People of the Book — Der Schutzzaun der Masoreten

Paul Bruderer
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Die jüdi­schen Schrei­ber, die als ‹Maso­re­ten› bezeich­net wer­den, ent­wickel­ten im ersten Jahr­tau­send ein aus­ge­klü­gel­tes System von Mar­kie­run­gen, um den Text des Alten Testa­men­tes genau kopie­ren zu kön­nen. Sie zei­gen damit eine Lie­be zum Text der Bibel, die uns inspi­riert!

Mein Bru­der und ich sind in Afri­ka auf­ge­wach­sen, wo die Men­schen uns Chri­sten ‹Peop­le of the Book› nann­ten, also ‹Volk des Buches› oder ‹Men­schen des Buches›. Sie iden­ti­fi­zier­ten uns über die Zuord­nung zu einem Buch, näm­lich der Bibel. Mir gefällt die­se Bezeich­nung, denn als Chri­sten ste­hen wir in einer lan­gen Tra­di­ti­on, die durch die Lie­be zur Bibel und des­sen Text gekenn­zeich­net ist. In die­ser Serie von kur­zen Blogs mit dem Titel ‹Peop­le of the Book› wol­len wir die­ser Lie­be zur Bibel Aus­druck ver­lei­hen.

Der Schutzzaun der Masoreten

Ab unge­fähr dem sieb­ten Jahr­hun­dert gab es die soge­nann­ten Maso­re­ten, eine Klas­se von jüdi­schen Schrei­bern, wel­che ein System von Mar­kie­run­gen ent­wickel­ten, um den Text des Alten Testa­men­tes sicher kopie­ren zu kön­nen. Sie muss­ten die Manu­skrip­te von Hand abschrei­ben, weil es noch kei­nen Buch­druck gab.

Der maso­reti­sche Text ist eine von drei Über­lie­fe­rungs-Tra­di­tio­nen des alt­te­sta­ment­li­chen Tex­tes. Die ande­ren bei­den sind in der Sep­tu­ag­in­ta und im Sama­ri­ta­ni­sche Pen­ta­teuch zu fin­den. Der maso­reti­sche Text dient all­ge­mein als Grund­la­ge für unse­re deut­schen Über­set­zun­gen, wobei moder­ne Über­set­zun­gen auch Vari­an­ten der ande­ren bei­den Tra­di­tio­nen ein­flies­sen las­sen.

In sei­nem Arti­kel ‹Ler­ne die Geheim­nis­se des Lenin­grad Codex› erklärt Dr. Kim Phil­lips:

Der Lenin­grad Codex ent­hält nicht weni­ger als 60’000 maso­reti­sche Mar­kie­run­gen, die eine Art Schutz­zaun um den Text bil­den. Die damit ver­bun­de­ne immense Arbeit und Müh­sal war ange­trie­ben von einer lei­den­schaft­li­chen Hin­ga­be an den bibli­schen Text als das wirk­li­che Wort Got­tes. Wenn er gespro­chen hat, dann ist jeder Punkt und Titel kost­bar. Sogar das klein­ste Detail dient als Vehi­kel für etwas, das Gott mit­tei­len möch­te um Gemein­schaft mit sei­nem Volk und der Mensch­heit zu haben. (eige­ne Über­set­zung)

Aus­schnitt vom Lenin­grad Codex mit maso­reti­schen Mar­kie­run­gen — By Shmu­el ben Ya’a­kov, public Domain

Wir sind die ‹Menschen des Buches›

Als Chri­sten sind wir von der­sel­ben lei­den­schaft­li­chen Lie­be zum Text der Bibel ange­trie­ben wie die Maso­re­ten.

Ich mei­ne damit nicht, dass der Text sim­pli­stisch und ‹ein-dimen­sio­nal› aus­ge­legt wer­den soll. Die Aus­le­gung der Bibel muss zum Bei­spiel die lite­ra­ri­schen Gat­tun­gen berück­sich­ti­gen (Weis­heits-Lite­ra­tur, poe­ti­sche Tex­te, Pro­phe­tie, Apo­ka­lyp­tik, histo­ri­sche Geschich­te, etc) sowie Ent­wick­lun­gen in der Bibel (wie z.B. die Erüb­ri­gung des Tier-Opfer-Systems im Neu­en Testa­ment durch den Opfer-Tod Jesu am Kreuz).

Ich mei­ne damit auch nicht, dass die ursprüng­li­che Inspi­ra­ti­on der Bibel ein ein­zi­ges Ereig­nis war, in der Gott den Autoren in einer Art Tran­ce die ein­zel­nen Wor­te dik­tier­te.

Ich mei­ne damit eben­falls nicht, dass wir zu einer fal­schen ‹Geist­lich­keit des Buch­sta­bens› zurück­keh­ren, wel­che die Autoren des Neu­en Testa­men­tes ableh­nen (sie­he zum Bei­spiel Römer 7,6, 2. Korin­ther 3,6 oder Hebrä­er 12,18 – 24).

Unse­re Lie­be zur Bibel bedeu­tet nicht, dass wir zur Bibel beten, son­dern wir beten den ein­zig wah­ren, drei­ei­ni­gen Gott an, der sich uns durch die Bibel offen­bart.

Was ich mei­ne ist, dass wir wir sehen müs­sen, mit welch hei­li­ger Sorg­falt der bibli­sche Text über­lie­fert wur­de. Wenn wir das erken­nen, dann nähern wir uns dem Text neu in Ehr­furcht, Dank­bar­keit und Freu­de. Wir schen­ken ihm unser Ver­trau­en. Wir las­sen uns wie­der von einer Lie­be zum bibli­schen Text erfas­sen. Das betrifft den all­ge­mei­nen Inhalt des Tex­tes, aber auch Ein­zel­hei­ten, die wir dar­in fin­den.

Wenn wir sehen, mit welch immenser Sorg­falt der bibli­sche Text über­lie­fert wur­de, lesen wir den Text nicht nur online im Inter­net in auf­ge­lö­sten ‹Bits und Bytes›, son­dern haben ihn als Buch zur Hand. Ich fra­ge mich, ob wir in unse­ren Got­tes­dien­sten wie­der anfan­gen soll­ten, die Bibel als Buch in die Hand zu neh­men, anstatt die Tex­te auf dem Bea­mer zu pro­ji­zie­ren. Wir soll­ten den Besu­chern der Got­tes­dien­ste län­ge­re Lesun­gen zumu­ten, und uns dabei bemü­hen, die Lesung inter­es­sant zu gestal­ten.

Wir soll­ten auf­hö­ren, uns für die Bibel zu schä­men. In vie­len theo­lo­gi­schen Abhand­lun­gen kommt es mir vor, als sei es den Schrei­bern letzt­lich pein­lich, an die Bibel glau­ben zu müs­sen. Aber weil man sich Christ nennt, muss man wohl dum­mer­wei­se auch irgend­wie mit die­sem Buch zurecht kom­men — schei­nen sie zu sagen. Schluss damit! Wir lie­ben die­ses Buch auf lei­den­schaft­li­che Wei­se und des­halb ist uns kein Auf­wand zu gross, uns dem Text in gros­sen Men­gen und in klein­sten Details zuzu­wen­den. 

Wir freu­en uns, von Men­schen ande­rer Reli­gio­nen als ‚Peop­le of the Book‘ bezeich­net zu wer­den

Links zu den wei­te­ren Tei­len in die­ser Serie:

Peop­le of the Book — Der Mei­ster­künst­ler

4 Comments
  1. Avatar
    KS 4 Wochen ago
    Reply

    Sehr schön geschrie­ben, Paul 🙂
    Durch dei­nen Text mer­ke ich, dass ich dif­fe­ren­zie­ren möch­te und soll­te zwi­schen «Schä­men für die Bibel» und «Schä­men für das, was im Namen des Chri­sten­tums teils gesche­hen ist und teils gespro­chen und getan wird»! (und schon mer­ke ich mit Schmun­zeln, dass ich beim The­ma Scham bin 😉 )
    Letz­te­re Scham ist mir sogar wich­tig — drängt sie doch mein Gewis­sen, dass ich für sol­che Rechts­ver­let­zun­gen ein­ste­hen möge 🙂
    Ratio­nal bedacht kommt mir die Dif­fe­ren­zie­rung kniff­lig vor, doch mein Glau­be und die Rück­be­sin­nung auf Jesus als Per­son schenkt mir gutes Ver­trau­en. Dan­ke für den Text 😉
    Sehr froh bin ich, wie du so schön schreibst, dass Gott sich uns durchs Wort offen­bart <3
    Lie­be Grüs­se

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 4 Wochen ago
      Reply

      Lie­be KS, da wären wir wie­der bei ‹unse­rem› The­ma 🙂 Ich dach­te kürz­lich, ob wir die Kapi­tel unse­res gemein­sa­men Buches zuerst auf Daniel­Op­ti­on ver­öf­fent­li­chen könn­ten… Ich hof­fe, ich bekom­me die Zeit, das Buch zusam­men mit dir zu schrei­ben! Dei­ne Unter­schei­dung ist eine wich­ti­ge. Dan­ke für den super Hin­weis!

  2. Avatar
    Regula Lehmann 4 Wochen ago
    Reply

    Yes! Je tie­fer wir in die­ses Buch ein­tau­chen, desto mehr ent­fal­tet es sei­ne Schön­heit und Weis­heit.
    Die Men­schen des Buches sind nicht “von gestern“, son­dern von mor­gen!

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 4 Wochen ago
      Reply

      Dan­ke Regu­la — das erle­be ich auch genau so!

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