Die unerwarteten Frauen im Stammbaum von Jesus

Paul Bruderer
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Kei­ne Schön­fär­be­rei in der Ahnen­rei­he von Jesus! Kein Ver­tu­schen von schwar­zen Scha­fen in sei­ner Fami­lie! Die Liste beinhal­tet Frau­en, die mit­un­ter als gesell­schaft­lich aus­sen­ste­hend gegol­ten haben oder sogar als reli­gi­ös gefähr­lich erach­tet wor­den sind. Jesus wür­digt sie und wer­tet sie auf, indem er öffent­lich zu ihnen steht. Er setzt damit ein Zei­chen für unse­ren Umgang mit Men­schen.

Im anti­ken Juden­tum war die Auf­li­stung von Ahnen wich­tig für das Anse­hen einer Per­son. Es konn­te auch steu­er­li­che Vor­tei­le haben, wenn man berühm­te oder könig­li­che Ahnen vor­wei­sen konn­te. Frau­en wur­den sel­ten in die Ahnen­rei­he auf­ge­nom­men. Wenn man schon eine Ahnen­rei­he mit Frau­en ergänzt hat­te, dann bestimmt nur mit berühm­ten Frau­en.

Ganz anders Mat­thä­us, wenn er den Stamm­baum von Jesus Chri­stus auf­führt (Mt 1:1 – 17). Die Auf­zäh­lung beinhal­tet neben Maria, der Mut­ter von Jesus, gleich vier Frau­en. Das ist für dama­li­ge Zei­ten unge­wöhn­lich. Mat­thä­us ‹kon­ta­mi­niert› also die Ahnen­rei­he von Jesus. Doch er macht etwas wei­te­res, das ent­ge­gen jeg­li­chen Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit ist: Er inte­griert nicht die berühm­ten Matri­ar­chin­nen des Juden­tums (Sara, Rebek­ka, Rahel und Lea) in die Ahnen­ta­fel Jesu, son­dern aus­län­di­sche Frau­en mit teil­wei­se zwei­fel­haf­tem sexu­al­ethi­schem Hin­ter­grund.

Damit zeigt Mat­thä­us von allem Anfang an, dass die Gemein­de Jesu eine Bewe­gung sein soll, wel­che gesell­schaft­li­che Gren­zen über­win­den soll. Wei­ter macht Mat­thä­us klar, dass Jesus kon­kret die­sen Frau­en, und dadurch Frau­en all­ge­mein, ihre Wür­de zurück­gibt.

Jede die­ser span­nen­den und star­ken Frau­en trägt etwas Spe­zi­el­les zum Leben von Jesus bei.


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Tamar

Juda aber zeug­te Perez und Ser­ach von der Tamar (Mt 1:3)

Das ekla­tan­te Ele­ment an die­sem Satz ist die Tat­sa­che, dass Tamar nicht die Ehe­frau von Juda ist, son­dern sei­ne mehr­fa­che (!) Schwie­ger­toch­ter.

Wie bit­te?! Hat hier Juda sei­ne Schwie­ger­toch­ter geschwän­gert? Ja! 1. Mose 38:1 – 26 zeigt uns den Hin­ter­grund zu die­ser Frau:

  • Juda gibt sei­nem älte­sten Sohn die kanaa­ni­ti­sche Tamar zur Frau. Die­ser älte­ste Sohn stirbt, ohne Kin­der zu hin­ter­las­sen. Der dama­li­ge Umgang mit solch einer Situa­ti­on ist, dass Tamar den näch­sten Bru­der ihres ver­stor­be­nen Ehe­manns hei­ra­tet, um ihrem ver­stor­be­nen Ehe­mann Nach­kom­men zu ver­schaf­fen. Dar­um gibt Juda Tamar sei­nen zwei­ten Sohn Onan zur Ehe­frau. Aber die­ser will kei­ne Kin­der zeu­gen mit Tamar. Der Grund ist ver­mut­lich die­ser: Das Kind, das er mit der ehe­ma­li­gen Frau sei­nes Bru­ders zeugt, wür­de mehr erben als er selbst. Des­halb lässt Onan beim Sex mit Tamar jedes Mal den Samen auf den Boden fal­len.
  • Gott ist unzu­frie­den mit Onan, weil sein Ver­hal­ten ego­istisch ist. Bald lebt auch Onan nicht mehr. Das waren noch Zei­ten!
  • Juda kriegt es inzwi­schen mit der Angst zu tun. Zwei sei­ner Söh­ne sind in der Ver­bin­dung mit Tamar gestor­ben. Er muss Tamar nun sei­nem drit­ten Sohn geben, hat aber Angst um des­sen Leben. Er han­delt tak­tisch, indem er Tamar ver­spricht, dass sie sei­nen drit­ten Sohn hei­ra­ten wird, voll­zieht jedoch die Hoch­zeit nie. Tamar hat aber nach dama­li­gem Gebrauch Anrecht auf ein Kind von Judas› Fami­lie und auch auf das ent­spre­chen­de Erbe. Sie war­tet und war­tet und war­tet dar­auf, dass Juda sein Ver­spre­chen ein­löst und sie so zu ihrem Recht kommt.
  • Irgend­wann ver­steht Tamar, dass Juda ihr nie einen wei­te­ren sei­ner Söh­ne zum Mann geben wird. Sie greift des­halb zum letz­ten ihr ver­blei­ben­den Mit­tel und ent­schei­det sich, ihr Kind und damit ihr Erbe direkt von Juda selbst zu holen. Sie tut dies, indem sie sich als Pro­sti­tu­ier­te ver­klei­det und am rich­ti­gen Ort war­tet, wo Juda vor­bei kom­men wird. Das Kras­se: Sie weiss, dass Juda anhal­ten und sie für Sex neh­men wird! So zeugt der Schwie­ger­va­ter mit sei­ner Schwie­ger­toch­ter einen der Ahnen von Jesus!

Man könn­te geneigt sein, Tamar für ihr Ver­hal­ten zu rich­ten. Und genau das pas­siert damals auch. Als die gan­ze Sache auf­fliegt, will Juda Tamar rich­ten las­sen. Doch Tamar hat vor­ge­sorgt und ent­larvt ihren Schwie­ger­va­ter als den Vater des Kin­des. Juda sieht sich über­führt und muss sich der rich­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on die­ser Geschich­te stel­len:

Sie ist gerecht, ich nicht; denn ich habe sie mei­nem Sohn Sche­la nicht gege­ben. (Gen 38:26)

Was ist der Hin­ter­grund die­ser gan­zen Situa­ti­on?

Zum einen gab es damals kei­ne Ver­si­che­run­gen, wel­che im Lebens­not­fall für einen sorg­ten. Zum ande­ren ging es dar­um, dem ersten Ehe­mann eine Nach­kom­men­schaft zu geben. Wir mögen die­se Wer­te und Hand­lungs­wei­se heut­zu­ta­ge als komisch, unan­ge­nehm, unan­ge­bracht oder falsch anse­hen — doch so waren die Gepflo­gen­hei­ten damals. Es bestand schein­bar auch kei­ne Gericht­bar­keit, wel­che Tamar zu ihrem Recht ver­hol­fen hät­te. Mög­li­cher­wei­se war sie als Frau und erst recht als Aus­län­de­rin benach­tei­ligt. Des­halb wehrt sich Tamar, han­delt und sorgt selbst für ihr Recht. Die Beur­tei­lung ihres Vor­ge­hens ist klar: Tamar hält sich an die damals wich­ti­gen Wer­te und han­delt nicht aus Ego­is­mus. Tamar han­delt gerech­ter als der jüdi­sche Erz­va­ter Juda.

Es ist wich­tig zu erwäh­nen, dass wir uns heu­te nicht wie Tamar ver­hal­ten soll­ten im Sin­ne von … naja, ihr ver­steht schon! Aber wir sehen bei Tamar, dass Got­tes Reich nicht nur ’net­te› Men­schen will­kom­men heisst, son­dern auch sol­che, die mutig ihr Leben in die Hand neh­men und dafür ziem­lich aben­teu­er­li­che Wege beschrei­ten.

Gehen wir zurück in die Zeit von Jesus. War­um fügt der Autor des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums Tamar in die Ahnen­rei­he von Jesus ein anstatt eine der berühm­ten Matri­ar­chin­nen? Sei­ne jüdi­schen Leser sol­len ver­ste­hen, dass es ‹da draus­sen› bei den Hei­den Men­schen gibt, die mög­li­cher­wei­se gerech­ter sind als die Men­schen im eige­nen Volk — und das selbst, wenn ihr Leben von aus­sen gese­hen ziem­lich unmo­ra­lisch aus­sieht. Sol­che kön­nen einen Platz im Volk Got­tes haben, ja sogar in der Ahnen­rei­he des Mes­si­as Jesus Chri­stus selbst!

Jesus bekennt sich ger­ne zu Tamar, einer aus­län­di­schen, nicht berühm­ten Frau mit dubio­sem Ruf, die gerech­ter lebt als der jüdi­sche Stamm­va­ter Juda. Jesus sagt: Tamar ist Teil mei­ner Fami­lie!


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Rahab

Sal­mon zeug­te Boas mit der Rahab (Mt 1:5)

Die aus­län­di­sche Frau namens Rahab steht mit ihrer Bio­gra­fie im Kon­trast zum jüdi­schen Mann namens Achan aus dem Stamm Juda (Josua Kapi­tel 1 – 7).

Rahab ist im Unter­schied zu Tamar eine wirk­li­che Pro­sti­tu­ier­te. Sie ver­steckt unter ihrem Dach die Spio­ne von Isra­el, wel­che die Stadt Jeri­cho aus­kund­schaf­ten wol­len. Damit zeigt sie, dass sie dem Gott Isra­els mehr ver­traut als den Göt­tern ihres eige­nen Vol­kes. Was für ein Kon­trast in die­ser Geschich­te! Wäh­rend die Nicht-Jüdin Rahab dem Volk Got­tes mit dem Ver­stecken sei­ner Kund­schaf­ter dient, erweist sich der Jude Achan als Ver­rä­ter am Volk Got­tes, indem er nach dem Sturm der Stadt Jeri­cho ver­bo­te­ne Beu­te unter sei­nem Zelt ver­steckt. Sei­ne Fami­lie weiss davon und bezahlt zusam­men mit ihm den ent­spre­chen­den Preis. Das Fazit der Geschich­te: Die aus­län­di­sche Pro­sti­tu­ier­te Rahab hat mehr Glau­ben als der Jude Achan.

Die­se Ereig­nis­se zei­gen den ursprüng­li­chen Emp­fän­gern des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums eine unge­mein wich­ti­ge Tat­sa­che. In der Pha­se Isra­els, in wel­cher die Kanaa­ni­ter aus dem Land ver­trie­ben wur­den, waren Kanaa­ni­ter, die dem Gott Isra­els ver­trau­ten, will­kom­men als Teil des Vol­kes Got­tes. Dies war mög­lich, egal, wie die ethi­sche Lebens­füh­rung die­ser Per­son bis dahin aus­sah. Gleich­zei­tig waren Juden, die sich durch ihr Ver­hal­ten als defak­to ‹ungläu­bi­ge› Men­schen zeig­ten, in ihrer Betei­li­gung am Volk Got­tes gefähr­det.

Jesus wür­digt sei­ne Ahnin, indem er sich zu ihr bekennt, der nicht-jüdi­schen Pro­sti­tu­ier­ten, wel­che dem Gott Isra­els mehr ver­traut hat, als man­che Juden es taten. Jesus gibt Rahab ihre Wür­de zurück indem er sagt: Rahab ist eine mei­ner Ahnen!

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Ruth

Boas zeug­te Obed mit der Ruth (Mt 1:5)

Ruth ist eine Moa­bi­te­rin. Frau­en aus Moab waren für Juden ein abso­lu­tes No-Go, weil sich der Prä­ze­denz­fall aus der frü­hen Geschich­te Isra­els tief in die natio­na­le See­le ein­ge­brannt hat­te!

Als das Volk bei Schit­tim lager­te, began­nen die Män­ner, sich mit moa­bi­ti­schen Frau­en ein­zu­las­sen. Die Moa­bi­te­rin­nen luden die Män­ner Isra­els auch zu den Opfer­fe­sten ein, die sie zu Ehren ihres Got­tes fei­er­ten. Die Män­ner aßen von dem Opfer­fleisch und war­fen sich anbe­tend vor dem Moa­bi­ter­gott zu Boden. (Num 25:1 – 2)

Moa­bi­ti­sche Frau­en waren nicht nur ver­füh­re­risch in ihrer Schön­heit, son­dern auch in Bezug auf den Glau­ben. Doch Jesus hat eine Moa­bi­te­rin in sei­ner Ahnen­rei­he! Sie wird ein Vor­fah­re von Jesus, weil sie mit Leib und See­le dem Gott Isra­els anhängt:

Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. (Rt 1:16)

Die­ses Bekennt­nis ist erstaun­lich, denn von die­sem Gott ihrer jüdi­schen Schwie­ger­mut­ter Noo­mi hat Ruth bis zu jenem Zeit­punkt nur Ent­täu­schen­des erlebt. Ruths Ehe­mann und Schwie­ger­va­ter sind bei­de gestor­ben, ohne dass der HERR ein­ge­grif­fen hät­te. Es ist also weder ein ‘Wohl­stands­evan­ge­li­um’, wel­ches Ruth zu Gott zieht, noch eine gute Lösung auf das Pro­blem des Lei­des in der Welt, wel­che die­sen tie­fen Glau­ben an Gott in Ruth weckt, noch ein posi­tiv stim­men­der Glau­be von Noo­mi, denn die­se klagt depres­siv den Gott Isra­els an:

Der HERR hat sein Urteil gegen mich gespro­chen; er, der All­mäch­ti­ge, hat mir bit­te­res Leid zuge­fügt. (Rt 1:21)

Viel­leicht könn­te Ruth eine Inspi­ra­ti­on sein für Men­schen wie Bart Cam­po­lo oder Micha­el und Lisa Gungor, die auf­grund von Leid den Glau­ben an den Gott der Bibel auf­ge­ge­ben haben — Leid, das sie zum Teil nicht ein­mal selbst erlebt haben. Ruth, die poten­ti­ell reli­gi­ös irre­füh­ren­de und sexu­ell ver­füh­re­ri­sche Aus­län­de­rin, glaubt dem Gott Isra­els total trotz der Tat­sa­che, dass er das gros­se Leid in ihrem Umfeld nicht aus der Welt schafft.

Jesus ist stolz, die­se Schön­heit aus Moab als sei­ne Ahnin zu haben, wel­che gegen jede Erfah­rung im eige­nen Leben den Gott Isra­els als einen ver­läss­li­chen Gott erkennt und wür­digt. Ein Gott, dem sie sich anver­trau­en und zu des­sen Volk sie gehö­ren will! Jesus bekennt sich öffent­lich zu Ruth als eine sei­ner Ahnen!

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Batseba

David zeug­te Salo­mo mit der Frau des Uria. (Mt 1:6)

Die ‹Frau des Uria› ist Batse­ba, die Frau, mit der David sei­nen berühm­ten Sei­ten­sprung hat. Bleibt Batse­ba über­haupt eine Wahl? Was fühlt sie, als sie ihren Mann ver­liert, weil David — ihr König und Lieb­ha­ber — die­sen ermor­den lässt? Hat sie davon gewusst? Wie sicher fühlt sie sich als neue Frau von David, wenn die­ser bereit ist, über eine Lei­che zu gehen, um sei­ne Lei­den­schaft mit ihr aus­le­ben zu kön­nen? Liebt sie David über­haupt, mit dem sie Zeit ihres Lebens ver­bun­den bleibt?

Es gibt vie­le Fra­gen, die unbe­ant­wor­tet blei­ben. Doch eines will Mat­thä­us klar­ma­chen: Batse­ba ist die Frau eines Aus­län­ders. Des­halb nennt er sie ‘die Frau des Uria’ anstatt bei ihrem Namen. Ver­mut­lich war Batse­ba eine Jüdin, die einen loya­len Aus­län­der gehei­ra­tet hat­te, der am Hof Davids dien­te und mög­li­cher­wei­se zum Glau­ben des Vol­kes Got­tes kon­ver­tiert war. (2Sam 11:11)

Jesus ver­tuscht die Tat­sa­che nicht, dass er Batse­ba als Vor­fah­rin hat. Im Gegen­teil. Batse­ba erhält ihre gan­ze Wür­de zurück, indem Jesus selbst sich öffent­lich zu ihr bekennt, der jüdi­schen Frau eines aus­län­di­schen Die­ners am jüdi­schen Volk. Trotz ihrer zwei­fel­haf­ten Geschich­te bringt sie den Sohn zur Welt, aus des­sen Abstam­mung eines Tages der Ret­ter der Welt gebo­ren wird.

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Die ‘kontaminierte’ Ahnenreihe von Jesus

Jüdi­sche Ahnen­li­sten beinhal­te­ten mei­stens nur Män­ner. Mat­thä­us ‹kon­ta­mi­niert› die Ahnen­rei­he von Jesus mit Frau­en und zwar mit sol­chen von zwei­fel­haf­tem Ruf, die ent­we­der selbst Aus­län­de­rin­nen waren oder mit Aus­län­dern liiert waren.

Der Autor des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums will sei­nen Lesern hier Wich­ti­ges klar­ma­chen: Die­se Frau­en hat­ten mit­un­ter den stär­ke­ren Glau­ben und gerech­te­ren Lebens­stil als Juden und wur­den auf­grund des­sen Teil von Got­tes Volk. Mat­thä­us klärt damit, dass weder Geschlecht, eth­ni­sche Her­kunft, gesell­schaft­li­cher Ruf noch vor­aus­ge­hen­de mora­li­sche Lebens­füh­rung dar­über ent­schei­det, wer Teil von Got­tes Volk wer­den kann.

Die Ver­mu­tung ist stark, dass die ursprüng­li­chen Emp­fän­ger des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums jüdisch­stäm­mi­ge Chri­sten waren, die (zum Teil berech­tig­te) Vor­be­hal­te hat­ten gegen­über nicht-jüdi­schen Men­schen. Mat­thä­us ent­geg­net am Anfang sei­nes Buches mit der geni­al gestal­te­ten Ahnen­rei­he von Jesus den Vor­be­hal­ten sei­ner Leser gegen­über Men­schen, die es aus ihrer Sicht zu ver­ach­ten und zu mei­den galt. Mat­thä­us zeigt sei­nen Lesern, dass sie ihre Vor­be­hal­te abbau­en müs­sen gegen­über Men­schen, die nicht zu ihrer sozi­al­re­li­giö­sen Grup­pe gehö­ren, denn die­se leben mit­un­ter gerech­ter und haben mehr Glau­ben an den Gott der Bibel, als sie selbst.

Mat­thä­us baut im Ver­lauf sei­nes Buches dies­be­züg­lich immer mehr Momen­tum auf, um am Ende sei­ne Leser mit dem gros­sen Lie­bes­auf­trag Jesu an ihnen zu kon­fron­tie­ren:

Dar­um geht zu allen Völ­kern und macht die Men­schen zu mei­nen Jün­gern (Mt 28:19)

Jesus ruft die jüdi­schen Chri­sten von damals dazu auf, zu Men­schen aus allen Völ­kern zu gehen und sie für ein Leben in der Nach­fol­ge von Jesus zu gewin­nen. Noch­mals prä­zi­ser gesagt: Sie sol­len ihre Vor­be­hal­te able­gen und zu jenen Men­schen gehen, gegen­über wel­chen sie reli­giö­se Vor­be­hal­te haben oder die sie sogar als reli­gi­ös ‹gefähr­lich› oder ‹ver­füh­re­risch› betrach­ten, um sie für Jesus zu gewin­nen. Sie sol­len Men­schen, die an Jesus glau­ben, als voll­wer­ti­ge Glie­der im Volk Got­tes sehen und damit als Teil ihrer Gemein­schaft auf­neh­men, unab­hän­gig von deren Geschlecht, eth­ni­scher Her­kunft, gesell­schaft­li­chem Ruf oder vor­aus­ge­hen­der mora­li­scher Lebens­füh­rung. Die­sen Men­schen, gegen­über denen sie mit­un­ter gros­se Vor­be­hal­te haben, sol­len sie hel­fen, als Jün­ger von Jesus Chri­stus zu leben!

Sam All­ber­ry hat am 22. Dezem­ber 2019 auf Face­book dies auf den Punkt gebracht:

Die Ahnen­rei­he von Chri­stus bei Mat­thä­us beinhal­tet die Aus­sen­sei­ter, die Skan­da­lö­sen und die Aus­län­der. Die Fami­lie, von der Jesus kommt, anti­zi­piert die Fami­lie, für die er gekom­men ist. (Eige­ne Über­set­zung)

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Ermutigung

Es gibt hier eine gros­se Ermu­ti­gung. Sie hat mit unse­rem Got­tes­bild zu tun. Wie sehen wir Gott? Die Ahnen­li­ste von Jesus zeigt uns sein Wesen deut­lich. Er liebt Men­schen und ruft sie dazu auf, Teil sei­nes Vol­kes zu wer­den unab­hän­gig von ihrem Geschlecht, ihrer eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit, ihrem sozia­len Ruf und der ‹Qua­li­tät› ihres mora­li­schen Lebens. Der Gott der Bibel liebt und ruft jeden von uns, an ihn zu glau­ben, auch dich!

Viel­leicht siehst du dich nicht als Teil der ‹In-Grup­pe›. Bist du Aus­län­der? Macht dein Geschlecht dir zu schaf­fen? Ist dein gesell­schaft­li­cher Ruf rui­niert, ohne dass du etwas dafür kannst? Ist er zer­stört, weil du einen grös­se­ren ‹Bock› geschos­sen hast? Ist dei­ne bis­he­ri­ge mora­li­sche Lebens­füh­rung nicht so, wie sie vor Gott eigent­lich sein soll­te? Dann erken­ne an Weih­nach­ten Got­tes Wesen! Er hat sei­ne lei­den­schaft­li­che Lie­be für dich bewie­sen, indem er an Weih­nach­ten Mensch gewor­den ist. Er ruft dich dazu auf, an ihn zu glau­ben, Teil sei­nes Vol­kes zu wer­den und anzu­fan­gen, als Nach­fol­ger von Jesus Chri­stus zu leben:

All denen jedoch, die ihn auf­nah­men und an sei­nen Namen glaub­ten, gab er das Recht, Got­tes Kin­der zu wer­den. (Joh 1:12)

Zum Got­tes­bild gehört auch, wie Gott mit ver­schie­de­nen Kul­tu­ren umgeht. Mei­ne eige­ne Mut­ter ist Eng­län­de­rin. Sie lebt schon seit vie­len Jahr­zehn­ten mit uns in der Schweiz und hat den wun­der­schö­nen Namen Mari­on. Sie mein­te kürz­lich, dass Ruth auch nach ihrem Ein­gang in Isra­el wei­ter­hin ‹Ruth die Moa­bi­te­rin› genannt wird. Ihre Aus­sa­ge stimmt. Auch wenn mei­ne Mut­ter ganz Teil unse­rer schwei­ze­ri­schen Gemein­schaft gewor­den ist, wird sie wegen ihres leicht eng­li­schen Akzents immer noch als ‹Mari­on die Eng­län­de­rin› wahr­ge­nom­men. Dies ist ein wich­ti­ger Punkt: Die eige­ne Ursprungs­kul­tur bleibt immer ein Stück der eige­nen Iden­ti­tät, und das ist gut so!

Auch Ruth hat sich ganz in ihre neue Gemein­schaft ein­ge­ge­ben und den Gott Isra­els samt dem Ord­nun­gen, wel­che Gott sei­nem Volk gege­ben hat­te, als ihre eige­nen ange­nom­men. Und doch blie­ben vie­le kul­tu­rel­le Eigen­hei­ten und Gepflo­gen­hei­ten ihrer Her­kunft erhal­ten. Und das ist gut so! Ruth gehör­te samt ihrer Her­kunft ganz zur Gemein­de Isra­els.

Das ist ermu­ti­gend für dich, wenn du in einem frem­den Land als Aus­län­der Teil der Fami­lie Got­tes wirst! Gott radiert dei­ne kul­tu­rel­le Her­kunft nicht aus, son­dern sieht sie als Berei­che­rung! Dei­ne Kul­tur berei­chert sei­ne Gemein­de so sehr, dass die Bibel vom Ende der Zeit sagt, dass die Kul­tu­ren ihre Schät­ze ins Neue Jeru­sa­lem brin­gen wer­den (Off 21:26).

Zum Got­tes­bild gehört auch sei­ne Gerech­tig­keit. Gott misst nicht mit unter­schied­li­chen Ellen:

Ihr sollt beim Rich­ten nicht die Per­son anse­hen, son­dern sollt den Klei­nen hören wie den Gro­ßen und vor nie­mand euch scheu­en; denn das Gericht ist Got­tes. (5. Mose 1,17)

Petrus aber tat sei­nen Mund auf und sprach: Nun erfah­re ich in Wahr­heit, dass Gott die Per­son nicht ansieht; son­dern in jedem Volk, wer ihn fürch­tet und Recht tut, der ist ihm ange­nehm. Er hat das Wort dem Volk Isra­el gesandt und Frie­den ver­kün­digt durch Jesus Chri­stus, wel­cher ist Herr über alles. (Apo­stel­ge­schich­te 10,34 – 36)

Wenn du Unge­rech­tig­keit erlebt hast, wird Gott im Zuge der Zeit für dein Recht sor­gen. Er sieht dein gerech­tes Han­deln!

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Ermahnung

Wir mögen die­ses Wort nicht. Trotz­dem will ich es hier benut­zen, denn die Ahnen­li­ste von Jesus Chri­stus ist eine Ermah­nung an alle, die sich Chri­sten nen­nen und mei­nen, sie könn­ten auf Men­schen her­ab­schau­en, die sich aus­ser­halb ihrer Kir­che oder ihrer Gemein­schaft bewe­gen.

Täu­schen wir uns nicht: Gott sucht und liebt Men­schen jeden Geschlechts, jeder eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit, jeden sozia­len Rufes und jeder mora­li­schen Lebens­füh­rung. Er will sie alle zu einem Teil sei­nes Vol­kes machen. Er will, dass sie alle Nach­fol­ger von Jesus Chri­stus wer­den. Es ist sogar so, dass man­che von ihnen, die schein­bar nicht ‹zu uns› gehö­ren, in den Augen Got­tes gerech­ter leben und mehr Glau­ben haben, als wir. Sie sind in den Augen Got­tes mög­li­cher­wei­se unse­re Vor­bil­der und nicht wir ihre!

Las­sen wir uns an Weih­nach­ten die­sen Fra­gen stel­len:

  • Sehe ich her­ab auf Men­schen ande­ren Geschlechts, eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit, ande­ren sozia­len Sta­tus oder angeb­lich ‹min­der­wer­ti­ger mora­li­scher Lebens­füh­rung›?
  • Gibt es Grup­pen von Men­schen, gegen­über denen ich nicht nur Vor­be­hal­te habe, son­dern vor denen ich Angst habe oder die ich als der­mas­sen unmo­ra­lisch anse­he, dass ich sie als ‹Gott-Ver­lo­re­ne› betrach­te, als hoff­nungs­lo­se Fäl­le, die wir ihrem Schick­sal über­las­sen sol­len?
  • Was könn­te ich tun, um mei­ne Äng­ste und Ableh­nung abzu­le­gen? Wo könn­te ich auf eine Per­son die­ser Grup­pe zuge­hen und sie ein Stück der lei­den­schaft­li­chen Lie­be Got­tes erfah­ren las­sen?
  • Rich­te ich mit unter­schied­li­chen Ellen je nach­dem, wer vor mir steht? Wie kann ich sicher­ge­hen, dass ich nach Got­tes Gerech­tig­keit hand­le, wel­che die Per­son nicht ansieht?
  • Gibt es Nach­fol­ger von Jesus unter die­sen Men­schen, wel­che mir ein Vor­bild sein könn­ten?
  • Zeigt sich mein eige­nes, angeb­li­ches Gott­ver­trau­en in mei­nen Ent­schei­dun­gen und Hand­lun­gen? Hand­le ich als Christ gerecht in die­ser Welt?

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