Den Glauben verlieren Teil 1: meine Re-Konversion

Paul Bruderer
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Ich woll­te glau­ben, aber konn­te nicht mehr! Die Gewiss­hei­ten mei­ner Kind­heit hat­ten mich Stück um Stück ver­las­sen und gaben einer Ver­zweif­lung und Düster­heit Raum, die ich vor­her nicht kann­te und seit­her nie mehr erlebt habe. 

Ich bin als älte­stes Kind eines Ehe­paars auf­ge­wach­sen, das ihr Leben dafür hin­gab, um Men­schen einer ande­ren Kul­tur und Reli­gi­on den Glau­ben an Jesus Chri­stus bekannt zu machen. Mein Vater war ein Top-Inge­nieur, der sich in der Schweiz wohl eine gol­di­ge Nase ver­dient hät­te, wenn nicht Jesus sein Leben ange­rührt und umge­krem­pelt hät­te. Statt­des­sen wähl­te er ein Leben in einem der heis­se­sten Län­der der Welt: Dem klei­nen Land Dji­bou­ti. Mei­ne Mut­ter ist eine typi­sche Eng­län­de­rin. Nichts aus­ser einer lei­den­schaft­li­chen Lie­be zu Jesus konn­te sie von ihrem eng­li­schen ‹Gärt­li› in die Wüste am Horn von Afri­ka füh­ren. In die­sem Bild kommt noch die Zuver­sicht zum Aus­druck, die ich als Kind grund­sätz­lich emp­fand.

Familie Bruderer am Lac Assal, Djibouti
Fami­lie Bru­de­rer am Lac Assal, Dji­bou­ti, ca 1982

Du hast rich­tig gera­ten! Ich bin der Jun­ge mit der Stein­schleu­der. Der ande­re Schelm ist mein Bru­der Peter, mit dem ich die­se Web­sei­te betrei­be.

Zweifel schleichen sich ein

Die Zuver­sicht des Glau­bens, die mei­ne Kind­heit präg­te, soll­te sich bald ver­ab­schie­den. Ab mei­nem 13. Lebens­jahr löste sich eine Glau­bens­ge­wiss­heit nach der ande­ren auf. Kann Gott mei­ne Gebe­te wirk­lich hören? Ist er mäch­tig genug, um in mei­nem Leben einen Unter­schied zu machen? War­um sind Chri­sten ten­den­zi­ell so heuch­le­risch, into­le­rant und ehr­lich gesagt … oft lang­wei­lig?

In die­ser Zeit ging ich zu mei­nem Pastor und sag­te ihm, dass ich Fra­gen über den Glau­ben hät­te. Er ging mit mir die Zehn Gebo­te durch, um her­aus­zu­fin­den, ob ich Sün­de in mei­nem Leben hät­te. Er bete­te für mich und liess mich gehen. Ich wer­fe ihm nichts vor, denn er wuss­te mir nicht zu hel­fen. Aber man hät­te es wesent­lich bes­ser anstel­len kön­nen …

Nicht alle Chri­sten waren lang­wei­lig. Da gab es ‹Mättl›, der soeben den schar­fen Sound von christ­li­chem Hard­rock ent­deckt hat­te und lan­ge Haa­re trugt. Beson­ders ‹in› war die Rez Band aus Chi­ca­go, die Teil einer christ­li­chen Kom­mu­ni­tät war, wel­che in den Slums der Stadt den Armen dien­ten. Die Freund­schaft mit ‹Mättl› und das Vor­bild der Rez Band hal­fen mir, aber die Zwei­fel blie­ben und wur­den … schlim­mer.

Es geht ans Eingemachte

Pho­to by Sasha Freemind on Uns­plash

Mit der Zeit grif­fen die Zwei­fel immer mehr die Fun­da­men­te des Glau­bens an. Die­se Fra­gen trie­ben mich rich­tig umher: Ist die Bibel über die Jahr­tau­sen­de zuver­läs­sig genug über­lie­fert, dass wir über­haupt noch wis­sen kön­nen, was die ursprüng­li­chen Autoren geschrie­ben haben? Hat Jesus wirk­lich gelebt? Ist er von den Toten auf­er­stan­den und kön­nen wir das über­haupt her­aus­fin­den? Gibt es Gott eigent­lich?

Als ich an die­sem Punkt ange­lang­te, war ich inzwi­schen 16 Jah­re alt. Eine Ver­zweif­lung fing an, mei­ne See­le zu ergrei­fen. Ich war nicht auf Rebel­li­on aus. Ich hät­te ger­ne geglaubt, aber konn­te nicht, weil ich kei­ne Gewiss­heit dar­über fand, was wahr ist! Dies war es, was mir fehl­te: Die Gewiss­heit, was wahr ist in Bezug auf Reli­gi­on, Glau­be und Gott. Das war in einer Zeit, in der die Post­mo­der­ne Men­schen noch nicht brand­mark­te, die sich für die­se Fra­gen inter­es­sier­ten.

Nachts erwach­te ich und dach­te: «Falls Gott exi­stiert, hat er mich ver­dammt, weil er mei­ne Fra­gen nicht weg­nimmt. Er könn­te mir doch eine Erschei­nung schicken, dann wür­de ich glau­ben kön­nen!» Er tat dies aber nicht, und heu­te weiss ich auch wes­halb. Er woll­te, dass ich tue, was jeder tun soll­te: Ich soll­te nicht dar­auf war­ten, bis sich die Fra­gen in Luft auf­lö­sen, son­dern soll­te mich auf eine ehr­li­che Suche nach Ant­wor­ten bege­ben.

Ich verliere meinen Glauben ganz

Als ich 17-jäh­rig wur­de, tat ich etwas vom Schwer­sten, das ich jemals getan hat­te. Ich bekann­te mei­nen Eltern, die ihr Leben für Jesus hin­ge­ge­ben hat­ten, dass ich nicht mehr an die­sen Jesus glau­be. Es fühl­te sich an wie ein ‹com­ing out›. Das­sel­be sag­te ich mei­nem neu­en Pastor Wer­ner Buser, der damals die Chrisch­o­na-Gemein­de Fel­ben lei­te­te.

Eltern und Pastor zeig­ten erstaun­li­ches Ver­ständ­nis und ermu­tig­ten mich, mich auf die Suche zu bege­ben. Sie hat­ten wohl genug Ver­trau­en in Jesus, der sagt:

Denn wer bit­tet, der bekommt. Wer sucht, der fin­det. Und wer anklopft, dem wird geöff­net. (Lukas 11,10)

Die ersten Mona­te ver­lie­fen plan­los, denn ich wuss­te nicht, wo anset­zen. Für mich war son­nen­klar, dass die Wis­sen­schaft bewie­sen hat­te, dass der Glau­be an Gott wider­sin­nig sei. Heu­te erstaunt mich das, denn ich hat­te kei­ne ein­zi­ge Beweis­füh­rung gele­sen. Ich muss die­se Gewiss­heit aus der dün­nen Luft unse­rer Kul­tur ein­ge­at­met haben.

Entdeckung der Apologeten

Eines Tages, als ich bei mei­ner Schlum­mer-Mut­ter Rös­li Misch­ler zum Mit­tag­essen ein­ge­la­den war, sah ich in einem Heft die Wer­bung für ein Buch mit dem Titel Die Bibel im Test. Im ein­füh­ren­den Text stand, dass der Autor ein ehe­ma­li­ger Athe­ist sei, der nun an Jesus glau­be. Die Vor­stel­lung, dass so etwas pas­sie­ren konn­te, fas­zi­nier­te und über­rasch­te mich. Ich bestell­te das Buch sofort und ver­schlang, was Josh Mac­Do­well schrieb.

So öff­ne­te sich eine neue Welt für mich: Die Welt der christ­li­chen Apo­lo­ge­ten. Das sind Phi­lo­so­phen und Wis­sen­schaft­ler, die behaup­ten, Grün­de für den Glau­ben an Jesus zu haben. Eines war mir von Anfang an klar: Ich las­se mich nicht über­re­den, son­dern wer­de mich nur dem hin­ge­ben, was mich wirk­lich über­zeugt.

So ver­brach­te ich die näch­sten vier Mona­te fast jede freie Minu­te mit Lesen und Noti­zen machen über das, was ich ent­deck­te. Beson­ders wich­tig waren die Argu­men­te der bekann­ten Phi­lo­so­phen C.S. Lewis, FF Bruce und dem besag­ten Josh Mac­Do­well. Ich las auch athe­isti­sche Argu­men­ta­tio­nen. Aber mir wur­de bald zutiefst klar, dass die Beweis­la­ge für den Glau­ben äus­serst ein­drück­lich war. Ich emp­fand sie als ein­deu­tig und über­zeu­gend.

So erfuhr ich, dass das Neue Testa­ment im Ver­gleich zu allen ande­ren Büchern der Anti­ke das mei­len­weit best­über­lie­fer­te Buch ist. ‹Mei­len­weit› reicht nicht aus, man muss von Licht­jah­ren reden! Es gibt online eine Pre­digt von mir dazu, mit Bezug zu aktu­el­len Ent­deckun­gen, wel­che noch die­sen Befund noch ein­mal bestär­ken. Dar­auf auf­bau­end ist die histo­ri­sche Beweis­la­ge für die Exi­stenz von Jesus Chri­stus und für sei­ne leib­li­che Auf­er­ste­hung vom Tod aus­ge­zeich­net. Dies wie­der­um über­zeug­te mich zutiefst, dass es Gott gibt.

Meine Re-Konversion

Pho­to by Balz

Plötz­lich merk­te ich eine Ver­än­de­rung: Es glaub­te wie­der in mir! Ich muss­te mich nicht men­tal über­li­sten, wie­der zu glau­ben. Ich muss­te nicht lan­ge beten und um Glau­ben bit­ten. Es glaub­te ein­fach wie­der in mir, weil ich wuss­te: Ich habe die Wahr­heit fin­den dür­fen! Ich war so hap­py! Ich war über­glück­lich und bin es bis heu­te geblie­ben! Und die­se Wahr­heit lau­tet: Jesus Chri­stus ist das, was das Neue Testa­ment behaup­tet, näm­lich der ein­zig­ar­ti­ge Sohn Got­tes, der mich liebt und für mich gestor­ben ist! Sei­ne Auf­er­ste­hung beweist dies alles mit Sicher­heit.

Mir ist bewusst, dass es heut­zu­ta­ge nicht für genehm gehal­ten wird, eine der­art ‹abso­lu­te› Aus­sa­ge zu machen in reli­giö­sen Ange­le­gen­hei­ten. Ich habe natür­lich immer noch Fra­gen, die unbe­ant­wor­tet sind. Aber die grund­sätz­li­chen Fra­gen, wel­che den Glau­ben ver­un­mög­licht haben, sind klar und deut­lich beant­wor­tet wor­den.

Freun­de haben mir gesagt, ich dür­fe nicht so sicher sein. Sie mei­nen, die ehr­lich­ste Reli­gi­on sei der Agno­sti­zis­mus, weil wir vor allem Fra­gen stel­len soll­ten. Ant­wor­ten sei­en suspekt.

Ich bin ande­rer Mei­nung. Es ist für mich kei­ne Fra­ge, dass es Gewiss­heit des Glau­bens gibt. Ich den­ke, dass auch Agno­sti­ker tie­fe reli­giö­se Gewiss­hei­ten haben, nur sind sie ihnen viel­leicht nicht bewusst. Um Agno­sti­ker zu sein, muss man fun­da­men­ta­le Annah­men tref­fen über das Wesen der Rea­li­tät und des­sen Erkenn­bar­keit. Die­se (viel­leicht unbe­wuss­ten) Gewiss­hei­ten füh­ren dazu, dass sie in Bezug auf eine Exi­stenz Got­tes kei­nen ein­deu­ti­gen Befund machen kön­nen. Doch dies ändert nichts dar­an, dass sie von bestimm­ten fest gehal­te­nen Über­zeu­gun­gen aus den­ken und ana­ly­sie­ren. Auch sie haben Glau­bens­ge­wiss­hei­ten — nur sind sie völ­lig anders gela­gert als mei­ne Gewiss­heit.

Mei­ne Lie­bes­be­zie­hung zur Apo­lo­ge­tik ist geblie­ben. Ich ent­deck­te über die Jah­re diver­se aus­ge­zeich­ne­te Apo­lo­ge­ten, die mir hal­fen, wich­ti­ge Fra­gen der Meta­phy­sik, Epi­ste­mo­lo­gie und Ethik durch­zu­den­ken. Fol­gen­de Autoren fin­de ich hilf­reich, auch wenn ich nicht immer mit allem ein­ver­stan­den bin: Alvin Plan­tin­ga, Micha­el Behe, Fran­cis Scha­ef­fer, Paul Copan, Chris Wright, Sam All­ber­ry, John San­ders, Nan­cy Pear­cy.

Mein Erleben im Vergleich zu aktuellen Beispielen von Glaubens-Verlust

Wir hören heu­te von vie­len, die den Glau­ben ver­lie­ren. Dies ist ein gros­ses, sehr wich­ti­ges und dring­li­ches The­ma, über das ich an die­ser Stel­le nicht viel schrei­ben will. Es gibt meh­re­re Bücher, die sich mit die­ser Wel­le befas­sen, bei der Men­schen den Glau­ben auf­ge­ben. Eines emp­feh­le ich: A reci­pe for dis­a­ster von John Mar­riott.

Was mir auf­fällt ist fol­gen­des: Ich durf­te re-kon­ver­tie­ren. Ich durf­te sozu­sa­gen zu mei­nem alten Glau­ben zurückkeh­ren. Natür­lich war mein neu gefun­de­ner Glau­be anders als vor mei­ner Zeit der Zwei­fel. Aber ich kam ganz fun­da­men­tal zum glei­chen Gott und glei­chen Glau­ben zurück.

Vie­le, die heu­te den Glau­ben auf­ge­ben, kom­men nicht zurück son­dern kon­ver­tie­ren in ein ande­res Glau­bens-System. Sie de-kon­ver­tie­ren und fin­den sich letzt­lich in einer völ­lig ande­ren Welt­an­schau­ung wie­der. Zwei sol­che Per­so­nen möch­ten wir dir vor­stel­len: Bart Cam­po­lo, der heu­te Athe­ist ist, und Micha­el Gungor, der sich einem moni­sti­schen Mysti­zis­mus hin­ge­ge­ben hat. Es gibt ver­schie­de­ne Fak­to­ren, die bei die­sen De-Kon­ver­sio­nen wich­tig sind. Über einen Fak­tor liest man wenig, und über die­sen lade ich dich ein, hier etwas zu lesen.

4 Comments
  1. Avatar
    Alin Cucu 2 Monaten ago
    Reply

    Hal­lo Paul,

    dan­ke für dei­nen ehr­li­chen und klar geschrie­be­nen Bei­trag! Ein­mal mehr zeigt sich, dass ratio­na­les Über­zeugt­sein zwar kei­ne hin­rei­chen­de, aber wohl eine not­wen­di­ge Bedin­gung für einen sta­bi­len christ­li­chen Glau­ben ist.
    Dan­ke dass du die­se Erfah­run­gen teilst, das ermu­tigt Leu­te (wie auch mich), die ihre zen­tra­le Auf­ga­be in der ratio­na­len Ver­tei­di­gung des christ­li­chen Glau­bens sehen.

    Wer weiss, viel­leicht begeg­nen wir uns sogar mal per­sön­lich — wir sind sogar im glei­chen Kan­ton 🙂

    Dein Mit­bru­der in Chri­stus

    Alin

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 2 Monaten ago
      Reply

      Lie­ber Alin, man kann ich kaum bes­ser for­mu­lie­ren! Es ist wie du sagst: eine not­wen­di­ge aber nicht eine hin­rei­chen­de Bedin­gung für den Glau­ben. Wür­de mich freu­en, dir mal zu begeg­nen — viel­leicht kommst du mal nach Frau­en­feld und erzählst mir dei­ne Geschich­te! Lie­ber Gruss Paul

  2. Paul Bruderer
    Paul Bruderer 2 Monaten ago
    Reply

    Hi Matt, ich wuss­te das nicht von dir! Ich freue mich sehr, dass wir die Erfah­rung machen durf­ten, dass Jesus durch unse­re nahe­ste­hen­den Men­schen beglei­tet hat in die­sen Zei­ten der Suche! Dan­ke für den Dienst, den du tust — und bis bald wie­der ein­mal im Aldi Frau­en­feld 😉

  3. Avatar
    Matt Suremann 2 Monaten ago
    Reply

    Hi Paul, Hi Peti
    Ich habe ähn­li­ches erlebt. Im prak­tisch glei­chen Alter. Ent­täuscht und ver­letzt durch Ereig­nis­se in mei­ner Kir­che, kehr­te ich dem Chri­sten­tum den Rücken zu und begann mich mit der Phi­lo­so­phie aus­ein­an­der­zu­set­zen. Her­mann Hes­se wur­de dabei wie ein «Leh­rer» für mich. Ich ver­schlang eines nach dem ande­ren sei­ner Wer­ke.
    In wein­see­li­gen Run­den mit mei­nen neu­en Freun­den, tausch­ten wir unse­re phi­lo­so­phi­schen Erkennt­nis­se aus und was sie ein­deu­tig vom «engen, christ­li­chen Gedan­ken­kor­sett» unter­schei­den. Dank der Bestän­dig­keit mei­ner älte­ren Schwe­ster, die Gebe­te mei­ner Fami­lie und die Begeg­nung mit Luky Bern­hardt führ­ten mich schliess­lich auf mei­nen ursprüng­li­chen Weg zurück. Spä­ter absol­vier­te ich ein Stu­di­um in Sozi­al­dia­ko­nie und arbei­te heu­te in einer christ­lich geführ­ten Insti­tu­ti­on, die psy­chisch beein­träch­tig­te Men­schen betreut und sie dabei unter­stützt, ihren Weg zurück in die Gesell­schaft und damit auch zurück ins Leben zu fin­den.

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