Den Glauben verlieren Teil 2: Vom Pastor zum Atheist

Paul Bruderer
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Bart Cam­po­lo, Sohn des welt­be­kann­ten Bap­ti­sten-Pastors Tony Cam­po­lo, meint nach sei­ner De-Kon­ver­si­on vom christ­li­chen Glau­ben, dass vie­le ‹pro­gres­si­ve Chri­sten› auf dem Weg in Rich­tung Athe­is­mus sei­en. Bart kennt die­sen Weg aus eige­ner Erfah­rung. Sei­ne Ent­wick­lung zeigt, wo sich der Start­punkt eines Weges befin­den kann, der unauf­halt­sam vom Glau­ben an Jesus Chri­stus weg­führt.

Kurz nach Weih­nach­ten 2016 bringt die New York Times einen lan­gen Arti­kel über Bart Cam­po­los Abfall vom Glau­ben. Nach einem Unfall mit dem Fahr­rad ent­schliesst sich Bart auf Anra­ten sei­ner Frau auf­zu­hö­ren, ein ‹pro­fes­sio­nel­ler Christ› zu sein. Bis dahin ist er ein erfolg­rei­cher Pastor, Red­ner, Mis­si­ons-Lei­ter. Aber durch den Unfall merkt Bart, dass er auf­hö­ren muss, nur wegen sei­nes Berufs zum christ­li­chen Glau­ben zu ste­hen.

Im Ver­lauf der Jah­re haben sich Zwei­fel in sei­nen evan­ge­li­kal gepräg­ten christ­li­chen Glau­ben ein­ge­schli­chen und fest­ge­setzt. Nach dem Unfall meint sei­ne Frau: «Ich den­ke du soll­test auf­hö­ren, ein pro­fes­sio­nel­ler Christ zu sein, denn du glaubst nicht mehr an Gott, nicht an die Exi­stenz des Him­mels. Und du glaubst nicht, dass Jesus drei Tage nach sei­nem Tod auf­er­stan­den ist.»

Foto by nyt

So fängt Bart an, sich in sei­nem Umfeld als ‹post-Christ› zu outen. Er mag es nicht, wenn man ihn einen Athe­isten nennt. Trotz­dem bekennt er sich dazu, nicht mehr an die Exi­stenz Got­tes zu glau­ben. Er ver­dient nun sei­ne Bröt­chen als Huma­ni­sti­scher Kaplan. Er scheint gut anzu­kom­men…

Der Anfangspunkt eines Weges, der unaufhaltsam vom Glauben wegführt

Nach sei­ner De-Kon­ver­si­on äus­sert sich Bart in einer Pod­cast Epi­so­de der Holy Here­tics zur wach­sen­den Men­ge von Chri­sten, die bewusst auf Distanz gehen zum kon­ser­va­ti­ven und evan­ge­li­ka­len Chri­sten­tum. Es gibt kei­ne ein­heit­lich ver­wen­de­ten Begrif­fe für die­se Chri­sten. Eini­ge nen­nen sich ‹pro­gres­si­ve Chri­sten›, ande­re ‹post-evan­ge­li­kal› oder auch ‹post-kri­tisch›.

Bart glaubt, dass vie­le die­ser Chri­sten sich auf einem Weg befin­den, der sie gänz­lich von ihrem Glau­ben an Jesus weg füh­ren wird in den Athe­is­mus. In die­sem Inter­view, wel­ches am pro­gres­siv-christ­li­chen ‹Wild Goo­se Festi­val› statt­fand, spricht Cam­po­lo Klar­text:

Was, wenn es heu­te 1000 Per­so­nen am Wild Goo­se hat? Dann wer­den in zehn Jah­ren 300 oder 400 davon nicht mehr ‹im Spiel› sein. (Bart Cam­po­lo, mei­ne Über­set­zung)

Die Vor­her­sa­ge von Cam­po­lo ist also, das bis zu 40% der anwe­sen­den pro­gres­si­ven Chri­sten inner­halb von zehn Jah­ren zu Athe­isten wer­den könn­ten. Wenn man erst­mals anfan­ge, christ­li­che Wahr­hei­ten zu dekon­stru­ie­ren, dann habe die­se Tätig­keit sozu­sa­gen Sucht­po­ten­ti­al.

Was Bart sagt, ist von gros­ser Bedeu­tung. Sei­ne Aus­füh­run­gen hel­fen uns bes­ser zu ver­ste­hen, was der Anfangs­punkt sein kann eines Weges, der nahe­zu unauf­halt­sam vom christ­li­chen Glau­ben weg­führt. Er sagt fol­gen­des:

Wenn du mal anfängst, dei­ne Theo­lo­gie anzu­pas­sen an die Rea­li­tät, die du erlebst, beginnt eine unauf­halt­sa­me Ent­wick­lung. Im Ver­lauf der näch­sten 30 Jah­re … hat mei­ne Fähig­keit, an ein über­na­tür­li­ches Ein­grei­fen Got­tes in die­ser Welt zu glau­ben, tau­send Tode gestor­ben … Ich bin durch jede Pha­se der Irr­leh­re gegan­gen. Es fängt damit an, dass du die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes auf­gibst, dann folgt die Auto­ri­tät der Bibel, anschlies­send wur­de ich ein All­ver­söh­ner, jetzt traue ich Schwu­le. Bald dar­auf glau­be ich nicht mehr, dass Jesus phy­sisch vom Tod auf­er­stan­den ist. (Bart Cam­po­lo, mei­ne Über­set­zung)

Mich inter­es­siert vor allem der Anfangs­punkt der Ent­wick­lung. Bart sagt, dass es bei ihm das Auf­ge­ben des Glau­bens an die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes war. Im Hin­ter­grund sind Barts unbe­ant­wor­te­te Gebe­te an Gott. Er hat oft gebe­tet, dass Gott Leid aus der Welt schafft. Bart emp­fin­det, dass die­se Gebe­te nicht erhört wor­den sind und dem­zu­fol­ge, dass Gott nicht in die Gescheh­nis­se die­ser Welt ein­greift. Die logi­sche Kon­se­quenz für ihn war, nicht mehr an die Über­zeu­gung der Bibel zu glau­ben, dass Gott sou­ve­rän über die Ereig­nis­se die­ser Welt regiert und in sie ein­greift (z.B. auf­grund von Gebe­ten der Gläu­bi­gen).

Das unauflösbare Netz

 

Pho­to by Joshua Sorti­no on Uns­plash

Die zen­tra­len Leh­ren der Bibel sind mit­ein­an­der ver­knüpft und bil­den ein unauf­lös­ba­res Netz. Wer eine die­ser essen­ti­el­len Leh­ren des christ­li­chen Glau­bens auf­gibt, wird des­halb oft über kurz oder lang die ande­ren, damit ver­bun­de­nen Über­zeu­gun­gen eben­falls auf­ge­ben. Barts Gang durch die Irr­leh­ren illu­striert dies aus­ge­zeich­net.

Zum Bei­spiel ist die bibli­sche Leh­re der Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes unauf­lös­bar mit zwei ande­ren zen­tra­len Leh­ren der Chri­sten­heit ver­bun­den: Mit der gött­li­chen Inspi­ra­ti­on der Bibel und der dazu­ge­hö­ri­gen Auto­ri­tät der Bibel sowie mit der leib­li­chen Auf­er­ste­hung Jesu vom Tod.

Wer also — wie Bart — die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes aus sei­nem Glau­bens­sy­stem löscht, löst eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus. Bald glaubt die­se Per­son nicht mehr an die Inspi­ra­ti­on und Auto­ri­tät der Bibel, oder an die leib­li­che Auf­er­ste­hung Jesu von den Toten. Das Umge­kehr­te gilt eben­so. Wer auf­hört, an die leib­li­che Auf­er­ste­hung von den Toten zu glau­ben oder an die gött­li­che Inspi­ra­ti­on der Bibel, der wird irgend­wann auch auf­hö­ren, an die Sou­ve­rä­ni­tät Got­tes zu glau­ben.

Alle drei Über­zeu­gun­gen der Bibel bil­den also ‹Anfangs­punk­te› eines Weges, der unauf­halt­sam vom christ­li­chen Glau­ben weg­führt.

Gründe für das Verlassen des Glaubens

Es gibt eine Viel­zahl von Grün­den, war­um Men­schen den Glau­ben an Jesus Chri­stus ver­las­sen. In die­sem Mix von Grün­den spielt ihre Theo­lo­gie eine wich­ti­ge Rol­le — also das, was sie über Gott den­ken. Ich glau­be des­halb, dass wir uns in einer Zeit befin­den, in der wir inner­halb der Chri­sten­heit tie­fer über theo­lo­gi­sche Fra­gen nach­den­ken wer­den. Ich freue mich auf die­ses ver­tief­te Nach­den­ken und möch­te gleich einen Bei­trag zur Dis­kus­si­on lie­fern mit einem tie­fe­ren Blick in das Kräf­te­feld ande­rer Welt­an­schau­un­gen.

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