Bileam (3/3) — Lehren für unsere Zeit

Peter Bruderer
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Die Geschichte von Bileam ist faszinierend und vielschichtig. Die Entwick­lun­gen rund ums Volk Israel zu sein­er Zeit sind drama­tisch. Die Geschichte weckt Hoff­nung in einen treuen Gott, der zu seinem Wort und seinem Volk ste­ht. Sie zeigt auch unsere inneren Antreiber und die religiösen und sex­uellen Anfäl­ligkeit­en des Volkes Gottes. In der aktuellen Zeit tun wir als Glaubende und als christliche Gemeinde gut daran, diese Lek­tio­nen aus der Bileamgeschichte zu beherzi­gen. Im drit­ten und let­zten Teil unser­er Bileam­serie möchte ich nun einige dieser Lehren ins Auge fassen.

Eine grundle­gende Erken­nt­nis ist dabei, dass unsere Gefährdung in erster Lin­ie eine innere ist und nicht eine äussere. Für den einzel­nen Men­schen, den Glauben­den, bedeutet dies, dass er mit Stim­men in seinem eige­nen Herzen ringt. Auf die christliche Gemeinde angewen­det heisst das, dass sie Stim­men und Lehren in ihrer eige­nen Mitte zu bew­erten ler­nen muss.

Die Lehren aus der Geschichte Bileams sind auch rel­e­vant, weil sich die Gemeinde Jesu in der west­lichen Welt heute in ein­er nachchristlichen Zeit bewegt. Unser Umfeld birgt Par­al­le­len zu dem­jeni­gen der frühchristlichen Gemein­den in ihrem hei­d­nisch-hel­lenis­tis­chen Kon­text und auch mit dem­jeni­gen des Volkes Israel vor den Toren des ver­heis­se­nen Lan­des — inmit­ten der pagan­is­tis­chen Kul­tur ihrer Zeit.

Die ersten zwei Teile dieser Serie bilden das Fun­da­ment, um die nach­fol­gen­den Über­legun­gen zu ver­ste­hen:

Bileam (1/3) – Der Prophet und sein Esel
Bileam (2/3) — Treuer Gott, untreues Volk

Darauf auf­bauend möchte ich zu fol­gen­den neun The­men aus der Bileamgeschichte Schlüsse ziehen. Achtung, dies ist ein län­ger­er Artikel. Über das nach­fol­gende Inhaltsverze­ich­nis kannst du dich ori­en­tieren:

1. Ver­suchung: Wie anfäl­lig sind wir?
2. Gottes Wille, mein Wille: Wie geht das zusam­men?
3. Inter­re­ligiöse Spir­i­tu­al­ität: Der Weg zu Frei­heit im Glauben?
4. ‘Ehe für alle’: Seg­nen, was Gott nicht seg­net?
5. Sex­uelle Befreiung: Wann geht es schief?
6. Kirchen: Warum schrumpfen sie?
7. Falsche Propheten: Gibt es noch ‘Bileams’?
8. Das Schw­ert Gottes: Wird die Bibel belan­g­los?
9. Die Esel Gottes: Warum braucht es sie?


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1. Versuchung: Wie anfällig sind wir?

Man muss die Geschichte Bileams vom Ende her sehen. Und dieses Ende ist ver­nich­t­end!

Samt diesen Erschla­ge­nen töteten sie auch die Könige der Mid­i­an­iter, näm­lich Ewi, Rekem, Zur, Hur und Reba, die fünf Könige der Mid­i­an­iter. Auch BILEAM, den Sohn Beors, töteten sie mit dem Schw­ert. (4Mose 31:8)

In diesem einen Vers zeigt sich die ganze Tragik des hochgelobten und begehrten Sehers. Bileam erliegt seinem Streben nach Anerken­nung und Ein­fluss let­ztlich ganz. Der Seher, welch­er der Ver­suchung wider­standen hat, das Volk Gottes zu ver­fluchen, ist nach den bekan­nten Ereignis­sen zurück­gekehrt zu seinem Auf­tragge­ber Bal­ak, um ihm zu zeigen, wie er ganz ein­fach und ohne Krieg zu seinem Ziel kom­men kann, das Volk Israel zu schwächen. Und Bileam bleibt gle­ich bei Bal­ak. Er wird bei den Mid­i­an­itern sesshaft.

Der ver­meintliche Prophet Gottes wird schlussendlich ganz zu einem Werkzeug des Fein­des von Israel. Und als solch­es Werkzeug geht er auch zugrunde. Es wird hier klar, weshalb Gott an erster Stelle nicht wollte, dass sich Bileam auf den Weg zu Bal­ak macht. Es war nicht, weil Bileam mit seinen Flüchen gegen Gott irgen­det­was hätte aus­richt­en kön­nen, son­dern Gott wusste, dass Bileam let­ztlich ganz der inneren Ver­suchung nach Anerken­nung und Ein­fluss nachgeben würde.

Gott respek­tiert den Willen des Men­schen und lässt ihn dahin ziehen, wo er will. Aber er lässt ihn nicht unge­warnt ins Verder­ben gehen. Er stellt sich ihm in den Weg. Ja, er schliesst sog­ar einem Esel den Mund auf, um Bileam zu war­nen.

Wir sind als Men­schen viel anfäl­liger, als wir denken. Dies ist die per­sön­liche Selb­sterken­nt­nis, die wir nach dem Studi­um der Biografie Bileams haben soll­ten. Auf welchem Weg bist du? Bist du auf dem Weg Bileams? An dem Punkt, wo du die erste klare Anweisung Gottes aus deinem Herzen ver­drängst und meinst, du kön­ntest auf zwei Hochzeit­en tanzen? Wie Bileam, der meinte, er könne gle­ichzeit­ig Gottes Worte reden und seinem per­sön­lichen Drang nach Reich­tum und Anerken­nung nachren­nen … Bileam, der Mann, der Gottes Stimme hören kon­nte, hat sich ganz der Sache der Feinde Gottes ver­schrieben und ist in Mid­i­an als Feind des Volkes Gottes gestor­ben.

Ich hoffe und bete, dass wir uns nicht auf diesen Weg Bileams begeben. Oder dass wir auf diesem Weg umkehren und die Zeichen und Rufe Gottes hören.

Mit welchen Zeichen ver­sucht Gott dich wachzurüt­teln? Was sind bei dir die Sig­nale, welche zeigen, dass du dich auf dem falschen Wege befind­est? Bileam wird bei sein­er Abkehr vom Willen Gottes zum Schläger eines unschuldigen Tiers (Num 22:23 – 27). Das Ver­drän­gen dessen, wovon wir ein­gentlich wis­sen, dass es richtig wäre, zeigt sich immer auch in unserem Gemüt und unserem Ver­hal­ten.

Bei mir per­sön­lich zeigt es sich in Schlaflosigkeit und Aggres­siv­ität gegen mich sel­ber oder andere. Ja, das Lesen der Geschichte von Bileam hat mir ganz per­sön­lich klargemacht, dass ich etwas in meinem Leben zu bere­ini­gen habe: Eine finanzielle Angele­gen­heit, bei der ich mich ‘ins Recht redete’ — aber ins­ge­heim wusste, was ich zu tun hätte. So hat die Bileamgeschichte glasklar in diese ganze konkrete per­sön­liche Sit­u­a­tion hineinge­sprochen. Das Bere­ini­gen der Sit­u­a­tion hat einiges an Geld gekostet, aber mir Frieden und Schlaf zurück­ge­bracht.

Was hast du zu Bere­ini­gen? Wo tanzt du mit deinem Leben auf zwei Hochzeit­en? Du musst wis­sen, dass du viel anfäl­liger bist, als du denkst. Bere­inige, was du zu bere­ini­gen hast — und folge Gott neu mit ungeteil­tem Herzen nach. Dann wird dein Herz leicht!


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2. Gottes Wille, mein Wille: Wie geht das zusammen?

Die Geschichte von Bileam illus­tri­ert sehr schön, wie göt­tlich­er Wille und men­schliche Frei­heit zusam­men­spie­len.

Ändert Gott in der Geschichte seine Mei­n­ung, wenn er Bileam zuerst das Losziehen mit den Boten Bal­aks ver­bi­etet, dann aber doch erlaubt?

Die Idee, dass Gott mit den Men­schen eine ‘Geschichte mit offen­em Aus­gang’ schreibt, hat in den ver­gan­genen Jahren neue Ver­fechter gefun­den. Diese dazuge­höri­gen the­ol­o­gis­chen Mod­elle (z.B. der Open The­ism) präsen­tieren uns einen Gott, der zwar weit­er­hin seine eige­nen langfristi­gen Pläne hat, welche aber durch die freien Wil­lensentschei­dun­gen der Men­schen Kor­rek­turen und Anpas­sun­gen erfahren.

Dies sind gewichtige Fragestel­lun­gen und bedür­fen eigen­er Artikel. Aber manche Vertreter dieser the­ol­o­gis­chen Rich­tung verän­dern ihr Bild von Gott so weit, dass dieser seine grund­sät­zliche Hal­tung bei gewis­sen The­men ändere. Gottes Ver­lässlichkeit fokussiert sich dabei auf seine liebevolle Treue zum Men­schen, während der Aus­gang der Geschichte Gottes mit den Men­schen ein offen­er sei, welch­er auch für Gott ihm unbekan­nte Wen­dun­gen bringe.

Wenn sich in der Bibel Momente find­en lassen, wo Gott seine Mei­n­ung in ein­er Sache zu ändern scheint, kön­nte es dann sein, dass er seine Hal­tung zum Beispiel auch in Fra­gen der Moral ändert? In Zeit­en gross­er Umbrüche im Bere­ich der Sex­ual­moral ist dies natür­lich ein heiss­es und für manche ein willkommenes The­ma! Kön­nte es sein, dass Gott auch in solchen The­men­bere­ichen seine Ansicht­en auf ‘Antrag’ sein­er Kinder rev­i­diert?

Es lässt sich fest­stellen, dass es bei solchen bib­lisch doku­men­tierten ‘Mei­n­ungsän­derun­gen’ Gottes nir­gends darum geht, dass Gott seine moralis­chen und ethis­chen Massstäbe geän­dert hätte. Es geht darum, dass er in gewis­sen Sit­u­a­tio­nen von ein­er Bestra­fung des Men­schen absieht respek­tive sie anpasst – ein Beleg für seine Lang­mut und Barmherzigkeit (z.B. Ex 32:7–14). Es geht darum, dass er den Men­schen unter Hin­weis auf die neg­a­tiv­en Kon­se­quen­zen in seinen eige­nen Willen entlässt – ein Beleg dafür, dass Gott nie­man­den zu seinem Glück zwin­gen will (z.B. 1Sam 8:4–9). Es geht darum, dass er Men­schen, die sich von ihm abwen­den, ihre anver­traute Beru­fung entziehen muss – ein Beleg dafür, dass Gott let­z­tendlich die Kon­trolle über seine Pläne ausübt (z.B. 1Sam 15:10–35).

Nir­gends geht es aber darum, dass er seine moralis­chen und ethis­chen Massstäbe über den Haufen wer­fen würde, denn diese sind an sein unverän­der­lich­es Wesen gebun­den. Die bib­lis­che Botschaft ist klar: Gottes Wesen und seine Liebe zu den Men­schen zeigt sich ger­ade auch in seinen moralis­chen und ethis­chen Massstäben, welche zum Wohle des Men­schen dienen. Das Hal­ten der Gebote ist immer auch mit göt­tlich­er Gnade und Segen verknüpft (vgl. Ex20:6, Ex20:12). Deshalb ist die Vorstel­lung, dass Gott seine moralis­chen oder ethis­chen Ide­ale ändern kön­nte – kon­se­quent zu Ende gedacht – ein zutief­st bedrohlich­es Szenario für die Men­schheit, denn dann sind wir der immensen Gefahr aus­ge­set­zt, dass Gott Ungerechtigkeit dulden oder gar gutheis­sen kön­nte.

Wenn Gott Bileam das Losziehen mit den Gesandten Bal­aks erst ver­bi­etet (Num 22:12), dann erlaubt (Num 22:20), ist dies mit­nicht­en eine Mei­n­ungsän­derung von sein­er Seite. Vielmehr ist es genau eine Sit­u­a­tion, bei der Gott einen Men­schen in seinen eige­nen Willen entlässt, ohne dass er selb­st von seinen eige­nen Plä­nen abrück­en würde! Diese Geschichte von Bileam zeigt eben ger­ade nicht einen wankelmüti­gen Gott, son­dern einen, der mit klar­er Voraus­sicht, hart­näck­iger Liebe, ewiger Ver­lässlichkeit und gross­er Entschlossen­heit han­delt!

Seine klare Voraus­sicht: Gott möchte Bileam von der Reise mit den Gesandten Bal­aks abhal­ten, weil er weiss, dass diese Reise ihn schliesslich ins Verder­ben führen wird (Num 22:32). Gott sieht nicht nur ‘bis zur näch­sten Ecke’, son­dern weit über die men­schlichen Entschei­dun­gen hin­aus! Sein prophetis­ch­er Segen für das Volk Israel in Num 24:17–24 ist Ankündi­gung seines zukün­fti­gen Wirkens, seine War­nun­gen an Bileam bele­gen seine Voraus­sicht.

Seine hart­näck­ige Liebe: Gott ist Bileam auch in seinem Unge­hor­sam ein Begleit­er und bricht die Kom­mu­nika­tion mit ihm nicht ab. Er zeigt seine beständi­ge Liebe, indem er ihm auch auf seinem falschen Weg in Form eines Engels begeg­net, ihn auch dann noch her­aus­fordert und warnt. Die Liebe Gottes zeigt sich hier ger­ade nicht in Form von Mei­n­ungsän­derung, son­dern in Form ein­er hart­näck­i­gen Suche dessen, der sich auf einem Irrweg befind­et.

Seine ewige Ver­lässlichkeit: Seine Bun­de­streue gegenüber dem Volk Israel ist uner­schüt­ter­lich und lässt sich durch kein­er­lei men­schlich­es Wirken umstossen. Die von Men­schen gewün­schte Ver­fluchung endet in ein­er dreima­li­gen Bestä­ti­gung des Segens für sein Volk. Ja, man kön­nte sog­ar von ein­er Akzen­tu­ierung des Segens sprechen, wenn Gott seinen let­zten Segen (Num 24:17–24) mit der prophetis­chen Ver­heis­sung auf Chris­tus und der Ankündi­gung der Ver­nich­tung der Feinde Israels konkretisiert. Nicht nur ist Israel geseg­net, son­dern Gott weiss schon sehr genau, was er in der Zukun­ft tun will, um dem chro­nis­chen Prob­lem der Untreue seines Volkes Herr zu wer­den. Dem ‘Erzfeind’ des Volk Gottes wird er durch Chris­tus eine endgültige Nieder­lage zufü­gen.

Seine grosse Entschlossen­heit: Gott zeigt sich ger­ade in sein­er Reak­tion auf die Ver­führung des Volkes Israel in Num 25:1–2 als ein Gott, der mit gross­er, ja ger­adezu mar­tialis­ch­er Entschlossen­heit um sein Volk kämpft (Num 25:3–15). Um der Seuche Herr zu wer­den, welche im Volk Israel auf­grund ihrer Unzucht (ver­bun­den mit hei­d­nis­chem Götzen­di­enst) aus­ge­brochen war (Num 25:9, Vgl. 1Kor 10:7–8, Num 31:16), griff er zu radikalen Mass­nah­men. Seinem Leit­er Mose öffnete er die Augen für die Hin­ter­gründe der Seuche und die nötige Bere­ini­gung im Volk (Num 25:4–5). Mit Pin­has erweck­te er auch einen Mann in der priester­lichen Lin­ie Aarons, welch­er für die endgültige Beendi­gung der Seuche sorgte (Num 25:7). Nicht zulet­zt wird in der Prophetie auf Chris­tus hin angedeutet, dass Gott auch in der Zukun­ft alles nötige Tun wird, damit sein Volk bestand hat. Ja, im Kom­men von Chris­tus zeigt Gott seine Bere­itschaft, selb­st den ulti­ma­tiv­en Preis für die Frei­heit seines Volkes zu zahlen.

Die Geschichte von Bileam zeigt uns überdeut­lich einen hand­lungs­fähi­gen Gott mit klaren Absicht­en, gross­er Liebe und allen Mit­teln, seinen Plä­nen zum Durch­bruch zu ver­helfen. Dieser Gott lässt sich durch die freien Entschei­dun­gen eines Men­schen nicht von seinen Plä­nen abbrin­gen. Auch die schlecht­en Entschei­dun­gen eines Men­schen unter­ste­hen let­ztlich Gottes weit­sichti­gen Vorsätzen und hin­dern Gott nicht an der Fortschrei­bung sein­er Geschichte.

Hüten wir uns, Gott als ein­seit­ig vom Men­schen ‘form­baren’ Gott zu präsen­tieren! Denn auf einen solchen Gott wäre kein Ver­lass. Die Voraus­sagen und Prophetien eines solchen Gottes gin­gen möglicher­weise nicht in Erfül­lung. Ein solch­er Gott gäbe uns keinen Trost im Leid, weil wir nicht wüssten, ob da über­haupt ein über­ra­gen­der und sicher­er göt­tlich­er Plan existierte. Ja, ein so dargestell­ter Gott stünde im Kon­trast zu ein­er Fülle bib­lis­ch­er Zeug­nisse über Gott und sein unverän­der­lich­es Wesen, seine All­wis­senheit, Voraus­sicht und All­macht (Beispiele: Gen 50:20, Mal 3:6, Num 23:19, 1Sam 15:29, Jes 46:8–11). Wir dür­fen glauben und ver­trauen, dass Gott sich in seinem Wort verbindlich fes­tlegt – und seine Fes­tle­gun­gen auch umset­zen wird.

Das zweite Orakel von Bileam bringt es auf den Punkt:

Gott ist nicht ein Men­sch, dass er lüge, noch ein Men­schenkind, dass ihn etwas gereuen würde. Was er gesagt hat, sollte er es nicht tun? Was er gere­det hat, sollte er es nicht aus­führen? (Num 23:19).


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3. Interreligiöse Spiritualität: Der Weg zu Freiheit im Glauben?

Es ist ein grund­bib­lis­ches Anliegen, dass sich Chris­ten gegenüber jed­er­mann um Frieden bemühen sollen (Röm 12:17–18). Ja, die Bibel spricht sog­ar davon, dass wir dem Frieden nach­ja­gen sollen (Ps 34:15). Frieden fördern ist auch eines der Ker­nan­liegen des inter­re­ligiösen Dialogs. Dem bib­lis­chen Men­schen­bild nach ist jede Per­son im ‘Eben­bild Gottes’ geschaf­fen (Gen 1:27) und daraus fol­gt auch seine Würde, seine ‘Men­schen­würde’. Es ist deshalb auch nur richtig, wenn Chris­ten mit Ange­höri­gen ander­er Reli­gio­nen einen respek­tvollen Dia­log pfle­gen.

Der christliche Dia­log mit Men­schen ander­er Reli­gio­nen kann aber weit über diese grund­sät­zlich gebotene Men­schen- und Näch­sten­liebe hin­aus­ge­hen. Manche Men­schen, die sich im inter­re­ligiösen Dia­log engagieren, scheinen davon auszuge­hen, dass der Glaubenskern der ver­schiede­nen Reli­gio­nen der­selbe ist. “Von ver­schiede­nen Start­punk­ten aus erk­lim­men wir let­ztlich alle den gle­ichen Berg der Erken­nt­nis”, wird uns weis­gemacht.

Der sich ver­bre­i­t­ende Peren­ni­al­is­mus, welch­er von einem gemein­samen meta­ph­ysis­chen Ursprung aller Reli­gio­nen aus­ge­ht, fordert eine Ver­schmelzung der Reli­gio­nen zu ein­er neuen gemein­samen Spir­i­tu­al­ität. Die Konzepte des Peren­ni­al­is­mus wur­den Mitte des let­zten Jahrhun­derts durch ein Buch von Aldous Hux­ley salon­fähig gemacht und in unseren Tagen durch Per­sön­lichkeit­en wie Ken Wilber ver­fein­ert. Ein Aushängeschild dieser Bewe­gung ist der auch unter Evan­ge­likalen sehr beliebte Franziskan­er Richard Rohr, welch­er immer wieder darüber schreibt.

Wer glaubt, dass die ver­schiede­nen Reli­gio­nen ans gle­iche Ziel führen, oder in diesen nur nach der ihnen zugrun­deliegen­den gemein­samen Basis gesucht wer­den muss, ist selb­stver­ständlich auch offen für gemein­same Kulte.

Hierzu ein Beispiel, um zu ver­ste­hen, wie sich das konkret aus­gestal­tet. Im Herb­st 2018 kamen Frauen aus dem Umfeld der Plat­tform für den inter­re­ligiösen Dia­log «zVis­ite» zu gemein­samen Gottes­di­en­sten zusam­men. Die Plat­tform der Katholis­chen Kirche Bern berichtete unter dem Titel ‘Beten und Frieden kehrt ein’ darüber. Die Feiern zeigten Men­schen aus dem Hin­duis­mus, dem Islam, dem Juden­tum, dem Bahai­tum und dem Chris­ten­tum in gemein­samer Anbe­tung in ein­er Kirche.

Die Zeitschrift ‘reformiert.’, welche zur Träger­schaft der Plat­tform ‘zVis­ite’ gehört, pub­lizierte eine entsprechende Video-Reportage darüber. Darin meint Jas­mi­na El Son­bati, welche den Vere­in ‘Offene Moschee Schweiz’ ini­ti­iert und ihren Gebet­step­pich im Rah­men der Feier in der Kirche aus­gerollt hat:

«Es ist ein Schritt weg von ein­er Regel­haftigkeit und ein Schritt hin zu ein­er Frei­heit» Jas­mi­na El Son­bati, Vere­in Offene Moschee Schweiz

Gle­ich wie Bileam Seite an Seite mit dem hei­d­nis­chen König Bal­ak auf dem Baals-Hügel geopfert hat, wird heute zwis­chen den Reli­gio­nen der gemein­same Schul­ter­schluss geübt.

Gle­ich wie das Volk Israel sich auf die span­nende Spir­i­tu­al­ität der umgeben­den Völk­er mit ihren Fes­ten und Riten ein­ge­lassen hat, bemühen sich heute Chris­ten um die Ein­beziehung ander­er Glaubenssätze in die christliche Spir­i­tu­al­ität und The­olo­gie.

Doch führt der Weg der inter­re­ligiösen Spir­i­tu­al­ität tat­säch­lich in die Frei­heit? Der Blick auf unsere Geschichte stellt eine solche Prax­is und ihre zugrun­deliegen­den Konzepte mehr als in Frage.

Die Geschichte von Bileam zeigt uns eine andere Real­ität:

  • Die Haupt­fig­ur der Geschichte — Bileam — wurde let­ztlich ganz von der mid­i­ani­tis­chen Kul­tur vere­in­nahmt, liess sich unter den Mid­i­an­itern häus­lich nieder und starb als ein­er der ihren durch die Hand des Volkes Gottes.
  • Das Volk Israel tat mit ihrem Flirt mit der moabitis­chen Spir­i­tu­al­ität mit­nicht­en einen Schritt hin zu ein­er Frei­heit. Im Gegen­teil! Man hat sich nur einem neuen, knech­t­en­den Meis­ter hingegeben.

Der Schritt weg von ein­er Regel­haftigkeit und hin zur Frei­heit buch­sta­bierte sich für das Volk Israel fol­gen­der­massen:

Und Isra­el begab sich unter das Joch des Baal-Peor (Num 25:3)

“Du sollst keine anderen Göt­ter haben neben mir” (Ex 20:3), lautet das erste der zehn Gebote.

Gottes Weg mit dem Volk Israel ist nie ein­er der Reli­gionsver­mis­chung. Vielmehr schafft er sich aus den hei­d­nis­chen Kul­turen der dama­li­gen Zeit her­aus ein Volk, welch­es ihm eigen ist, sich durch seine Ethik von den umliegen­den Kul­turen unter­schei­det und ein Zeug­nis unter den Völk­ern sein soll.

Der Ver­lust dieser klaren Iden­tität durch religiöse Assim­i­la­tion führt in der vor­liegen­den Geschichte zu ein­er tragis­chen Dez­imierung des Volkes. Wir soll­ten uns nichts vor­ma­chen: Eine Kirche, welche in unser­er Zeit den Weg des Synkretismus geht, wird eben­so schrumpfen.


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4. ‘Ehe für alle’: Segnen, was Gott nicht segnet?

Die Geschichte rund um Bileam liefert uns auch inter­es­sante Ein­sicht­en rund um die aktuelle Diskus­sion zur Ehe für alle.

Sexualität als Bekenntnis

In einem aus­führlichen Artikel haben wir uns zum Beken­nt­nisas­pekt der ‘Ehe für alle’ geäussert. Die Äusserun­gen des Rates des SEK, dass die Fra­ge des Ehe­ver­ständ­nis­ses kei­nen Bekennt­nis­cha­rak­ter habe, wer­den durch die vor­liegende Geschichte deut­lich in Frage gestellt.

Das Ende der Reise in die sex­uelle Befreiung ist für das Volk Israel eben genau ein neues Glaubens­beken­nt­nis. Das sex­uell befre­ite Volk beg­ibt sich unter das Joch des Baal-Peor (Num 25:3). Die Lit­er­atur macht klar, wie entschei­dend beim Kult des Baal-Peor die sex­uelle Kom­po­nente war:

Die Anbe­tung dieses Götzen bestand daraus, jenen Teil des Kör­pers zu exponieren, welch­er alle Men­schen nor­maler­weise mit grösster Sorgfalt zu ver­ber­gen suchen. Jew­ish Ency­clo­pe­dia, eigene Über­set­zung

Es ist eine Illu­sion zu denken, das Sex­u­al­ität und Anbe­tung nichts miteian­der zu tun hät­ten. Im Gegen­teil: Sex­uelle Prak­tiken und die Anbe­tung ein­er Got­theit waren nicht nur in dieser Geschichte und den Kul­turen zu Zeit­en des Alten Tes­ta­ments eine natür­liche Ein­heit. Durch die entsprechen­den Sex­u­al­prak­tiken öffnete man sich für den jew­eili­gen religiösen Kult. Und umgekehrt öffnete man sich durch die Zuwen­dung zu einem Kult auch gegenüber den mit ihr ver­bun­de­nen Sex­u­al­prak­tiken.

Dass auch heute noch die gle­ichen Mech­a­nis­men wirken, macht unser Artikel über ‘Ehe für alle’ und andere Reli­gio­nen deut­lich. Entsprechend geht die wach­sende gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ein­her­ mit ein­er Zunah­me des Ein­flus­ses der entsprechen­den non-dualen Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen (vor allem östlich-monis­tis­che Reli­gio­nen und Spir­i­tu­al­ität).

Sex­u­al­ität und religiös­es Beken­nt­nis sind eng miteinan­der verknüpft. Dies wird durch die Bileamgeschichte sehr deut­lich.

Segnen, was Gott nicht segnet

Ein weit­er­er Berührungspunkt im Bezug auf die ‘Ehe für alle’ ist der Aspekt des göt­tlichen Segens.

Der Wun­sch von Bal­ak an Bileam ist klar:

So komm nun und ver­fluche mir dieses Volk, denn es ist mir zu mächtig; vielle­icht kann ich es dann schla­gen und aus dem Land treiben; denn ich weiß: Wen du seg­nest, der ist geseg­net, und wen du ver­fluchst, der ist ver­flucht! (Num 22:6)

Gle­ich wie Bal­ak den Seher Bileam zu ein­er bes­timmten Hand­lung bewe­gen wollte, will unsere säku­lare Gesellschaft heute unsere Kirchen zum Segen für die ‘Ehe für alle’ bewe­gen. Doch die Geschichte von Bileam macht deut­lich, dass das Zus­prechen von Segen nicht in der Ver­fü­gung von Men­schen ste­ht. Was Gott nicht ver­flucht, kann der Men­sch nicht ver­fluchen, und was Gott nicht seg­net, kann der Men­sch nicht seg­nen.

Genau dies betont eine Gruppe von über 200 Pfar­rern und The­olo­gen aus der Schweiz in ihrer aktuellen Erk­lärung zur ‘Ehe für alle’:

Die Kirche kann daher nicht nach eigen­em Gut­dünken über den Segen Gottes ver­fü­gen. Ein Segen ohne Segen­szusage Gottes ist nicht nur kein Segen, son­dern ein Miss­brauch des Namens Gottes, wovor uns die Schrift warnt. «Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht miss­brauchen, denn der HERR wird den nicht unges­traft lassen, der seinen Namen miss­braucht» (Ex 20:7) «Habt ihr nicht gele­sen…?» Erk­lärung zur «Ehe für alle» in der Kirche

In einem Kom­men­tar zu Aus­sagen Got­tfried Lochers zur ‘Ehe für alle’ stellt Dr. Ben­jamin Kilchör, Fach­bere­ich­sleit­er Altes Tes­ta­ment an der STH Basel im Zusam­men­hang mit der Bileams­geschichte fest:

Ein kirch­lich­er Segen hat seine Kraft einzig und allein aus dem Wort Gottes. Wed­er die Kirche noch ein einzel­ner Pfar­rer noch ein ‘ober­ster Protes­tant’ kann über diesen Segen ver­fü­gen … Die Kirche wird nie etwas seg­nen kön­nen, was nicht unter Gottes Segen ste­ht, weil sie Gott nicht im Griff hat und nicht über ihn ver­fü­gen kann. Ein eigen­mächtiger Segen ist bedeu­tungs­los. Dr. Ben­jamin Kilchör

Der Schöp­fungssegen (Gen 1:28), in dem der Ehe­segen grün­det, bein­hal­tet den Aspekt der Lebensweit­er­gabe als Gottes Gabe. Die Heiligkeit men­schlichen Lebens ist damit ein wesentlich­er Grund für den beson­deren Schutz und Segen der Ehe zwis­chen Mann und Frau — eine Grund­lage, welche bei der Ehe für alle nicht gegeben ist.


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5. Sexuelle Befreiung: Wann geht es schief?

Im Bere­ich der Sex­u­alethik mehren sich auch inner­halb der west­lichen Kirchen die Stim­men, welche mit Blick auf die neuen gesellschaftlichen Real­itäten in unser­er Kul­tur nach ein­er zeit­gemässen Hal­tung der Kirchen rufen.

Diese Stim­men nehmen ver­schiedene For­men an und gehen bis hin zu den State­ments von Nadia Bolz-Weber. Diese — auch bei ‘pro­gres­siv­en’ The­olo­gen im freikirch­lichen Umfeld beliebte lutherische Pas­torin – hat sich zunehmend als Vorkämpferin für eine sex­uelle Befreiung inner­halb der Kirche posi­tion­iert. Promi­nente Auftritte an Ver­anstal­tun­gen wie dem Deutschen evan­ge­lis­chen Kirchen­tag 2017 in Berlin oder dem Emer­gent Forum 2016 in Frank­furt haben ihr auch im deutschsprachi­gen Raum zu ein­er Stimme ver­holfen.

Ihr neues Buch ‘Shame­less – a sex­u­al Ref­or­ma­tion’ ist kür­zlich eben­falls auf Deutsch erschienen. Die Stoss­rich­tung ist klar: Chris­ten sollen ihre ‘antiquierten und schädlichen’ Ideen über Sex able­gen, welche ihnen von den Kirchen einget­richtert wor­den sind. Die sex­uelle ‘Befreiung’, welche unsere säku­lare Gesellschaft über die ver­gan­genen 50 Jahre vol­l­zo­gen hat, ist nun auch in der christlichen Gemeinde über­fäl­lig.

Einige Ele­mente der von Bolz-Weber propagierten sex­uellen Ref­or­ma­tion:

Ein Recht auf ‘ethisch saubere’ Pornografie:

Jet­zt, es gibt Aspek­te von Gerechtigkeit und Aus­beu­tung inner­halb der Pornoin­dus­trie, keine Frage. Aber das bedeutet nicht, dass Pornografiekon­sum an den Pranger gestellt wer­den müsste. Es gibt ethisch hergestellte Pornografie. Nadia Bolz-Weber, eigene Über­set­zung

Die bib­lis­che Vertret­barkeit von Schwanger­schaftsab­brüchen ‘bis zum ersten Atemzug’:

Fakt ist, viele von uns haben eine Sicht, die Chris­ten und Juden für eine sehr sehr lange Zeit innehat­ten – dass, basierend auf der Schöp­fungs­geschichte in Gen­e­sis, das Leben mit dem Atem begin­nt. Nadia Bolz-Weber

In ihrer PR-Kam­pagne zum Buch wen­det sich Bolz-Weber aus­drück­lich gegen eine Kul­tur der Enthalt­samkeit und ruft ihre Leser auf, ‘Puri­ty rings’ einzuschick­en. Diese Ringe, welche den Entschluss ein­er Per­son bekun­den soll­ten, bis zur Ehe Enthalt­samkeit zu leben, sollen dann eingeschmolzen und zur Skulp­tur ein­er Vagi­na gegossen wer­den:

Ihr seid ein­ge­laden, eure Rein­heits-Ringe einzuschick­en, damit sie eingeschmolzen und zu ein­er Vagi­na gegossen wer­den kön­nen … Als Dankeschön wirst du ein von mir unter­schriebenes ‘Zer­ti­fikat der Unrein­heit’ bekom­men wie auch einen Ring der Schamlosigkeit/Unreinheit. Nadia Bolz-Weber, eigene Über­set­zung

Die Idee, dass es so etwas wie ‘ethisch saubere Pornografie’ gibt, dürfte jed­er Per­son, die seine per­sön­lichen Erfahrun­gen mit der The­matik hat, als Wider­spruch in sich vorkom­men. Pornografie ist immer mit sex­ueller Objek­ti­fizierung ver­bun­den. Und die PR-Aktion mit den eingeschmolzenen Rin­gen erin­nert lei­der nur zu gut an bekan­nte Ereignisse im Alten Tes­ta­ment (vgl. Ex 32:1–6).

Für mich per­sön­lich ist es erstaunlich zu sehen, wie viel Wohlwollen und Zus­tim­mung Bolz-Weber auch nach solchen Aus­sagen von Chris­ten bekommt. Die deutsche Über­set­zung von ‘Shame­less’ ist im bekan­nten christlichen Ver­lag Bren­dow erschienen. Es find­en sich christliche Mei­n­ungs­mach­er, The­olo­gen und Dozen­ten von freikirch­lichen Bibelschulen unter der Schar, welche Bolz-Weber offen auf Face­book applaudieren. Ein Beispiel dafür ist die in vie­len Freikirchen bekan­nte Sex­u­alther­a­peutin und Autorin Veroni­ka Schmidt. Sie kom­men­tiert wohlwol­lend die Anliegen von Bolz-Weber.

Und ich? Ich ver­ste­he die Welt nicht mehr. Wie kann man sich nur der­art unkri­tisch zum Sprachrohr ein­er Per­son machen, welche grundle­gend­ste christliche Überzeu­gun­gen der­massen mit den Füssen tritt? Schein­bar liegt das heute alles im Tol­er­anzbere­ich ein­er Chris­ten­heit, welche nicht mehr weiss, ‘was oben und was unten’ ist.

Zweifel­los greifen Per­so­n­en wie Bolz-Weber oder Veroni­ka Schmidt auch The­men auf, welche tat­säch­lich von der christlichen Gemein­schaft disku­tiert wer­den soll­ten. Und es ist wichtig, dass wir als Chris­ten auch in Fra­gen der Sex­u­al­ität sprach­fähig wer­den. Wer dem Men­schen aber eine Frei­heit und Offen­heit in der Sex­u­al­ität schmack­haft machen will, sollte dies INNERHALB der lebens­fördern­den bib­lis­chen Leit­planken tun und nicht ausser­halb. Der Grund dafür ist ein­fach: Erst wenn wir unsere Sex­u­al­ität in Ein­klang brin­gen mit der Idee unseres Schöpfers, wer­den wir als Men­schen heilen und auf­blühen.

Der Schaden für Leben und Glauben ist gross

Eine ausser­halb der bib­lis­chen Grund­sätze gelebte Sex­u­al­ität ist let­ztlich dem Leben nicht förder­lich. Die Fol­gen von Seit­en­sprün­gen für Fam­i­lien und Ehep­aare sind drama­tisch. Die Auswirkun­gen von Pornografiekon­sum für die Beziehungs­fähigkeit eines Men­schen eben­falls. Die Seel­sorgez­im­mer der Kirchen und die Sofas der Psy­chi­ater sind gefüllt mit Men­schen, welche Gren­züber­schre­itun­gen und Zer­bruch im Bere­ich der Sex­u­al­ität ver­ar­beit­en müssen. Die einzi­gen Gewin­ner sind die Psy­chi­ater, die ihren Leben­sun­ter­halt damit ver­di­enen.

Eine ausser­halb der bib­lis­chen Leit­planken gelebte Sex­u­al­ität gefährdet auch den Glauben. Bere­its in unserem Artikel über Glaubens­fra­gen und ‑zweifel haben wir darauf hingewiesen, dass für manche Per­so­n­en das Beschre­it­en eines per­sön­lichen Lebensweges jen­seits der bish­er geglaubten christlichen Moralvorstel­lun­gen mit Glauben­szweifeln ein­herge­ht.

Ger­ade dieser Tage erre­icht uns die Nachricht von John Crist, einem bekan­nten christlichen US-Komik­er, der jahre­lang seine Beliebtheit genutzt hat, um kör­per­lichen Kon­takt mit Frauen zu bekom­men. Ins Auge sticht im aufdeck­enden Artikel fol­gende Aus­sage:

Crist benutzte seinen guten christlichen Ruf, um das Ver­trauen von Frauen zu gewin­nen. In min­destens zwei Fällen trug dies dazu bei, dass sie — Nora und Lind­sey — den Glauben ver­loren. Keine der bei­den beze­ich­net sich heute noch als Christ. Charis­ma Mag­a­zine, eigene Über­set­zung

Die gute Gabe der Sex­u­al­ität hat, wenn wir sie nicht im Sinn ihres Schöpfers und Urhe­bers ausleben, gross­es Zer­störungspo­ten­tial. Sie kann unser Innen­leben beein­trächti­gen, unsere Beziehun­gen zer­stören und nicht zulet­zt unseren Glauben.

Ist die Lösung tat­säch­lich auch für uns Chris­ten, eine nahezu schranken­lose Frei­heit im Bere­ich der Sex­u­al­ität auszu­rufen? Ich per­sön­lich glaube nicht. Die Bibel warnt uns aus­drück­lich vor ein­er beliebi­gen Sex­u­al­ität der per­sön­lichen Lus­ter­fül­lung (Bsp: 1Kor 6:12–20, 1Thes 4:3–5).

Die Schwächsten bezahlen den Preis

Nicht zulet­zt ist beze­ich­nend, wie die sex­uelle Rev­o­lu­tion der ver­gan­genen Jahrzehnte Hand in Hand mit der Legal­isierung von Abtrei­bun­gen ein­herge­gan­gen ist. Dies ist auch bei Nad­ja Bolz-Weber nicht anders. Die sex­uelle ‘Ref­or­ma­tion’, welche sie uns Chris­ten schmack­haft machen will, hat einen äusserst bit­teren Beigeschmack: Die offene Befür­wor­tung der Tötung unge­bore­nen Lebens. Kinder als ‘lästiges’ Neben­pro­dukt der men­schlichen Frei­heit.

Die Opfer auf dem Altar der sex­uellen Frei­heit sind unter anderem Kinder. Das war zu Zeit­en Bileams nicht anders. Auch die Götzenkulte der dama­li­gen Zeit waren nicht nur mit dem Ausleben sex­ueller Freizügigkeit ver­bun­den, son­dern auch mit Tötungsritualen von Kindern (vgl. z.B. 2 Kö 3:27, Deut 12:31, Deut 18:9–10). Wenn in unser­er Zeit sex­uelle Frei­heit Hand in Hand mit dem Tod der Schwäch­sten der Gesellschaft ein­herge­ht, so ist dies lei­der nur eine Wieder­hol­ung der Geschichte. Dann ist diese Kul­tur der ‘Liebe’ nicht der ver­sproch­ene Fortschritt, son­dern lediglich der Rück­griff auf alte Zeit­en des Pagan­is­mus.


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6. Kirchen: Warum schrumpfen sie?

Die Art und Weise, wie die Geschichte von Bileam den Leser der heili­gen Schrift bis in die Send­schreiben der Offen­barung hinein begleit­et, macht deut­lich, dass es bei dieser Geschichte um mehr geht, als um eine ein­ma­lige Lek­tion. Es geht bei dieser Geschichte um eine Lek­tion für das Volk Gottes zu allen Zeit­en.

Die Achilles­ferse des Volkes Israel ist eben­so diejenige der Gemeinde Jesu. Und auf diese Achilles­ferse muss die Gemeinde immer wieder hingewiesen wer­den. Der ‘Rat des Bileam’ ist die bewusste und teu­flis­che Strate­gie, wie die Gemeinde von Jesus zu tren­nen ist: Das Volk, welch­es andere Göt­ter neben ihren Gott set­zt, wird den einen wahren Gott let­ztlich ganz ver­lassen (Ex 20:3). Das Volk, welch­es sich mit sein­er Ethik an anderen Göt­tern aus­richtet, wird diesen let­zlich ganz anhangen.

Wie der Seher Bileam viel anfäl­liger war, als es ober­fläch­lich den Anschein machte, so war das Volk Israel wesentlich gefährde­ter, als es sich dessen bewusst war.

Genau­so gefährdet ist auch heute die christliche Gemeinde. Nur zu schnell erliegen wir der teu­flis­chen Ein­flüsterung, dass wir es uns doch gemütlich machen kön­nen in der uns umgeben­den nichtchristlichen Kul­tur — dass die Götzen unser­er Zeit doch unserem Glauben nichts anhab­en wer­den.

Das ist die teu­flis­che Ein­flüsterung, die auch ans Volk Israel ergan­gen ist: Dass wir ruhig unseren Trieben nachge­hen kön­nen, dass unsere moralis­chen und ethis­chen Entschei­dun­gen doch sich­er nicht unsere Beziehung zu Gott beein­trächti­gen kön­nen. Solche Ein­flüsterun­gen sind Lügen. Und sie führen auch heute noch die Gemeinde Jesu ins Verder­ben, wie sie zu Zeit­en Bileams das Volk Israel ins Verder­ben geführt haben.

Die Geschichte von Bileam und die damit im Zusam­men­hang ste­hen­den neutes­ta­mentlichen Stellen war­nen uns ein­dringlich vor ein­er beliebi­gen Über­nahme ein­er uns umgeben­den Kul­tur. Heute stellt sich die Frage, ob sich die Kirche in ein­er post-christlichen Kul­tur nicht vielmehr durch erhöhte Wach­samkeit und the­ol­o­gis­che Sta­bil­ität ausze­ich­nen sollte. Dies auch ger­ade in Anbe­tra­cht ihrer eige­nen Anfäl­ligkeit, welche in der Bibel so klar doku­men­tiert ist. Einen solchen Schluss legt uns jeden­falls die Geschichte von Bileam und Israel nahe. Nur eine Kirche, welche die Schrift als mass­gebende und zurecht­brin­gende Kraft behält, erhält sich auch ihre kul­turkri­tis­che Funk­tion und ihre Wirkung als ‘Salz und Licht’ der Welt (vgl. Mt 5:13–15).

Eine Dez­imierung war die natür­liche Folge für ein Volk, welch­es sich auf solche Ein­flüsterun­gen und Lügen ein­ge­lassen hat­te (Num 25:9). Genau­so tut die Gemeinde auch heute gut daran, ihr Herz nur an den einen Gott zu hän­gen und keine falschen Kom­pro­misse einzuge­hen. Die Ver­wüs­tun­gen in Kirchen und Denom­i­na­tio­nen, welche sich auf den Weg Bileams begeben, sind auch heute nicht von der Hand zu weisen. Als Beispiel kön­nen moralis­che Fehltritte von Leitungsper­so­n­en oder deren the­ol­o­gis­che Legit­imierung aufge­führt wer­den. Das Resul­tat ist immer der Ver­lust an Kraft, Leben und göt­tlich­er Dynamik in der Gemeinde. Solche Sit­u­a­tio­nen rufen nach Men­schen, die auf­ste­hen und die Gemeinde zurück­rufen in Nach­folge und Treue zu Gott allein (vgl. Num 25:11).

Die Geschichte von Bileam macht aber auch das andere klar: Dieses ‘Volk Gottes’ ist unglaublich geliebt und hat in Gott einen Hirten, dessen Treue uner­schüt­ter­lich ist. Nichts kann Gott davon abhal­ten, seinen Teil des Bun­des einzuhal­ten, welchen er mit seinem Volk einge­gan­gen ist. Die Geschichte von Bileam deutet ja auch auf das Kom­men von Jesus hin, dem guten Hirten, der sein Leben für seine Schafe gibt (Num 24:17, vgl. Joh 10:11).

Lass uns nicht dem Rat Bileams fol­gen, son­dern dem Rat des Her­rn, der uns durch sein Wort den Weg weisen will.


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7. Falsche Propheten: Gibt es noch ‘Bileams’?

Der Ein­blick in die Geschichte Bileams kann uns helfen, auch in unser­er Zeit mit einem dif­feren­zierten Blick Men­schen einzuschätzen.

Bileam hat auf seinem Weg ins Verder­ben tat­säch­lich wieder­holt Gottes Wahrheit betr­e­f­fend dem Volk Gottes aus­ge­sprochen. Es ist keines­falls so, dass bei Bileam nichts Gutes gewe­sen wäre. Man kann eigentlich nur Staunen, wie er dreimal dem Wun­sch des moabitis­chen Königs wider­standen hat, das Volk Gottes zu ver­fluchen. Das macht auch die Ein­schätzung sein­er Per­son nicht so ein­fach. Erst nach und nach zeigt sich ein Gesamt­bild, und in den Fein­heit­en des Ver­hal­tens wer­den die Moti­va­tio­nen und Ziele erkennbar.

Wir ler­nen Bileam vorder­gründig als Verkün­der der Worte Gottes ken­nen, als Prophet, der sog­ar das Kom­men des Mes­sias ankündigt. Und gle­ichzeit­ig müssen wir beim näheren Hin­schauen ent­deck­en, dass er der Urhe­ber ein­er der grössten Ver­führun­gen des Volkes Israel war. Er war der Ein­flüster­er des moabitis­chen Königs, der Ver­ant­wortliche für den Abfall des Volkes Israel in Götzen­di­enst und sex­uelle Unzucht. Bileam ist ein ‘Pro­to­typ’ des falschen Propheten. Das machen die neutes­ta­mentlichen Texte ganz deut­lich.

Wo es um Ver­feh­lun­gen ein­zel­ner Men­schen geht, ist die Bibel sehr klar: Für den Sün­der hat Gott jeder­zeit Ver­ge­bung und Gna­de bere­it. Genau­so sol­len auch wir mit der nöti­gen Demut und im Wis­sen um unse­re eige­ne Bedürf­tig­keit ande­ren Men­schen begeg­nen (vgl Röm 3:23–24, Röm 7:19, Mt 7:3, 2Kor 10:17).

Eine völ­lig ande­re Sache ist es aber, wenn der Sün­de eine theo­lo­gi­sche, lehr­mäs­si­ge Legi­ti­mie­rung erteilt wird. Hier for­dern uns die bib­lis­chen Texte dazu auf, fal­schen Leh­ren und ihren Ver­tre­tern ent­ge­gen­zu­tre­ten. Die Liste der Bibel­stel­len, wo mit fal­schen Leh­rern hart ins Gericht gegan­gen wird, ist lang. Wie­der­holt wird in der Bibel vor sol­chen Men­schen gewarnt (vgl z.B: Jes 5:20; Mt 15:14; Röm 16:17–19, Gal 1:8).

Unter Punkt 5 in diesem Artikel sind wir auf die pop­uläre The­olo­gin Nadia Bolz-Weber einge­gan­gen. Auch in ihren State­ments find­en wir sehr wohl ‘Wahres’ und ‘Gutes’. Dies sollte aber nicht darüber hin­wegtäuschen, dass ihre Stand­punk­te grösste Wider­sprüche zu den Ide­alen der Bibel ergeben. Kön­nte es sein, dass Nad­ja Bolz-Weber Irrlehre ver­bre­it­et, wie Bileam es tat? Bewirkt diese Irrlehre, da wo sie geglaubt wird, dass die Gemeinde sich von Jesus tren­nt? Bolz-Weber muss sich diese Frage auf jeden Fall gefall­en lassen.

Es scheint so, als ob Bolz-Weber mit ihren Posi­tio­nen den Weg in die Gegen­wart­skul­tur kon­se­quenter beschre­it­et als andere. Dies sollte uns aber auch hell­hörig machen bezüglich der The­olo­gen und Fach­per­so­n­en, welche Bolz-Weber applaudieren. Nadia Bolz-Weber denkt schlussendlich ja nur kon­se­quenter zu Ende, was bei anderen im Ansatz die gle­iche Stoss­rich­tung hat. Die ‘Früchte’, welche wir bei ihr schon in aus­gereifter Form vorfind­en, sind mit der nöti­gen Aufmerk­samkeit in weniger aus­gereifter Form auch bei anderen Per­so­n­en zu ent­deck­en.

Es geht nun keineswegs darum, dass wir ‘Jagd’ auf falsche Propheten machen sollen. Aber wir müssen uns als Chris­ten bewusst sein, dass wir uns in ein­er geistlichen Kampf­zone befind­en. Mit bild­hafter Sprache ver­gle­icht die Bibel an diversen Stellen das Volk Gottes mit ein­er Schafherde, welche durch schlechte Hirten aus­ge­beutet und fehlgeleit­et wird (Hes 34:1–11) oder welche zer­streut und verän­stigt ist (Mt 9:36).

Der Bedarf an Ori­en­tierung ist ger­ade im Zeital­ter gross, wo jeglich­es Gedankengut durch die neue Medi­en­welt jedem ver­füg­bar ist. Die Geschichte von Bileam errin­nert uns daran: Nicht das offen­sichtlich Unwahre ist zu fürcht­en, son­dern das schein­bar Wahre. 


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8. Das Schwert Gottes: Wird die Bibel belanglos?

Auch im Umfeld evan­ge­lis­ch­er Freikirchen wird heute der exk­lu­sive Wahrheit­sanspruch der Bibel ver­mehrt in Frage gestellt. Der Zusam­men­hang dabei ist sehr oft, dass man die Gemeinde mit ein­er ‘pro­gres­siv­en’ Hal­tung in the­ol­o­gis­chen Fra­gen wieder gesellschaftlich rel­e­vant machen möchte.

Wie unkri­tisch pos­i­tiv die Gegen­wart­skul­tur teil­weise gedeutet wird, zeigt sich zum Beispiel im Blog­beitrag von Dave Jäg­gi, Stu­di­en­leit­er bei der selb­st­ge­nan­nt evan­ge­likalen Aus­bil­dungsstätte IGW. Gemäss ihm …

«…hat sich das Schriftver­ständ­nis und damit der Glaube und die Spir­i­tu­al­ität immer schon „dem Zeit­geist“ angepasst. Zum Glück! Lei­der hinken The­olo­gie und Kirche dem Zeit­geist nor­maler­weise hin­ter­her, wie z.B. die Stel­lung der Frau in der Kirche zeigt.» Dave Jäg­gi

Anders gesagt: Weil sich die Kirche sowieso der aktuellen Kul­tur anpassen wird, sollte diese Angle­ichung möglichst vor­angetrieben wer­den, damit die Kirche gesellschaftlich anschlussfähig bleibt.

Natür­lich ist es wichtig, dass unser Glaube für die Men­schen von heute zugänglich ist. Und natür­lich gilt es, auch unsere Überzeu­gun­gen immer wieder ein­er Über­prü­fung zu unterziehen. Beispiele aus den ver­gan­genen Jahrhun­derten zeigen ja auch, dass die Gemeinde Jesu nicht immer richtig gele­gen ist mit ihren Überzeu­gun­gen (zum Beispiel in der Sklaven­frage). In solchen Fällen kön­nen Kor­rek­turen, wenn es eine bib­lis­che Basis dafür gibt, dur­chaus ihre Berech­ti­gung haben – ja sog­ar ihre Notwendigkeit! Gle­icher­massen ist es aber wichtig, dort Rück­grat zu zeigen, wo keine bib­lis­che Basis für eine Kor­rek­tur vorhan­den ist.

Wenn man über die Rolle der Bibel für die Kirche nach­denkt, so macht man auch in der Geschichte von Bileam eine wichtige Ent­deck­ung. Es ist näm­lich beze­ich­nend, dass dort der Engel des Her­rn mit einem ‘gezück­ten Schw­ert in sein­er Hand’ beschrieben wird (Num 22:31). Dieses Schw­ert ste­ht für das Wort Gottes und ist ein Bild, welch­es uns bis ins Neue Tes­ta­ment hinein begleit­et (vgl. Eph 6:17 oder Hebr 4:12). Es wird uns im let­zten Buch der Bibel im Mund des wiederk­om­menden Jesus Chris­tus gezeigt (vgl. Apk 1:16 oder Apk 19:15). Dieses Schw­ert ist es auch, welch­es Gott gegen die Irrlehrer in der Gemeinde Perg­a­mon richtet, welche sich der ‘Lehre Bileams’ angeschlossen haben (Apk 2:16).

Gottes Wort möchte uns immer wieder zurechthelfen (2Tim 3:16). Es ist ein schar­fes, durch­drin­gen­des und präzis­es Werkzeug in der Hand Gottes, mit welch­er er der Gemeinde und den einzel­nen Gläu­bi­gen die für ihre Gesund­heit nötige Pflege zukom­men lässt.

Dieses Wort Gottes ist auch inte­graler Teil der Waf­fen­rüs­tung Gottes (Eph 6:17) und damit wesentlich für unser Beste­hen als Chris­ten in dieser Welt. Dieses ‘Schw­ert des Geistes’ ist das Werkzeug, mit der wir im Stim­men­wirrwarr unser­er Zeit Gottes Sicht der Dinge erken­nen kön­nen (Hebr 4:12).

Da, wo die Kirche dieses Schw­ert (die Bibel) bei­seit­elegt, sein­er Autorität in der Kirche enthebt, sie durch Rel­a­tivierung ‘abs­tumpft’ oder ‘ver­formt’, geht die Fähigkeit ver­loren, gesellschaftlichen Entwick­lun­gen und Real­itäten nach Gottes Willen zu begeg­nen.

Auch für unsere Zeit gilt: Das Evan­geli­um von Jesus Chris­tus darf eine ‘Zumu­tung’ sein. Der Apos­tel Paulus hat es der Gemeinde in Korinth fol­gen­der­massen klargemacht:

… verkündi­gen wir Chris­tus den Gekreuzigten, den Juden ein Ärg­er­nis, den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, sowohl Juden als auch Griechen, [verkündi­gen wir] Chris­tus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.  (1Kor 1:23–24)

Die Frage ist: Sind wir bere­it, als Chris­ten in unser­er Zeit zu diesem Ärg­er­nis, dieser Torheit zu ste­hen?

Auch uns gilt der trös­tende Zus­pruch an die Gemeinde in Perg­a­mon: «Ich weiß, wo du wohnst» (Apk 2:13). Gott ist sich des Umfeldes sein­er Kirche sehr wohl bewusst. Es geht nicht darum, aus der Welt, in der wir leben, zu ‘fliehen’, son­dern uns in ihr zu bewähren als treue Zeu­gen von Jesus Chris­tus (vgl Jer 29:7).

Das Send­schreiben an die Gemeinde in Perg­a­mon und die Geschichte von Bileam machen klar: Chris­tus wird eine Gemeinde, die ihm ver­traut und seinem Wort treu bleibt, auch in einem feind­seli­gen Umfeld bewahren. Ja, ger­ade hier will er seine Gemeinde als Salz und Licht haben (Mt 5:13–16).

Die Geschichte von Bileam zeigt dabei schön, wie die Bibel let­z­tendlich nur als Gesamtwerk ver­standen wer­den kann. Mit ihrem dreifachen prophetis­chen Charak­ter (Botschaft für das Volk Israel, Prophetie Bileams auf Chris­tus hin, geistliche Deu­tung für die christliche Gemeinde) ist die Geschichte ins Gesamt-Nar­ra­tiv der Bibel einge­woben. Ihre Bedeu­tung und Botschaft erschliesst sich nur aus der Gesamtheit aller Infor­ma­tio­nen, welche wir über die ganze Bibel verteilt find­en.

Lass uns eine Art der Bibelausle­gung pfle­gen, welche die Schrift nicht auf falsche Weise selek­tiv auf die uns passenden Stellen reduziert. Lass uns die Bibel vielmehr als untrennbar ver­wobenes und zusam­men­hän­gen­des Gesamtkunst­werk ernst nehmen. Geben wir der Schrift die Erlaub­nis, bes­tim­mend über unsere The­olo­gie und unser Leben zu bleiben, kor­rigierend hineinzuwirken, und zwar nicht nur als Inspi­ra­tion, son­dern mit der in ihr vorhan­de­nen ‘Schärfe’, ihrer göt­tlichen Autorität.

Eine Kirche, welche sich so in der Welt bewegt, bleibt geseg­net und wird Bestand haben. Gemein­schaften, die sich let­ztlich auf falsche Kom­pro­misse und Ver­mis­chun­gen ein­lassen, wer­den verge­hen.


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9. Die Esel Gottes: Warum braucht es sie?

Die einzige Fig­ur, die in der Geschichte Bileams einen unver­stell­ten Blick auf die göt­tliche Real­ität hat, ist ein Esel. Lass uns Esel sein, die mit ein­er gesun­den Skep­sis gegenüber ein­er selb­ster­nan­nten the­ol­o­gis­chen Elite den Glauben leben — aber umso mehr mit einem gesun­den Ver­trauen gegenüber der Bibel als dem Wort Gottes für uns.

Es ist beze­ich­nend, dass auch Jesus diese Ein­stel­lung an den Tag legt. Von den Phar­isäern mit ein­er spitzfind­i­gen Frage kon­fron­tiert zeigt Jesus genau dieses Grund­ver­trauen, indem er auf die SCHRIFT als REDEN GOTTES zurück­greift:

Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Habt ihr nicht GELESEN, dass der Schöpfer sie am Anfang als Mann und Frau erschuf und SPRACH: »Darum wird ein Mann Vater und Mut­ter ver­lassen und sein­er Frau anhän­gen; und die zwei wer­den ein Fleisch sein«? (Mt 19:4–5, vgl. 1. Mose 2:24)

Es ist kennze­ich­nend, dass im orig­i­nalen Text in Gen 2:24 nicht ste­ht, dass der Text ein Reden Gottes ist. Jesus weiss aber, dass dem so ist und klärt das mit sein­er Aus­sage. Jesus stellt die altteste­mentlichen Schriften, wie sie seine Zeitgenossen lesen kon­nten, mit dem gesproch­enen Wort Gottes gle­ich. Auch wir dür­fen mit dem­sel­ben Grund­ver­trauen wie Jesus an unsere Lek­türe der Bibel gehen.

Was für ein anderes Bild bietet sich da, wenn wir uns beispiel­sweise die Ver­renkun­gen gewiss­er The­olo­genkreise vor Augen führen in ihrem Bemühen, klare bib­lis­che Prinzip­i­en im Bere­ich der Sex­u­al­ität auf einen gesellschafts­fähi­gen, aktuellen Stand zu brin­gen. Wenn die Bibel beispiel­sweise eine homo­sex­uelle Prax­is durchge­hend neg­a­tiv beurteilt, so muss sich doch irgend­wie ein Weg find­en lassen, ihr eine gegen­teilige Botschaft abzurin­gen.

Die dabei erziel­ten Resul­tate sind für den aufmerk­samen Leser nicht nur wenig überzeu­gend. Solch­es Vorge­hen ent­mutigt und ent­mündigt auch den ern­sthaft bibelle­senden Laien. Dieser Laie kön­nte auch bei einem dif­feren­zierten Lesen der Schrift niemals auf die Ergeb­nisse der entsprechen­den Pro­tag­o­nis­ten kom­men. Er muss deshalb davon aus­ge­hen, dass auch die klarsten Aus­sagen der Schrift eine gegen­teilige Bedeu­tung haben kön­nten. Die Bibel wird auf diese Weise dem ‘ein­fachen Volk’ wieder aus der Hand genom­men und zum exk­lu­siv­en Fachge­bi­et ein­er ‘wis­senden Elite’ gemacht. Lasst uns also wieder ‘Esel’ sein, denn der Esel war der einzige, der bei Bileam die Klar­sicht hat­te.

Die Infragestel­lung göt­tlich­er Worte ist nicht neu: Gemäss dem bib­lis­chen Zeug­nis hat sich schon die Schlange im Garten Eden des Instru­ments der Ver­drehung oder Ver­for­mung der klaren Worte Gottes bedi­ent, um die ersten Men­schen zu ver­wirren und zu ver­führen (Gen 3:1, vgl. Gen 2:16–17).

Liebe ‘Laien’, liebe Basis-Chris­ten, liebe ‘Esel’ Gottes: Lasst uns nicht ver­wirrt und ent­mutigt wer­den! Lasst uns das Prinzip des Priester­tums aller Gläu­bi­gen leben (vgl. Offb 1:6)! Wenn wir die Bibel lesen, hören wir Gott zu uns reden. Und dieser Gott spricht in Klarheit und Ver­ständlichkeit — so, dass alles Wesentliche von jedem ver­standen wer­den kann, der die Bibel mit einem hören­den Herzen studiert.

Lasst uns mutig unsere Erken­nt­nisse teilen! Nicht immer wer­den unsere Ausle­gun­gen zu 100 Prozent stim­men. Das ist bei studierten The­olo­gen und Wis­senschaftlern nicht anders. Das Wis­sen um unsere eigene geistliche Bedürftigkeit ist die viel wesentlichere Grund­lage, um Gottes Reden zu ver­ste­hen, als Wis­sen und Bil­dung (vgl. Mt 5:3). Wir haben einen Vater im Him­mel, der Wohlge­fall­en daran hat, Dinge den Weisen und Klu­gen zu ver­ber­gen und es den Unmündi­gen zu offen­baren — den ‘Eseln’ Gottes (vgl. Lk 10:21).

2 Comments
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    KS 11 Monaten ago
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    Den Artikel finde ich her­vor­ra­gend, was nicht heisst, dass ich mit allem d’ac­cord gin­ge. Mit manchem habe ich noch keine fer­tige Mei­n­ung. Doch dem kann ich nur zus­tim­men: “Heu­te stellt sich die Fra­ge, ob sich die Kir­che in ein­er post-christ­li­chen Kul­tur nicht viel­mehr durch erhöh­te Wach­sam­keit und theo­lo­gi­sche Sta­bi­li­tät aus­zeich­nen soll­te”!!!!!!

    Vie­len Dank für die Erläuterun­gen zu Bileam im Zusam­men­hang der ver­schiede­nen Bibel­stellen — eine sich­er sehr wichtige Geschichte! Viele anderen Aus­führun­gen finde ich auch sehr span­nend und inter­es­sant.

    Deine Auseinan­der­set­zung mit Nad­ja B.-W. erin­nert mich sehr an das, was ich in dem Buch über Kirchengeschichte von A. Sier­szyn neulich gele­sen habe über die Chris­ten der ersten Jahrhun­derte, ins­beson­dere i. über Ter­tul­lian. Die Vorstel­lung, dass Pornografie ok sein kön­nte, finde ich der­art entset­zlich men­schen- und frauen­feindlich, dass ich mir das nur damit erk­lären kann, dass sie nicht real­isiert, wie sehr das die Men­schen­würde der Betrof­fe­nen anrührt. Die Tren­nung von Sex­u­al­ität und liebevoller Verbindung, die Gott ursprünglich aber ver­bun­den in uns angelegt hat, ist auch poten­tiell so schmerzhaft und führt zu so viel Ungutem, dass ich annehme, dass sie selb­st Gottes wun­der­schöne Anerken­nung darin lei­der nicht ken­nt.…

    Ich habe den Artikel von Paul gele­sen, möchte aber trotz­dem zu fol­gen­dem Satz etwas anmerken: “Ent­spre­chend geht die wach­sen­de gesell­schaft­li­che Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät ein­her­ mit ein­er Zunah­me des Ein­flus­ses der ent­spre­chen­den non-dua­len Reli­gio­nen und Welt­an­schau­un­gen (vor allem öst­lich-moni­sti­sche Reli­gio­nen und Spi­ri­tua­li­tät)”:

    Die Akzep­tanz Homo­sex­ueller geht auch ein­her mit ein­er zunehmenden Real­i­sa­tion dessen, was Men­schen­rechte für alle bedeutet, denke ich. Homo­sex­u­al­ität gab es soviel ich weiß durch die Men­schheits­geschichte hin­durch, aber bis in unsere Zeit hinein wer­den Homo­sex­uelle psy­chisch und teils auch physisch bestraft. Dass die Akzep­tanz von Homo­sex­u­al­ität primär mit der Akzep­tanz der nicht dualen Reli­gio­nen zu tun hat, weiß ich nicht. Ich habe aber schon den Ein­druck, dass unsere Gesellschaft durch die Auseinan­der­set­zung mit ins­beson­dere dem Bud­dhis­mus und weg vom Chris­ten­tum zu ein­er the­o­retisch weniger verurteilen­den und annehmenderen Hal­tung gefun­den hat. Mein Ein­druck ist es, dass auch das freikirch­liche Chris­ten­tum sich durch diese gesellschaftliche Wand­lung verän­dert hat weg von Verurteilung hin zu ein­er stärk­eren Beto­nung von Selb­st­wert­stärkung durch den Glauben und Gnade, um es sehr verkürzt zu sagen. Das war jet­zt eine kurze Anmerkung mit vie­len Worten.

    Vie­len Dank jeden­falls für den gehaltvollen Beitrag!

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 11 Monaten ago
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      Danke KS für dein aus­führlich­es und wohlwol­len­des Feed­back! Mich bet­rifft ja vor allem das, was du am Schluss sagst. Ich muss zugeben, dass du recht hast. Da ist was dran! Ich wün­schte, dass unsere Kul­tur und Kirchen nicht erst in der Begeg­nung mit den östlichen Weltan­schau­un­gen akzep­tieren­der gewor­den wären! Ich wün­schte, die nötige Kor­rek­tur wäre durch eine ver­tiefte Auseinan­der­set­zung gekom­men mit der Bibel und der christlichen Weltan­schau­ung. Dies ist unter anderem nicht passiert, weil die Kirche zu sehr mit der dama­li­gen Gegen­wart­skul­tur ver­woben war. Die Kirche war neg­a­tiv eingestellt gegenüber Homo­sex­u­al­ität, weil die dama­lige Gegen­wart­skul­tur neg­a­tiv eingestellt war. Man benutzte auch die Bibel um das innerkirch­lich zu begrün­den. Es lief sehr ähn­lich wie beim The­ma Sklaverei. Wenn Kirchen und Gemein­den damals ‘counter-cul­tur­al’ gelebt hät­ten, weil sie von ein­er richtigen/guten Ausle­gung der Bibel inspiri­ert waren, hät­ten sie Homo­sex­uelle in ihren Gemeinde aufgenom­men in ein­er Weise, wie sie son­st in der Kul­tur nicht aufgenom­men wur­den. Nun, für diese Fehler müssen wir uns entschuldigen. Und wir müssen darauf acht­en, dass wir diesel­ben Fehler nicht wieder­holen. Die Frage ist also: bei welchen Per­so­n­en-Grup­pen ist UNSERE Gegen­wart­skul­tur der­art neg­a­tiv eingestellt, dass wir sie als Gesellschaft auss­chliessen, für min­der­w­er­tig hal­ten, diskri­m­inieren? Und soll­ten wir in unseren HEUTIGEN Kirchen sie in ein­er Weise willkom­men heis­sen, wie sie in der Gesellschaft nicht angenom­men wer­den?!

      Ein zweit­er Gedanke. Die Begrün­dung der nicht-Diskrim­ierung ist aus christlich-weltan­schaulich­er Sicht ver­ankert in der Eben­bildlichkeit des Men­schen gegenüber Gott. Andere Weltan­schau­un­gen haben dieses sehr wichtige Ele­ment nicht. Im Hin­duis­mus sind die Men­schen eben grad NICHT alle gle­ich. Es ist his­torisch eher das christliche Welt­bild, welche eine Grund­lage bietet für eine umfassende nicht-Diskri­m­inierung. Die uni­versellen Men­schen­rechte sind z.B. begrün­det im christlichen Men­schen­bild der Eben­bidlichkeit Gottes. An diesem Punkt gibt es in deinem Argu­ment möglicher­weise eine Ver­mis­chung der Kat­e­gorien. Im Hin­duis­mus ist Homo­sex­u­al­ität akzep­tiert, aber nicht weil Homo­sex­u­al­ität Teil ein­er nicht-diskrim­ieren­den Ethik wäre. Der Grund für die hin­duis­tis­che Akzep­tanz von Homo­sex­u­al­ität ist, weil die Natur als göt­tlich ange­se­hen wird. Das Göt­tliche muss (da bin ich mit dem Hin­duis­mus einig) sowohl das Weib­liche wie auch das Männliche bein­hal­ten. Da es gemäss dem Hin­duis­mus ausser­halb der Natur keinen Schöpfer gibt, son­dern die Natur göt­tlich ist, muss das Weib­liche und Männliche im Wesen jedes einzel­nen Men­schen zu find­en sein. Und wenn ein Men­sch sich auf den Weg macht in eine grössere Göt­tlichkeit, muss dieser Men­sch das ihm innewohnende Weib­liche mehr vere­inen mit dem ihm innewohnen­den Männlichen. Der Erste Schritt in Rich­tung mehr-Göt­tlichkeit ist für Hin­dus das Aufgeben der Ehe (in der Ehe wird ja Männlichkeit und Weib­lichkeit getren­nt gehal­ten, darum muss die Ehe aufgegeben wer­den). Dann muss durch Med­i­ta­tion und mitunter durch sex­uelle Hand­lun­gen eine Vere­ini­gung der dem einzel­nen Men­schen innewohnende Weib­lichkeit und Männlichkeit erlangt wer­den. Homo­sex­u­al­ität, Bi- und Trans­sex­u­al­ität hat dort also vor allem damit zu tun, die umfassende Göt­tlichkeit zu erlan­gen und nicht mit Gle­ich­heit aller Men­schen. In unser­er Kul­tur argu­men­tieren wir für Homo­sex­u­al­ität über die nicht-Diskri­m­inierung. Wir schauen zum Hin­duis­mus, erken­nen dort eine pos­i­tive Sicht der Homo­sex­u­al­ität, und denken dann unkri­tisch, dass der Hin­duis­mus gegen Diskri­m­inierung sein muss. Der Grund für die Akzep­tanz von Homo­sex­u­al­ität ist im Hin­duis­mus eine völ­lig andere. Die Frage ist also: welche Weltan­schau­ung hat eine solide Grund­lage für die Gle­ich­w­er­tigkeit aller Men­schen. Und da kenne ich nur die judeo-christliche Weltan­schau­ung, welche diese Gle­ich­w­er­tigkeit begrün­det in der Tat­sache, dass es einen Schöpfer-Gott gibt, der alle Men­schen geschaf­fen hat.

      Meine Frage ist dann: Wenn unsere Gesellschaft das Fun­da­ment der christlichen Weltan­schau­ung ver­lässt, ver­lässt sie auch die damit ver­bun­dene Überzeu­gung der Gle­ich­w­er­tigkeit aller Men­schen. Und DAS kön­nte plöt­zlich ungeah­nte Fol­gen haben. Plöt­zlich wer­den zwar Homo­sex­uelle nicht diskri­m­iniert, aber andere Grup­pen. Und ich rede hier nicht primär von Chris­ten, welche diskri­m­iniert wer­den — das kann auch sein. Ich rede von den Schwachen unser­er Gesellschaft: Unge­borene, Frauen, Kranke, Alte, Men­schen mit Behin­derun­gen, psy­chisch Schwache, Pädophile, etc.

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