People of the Book — Der Meisterkünstler

Peter Bruderer
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Mei­ne Fas­zi­na­ti­on war augen­blick­lich! Ein guter Freund hat vor weni­gen Wochen in sei­nem Face­book Pro­fil ein Bild gepo­stet, wel­ches eine Visua­li­sie­rung von Quer­ver­wei­sen inner­halb der Bibel zeigt. Im Bild, wel­ches unten­ste­hend abge­bil­det ist, sind nicht weni­ger als 63’000 inner­bi­bli­sche Quer­ver­wei­se mit far­bi­gen Bogen­schlä­gen visua­li­siert. Die Far­ben ändern sich in Abhän­gig­keit zum Abstand zwi­schen den ver­bun­de­nen Stel­len. Die ein­zel­nen Kapi­tel der Bibel sind fein­säu­ber­lich von links nach rechts auf­ge­reiht, nach der Anzahl ihrer Ver­se durch unter­schied­lich lan­ge ver­ti­ka­le Säu­len sym­bo­li­siert.

Die unglaub­li­che Ver­wo­ben­heit der bibli­schen Tex­te ist mir bereits in den ver­gan­ge­nen Mona­ten von Neu­em wich­tig gewor­den. Nun fand die­se auf ein­mal vor mei­nen Augen eine visu­el­le Dar­stel­lung. Als Archi­tekt bin ich eine optisch ver­an­lag­te Per­son. Die­ses Bild hat mich aus den Socken gehau­en.

Bible Cross-Refe­ren­ces — by Chris Har­ri­son

Die Bibel — ein Gesamtkunstwerk

Ent­stan­den ist die Visua­li­sie­rung durch eine Zusam­men­ar­beit von Chris Har­ri­son mit dem luthera­ni­schen Pfar­rer Chri­stoph Röm­hild. In sei­ner Prä­sen­ta­ti­on beschreibt Har­ri­son die Hin­ter­grün­de, wel­che zur Ent­ste­hung des Bil­des führ­ten:

Mit dem Fort­schrei­ten der Arbeit wur­de klar, dass eine inter­ak­ti­ve Visua­li­sie­rung zur kor­rek­ten Erfor­schung der Daten not­wen­dig wür­de, wel­che der User ein­zoo­men und die Infor­ma­tio­nen dar­aus auf ein über­schau­ba­res Niveau trim­men kann. Den­noch war dies weni­ger inter­es­sant für uns, da Bibel­pro­gram­me bereits exi­stier­ten, wel­che ähn­li­che (oder sogar noch grös­se­re) Funk­tio­na­li­tät boten. Statt­des­sen rich­te­ten wir unser Augen­merk aufs ande­re Ende des Spek­trums — auf etwas Schö­nes statt Funk­tio­na­les. Gleich­zei­tig woll­ten wir etwas, das der Kom­ple­xi­tät der Daten­men­ge auf jeder Ebe­ne Rech­nung trägt und auch die Mög­lich­keit bot zur Betrach­tung im Detail. Dies führ­te zum Kon­zept des mehr­far­bi­gen Bogen-Dia­gram­mes. Chris Har­ri­son — eige­ne Über­set­zung

Natür­lich kann man mit die­sen Daten auch ana­ly­tisch arbei­ten. Doch schon das Betrach­ten und Her­um­wan­dern im Bild (wel­ches auch in Höchst­auf­lö­sung her­un­ter­ge­la­den wer­den kann) ermög­licht eine Fül­le von Ein­sich­ten.

Die Quer­be­zü­ge umspan­nen die vol­le Brei­te der Bibel. Das Alte Testa­ment ver­weist hun­dert­fach auf das Neue und umge­kehrt.

Das Leben und Reden Jesu, wie in den Evan­ge­li­en beschrie­ben, ist unzer­trenn­lich mit den Tex­ten des Alten Testa­ments ver­knüpft. (Dazu der inter­es­san­te Blog­post mei­nes Bru­ders.)

Kein ein­zi­ges Kapi­tel scheint es zu geben, wel­ches nicht in irgend­ei­ner Form mit einem ande­ren Kapi­tel irgend­wo in der Bibel in Ver­bin­dung steht.

Wer auf die far­bi­gen Ver­weis-Bögen ein­zoomt, wird an die trag­fä­hi­gen und eng ver­floch­te­nen Struk­tu­ren von Glas­fa­ser­bau­stof­fen erin­nert. Mir kommt der trag­fä­hi­ge Grund der Gemein­de in den Sinn, der gemäss Eph 2:20 die Apo­stel (Neu­es Testa­ment) und Pro­phe­ten (Altes Testa­ment) im Ver­bund mit dem Eck­stein Jesus Chri­stus bil­den.

Fak­tisch in der Mit­te der lan­gen Auf­rei­hung von Bibel­ka­pi­teln fin­den wir eine unglaub­lich lan­ge Säu­le: Den Psalm 119. Die­ser Psalm hat die Lie­be zum Wort Got­tes und zu sei­nen Gebo­ten als zen­tra­les The­ma und scheint, gleich dem Kiel eines Schif­fes, dem Gan­zen Sta­bi­li­tät und Spur zu ver­lei­hen.

Die­ses Bild stellt optisch etwas davon dar, was für ein gewal­ti­ges Gesamt­kunst­werk die Bibel eigent­lich ist. Von dut­zen­den von Autoren über den Zeit­raum von hun­der­ten von Jah­ren und in unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Set­tings geschrie­ben, zeigt sich doch die erstaun­li­che Ein­heit die­ses Buches. Und die­ses Buch macht auch klar, dass sein roter Faden letzt­lich auf dem EINEN Autor beruht, wel­cher alles zusam­men­hält: Der Schöp­fer selbst schreibt sei­ne Geschich­te mit uns Men­schen.

Bible Cross-Refe­ren­ces (Aus­schnitt) — by Chris Har­ri­son

Gewalt am Kunstwerk

Wer aus­ser einem Spin­ner, einem Ahnungs­lo­sen oder einem Ver­bre­cher wür­de schon einem welt­be­kann­ten Kunst­werk wie der ‹Mona Lisa› Gewalt antun? Wer aus­ser einem Grös­sen­wahn­sin­ni­gen wür­de sich zumu­ten, es nach­bes­sern zu kön­nen? Ein welt­wei­ter Auf­schrei wäre die natür­li­che und rich­ti­ge Fol­ge eines sol­chen Han­delns.

Auch histo­ri­sche Bau­wer­ke und Stadt­bil­der wer­den zu Recht mit gröss­ter Sorg­falt erhal­ten und vor ent­stel­len­den Ein­grif­fen geschützt. Erst gera­de durf­te ich unter Anwe­sen­heit der Denk­mal­pfle­ge des Kan­tons Thur­gau das Farb­kon­zept für die Aus­sen­sa­nie­rung eines Gebäu­des im histo­ri­schen Kern der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt Dies­sen­ho­fen bespre­chen. Da gibt es nicht viel Spiel­raum! Denk­mal­pfle­ge­be­hör­den land­auf und land­ab ach­ten mit Argus-Augen dar­auf, das histo­ri­sche Stadt­bil­der nicht ver­schan­delt wer­den und stel­len damit den Erhalt ihrer Ein­heit und Schön­heit sicher.

Bei jedem Werk eines Künst­lers ist uns klar, dass die­ses bei Mani­pu­la­ti­on oder Ver­än­de­rung eigent­lich nur an Wert ver­lie­ren kann.

Bei jedem Werk eines Künst­lers ist uns klar, dass ver­meint­li­che Wider­sprü­che oder Din­ge, wel­che wir nicht ver­ste­hen, genau­so dazu gehö­ren dür­fen.

Bei jedem Werk eines Künst­lers ist uns klar, dass die­ses in grösst­mög­li­cher Prä­zi­si­on erhal­ten wer­den muss. Im Umgang mit dem ‹Kunst­werk Bibel› haben dies die Maso­re­ten ver­stan­den und uns vor­ge­lebt (sie­he Peop­le of the Book — Der Schutz­zaun der Maso­re­ten).

Doch lei­der ist die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit nicht für alle klar, wel­che sich mit dem gewal­ti­gen Gesamt­kunst­werk der Hei­li­gen Schrift befas­sen.

Der Irr­leh­rer Mar­ci­on ist ein Pro­to­typ sol­chen Han­delns. Mar­ci­on hat im zwei­ten Jahr­hun­dert die Bibel mal schnell um das Alte Testa­ment gekürzt in der Annah­me, es zei­ge einen ‹bösen› Gott, wel­cher nicht zum ‹guten› Gott pas­se, der sich in Jesus Chri­stus offen­ba­re.

Ganz ähn­lich das Jesus Semi­nar, wel­ches ab 1985 über die Histo­ri­zi­tät der Wun­der und der Reden Jesu befin­den woll­te. Grün­der Robert W. Funk ver­sam­mel­te eine gegen­über der Zuver­läs­sig­keit der bibli­schen Schrif­ten zumeist kri­tisch ein­ge­stell­te Grup­pe von ‹Fel­lows› (Kol­le­gen). Die­se konn­te per Abstim­mung über den Grad der Ver­läss­lich­keit von Jesu Taten und Aus­sa­gen befin­den. Am Schluss blie­ben nach ihnen gera­de mal 18 Pro­zent der Aus­sa­gen Jesu und 16 Pro­zent sei­ner Taten übrig. Dies ist eine Zer­stüm­me­lung son­der­glei­chen der Evan­ge­li­en, wel­che über das Leben von Jesus berich­ten.

Man stel­le sich das Bild von Chris Haris­son vor in der Vari­an­te ‹Mar­ci­on› oder ‹Jesus Semi­nar›. Es wür­de nur ein völ­lig ent­stell­ter Schat­ten des Ori­gi­nals blei­ben!

In einem aktu­el­len Arti­kel bringt Mar­kus Till die ent­stel­len­de Wir­kung sol­chen Han­delns auf die Bot­schaft der Bibel auf den Punkt:

Ein bil­li­ges Evan­ge­li­um, das die Hin­ter­grund­bot­schaft des Alten Testa­ments ver­schweigt, ist des­halb ein ande­res, ein fal­sches, ein bana­li­sier­tes, belang­lo­ses und kraft­lo­ses Evan­ge­li­um, das zwar kei­nen Anstoß erregt, das aber am Ende auch nie­mand inter­es­siert und nie­mand ver­än­dert.

Solch ent­stel­len­des Han­deln an der Bibel gibt es natür­lich auch in viel fei­ne­ren und sub­ti­le­ren For­men. Man spricht dann viel­leicht von ‹Kratz­ge­räu­schen› einer Schall­plat­te, wel­che ent­fernt wer­den müs­sen, damit ‹His Masters Voice› bes­ser gehört wer­den kann. Man spricht dann viel­leicht von klei­nen ‹Retu­schen›, wel­che uns die wah­re Absicht des Mei­sters bes­ser sehen las­sen sol­len. Man spricht dann viel­leicht von redak­tio­nel­len ‹Ergän­zun­gen›, wel­che die­ses Werk Got­tes für unse­re Zeit brau­che.

Bible Cross-Refe­ren­ces (Aus­schnitt) — by Chris Har­ri­son

Der Meister hinter dem Meisterwerk

Es geht hier kei­nes­wegs dar­um, zu einem ‹wis­sen­schafts­feind­li­chen› Umgang mit der Bibel auf­zu­ru­fen. Mein Punkt ist viel­mehr die­ser: Letzt­lich geht es oft ein­fach dar­um, dass sich Men­schen über den Autor der Bibel und Schöp­fer die­ser Welt stel­len und sel­ber bes­ser zu wis­sen mei­nen, wie das Gesamt­kunst­werk Bibel ‹aus­zu­se­hen› oder zu ‹klin­gen› habe.

Ich sel­ber bin mehr denn je über­zeugt, dass wir bei der Bibel vor einem ver­trau­ens­wür­di­gen Ori­gi­nal ste­hen, durch wel­ches sein Schöp­fer — bei allen offe­nen Fra­gen — deut­lich und klar zu uns spricht. Vor einem Ori­gi­nal, wel­ches weder Retu­schen noch Redak­ti­on haben will, son­dern bestaunt, geliebt, ver­stan­den und gelebt wer­den möch­te. Wer sich auf die Bot­schaft die­ses Wer­kes ein­lässt, des­sen Leben wird ver­än­dert und in die Anbe­tung die­ses gros­sen Mei­ster­künst­lers geführt.

Links zu den wei­te­ren Tei­len in die­ser Serie:

Peop­le of the Book — Der Schutz­zaun der Maso­re­ten

5 Comments
  1. Avatar
    Dave 2 Wochen ago
    Reply

    Die­ses Bild hängt seit Jah­ren in mei­ner Stu­be und begei­stert sowohl Chri­sten als auch Nicht­chri­sten immer wie­der aufs Neue 🙂

  2. Avatar
    Mirco 2 Wochen ago
    Reply

    Tol­ler Arti­kel! Als ich das erste Mal die Bibel durch­ge­le­sen habe, habe ich immer wie­der zwi­schen AT und NT gewech­selt, um es span­nen­der zu haben. Dabei habe ich mei­ne Lie­be für die Zusam­men­hän­ge ent­deckt (ange­fan­gen mit der Frau, wel­che den Zip­fel Jesu berührt und geheilt wird und ich ganz zufäl­lig die Stel­le im AT kurz vor­her gele­sen hat­te, in der es dar­um ging, dass alles, was sie berührt, unrein wird). Das bringt die Dra­ma­tik der Situa­ti­on erst rich­tig her­vor. Seit­dem sau­ge ich jeg­li­che sol­cher Ver­bin­dun­gen auf. Des­halb war Dei­ne Pre­digt am Sonn­tag auch beson­ders wert­voll für mich, weil die Geschich­te Bile­ams mich schon län­ger beschäf­tigt hat­te. Dan­ke für die­sen Ein­blick! Wir haben dies auch heu­te in der Klein­grup­pe ver­tieft, sowie die Fra­ge, wo wir dem Main­stream zu viel Raum geben und das Wort nicht mehr für voll neh­men.

  3. Avatar
    Michael Berra 2 Wochen ago
    Reply

    Vie­len Dank für den span­nen­den und sogar schö­nen (!) Arti­kel. Die Bibel ist unglaub­lich fas­zi­nie­rend!
    Was ich etwas scha­de fin­de ist der indi­rek­te (viel­leicht unbe­wuss­te) Hin­weis auf Emil Brun­ners Meta­pher der Schall­plat­te. Lei­der passt der Kon­text des Ori­gi­nal-Zitats nicht wirk­lich auf das, wofür es hier nega­tiv ver­wen­det wur­de. Zumin­dest wäre das sehr ver­kürzt.
    Ein­fach ein klei­nes Detail 😉

    Ps: wie­so müs­sen fast alle eure Posts immer auch gegen etwas gerich­tet sein, wenn man ja für ein­mal ein­fach die Schön­heit der Bibel hät­te dar­stel­len kön­nen. Aber viel­leicht ist das ja auch der Sinn die­ses Blogs (gemäss Beschrei­bung).

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 2 Wochen ago
      Reply

      Dan­ke Micha­el für das Kom­pli­ment und auch für dei­ne Rück­fra­gen. Es ging mir beim Bei­spiel mit der Schall­plat­te kei­nes­wegs um Brun­ner (da wärst glau­be ich du der Spe­zia­list und nicht ich), son­dern dar­um, auf­zu­zei­gen, dass das Ein­grei­fen ins ‹Kunst­erk Bibel› auch mit einer fei­ner Klin­ge erfol­gen kann als mit dem Zwei­hän­der. Das war schon mein gan­zer Punkt. Für eine gründ­li­che­re Bespre­chung unse­rer Beweg­grün­de, war­um wir schrei­ben, wie wir schrei­ben, ist wohl ein per­sön­li­ches Tref­fen ange­sagt. Nur soviel: wir emp­fin­den es als unse­re Auf­ga­be, auch mit Kon­tra­sten zu arbei­ten, um unse­re Anlie­gen und Ent­deckun­gen kla­rer zur Gel­tung zur brin­gen. Dies war in der Ver­gan­gen­heit nicht so, erach­ten wir aber aktu­ell als ange­bracht. Das Arbei­ten mit Kon­tra­sten ist — um beim The­ma Schön­heit zu blei­ben — durch­aus ein gestal­te­ri­sches Stil­mit­tel wel­ches in der Kunst ein­ge­setzt wird. Im Archi­tek­tur­stu­di­um habe ich genau mit die­sem Stil­mit­tel bei mei­ner Diplom­ar­beit eine ziem­lich gute Note gemacht :-).
      Lie­be Grüs­se aus Frau­en­feld, Peti

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