ab 1:22:04):

«Sie woll­ten wis­sen, wie kommt man vom Krieg zum Frie­den. Ganz sim­pel. Indem Sie im Namen des Men­schen­soh­nes rings­um nur Men­schen sehen, genau­so hilfs­be­dürf­tig wie Sie sel­ber. Genau­so fehl­bar wie Sie sel­ber. Genau­so angst­be­setzt wie Sie sel­ber. Und indem sie das wahr­neh­men, schmilzt alles an Kon­kur­renz, an Rache, an Min­der­wer­tig­keits­ge­füh­len, an Grö­ßen­wahn, von allei­ne hin­weg. Sie haben kein nar­ziss­ti­sches Pro­blem mehr son­dern eine offe­ne See­le, und sie wer­den fähig, die Berg­pre­digt zu leben. Ein­fa­cher wür­de es nicht gehen. Und da drin hät­ten wir, soweit wir uns als Chri­sten ver­ste­hen, eine enor­me Auf­ga­be. Damit begann das Leben Jesu über den Flu­ren von Beth­le­hem. ‚Herr­lich­keit ist Gott im Him­mel ein­zig dann‘, sin­gen die Engel, ‚wenn Frie­den ist auf Erden, bei Men­schen, die Got­tes Güte glau­ben kön­nen.‘“ Eugen Dre­wer­mann

Das heißt: Durch rich­ti­ge Erkennt­nis und rich­ti­ges Ver­ständ­nis schafft sich der Mensch das Ver­mö­gen, das gött­li­che Ide­al auf Erden zu leben. Das Pro­blem liegt dabei mei­nes Erach­tens sowohl in der Dia­gno­se (der Mensch ist aus­schließ­lich Opfer) als auch in der vor­ge­schla­ge­nen Lösung (aus der Erkennt­nis kommt die Kraft zur Bes­se­rung). Die­ser Ansatz unter­schei­det sich grund­le­gend von der christ­li­chen Leh­re der Sün­de, des mensch­li­chen Unver­mö­gens zum Guten und des Bedarfs an Erret­tung und Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes in uns. Bei Dre­wer­mann scheint es hin­ge­gen letzt­lich um eine men­schen­zen­trier­te Erlö­sungs­leh­re zu gehen, die den Men­schen durch Erkennt­nis und The­ra­pie ret­ten will. Die bibli­sche Erlö­sungs­leh­re wird hier im Kern umin­ter­pre­tiert.


Dre­wer­mann 2014, Festi­val der Phi­lo­so­phie, Bild­quel­le:
Bernd Schwa­be, Wiki­me­dia

Kein unverstellter Blick auf die Bibel

Theo­lo­gisch unhalt­bar erscheint mir zudem der kon­stru­ier­te Gegen­satz zwi­schen der Leh­re Jesu und der Got­tes­dar­stel­lung des Alten Testa­ments. In den Evan­ge­li­en bekennt sich Jesus in vie­ler­lei Wei­se voll­stän­dig zur Auto­ri­tät der jüdi­schen hei­li­gen Schrif­ten und ver­hin­dert damit aus­drück­lich, dass man ihn gegen das Alte Testa­ment aus­spie­len kann. Dre­wer­mann liest hier also eher sei­ne per­sön­li­che Sicht­wei­se in die Bibel hin­ein, anstatt uns zu zei­gen, was die bibli­schen Autoren selbst sagen woll­ten. Dem Selbst­an­spruch von Wort­haus, einen „unver­stell­te­ren Blick“ auf die Bibel zu för­dern, wird die­ser Vor­trag somit gera­de nicht gerecht. Das gilt umso mehr, da Dre­wer­mann schon im Jahr 1991 in einem Spie­gel-Inter­view dar­ge­legt hat­te, dass für ihn das öster­li­che Grab voll war, dass Gott nie­mals wun­der­sam die Natur­ge­set­ze außer Kraft gesetzt habe, dass auch die wich­tig­sten bibli­schen Pas­sa­gen einen legen­den­haf­ten, sym­bo­li­schen und mythi­schen Cha­rak­ter hät­ten, dass Jesu Tod sinn­los gewe­sen sei und dass Jesus selbst gar nie ster­ben woll­te. Der Wort­haus-Vor­trag ist somit nur ein neu­er Beleg dafür, dass zwi­schen sei­nem theo­lo­gi­schen Den­ken und tra­di­tio­nel­ler biblisch-refor­ma­to­ri­scher Theo­lo­gie ein grund­sätz­li­cher, unüber­brück­ba­rer Gra­ben liegt.

Nichts­de­sto­trotz hat­te und hat Dre­wer­manns Theo­lo­gie ohne Zwei­fel eine gro­ße Anzie­hungs­kraft. Zwar wirkt der Vor­trag in man­chen Pas­sa­gen ein wenig so, als han­de­le es sich um eine Auf­zeich­nung aus der Zeit des kal­ten Kriegs und der Blü­te­zeit der Frie­dens­be­we­gung. Trotz­dem pas­sen Dre­wer­manns Bot­schaf­ten gut in unse­re post­mo­der­ne Zeit. Es wäre naiv zu glau­ben, dass Dre­wer­mann nicht auch heu­te noch vie­le Anhän­ger fin­det, auch unter evan­ge­li­kal gepräg­ten Wort­haus-Hörern. Natür­lich ist es immer wert­voll und berei­chernd, sich auch mit abwei­chen­den theo­lo­gi­schen Ansich­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen. Aber wir müs­sen dabei die grund­le­gen­den Dif­fe­ren­zen immer offen anspre­chen. Mir ist leid­voll vor Augen, wie sehr mei­ne evan­ge­li­sche Kir­che durch unüber­brück­ba­re theo­lo­gi­sche Grä­ben gespal­ten und gelähmt ist, seit der­ar­ti­ge bibel­kri­ti­sche theo­lo­gi­sche Ansät­ze die evan­ge­li­schen Aus­bil­dungs­stät­ten im Sturm erobert haben. Ich kann nur hof­fen und beten, dass sich die­ses Dra­ma in der evan­ge­li­ka­len Welt nicht wie­der­holt.

Der Wort­haus-Vor­trag von Eugen Dre­wer­mann:

Anmerkung des ‹Daniel Option›-Teams:

Wir freu­en uns sehr über die Bereit­schaft von Dr. Mar­kus Till, die­sen Arti­kel auf unser Platt­form zu publi­zie­ren. Sein per­sön­li­cher Blog ist vol­ler wert­vol­ler und gewinn­brin­gen­der Arti­kel. Wir möch­ten ins­be­son­de­re auf sei­ne kon­struk­tiv-kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Wort­haus hin­wei­sen. Mar­kus Till ist auch der Autor des 2019 erschie­ne­nen Buches «Zeit des Umbruchs — wenn Chri­sten ihre evan­ge­li­ka­le Hei­mat ver­las­sen». Herz­li­che Emp­feh­lung im Namen des «Dani­el Option»-Teams.

5 Comments
  1. Peter Bruderer
    Peter Bruderer 1 Monat ago
    Reply

    Span­nen­der Leser­brief von Alex­an­der Garth in der aktu­el­len idea Spek­trum zu mei­nem aktu­el­len Wort­haus-Arti­kel:

    Das geist­li­che Dra­ma des Westens

    Es geht in der Aus­ein­an­der­set­zung mit „Wort­haus“ nicht um evan­ge­li­ka­le Recht­ha­be­rei, son­dern um das christ­li­che Zeug­nis, das uns welt­weit ver­eint von den Ortho­do­xen zu den Katho­li­ken über die mei­sten Frei­kir­chen bis hin zu den Pfingst­lern, näm­lich dass Gott wirk­mäch­tig han­delt in der Geschich­te, dass Jesus 100 % Mensch und 100 % Gott war (was in der Jung­frau­en­geburt sei­nen unüber­biet­ba­ren Aus­druck fin­det), dass er für die Sün­de der Welt ans Kreuz ging, dass das Grab leer war, weil er auf­er­stand, und dass er Wun­der getan hat und bis heu­te tut. Genau die­se fun­da­men­ta­len Aus­sa­gen des Glau­bens wer­den von den Ver­tre­tern deut­scher uni­ver­si­tä­rer Theo­lo­gie hef­tig in Zwei­fel gezo­gen. „Wort­haus“ ist, so Tills Ana­ly­se, eine Büh­ne für die­se Zwei­fel. Die libe­ra­len Theo­lo­gen des Westens – glo­bal betrach­tet ein Rand­phä­no­men – haben mit einer Rei­he von sich wis­sen­schaft­lich gebär­den­den Vor­ent­schei­dun­gen, die in unglaub­li­cher Hybris gegen das Zeug­nis der Hei­li­gen Schrift und gegen die Zeug­nis­se der Kir­che fest­le­gen, was Gott getan haben könn­te und was nicht, den Glau­ben und die mis­sio­na­ri­sche Kraft ihrer Kir­chen beschä­digt. Das ist das geist­li­che Dra­ma des Westens mit der Fol­ge einer desa­strö­sen geist­li­chen Frucht- und Voll­machts­lo­sig­keit. Ein stum­mer, abwe­sen­der Gott ohne Wun­der, ohne den Mes­si­as, der als Mensch und Gott zu uns kam und für alle starb und auf­er­stand, ein „Evan­ge­li­um“ mit einem Erlö­ser, der eigent­lich nichts wei­ter war als ein from­mer Sozi­al­ar­bei­ter, eine Kir­che mit die­sem redu­zier­ten Glau­ben braucht kei­ner, gleich gar kei­ne erlö­sungs­be­dürf­ti­ge Welt. In der Kon­se­quenz macht das aus der gro­ßen Geschich­te Got­tes ein arm­se­li­ges Trau­er­spiel der Auf­lö­sung des Glau­bens in lau­ter harm­lo­se Exi­sten­zia­lis­men und Mora­lis­men. Ein Blick in die welt­wei­te Chri­sten­heit und ihre viel­fäl­ti­ge Theo­lo­gie führt in eine erlö­sen­de Wei­te, weg von einer eli­tä­ren und gleich­zei­tig klein­ka­rier­ten Schreib­tisch­theo­lo­gie bil­dungs­bür­ger­li­cher und irgend­wie auch spie­ßi­ger Gelehr­sam­keit.
    Alex­an­der Garth, Pfar­rer, 06886 Luther­stadt Wit­ten­berg

  2. Avatar
    Manfred Reichelt 3 Monaten ago
    Reply

    In der Tat IST die Angst das Grund­pro­blem der Mensch­heit und damit nicht nur ver­ant­wort­lich für alles Böse in der Welt, son­dern auch für alle Krank­heit und den Tod:
    https://​man​fre​d​rei​chelt​.wor​d​press​.com/​2​0​1​5​/​0​6​/​1​0​/​d​i​e​-​g​r​o​s​t​e​-​b​e​f​r​e​i​u​n​g​s​a​k​t​i​o​n​-​a​l​l​e​r​-​z​e​i​t​en/

    Dre­wer­mann bleibt ober­fläch­lich, wenn er meint, dass sich die Pro­ble­me der Mensch­heit lösen lie­ßen, wenn wir nur alle ein­se­hen wür­den, dass wir angst­be­setzt sei­en, wie alle ande­ren. Nein, die Lösung kann nur Frei­heit VON der Angst sein und die­se ist NUR mög­lich, wenn wir erken­nen, dass wir UNSTERBLICH sind. Wer dar­auf baut wird kon­ti­nu­ier­lich alle Äng­ste abbau­en und damit gesün­der und schließ­lich voll­kom­men an Leib und See­le wer­den.

  3. Avatar
    Straßentheologe Chris 3 Monaten ago
    Reply

    Ich glau­be die gro­ße Her­aus­for­de­rung hier ist, dass das Reich Got­tes eben anders funk­tio­niert. Und Dre­wer­mann einer der weni­gen ist, die das mal durch­spie­len.

    Ob Jesus recht hat oder nicht, zeigt sich eben nicht unbe­dingt an Wohl­stand, am sta­bi­len System oder an einer flo­rie­ren­den Wirt­schaft. Nicht am empi­ri­schen. Per Defi­ni­ti­on schon nicht, denn das ist ja das, was die Welt mes­sen kann.

    Ich glau­be hier genau ist der Punkt, die Wun­de in die Dre­wer­mann den Fin­ger legt: Wenn wir wirk­lich radi­kal nach Jesus han­deln wür­den, wäre eben der «gute Aus­gang» NICHT garan­tiert. Genau das ist die Poin­te. Viel­leicht wür­den wir ster­ben, ver­sa­gen, der Staat wür­de über­rannt wer­den oder sich auf­lö­sen. Aber viel­leicht ist es TROTZDEM oder gra­de des­we­gen das Absur­de am Glau­ben. Das es trotz­dem oder gera­de des­we­gen Got­tes Reich wei­ter­bringt.

    Klar ist die Vor­stel­lung radi­kal und klar, kann man damit kei­ne poli­ti­schen Kämp­fe gewin­nen oder ratio­nal Mehr­hei­ten gewin­nen. Genau das ist der Punkt. So ähn­lich wie auch Karl Barth sagt, dass es kei­ne wirk­lich christ­li­che Par­tei geben kann, weil sie genau da mit­spie­len muss.

  4. Avatar
    Samuel L. 3 Monaten ago
    Reply

    Der durch­aus dif­fe­ren­zier­te Kom­men­tar von Dr. Mar­kus Till wirkt auf mich vom Grund­ton her nach einer eher ableh­nen­den Kri­tik, wo ich mir viel eher ein wert­schät­zen­des «Ja, und…» wün­schen wür­de — denn offen­bar erreicht Herr Dre­wer­mann Leu­te die sonst mit «Kir­che» nicht viel anfan­gen kön­nen, und unter dem hier zitier­ten fin­den sich eini­ge wert­vol­le Ein­sich­ten (wel­che, da bin ich ein­ver­stan­den, wei­te­rer Ergän­zung oder Dis­kus­si­on bedür­fen). Bekannt­lich bewe­gen wir uns in Span­nungs­fel­dern und beto­nen ver­schie­de­ne Aspek­te unter­schied­lich («Schuld» vs. «Scham»-Orientierung, «System» vs. «Indi­vi­du­um» in der Ver­ant­wor­tung, etc.). Das Fazit aus die­ser Beob­ach­tung müss­te doch sein, ver­stärkt den Dis­kurs mit den Ver­tre­tern ande­rer Schwer­punk­te zu suchen und sich ver­stärkt mit den eige­nen Schlag­sei­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen…

    Ich fin­de die Arbeit von Jona­than Haidt in dem Zusam­men­hang sehr span­nend: https://​righ​te​ous​mind​.com/

  5. Avatar
    Ackerknecht Wolfgang 3 Monaten ago
    Reply

    In uns Men­schen drängt uns etwas, das Unerklärliche/Unerständliche über den (phi­lo­so­phi­schen) Ver­stand ein­zu­ord­nen. — Glau­be wird immer wach­stüm­lich sein, unse­re Ein­sich­ten ver­än­dern sich. Aber zen­tra­le bibli­sche Kern­aus­sa­gen dür­fen nicht aus­ge­he­belt und rela­ti­viert wer­den, da in ihnen die Kraft­quel­le liegt, die sich dann im Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes zu einem gelin­gen­den und erfüll­ten Leben ent­fal­tet.

Leave a Comment

Your email address will not be published.

You may like

In the news