Dynamik durch Spannung

Emanuel Hunziker
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Die Kir­che gedeiht im Span­nungs­feld von ver­meint­lich gegen­sätz­li­chen Aus­sa­gen. Der Ver­such, die­se Span­nungs­fel­der auf­zu­lö­sen endet unwei­ger­lich in der Erstar­rung und Kraft­lo­sig­keit. Könn­te es sein, dass der Kir­che im 21. Jahr­hun­dert zuneh­mend der Wil­le abhan­den kommt, inmit­ten die­ser Span­nungs­fel­der zu leben?

Die Bibel zeich­net weder ein rein «libe­ra­les» noch ein rein «kon­ser­va­ti­ves» Bild der Kir­che, son­dern defi­niert auf bei­den Sei­ten wie im «Mit­tel­feld» essen­ti­el­le Fix­punk­te, die unter­ein­an­der dyna­mi­sche Span­nungs­fel­der erzeu­gen. Ich glau­be, dass Jesus das Wesen sei­ner Kir­che absicht­lich so dyna­misch und span­nungs­ge­la­den schauf, damit sie sich nie in einer Gesell­schafts­form auf­löst  oder von ihr ver­schluckt und für ihre Zwecke miss­braucht wird. In die­sem Sin­ne gedeiht die Kir­che in vie­len Span­nungs­fel­dern, die durch eine syste­ma­tisch-theo­lo­gi­sche Betrach­tung der Bibel erkenn­bar wer­den. Sie ist gleich­zei­tig

  • Uni­ver­sal und lokal
  • Sicht­bar und unsicht­bar
  • Schwach und tri­um­phie­rend
  • Orga­nis­mus und Insti­tu­ti­on
  • In der Welt und nicht von der Welt
  • Rele­vant und unpo­pu­lär
  • Ver­än­dert sich und zeit­los gleich
  • Kor­rek­tur­be­reit und pro­phe­tisch kor­ri­gie­rend
  • Pre­di­gend und sozi­al die­nend
  • Beglei­tet und kon­fron­tie­rend
  • Lokal ver­wur­zelt und trans­kul­tu­rell
  • Tole­rant und erhebt Wahr­heits­an­spruch

Im Span­nungs­feld die­ser Pole ent­fal­tet sich die zeit­lo­se Dyna­mik der Kir­che. Bei­de Pole sind jeweils grund­sätz­lich gute Wer­te, die im Evan­ge­li­um wur­zeln und in ihrer Kom­bi­na­ti­on eine kraft­vol­le Span­nung erzeu­gen, wel­che das Wesen der Kir­che so ein­zig­ar­tig macht. Um die posi­ti­ve Kraft die­ser Span­nungs­fel­der zu nut­zen, müs­sen wir bei­de Pole voll­stän­dig in unser Ver­ständ­nis von Kir­che inte­grie­ren.

Wenn wir uns nur auf einen Pol fest­le­gen und den Gegen­pol los­las­sen, löst sich die Span­nung auf und die Schwung­kraft ist dahin. Es gilt also, die­se von Gott gewoll­ten posi­ti­ven Span­nungs­fel­der zu begrüs­sen, sie zu umar­men und bewusst auf­recht zu erhal­ten. Die Chri­sten der frü­hen Kir­che lern­ten mit die­sen Span­nungs­fel­dern und ihrer Dyna­mik zu arbei­ten, anstatt gegen sie anzu­kämp­fen oder sie gar auf­lö­sen zu wol­len. So waren die ersten Chri­sten bei­spiels­wei­se weder nur poli­tisch rechts, noch aus­schliess­lich poli­tisch links, son­dern leb­ten eine ein­zig­ar­ti­ge Wer­te-Kom­bi­na­ti­on.

Könn­te es sein, dass der heu­ti­gen Kir­che die Fähig­keit abhan­den gekom­men ist, die posi­ti­ve Kraft die­ser Span­nungs­fel­der zu nut­zen? Wenn ja, was könn­ten Grün­de dafür sein?


Bild: unsplash

Grund 1: Ein existenzialistisches Verständnis der Kirche

Durch die all­ge­mei­ne Wand­lung der west­li­chen Kul­tur hin zu einer post­mo­der­nen Ori­en­tie­rung, wird laut Mil­lard J. Erick­son (Chri­sti­an Theo­lo­gy, S. 950 – 954) in den mei­sten theo­lo­gi­schen Abhand­lun­gen zum The­ma Kir­che zuneh­mend über deren prak­ti­schen Aspek­te geschrie­ben: Was die Kir­che tun muss, um den rapi­den sozia­len Ver­än­de­run­gen zu begeg­nen und wie sie in einer säku­la­ren Gesell­schaft ihren Ein­fluss gel­tend machen kann? Der Fokus wird mehr auf das Umfeld der Kir­che, als auf die essen­ti­el­len Wesens­zü­ge der Kir­che selbst gelegt. Wie wert­voll die­se Ein­sich­ten über das kirch­li­che Umfeld auch sein mögen, sie müs­sen durch ein theo­lo­gi­sches Ver­ständ­nis des Wesens der Kir­che gelenkt wer­den und in Bezug zu ihr ste­hen.

Das 21. Jahr­hun­dert mit sei­ner weit ver­brei­te­ten Aver­si­on gegen Phi­lo­so­phie, so Erick­son, ist viel weni­ger an der theo­re­ti­schen Natur von Din­gen inter­es­siert als an deren kon­kre­ten histo­ri­schen Mani­fe­sta­tio­nen. Dem­zu­fol­ge ist die moder­ne Theo­lo­gie weni­ger an der Essenz der Kir­che inter­es­siert – was sie anhand der Bibel „wirk­lich ist“ oder „sein soll­te“ – als an ihrer momen­ta­nen Exi­stenz, was sie kon­kret ist oder effek­tiv am wer­den ist. Die­se Ver­la­ge­rung in der Beto­nung ist cha­rak­te­ri­stisch für die Art und Wei­se, wie die gan­ze Welt gese­hen wird: Eher im Wan­del als fest­ge­setzt.

Die­ses «im Wan­del» hat laut Erick­son u.a. auch damit zu tun, dass wir von einer druck­ori­en­tier­ten zu einer sprech- und hör­ori­en­tier­ten Kul­tur gewech­selt haben. Erste­re neigt dazu starr zu blei­ben, letz­te­re ist ten­den­zi­ell dyna­misch und sich ver­än­dernd oder wach­send. Ver­gleich­bar wird auch die Kir­che als dyna­misch ange­se­hen: Ihre Exi­stenz hat Vor­rang vor ihrer Essenz – eine klar exi­sten­zia­li­sti­sche Inter­pre­ta­ti­on. Die Kir­che wird als ein Ereig­nis gese­hen, als ein Pro­jekt, und nicht als ein bereits voll­ende­tes, ver­wirk­lich­tes Dasein.


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Grund 2: Plausibilitätsverlust – Was können wir wissen?

Zuerst etwas zur Begriffs­de­fi­ni­ti­on der Moder­ne:

Zahl­lo­se Bücher schrei­ben, dass wir heu­te in einer post­mo­der­nen Kul­tur leben… Doch streng genom­men ist es ver­mut­lich eher ange­bracht, von einem spät­mo­der­nen Kli­ma zu spre­chen, denn das Haupt­prin­zip der Moder­ne war die Frei­heit und Auto­no­mie des Indi­vi­du­ums gegen­über Ansprü­chen von Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­schaft. Dies haben wir heu­te in ver­stärk­ter Form. – Tim Kel­ler, Cen­ter Church (deut­sche Aus­ga­be) S. 353

In der vor­mo­der­nen Gesell­schaft gab es laut Peter L. Ber­ger (Der Zwang zur Häre­sie, S. 14 – 44) kaum Wahl­mög­lich­kei­ten: Reli­gi­on, Beruf, Klei­dung usw. waren vor­ge­ge­ben, nichts war mehr­deu­tig. Die Gesell­schaft war stark tra­di­tio­nell und Insti­tu­tio­nen, sprich Pro­gram­me für mensch­li­ches Ver­hal­ten, wur­den als gege­ben und sicher ange­se­hen.

Doch was damals Schick­sal war, wur­de in der moder­nen Welt zur Wahl­mög­lich­keit. Wo es frü­her ein bis zwei plau­si­ble mensch­li­che Ver­hal­tens­wei­sen zur Aus­wahl gab, sind es heu­te dut­zen­de. In der Vor­mo­der­ne waren z.B. sexu­el­le Bezie­hun­gen tra­di­tio­nell streng und eng defi­niert. Heu­te kann die Sexua­li­tät als Are­na indi­vi­du­el­ler Wahl­mög­lich­kei­ten bis hin zur Geschlechts­um­wand­lung erfah­ren wer­den.

Indem die Moder­ne das Indi­vi­du­um von den Ansprü­chen von Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­schaft zu befrei­en sucht, wer­den die mora­li­schen Glau­bens- und Wert­vor­stel­lun­gen bis zum Plau­si­bi­li­täts­ver­lust erschüt­tert. Als sozia­les Wesen braucht der Mensch trotz­dem nach wie vor sozia­le Absi­che­rung für sei­nen Glau­ben an die Rea­li­tät, so Ber­ger, mit Aus­nah­me von ganz per­sön­li­chen Berei­chen wie, z.B. Schmer­zen am eige­nen Kör­per. Die moder­ne Gesell­schaft besteht jedoch zuneh­mend aus insta­bi­len, nicht zusam­men­hän­gen­den und unzu­ver­läs­si­gen Plau­si­bi­li­täts­struk­tu­ren, wodurch mora­li­sche Sicher­heit schwer zu erlan­gen ist. Das führ­te zur für die Moder­ni­tät cha­rak­te­ri­sti­schen Glau­bens­kri­se.

Der moder­ne Mensch in der west­li­chen Welt muss stän­dig wäh­len: von Kon­sum­wa­ren über Lebens­stil bis hin zu Welt­an­schau­un­gen, sowie Glau­bens- und Wert­vor­stel­lun­gen. Wer not­ge­drun­gen stän­dig reflek­tie­ren und nach­den­ken muss, wen­det sei­ne Auf­merk­sam­keit zwangs­läu­fig von der objek­tiv gege­be­nen Aus­sen­welt sei­ner sub­jek­ti­ven Innen­welt zu. Dadurch wird die Aus­sen­welt immer frag­wür­di­ger und die Innen­welt immer kom­ple­xer. Die Moder­ni­tät erschuf somit Umstän­de, in denen wir uns stän­dig die Fra­ge stel­len: „Was kön­nen wir denn eigent­lich wis­sen?“ Soweit Ber­ger.


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Die Dynamik der Kirche zurückgewinnen

Die bei­den genann­ten Grün­de stel­len die Kir­che vor ernst zu neh­men­de Her­aus­for­de­run­gen. Sie kön­nen dazu ver­lei­ten, sich vor­schnell für jeweils einen der bei­den Span­nungs-Pole zu ent­schei­den, um dadurch eine ver­läss­li­che Plau­si­bi­li­täts­struk­tur für unse­ren Glau­ben an die Rea­li­tät zu schaf­fen. Kurz­fri­stig mag uns das ein Gefühl der Sicher­heit ver­mit­teln. Lang­fri­stig bezah­len wir einen gros­sen Preis dafür: Wir ver­lie­ren die posi­ti­ve Kraft der gött­li­chen Span­nungs­fel­der und enden in einer star­ren und bewe­gungs­lo­sen Kir­che ohne Schwung­kraft und Dyna­mik.

Ich glau­be, wir soll­ten uns des­halb wie­der ver­mehrt auf die von Gott gege­be­ne Essenz sei­ner Kir­che besin­nen. Will heis­sen: Die Plau­si­bi­li­tät unse­rer mora­li­schen Glau­bens- und Wert­vor­stel­lun­gen muss kom­pro­miss­los vom Evan­ge­li­um abge­lei­tet sein. Alle ande­ren Plau­si­bi­li­täts­struk­tu­ren wer­den dem Test der Zeit nicht stand­hal­ten kön­nen. Die west­li­che Gesell­schaft emp­fin­det die Kir­che zuneh­mend als irrele­van­tes Relikt aus einer vor­mo­der­nen Welt. Doch das hat auch sein Gutes: Wir wer­den regel­recht dazu gezwun­gen, jeg­li­che Stütz­rä­der zu ent­fer­nen und uns ganz auf das Gleich­ge­wichts­or­gan des Evan­ge­li­ums zu ver­las­sen. Es gibt ja mitt­ler­wei­le Bezeich­nun­gen wie «Evan­ge­li­ums-zen­trier­te» Kir­che, womit nichts ande­res gemeint ist, als das kom­pro­miss­lo­se Zurück­keh­ren der Kir­che zu ihrer von Gott gege­be­nen Essenz.

Alle Theo­lo­gie muss eine Erläu­te­rung und Dar­stel­lung des Evan­ge­li­ums sein, ins­be­son­de­re im post­mo­der­nen Zeit­al­ter… in dem die Grund­la­gen der christ­li­chen Welt­an­schau­ung weit­ge­hend unbe­kannt sind. Dar­um müs­sen wir in unse­ren Aus­sa­gen jedes Mal zum Herz­stück der Sache vor­drin­gen, dem Evan­ge­li­um der Gna­de. – Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

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