DNA (8/10) Angetrieben vom Evangelium

Marcel Eversberg
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«Für alle statt für weni­ge» ist nicht nur der Slo­gan einer Schwei­zer Par­tei. Der Spruch trifft eben­so auf die lebens­ver­än­dern­de Bot­schaft der Bibel zu. Sie ist nicht einem exklu­si­ven Publi­kum – also weni­gen – vor­be­hal­ten. Son­dern sie ist für alle Men­schen zu allen Zei­ten kon­zi­piert.

In der aktu­el­len Arti­kel­se­rie zur DNA des christ­li­chen Glau­bens ging es u. a. bereits um gewalt­lo­se Fein­des­lie­be, lei­den­schaft­li­chen Schutz des Lebens und radi­ka­le Näch­sten­lie­be, revo­lu­tio­nä­re Sexu­al­ethik und um die Über­win­dung von kul­tu­rel­len Unter­schie­den. Nach die­sen Wer­ten leb­ten die Chri­sten von Beginn ihrer Bewe­gung an. Zuge­ge­ben: Das sind nicht gera­de die Kenn­zei­chen, für die die Kir­che unse­rer Tage bekannt ist. Wie stark wäre das aber, wenn Chri­sten heu­te die­se Wer­te neu ent­deck­ten? Ihren fas­zi­nie­ren­den Glau­ben wie­der neu prak­tisch wer­den lies­sen? Wie ist das mög­lich? Machen wir uns mit die­sem Arti­kel auf den Weg.

Die dama­li­gen Chri­sten im Römi­schen Reich sties­sen auf­grund ihrer Wer­te teils auf mas­si­ven Wider­stand. Und doch hiel­ten sie ent­schie­den dar­an fest. War­um? War­um nah­men sie Nach­tei­le, Ver­fol­gung, ja sogar den Tod in Kauf? Lag das rein an ihrer edlen Gesin­nung? Oder an ihrem star­ken Wil­len? Oder etwa an ihrem fana­ti­schen Eifer? Nein, der Motor hin­ter die­sen zen­tra­len Wer­ten war ein ande­rer. Chri­sten ver­stan­den sich von Anfang an ange­trie­ben vom Evan­ge­li­um. Die Gute Nach­richt von Jesus Chri­stus moti­vier­te sie zu ihrem Han­deln. Dar­auf berie­fen sie sich. Das war ihre Kraft­quel­le.


Illu­stra­ti­on: iStock

Für alle statt für wenige

Wenn damals von ‹Evan­ge­li­um› die Rede war, ver­band man dies im Römi­schen Reich jedoch zunächst mit dem Kai­ser­kult. Der Theo­lo­ge C. E. B. Cran­field erklärt die­sen Sach­ver­halt wie folgt:

«Die Ankün­di­gung sol­cher Ereig­nis­se wie die Geburt eines Kai­ser­er­ben, sei­ne Voll­jäh­rig­keit oder sei­ne Thron­fol­ge wur­den als Evan­ge­li­um bezeich­net.» (Cran­field, Römer­brief­kom­men­tar Bd. 1, S. 55, eige­ne Über­set­zung)

Eine der­ar­ti­ge ‹gute Nach­richt› wirk­te sich aller­dings nicht auf die brei­te Mas­se der Bevöl­ke­rung aus, son­dern aus­schliess­lich auf die Adli­gen und Mäch­ti­gen, so David Gar­land. Wei­ter führt er in sei­nem Mar­kus-Kom­men­tar aus, dass es sich bei dem Evan­ge­li­um von Jesus ganz anders ver­hielt: Jeder konn­te davon pro­fi­tie­ren,

«… der Aus­ge­stos­se­ne, der Sün­der und der Arme, Jude und Hei­de glei­cher­mas­sen, und nicht nur die weni­gen Pri­vi­le­gier­ten. Die­se Geschich­te ist wirk­lich eine Gute Nach­richt für die gan­ze Welt.» (Gar­land, Mark, S. 20, eige­ne Über­set­zung)

Für alle statt für weni­ge.

Wor­um geht es nun genau bei der ‹christ­li­chen Ver­si­on› des Evan­ge­li­ums? In der Bibel lie­fert Pau­lus in 1. Kor 15:3 – 5 die fol­gen­de Defi­ni­ti­on:

Zu die­ser Bot­schaft, die ich so an euch wei­ter­ge­ge­ben habe, wie ich selbst sie emp­fing, gehö­ren fol­gen­de ent­schei­den­den Punk­te: Chri­stus ist – in Über­ein­stim­mung mit den Aus­sa­gen der Schrift – für unse­re Sün­den gestor­ben. Er wur­de begra­ben, und drei Tage danach hat Gott ihn von den Toten auf­er­weckt – auch das in Über­ein­stim­mung mit der Schrift. Als der Auf­er­stan­de­ne hat er sich zunächst Petrus gezeigt und dann dem gan­zen Kreis der Zwölf.

Die Mei­len­stei­ne bil­den also das Ster­ben und Auf­er­ste­hen von Jesus, so wie es im Alten Testa­ment vor­aus­ge­sagt war. Ent­schei­dend war es, dies zu glau­ben:

Zu die­ser Bot­schaft beken­ne ich mich offen und ohne mich zu schä­men, denn das Evan­ge­li­um ist die Kraft Got­tes, die jedem, der glaubt, Ret­tung bringt. Das gilt zunächst für die Juden, es gilt aber auch für jeden ande­ren Men­schen. (Römer 1,16)

Die­se Bot­schaft ver­brei­te­ten die ersten Chri­sten aus Über­zeu­gung und luden Men­schen ein, die­sem Evan­ge­li­um zu ver­trau­en (Apg 4:20; Apg 8:4; Apg 13:49). Es blieb kei­ne graue Theo­rie. Die christ­li­che Gemein­schaft klam­mer­te sich nicht an trocke­ne Glau­bens­sät­ze. Son­dern ange­trie­ben vom Evan­ge­li­um han­del­ten sie, indem sie z. B. Arme und Rei­che ohne Vor­ur­tei­le gleich behan­del­ten (Jak 2:1) und prak­ti­sche Näch­sten­lie­be aus­üb­ten (Apg 4:33). Damit soll­ten sie nie­man­den beein­drucken oder sich selbst in den Mit­tel­punkt stel­len. Jesus hat­te sei­ne Nach­fol­ger sogar davor gewarnt, als Heuch­ler auf­zu­tre­ten (Mt 6:2).

Wie kann das nun in der Kir­che von heu­te aus­se­hen? Die Gefahr ist jeden­falls gege­ben, sich in die Arbeit zu stür­zen, neue Pro­jek­te auf­zu­zie­hen etc. und das Evan­ge­li­um aus dem Blick zu ver­lie­ren. Dabei soll das Evan­ge­li­um auch heu­te der Motor sein. Ein Theo­lo­gie­pro­fes­sor bringt es auf den Punkt:

«Was ist eine evan­ge­li­ums­zen­trier­te Kir­che? Eine, die ihre Leh­re, Pro­gram­me, Arbeits­phi­lo­so­phie und Mis­si­on aus­drück­lich und bewusst mit dem Inhalt des Evan­ge­li­ums ver­bin­det … Eine vom Evan­ge­li­um ange­trie­be­ne Kir­che weiss, dass das Evan­ge­li­um nicht nur ein Merk­mal einer Kir­che ist, ein Punkt auf einer Check­li­ste, etwas Nütz­li­ches für ein evan­ge­li­sti­sches Pro­gramm. Eine vom Evan­ge­li­um ange­trie­be­ne Kir­che macht das Evan­ge­li­um zum einen­den und moti­vie­ren­den Fak­tor in allem, was sie sagt und tut.» (Jared C. Wil­son, The Gos­pel-Dri­ven Church, eige­ne Über­set­zung)

Eine sol­che Kir­che ver­kör­pert die fol­gen­den Wahr­hei­ten:


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Wir müssen Gott nichts beweisen.

Wie die mei­sten Glau­bens­vor­stel­lun­gen geht auch der christ­li­che Glau­be davon aus, dass eine Tren­nung zwi­schen Gott und den Men­schen besteht. Auf ein­zig­ar­ti­ge Wei­se glau­ben Chri­sten, dass der Mensch nichts dazu bei­tra­gen kann, die­se Tren­nung zu über­win­den. Weder star­ker Glau­be, noch aus­rei­chend gute Taten oder Ähn­li­ches kön­nen den Men­schen näher zu Gott brin­gen. Das ist auch gar nicht nötig. Denn Gott kam selbst. In der Per­son sei­nes Soh­nes Jesus offen­bar­te er sich den Men­schen und leb­te ein per­fek­tes Leben. Sein stell­ver­tre­ten­des Opfer und sei­ne Auf­er­ste­hung ermög­li­chen jedem, der das glaubt, eine wie­der­her­ge­stell­te Bezie­hung zu Gott. Das ist völ­lig unver­dient und damit rei­ne Gna­de. Die­se Gna­de darf die Kir­che fei­ern. Mit kei­ner ihrer Akti­vi­tä­ten muss sie Gott beein­drucken. Son­dern ihn ehren.

Wir müssen uns selbst nichts beweisen.

Ein rea­li­sti­sches Selbst­bild ist wich­tig. Dazu hilft mir die moder­ne Zusam­men­fas­sung des Evan­ge­li­ums nach Timo­thy Kel­ler: «Ich bin ein grös­se­rer Sün­der, als ich je gedacht hät­te, aber Jesus liebt mich mehr, als ich je gehofft hät­te.» Unser Wert hängt nicht davon ab, was wir (auch für Gott) lei­sten. Wir sind als sei­ne Gegen­über geschaf­fen und als Chri­sten durch Jesus in sei­ne Fami­lie adop­tiert. Wir müs­sen uns selbst nicht vor­ma­chen, dass wir ‹es› im Griff haben. Wir wer­den immer wie­der ver­sa­gen und unse­ren (und Got­tes) hohen Ansprü­chen nicht gerecht wer­den. Doch das Evan­ge­li­um lässt Got­tes Lie­be und Ver­ge­bungs­be­reit­schaft umso grös­ser auf­leuch­ten. Dass uns das nicht zu einer Lais­sez-fai­re-Hal­tung ver­lei­ten soll, legt Peter Bru­de­rer in sei­nem Arti­kel «Den kul­tu­rel­len Gra­ben über­win­den» mit dem «Fehlan­satz 2: ‹Ich kann so blei­ben wie ich bin›» sehr gut dar.

Wir müssen anderen nichts beweisen.

Ja, Chri­sten tre­ten mit­un­ter bes­ser­wis­se­risch und into­le­rant auf. Das wider­spricht jedoch dem Evan­ge­li­um, das sich auf das Mit­ein­an­der inner­halb und aus­ser­halb der Kir­che aus­wir­ken soll. Für­ein­an­der statt gegen­ein­an­der. Für alle statt für weni­ge. Macht- und Gra­ben­kämp­fe haben kei­nen Platz in der Kir­che. Und doch gibt es sie. Dabei sind doch vor Gott alle gleich. Und wir kön­nen die Unter­schied­lich­keit als Berei­che­rung sehen, statt uns zu ner­ven und in Kon­kur­renz­den­ken zu ver­fal­len.

In sei­nem Buch «Cen­ter Church» stellt Timo­thy Kel­ler sei­nen Ansatz des Evan­ge­li­ums als die Mit­te zwi­schen Reli­gio­si­tät und Rela­ti­vis­mus vor (S. 33). Das eine fal­sche Extrem ist die pure Gesetz­lich­keit. Das ande­re Extrem ist die Belie­big­keit. Bei­de ver­zer­ren das Evan­ge­li­um, wel­ches die aus­ge­wo­ge­ne Mit­te bil­det. Die ersten Chri­sten waren ange­trie­ben von die­sem befrei­en­den Evan­ge­li­um. Auf die­ser Grund­la­ge leb­ten sie nach der fas­zi­nie­ren­den DNA, die die­se Arti­kel­se­rie beschreibt. Was kön­nen wir als Kir­che heu­te davon ler­nen? Stren­gen wir uns doch ein biss­chen mehr an! Geben wir unser Bestes und ver­än­dern die­se Welt! Nein. Auch uns wer­den star­ker Wil­le und die höch­ste Moti­va­ti­on nichts nüt­zen. Auch wir brau­chen die Kraft des Evan­ge­li­ums. Ent­decken wir die­se genia­le Bot­schaft immer wie­der neu. Gott hat durch Jesus das Ent­schei­den­de getan. Wir leben von sei­ner Ver­ge­bung und ver­trau­en ihm. Wir leben für ihn und ande­re bekom­men unse­re selbst­lo­se Lie­be zu spü­ren. Die ER in uns bewirkt. Las­sen wir uns vom Evan­ge­li­um antrei­ben. Und so Got­tes Visi­on von Kir­che leben.

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