DNA (4/10): Revolutionäre Sexualität

Paul Bruderer
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«Wir brau­chen den gröss­ten Mut, uns auf eine ein­zi­ge ande­re Per­son ein­zu­las­sen. Die Ehe bie­tet den Schutz­raum, die­ses zu tun. Wenn man sich dann ero­tisch begeg­net, ent­steht Eksta­se und man erlebt dabei die Lie­be Got­tes. Alles ande­re ist erwei­ter­te Selbst­be­frie­di­gung.» (Kir­sti­ne Fratz zitiert einen unge­nann­ten Theo­lo­gen, Novem­ber 2018)

Die­ses Zitat fasst die revo­lu­tio­nä­re Sexu­al­ethik der Chri­sten zusam­men, wel­che eine radi­ka­le Alter­na­ti­ve dar­stell­te zu den sexu­al­ethi­schen Wer­ten der römi­schen Kul­tur zur Zeit von Jesus Chri­stus. Die christ­li­che Visi­on von Sexua­li­tät war anfäng­lich in der brei­ten Bevöl­ke­rung unpo­pu­lär und wur­de ver­spot­tet. Mit der Zeit wur­den die men­schen­freund­li­chen Vor­tei­le die­ser Visi­on erkannt, sodass sie inner­halb weni­ger Jahr­hun­der­te einen ‹Tur­naround› im römi­schen Reich bewirk­te. Lasst uns die­ser sexu­el­len Revo­lu­ti­on etwas auf die Spur kom­men! Immer­hin war sie Teil einer umfas­sen­den neu­en Sicht des Lebens der Chri­sten, wel­che dazu führ­te, dass die Gemein­de von Jesus trotz Ver­ach­tung und Ver­fol­gung das Herz der römi­schen Gesell­schaft mit der Lie­be Jesu erober­te und ver­än­der­te.


«Satyr und Mäna­de». Pro­sti­tu­ti­ons-Dar­stel­lung auf einem römi­schen Fres­ko in Pom­pe­ji

Römische sexuelle Freizügigkeit für Männer

Es gibt viel dar­über zu sagen, wie Sexua­li­tät in der römi­schen Gesell­schaft zur Zeit von Jesus aus­ge­lebt wur­de. Ich fokus­sie­re hier auf jene Merk­ma­le, wel­che ent­schei­dend dazu bei­tru­gen, dass die römi­sche Gesell­schaft irgend­wann die christ­li­che Sexu­al­ethik als eine Befrei­ung emp­fand und sie annahm.

Römi­sche sexu­el­le Moral war dop­pel­bö­dig, weil sie den Män­nern gros­se sexu­el­le Frei­zü­gig­keit gewähr­te, wäh­rend dies den Frau­en ver­wehrt blieb.

Bei den Ehe­frau­en ver­lang­te man ehe­li­che Treue und hat­te sogar Wor­te dafür. Frau­en, die zeit ihres Lebens einem ein­zi­gen Ehe­mann treu gewe­sen waren, wur­den auf ihrem Grab­stein oder in Grab­re­den als ‹uni­vi­ra› (latei­nisch) oder ‹mon­an­dros› (grie­chisch) gelobt, also als ‹Frau eines Man­nes›.

Es ist kenn­zeich­nend, dass es in die­sen Spra­chen kein Wort gab für das männ­li­che Gegen­stück, weil es als unaus­weich­lich galt, dass Ehe­män­ner mit mul­ti­plen Part­nern Sex haben wür­den. Es wur­de tole­riert und war üblich, dass Män­ner Sex mit vie­len Men­schen hat­ten, die im gesell­schaft­li­chen ‹Ran­king› unter ihnen waren, also mit ande­ren Frau­en, Skla­ven, hier­ar­chisch unter­ge­ord­ne­ten Män­nern sowie mit Pro­sti­tu­ier­ten. Auch Sex mit Teen­agern oder gar mit Kin­dern war akzep­tiert und wur­de sogar lyrisch gefei­ert von Autoren wie Juve­nal, Petro­ni­us, Hor­ace und ande­ren. Sex war also oft Aus­übung gesell­schaft­li­cher Macht.

Plut­arch erklär­te dies einer frisch ver­hei­ra­te­ten Frau namens Eury­di­ce:

Wenn dein Ehe­mann ein ‹pec­ca­dil­lo› mit einer Gelieb­ten oder Skla­vin hat, sei nicht empört oder wütend … Es ist sein Respekt für dich, der ihn dazu führt, sei­ne Aus­schwei­fung, Zügel­lo­sig­keit und Mut­wil­lig­keit mit ande­ren Frau­en zu tei­len. (zitiert in Instone-Bre­wer, Bibli­cal sexu­al ethics — eige­ne Über­set­zung)

Es exi­stier­ten nur weni­ge Gren­zen für die männ­li­che sexu­el­le Zügel­lo­sig­keit. Allem vor­an war Sex mit der Ehe­frau eines ande­ren Man­nes unan­ge­bracht, weil die Ehe­frau als Besitz des Ehe­man­nes galt. Es ging also nicht um die Frau und deren Wün­sche, son­dern dar­um, dass der Besitz­an­spruch des ande­ren Man­nes gewahrt blieb. Sex mit einer ande­ren Ehe­frau war de fac­to Dieb­stahl bei deren Ehe­mann.

Homo­se­xua­li­tät war gesell­schaft­lich akzep­tier­ter als bei uns und wur­de dif­fe­ren­ziert aus­ge­lebt. Man hört heu­te oft, dass Homo­se­xua­li­tät damals fast nur in der aus­beu­te­ri­schen Form von Päd­era­stie aus­ge­lebt wur­de — also Sex mit Kna­ben. Man sagt uns heu­te auch oft, dass homo­se­xu­el­le Ori­en­tie­rung etwas Moder­nes ist, das es frü­her nicht gab. Bei­de Behaup­tun­gen stim­men nicht mit den histo­ri­schen Fak­ten über­ein. Es stimmt, dass der Begriff ‹Homo­se­xua­li­tät› eine moder­ne Wort­schöp­fung ist. Aber schon Pla­to hat eine Schöp­fungs­ge­schich­te defi­niert, um eine homo­se­xu­el­le Iden­ti­tät zu begrün­den. Und John Bos­well zeigt, dass min­de­stens vier Arten aus­ge­leb­ter Homo­se­xua­li­tät gesell­schaft­lich akzep­tiert waren:

  • Zwei Frau­en oder zwei Män­ner hat­ten eine Lie­bes­be­zie­hung ohne gesetz­li­che Bin­dung.
  • Skla­ven, die manch­mal viel jün­ger waren als ihre Her­ren, wur­den von die­sen benutzt oder miss­braucht. Hier konn­te es auch zur Päd­era­stie kom­men, also zu sexu­el­len Hand­lun­gen mit männ­li­chen älte­ren Kin­dern.
  • Ein Ehe­mann konn­te sich nebst sei­ner Frau einen ande­ren Mann neh­men.
  • Schliess­lich gab es die Ver­hei­ra­tung zwei­er Män­ner.

Män­ner ver­such­ten zu ver­mei­den, der ‹wei­che­re› oder ‹unter­le­ge­ne› Part­ner beim homo­se­xu­el­len Sex zu sein. Auch hier zeigt sich der Sex als Aus­druck gesell­schaft­li­cher Macht.

Es geht mir nicht dar­um, das Bild der römi­schen Sexu­al­ethik schlech­ter dar­zu­stel­len als nötig. Sicher gab es Men­schen, die erfüll­ten ein­ver­nehm­li­chen Sex genos­sen. Es gab auch eini­ge weni­ge nicht-christ­li­che Kri­ti­ker der Sexu­al­ethik, deren Kri­tik auf die männ­li­che Frei­zü­gig­keit aus­ge­rich­tet war. Zum Bei­spiel lehr­te Muso­ni­us Rufus, dass Män­ner sexu­ell ent­halt­sam leben soll­ten wie ihre Ehe­frau­en. Sei­ne Begrün­dung ist inter­es­sant: Er glaub­te, dass Sex aus Freu­de am Sex grund­sätz­lich falsch sei — eine Auf­fas­sung, die der christ­li­chen Sexu­al­ethik wider­spricht, wie wir nach­her noch sehen wer­den. Zwei­tens war für Muso­ni­us die männ­li­che Frei­zü­gig­keit ein Man­gel an Selbst­be­herr­schung, was für den Mann beschä­mend sei. An die­sem Punkt erwies sich die christ­li­che Alter­na­ti­ve als Aus­weg in ein wür­de­vol­les Sexu­al­le­ben, weil sie Zugang zur sexu­el­len Selbst­be­herr­schung eröff­ne­te.

Zusam­men­ge­fasst kann man sagen, dass die römi­sche Sexu­al­ethik dop­pel­bö­dig war. Wäh­rend Män­nern nahe­zu alles zuge­stan­den wur­de, was ihre Frei­zü­gig­keit begehr­te, ver­lang­te man von Ehe­frau­en strik­te ehe­li­che Treue. Die Opfer die­ses sexu­el­len Macht­sy­stems waren Frau­en all­ge­mein, Kin­der, Skla­ven und Pro­sti­tu­ier­te (Pro­sti­tu­ier­te waren oft aus­ge­setz­te Babys, die auf­ge­le­sen wur­den, um spä­ter als Sex­skla­ven zu die­nen). Es sind die­se Opfer, die zu den Gewin­nern der sexu­el­len Revo­lu­ti­on wur­den, wel­che durch das Chri­sten­tum ins Römi­sche Reich Ein­zug hielt.


Bild: iStock

Revolutionäre christliche Sexualethik

Mit der Zeit erkann­te die römi­sche Gesell­schaft die christ­li­che Sexu­al­ethik als einen Aus­weg aus der frei­zü­gi­gen Dop­pel­mo­ral des männ­li­chen Macht-Sex. Man muss ver­ste­hen, dass die christ­li­che Sexua­li­tät ein ein­deu­ti­ger Gegen­ent­wurf zur römi­schen Sexu­al­ethik war, weil sie sich an einer ganz ande­ren Welt­an­schau­ung ori­en­tier­te — der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung.

So war christ­li­che Sexu­al­ethik nicht frei­zü­gig, son­dern ent­sa­gend. Sie beruh­te nicht auf Macht, son­dern auf Geschlecht. Chri­sten leb­ten ihren Sexu­al­trieb nicht belie­big aus, son­dern nur in der hete­ro­se­xu­el­len Ehe. Sie sahen Ent­halt­sam­keit als Aus­druck von Men­schen­wür­de; als Zei­chen, dass der Mensch fähig ist, frei zu agie­ren, ohne sei­nen Trie­ben aus­ge­lie­fert zu sein.

Moder­ne Leser müs­sen auf­pas­sen, die­se heu­te als kon­ser­va­tiv emp­fun­de­nen Wer­te nicht vor­schnell nega­tiv zu wer­ten. Auf dem Hin­ter­grund der wuchern­den miss­bräuch­li­chen Sexua­li­tät der römi­schen Gesell­schaft wur­den die christ­li­chen Wer­te als das erkannt, was sie auch heu­te noch sind: Eine sexu­el­le Befrei­ung in eine erfüll­te Sexua­li­tät hin­ein!

Wenn der Sexu­al­akt los­ge­löst statt­fin­det von einer lie­be­vol­len, ver­bind­li­chen sexu­el­len Bezie­hung, führt das aus christ­li­cher Sicht zu aus­höh­len­dem und unbe­frie­di­gen­dem Sex und dem­zu­fol­ge zu uner­füll­ter Sexua­li­tät. Die Kri­tik des Chri­sten­tums an der römi­schen sexu­el­len Frei­zü­gig­keit war also nicht die Häu­fig­keit des Sex-Habens, son­dern dass der Sex in einem unpas­sen­den Kon­text statt­fand.

Aus judeo-christ­li­cher Sicht war häu­fi­ger Sex mit dem Ehe­part­ner durch­aus erwünscht. Pau­lus mahnt dazu, in der Ehe nicht über län­ge­rem Zeit­raum sexu­ell ent­halt­sam zu leben (1. Kor 7:5). Rab­bi­ner gaben sogar Rat­schlä­ge, wie oft Ehe­paa­re Sex haben soll­ten. Der Rat hing prak­ti­scher­wei­se vom Beruf ab 🙂 Nor­ma­le Arbei­ter soll­ten gemäss Mish­nah Ketub 5.6 min­de­stens zwei­mal die Woche Sex mit der Ehe­frau haben. Bei Esel-Trans­por­tern (den Last­wa­gen­fah­rern der Anti­ke) reich­te ein­mal die Woche, da sie öfters aus­ser Haus waren. Arbei­ter auf Segel­schif­fen ein­mal im hal­ben Jahr — also bei jeder Rück­kehr von den lan­gen Arbeits­aus­flü­gen in der medi­ter­ra­nen Welt. Und Män­ner ohne Arbeits­ver­hält­nis soll­ten … täg­lich Sex haben. Kei­ne Spur von prü­der sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit hier!

Die Männer kommen in die Mangel

Die neu­te­sta­ment­li­che Sexu­al­ethik fokus­siert an vie­len Orten dar­auf, die sexu­el­le Frei­zü­gig­keit der männ­li­chen Kon­ver­ti­ten zum Chri­sten­tum zu kor­ri­gie­ren. Neu sol­len die­se aus­schliess­lich Sex mit der Ehe­frau haben. Pau­lus gibt den Frau­en radi­ka­ler­wei­se die glei­chen Rech­te wie den Män­nern und den Män­nern die glei­chen Pflich­ten wie den Frau­en (1. Kor 7:1 – 5). Christ­li­che Sexua­li­tät soll — nein: sie muss! — gleich­be­rech­tigt und ein­ver­nehm­lich sein! Wir ahnen, dass die Ehe­frau­en im römi­schen Reich die­se Ethik als eine tota­le Befrei­ung will­kom­men geheis­sen haben! Kei­ne dop­pel­bö­di­ge Sexu­al­mo­ral mehr!

Chri­sten unter­sag­ten in aller Klar­heit auch Sex mit Pro­sti­tu­ier­ten und damit auch die sexu­el­le Aus­beu­tung von Skla­ven. Eben­so ver­bo­ten Chri­sten Sex mit Kin­dern. Mar­tens zeigt, dass die Chri­sten das grie­chi­sche Wort für Sex mit Kin­dern ‹pai­de­ra­stēs› (Lieb­ha­ber von Kin­dern) ersetzt haben mit dem Wort ‹pai­do­phtho­ros› (Zerstörer/Korruptmacher von Kin­dern). So erscheint in einer der frü­he­sten christ­li­chen Lehr­tex­te der Befehl ‹Du sollst Kin­der nicht kor­rum­pie­ren› direkt nach dem Ver­bot von Mord und Ehe­bruch (Dida­che 2.2).

Wir sehen hier, dass christ­li­che Sexua­li­tät nicht ent­lang den gesell­schaft­li­chen Macht­struk­tu­ren ver­läuft, son­dern inner­halb der Pola­ri­tät von Mann und Frau. Die­se sexu­el­le Revo­lu­ti­on war ange­trie­ben von einer neu­en Welt­an­schau­ung: der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung. Umwäl­zun­gen in der Sexu­al­ethik sind (mög­li­cher­wei­se immer) ange­trie­ben durch den Ein­zug von ande­ren grund­le­gen­den Welt­an­schau­un­gen. Zwei Ele­men­te der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung, die für die Sexu­al­ethik ent­schei­dend waren, sind die­se:

  • Die Über­zeu­gung, dass Gott den Men­schen nach sei­nem Eben­bild (‹Ima­go Dei›) geschaf­fen hat, als Mann und als Frau.
  • Die Ein­heit des Men­schen als phy­sisch-see­li­sche Ein­heit betont, dass der Kör­per des Men­schen etwas Gutes ist. Wir haben in der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung eine tie­fe Kör­per­freund­lich­keit.

Mit die­sen bei­den Über­zeu­gun­gen leg­ten die Chri­sten das welt­an­schau­li­che Fun­da­ment für eine sexu­el­le Revo­lu­ti­on.

Ebenbildlichkeit

Jona­than Sachs erklärt, dass in der Anti­ke nur Herr­scher, Köni­ge und Pha­rao­nen als Men­schen ange­se­hen wur­den, die das Eben­bild Got­tes tra­gen. Indem der bibli­sche Schöp­fungs­be­richt behaup­tet, dass alle Men­schen das Eben­bild Got­tes tra­gen, hebt die Bibel jeden Men­schen in einen wür­di­gen, könig­li­chen Sta­tus hin­auf. Die­se Got­tes-Eben­bild­lich­keit aller Men­schen ver­langt danach, Mann und Frau auch im Bereich der Sexua­li­tät gleich­wer­tig zu behan­deln — denn bei­de tra­gen das ‹Ima­go Dei›.

Die Kon­se­quenz davon war, dass Sex neu inner­halb des Geschlechts von Mann und Frau aus­ge­lebt wur­de, anstatt ent­lang der Macht­struk­tu­ren einer von Män­nern domi­nier­ten Gesell­schaft. Dies wie­der­um brach­te Schutz vor sexu­el­lem Miss­brauch von Kin­dern, Skla­ven, Pro­sti­tu­ier­ten und min­der­be­mit­tel­ten Frau­en.

Körperfreundlichkeit

Die Kör­per­freund­lich­keit der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung führ­te zu einer völ­lig neu­en Ein­schät­zung des mensch­li­chen Kör­pers in der Sexua­li­tät.

Ande­re ein­fluss­rei­che Welt­an­schau­un­gen, wie der Pla­to­nis­mus und ins­be­son­de­re die Gno­stik, präg­ten ein kör­per­feind­li­ches Bild des Men­schen. Die Gno­stik war kör­per­feind­lich, weil alle Mate­rie als böse defi­niert war. Der imma­te­ri­el­le Geist des Men­schen ist gemäss der Gno­stik das Ent­schei­den­de, nicht der Kör­per. Etli­che sexu­el­le Ideo­lo­gi­en unse­rer heu­ti­gen Zeit kom­men der kör­per­feind­li­chen Gno­stik sehr nahe, weil sie behaup­ten, dass die See­le allein bestim­mend ist für das Geschlecht. Der Kör­per wird als sekun­där gese­hen und man endet, ohne sich des­sen bewusst zu sein, in einer kör­per­feind­li­chen Sicht von Sexua­li­tät.

Span­nen­der­wei­se war unter ande­rem die Kör­per­feind­lich­keit der Gno­stik ein Motor für die hete­ro- und homo­se­xu­el­le Frei­zü­gig­keit in der römi­schen Anti­ke. Wenn der Kör­per nicht so wich­tig ist, kommt es — so die Logik — nicht so drauf an, was man mit dem eige­nen Kör­per anstellt — und mit dem Kör­per eines ande­ren Men­schen.

Die neue posi­ti­ve Wer­tung des Kör­pers durch die judeo-christ­li­che Welt­an­schau­ung eröff­ne­te völ­lig neue Ein­sich­ten. Plötz­lich wur­de klar, dass die hete­ro­se­xu­el­le und homo­se­xu­el­le Pro­mis­kui­tät Kör­per-unwür­dig ist. Damals wie auch heu­te ist es mög­lich zu erken­nen, dass wir als Geschöp­fe in einer guten Schöp­fung leben, wel­che vom Schöp­fer ins Leben geru­fen wur­de.

Als Chri­sten kön­nen wir ver­ste­hen, dass das Erschaf­fe­ne — unser Kör­per — in sich stim­mig ist und einer inne­ren Bedeu­tung und Logik folgt. Unser Kör­per spricht eine Spra­che, der wir ver­trau­en kön­nen. Unser Kör­per gibt uns wich­ti­ge Infor­ma­tio­nen, näm­lich dass wir erschaf­fen wor­den sind als Mann und als Frau. Wir respek­tie­ren und ehren die­se Bedeu­tung und Logik mit der Art, wie wir leben. Damit ehren wir auch den­je­ni­gen, der als Schöp­fer uns die­sen Kör­per gege­ben hat.

Die­se neue christ­li­che Kör­per­freund­lich­keit führ­te zur Ein­däm­mung der sexu­el­len Frei­zü­gig­keit. Neu wur­de Hete­ro­se­xua­li­tät nur inner­halb der Ehe zwi­schen Mann und Frau aus­ge­lebt. Aus­ge­leb­te Homo­se­xua­li­tät wur­de als etwas erkannt, das nicht zu unse­rer geschaf­fe­nen Kör­per­lich­keit passt (sie­he z.B. Römer 1:24 – 27).

In die­sem Gesamt­bild könn­te man den Ein­druck haben, dass die Män­ner die ‹Ver­lie­rer› die­ser christ­li­chen sexu­el­len Revo­lu­ti­on waren. Die Gewin­ner sind klar: Frau­en, Kin­der, Skla­ven, Pro­sti­tu­ier­te. Es ist kein Wun­der, dass in der Anfangs­zeit des Chri­sten­tums ver­mut­lich mehr Frau­en zum Glau­ben an Jesus Chri­stus kamen als Män­ner.

Männer blühen wieder auf

Doch waren die Män­ner wirk­lich Ver­lie­rer? Waren sie viel­leicht nicht auch Gewin­ner? Har­per argu­men­tiert, dass die christ­li­che Sexu­al­ethik zu einem neu­en und wür­di­gen­den Ver­ständ­nis des Wil­lens des Men­schen führ­te. Sogar Män­ner sind in der Kraft des Hei­li­gen Gei­stes fähig, ihren Sexu­al­trieb zu kon­trol­lie­ren — ein Zei­chen der Wür­de des Man­nes! Dies galt sowohl für hete­ro- wie auch homo­se­xu­ell Emp­fin­den­de.

Mir ist klar, dass wir in unse­rer heu­ti­gen Kul­tur bezüg­lich Homo­se­xua­li­tät eine Ent­wick­lung haben, die gegen­läu­fig ist zur anti­ken Ent­wick­lung. Ande­re, dafür bes­ser geeig­ne­te Men­schen müs­sen sich zur Fra­ge äus­sern, ob homo­ero­tisch Emp­fin­den­de, die zöli­ba­tär leben, dies als wür­di­gen Umgang mit ihrer Sexua­li­tät emp­fin­den kön­nen. Ed Shaw ist einer von ihnen, wie auch sein Kol­le­ge Sam All­ber­ry (hier ab Minu­te 18:34 hören). Es gibt hier wich­ti­ge The­men, wie mit Sexua­li­tät in Zei­ten umge­gan­gen wird, in denen man sie nicht aus­lebt oder nicht aus­le­ben kann.

Als Seel­sor­ger und Theo­lo­ge fin­de ich es wich­tig, dass wir min­de­stens die­se Grund­fra­gen zulas­sen: Könn­te es sein, dass Leben in der gött­li­chen Gabe der Selbst­be­herr­schung ein Weg ist zurück zur Wür­de und Kör­per­freund­lich­keit des Mensch­seins? Auch in der Ehe gibt es mit­un­ter Zei­ten, die lan­ge dau­ern kön­nen, in denen man Sexua­li­tät nicht aus­le­ben kann. Selbst­be­herr­schung in der Ehe, wel­che sich durch Treue auch in all­fäl­li­gen Zei­ten des Ver­zichts aus­drückt, ist mei­nes Erach­tens auch mit Wür­de ver­bun­den. Könn­te es sein, dass ein ent­halt­sa­mes Leben der Selbst­be­herr­schung auch für Sin­gles und homo­ero­tisch Emp­fin­den­de mit Wür­de und Frie­den ver­bun­den ist?


Bild: uns­plash

Zusammenfassung

Christ­li­che Sexu­al­ethik ist fest gegrün­det in der bibli­schen Welt­an­schau­ung. Dar­in erfah­ren wir, dass jeder Mensch im Eben­bild Got­tes geschaf­fen ist als Mann und Frau. Die­se Wer­te füh­ren zu einer radi­kal alter­na­ti­ven Sexu­al­ethik gegen­über Sexu­al­ethi­ken, wel­che ande­re Welt­an­schau­un­gen zugrun­de lie­gen haben.

Dank der Got­tes-Eben­bild­lich­keit von allen Män­nern und allen Frau­en fin­den die Opfer der römi­schen Sexu­al­pra­xis Befrei­ung! Sie begin­nen, eine gleich­be­rech­tig­te und ein­ver­nehm­li­che Sexua­li­tät zwi­schen Mann und Frau in der hete­ro­se­xu­el­len Ehe zu erle­ben. Die­se christ­li­che Sexua­li­tät ehrt alle Män­ner, weil sie in der gott­ge­ge­be­nen Fähig­keit zur Selbst­be­herr­schung eine neue Wür­de als Mensch fin­den.

Die tie­fe­re Logik dahin­ter besteht dar­in, Sex nicht nur als Appe­tit zu sehen, der gestillt wer­den muss, son­dern als einen Weg, sich selbst einem ande­ren Men­schen ganz hin­zu­ge­ben. Und indem die­se Art der selbst­ge­ben­den Lie­be aus­ge­lebt wird, ahmt das lie­ben­de Paar die selbst­ge­ben­de Lie­be Got­tes nach. Durch die­se Nach­ah­mung erlebt das Paar oben drauf auch gött­li­che, erfül­len­de Lie­be. Kir­sti­ne Fratz for­mu­liert es tat­säch­lich gut:

«Wir brau­chen den gröss­ten Mut, uns auf eine ein­zi­ge ande­re Per­son ein­zu­las­sen. Die Ehe bie­tet den Schutz­raum, die­ses zu tun. Wenn man sich dann ero­tisch begeg­net, ent­steht Exta­se und man erlebt dabei die Lie­be Got­tes. Alles ande­re ist erwei­ter­te Selbst­be­frie­di­gung.» (Kir­sti­ne Fratz zitiert einen unge­nann­ten Theo­lo­gen, Nov 2018)

Um sexu­el­le Fehl­ent­wick­lun­gen zu ver­mei­den, die ihre neu­en Opfer haben wer­den, müs­sen heu­ti­ge Chri­sten den Mut haben, ihre Sexu­al­ethik nicht von der Gesell­schaft abzu­lei­ten, son­dern von der judeo-christ­li­chen Welt­an­schau­ung, die uns in der Bibel sicht­bar gemacht wird. Die aktu­el­len mas­si­ven Ver­än­de­run­gen in der Sexu­al­tethik unse­rer Gesell­schaft sind mei­ner Mei­nung nach Zei­chen des Ein­zugs völ­lig neu­er und nicht-christ­li­cher Welt­an­schau­un­gen.

Wo Chri­sten die­sen Mut wie­der­fin­den, gibt es Hoff­nung auf erfül­len­de, ein­ver­nehm­li­che, gleich­be­rech­tig­te Sexua­li­tät, wel­che sie zu einer Erfah­rung der gött­li­chen, eksta­ti­schen Lie­be füh­ren wird. Es ist mein Gebet, dass Chri­sten die­se radi­kal alter­na­ti­ve Sexua­li­tät aus­le­ben, wel­che völ­lig anders ist als jene, wel­che unse­re Gesell­schaft uns schmack­haft machen will. Es ist mei­ne Hoff­nung, dass sol­che Chri­sten zum Kata­ly­sa­tor eines ähn­li­chen und revo­lu­tio­nä­ren ‹Tur­narounds› der Sexua­li­tät wer­den, wie damals zur Zeit von Jesus Chri­stus!

5 Comments
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    Daniel Kleger 4 Monaten ago
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    Ich habe viel gelernt, dan­ke im spe­zi­el­len über die römi­sche Kul­tur.

    Was ich aber anders ken­ne ist, dass die jüdi­sche Kul­tur im spe­zi­el­len ortho­do­xen mehr­heit­lich die Frau­en nicht als eben wür­dig in Got­tes Bild geschaf­fen sehen und ihnen auch nicht so wür­dig begeg­nen.

    Jesus bringt ein Gleich­nis vom Pha­ri­sä­er der im Tem­pel betet, dan­ke Gott das ich nicht so bin wie der Zöll­ner, ich bete ich faste und so wei­ter… im Tal­mud steht die­ses Gebet auch ein ortho­do­xe muss das aber so wie der Pha­ri­sä­er drei­mal täg­lich beten, da steht noch was mehr drin. Dan­ke das ich kein Hei­de bin und dan­ke das ich kei­ne Frau bin.

    Das ist schon ent­wür­di­gend.
    Wie die Män­ner sich als die bes­sern, erwähl­ten sehen und ande­re so ernied­ri­gen

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    Bettina Jans 5 Monaten ago
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    Dan­ke für die span­nen­den Aus­füh­run­gen. Ein The­ma fehlt aus mei­ner Sicht noch, näm­lich wie als Ehe­paar mit der (poten­ti­el­len) Frucht­bar­keit umge­gan­gen wer­den soll, oder auch, wenn die­se allen­falls nicht da ist wenn gewünscht. Auch hier gilt es, dem Main­stream in unse­rer Gesell­schaft zu wie­der­ste­hen und uns auf die Suche zu machen, nach einem ethisch ver­tret­ba­ren Umgang der auch für die Ehe wohl­tu­end ist. Gefun­den habe ich eine extre­me rei­che Erfah­rung von gläu­bi­gen Men­schen, die sich bereits seit über 60 Jah­ren mit der Natür­li­chen Emp­fäng­nis­re­ge­lung aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Eine Lebens­wei­se, die unse­re Kör­per als Got­tes gute Schöp­fung ehrt anstatt sie als feh­ler­haft hin­zu­stel­len, wie dies in der Regel Ver­hü­tungs­mit­tel impli­zit tun. Span­nend ist, dass hier die katho­li­sche Kir­che mit ihrem «Ver­bot» von Ver­hü­tungs­mit­teln eine pro­phe­ti­sche Stim­me war, die heu­te recht bekommt mit ganz vie­len säku­la­ren Frau­en, die sich von hor­mo­nel­len Ver­hü­tungs­mit­teln den natür­li­chen zuwen­den, die meist von Katho­li­ken erforscht wur­den, allen vor­an Dr. med. Josef Röt­zer. Wür­de mich freu­en, hier auch bald theo­lo­gi­sche Über­le­gun­gen zu die­sem Aspekt zu lesen. Ich bin ger­ne mit Lite­ra­tur und Gespräch bereit zum Unter­stüt­zen.

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    Wolfgang Ackerknecht 5 Monaten ago
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    Dan­ke Paul für die­se Aus­füh­run­gen.
    Ja, wie kann es in einem von der Selbst­be­stim­mung bestimm­ten Leben gelin­gen, dass Men­schen erken­nen, dass in der Treue zu einem Men­schen; in der gegen­sei­ti­gen Ergän­zung; im Ver­trau­en auf die geschenk­ten gegen­sei­ti­gen Stär­ken; in einem Ort, wo Feh­ler und Schwä­chen Raum und Platz haben; gros­se Schät­ze ver­bor­gen sind.
    Unter der von der Welt kom­mu­ni­zier­ten und dar­ge­stell­ten Frei­heit und Frei­zü­gig­keit lei­den vie­le Men­schen, denn sie wün­schen sich auch eine/n treue/n Part­ner für sich allei­ne.

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 5 Monaten ago
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      Gute Fra­ge Wolf­gang! Es braucht sicher (unter ande­rem) das Vor­le­ben von christ­li­chen Ehen, wel­che inte­ger sind, in denen Freu­de ist und wo die Men­schen den Unter­schied sehen kön­nen. Aber es braucht auch die Wir­kung von Got­tes Geist, damit den Men­schen die inne­ren Augen geöff­net wer­den, wenn sie die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen der ‹welt­li­chen› Sexu­al­ethik zu spü­ren bekom­men. Lie­ber Gruss Paul

      • Avatar
        Wolfgang Ackerknecht 5 Monaten ago
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        Ja, das ist so!

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