Konflikt — der Verbündete echter Freundschaft

Kelly Needham
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Wenn ich dich auf­for­der­te, ein paar Merk­ma­le für eine gesun­de Freund­schaft auf­zu­li­sten, bezweif­le ich, dass du „Kon­flik­te“ als eines von ihnen erwäh­nen wür­dest. Die mei­sten von uns behan­deln Kon­flik­te wie einen unan­ge­neh­men Ver­wand­ten, als etwas, mit dem wir uns hin und wie­der aus­ein­an­der­set­zen müs­sen, das aber im All­ge­mei­nen um jeden Preis zu ver­mei­den ist. Mei­ner Erfah­rung nach sind Kon­flik­te jedoch kei­ne häss­li­che Stief­schwe­ster, die es zu ver­mei­den gilt, son­dern ein not­wen­di­ger Ver­bün­de­ter bei unse­rem Stre­ben nach ech­ter Freund­schaft.

Bevor wir wei­ter­fah­ren, muss ich dich dar­auf hin­wei­sen, dass ich eine der kon­flikt­scheue­sten Per­so­nen bin, die ich ken­ne! Men­schen gefal­len zu wol­len und mich dau­ernd zu ent­schul­di­gen gehört zu mei­ner Natur. Wäre ich ein Tier, so wäre ich ein Cha­mä­le­on. Ich kann mich schnell mei­nen Mit­men­schen anpas­sen, um alle Unan­nehm­lich­kei­ten auf­grund ver­schie­de­ner Mei­nun­gen oder Vor­lie­ben zu ver­rin­gern.

Aber mir ist etwas Erstaun­li­ches pas­siert: Gott hat mir ech­te Freun­de gege­ben. Und er gab mir den Wunsch, ande­ren ein ech­ter Freund zu sein. Und mir wur­de schnell klar, dass eines der gröss­ten Hin­der­nis­se für tie­fe und erfül­len­de Freund­schaf­ten in mei­nem Leben mei­ne Kon­flikt-Para­noia war. Ich fra­ge mich, ob dies auch ein Hin­der­nis in dei­nem Stre­ben nach Freund­schaft dar­stellt.

War­um sind Kon­flik­te ein not­wen­di­ger Ver­bün­de­ter für ech­te Freund­schaft? Ger­ne möch­te ich dir drei Grün­de nen­nen: Wir sind alle Sün­der, wir haben alle blin­de Flecken und wir sind dazu auf­ge­ru­fen, die Wahr­heit zu sagen.


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1. Wir sind alle Sünder

Es tut mir leid, dei­ne Illu­sio­nen zu zer­stö­ren, aber es gibt da draus­sen kei­nen per­fek­ten Freund (ähm – das betrifft auch dich). Die ein­zi­gen poten­zi­el­len Freun­de sind Sün­der; Mit­men­schen, die immer noch mit dem Krebs­ge­schwür der Ich­be­zo­gen­heit leben. Ja, bei uns Chri­sten ist Jesus dabei, uns zu befrei­en, aber die Arbeit ist noch nicht abge­schlos­sen. Wir befin­den uns alle noch in Bear­bei­tung. Das bedeu­tet, frü­her oder spä­ter wer­den unse­re Freun­de ver­sa­gen. Und wir als Freun­de wer­den eben­so ver­sa­gen.

Die­se Momen­te des Schei­terns wer­den zei­gen, ob wir bereit sind, für ech­te Freund­schaft zu kämp­fen oder ob wir uns mit Unech­tem zufrie­den­ge­ben. Unech­te Freun­de leh­nen es ab, unan­ge­neh­me Din­ge anzu­spre­chen, um jeden Kon­flikt zu ver­mei­den. Sie beschö­ni­gen, ent­schul­di­gen oder igno­rie­ren, um manch­mal ‹den Frie­den zu bewah­ren›. Aber die Wahr­heit ist: Wenn Sün­de und Schmerz nicht ange­spro­chen wer­den, eitern sie und wer­den zu Bit­ter­keit. Von aus­sen betrach­tet mag alles fried­lich aus­se­hen, aber im Ver­bor­ge­nen wer­den Her­zen kalt und distan­zie­ren sich von­ein­an­der. Das ist alles ande­re als Frie­den.

Wir brau­chen Kon­flik­te in unse­ren Freund­schaf­ten, weil wir gegen­sei­tig ver­sa­gen und die­se Situa­tio­nen ange­gan­gen wer­den müs­sen.


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2. Wir alle haben blinde Flecken

Zusätz­lich zu unse­rer Fähig­keit zur Sün­de haben wir alle Macken und unbe­kann­te Gewohn­hei­ten, die es ande­ren schwer machen, mit uns befreun­det zu sein. Ich zum Bei­spiel nei­ge dazu, mei­ne Lie­be zum Bibel­leh­ren in mei­nen Freund­schaf­ten zum Aus­druck zu brin­gen, wenn ich ein­fach nur zuhö­ren soll­te. Falls du jemals einen Freund zum Zuhö­ren brauch­test und statt­des­sen eine Mini-Pre­digt erhal­ten hast, weisst du, wie ärger­lich das sein kann!

Die­se blin­den Flecken sind wie Spi­nat in unse­ren Zäh­nen. Wir brau­chen einen ech­ten Freund, der bereit ist, uns mit­ten im Satz zu unter­bre­chen und uns auf das hin­zu­wei­sen, was wir phy­sisch nicht selbst sehen kön­nen. Dabei han­delt es sich nicht unbe­dingt um Sün­den, son­dern oft um wenig hilf­rei­che Gewohn­hei­ten, die wir im Lau­fe der Zeit ent­wickelt haben. Ich bin sicher, du weisst, wovon ich spre­che. Das sind Situa­tio­nen in einer Freund­schaft, wenn du merkst: «Oh Mann, die­ser Kerl weiss ein­fach nicht, wann er auf­hö­ren soll­te zu reden!» Oder wenn du denkst: «Die­se Frau spricht immer nur über ihre Kin­der!»

An die­sem Punkt besteht unse­re natür­li­che Reak­ti­on dar­in, sich lang­sam von der Bezie­hung zurück­zu­zie­hen und Ent­schul­di­gun­gen dafür zu fin­den, war­um wir nicht mehr zusam­men­kom­men kön­nen. Aber eben, das sind unech­te Freund­schaf­ten. Es braucht einen wah­ren Freund, um das unbe­que­me Gebiet zu betre­ten und dar­auf hin­zu­wei­sen: «Als wir uns neu­lich am Abend getrof­fen haben, konn­te ich dir nie mit­tei­len, was mir auf dem Her­zen lag, weil du andau­ernd gere­det hast.» Es braucht einen wah­ren Freund, um zu sagen: «Es fällt mir schwer, dein Freund zu sein, weil ich kei­ne Kin­der habe und das ist anschei­nend das Ein­zi­ge, wor­an du inter­es­siert bist.» Nur ein wah­rer Freund kann sagen: «Kel­ly, hör auf, mir zu pre­di­gen und hör ein­fach zu!»

Wir brau­chen Kon­flik­te in unse­ren Freund­schaf­ten, weil wir alle blin­de Flecken haben und auf ech­te Freun­de ange­wie­sen sind, um dar­auf hin­zu­wei­sen.


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3. Wir sind dazu berufen, die Wahrheit zu sagen

In Eph 4:25 erin­nert Pau­lus die Men­schen dar­an, die Lüge aus­zu­räu­men und statt­des­sen «die Wahr­heit zu reden, jeder mit sei­nem Näch­sten, denn wir sind unter­ein­an­der Glie­der». Um ein ech­ter Freund zu sein, musst du Unech­tes aus dem Weg räu­men und sagen, was wahr ist. War­um? Weil die­je­ni­gen unter uns, die in Chri­stus sind, unter­ein­an­der Glie­der sind. Wir sind ver­eint. Wir sind ein Team. Und ein Team kann nicht funk­tio­nie­ren, wenn sei­ne Mit­glie­der nicht ehr­lich mit­ein­an­der umge­hen. Die Wahr­heit zu sagen soll­te ein Zei­chen unse­rer christ­li­chen Gemein­schaf­ten sein.

Aber manch­mal ist die Wahr­heit unan­ge­nehm. Manch­mal tut die Wahr­heit weh. Es ist so viel ein­fa­cher, auf Falsch­heit zurück­zu­grei­fen und ‹unecht nett› zu sein, wäh­rend wir lang­sam eine Mau­er in unse­ren Her­zen bau­en. In Spr 27: 5 – 6 wer­den wir dar­an erin­nert: «Zurecht­wei­sung, die auf­deckt, bes­ser ist als Lie­be, die ver­heim­licht. Treu gemeint sind die Schlä­ge des Freun­des, aber reich­lich sind die Küs­se des Hassers». Die Bereit­schaft zu ver­wun­den ist ein Zei­chen wah­rer Freund­schaft, die wir drin­gend brau­chen.

Wir brau­chen Kon­flik­te, weil dies manch­mal der ein­zi­ge Weg ist, um unse­ren Freun­den die Wahr­heit in Lie­be zu sagen.


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Durch Konflikte nach Einheit streben

Iro­ni­scher­wei­se hat­te ich, die das unbe­dingt ver­mei­den woll­te, unge­wöhn­lich vie­le Kon­flik­te in mei­nen Freund­schaf­ten. Bei meh­re­ren Gele­gen­hei­ten haben ande­re mich auf mei­ne unsicht­ba­ren Män­gel hin­ge­wie­sen und mir mit­ge­teilt, auf wel­che Art und Wei­se ich sie ver­letzt habe. In ande­ren Situa­tio­nen war ich die­je­ni­ge, die Ver­let­zun­gen mit­teil­te. Bei eini­gen mei­ner Freund­schaf­ten wur­de der Kon­flikt in einem ein­zi­gen Gespräch gelöst, bei ande­ren dau­er­te es Jah­re und ein paar seel­sor­ger­li­che Gesprä­che, um ihn voll­stän­dig zu lösen.

Aber immer, wenn ein Kon­flikt auf­tauch­te, geschah fol­gen­des: Etwas hat­te unse­re Freund­schaft gestört und wir woll­ten das Hin­der­nis besei­ti­gen. Dabei han­del­te es sich um mei­ne Sün­de oder Blind­heit oder um die der ande­ren. Manch­mal war es ein­fach ein Miss­ver­ständ­nis oder schlech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Aber irgend­et­was hat­te die gewohn­te Ein­heit und Freu­de in unse­rer Bezie­hung gehemmt und wir woll­ten uns nicht damit abfin­den, unse­re Freund­schaft lang­sam schwin­den zu sehen. Wir kämpf­ten dar­um, unse­re Ein­heit ange­sichts jener ner­ven­auf­rei­ben­den und unan­ge­neh­men Situa­tio­nen wie­der­her­zu­stel­len.

In mei­nem Buch «Frien­dish» schrieb ich: «Die Wahr­heit in Lie­be zu sagen ist das Immun­sy­stem der christ­li­chen Gemein­schaf­ten – ein Schutz für den Leib Chri­sti, der ent­steht, wenn die Krank­heit der Sün­de unse­re Ein­heit zu beein­träch­ti­gen droht.» Das Ziel ist es nie, nach Kon­flik­ten zu suchen und idea­ler­wei­se benö­ti­gen wir die­se nicht all­zu oft. Aber wenn unse­re Ein­heit bedroht ist, sind Kon­flik­te oft ein not­wen­di­ger Ver­bün­de­ter, wenn wir dar­um kämp­fen, Ein­heit, Freu­de und Frie­den unter Freun­den zu bewah­ren.

Ich kann nicht garan­tie­ren, dass du dich in die­sen tur­bu­len­ten und span­nungs­vol­len Momen­ten jemals völ­lig wohl und sicher füh­len wirst. Auch nach all den Jah­ren frisst die Angst mich immer noch auf und mei­ne Hän­de zit­tern unter dem Tisch. Aber jetzt kann ich die Frucht sehen. Ich sehe, wie jeder Moment mei­ne Freund­schaf­ten bewahrt und sogar ver­tieft hat. Ich ver­traue mei­nen Freun­den mehr und weiss, sie sagen mir die Wahr­heit ins Gesicht. Und sie ver­trau­en mir. Wir hal­ten uns mehr denn je gegen­sei­tig den Rücken frei. Die Ver­bun­den­heit, die wir zusam­men auf­ge­baut haben, ist jedes schwie­ri­ge Gespräch und jeden unan­ge­neh­men Moment wert!

Ich bete heu­te, dass Gott dir einen tie­fen Wunsch nach ech­ter Freund­schaft und den Mut schen­ken wird, ehr­lich mit dei­nen Freun­den umzu­ge­hen und deren Ehr­lich­keit zu dir zu emp­fan­gen. Ja, Kon­flik­te sind schwie­rig, aber sie sind ein not­wen­di­ger Ver­bün­de­ter, um den Reich­tum und die Ver­bund­heit zu erlan­gen, die wir uns alle in unse­ren Freund­schaf­ten wün­schen.

Anmer­kung des ‹Dani­el Option›-Teams:
Wir dan­ken Kel­ly Need­ham, dass sie bei uns als Autorin auf­tritt und Wer­ner Pfle­ger für die Über­set­zung des Arti­kels. Das eng­li­sche Ori­gi­nal wur­de Sep­tem­ber 2019 ver­öf­fent­licht.

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