Gemeinde im Mosaik der Kulturen

Johannes Müller
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Mor­gens in der S‑Bahn – sofern man die Augen schon auf­kriegt – wird es offen­kun­dig: Men­schen von unter­schied­lich­ster Her­kunft leben mit uns zusam­men. Unse­re Gesell­schaft hat sich so stark diver­si­fi­ziert, dass sich eine auch nur annä­hernd homo­ge­ne Zusam­men­set­zung fast nir­gends mehr fin­det. Wir erle­ben ein regel­rech­tes Mosa­ik der Kul­tu­ren. Was bedeu­tet dies für christ­li­che Gemein­den?

Eine Bewe­gung in Deutsch­land zeigt, was in die­sem Umfeld ent­ste­hen kann. Vor gut 8 Jah­ren grün­de­te Ste­phen Beck, ein Dozent an der Frei­en Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le Gies­sen in Deutsch­land, zusam­men mit eini­gen sei­ner Stu­den­ten eine «Gemein­de für ande­re». In einer ersten Zeit erreich­ten sie nur ein­zel­ne Deut­sche und Migran­ten. Dann tauch­te ein Afgha­ne auf, der sich kurz zuvor für ein Leben mit Jesus ent­schie­den hat­te. Er lud immer mehr Lands­leu­te ein. Die Über­set­zungs­an­la­ge, die die Gemein­de zwar wegen ihrer Visi­on ange­schafft hat­te, aber noch nicht nut­zen konn­te, wur­de plötz­lich benö­tigt. Ein wei­te­rer Afgha­ne erzähl­te, dass er in der Nacht Jesus in einem gros­sen Licht gese­hen hat­te und von ihm den Auf­trag bekam, in die­se Gemein­de zu gehen.

Aus die­sen Anfän­gen ent­stand eine rich­tig­ge­hen­de Wel­le. Mit dem Zustrom von Flücht­lin­gen im Jahr 2015 tauch­ten immer mehr Mus­li­me auf, die nach Isa (Jesus) frag­ten und mit ihm leben woll­ten. In die­ser über­ra­schen­den Situa­ti­on muss­te das Gemein­de­grün­dungs­team sei­ne Arbeit ganz neu über­den­ken. Es for­mu­lier­te das Kon­zept der «mono-mul­ti­kul­tu­rel­len Gemein­de», die aus­ge­hend von einer deut­schen Basis­kul­tur Men­schen aus ande­ren Kul­tu­ren Platz bie­tet. Ver­schie­de­ne der Stu­die­ren­den began­nen nach Abschluss ihrer Aus­bil­dung wei­te­re Gemein­den mit der­sel­ben DNA zu grün­den. Inner­halb der fol­gen­den Jah­re ent­stan­den so über 15 Gemein­den im Gross­raum Frank­furt, die sich zur soge­nann­ten Mosa­ik-Bewe­gung zäh­len. In sei­nem Buch «Mis­si­on Mosa­ik­kir­che. Wie Gemein­den sich für Migran­ten und Flücht­lin­ge öff­nen» erzählt Ste­phen Beck die­se Geschich­te und gibt mehr Hin­ter­grün­de, wie die­se Gemein­den geprägt sind.


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Die erste kulturell gemischte, christliche Gemeinde

Blen­den wir knapp 2000 Jah­re zurück. Die Welt, in der die ersten Chri­sten leb­ten, kann­te eini­ge Migra­ti­ons­be­we­gun­gen und war kul­tu­rell stark durch­mischt. Doch erst in der Gross­stadt Antio­chia kamen Chri­sten, die bereits über inter­kul­tu­rel­le Erfah­rung ver­füg­ten, auf den Gedan­ken, das Evan­ge­li­um über Kul­tur­gren­zen hin­weg zu ver­kün­den – mit durch­schla­gen­dem Erfolg: Durch die trans­kul­tu­rel­le Evan­ge­li­sa­ti­on wuchs die Gemein­de stark. Die Gemein­de in Jeru­sa­lem sand­te Bar­na­bas um die­ses Phä­no­men zu über­prü­fen. Dank einem vom Hei­li­gen Geist gelei­te­ten Unter­schei­dungs­ver­mö­gen erkann­te er die Gna­de Got­tes in die­ser Ent­wick­lung (Apo­stel­ge­schich­te 11,19 – 26).

Bar­na­bas und die Gemein­de in Antio­chia schei­nen sich nicht die Fra­ge gestellt zu haben, ob die Migra­ti­on der Men­schen berech­tigt war. Ihr Anlie­gen war, dass Men­schen mit unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­den von Jesus hören kön­nen.

Die aktu­el­le Aus­gangs­la­ge in unse­rer Gesell­schaft ist nicht total ver­schie­den und es stellt sich die­sel­be Fra­ge wie damals: Wie kön­nen christ­li­che Gemein­den mit der kul­tu­rel­len Durch­mi­schung umge­hen?


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Situation in der Schweiz

Im März 2018 war ich mit Ste­phen Beck wäh­rend zwei Tagen in Grau­bün­den und in der Ost­schweiz unter­wegs. An zwei regio­na­len Aus­tausch­tref­fen lies­sen sich etwa 50 Lei­ter und inter­kul­tu­rel­le Ver­ant­wort­li­che aus ver­schie­de­nen Gemein­den von Ste­phens Erzäh­len über die Ent­ste­hung der Mosa­ik-Bewe­gung begei­stern. Beson­ders beein­druckt waren sie von Got­tes Timing, wie er alles Not­wen­di­ge bereit­stell­te, bevor mit der Flücht­lings­wel­le von 2015 vie­le Men­schen in Deutsch­land ein­tra­fen, die nicht nur eine neue Hei­mat, son­dern Gott such­ten.

Im anschlies­sen­den Grup­pen­aus­tausch tauch­te eine Fra­ge immer wie­der auf: Die Schweiz hat von der Flücht­lings­wel­le nur klei­ne Aus­läu­fer mit­be­kom­men. Im Jahr 2015 kamen gera­de ein­mal 10’000 Asyl­su­chen­de mehr als im Vor­jahr. Was wir sehr viel mehr spü­ren, ist eine lang­sam stei­gen­de Flut – und das schon seit vie­len Jah­ren. Was kön­nen wir von der Mosa­ik-Bewe­gung ler­nen, wenn wir nicht auf einer Wel­le sur­fen, son­dern in der stei­gen­den Flut schwim­men ler­nen müs­sen?

Schwimmen lernen

In der Schweiz ent­stand bis­her kei­ne Bewe­gung von kul­tu­rell gemisch­ten Gemein­de­neu­grün­dun­gen. In ein paar Regio­nen wur­den inter­kul­tu­rel­le Got­tes­dien­ste gestar­tet, aber es ist noch offen, ob sich aus die­sen monat­li­chen oder vier­tel­jähr­li­chen Ange­bo­ten eigen­stän­di­ge Gemein­den ent­wickeln wer­den.

Die zuneh­men­de Zahl von Migran­tin­nen und Migran­ten, die aus christ­li­chem Hin­ter­grund stam­men oder sich neu für den Glau­ben an Jesus inter­es­sie­ren, macht sich in den bestehen­den frei­kirch­li­chen Gemein­den bemerk­bar. Ein beacht­li­cher Teil bie­tet Pro­gram­me für Geflüch­te­te und ande­re Ein­wan­de­rer an. Auch in den Got­tes­dien­sten tau­chen immer mehr Men­schen aus die­sen Hin­ter­grün­den auf.

Gelungene Mischung – interkulturell

An eini­gen Orten gelingt es Schwei­zer Gemein­den, Men­schen von sehr unter­schied­li­chem Hin­ter­grund zu inte­grie­ren. Die kul­tu­rel­le Durch­mi­schung nimmt zu, aber es bil­den sich kei­ne Grup­pen oder Haus­krei­se ande­rer Spra­che. In ihrer Funk­ti­ons­wei­se stellt sich die Gemein­de zwi­schen die Kul­tu­ren, sie ist in die­sem Sinn inter­kul­tu­rell. In der Pra­xis beein­flus­sen die Her­kunfts­kul­tur des Lei­ters und die Gast­kul­tur die gemein­de­ei­ge­ne Mischung am stärk­sten.

Kulturelle Vielfalt – multikulturell

Ande­re Gemein­den spre­chen geziel­ter Geflüch­te­te und Migran­ten aus einer oder einer klei­nen Zahl von Her­kunfts­re­gio­nen an und kön­nen so spe­zi­fi­sche Haus­krei­se oder Got­tes­dien­ste anbie­ten. Es gibt Platz für kul­tu­rel­le Viel­falt, die Gemein­de ist in die­sem Sinn mul­ti­kul­tu­rell. Bei den gemein­sa­men Got­tes­dien­sten prägt oft die Gast­kul­tur den Rah­men. Die Mosa­ik-Bewe­gung lebt und pro­pa­giert eine Vari­an­te die­ses Modells.

Den eigenen Weg suchen

Sobald christ­li­che Gemein­den Men­schen ande­rer kul­tu­rel­ler Prä­gung inte­grie­ren, bewe­gen sie sich auf das eine oder ande­re die­ser bei­den Model­le zu. Je nach Ent­wick­lung kann sich der Schwer­punkt auch ver­schie­ben. Dabei ist es hilf­reich, die Unter­schie­de zwi­schen den bei­den Model­len zu ken­nen und die jewei­li­gen Stär­ken und Her­aus­for­de­run­gen bei den näch­sten Schrit­ten zu berück­sich­ti­gen. Inter­kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät und Kom­pe­ten­zen wer­den auf jeden Fall benö­tigt. Wie die­se Dyna­mi­ken ablau­fen kön­nen, habe ich in ande­ren Arti­keln beschrie­ben (www.africanlink.ch#literatur).

focusC in Chur

Eines der bei­den oben erwähn­ten regio­na­len Aus­tausch­tref­fen vom Früh­jahr 2018 fand bei focusC (FEG Chur) statt. Schon damals hat­te die Gemein­de eini­ge inter­na­tio­na­le Got­tes­dienst­be­su­cher aus ver­schie­de­nen Län­dern. Ange­lei­tet von Glo­bal Focus (www​.glo​bal​fo​cus​.ch) schärf­te die Gemein­de ihre mis­sio­na­le Aus­rich­tung, unter ande­ren auch im inter­kul­tu­rel­len Bereich vor Ort.

Inzwi­schen hat die Zahl der Far­si- und Kur­disch-spre­chen­den Got­tes­dienst­be­su­cher stark zuge­nom­men. Somit stellt sich die Fra­ge, wel­che Gefäs­se sich für sie am besten eig­nen. Aktu­ell beschäf­tigt das Lei­tungs­team die Fra­ge, wie Chri­sten mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in die Lei­tung der Gemein­de ein­be­zo­gen wer­den kön­nen. Der Gemein­de ist sich bewusst, dass es kei­ne ein­fa­chen Lösun­gen gibt. Ein ent­schei­den­der Fak­tor für die Ent­wick­lung sind genü­gend per­so­nel­le Res­sour­cen für den inter­kul­tu­rel­len Bereich, die lei­der nicht immer zur Ver­fü­gung ste­hen.

Auch die Kon­tak­te zu drei inter­na­tio­na­len Gemein­den (eri­tre­isch, bra­si­lia­nisch, tami­lisch), die in den Räu­men von focusC ihre eige­nen Got­tes­dien­ste fei­ern, ent­wickeln sich wei­ter. Kürz­lich wur­de ein gemein­sa­mer Tag mit den eri­trei­schen Chri­sten zusam­men gefei­ert.

Als ein High­light hat focusC im letz­ten Jahr das «Per­si­sche Wochen­en­de» erlebt. Wäh­rend drei Tagen beher­berg­te die Gemein­de gläu­bi­ge Per­ser aus der Regi­on Ost­schweiz. Die bei­den ersten Tage gal­ten der geist­li­chen Stär­kung und Ermu­ti­gung. Die Gemein­de selbst erleb­te den Sonn­tag als den Höhe­punkt. Der Got­tes­dienst mit kur­zen Lebens­be­rich­ten ira­ni­scher Chri­sten hat­te eine nach­hal­ti­ge Wir­kung und hat die Blick­rich­tung vie­ler Schwei­zer Chri­sten ver­än­dert.

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Perspektiven

Aus heu­ti­ger Sicht kann man davon aus­ge­hen, dass die kul­tu­rel­le Durch­mi­schung der Schweiz wei­ter zuneh­men wird. Christ­li­che Gemein­den sind gefor­dert, sich immer wie­der auf die aktu­el­le Migra­ti­ons­si­tua­ti­on ein­zu­stel­len, damit sie in der Gesell­schaft mis­sio­nal blei­ben bzw. wer­den. Ent­schei­dend wird dabei sein, die bereits ein­ge­wan­der­ten Chri­sten ein­zu­be­zie­hen. Dazu gehört es auch, das Poten­zi­al der Migra­ti­ons­kir­chen und inter­na­tio­na­len Gemein­den durch Zusam­men­ar­beit stär­ker zu nut­zen.

Eine beson­de­re Schlüs­sel­rol­le kommt jun­gen Leu­ten der zwei­ten Migra­ti­ons­ge­nera­ti­on zu. Sie haben Erfah­rung mit dem Schwei­zer Leben und mit der Kul­tur und mit der Her­kunfts­kul­tur ihrer Eltern. Damit sich die­se Brücken­funk­ti­on ent­fal­ten kann, braucht es ein beson­de­res Augen­merk auf die­se jun­gen Men­schen. Eini­ge von ihnen füh­len sich in den mono­kul­tu­rel­len Gemein­den ihrer Eltern nicht mehr voll zu Hau­se füh­len, fin­den aber auch nicht ohne Wei­te­res in Ange­bo­te von Schwei­zer Kir­chen und Gemein­den hin­ein. Kul­tu­rell gemisch­te Gemein­den kom­men sol­chen Bedürf­nis­sen am ehe­sten ent­ge­gen.

Mein Wunsch für die Zukunft der Schwei­zer Kir­chen­land­schaft ist, dass sich immer mehr Gemein­den für kul­tu­rel­le Durch­mi­schung und Viel­falt öff­nen. Sie wer­den eini­ge Her­aus­for­de­run­gen zu bewäl­ti­gen haben, aber auch ech­te Berei­che­rung und – vor allem – Got­tes Gna­de wie zu Zei­ten der Apo­stel­ge­schich­te erle­ben.

Seminartag zum Thema mit Johannes Müller

Am Mitt­woch 6. Mai 2020 bie­tet Johan­nes Mül­ler in Aar­au einen Semi­nar­tag über Gemein­de­le­ben im Mosa­ik der Kul­tu­ren an. Infor­ma­tio­nen und Link zur Anmel­dung: https://​inter​cul​tu​rel​.info/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​/​t​a​g​e​s​s​e​m​i​n​a​r​_​e​i​n​h​e​i​t​_​i​n​_​v​i​e​l​f​alt.

Johan­nes Mül­ler lei­tet Afri­can Link (www​.afri​can​link​.ch), einen Dienst von «MEOS Inter­kul­tu­rel­le Dien­ste» (www​.meos​.ch), der mit von Afri­ka­nern gelei­te­ten Gemein­den in der Schweiz arbei­tet. Er gehört auch zum Kern­team der Arbeits­ge­mein­schaft inter­kul­tu­rell der Schwei­ze­ri­schen Evan­ge­li­schen Alli­anz (www​.inter​cul​tu​rel​.info).

Neben die­sem Arti­kel emp­feh­len wir unse­ren Grund­satz­ar­ti­kel zum kul­tur­über­grei­fen­den Cha­rak­ter der christ­li­chen Kir­che sowie unse­ren Arti­kel mit per­sön­li­chen Berich­ten von Men­schen, wie sie die Schön­heit der mul­ti­kul­tu­rel­len Gemein­de von Jesus erle­ben.

 

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