Wann sollen Christen ihre Meinung ändern?

Paul Bruderer
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Der gesell­schaft­li­che Druck auf Chri­sten und die Kir­che ist immens gewor­den, ihre Mei­nung in vie­len sexu­al­ethi­schen Fra­gen zu ändern. Man hält uns vor, dass wir in der Ver­gan­gen­heit unse­re Mei­nung schon oft geän­dert hät­ten in Fra­gen der Skla­ve­rei und der Rol­le von Frau­en, und dass wir es kon­se­quen­ter­wei­se in Fra­gen der Homo­se­xua­li­tät auch machen soll­ten. Stimmt die­se häu­fig gehör­te Argu­men­ta­ti­on?

Ich erlau­be mir, in die­sem Arti­kel etwas mehr zu schrei­ben als sonst und muss per­sön­lich anfan­gen. Nach­dem mir in mei­ner Gemein­de ein jun­ger Mann eröff­ne­te, dass er homo­ero­tisch emp­fin­det, fing eine län­ge­re und inten­si­ve Rei­se an. Auf die­ser Rei­se bin ich in einen freund­schaft­li­chen Kon­takt gekom­men mit meh­re­ren homo­se­xu­el­len Per­so­nen. Unter ande­rem hat­te ich ein les­bisch leben­des Paar als Nach­ba­rin­nen. Wir hal­fen ein­an­der aus in prak­ti­schen Nach­bar­schafts-Hil­fen. Als sie Bezie­hungs­pro­ble­me hat­ten und wuss­ten, dass ich Pastor bin, baten sie um Hil­fe. Ich half ihnen seel­sor­ger­lich, wie­der zu ein­an­der zu fin­den. Inzwi­schen haben ich guten Kon­takt mit meh­re­ren homo­ero­tisch emp­fin­den­den Per­so­nen aus mei­nem Umfeld.

Auf einer Weg­strecke brach­te mir ein gelieb­ter Freund die oben genann­te Argu­men­ta­ti­on vor. Ich merk­te, dass ich mir ehr­lich dem Vor­wurf stel­len muss­te: Wenn ich schon in Fra­gen der Skla­ve­rei und der Rol­le der Frau über das hin­aus­ge­he, was die Bibel expli­zit lehrt, dann muss ich doch auch in der Fra­ge der Homo­se­xua­li­tät mei­ne Mei­nung ändern.

Ich woll­te den Vor­wurf nicht zu schnell auf die Sei­te schie­ben. Ich woll­te her­aus­fin­den, ob es viel­leicht tat­säch­lich rich­tig sein könn­te, mei­ne Mei­nung über Homo­se­xua­li­tät zu ändern. Ich brauch­te meh­re­re Jah­re, um Klar­heit für mich zu bekom­men, was mich wirk­lich über­zeugt und was nicht. In mei­ner nach­fol­gend ein­ge­bun­de­nen Pre­digt lege ich dar, wes­halb die Argu­men­ta­ti­on mei­nes Freun­des mei­ner Mei­nung nach nicht stim­mig ist. In die­sem Arti­kel möch­te ich Ein­sich­ten beschrei­ben, die mir wich­tig gewor­den sind.

Wir haben uns schuldig gemacht

Ich fin­de, dass wir tat­säch­lich unse­re Mei­nung ändern soll­ten in Bezug auf unse­ren Umgang mit Homo­se­xua­li­tät! Kir­chen und Chri­sten haben in der Ver­gan­gen­heit Homo­se­xu­el­le aus­ge­stos­sen und ent­wür­di­gend behan­delt. Nicht nur Chri­sten natür­lich, son­dern die gan­ze Gesell­schaft! Aber eben auch Chri­sten.

Eines der gröss­ten Pro­ble­me ist die­ses: Wir lies­sen damals unse­re Mei­nung zu sehr vom gesell­schaft­li­chen Kon­sens bestim­men. Der gesell­schaft­li­che Kon­sens war damals, dass Homo­se­xua­li­tät unan­ge­bracht sei. Wir hät­ten gegen die­se herr­schen­de Ein­stel­lung agie­ren müs­sen und Homo­se­xu­el­le in unse­ren Gemein­schaf­ten will­kom­men heis­sen sol­len. Immer­hin fan­den sie zu bibli­schen Zei­ten Ein­gang in die Gemein­de. Die deut­li­chen Wor­te von Pau­lus in 1Kor 6:11 «Auch ihr gehör­tet zu denen» zei­gen, dass es denk­bar oder sogar wahr­schein­lich ist, dass Homo­se­xu­el­le in der Gemein­de in Korinth waren.

Wir haben es also nötig, um Ver­ge­bung zu bit­ten, denn wir haben uns als Chri­sten schul­dig gemacht gegen­über Homo­se­xu­el­len, die Gott genau­so annimmt, wie er alle Men­schen annimmt. Wir haben uns schul­dig gemacht gegen­über Gott, der sie in sei­nem Bild geschaf­fen hat. Und wir haben uns schul­dig gemacht gegen­über der Gesell­schaft, weil wir unse­re gesell­schafts­kri­ti­sche Rol­le nicht wahr­nah­men und des­halb der Gesell­schaft von damals kei­ne Ori­en­tie­rung gaben, wie Gott sich den Umgang mit Homo­se­xua­li­tät vor­stellt.

Die­sen Feh­ler mach­ten wir bei der Skla­ven­fra­ge übri­gens nicht. Wil­liam Wil­ber­force bei­spiels­wei­se hat in Eng­land ent­schei­dend zum Ver­bot der Skla­ven­hal­tung und des Skla­ven­han­dels bei­getra­gen. Er zeich­ne­te sich eben grad nicht dadurch aus, dass er auf einen schon vor­han­de­nen gesell­schaft­li­chen Trend auf­sprang, son­dern den Kon­sens kri­tisch hin­ter­frag­te und dafür sogar ins Gefäng­nis muss­te.

Machen sich Landes- und Freikirchen erneut schuldig?

Es ist sicher nicht im Sin­ne von Wil­ber­force, wenn wir als Chri­sten unse­re Mei­nung in Fra­gen der Homo­se­xua­li­tät ein­fach nur des­halb ändern, weil der gesell­schaft­li­che Trend es will. Tun wir das, ste­hen wir in der Gefahr, uns in der glei­chen Wei­se wie­der gegen­über der Gesell­schaft schul­dig zu machen wie frü­her — ein­fach mit umge­kehr­ten Vor­zei­chen! Die­se Gefahr ist real, weil wir als Men­schen (Theo­lo­gen inklu­si­ve) unse­re Mei­nung ger­ne durch Gewöh­nung ver­än­dern anstatt nach Refle­xi­on. Ste­ve Tur­ner for­mu­liert es so:

«Die mei­sten Leu­te ändern ihre Mei­nung zu wich­ti­gen ethi­schen Fra­gen nicht wegen einer alles über­strah­len­den Offen­ba­rung oder eines unan­fecht­ba­ren Argu­ments, son­dern durch Akkli­ma­ti­sie­rung, und die­se wird häu­fig durch die Medi­en orche­striert.» (Ste­ve Tur­ner, Cool, christ­lich, sty­lish: Mutig leben in der Pop­kul­tur, Kind­le-Posi­ti­on 933)

Eini­ge unse­rer Lan­des­kir­chen haben sich nahe­zu unum­kehr­bar in die­se Rich­tung ent­wickelt. Sie las­sen sich mei­ner Mei­nung nach von der Gegen­warts­kul­tur assi­mi­lie­ren. Die evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen der Schweiz wol­len im Novem­ber 2019 ent­schei­den, ob sie die ‹Ehe für alle› befür­wor­ten. Im Vor­feld gab Gott­fried Locher weg­wei­send bekannt, dass Homo­se­xua­li­tät dem Schöp­fungs­wil­len Got­tes ent­sprä­che.

Diver­se Frei­kir­chen oder Krei­se inner­halb der Frei­kir­chen zie­hen da mit.

Nicht-kirch­li­che Beob­ach­ter kom­men­tie­ren die­se Art von Ent­wick­lung mit fol­gen­den Wor­ten:

«Ganz unschul­dig ist die Kir­che nicht dar­an, dass die Bän­ke leer blei­ben. Die Refor­mier­ten prak­ti­zie­ren eine zwie­späl­ti­ge Poli­tik der Öff­nung“, sagt Sozio­lo­ge Stolz. «Eine Reli­gi­on, die zu libe­ral wird, ver­schwin­det frü­her oder spä­ter. Wenn eine Reli­gi­on zu tole­rant, zu offen wird, ver­schwim­men ihre Gren­zen zur Umwelt, und sie wird über­flüs­sig.» (Nico­le Krätt­li und Susan­ne Loacker, ‘Volk ohne Gott’, Beob­ach­ter Nr. 10, Mai 2016)

Ich wün­sche allen kirch­li­chen Ver­bän­den, dass sich ihre Kir­chen­bän­ke wie­der fül­len! Dazu müss­ten sie aber Got­tes Beru­fung wie­der ent­decken, eine die­nen­de und kri­ti­sche Posi­ti­on gegen­über gesell­schaft­li­chen Trends ein­zu­neh­men, wel­che gegen Got­tes Gedan­ken für sei­ne Geschöp­fe gehen.

Sklaven, Frauen und Homosexuelle?

Für uns als Chri­sten ist zen­tral, ob wir gemäss der Bibel unse­re Mei­nung anpas­sen soll­ten. Füh­ren also die­sel­ben Prin­zi­pi­en der Bibel-Aus­le­gung, die uns zu einer Mei­nungs­än­de­rung in der Skla­ven- und Frau­en-Fra­ge brach­ten, auch dazu, dass wir in der Homo­se­xua­li­täts­fra­ge unse­re Mei­nung ändern soll­ten? Etwas theo­lo­gi­scher aus­ge­drückt: Sind Skla­ven, Frau­en und Homo­se­xu­el­le im glei­chen her­me­neu­ti­schen Boot? Die Mei­nun­gen in die­ser Fra­ge gehen weit aus­ein­an­der. In mei­ner Pre­digt erklä­re ich, war­um ich den­ke, dass Skla­ven, Frau­en und Homo­se­xu­el­le nicht im sel­ben Boot sind.

Zusam­men­ge­fasst kann man sagen, dass die Bibel in der Skla­ven- und Frau­en-Ethik die dama­li­ge Gegen­warts­kul­tur immer in eine bestimm­te Rich­tung beweg­te. Bei den Skla­ven gab die Bibel immer mehr Schutz, als die umlie­gen­den Völ­ker sie gab — aber ohne die Skla­ve­rei abzu­schaf­fen. Als durch Wil­ber­force und ande­re die Skla­ve­rei ver­bo­ten wur­de, ver­voll­stän­dig­ten sie ledig­lich die Ent­wick­lung, wel­che die Bibel vor­ge­ge­ben hat­te. Hier kann man sagen: Wil­ber­force war kon­si­stent mit der von der Bibel vor­ge­ge­be­nen Rich­tung und des­halb war sei­ne Ethik rich­tig.

In den Fra­gen der Rol­le der Frau war die Bibel zwar nicht anti-patri­ar­cha­lisch, doch sie beweg­te sich in Rich­tung Gleich­be­rech­ti­gung — aber ohne sie zu ver­voll­stän­di­gen. Die Mei­nun­gen gehen in der Chri­sten­heit aus­ein­an­der in die­ser Fra­ge. Aus mei­ner Sicht ist es stim­mig, dass wir heu­te eine Gleich­be­rech­ti­gung haben. Das ist die logi­sche Ver­voll­stän­di­gung des­sen, was die Bibel als Ent­wick­lung ange­fan­gen aber nicht fer­tig gemacht hat.

Wir sehen an die­sen Bei­spie­len: Die Bibel defi­niert etwas, was die Mathe­ma­ti­ker einen ‹Vek­tor› nen­nen. Sie gibt eine Rich­tung vor, in der sich nach-bibli­sche Theo­lo­gie und Ethik wei­ter­ent­wickeln soll.

Das Neue Testament und Homosexualität

In wel­che Rich­tung zeigt der Vek­tor bei der Homo­se­xua­li­tät?

John Bos­well hat aus säku­la­rer Sicht einen Klas­si­ker über Homo­se­xua­li­tät in der anti­ken Welt der Bibel geschrie­ben. Dar­in zeigt er, dass es zur Zeit des Neu­en Testa­ments vier Arten aus­ge­leb­ter Homo­se­xua­li­tät gab, die gesell­schaft­lich völ­lig akzep­tiert waren.

  • Zwei Frau­en oder zwei Män­ner hat­ten eine Lie­bes­be­zie­hung ohne gesetz­li­che Bin­dung.
  • Skla­ven, die manch­mal viel jün­ger waren als ihre Her­ren, wur­den von die­sen benutzt oder miss­braucht.
  • Wei­ter konn­te sich ein Ehe­mann nebst sei­ner Frau einen ande­ren Mann neh­men.
  • Schliess­lich gab es die Ver­hei­ra­tung zwei­er Män­ner.

Die dama­li­ge Gesell­schaft war in Sachen Homo­se­xua­li­tät zum Teil wei­ter ent­wickelt als unse­re und gleich­zei­tig auch miss­bräuch­li­cher (Kna­ben­lie­be — Päd­era­stie). Man will uns heu­te manch­mal den Ein­druck ver­mit­teln, dass Homo­se­xua­li­tät damals fast nur nega­tiv und aus­beu­te­risch aus­ge­lebt wur­de. Die­ses Bild stimmt nicht mit den uns bekann­ten Fak­ten über­ein.

Dass man damals eine hoch ent­wickel­te Fähig­keit hat­te, posi­tiv und nega­tiv aus­ge­leb­te Homo­se­xua­li­tät zu unter­schei­den und zudem von ‹fixier­ten› sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen aus­ging, zeigt sich bei Pla­to, einem der wich­tig­sten Phi­lo­so­phen der Mensch­heits­ge­schich­te. Er leb­te eini­ge Jahr­hun­der­te vor der Zeit des Neu­en Testa­ments und lie­fer­te eine Schöp­fungs-Phi­lo­so­phie, wel­che so aus­for­mu­liert war, dass sie den homo­se­xu­el­len Lebens­stil recht­fer­tig­te.

Pla­tos Idee war, dass die ersten Men­schen ‚binär’ gewe­sen sein müs­sen, also immer zwei Tei­le hat­ten. In sei­nem ‹Sym­po­si­um› (ca. 416 vor Chri­stus) beschreibt er fol­gen­de drei Arten von Men­schen, die es am Anfang der Zeit gege­ben haben soll (Ab Sei­te 41):

  • Mann-Mann
  • Frau-Frau
  • Mann-Frau

Zeus soll die­se Men­schen in zwei Tei­le geschnit­ten haben. Die sexu­el­le Ori­en­tie­rung die­ser ‚Hälf­ten’ war bestimmt durch den ande­ren Teil, den sie qua­si ver­lo­ren hat­ten. Man fühl­te sich nach der Tren­nung ange­zo­gen von dem Teil, den man ver­lo­ren hat­te. Män­ner, die vor­her Mann-Mann waren, waren nach der Tren­nung grund­sätz­lich homo­se­xu­ell. Das­sel­be galt bei den Frau­en. Und wer frü­her Mann-Frau war, war anschlies­send hete­ro­se­xu­ell.

Im sel­ben Buch unter­schei­det Pla­to zwei Arten von Lie­be (ab Sei­te 22 ganz unten): Die himm­li­sche und die kom­mu­ne (all­ge­mei­ne) Lie­be. Män­ner, wel­che die kom­mu­ne Lie­be leben, ver­lie­ben sich in Frau­en anstatt in Män­ner und wol­len nur den Kör­per der Frau. Wenn hin­ge­gen ein Mann die himm­li­sche Lie­be erlebt, ver­liebt er sich in Män­ner, weil die­se mehr Ver­stand haben und die Lie­be zu Män­nern eine höher­wer­ti­ge und stär­ke­re Lie­be ist. Pla­to kri­ti­siert For­men von Päd­era­stie, in denen es nur um das Kör­per­li­che geht. Dem­entspre­chend soll­te ein Jüng­ling nicht zu schnell dem Sex nach­ge­ben, nur weil er Geld oder Sta­tus will. Er soll­te war­ten, bis wirk­li­che Lie­be ent­steht und er selbst vom älte­ren Mann ler­nen kann.

Man hört heu­te oft, dass es frü­her kein Kon­zept von ’sexu­el­ler Ori­en­tie­rung› gab. Am Bei­spiel von Pla­to sehen wir das Gegen­teil. Wir sehen auch, dass gebil­de­te Men­schen der dama­li­gen Zeit eine hoch ent­wickel­te Unter­schei­dungs­fä­hig­keit besas­sen, posi­ti­ve und nega­ti­ve Arten von aus­ge­leb­ter Homo­se­xua­li­tät zu unter­schei­den.

Pau­lus, der im Neu­en Testa­ment über Homo­se­xua­li­tät schreibt, war eben­falls ein gebil­de­ter Mann. Es gibt kei­nen offen­sicht­li­chen Grund, war­um aus­ge­rech­net er die­se Unter­schei­dungs­fä­hig­keit nicht hät­te haben sol­len. Wenn Pau­lus z.B. in Römer Kapi­tel 1 nur die aus­beu­te­ri­schen Vari­an­ten der Homo­se­xua­li­tät hät­te nega­tiv bewer­ten wol­len, hät­te er das tun kön­nen. Er tut es jedoch nicht, son­dern spricht von Homo­se­xua­li­tät all­ge­mein und damit von allen damals vor­han­den Vari­an­ten.

Ange­sichts die­ser hohen gesell­schaft­li­chen Akzep­tanz und Fähig­keit, zwi­schen ver­schie­de­nen For­men zu dif­fe­ren­zie­ren: In wel­che Rich­tung zeigt der ‹Vek­tor› des Neu­en Testa­ments?

Es sind nicht vie­le Stel­len, die direkt über Homo­se­xua­li­tät reden, aber aus­nahms­los alle leh­nen aus­ge­leb­te Homo­se­xua­li­tät ab. Inter­es­sant ist: Wenn die bibli­schen Autoren über Homo­se­xua­li­tät rede­ten, pack­ten sie nicht die Gele­gen­heit, um die breit vor­han­de­ne kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­ziert­heit zu reflek­tie­ren. Sie sag­ten nicht: «Leu­te, Päd­era­stie ist nicht okay, aber die ande­ren For­men von Homo­se­xua­li­tät sind es».

So hät­ten die Autoren von 1Kor 6:9 und 1Tim 1:10 das im dama­li­gen Grie­chisch ver­füg­ba­re Wort ‹pai­de­ra­stes› benut­zen kön­nen, taten es aber nicht. Auch Pau­lus mach­te in Römer 1 kei­ne Unter­schei­dung nach damals bekann­ten For­men von Homo­se­xua­li­tät. Auf die­se Wei­se hät­te er jene Vari­an­ten, die er als von Gott gewollt ansah, recht­fer­ti­gen und die miss­bräuch­li­chen ableh­nen kön­nen. Pau­lus mach­te aber nichts von all dem! Wenn wir anneh­men, dass ihm wohl bekannt war, wel­che Arten von aus­ge­leb­ter Homo­se­xua­li­tät exi­stier­ten, so hat er in Römer 1 alle Vari­an­ten gemein­sam als inak­zep­ta­bel für got­tes­fürch­ti­ge Men­schen bezeich­net.

Der Vek­tor des Neu­en Testa­ments zeigt von der dama­li­gen Akzep­tanz von Homo­se­xua­li­tät weg in eine Rich­tung, die alle aus­ge­leb­te Homo­se­xua­li­tät als nicht im Sin­ne Got­tes betrach­tet. Der Grund für die­se Hal­tung Got­tes muss anders­wo behan­delt wer­den. Ob das bibli­sche Gebot der Lie­be die­sen Befund aus­he­belt, muss eben­so anders­wo dis­ku­tiert wer­den. Was klar scheint ist dies: Dort, wo das Neue Testa­ment sich aus­drück­lich der Fra­ge der aus­ge­leb­ten Homo­se­xua­li­tät stellt, ist der Befund umfas­send nega­tiv.

Dies muss für vie­le Zeit­ge­nos­sen völ­lig unver­ständ­lich und unnö­tig hart rüber­kom­men. Es klingt in den Ohren der heu­ti­gen Men­schen als pure Into­le­ranz. Des­halb möch­te ich die­sen Arti­kel abschlies­sen mit eini­gen Sachen, die mir wich­tig sind bezüg­lich der christ­li­chen Gemein­de und Gemein­schaft.

Christliche Gemeinden sind ‹Räume der Gnade›

Der Befund, dass aus­ge­leb­te Homo­se­xua­li­tät in kei­ner Vari­an­te dem Wil­len Got­tes ent­spricht, führ­te nicht dazu, dass Homo­se­xu­el­le aus den Gemein­den aus­ge­schlos­sen waren!

Nach­dem er in 1Kor 6:9 Homo­se­xua­li­tät in der Sün­den-Liste auf­führ­te, sag­te Pau­lus in 1Kor 6:11. «Auch ihr gehör­tet zu denen». Für mich ist klar, dass homo­ero­tisch emp­fin­den­de Men­schen in den christ­li­chen Gemein­den auf­ge­nom­men wur­den. Sie wur­den dort auch nicht als ‹Chri­sten zwei­ter Klas­se› gese­hen. Sie lern­ten jedoch, ihre Sexua­li­tät in die Wege ihres Schöp­fers zu füh­ren — wie alle ande­ren auch, die zur Gemein­de sties­sen.

Die Pro­mis­kui­tät unter hete­ro­se­xu­el­len Män­nern war damals hor­rend. Auch sie haben unter der Gna­de des Evan­ge­li­ums ihre Sexua­li­tät in die Wege Chri­sti zu füh­ren gelernt. Dabei war nie­mand von ihnen voll­kom­men — dar­an zweif­le ich nicht. Es gab Rück­fäl­le. Es gab das, was die Eng­län­der ‹mes­si­ness› nen­nen. Aber die Rich­tung war klar.

Hete­ro­se­xu­el­le und Homo­se­xu­el­le erkann­ten gemein­sam, was die Wer­te ihres Glau­bens an Jesus für den Umgang mit ihrer sexu­el­len Ori­en­tie­rung bedeu­ten. Und sie merk­ten, dass ein Leben nach die­sem Jesus-Weg sie als ein­zel­ne Per­son und als Gemein­schaft zum Auf­blü­hen bringt. Der Jesus-Weg wur­de als heils­brin­gend ver­stan­den!

Bei nie­mand ande­rem ist Ret­tung zu fin­den; unter dem gan­zen Him­mel ist uns Men­schen kein ande­rer Name gege­ben, durch den wir geret­tet wer­den kön­nen. (Apg 4:12)

Die Bibel bringt Men­schen aller sexu­el­len Ori­en­tie­run­gen zusam­men unter die Gna­de von Jesus Chri­stus. In einer Dis­kus­si­on rund ums The­ma beschreibt Jens Kal­dew­ey die christ­li­che Gemein­de als ‹Raum der Gna­de›. Das gefällt mir sehr gut! Christ­li­che Gemein­den dür­fen ‹Räu­me der Gna­de› sein, wo jeder Mensch will­kom­men ist, egal, was sei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung oder sexu­el­le Her­aus­for­de­rung ist:

Das gilt ohne Unter­schied für Juden wie für alle ande­ren Men­schen. Alle haben den­sel­ben Herrn, der sei­ne Reich­tü­mer groß­zü­gig allen schenkt, die ihn dar­um bit­ten. (Rom 10:12)

Das Wort ‹Gna­de› passt per­fekt, weil Gna­de radi­ka­le Annah­me aller Men­schen vor­gibt, aber gleich­zei­tig nicht alles gut­heisst, was der Mensch leben möch­te. Hier gibt es Raum, einen Weg der Ver­än­de­rung zu gehen, ohne dass er auf­ge­zwun­gen wird. Hier gibt es Ver­ge­bung, wenn Ver­sa­gen da ist. Hier gibt es Feste der Freu­de, die gefei­ert wer­den, wenn man auf dem Jesus-Weg ins Heil einen Schritt wei­ter gekom­men ist. Hier ler­nen alle Gläu­bi­gen zu ent­decken, was es heisst, wahr­haf­tig zu sein in der Lie­be und zu wach­sen in allen Lebens­be­rei­chen zu dem hin, der das Haupt ist, Chri­stus (Eph 4:15).

Es gibt die­se Men­schen auch heu­te. Pastor Ed Shaw aus Bri­stol, Eng­land, ist ein homo­ero­tisch emp­fin­den­der Mann. Er schreibt in sei­nem Buch dar­über, wie er lebt und wie sei­ne Gemein­de ihn herz­lich auf­nimmt — ihn, den Pastor, der ihnen dient! Shaw, der sei­ne Homo­se­xua­li­tät nicht aus­lebt, obschon er so emp­fin­det, stellt auf ein­drück­li­che Wei­se die Fra­ge — grad auch an hete­ro­se­xu­el­le Men­schen — ob der Glau­be uns denn noch etwas kosten darf. Ich emp­feh­le die Lek­tü­re die­ses Buches wärm­stens!

Es stimmt: Wir Chri­sten müs­sen um Ver­ge­bung bit­ten für die Feh­ler, die wir in der Ver­gan­gen­heit gemacht haben gegen­über Homo­se­xu­el­len. Aber wir soll­ten unse­re Mei­nung nicht ändern, ein­fach weil der Druck der Gegen­warts­kul­tur gross ist. Wir wür­den uns gleich noch­mals an der Gesell­schaft schul­dig machen, die es nötig hat, vor­ge­leb­te Model­le der Wege Jesu zu sehen! Was es heu­te braucht, sind Chri­sten wie Ed Shaw, die zei­gen, was das Evan­ge­li­um Jesu Chri­sti für homo­ero­ti­sche Men­schen bedeu­tet. Was es heu­te braucht, sind Gemein­den, die sich als Räu­me der Gna­de ver­ste­hen und alle Men­schen will­kom­men heis­sen, ohne dabei den Anspruch und die Schön­heit und den Preis der Nach­fol­ge Jesu Chri­sti zu kom­pro­mit­tie­ren!

4 Comments
  1. Avatar
    Reinhold Scharnowski 3 Wochen ago
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    Paul, sehr coo­le und dif­fe­ren­zier­te Dar­stel­lung. So vie­les, was uns im Moment ver­kauft wird, radi­ka­li­siert ein­fach. Du machst es vor: mehr for­schen und tie­fer den­ken.
    Sehr hilf­reich. Dan­ke 🙂

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 3 Wochen ago
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      Vie­len Dank Rein­hold!

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    Wolfgang Ackerknecht 1 Monat ago
    Reply

    Vie­len Dank für eure Gedan­ken (auch von Ste­fan). Ja wir Chri­sten müs­sen uns immer mehr recht­fer­ti­gen und ent­schul­di­gen… So fehlt oft Raum und Zeit für die The­men, die unser Leben reich machen. — Es macht auch kei­ne Freu­de, stän­dig an einem abbruch­rei­fen Haus her­um­zu­ba­steln. Es müss­te abge­ris­sen wer­den, damit das Neue gebaut wer­den kann und Freu­de berei­tet.

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    Stefan 2 Monaten ago
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    Hal­lo Schrei­ber­lin­ge von Daniel­Op­ti­on
    Dan­ke für die­sen Bei­trag. Es sind sehr inter­es­san­te und über­le­gens­wer­te Gedan­ken. Ich mache mir in letz­ter Zeit eini­ge Gedan­ken über das The­ma «Homo­se­xua­li­tät» und wer­de ab und zu davon über­rascht. Um es vor­weg zu neh­men: Ich bin hete­ro­se­xu­ell, glück­lich ver­hei­ra­tet und Christ.
    Am letz­ten Don­ners­tag, 05.09.19, wur­de in der Tages­schau fol­gen­der Bei­trag zu einem bean­trag­ten Kon­ver­si­ons­ver­bot von Homo­se­xu­el­len, das der Bun­des­rat ablehnt, aus­ge­strahlt:
    https://​www​.srf​.ch/​p​l​a​y​/​t​v​/​t​a​g​e​s​s​c​h​a​u​/​v​i​d​e​o​/​d​a​s​-​l​a​d​e​n​s​t​e​r​ben — es-braucht-neue-ideen?id=7291f3ce-e334-4682 – 920c-cdac­f29a­e­367
    Dar­in for­dert Natio­nal­rä­tin Ros­ma­rie Qua­dran­ti ein Ver­bot von Kon­ver­si­ons­ver­su­chen an Homo­se­xu­el­len sei­tens Frei­kir­chen, Psy­cho­the­ra­peu­ten und ande­ren inter­es­sier­ten Grup­pen. Frau Qua­dran­ti betont, dass sie über­rascht, bzw. trau­rig ist, dass im 21. Jahr­hun­dert eine so ableh­nen­de Hal­tung gegen­über ihrem Anlie­gen zum Aus­druck kommt.
    Ich den­ke, dass der christ­li­chen Gemein­de, bzw. jedem ein­zel­nen Chri­sten, die Wis­sen­schafts- und Wei­ter­ent­wick­lungs­gläu­big­keit der Mensch­heit im Weg steht. Wis­sen­schaft­lich erkennt man immer mehr Zusam­men­hän­ge, stösst immer tie­fer in Uner­klär­ba­res vor und will das Uner­klär­ba­re auch noch klä­ren kön­nen. Wie haben es die Ame­ri­ka­ner immer wie­der als frei­heits­lie­ben­de Men­schen betont: «Für uns ist nur der Him­mel die Gren­ze!» Nun — es scheint mir, dass dies nicht nur im tech­ni­schen Fort­schritt der Fall ist, son­dern auch in gesell­schafts­re­le­van­ten The­men. Und ver­mut­lich akzep­tiert man dort die Gren­ze «Him­mel» nicht mehr.
    Die gesell­schafts­re­le­van­ten The­men wer­den heu­te viel­fach von den Medi­en auf­ge­bauscht und sind dar­um von Men­schen­mei­nung abhän­gig. Aber ist das das Mass aller Din­ge. Ich glau­be nicht… und doch erscheint es so schwie­rig.
    Es wird von Säug­lings­sterb­lich­keit berich­tet, wenn die­se, wie im letz­ten Jahr, zu den Vor­jah­ren ansteigt (Wie­so konn­te man das nicht unter­bin­den? Was ist das Pro­blem? Wo man­gelt es an wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen, um erwünsch­tes Leben am Leben zu erhal­ten?). Doch wenn die Abtrei­bungs­ra­te steigt, wird es nicht erwähnt oder dann viel­leicht als posi­tiv gewer­tet, da uner­wünsch­tes Leben bestehen­des Leben nicht mehr in sei­ner Exi­stenz bedroht. Aber wer defi­niert in die­sem Fall erwünsch­tes Leben? Der Mensch. Und nicht Gott. Und es scheint breit akzep­tiert zu sein. Erwünscht oder nicht erwünscht defi­niert der Mensch in sei­nem Ent­wick­lungs- und Selbst­fin­dungs­wahn.
    Die Defi­ni­ti­on, was gut oder schlecht ist, ist je län­ger, umso mehr, vom Men­schen­ver­stand abhän­gig. Und die­se Seu­che greift lang­sam in christ­li­chen Krei­sen um sich. Dar­um haben die Gedan­ken Got­tes aus Jesa­ja 55,8+9 immer weni­ger Wir­kung und Ein­fluss auf das Den­ken vie­ler Chri­sten:
    Denn mei­ne Gedan­ken sind nicht eure Gedan­ken, und eure Wege sind nicht mei­ne Wege, spricht der HERR; son­dern so viel der Him­mel höher ist denn die Erde, so sind auch mei­ne Wege höher denn eure Wege und mei­ne Gedan­ken denn eure Gedan­ken.
    Wenn Got­tes Gedan­ken nicht mei­ne Gedan­ken sind MUSS und KANN ich nicht alle Wei­sun­gen von ihm ver­ste­hen. Ich muss sie ein­fach anneh­men. So wie ein 5‑jähriges Kind sei­nem Vater blind ver­traut, dass er für ihn das Beste will, so muss ich Gott ver­trau­en, dass er weiss, was er sagt, wenn er Homo­se­xua­li­tät (und nicht die Homo­se­xu­el­len per se!) ver­ur­teilt. Sei­ne Gedan­ken sind höher. Ich ver­traue ihm in die­ser Fra­ge und stel­le SEINE Mei­nung dar­um nicht in Fra­ge.
    Was mir aller­dings ein biss­chen Bauch­weh macht: Wie lan­ge darf ich in unse­rem Land die­se Mei­nung noch öffent­lich ver­tre­ten? Ohne Sank­tio­nen oder Benach­tei­li­gun­gen zu erle­ben? Man kann ja sagen: Dar­auf musst du nicht ach­ten, solan­ge du nach Got­tes Wil­len han­delst. Das stimmt zwar, aber vie­le Gläu­bi­ge (und ich zäh­le mich auch dazu) wol­len doch von Nicht­gläu­bi­gen geach­tet sein. Wir sol­len gute Bei­spie­le sein für die­se Welt. Sind wir aber das, wenn wir uns gegen die öffent­li­che Mei­nung stel­len? Jesus tat es. Dar­um darf ich das auch, wenn ich der Über­zeu­gung bin, dass dies rech­tens ist, ohne eine betrof­fe­ne Per­son zu dif­fa­mie­ren. Muss aber mit den Kon­se­quen­ten rech­nen.
    Sind wir Chri­sten dazu bereit?

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