Bileam (3/3) — Lehren für unsere Zeit

Peter Bruderer
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Die Geschich­te von Bile­am ist fas­zi­nie­rend und viel­schich­tig. Die Ent­wick­lun­gen rund ums Volk Isra­el zu sei­ner Zeit sind dra­ma­tisch. Die Geschich­te weckt Hoff­nung in einen treu­en Gott, der zu sei­nem Wort und sei­nem Volk steht. Sie zeigt auch unse­re inne­ren Antrei­ber und die reli­giö­sen und sexu­el­len Anfäl­lig­kei­ten des Vol­kes Got­tes. In der aktu­el­len Zeit tun wir als Glau­ben­de und als christ­li­che Gemein­de gut dar­an, die­se Lek­tio­nen aus der Bile­am­ge­schich­te zu beher­zi­gen. Im drit­ten und letz­ten Teil unse­rer Bile­am­se­rie möch­te ich nun eini­ge die­ser Leh­ren ins Auge fas­sen.

Eine grund­le­gen­de Erkennt­nis ist dabei, dass unse­re Gefähr­dung in erster Linie eine inne­re ist und nicht eine äus­se­re. Für den ein­zel­nen Men­schen, den Glau­ben­den, bedeu­tet dies, dass er mit Stim­men in sei­nem eige­nen Her­zen ringt. Auf die christ­li­che Gemein­de ange­wen­det heisst das, dass sie Stim­men und Leh­ren in ihrer eige­nen Mit­te zu bewer­ten ler­nen muss.

Die Leh­ren aus der Geschich­te Bile­ams sind auch rele­vant, weil sich die Gemein­de Jesu in der west­li­chen Welt heu­te in einer nach­christ­li­chen Zeit bewegt. Unser Umfeld birgt Par­al­le­len zu dem­je­ni­gen der früh­christ­li­chen Gemein­den in ihrem heid­nisch-hel­le­ni­sti­schen Kon­text und auch mit dem­je­ni­gen des Vol­kes Isra­el vor den Toren des ver­heis­se­nen Lan­des — inmit­ten der paga­ni­sti­schen Kul­tur ihrer Zeit.

Die ersten zwei Tei­le die­ser Serie bil­den das Fun­da­ment, um die nach­fol­gen­den Über­le­gun­gen zu ver­ste­hen:

Bile­am (1/3) – Der Pro­phet und sein Esel
Bile­am (2/3) — Treu­er Gott, untreu­es Volk

Dar­auf auf­bau­end möch­te ich zu fol­gen­den neun The­men aus der Bile­am­ge­schich­te Schlüs­se zie­hen. Ach­tung, dies ist ein län­ge­rer Arti­kel. Über das nach­fol­gen­de Inhalts­ver­zeich­nis kannst du dich ori­en­tie­ren:

1. Ver­su­chung: Wie anfäl­lig sind wir?
2. Got­tes Wil­le, mein Wil­le: Wie geht das zusam­men?
3. Inter­re­li­giö­se Spi­ri­tua­li­tät: Der Weg zu Frei­heit im Glau­ben?
4. ‹Ehe für alle›: Seg­nen, was Gott nicht seg­net?
5. Sexu­el­le Befrei­ung: Wann geht es schief?
6. Kir­chen: War­um schrump­fen sie?
7. Fal­sche Pro­phe­ten: Gibt es noch ‹Bile­ams›?
8. Das Schwert Got­tes: Wird die Bibel belang­los?
9. Die Esel Got­tes: War­um braucht es sie?


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1. Versuchung: Wie anfällig sind wir?

Man muss die Geschich­te Bile­ams vom Ende her sehen. Und die­ses Ende ist ver­nich­tend!

Samt die­sen Erschla­ge­nen töte­ten sie auch die Köni­ge der Midia­ni­ter, näm­lich Ewi, Rekem, Zur, Hur und Reba, die fünf Köni­ge der Midia­ni­ter. Auch BILEAM, den Sohn Beors, töte­ten sie mit dem Schwert. (4Mose 31:8)

In die­sem einen Vers zeigt sich die gan­ze Tra­gik des hoch­ge­lob­ten und begehr­ten Sehers. Bile­am erliegt sei­nem Stre­ben nach Aner­ken­nung und Ein­fluss letzt­lich ganz. Der Seher, wel­cher der Ver­su­chung wider­stan­den hat, das Volk Got­tes zu ver­flu­chen, ist nach den bekann­ten Ereig­nis­sen zurück­ge­kehrt zu sei­nem Auf­trag­ge­ber Balak, um ihm zu zei­gen, wie er ganz ein­fach und ohne Krieg zu sei­nem Ziel kom­men kann, das Volk Isra­el zu schwä­chen. Und Bile­am bleibt gleich bei Balak. Er wird bei den Midia­ni­tern sess­haft.

Der ver­meint­li­che Pro­phet Got­tes wird schluss­end­lich ganz zu einem Werk­zeug des Fein­des von Isra­el. Und als sol­ches Werk­zeug geht er auch zugrun­de. Es wird hier klar, wes­halb Gott an erster Stel­le nicht woll­te, dass sich Bile­am auf den Weg zu Balak macht. Es war nicht, weil Bile­am mit sei­nen Flü­chen gegen Gott irgend­et­was hät­te aus­rich­ten kön­nen, son­dern Gott wuss­te, dass Bile­am letzt­lich ganz der inne­ren Ver­su­chung nach Aner­ken­nung und Ein­fluss nach­ge­ben wür­de.

Gott respek­tiert den Wil­len des Men­schen und lässt ihn dahin zie­hen, wo er will. Aber er lässt ihn nicht unge­warnt ins Ver­der­ben gehen. Er stellt sich ihm in den Weg. Ja, er schliesst sogar einem Esel den Mund auf, um Bile­am zu war­nen.

Wir sind als Men­schen viel anfäl­li­ger, als wir den­ken. Dies ist die per­sön­li­che Selbst­er­kennt­nis, die wir nach dem Stu­di­um der Bio­gra­fie Bile­ams haben soll­ten. Auf wel­chem Weg bist du? Bist du auf dem Weg Bile­ams? An dem Punkt, wo du die erste kla­re Anwei­sung Got­tes aus dei­nem Her­zen ver­drängst und meinst, du könn­test auf zwei Hoch­zei­ten tan­zen? Wie Bile­am, der mein­te, er kön­ne gleich­zei­tig Got­tes Wor­te reden und sei­nem per­sön­li­chen Drang nach Reich­tum und Aner­ken­nung nach­ren­nen … Bile­am, der Mann, der Got­tes Stim­me hören konn­te, hat sich ganz der Sache der Fein­de Got­tes ver­schrie­ben und ist in Midi­an als Feind des Vol­kes Got­tes gestor­ben.

Ich hof­fe und bete, dass wir uns nicht auf die­sen Weg Bile­ams bege­ben. Oder dass wir auf die­sem Weg umkeh­ren und die Zei­chen und Rufe Got­tes hören.

Mit wel­chen Zei­chen ver­sucht Gott dich wach­zu­rüt­teln? Was sind bei dir die Signa­le, wel­che zei­gen, dass du dich auf dem fal­schen Wege befin­dest? Bile­am wird bei sei­ner Abkehr vom Wil­len Got­tes zum Schlä­ger eines unschul­di­gen Tiers (Num 22:23 – 27). Das Ver­drän­gen des­sen, wovon wir ein­gent­lich wis­sen, dass es rich­tig wäre, zeigt sich immer auch in unse­rem Gemüt und unse­rem Ver­hal­ten.

Bei mir per­sön­lich zeigt es sich in Schlaf­lo­sig­keit und Aggres­si­vi­tät gegen mich sel­ber oder ande­re. Ja, das Lesen der Geschich­te von Bile­am hat mir ganz per­sön­lich klar­ge­macht, dass ich etwas in mei­nem Leben zu berei­ni­gen habe: Eine finan­zi­el­le Ange­le­gen­heit, bei der ich mich ‹ins Recht rede­te› — aber ins­ge­heim wuss­te, was ich zu tun hät­te. So hat die Bile­am­ge­schich­te glas­klar in die­se gan­ze kon­kre­te per­sön­li­che Situa­ti­on hin­ein­ge­spro­chen. Das Berei­ni­gen der Situa­ti­on hat eini­ges an Geld geko­stet, aber mir Frie­den und Schlaf zurück­ge­bracht.

Was hast du zu Berei­ni­gen? Wo tanzt du mit dei­nem Leben auf zwei Hoch­zei­ten? Du musst wis­sen, dass du viel anfäl­li­ger bist, als du denkst. Berei­ni­ge, was du zu berei­ni­gen hast — und fol­ge Gott neu mit unge­teil­tem Her­zen nach. Dann wird dein Herz leicht!


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2. Gottes Wille, mein Wille: Wie geht das zusammen?

Die Geschich­te von Bile­am illu­striert sehr schön, wie gött­li­cher Wil­le und mensch­li­che Frei­heit zusam­men­spie­len.

Ändert Gott in der Geschich­te sei­ne Mei­nung, wenn er Bile­am zuerst das Los­zie­hen mit den Boten Balaks ver­bie­tet, dann aber doch erlaubt?

Die Idee, dass Gott mit den Men­schen eine ‹Geschich­te mit offe­nem Aus­gang’ schreibt, hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren neue Ver­fech­ter gefun­den. Die­se dazu­ge­hö­ri­gen theo­lo­gi­schen Model­le (z.B. der Open The­ism) prä­sen­tie­ren uns einen Gott, der zwar wei­ter­hin sei­ne eige­nen lang­fri­sti­gen Plä­ne hat, wel­che aber durch die frei­en Wil­lens­ent­schei­dun­gen der Men­schen Kor­rek­tu­ren und Anpas­sun­gen erfah­ren.

Dies sind gewich­ti­ge Fra­ge­stel­lun­gen und bedür­fen eige­ner Arti­kel. Aber man­che Ver­tre­ter die­ser theo­lo­gi­schen Rich­tung ver­än­dern ihr Bild von Gott so weit, dass die­ser sei­ne grund­sätz­li­che Hal­tung bei gewis­sen The­men ände­re. Got­tes Ver­läss­lich­keit fokus­siert sich dabei auf sei­ne lie­be­vol­le Treue zum Men­schen, wäh­rend der Aus­gang der Geschich­te Got­tes mit den Men­schen ein offe­ner sei, wel­cher auch für Gott ihm unbe­kann­te Wen­dun­gen brin­ge.

Wenn sich in der Bibel Momen­te fin­den las­sen, wo Gott sei­ne Mei­nung in einer Sache zu ändern scheint, könn­te es dann sein, dass er sei­ne Hal­tung zum Bei­spiel auch in Fra­gen der Moral ändert? In Zei­ten gros­ser Umbrü­che im Bereich der Sexu­al­mo­ral ist dies natür­lich ein heis­ses und für man­che ein will­kom­me­nes The­ma! Könn­te es sein, dass Gott auch in sol­chen The­men­be­rei­chen sei­ne Ansich­ten auf ‘Antrag’ sei­ner Kin­der revi­diert?

Es lässt sich fest­stel­len, dass es bei sol­chen biblisch doku­men­tier­ten ‘Mei­nungs­än­de­run­gen’ Got­tes nir­gends dar­um geht, dass Gott sei­ne mora­li­schen und ethi­schen Mass­stä­be geän­dert hät­te. Es geht dar­um, dass er in gewis­sen Situa­tio­nen von einer Bestra­fung des Men­schen absieht respek­ti­ve sie anpasst – ein Beleg für sei­ne Lang­mut und Barm­her­zig­keit (z.B. Ex 32:7 – 14). Es geht dar­um, dass er den Men­schen unter Hin­weis auf die nega­ti­ven Kon­se­quen­zen in sei­nen eige­nen Wil­len ent­lässt – ein Beleg dafür, dass Gott nie­man­den zu sei­nem Glück zwin­gen will (z.B. 1Sam 8:4 – 9). Es geht dar­um, dass er Men­schen, die sich von ihm abwen­den, ihre anver­trau­te Beru­fung ent­zie­hen muss – ein Beleg dafür, dass Gott letzt­end­lich die Kon­trol­le über sei­ne Plä­ne aus­übt (z.B. 1Sam 15:10 – 35).

Nir­gends geht es aber dar­um, dass er sei­ne mora­li­schen und ethi­schen Mass­stä­be über den Hau­fen wer­fen wür­de, denn die­se sind an sein unver­än­der­li­ches Wesen gebun­den. Die bibli­sche Bot­schaft ist klar: Got­tes Wesen und sei­ne Lie­be zu den Men­schen zeigt sich gera­de auch in sei­nen mora­li­schen und ethi­schen Mass­stä­ben, wel­che zum Woh­le des Men­schen die­nen. Das Hal­ten der Gebo­te ist immer auch mit gött­li­cher Gna­de und Segen ver­knüpft (vgl. Ex20:6, Ex20:12). Des­halb ist die Vor­stel­lung, dass Gott sei­ne mora­li­schen oder ethi­schen Idea­le ändern könn­te – kon­se­quent zu Ende gedacht – ein zutiefst bedroh­li­ches Sze­na­rio für die Mensch­heit, denn dann sind wir der immensen Gefahr aus­ge­setzt, dass Gott Unge­rech­tig­keit dul­den oder gar gut­heis­sen könn­te.

Wenn Gott Bile­am das Los­zie­hen mit den Gesand­ten Balaks erst ver­bie­tet (Num 22:12), dann erlaubt (Num 22:20), ist dies mit­nich­ten eine Mei­nungs­än­de­rung von sei­ner Sei­te. Viel­mehr ist es genau eine Situa­ti­on, bei der Gott einen Men­schen in sei­nen eige­nen Wil­len ent­lässt, ohne dass er selbst von sei­nen eige­nen Plä­nen abrücken wür­de! Die­se Geschich­te von Bile­am zeigt eben gera­de nicht einen wan­kel­mü­ti­gen Gott, son­dern einen, der mit kla­rer Vor­aus­sicht, hart­näcki­ger Lie­be, ewi­ger Ver­läss­lich­keit und gros­ser Ent­schlos­sen­heit han­delt!

Sei­ne kla­re Vor­aus­sicht: Gott möch­te Bile­am von der Rei­se mit den Gesand­ten Balaks abhal­ten, weil er weiss, dass die­se Rei­se ihn schliess­lich ins Ver­der­ben füh­ren wird (Num 22:32). Gott sieht nicht nur ‹bis zur näch­sten Ecke›, son­dern weit über die mensch­li­chen Ent­schei­dun­gen hin­aus! Sein pro­phe­ti­scher Segen für das Volk Isra­el in Num 24:17 – 24 ist Ankün­di­gung sei­nes zukünf­ti­gen Wir­kens, sei­ne War­nun­gen an Bile­am bele­gen sei­ne Vor­aus­sicht.

Sei­ne hart­näcki­ge Lie­be: Gott ist Bile­am auch in sei­nem Unge­hor­sam ein Beglei­ter und bricht die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ihm nicht ab. Er zeigt sei­ne bestän­di­ge Lie­be, indem er ihm auch auf sei­nem fal­schen Weg in Form eines Engels begeg­net, ihn auch dann noch her­aus­for­dert und warnt. Die Lie­be Got­tes zeigt sich hier gera­de nicht in Form von Mei­nungs­än­de­rung, son­dern in Form einer hart­näcki­gen Suche des­sen, der sich auf einem Irr­weg befin­det.

Sei­ne ewi­ge Ver­läss­lich­keit: Sei­ne Bun­destreue gegen­über dem Volk Isra­el ist uner­schüt­ter­lich und lässt sich durch kei­ner­lei mensch­li­ches Wir­ken umstos­sen. Die von Men­schen gewünsch­te Ver­flu­chung endet in einer drei­ma­li­gen Bestä­ti­gung des Segens für sein Volk. Ja, man könn­te sogar von einer Akzen­tu­ie­rung des Segens spre­chen, wenn Gott sei­nen letz­ten Segen (Num 24:17 – 24) mit der pro­phe­ti­schen Ver­heis­sung auf Chri­stus und der Ankün­di­gung der Ver­nich­tung der Fein­de Isra­els kon­kre­ti­siert. Nicht nur ist Isra­el geseg­net, son­dern Gott weiss schon sehr genau, was er in der Zukunft tun will, um dem chro­ni­schen Pro­blem der Untreue sei­nes Vol­kes Herr zu wer­den. Dem ‘Erz­feind’ des Volk Got­tes wird er durch Chri­stus eine end­gül­ti­ge Nie­der­la­ge zufü­gen.

Sei­ne gros­se Ent­schlos­sen­heit: Gott zeigt sich gera­de in sei­ner Reak­ti­on auf die Ver­füh­rung des Vol­kes Isra­el in Num 25:1 – 2 als ein Gott, der mit gros­ser, ja gera­de­zu mar­tia­li­scher Ent­schlos­sen­heit um sein Volk kämpft (Num 25:3 – 15). Um der Seu­che Herr zu wer­den, wel­che im Volk Isra­el auf­grund ihrer Unzucht (ver­bun­den mit heid­ni­schem Göt­zen­dienst) aus­ge­bro­chen war (Num 25:9, Vgl. 1Kor 10:7 – 8, Num 31:16), griff er zu radi­ka­len Mass­nah­men. Sei­nem Lei­ter Mose öff­ne­te er die Augen für die Hin­ter­grün­de der Seu­che und die nöti­ge Berei­ni­gung im Volk (Num 25:4 – 5). Mit Pin­has erweck­te er auch einen Mann in der prie­ster­li­chen Linie Aarons, wel­cher für die end­gül­ti­ge Been­di­gung der Seu­che sorg­te (Num 25:7). Nicht zuletzt wird in der Pro­phe­tie auf Chri­stus hin ange­deu­tet, dass Gott auch in der Zukunft alles nöti­ge Tun wird, damit sein Volk bestand hat. Ja, im Kom­men von Chri­stus zeigt Gott sei­ne Bereit­schaft, selbst den ulti­ma­ti­ven Preis für die Frei­heit sei­nes Vol­kes zu zah­len.

Die Geschich­te von Bile­am zeigt uns über­deut­lich einen hand­lungs­fä­hi­gen Gott mit kla­ren Absich­ten, gros­ser Lie­be und allen Mit­teln, sei­nen Plä­nen zum Durch­bruch zu ver­hel­fen. Die­ser Gott lässt sich durch die frei­en Ent­schei­dun­gen eines Men­schen nicht von sei­nen Plä­nen abbrin­gen. Auch die schlech­ten Ent­schei­dun­gen eines Men­schen unter­ste­hen letzt­lich Got­tes weit­sich­ti­gen Vor­sät­zen und hin­dern Gott nicht an der Fort­schrei­bung sei­ner Geschich­te.

Hüten wir uns, Gott als ein­sei­tig vom Men­schen ‘form­ba­ren’ Gott zu prä­sen­tie­ren! Denn auf einen sol­chen Gott wäre kein Ver­lass. Die Vor­aus­sa­gen und Pro­phe­ti­en eines sol­chen Got­tes gin­gen mög­li­cher­wei­se nicht in Erfül­lung. Ein sol­cher Gott gäbe uns kei­nen Trost im Leid, weil wir nicht wüss­ten, ob da über­haupt ein über­ra­gen­der und siche­rer gött­li­cher Plan exi­stier­te. Ja, ein so dar­ge­stell­ter Gott stün­de im Kon­trast zu einer Fül­le bibli­scher Zeug­nis­se über Gott und sein unver­än­der­li­ches Wesen, sei­ne All­wis­sen­heit, Vor­aus­sicht und All­macht (Bei­spie­le: Gen 50:20, Mal 3:6, Num 23:19, 1Sam 15:29, Jes 46:8 – 11). Wir dür­fen glau­ben und ver­trau­en, dass Gott sich in sei­nem Wort ver­bind­lich fest­legt – und sei­ne Fest­le­gun­gen auch umset­zen wird.

Das zwei­te Ora­kel von Bile­am bringt es auf den Punkt:

Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Men­schen­kind, dass ihn etwas gereu­en wür­de. Was er gesagt hat, soll­te er es nicht tun? Was er gere­det hat, soll­te er es nicht aus­füh­ren? (Num 23:19).


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3. Interreligiöse Spiritualität: Der Weg zu Freiheit im Glauben?

Es ist ein grund­bi­bli­sches Anlie­gen, dass sich Chri­sten gegen­über jeder­mann um Frie­den bemü­hen sol­len (Röm 12:17 – 18). Ja, die Bibel spricht sogar davon, dass wir dem Frie­den nach­ja­gen sol­len (Ps 34:15). Frie­den för­dern ist auch eines der Kern­an­lie­gen des inter­re­li­giö­sen Dia­logs. Dem bibli­schen Men­schen­bild nach ist jede Per­son im ‘Eben­bild Got­tes’ geschaf­fen (Gen 1:27) und dar­aus folgt auch sei­ne Wür­de, sei­ne ‘Men­schen­wür­de’. Es ist des­halb auch nur rich­tig, wenn Chri­sten mit Ange­hö­ri­gen ande­rer Reli­gio­nen einen respekt­vol­len Dia­log pfle­gen.

Der christ­li­che Dia­log mit Men­schen ande­rer Reli­gio­nen kann aber weit über die­se grund­sätz­lich gebo­te­ne Men­schen- und Näch­sten­lie­be hin­aus­ge­hen. Man­che Men­schen, die sich im inter­re­li­giö­sen Dia­log enga­gie­ren, schei­nen davon aus­zu­ge­hen, dass der Glau­bens­kern der ver­schie­de­nen Reli­gio­nen der­sel­be ist. «Von ver­schie­de­nen Start­punk­ten aus erklim­men wir letzt­lich alle den glei­chen Berg der Erkennt­nis», wird uns weis­ge­macht.

Der sich ver­brei­ten­de Peren­nia­lis­mus, wel­cher von einem gemein­sa­men meta­phy­si­schen Ursprung aller Reli­gio­nen aus­geht, for­dert eine Ver­schmel­zung der Reli­gio­nen zu einer neu­en gemein­sa­men Spi­ri­tua­li­tät. Die Kon­zep­te des Peren­nia­lis­mus wur­den Mit­te des letz­ten Jahr­hun­derts durch ein Buch von Aldous Hux­ley salon­fä­hig gemacht und in unse­ren Tagen durch Per­sön­lich­kei­ten wie Ken Wil­ber ver­fei­nert. Ein Aus­hän­ge­schild die­ser Bewe­gung ist der auch unter Evan­ge­li­ka­len sehr belieb­te Fran­zis­ka­ner Richard Rohr, wel­cher immer wie­der dar­über schreibt.

Wer glaubt, dass die ver­schie­de­nen Reli­gio­nen ans glei­che Ziel füh­ren, oder in die­sen nur nach der ihnen zugrun­de­lie­gen­den gemein­sa­men Basis gesucht wer­den muss, ist selbst­ver­ständ­lich auch offen für gemein­sa­me Kul­te.

Hier­zu ein Bei­spiel, um zu ver­ste­hen, wie sich das kon­kret aus­ge­stal­tet. Im Herbst 2018 kamen Frau­en aus dem Umfeld der Platt­form für den inter­re­li­giö­sen Dia­log «zVi­si­te» zu gemein­sa­men Got­tes­dien­sten zusam­men. Die Platt­form der Katho­li­schen Kir­che Bern berich­te­te unter dem Titel ‘Beten und Frie­den kehrt ein’ dar­über. Die Fei­ern zeig­ten Men­schen aus dem Hin­du­is­mus, dem Islam, dem Juden­tum, dem Bahai­tum und dem Chri­sten­tum in gemein­sa­mer Anbe­tung in einer Kir­che.

Die Zeit­schrift ‹refor­miert.›, wel­che zur Trä­ger­schaft der Platt­form ‹zVi­si­te› gehört, publi­zier­te eine ent­spre­chen­de Video-Repor­ta­ge dar­über. Dar­in meint Jas­mi­na El Son­ba­ti, wel­che den Ver­ein ‹Offe­ne Moschee Schweiz› initi­iert und ihren Gebets­tep­pich im Rah­men der Fei­er in der Kir­che aus­ge­rollt hat:

«Es ist ein Schritt weg von einer Regel­haf­tig­keit und ein Schritt hin zu einer Frei­heit» Jas­mi­na El Son­ba­ti, Ver­ein Offe­ne Moschee Schweiz

Gleich wie Bile­am Sei­te an Sei­te mit dem heid­ni­schen König Balak auf dem Baals-Hügel geop­fert hat, wird heu­te zwi­schen den Reli­gio­nen der gemein­sa­me Schul­ter­schluss geübt.

Gleich wie das Volk Isra­el sich auf die span­nen­de Spi­ri­tua­li­tät der umge­ben­den Völ­ker mit ihren Festen und Riten ein­ge­las­sen hat, bemü­hen sich heu­te Chri­sten um die Ein­be­zie­hung ande­rer Glau­bens­sät­ze in die christ­li­che Spi­ri­tua­li­tät und Theo­lo­gie.

Doch führt der Weg der inter­re­li­giö­sen Spi­ri­tua­li­tät tat­säch­lich in die Frei­heit? Der Blick auf unse­re Geschich­te stellt eine sol­che Pra­xis und ihre zugrun­de­lie­gen­den Kon­zep­te mehr als in Fra­ge.

Die Geschich­te von Bile­am zeigt uns eine ande­re Rea­li­tät:

  • Die Haupt­fi­gur der Geschich­te — Bile­am — wur­de letzt­lich ganz von der midia­ni­ti­schen Kul­tur ver­ein­nahmt, liess sich unter den Midia­ni­tern häus­lich nie­der und starb als einer der ihren durch die Hand des Vol­kes Got­tes.
  • Das Volk Isra­el tat mit ihrem Flirt mit der moa­bi­ti­schen Spi­ri­tua­li­tät mit­nich­ten einen Schritt hin zu einer Frei­heit. Im Gegen­teil! Man hat sich nur einem neu­en, knech­ten­den Mei­ster hin­ge­ge­ben.

Der Schritt weg von einer Regel­haf­tig­keit und hin zur Frei­heit buch­sta­bier­te sich für das Volk Isra­el fol­gen­der­mas­sen:

Und Isra­el begab sich unter das Joch des Baal-Peor (Num 25:3)

«Du sollst kei­ne ande­ren Göt­ter haben neben mir» (Ex 20:3), lau­tet das erste der zehn Gebo­te.

Got­tes Weg mit dem Volk Isra­el ist nie einer der Reli­gi­ons­ver­mi­schung. Viel­mehr schafft er sich aus den heid­ni­schen Kul­tu­ren der dama­li­gen Zeit her­aus ein Volk, wel­ches ihm eigen ist, sich durch sei­ne Ethik von den umlie­gen­den Kul­tu­ren unter­schei­det und ein Zeug­nis unter den Völ­kern sein soll.

Der Ver­lust die­ser kla­ren Iden­ti­tät durch reli­giö­se Assi­mi­la­ti­on führt in der vor­lie­gen­den Geschich­te zu einer tra­gi­schen Dezi­mie­rung des Vol­kes. Wir soll­ten uns nichts vor­ma­chen: Eine Kir­che, wel­che in unse­rer Zeit den Weg des Syn­kre­tis­mus geht, wird eben­so schrump­fen.


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4. ‹Ehe für alle›: Segnen, was Gott nicht segnet?

Die Geschich­te rund um Bile­am lie­fert uns auch inter­es­san­te Ein­sich­ten rund um die aktu­el­le Dis­kus­si­on zur Ehe für alle.

Sexualität als Bekenntnis

In einem aus­führ­li­chen Arti­kel haben wir uns zum Bekennt­nis­as­pekt der ‹Ehe für alle› geäus­sert. Die Äus­se­run­gen des Rates des SEK, dass die Fra­ge des Ehe­ver­ständ­nis­ses kei­nen Bekennt­nis­cha­rak­ter habe, wer­den durch die vor­lie­gen­de Geschich­te deut­lich in Fra­ge gestellt.

Das Ende der Rei­se in die sexu­el­le Befrei­ung ist für das Volk Isra­el eben genau ein neu­es Glau­bens­be­kennt­nis. Das sexu­ell befrei­te Volk begibt sich unter das Joch des Baal-Peor (Num 25:3). Die Lite­ra­tur macht klar, wie ent­schei­dend beim Kult des Baal-Peor die sexu­el­le Kom­po­nen­te war:

Die Anbe­tung die­ses Göt­zen bestand dar­aus, jenen Teil des Kör­pers zu expo­nie­ren, wel­cher alle Men­schen nor­ma­ler­wei­se mit gröss­ter Sorg­falt zu ver­ber­gen suchen. Jewish Ency­clo­pe­dia, eige­ne Über­set­zung

Es ist eine Illu­si­on zu den­ken, das Sexua­li­tät und Anbe­tung nichts mitei­an­der zu tun hät­ten. Im Gegen­teil: Sexu­el­le Prak­ti­ken und die Anbe­tung einer Gott­heit waren nicht nur in die­ser Geschich­te und den Kul­tu­ren zu Zei­ten des Alten Testa­ments eine natür­li­che Ein­heit. Durch die ent­spre­chen­den Sexu­al­prak­ti­ken öff­ne­te man sich für den jewei­li­gen reli­giö­sen Kult. Und umge­kehrt öff­ne­te man sich durch die Zuwen­dung zu einem Kult auch gegen­über den mit ihr ver­bun­de­nen Sexu­al­prak­ti­ken.

Dass auch heu­te noch die glei­chen Mecha­nis­men wir­ken, macht unser Arti­kel über ‹Ehe für alle› und ande­re Reli­gio­nen deut­lich. Ent­spre­chend geht die wach­sen­de gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ein­her­ mit einer Zunah­me des Ein­flus­ses der ent­spre­chen­den non-dua­len Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen (vor allem öst­lich-moni­sti­sche Reli­gio­nen und Spi­ri­tua­li­tät).

Sexua­li­tät und reli­giö­ses Bekennt­nis sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Dies wird durch die Bile­am­ge­schich­te sehr deut­lich.

Segnen, was Gott nicht segnet

Ein wei­te­rer Berüh­rungs­punkt im Bezug auf die ‹Ehe für alle› ist der Aspekt des gött­li­chen Segens.

Der Wunsch von Balak an Bile­am ist klar:

So komm nun und ver­flu­che mir die­ses Volk, denn es ist mir zu mäch­tig; viel­leicht kann ich es dann schla­gen und aus dem Land trei­ben; denn ich weiß: Wen du seg­nest, der ist geseg­net, und wen du ver­fluchst, der ist ver­flucht! (Num 22:6)

Gleich wie Balak den Seher Bile­am zu einer bestimm­ten Hand­lung bewe­gen woll­te, will unse­re säku­la­re Gesell­schaft heu­te unse­re Kir­chen zum Segen für die ‹Ehe für alle› bewe­gen. Doch die Geschich­te von Bile­am macht deut­lich, dass das Zuspre­chen von Segen nicht in der Ver­fü­gung von Men­schen steht. Was Gott nicht ver­flucht, kann der Mensch nicht ver­flu­chen, und was Gott nicht seg­net, kann der Mensch nicht seg­nen.

Genau dies betont eine Grup­pe von über 200 Pfar­rern und Theo­lo­gen aus der Schweiz in ihrer aktu­el­len Erklä­rung zur ‹Ehe für alle›:

Die Kir­che kann daher nicht nach eige­nem Gut­dün­ken über den Segen Got­tes ver­fü­gen. Ein Segen ohne Segens­zu­sa­ge Got­tes ist nicht nur kein Segen, son­dern ein Miss­brauch des Namens Got­tes, wovor uns die Schrift warnt. «Du sollst den Namen des HERRN, dei­nes Got­tes, nicht miss­brau­chen, denn der HERR wird den nicht unge­straft las­sen, der sei­nen Namen miss­braucht» (Ex 20:7) «Habt ihr nicht gele­sen…?» Erklä­rung zur «Ehe für alle» in der Kir­che

In einem Kom­men­tar zu Aus­sa­gen Gott­fried Lochers zur ‹Ehe für alle› stellt Dr. Ben­ja­min Kil­chör, Fach­be­reichs­lei­ter Altes Testa­ment an der STH Basel im Zusam­men­hang mit der Bile­ams­ge­schich­te fest:

Ein kirch­li­cher Segen hat sei­ne Kraft ein­zig und allein aus dem Wort Got­tes. Weder die Kir­che noch ein ein­zel­ner Pfar­rer noch ein ‹ober­ster Pro­te­stant› kann über die­sen Segen ver­fü­gen … Die Kir­che wird nie etwas seg­nen kön­nen, was nicht unter Got­tes Segen steht, weil sie Gott nicht im Griff hat und nicht über ihn ver­fü­gen kann. Ein eigen­mäch­ti­ger Segen ist bedeu­tungs­los. Dr. Ben­ja­min Kil­chör

Der Schöp­fungs­se­gen (Gen 1:28), in dem der Ehe­se­gen grün­det, beinhal­tet den Aspekt der Lebens­wei­ter­ga­be als Got­tes Gabe. Die Hei­lig­keit mensch­li­chen Lebens ist damit ein wesent­li­cher Grund für den beson­de­ren Schutz und Segen der Ehe zwi­schen Mann und Frau — eine Grund­la­ge, wel­che bei der Ehe für alle nicht gege­ben ist.


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5. Sexuelle Befreiung: Wann geht es schief?

Im Bereich der Sexu­al­ethik meh­ren sich auch inner­halb der west­li­chen Kir­chen die Stim­men, wel­che mit Blick auf die neu­en gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten in unse­rer Kul­tur nach einer zeit­ge­mäs­sen Hal­tung der Kir­chen rufen.

Die­se Stim­men neh­men ver­schie­de­ne For­men an und gehen bis hin zu den State­ments von Nadia Bolz-Weber. Die­se — auch bei ‘pro­gres­si­ven’ Theo­lo­gen im frei­kirch­li­chen Umfeld belieb­te luthe­ri­sche Pasto­rin – hat sich zuneh­mend als Vor­kämp­fe­rin für eine sexu­el­le Befrei­ung inner­halb der Kir­che posi­tio­niert. Pro­mi­nen­te Auf­trit­te an Ver­an­stal­tun­gen wie dem Deut­schen evan­ge­li­schen Kir­chen­tag 2017 in Ber­lin oder dem Emer­gent Forum 2016 in Frank­furt haben ihr auch im deutsch­spra­chi­gen Raum zu einer Stim­me ver­hol­fen.

Ihr neu­es Buch ‘Shameless – a sexu­al Refor­ma­ti­on’ ist kürz­lich eben­falls auf Deutsch erschie­nen. Die Stoss­rich­tung ist klar: Chri­sten sol­len ihre ‘anti­quier­ten und schäd­li­chen’ Ide­en über Sex able­gen, wel­che ihnen von den Kir­chen ein­ge­trich­tert wor­den sind. Die sexu­el­le ‘Befrei­ung’, wel­che unse­re säku­la­re Gesell­schaft über die ver­gan­ge­nen 50 Jah­re voll­zo­gen hat, ist nun auch in der christ­li­chen Gemein­de über­fäl­lig.

Eini­ge Ele­men­te der von Bolz-Weber pro­pa­gier­ten sexu­el­len Refor­ma­ti­on:

Ein Recht auf ‘ethisch sau­be­re’ Por­no­gra­fie:

Jetzt, es gibt Aspek­te von Gerech­tig­keit und Aus­beu­tung inner­halb der Por­no­in­du­strie, kei­ne Fra­ge. Aber das bedeu­tet nicht, dass Por­no­gra­fie­kon­sum an den Pran­ger gestellt wer­den müss­te. Es gibt ethisch her­ge­stell­te Por­no­gra­fie. Nadia Bolz-Weber, eige­ne Über­set­zung

Die bibli­sche Ver­tret­bar­keit von Schwan­ger­schafts­ab­brü­chen ‘bis zum ersten Atem­zug’:

Fakt ist, vie­le von uns haben eine Sicht, die Chri­sten und Juden für eine sehr sehr lan­ge Zeit inne­hat­ten – dass, basie­rend auf der Schöp­fungs­ge­schich­te in Gene­sis, das Leben mit dem Atem beginnt. Nadia Bolz-Weber

In ihrer PR-Kam­pa­gne zum Buch wen­det sich Bolz-Weber aus­drück­lich gegen eine Kul­tur der Ent­halt­sam­keit und ruft ihre Leser auf, ‘Puri­ty rings’ ein­zu­schicken. Die­se Rin­ge, wel­che den Ent­schluss einer Per­son bekun­den soll­ten, bis zur Ehe Ent­halt­sam­keit zu leben, sol­len dann ein­ge­schmol­zen und zur Skulp­tur einer Vagi­na gegos­sen wer­den:

Ihr seid ein­ge­la­den, eure Rein­heits-Rin­ge ein­zu­schicken, damit sie ein­ge­schmol­zen und zu einer Vagi­na gegos­sen wer­den kön­nen … Als Dan­ke­schön wirst du ein von mir unter­schrie­be­nes ‹Zer­ti­fi­kat der Unrein­heit› bekom­men wie auch einen Ring der Schamlosigkeit/Unreinheit. Nadia Bolz-Weber, eige­ne Über­set­zung

Die Idee, dass es so etwas wie ‘ethisch sau­be­re Por­no­gra­fie’ gibt, dürf­te jeder Per­son, die sei­ne per­sön­li­chen Erfah­run­gen mit der The­ma­tik hat, als Wider­spruch in sich vor­kom­men. Por­no­gra­fie ist immer mit sexu­el­ler Objek­ti­fi­zie­rung ver­bun­den. Und die PR-Akti­on mit den ein­ge­schmol­ze­nen Rin­gen erin­nert lei­der nur zu gut an bekann­te Ereig­nis­se im Alten Testa­ment (vgl. Ex 32:1 – 6).

Für mich per­sön­lich ist es erstaun­lich zu sehen, wie viel Wohl­wol­len und Zustim­mung Bolz-Weber auch nach sol­chen Aus­sa­gen von Chri­sten bekommt. Die deut­sche Über­set­zung von ‹Shameless› ist im bekann­ten christ­li­chen Ver­lag Bren­dow erschie­nen. Es fin­den sich christ­li­che Mei­nungs­ma­cher, Theo­lo­gen und Dozen­ten von frei­kirch­li­chen Bibel­schu­len unter der Schar, wel­che Bolz-Weber offen auf Face­book applau­die­ren. Ein Bei­spiel dafür ist die in vie­len Frei­kir­chen bekann­te Sexu­al­the­ra­peu­tin und Autorin Vero­ni­ka Schmidt. Sie kom­men­tiert wohl­wol­lend die Anlie­gen von Bolz-Weber.

Und ich? Ich ver­ste­he die Welt nicht mehr. Wie kann man sich nur der­art unkri­tisch zum Sprach­rohr einer Per­son machen, wel­che grund­le­gend­ste christ­li­che Über­zeu­gun­gen der­mas­sen mit den Füs­sen tritt? Schein­bar liegt das heu­te alles im Tole­ranz­be­reich einer Chri­sten­heit, wel­che nicht mehr weiss, ‹was oben und was unten› ist.

Zwei­fel­los grei­fen Per­so­nen wie Bolz-Weber oder Vero­ni­ka Schmidt auch The­men auf, wel­che tat­säch­lich von der christ­li­chen Gemein­schaft dis­ku­tiert wer­den soll­ten. Und es ist wich­tig, dass wir als Chri­sten auch in Fra­gen der Sexua­li­tät sprach­fä­hig wer­den. Wer dem Men­schen aber eine Frei­heit und Offen­heit in der Sexua­li­tät schmack­haft machen will, soll­te dies INNERHALB der lebens­för­dern­den bibli­schen Leit­plan­ken tun und nicht aus­ser­halb. Der Grund dafür ist ein­fach: Erst wenn wir unse­re Sexua­li­tät in Ein­klang brin­gen mit der Idee unse­res Schöp­fers, wer­den wir als Men­schen hei­len und auf­blü­hen.

Der Schaden für Leben und Glauben ist gross

Eine aus­ser­halb der bibli­schen Grund­sät­ze geleb­te Sexua­li­tät ist letzt­lich dem Leben nicht för­der­lich. Die Fol­gen von Sei­ten­sprün­gen für Fami­li­en und Ehe­paa­re sind dra­ma­tisch. Die Aus­wir­kun­gen von Por­no­gra­fie­kon­sum für die Bezie­hungs­fä­hig­keit eines Men­schen eben­falls. Die Seel­sor­ge­zim­mer der Kir­chen und die Sofas der Psych­ia­ter sind gefüllt mit Men­schen, wel­che Grenz­über­schrei­tun­gen und Zer­bruch im Bereich der Sexua­li­tät ver­ar­bei­ten müs­sen. Die ein­zi­gen Gewin­ner sind die Psych­ia­ter, die ihren Lebens­un­ter­halt damit ver­die­nen.

Eine aus­ser­halb der bibli­schen Leit­plan­ken geleb­te Sexua­li­tät gefähr­det auch den Glau­ben. Bereits in unse­rem Arti­kel über Glau­bens­fra­gen und ‑zwei­fel haben wir dar­auf hin­ge­wie­sen, dass für man­che Per­so­nen das Beschrei­ten eines per­sön­li­chen Lebens­we­ges jen­seits der bis­her geglaub­ten christ­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen mit Glau­bens­zwei­feln ein­her­geht.

Gera­de die­ser Tage erreicht uns die Nach­richt von John Crist, einem bekann­ten christ­li­chen US-Komi­ker, der jah­re­lang sei­ne Beliebt­heit genutzt hat, um kör­per­li­chen Kon­takt mit Frau­en zu bekom­men. Ins Auge sticht im auf­decken­den Arti­kel fol­gen­de Aus­sa­ge:

Crist benutz­te sei­nen guten christ­li­chen Ruf, um das Ver­trau­en von Frau­en zu gewin­nen. In min­de­stens zwei Fäl­len trug dies dazu bei, dass sie — Nora und Lind­sey — den Glau­ben ver­lo­ren. Kei­ne der bei­den bezeich­net sich heu­te noch als Christ. Cha­ris­ma Maga­zi­ne, eige­ne Über­set­zung

Die gute Gabe der Sexua­li­tät hat, wenn wir sie nicht im Sinn ihres Schöp­fers und Urhe­bers aus­le­ben, gros­ses Zer­stö­rungs­po­ten­ti­al. Sie kann unser Innen­le­ben beein­träch­ti­gen, unse­re Bezie­hun­gen zer­stö­ren und nicht zuletzt unse­ren Glau­ben.

Ist die Lösung tat­säch­lich auch für uns Chri­sten, eine nahe­zu schran­ken­lo­se Frei­heit im Bereich der Sexua­li­tät aus­zu­ru­fen? Ich per­sön­lich glau­be nicht. Die Bibel warnt uns aus­drück­lich vor einer belie­bi­gen Sexua­li­tät der per­sön­li­chen Lust­erfül­lung (Bsp: 1Kor 6:12 – 20, 1Thes 4:3 – 5).

Die Schwächsten bezahlen den Preis

Nicht zuletzt ist bezeich­nend, wie die sexu­el­le Revo­lu­ti­on der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te Hand in Hand mit der Lega­li­sie­rung von Abtrei­bun­gen ein­her­ge­gan­gen ist. Dies ist auch bei Nad­ja Bolz-Weber nicht anders. Die sexu­el­le ‹Refor­ma­ti­on›, wel­che sie uns Chri­sten schmack­haft machen will, hat einen äus­serst bit­te­ren Bei­geschmack: Die offe­ne Befür­wor­tung der Tötung unge­bo­re­nen Lebens. Kin­der als ‹lästi­ges› Neben­pro­dukt der mensch­li­chen Frei­heit.

Die Opfer auf dem Altar der sexu­el­len Frei­heit sind unter ande­rem Kin­der. Das war zu Zei­ten Bile­ams nicht anders. Auch die Göt­zen­kul­te der dama­li­gen Zeit waren nicht nur mit dem Aus­le­ben sexu­el­ler Frei­zü­gig­keit ver­bun­den, son­dern auch mit Tötungs­ri­tua­len von Kin­dern (vgl. z.B. 2 Kö 3:27, Deut 12:31, Deut 18:9 – 10). Wenn in unse­rer Zeit sexu­el­le Frei­heit Hand in Hand mit dem Tod der Schwäch­sten der Gesell­schaft ein­her­geht, so ist dies lei­der nur eine Wie­der­ho­lung der Geschich­te. Dann ist die­se Kul­tur der ‹Lie­be› nicht der ver­spro­che­ne Fort­schritt, son­dern ledig­lich der Rück­griff auf alte Zei­ten des Paga­nis­mus.


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6. Kirchen: Warum schrumpfen sie?

Die Art und Wei­se, wie die Geschich­te von Bile­am den Leser der hei­li­gen Schrift bis in die Send­schrei­ben der Offen­ba­rung hin­ein beglei­tet, macht deut­lich, dass es bei die­ser Geschich­te um mehr geht, als um eine ein­ma­li­ge Lek­ti­on. Es geht bei die­ser Geschich­te um eine Lek­ti­on für das Volk Got­tes zu allen Zei­ten.

Die Achil­les­fer­se des Vol­kes Isra­el ist eben­so die­je­ni­ge der Gemein­de Jesu. Und auf die­se Achil­les­fer­se muss die Gemein­de immer wie­der hin­ge­wie­sen wer­den. Der ‘Rat des Bile­am’ ist die bewuss­te und teuf­li­sche Stra­te­gie, wie die Gemein­de von Jesus zu tren­nen ist: Das Volk, wel­ches ande­re Göt­ter neben ihren Gott setzt, wird den einen wah­ren Gott letzt­lich ganz ver­las­sen (Ex 20:3). Das Volk, wel­ches sich mit sei­ner Ethik an ande­ren Göt­tern aus­rich­tet, wird die­sen letz­lich ganz anhan­gen.

Wie der Seher Bile­am viel anfäl­li­ger war, als es ober­fläch­lich den Anschein mach­te, so war das Volk Isra­el wesent­lich gefähr­de­ter, als es sich des­sen bewusst war.

Genau­so gefähr­det ist auch heu­te die christ­li­che Gemein­de. Nur zu schnell erlie­gen wir der teuf­li­schen Ein­flü­ste­rung, dass wir es uns doch gemüt­lich machen kön­nen in der uns umge­ben­den nicht­christ­li­chen Kul­tur — dass die Göt­zen unse­rer Zeit doch unse­rem Glau­ben nichts anha­ben wer­den.

Das ist die teuf­li­sche Ein­flü­ste­rung, die auch ans Volk Isra­el ergan­gen ist: Dass wir ruhig unse­ren Trie­ben nach­ge­hen kön­nen, dass unse­re mora­li­schen und ethi­schen Ent­schei­dun­gen doch sicher nicht unse­re Bezie­hung zu Gott beein­träch­ti­gen kön­nen. Sol­che Ein­flü­ste­run­gen sind Lügen. Und sie füh­ren auch heu­te noch die Gemein­de Jesu ins Ver­der­ben, wie sie zu Zei­ten Bile­ams das Volk Isra­el ins Ver­der­ben geführt haben.

Die Geschich­te von Bile­am und die damit im Zusam­men­hang ste­hen­den neu­te­sta­ment­li­chen Stel­len war­nen uns ein­dring­lich vor einer belie­bi­gen Über­nah­me einer uns umge­ben­den Kul­tur. Heu­te stellt sich die Fra­ge, ob sich die Kir­che in einer post-christ­li­chen Kul­tur nicht viel­mehr durch erhöh­te Wach­sam­keit und theo­lo­gi­sche Sta­bi­li­tät aus­zeich­nen soll­te. Dies auch gera­de in Anbe­tracht ihrer eige­nen Anfäl­lig­keit, wel­che in der Bibel so klar doku­men­tiert ist. Einen sol­chen Schluss legt uns jeden­falls die Geschich­te von Bile­am und Isra­el nahe. Nur eine Kir­che, wel­che die Schrift als mass­ge­ben­de und zurecht­brin­gen­de Kraft behält, erhält sich auch ihre kul­tur­kri­ti­sche Funk­ti­on und ihre Wir­kung als ‘Salz und Licht’ der Welt (vgl. Mt 5:13 – 15).

Eine Dezi­mie­rung war die natür­li­che Fol­ge für ein Volk, wel­ches sich auf sol­che Ein­flü­ste­run­gen und Lügen ein­ge­las­sen hat­te (Num 25:9). Genau­so tut die Gemein­de auch heu­te gut dar­an, ihr Herz nur an den einen Gott zu hän­gen und kei­ne fal­schen Kom­pro­mis­se ein­zu­ge­hen. Die Ver­wü­stun­gen in Kir­chen und Deno­mi­na­tio­nen, wel­che sich auf den Weg Bile­ams bege­ben, sind auch heu­te nicht von der Hand zu wei­sen. Als Bei­spiel kön­nen mora­li­sche Fehl­trit­te von Lei­tungs­per­so­nen oder deren theo­lo­gi­sche Legi­ti­mie­rung auf­ge­führt wer­den. Das Resul­tat ist immer der Ver­lust an Kraft, Leben und gött­li­cher Dyna­mik in der Gemein­de. Sol­che Situa­tio­nen rufen nach Men­schen, die auf­ste­hen und die Gemein­de zurück­ru­fen in Nach­fol­ge und Treue zu Gott allein (vgl. Num 25:11).

Die Geschich­te von Bile­am macht aber auch das ande­re klar: Die­ses ‹Volk Got­tes› ist unglaub­lich geliebt und hat in Gott einen Hir­ten, des­sen Treue uner­schüt­ter­lich ist. Nichts kann Gott davon abhal­ten, sei­nen Teil des Bun­des ein­zu­hal­ten, wel­chen er mit sei­nem Volk ein­ge­gan­gen ist. Die Geschich­te von Bile­am deu­tet ja auch auf das Kom­men von Jesus hin, dem guten Hir­ten, der sein Leben für sei­ne Scha­fe gibt (Num 24:17, vgl. Joh 10:11).

Lass uns nicht dem Rat Bile­ams fol­gen, son­dern dem Rat des Herrn, der uns durch sein Wort den Weg wei­sen will.


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7. Falsche Propheten: Gibt es noch ‹Bileams›?

Der Ein­blick in die Geschich­te Bile­ams kann uns hel­fen, auch in unse­rer Zeit mit einem dif­fe­ren­zier­ten Blick Men­schen ein­zu­schät­zen.

Bile­am hat auf sei­nem Weg ins Ver­der­ben tat­säch­lich wie­der­holt Got­tes Wahr­heit betref­fend dem Volk Got­tes aus­ge­spro­chen. Es ist kei­nes­falls so, dass bei Bile­am nichts Gutes gewe­sen wäre. Man kann eigent­lich nur Stau­nen, wie er drei­mal dem Wunsch des moa­bi­ti­schen Königs wider­stan­den hat, das Volk Got­tes zu ver­flu­chen. Das macht auch die Ein­schät­zung sei­ner Per­son nicht so ein­fach. Erst nach und nach zeigt sich ein Gesamt­bild, und in den Fein­hei­ten des Ver­hal­tens wer­den die Moti­va­tio­nen und Zie­le erkenn­bar.

Wir ler­nen Bile­am vor­der­grün­dig als Ver­kün­der der Wor­te Got­tes ken­nen, als Pro­phet, der sogar das Kom­men des Mes­si­as ankün­digt. Und gleich­zei­tig müs­sen wir beim nähe­ren Hin­schau­en ent­decken, dass er der Urhe­ber einer der gröss­ten Ver­füh­run­gen des Vol­kes Isra­el war. Er war der Ein­flü­ste­rer des moa­bi­ti­schen Königs, der Ver­ant­wort­li­che für den Abfall des Vol­kes Isra­el in Göt­zen­dienst und sexu­el­le Unzucht. Bile­am ist ein ‹Pro­to­typ› des fal­schen Pro­phe­ten. Das machen die neu­te­sta­ment­li­chen Tex­te ganz deut­lich.

Wo es um Ver­feh­lun­gen ein­zel­ner Men­schen geht, ist die Bibel sehr klar: Für den Sün­der hat Gott jeder­zeit Ver­ge­bung und Gna­de bereit. Genau­so sol­len auch wir mit der nöti­gen Demut und im Wis­sen um unse­re eige­ne Bedürf­tig­keit ande­ren Men­schen begeg­nen (vgl Röm 3:23 – 24, Röm 7:19, Mt 7:3, 2Kor 10:17).

Eine völ­lig ande­re Sache ist es aber, wenn der Sün­de eine theo­lo­gi­sche, lehr­mäs­si­ge Legi­ti­mie­rung erteilt wird. Hier for­dern uns die bibli­schen Tex­te dazu auf, fal­schen Leh­ren und ihren Ver­tre­tern ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Liste der Bibel­stel­len, wo mit fal­schen Leh­rern hart ins Gericht gegan­gen wird, ist lang. Wie­der­holt wird in der Bibel vor sol­chen Men­schen gewarnt (vgl z.B: Jes 5:20; Mt 15:14; Röm 16:17 – 19, Gal 1:8).

Unter Punkt 5 in die­sem Arti­kel sind wir auf die popu­lä­re Theo­lo­gin Nadia Bolz-Weber ein­ge­gan­gen. Auch in ihren State­ments fin­den wir sehr wohl ‹Wah­res› und ‹Gutes›. Dies soll­te aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass ihre Stand­punk­te gröss­te Wider­sprü­che zu den Idea­len der Bibel erge­ben. Könn­te es sein, dass Nad­ja Bolz-Weber Irr­leh­re ver­brei­tet, wie Bile­am es tat? Bewirkt die­se Irr­leh­re, da wo sie geglaubt wird, dass die Gemein­de sich von Jesus trennt? Bolz-Weber muss sich die­se Fra­ge auf jeden Fall gefal­len las­sen.

Es scheint so, als ob Bolz-Weber mit ihren Posi­tio­nen den Weg in die Gegen­warts­kul­tur kon­se­quen­ter beschrei­tet als ande­re. Dies soll­te uns aber auch hell­hö­rig machen bezüg­lich der Theo­lo­gen und Fach­per­so­nen, wel­che Bolz-Weber applau­die­ren. Nadia Bolz-Weber denkt schluss­end­lich ja nur kon­se­quen­ter zu Ende, was bei ande­ren im Ansatz die glei­che Stoss­rich­tung hat. Die ‘Früch­te’, wel­che wir bei ihr schon in aus­ge­reif­ter Form vor­fin­den, sind mit der nöti­gen Auf­merk­sam­keit in weni­ger aus­ge­reif­ter Form auch bei ande­ren Per­so­nen zu ent­decken.

Es geht nun kei­nes­wegs dar­um, dass wir ‹Jagd› auf fal­sche Pro­phe­ten machen sol­len. Aber wir müs­sen uns als Chri­sten bewusst sein, dass wir uns in einer geist­li­chen Kampf­zo­ne befin­den. Mit bild­haf­ter Spra­che ver­gleicht die Bibel an diver­sen Stel­len das Volk Got­tes mit einer Schaf­her­de, wel­che durch schlech­te Hir­ten aus­ge­beu­tet und fehl­ge­lei­tet wird (Hes 34:1 – 11) oder wel­che zer­streut und verän­stigt ist (Mt 9:36).

Der Bedarf an Ori­en­tie­rung ist gera­de im Zeit­al­ter gross, wo jeg­li­ches Gedan­ken­gut durch die neue Medi­en­welt jedem ver­füg­bar ist. Die Geschich­te von Bile­am errin­nert uns dar­an: Nicht das offen­sicht­lich Unwah­re ist zu fürch­ten, son­dern das schein­bar Wah­re. 


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8. Das Schwert Gottes: Wird die Bibel belanglos?

Auch im Umfeld evan­ge­li­scher Frei­kir­chen wird heu­te der exklu­si­ve Wahr­heits­an­spruch der Bibel ver­mehrt in Fra­ge gestellt. Der Zusam­men­hang dabei ist sehr oft, dass man die Gemein­de mit einer ‘pro­gres­si­ven’ Hal­tung in theo­lo­gi­schen Fra­gen wie­der gesell­schaft­lich rele­vant machen möch­te.

Wie unkri­tisch posi­tiv die Gegen­warts­kul­tur teil­wei­se gedeu­tet wird, zeigt sich zum Bei­spiel im Blog­bei­trag von Dave Jäg­gi, Stu­di­en­lei­ter bei der selbst­ge­nannt evan­ge­li­ka­len Aus­bil­dungs­stät­te IGW. Gemäss ihm …

«…hat sich das Schrift­ver­ständ­nis und damit der Glau­be und die Spi­ri­tua­li­tät immer schon „dem Zeit­geist“ ange­passt. Zum Glück! Lei­der hin­ken Theo­lo­gie und Kir­che dem Zeit­geist nor­ma­ler­wei­se hin­ter­her, wie z.B. die Stel­lung der Frau in der Kir­che zeigt.» Dave Jäg­gi

Anders gesagt: Weil sich die Kir­che sowie­so der aktu­el­len Kul­tur anpas­sen wird, soll­te die­se Anglei­chung mög­lichst vor­an­ge­trie­ben wer­den, damit die Kir­che gesell­schaft­lich anschluss­fä­hig bleibt.

Natür­lich ist es wich­tig, dass unser Glau­be für die Men­schen von heu­te zugäng­lich ist. Und natür­lich gilt es, auch unse­re Über­zeu­gun­gen immer wie­der einer Über­prü­fung zu unter­zie­hen. Bei­spie­le aus den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten zei­gen ja auch, dass die Gemein­de Jesu nicht immer rich­tig gele­gen ist mit ihren Über­zeu­gun­gen (zum Bei­spiel in der Skla­ven­fra­ge). In sol­chen Fäl­len kön­nen Kor­rek­tu­ren, wenn es eine bibli­sche Basis dafür gibt, durch­aus ihre Berech­ti­gung haben – ja sogar ihre Not­wen­dig­keit! Glei­cher­mas­sen ist es aber wich­tig, dort Rück­grat zu zei­gen, wo kei­ne bibli­sche Basis für eine Kor­rek­tur vor­han­den ist.

Wenn man über die Rol­le der Bibel für die Kir­che nach­denkt, so macht man auch in der Geschich­te von Bile­am eine wich­ti­ge Ent­deckung. Es ist näm­lich bezeich­nend, dass dort der Engel des Herrn mit einem ‘gezück­ten Schwert in sei­ner Hand’ beschrie­ben wird (Num 22:31). Die­ses Schwert steht für das Wort Got­tes und ist ein Bild, wel­ches uns bis ins Neue Testa­ment hin­ein beglei­tet (vgl. Eph 6:17 oder Hebr 4:12). Es wird uns im letz­ten Buch der Bibel im Mund des wie­der­kom­men­den Jesus Chri­stus gezeigt (vgl. Apk 1:16 oder Apk 19:15). Die­ses Schwert ist es auch, wel­ches Gott gegen die Irr­leh­rer in der Gemein­de Per­ga­mon rich­tet, wel­che sich der ‘Leh­re Bile­ams’ ange­schlos­sen haben (Apk 2:16).

Got­tes Wort möch­te uns immer wie­der zurecht­hel­fen (2Tim 3:16). Es ist ein schar­fes, durch­drin­gen­des und prä­zi­ses Werk­zeug in der Hand Got­tes, mit wel­cher er der Gemein­de und den ein­zel­nen Gläu­bi­gen die für ihre Gesund­heit nöti­ge Pfle­ge zukom­men lässt.

Die­ses Wort Got­tes ist auch inte­gra­ler Teil der Waf­fen­rü­stung Got­tes (Eph 6:17) und damit wesent­lich für unser Bestehen als Chri­sten in die­ser Welt. Die­ses ‹Schwert des Gei­stes› ist das Werk­zeug, mit der wir im Stim­men­wirr­warr unse­rer Zeit Got­tes Sicht der Din­ge erken­nen kön­nen (Hebr 4:12).

Da, wo die Kir­che die­ses Schwert (die Bibel) bei­sei­te­legt, sei­ner Auto­ri­tät in der Kir­che ent­hebt, sie durch Rela­ti­vie­rung ‹abstumpft› oder ‘ver­formt’, geht die Fähig­keit ver­lo­ren, gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen und Rea­li­tä­ten nach Got­tes Wil­len zu begeg­nen.

Auch für unse­re Zeit gilt: Das Evan­ge­li­um von Jesus Chri­stus darf eine ‘Zumu­tung’ sein. Der Apo­stel Pau­lus hat es der Gemein­de in Korinth fol­gen­der­mas­sen klar­ge­macht:

… ver­kün­di­gen wir Chri­stus den Gekreu­zig­ten, den Juden ein Ärger­nis, den Grie­chen eine Tor­heit; denen aber, die beru­fen sind, sowohl Juden als auch Grie­chen, [ver­kün­di­gen wir] Chri­stus, Got­tes Kraft und Got­tes Weis­heit.  (1Kor 1:23 – 24)

Die Fra­ge ist: Sind wir bereit, als Chri­sten in unse­rer Zeit zu die­sem Ärger­nis, die­ser Tor­heit zu ste­hen?

Auch uns gilt der trö­sten­de Zuspruch an die Gemein­de in Per­ga­mon: «Ich weiß, wo du wohnst» (Apk 2:13). Gott ist sich des Umfel­des sei­ner Kir­che sehr wohl bewusst. Es geht nicht dar­um, aus der Welt, in der wir leben, zu ‘flie­hen’, son­dern uns in ihr zu bewäh­ren als treue Zeu­gen von Jesus Chri­stus (vgl Jer 29:7).

Das Send­schrei­ben an die Gemein­de in Per­ga­mon und die Geschich­te von Bile­am machen klar: Chri­stus wird eine Gemein­de, die ihm ver­traut und sei­nem Wort treu bleibt, auch in einem feind­se­li­gen Umfeld bewah­ren. Ja, gera­de hier will er sei­ne Gemein­de als Salz und Licht haben (Mt 5:13 – 16).

Die Geschich­te von Bile­am zeigt dabei schön, wie die Bibel letzt­end­lich nur als Gesamt­werk ver­stan­den wer­den kann. Mit ihrem drei­fa­chen pro­phe­ti­schen Cha­rak­ter (Bot­schaft für das Volk Isra­el, Pro­phe­tie Bile­ams auf Chri­stus hin, geist­li­che Deu­tung für die christ­li­che Gemein­de) ist die Geschich­te ins Gesamt-Nar­ra­tiv der Bibel ein­ge­wo­ben. Ihre Bedeu­tung und Bot­schaft erschliesst sich nur aus der Gesamt­heit aller Infor­ma­tio­nen, wel­che wir über die gan­ze Bibel ver­teilt fin­den.

Lass uns eine Art der Bibel­aus­le­gung pfle­gen, wel­che die Schrift nicht auf fal­sche Wei­se selek­tiv auf die uns pas­sen­den Stel­len redu­ziert. Lass uns die Bibel viel­mehr als untrenn­bar ver­wo­be­nes und zusam­men­hän­gen­des Gesamt­kunst­werk ernst neh­men. Geben wir der Schrift die Erlaub­nis, bestim­mend über unse­re Theo­lo­gie und unser Leben zu blei­ben, kor­ri­gie­rend hin­ein­zu­wir­ken, und zwar nicht nur als Inspi­ra­ti­on, son­dern mit der in ihr vor­han­de­nen ‘Schär­fe’, ihrer gött­li­chen Auto­ri­tät.

Eine Kir­che, wel­che sich so in der Welt bewegt, bleibt geseg­net und wird Bestand haben. Gemein­schaf­ten, die sich letzt­lich auf fal­sche Kom­pro­mis­se und Ver­mi­schun­gen ein­las­sen, wer­den ver­ge­hen.


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9. Die Esel Gottes: Warum braucht es sie?

Die ein­zi­ge Figur, die in der Geschich­te Bile­ams einen unver­stell­ten Blick auf die gött­li­che Rea­li­tät hat, ist ein Esel. Lass uns Esel sein, die mit einer gesun­den Skep­sis gegen­über einer selbst­er­nann­ten theo­lo­gi­schen Eli­te den Glau­ben leben — aber umso mehr mit einem gesun­den Ver­trau­en gegen­über der Bibel als dem Wort Got­tes für uns.

Es ist bezeich­nend, dass auch Jesus die­se Ein­stel­lung an den Tag legt. Von den Pha­ri­sä­ern mit einer spitz­fin­di­gen Fra­ge kon­fron­tiert zeigt Jesus genau die­ses Grund­ver­trau­en, indem er auf die SCHRIFT als REDEN GOTTES zurück­greift:

Er aber ant­wor­te­te und sprach zu ihnen: Habt ihr nicht GELESEN, dass der Schöp­fer sie am Anfang als Mann und Frau erschuf und SPRACH: »Dar­um wird ein Mann Vater und Mut­ter ver­las­sen und sei­ner Frau anhän­gen; und die zwei wer­den ein Fleisch sein«? (Mt 19:4 – 5, vgl. 1. Mose 2:24)

Es ist kenn­zeich­nend, dass im ori­gi­na­len Text in Gen 2:24 nicht steht, dass der Text ein Reden Got­tes ist. Jesus weiss aber, dass dem so ist und klärt das mit sei­ner Aus­sa­ge. Jesus stellt die alt­te­stement­li­chen Schrif­ten, wie sie sei­ne Zeit­ge­nos­sen lesen konn­ten, mit dem gespro­che­nen Wort Got­tes gleich. Auch wir dür­fen mit dem­sel­ben Grund­ver­trau­en wie Jesus an unse­re Lek­tü­re der Bibel gehen.

Was für ein ande­res Bild bie­tet sich da, wenn wir uns bei­spiels­wei­se die Ver­ren­kun­gen gewis­ser Theo­lo­gen­krei­se vor Augen füh­ren in ihrem Bemü­hen, kla­re bibli­sche Prin­zi­pi­en im Bereich der Sexua­li­tät auf einen gesell­schafts­fä­hi­gen, aktu­el­len Stand zu brin­gen. Wenn die Bibel bei­spiels­wei­se eine homo­se­xu­el­le Pra­xis durch­ge­hend nega­tiv beur­teilt, so muss sich doch irgend­wie ein Weg fin­den las­sen, ihr eine gegen­tei­li­ge Bot­schaft abzu­rin­gen.

Die dabei erziel­ten Resul­ta­te sind für den auf­merk­sa­men Leser nicht nur wenig über­zeu­gend. Sol­ches Vor­ge­hen ent­mu­tigt und ent­mün­digt auch den ernst­haft bibellesen­den Lai­en. Die­ser Laie könn­te auch bei einem dif­fe­ren­zier­ten Lesen der Schrift nie­mals auf die Ergeb­nis­se der ent­spre­chen­den Prot­ago­ni­sten kom­men. Er muss des­halb davon aus­ge­hen, dass auch die klar­sten Aus­sa­gen der Schrift eine gegen­tei­li­ge Bedeu­tung haben könn­ten. Die Bibel wird auf die­se Wei­se dem ‘ein­fa­chen Volk’ wie­der aus der Hand genom­men und zum exklu­si­ven Fach­ge­biet einer ‘wis­sen­den Eli­te’ gemacht. Lasst uns also wie­der ‹Esel› sein, denn der Esel war der ein­zi­ge, der bei Bile­am die Klar­sicht hat­te.

Die Infra­ge­stel­lung gött­li­cher Wor­te ist nicht neu: Gemäss dem bibli­schen Zeug­nis hat sich schon die Schlan­ge im Gar­ten Eden des Instru­ments der Ver­dre­hung oder Ver­for­mung der kla­ren Wor­te Got­tes bedient, um die ersten Men­schen zu ver­wir­ren und zu ver­füh­ren (Gen 3:1, vgl. Gen 2:16 – 17).

Lie­be ‹Lai­en›, lie­be Basis-Chri­sten, lie­be ‹Esel› Got­tes: Lasst uns nicht ver­wirrt und ent­mu­tigt wer­den! Lasst uns das Prin­zip des Prie­ster­tums aller Gläu­bi­gen leben (vgl. Offb 1:6)! Wenn wir die Bibel lesen, hören wir Gott zu uns reden. Und die­ser Gott spricht in Klar­heit und Ver­ständ­lich­keit — so, dass alles Wesent­li­che von jedem ver­stan­den wer­den kann, der die Bibel mit einem hören­den Her­zen stu­diert.

Lasst uns mutig unse­re Erkennt­nis­se tei­len! Nicht immer wer­den unse­re Aus­le­gun­gen zu 100 Pro­zent stim­men. Das ist bei stu­dier­ten Theo­lo­gen und Wis­sen­schaft­lern nicht anders. Das Wis­sen um unse­re eige­ne geist­li­che Bedürf­tig­keit ist die viel wesent­li­che­re Grund­la­ge, um Got­tes Reden zu ver­ste­hen, als Wis­sen und Bil­dung (vgl. Mt 5:3). Wir haben einen Vater im Him­mel, der Wohl­ge­fal­len dar­an hat, Din­ge den Wei­sen und Klu­gen zu ver­ber­gen und es den Unmün­di­gen zu offen­ba­ren — den ‹Eseln› Got­tes (vgl. Lk 10:21).

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    KS 6 Tagen ago
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    Den Arti­kel fin­de ich her­vor­ra­gend, was nicht heisst, dass ich mit allem d’ac­cord gin­ge. Mit man­chem habe ich noch kei­ne fer­ti­ge Mei­nung. Doch dem kann ich nur zustim­men: «Heu­te stellt sich die Fra­ge, ob sich die Kir­che in einer post-chri­st­­li­chen Kul­tur nicht viel­mehr durch erhöh­te Wach­sam­keit und theo­lo­gi­sche Sta­bi­li­tät aus­zeich­nen soll­te»!!!!!!

    Vie­len Dank für die Erläu­te­run­gen zu Bile­am im Zusam­men­hang der ver­schie­de­nen Bibel­stel­len — eine sicher sehr wich­ti­ge Geschich­te! Vie­le ande­ren Aus­füh­run­gen fin­de ich auch sehr span­nend und inter­es­sant.

    Dei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Nad­ja B.-W. erin­nert mich sehr an das, was ich in dem Buch über Kir­chen­ge­schich­te von A. Siers­zyn neu­lich gele­sen habe über die Chri­sten der ersten Jahr­hun­der­te, ins­be­son­de­re i. über Ter­tul­li­an. Die Vor­stel­lung, dass Por­no­gra­fie ok sein könn­te, fin­de ich der­art ent­setz­lich men­schen- und frau­en­feind­lich, dass ich mir das nur damit erklä­ren kann, dass sie nicht rea­li­siert, wie sehr das die Men­schen­wür­de der Betrof­fe­nen anrührt. Die Tren­nung von Sexua­li­tät und lie­be­vol­ler Ver­bin­dung, die Gott ursprüng­lich aber ver­bun­den in uns ange­legt hat, ist auch poten­ti­ell so schmerz­haft und führt zu so viel Ungu­tem, dass ich anneh­me, dass sie selbst Got­tes wun­der­schö­ne Aner­ken­nung dar­in lei­der nicht kennt.…

    Ich habe den Arti­kel von Paul gele­sen, möch­te aber trotz­dem zu fol­gen­dem Satz etwas anmer­ken: «Ent­spre­chend geht die wach­sen­de gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ein­her­ mit einer Zunah­me des Ein­flus­ses der ent­spre­chen­den non-dua­­len Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen (vor allem öst­­lich-moni­­sti­­sche Reli­gio­nen und Spi­ri­tua­li­tät)»:

    Die Akzep­tanz Homo­se­xu­el­ler geht auch ein­her mit einer zuneh­men­den Rea­li­sa­ti­on des­sen, was Men­schen­rech­te für alle bedeu­tet, den­ke ich. Homo­se­xua­li­tät gab es soviel ich weiß durch die Mensch­heits­ge­schich­te hin­durch, aber bis in unse­re Zeit hin­ein wer­den Homo­se­xu­el­le psy­chisch und teils auch phy­sisch bestraft. Dass die Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät pri­mär mit der Akzep­tanz der nicht dua­len Reli­gio­nen zu tun hat, weiß ich nicht. Ich habe aber schon den Ein­druck, dass unse­re Gesell­schaft durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit ins­be­son­de­re dem Bud­dhis­mus und weg vom Chri­sten­tum zu einer theo­re­tisch weni­ger ver­ur­tei­len­den und anneh­men­de­ren Hal­tung gefun­den hat. Mein Ein­druck ist es, dass auch das frei­kirch­li­che Chri­sten­tum sich durch die­se gesell­schaft­li­che Wand­lung ver­än­dert hat weg von Ver­ur­tei­lung hin zu einer stär­ke­ren Beto­nung von Selbst­wert­stär­kung durch den Glau­ben und Gna­de, um es sehr ver­kürzt zu sagen. Das war jetzt eine kur­ze Anmer­kung mit vie­len Wor­ten.

    Vie­len Dank jeden­falls für den gehalt­vol­len Bei­trag!

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 5 Tagen ago
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      Dan­ke KS für dein aus­führ­li­ches und wohl­wol­len­des Feed­back! Mich betrifft ja vor allem das, was du am Schluss sagst. Ich muss zuge­ben, dass du recht hast. Da ist was dran! Ich wünsch­te, dass unse­re Kul­tur und Kir­chen nicht erst in der Begeg­nung mit den öst­li­chen Welt­an­schau­un­gen akzep­tie­ren­der gewor­den wären! Ich wünsch­te, die nöti­ge Kor­rek­tur wäre durch eine ver­tief­te Aus­ein­an­der­set­zung gekom­men mit der Bibel und der christ­li­chen Welt­an­schau­ung. Dies ist unter ande­rem nicht pas­siert, weil die Kir­che zu sehr mit der dama­li­gen Gegen­warts­kul­tur ver­wo­ben war. Die Kir­che war nega­tiv ein­ge­stellt gegen­über Homo­se­xua­li­tät, weil die dama­li­ge Gegen­warts­kul­tur nega­tiv ein­ge­stellt war. Man benutz­te auch die Bibel um das inner­kirch­lich zu begrün­den. Es lief sehr ähn­lich wie beim The­ma Skla­ve­rei. Wenn Kir­chen und Gemein­den damals ‹coun­ter-cul­tu­ral› gelebt hät­ten, weil sie von einer richtigen/guten Aus­le­gung der Bibel inspi­riert waren, hät­ten sie Homo­se­xu­el­le in ihren Gemein­de auf­ge­nom­men in einer Wei­se, wie sie sonst in der Kul­tur nicht auf­ge­nom­men wur­den. Nun, für die­se Feh­ler müs­sen wir uns ent­schul­di­gen. Und wir müs­sen dar­auf ach­ten, dass wir die­sel­ben Feh­ler nicht wie­der­ho­len. Die Fra­ge ist also: bei wel­chen Per­so­nen-Grup­pen ist UNSERE Gegen­warts­kul­tur der­art nega­tiv ein­ge­stellt, dass wir sie als Gesell­schaft aus­schlies­sen, für min­der­wer­tig hal­ten, dis­kri­mi­nie­ren? Und soll­ten wir in unse­ren HEUTIGEN Kir­chen sie in einer Wei­se will­kom­men heis­sen, wie sie in der Gesell­schaft nicht ange­nom­men wer­den?!

      Ein zwei­ter Gedan­ke. Die Begrün­dung der nicht-Dis­kri­mie­rung ist aus christ­lich-welt­an­schau­li­cher Sicht ver­an­kert in der Eben­bild­lich­keit des Men­schen gegen­über Gott. Ande­re Welt­an­schau­un­gen haben die­ses sehr wich­ti­ge Ele­ment nicht. Im Hin­du­is­mus sind die Men­schen eben grad NICHT alle gleich. Es ist histo­risch eher das christ­li­che Welt­bild, wel­che eine Grund­la­ge bie­tet für eine umfas­sen­de nicht-Dis­kri­mi­nie­rung. Die uni­ver­sel­len Men­schen­rech­te sind z.B. begrün­det im christ­li­chen Men­schen­bild der Eben­bid­lich­keit Got­tes. An die­sem Punkt gibt es in dei­nem Argu­ment mög­li­cher­wei­se eine Ver­mi­schung der Kate­go­ri­en. Im Hin­du­is­mus ist Homo­se­xua­li­tät akzep­tiert, aber nicht weil Homo­se­xua­li­tät Teil einer nicht-dis­kri­mie­ren­den Ethik wäre. Der Grund für die hin­du­isti­sche Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ist, weil die Natur als gött­lich ange­se­hen wird. Das Gött­li­che muss (da bin ich mit dem Hin­du­is­mus einig) sowohl das Weib­li­che wie auch das Männ­li­che beinhal­ten. Da es gemäss dem Hin­du­is­mus aus­ser­halb der Natur kei­nen Schöp­fer gibt, son­dern die Natur gött­lich ist, muss das Weib­li­che und Männ­li­che im Wesen jedes ein­zel­nen Men­schen zu fin­den sein. Und wenn ein Mensch sich auf den Weg macht in eine grös­se­re Gött­lich­keit, muss die­ser Mensch das ihm inne­woh­nen­de Weib­li­che mehr ver­ei­nen mit dem ihm inne­woh­nen­den Männ­li­chen. Der Erste Schritt in Rich­tung mehr-Gött­lich­keit ist für Hin­dus das Auf­ge­ben der Ehe (in der Ehe wird ja Männ­lich­keit und Weib­lich­keit getrennt gehal­ten, dar­um muss die Ehe auf­ge­ge­ben wer­den). Dann muss durch Medi­ta­ti­on und mit­un­ter durch sexu­el­le Hand­lun­gen eine Ver­ei­ni­gung der dem ein­zel­nen Men­schen inne­woh­nen­de Weib­lich­keit und Männ­lich­keit erlangt wer­den. Homo­se­xua­li­tät, Bi- und Trans­se­xua­li­tät hat dort also vor allem damit zu tun, die umfas­sen­de Gött­lich­keit zu erlan­gen und nicht mit Gleich­heit aller Men­schen. In unse­rer Kul­tur argu­men­tie­ren wir für Homo­se­xua­li­tät über die nicht-Dis­kri­mi­nie­rung. Wir schau­en zum Hin­du­is­mus, erken­nen dort eine posi­ti­ve Sicht der Homo­se­xua­li­tät, und den­ken dann unkri­tisch, dass der Hin­du­is­mus gegen Dis­kri­mi­nie­rung sein muss. Der Grund für die Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ist im Hin­du­is­mus eine völ­lig ande­re. Die Fra­ge ist also: wel­che Welt­an­schau­ung hat eine soli­de Grund­la­ge für die Gleich­wer­tig­keit aller Men­schen. Und da ken­ne ich nur die judeo-christ­li­che Welt­an­schau­ung, wel­che die­se Gleich­wer­tig­keit begrün­det in der Tat­sa­che, dass es einen Schöp­fer-Gott gibt, der alle Men­schen geschaf­fen hat.

      Mei­ne Fra­ge ist dann: Wenn unse­re Gesell­schaft das Fun­da­ment der christ­li­chen Welt­an­schau­ung ver­lässt, ver­lässt sie auch die damit ver­bun­de­ne Über­zeu­gung der Gleich­wer­tig­keit aller Men­schen. Und DAS könn­te plötz­lich unge­ahn­te Fol­gen haben. Plötz­lich wer­den zwar Homo­se­xu­el­le nicht dis­kri­mi­niert, aber ande­re Grup­pen. Und ich rede hier nicht pri­mär von Chri­sten, wel­che dis­kri­mi­niert wer­den — das kann auch sein. Ich rede von den Schwa­chen unse­rer Gesell­schaft: Unge­bo­re­ne, Frau­en, Kran­ke, Alte, Men­schen mit Behin­de­run­gen, psy­chisch Schwa­che, Pädo­phi­le, etc.

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