Des Glaubens neue Kleider

Peter Bruderer
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Es war der 15. Febru­ar 2015. Gleich einer Pro­zes­si­on lie­fen sie am lybi­schen Strand bei Sir­te ent­lang. In leuch­tend oran­gen Over­alls geklei­det. Ein jeder beglei­tet von einem schwarz ver­mumm­ten Schläch­ter. Kur­ze Zeit spä­ter waren sie tot, die 21 Mär­ty­rer von Liby­en.

Die­ses Wochen­en­de jährt sich das Mas­sa­ker an 21 Chri­sten durch Isla­mi­sten der ISIS zum fünf­ten Mal. Zwan­zig kop­ti­sche Chri­sten aus Ägyp­ten und ein Mann aus Gha­na star­ben dabei. Die oran­gen Over­alls waren ihre Todes­klei­der. Das durch die ISIS publi­zier­te Video der Hin­rich­tung schock­te damals die Welt­be­völ­ke­rung. Die Bereit­schaft die­ser hin­ge­rich­te­ten Chri­sten, ihrem Gott bis in den Tod treu zu sein, for­dert uns her­aus und lässt uns fra­gen: Was für Klei­der trägt unser Glau­be?

Der Ruf nach neuen Kleidern

In die­sen Tagen ern­tet ein Zitat von Made­lei­ne Del­brél in den sozia­len Medi­en viel Auf­merk­sam­keit und Applaus:

«Der Glau­be ist wirk­lich wie eine arme Frau. Jedes Volk, jede Kul­tur und jedes Zeit­al­ter schenkt ihr ein Klei­dungs­stück. Wenn die Zei­ten sich wan­deln, ist ihr Gewand abge­tra­gen. Sie muss neue Klei­der bekom­men, wenn sie sich nicht im Kel­ler ver­stecken will.»

Wir leben in Zei­ten von gros­sem gesell­schaft­li­chem Wan­del. Und neue Zei­ten rufen nach neu­en Klei­dern, so die Logik. Die For­de­rung ist ver­ständ­lich, nach­voll­zieh­bar. Als lang­jäh­ri­ger Lei­ter einer gros­sen christ­li­chen Jugend­ar­beit und als Ver­an­stal­ter christ­li­cher Kon­zer­te weiss ich selbst nur zu gut, wie schnell die Trends kom­men und gehen – und wie wich­tig es ist, den Zug nicht zu ver­pas­sen. Tat­säch­lich soll­ten wir als Chri­sten gegen­über der Gesell­schaft, in der wir leben, immer wie­der sprach­fä­hig wer­den. Das ist eine Her­aus­for­de­rung!

Doch heu­te fra­ge ich mich, ob es uns manch­mal um mehr geht, als nur um Stil- oder Ver­packungs­fra­gen. Geht es dar­um, die gute Nach­richt von Jesus wie­der neu zu erzäh­len, oder geht es dar­um, die Sto­ry ganz grund­sätz­lich umzu­schrei­ben? Unse­re Gesell­schaft erlebt aktu­ell im Bereich der Wer­te eine grund­le­gen­de Umwäl­zung. Und da sehen wir Chri­sten – so die Ansicht vie­ler — alt aus. Die aktu­el­len For­de­run­gen nach Neu-Ein­klei­dung unse­res Glau­bens haben da und dort ziem­lich grund­le­gen­den Cha­rak­ter bekom­men. Zur Debat­te steht nicht mehr nur die Ver­packung, son­dern auch der Inhalt.

Ein sol­cher inhalt­li­cher Ansatz bil­den zum Bei­spiel die Bemü­hun­gen, die Bibel von ihren sper­ri­gen Sei­ten zu ent­schlacken, damit Men­schen eher den Zugang zum Glau­ben fin­den. In den sozia­len Medi­en wird die­se For­de­rung offen aus­ge­spro­chen. Und christ­li­che Lei­ter ste­hen da unter gros­sem Druck mit­zu­ge­hen.

Kürz­lich hat Mar­kus Giger in der Zeit­schrift Amen ein Inter­view gege­ben (Herbst­aus­ga­be 2019). Dar­in meint er, nicht die Bibel, son­dern Gott sei die Wahr­heit. Aus die­sem Grund sei die Bibel nicht direk­te Offen­ba­rung Got­tes, son­dern die Samm­lung einer Viel­zahl von mensch­li­chen Stim­men. Die Sicht von Pau­lus will Giger dar­um nicht auf die­sel­be Stu­fe wie die­je­ni­ge von Jesus stel­len. Pau­lus wür­de heu­te vie­les anders schrei­ben, und gera­de bei ihm wür­de die nega­ti­ve pha­ri­säi­sche Prä­gung immer wie­der her­vor­tre­ten. Unwei­se Ver­mitt­lung von «dog­ma­ti­scher Wahr­heit», wie sie Pau­lus betrei­be, kön­ne ver­let­zen und wür­de nicht zu einem befrei­ten Leben füh­ren.

Dass die­ser Ansatz selbst vor Jesus nicht Halt macht, zeigt Theo­lo­ge Ste­phan Jüt­te von der Refor­mier­ten Kir­che Zürich in einem aktu­el­len Pod­cast. Auch Jesus sei vom Welt­bild sei­ner Zeit, ihrer Kos­mo­lo­gie und Theo­lo­gie geprägt gewe­sen. Des­halb könn­ten die Aus­sa­gen von Jesus — ange­spro­chen sind des­sen Aus­sa­gen über Höl­le und Gericht — nicht auto­ma­tisch für unse­re Zeit für rich­tig erklärt wer­den. Der Mensch habe seit­her dazu­ge­lernt. (ab Min 15:40)

Ein ande­rer Ansatz ver­sucht den christ­li­chen Glau­ben für unse­re Zeit fit zu machen durch die Inte­gra­ti­on und Syn­the­se ande­rer Reli­gio­nen und Spi­ri­tua­li­tät. So kom­bi­niert zum Bei­spiel das katho­li­sche Las­sa­le-Haus christ­li­che Spi­ri­tua­li­tät mit öst­li­chen Medi­ta­ti­ons­for­men wie Yoga und Zen. Im neue­sten Ansatz des bekann­ten Autoren Chri­sti­an A. Schwarz, Gott nicht nur als per­so­na­len Gott zu ver­ste­hen, son­dern auch als Ener­gie, sieht Theo­lo­ge David Jäg­gi das Poten­ti­al einer Anschluss­fä­hig­keit des christ­li­chen Glau­bens an nicht­kirch­li­che Spi­ri­tua­li­tät und Eso­te­rik. Bekann­te Per­sön­lich­kei­ten wie Wer­ner ‹Tiki› Küsten­ma­cher oder Fran­zis­ka­ner-Pater Richard Rohr schla­gen in eine ähn­li­che Ker­be, wenn sie eine Evo­lu­ti­on des Glau­bens for­dern hin zu einer die Welt ver­ei­nen­den, reli­gi­ons­über­grei­fen­den Spi­ri­tua­li­tät.

Ich möch­te kei­ner der genann­ten Per­so­nen Unrecht tun. Mit ein­zel­nen ver­bin­den mich sogar Freund­schaf­ten. Ich habe auch gros­sen Respekt vor der Arbeit und dem gros­sen Enga­ge­ment, wel­che bei­spiels­wei­se Mar­kus Giger mit der Streetchurch in Zürich lei­stet. Und ich möch­te die Bereit­schaft, für den Glau­ben einen hohen per­sön­li­chen Preis zu zah­len, kei­nem der erwähn­ten Per­so­nen abspre­chen. Es geht mir hier um die Fra­ge, ob die theo­lo­gi­schen Aus­sa­gen die­ser Per­so­nen nicht zen­tra­le Inhal­te des christ­li­chen Glau­bens auf­lö­sen. Ich fra­ge mich, ob die beschrie­be­nen Ansät­ze nicht zu weit gehen. Und eigent­lich stel­le ich mir die Dia­gno­se ja sel­ber. Ich sehe mei­nen eige­nen Drang nach geschmei­di­gen, zeit­ge­mäs­sen und gut ans gesell­schaft­li­che Umfeld ange­pass­ten Glau­bens-Klei­dern. Und ich fra­ge mich: Wie weit bin ich bereit, für die­se Anpas­sung zu gehen? 

Das Kleid des entschiedenen Bekennens

Was für ein Kon­trast­pro­gramm sind da die oran­ge­far­be­nen Häft­lings­an­zü­ge die­ser 21 Chri­sten, die am 15. Febru­ar 2015 von ihren Hen­kern zur Schlacht­bank geführt wor­den sind. Sie tru­gen nicht die Klei­der der Anpas­sung, son­dern die Klei­der des Beken­nens.

«Oh mein Herr Jesus», waren ihre letz­ten Wor­te, bevor ihnen die Keh­len durch­ge­schnit­ten wur­den. Die­se Wor­te waren das urchrist­li­che Bekennt­nis der ersten Chri­sten. Die­se Wor­te waren es, mit denen sich die ersten Chri­sten dem römi­schen Kai­ser­kult ver­wei­ger­ten und des­halb Aus­gren­zung, Ver­fol­gung und Tod erleb­ten. (Phil 2:11)

Es wäre so ein­fach gewe­sen, sich «neue Klei­der» anzu­zie­hen. Ein ein­fa­cher Satz der 21 Chri­sten hät­te genügt, um den siche­ren Tod abzu­wen­den: «Es gibt kei­nen Gott aus­ser Allah und Moham­med ist sein Pro­phet». Die­sen Satz ken­ne ich von mei­ner Kind­heit in Afri­ka, wo mei­ne Spiel­ka­me­ra­den mich zum Islam bekeh­ren woll­ten, indem sie mich zum Nach­spre­chen des mus­li­mi­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses auf­for­der­ten.

Nein! «Jesus ist Herr!», spra­chen die 21 Mär­ty­rer zusam­men mit den aber­tau­sen­den von Chri­sten, wel­che in den Jahr­hun­der­ten vor ihnen mit die­sem Satz auf den Lip­pen in den Tod gegan­gen waren. Nie­mals hät­ten sie ihr ewi­ges Erbe für ein «bil­li­ges Lin­sen­ge­richt» ver­ge­ben. (Gen 25:29 – 34) Nie­mals hät­ten sie Jesus, ihren Herrn und Erlö­ser, geleug­net!

Die Ruhe und Wür­de, mit dem alle 21 Män­ner in den Tod gin­gen, kann uns nur beein­drucken und mit Ehr­furcht und Stau­nen erfül­len. Das Kleid des Beken­nens ist kein schicker Anzug, und er ver­än­dert sich nicht auf Geheiss der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung. Die­ses Kleid ist sper­rig und fällt auf. Wer es anzieht, läuft Gefahr, miss­ver­stan­den, belä­chelt, schi­ka­niert und drang­sa­liert zu wer­den. Ja, bei einer zuneh­men­den Anzahl Men­schen wird die­ses Kleid im eige­nen Blut gewa­schen, wie Berich­te über die Abschlach­tung von Chri­sten in Nige­ria und ande­ren Län­dern bezeu­gen. Das Kleid des Beken­nens ist kein hüb­sches, son­dern ein gefähr­li­ches Kleid. Aber es gibt kein wür­de­vol­le­res Kleid als die­ses.

Das Kleid der teuren Einheit

Mit­ten in der Schar der zum Tode Geweih­ten fällt ein Mann auf: Mat­thew. Er ist schwarz­häu­tig, kein ägyp­ti­scher Kop­te wie die 20 ande­ren Män­ner. Mit­ge­gan­gen, mit­ge­fan­gen? Ja. Aus den Berich­ten über die Ereig­nis­se wird klar, dass die Ent­füh­rer mein­ten, er sei kein Christ. Mar­tin Mose­bach, wel­cher den Geschich­ten der 21 Mär­ty­rer nach­ge­gan­gen ist, schreibt:

«In sei­nem Hei­mat­land gab es wahr­schein­lich kei­ne Kop­ten. Die Ent­füh­rer, so sag­te man mir, glaub­ten denn auch, er sei gar kein Christ und woll­ten ihn lau­fen­las­sen.»

Man woll­te ihn lau­fen­las­sen. Aber das hat der jun­ge Schwar­ze nicht für rich­tig befun­den. Er hat sich zu sei­nen Mit­chri­sten gestellt und ist mit ihnen in den Tod gegan­gen. Er woll­te das glei­che Kleid wie sie.

Das Bei­spiel von Mat­thew aus Gha­na führt uns dra­ma­tisch vor Augen, wor­in wirk­li­che christ­li­che Ein­heit liegt. Sie liegt nicht in plu­ra­li­sti­scher Belie­big­keit, son­dern in der gemein­sa­men Samm­lung auf dem Fun­da­ment des EINEN Bekennt­nis­ses, wel­che Chri­sten zu allen Zei­ten zusam­men­ge­hal­ten hat.

Heu­te ziert Mat­thew aus Gha­na mit sei­nen 20 kop­ti­schen Schick­sals­ge­nos­sen unzäh­li­ge kop­ti­sche Iko­nen und macht aus die­sen ein Zeug­nis der kul­tur­über­win­den­den Kraft des christ­li­chen Glau­bens.

Das Kleid der gewaltlosen Feindesliebe

Wer sich die Zeug­nis­se der Hin­ter­blie­be­nen anhört, dem fällt sofort auf, wie per­sön­li­che Rache für kei­nen ein­zi­gen der Hin­ter­blie­be­nen eine Opti­on zu sein scheint. Der Schmerz sitzt tief. Die Trau­er ist gross. Aber bei rest­los allen ist klar, dass sie nicht ver­gel­ten wer­den. Gott wird für Gerech­tig­keit sor­gen. Ja noch mehr: Gott soll den Schläch­tern ver­ge­ben.

Die fol­gen­den ver­link­ten Vide­os geben ein­drück­li­che Ein­blicke in die Zeug­nis­se der Hin­ter­blie­be­nen der 21 Mär­ty­rer. Müt­ter, Väter, Ehe­frau­en und Geschwi­ster berich­ten von einem Glau­ben, der sich der Rache ver­wei­gert und ver­ge­ben möch­te.

Samu­el Alhoam Wil­son / Hany Abdel-Masih Salib / Melad Mackeen Zaki / Ezzat Bushra Nas­sif / You­sef Sho­kry Youn­an / Majed Sulei­man She­hata / Soma­li Sté­pha­nos Kamel / Malak Ibra­him Sini­ot / Bis­hoy Sté­pha­nos Kamel / Gir­gis Melad Sniout / Essam Badr Samir / Luke Nga­ti / Jaber Mounir Adly / Sameh Salah Farouk / Bis­hoy Adel Khal­af / Aba­noub Ayad Attia / Kiril­los Shu­kry Faw­zy / Mena Fay­ez Aziz / Tawa­dros Yous­sef Tawa­dros / Malak Faraj Abram / Mat­thew Ayari­ga (aus Gha­na)

Seit Jahr­hun­der­ten leben die christ­li­chen Kop­ten in Ägyp­ten trotz immer wie­der auf­flam­men­den Ver­fol­gun­gen und gesell­schaft­li­cher Benach­tei­li­gung eine Kul­tur des Frie­dens. Christ­li­che «Radi­ka­li­tät» ist eine der gewalt­lo­sen Fein­des­lie­be. Was für ein ein­zig­ar­ti­ges Kleid!

Das Kleid der ewigen Hoffnung

Was gab den 21 Mär­ty­rern die Kraft, ihrem Schick­sal mit einer sol­chen Gelas­sen­heit ent­ge­gen­zu­blicken? Die Berich­te der Hin­ter­blie­be­nen machen es klar. Es war die reel­le Hoff­nung einer Ewig­keit bei Gott, ihrem himm­li­schen Vater.

Gott gab ihren ermor­de­ten Söh­nen, Ehe­män­nern, Brü­dern, Enkeln und Väter die­se Zuver­sicht auf die Zukunft mit Gott. Nur so lässt sich die Ruhe und der Frie­den deu­ten, mit dem sie sich dem Tod gestellt haben. Sie sind jetzt an einem bes­se­ren Ort. Gott hat sie zu sich genom­men. Immer wie­der erstrahlt die Gewiss­heit über das ewi­ge Heil der Mär­ty­rer in den Zeug­nis­sen der Hin­ter­blie­be­nen. Deren Tod wird nicht als Nie­der­la­ge ange­se­hen, son­dern als Beför­de­rung, nicht als das Ende, son­dern als der Über­gang zu etwas viel Bes­se­rem.

Die Zusa­gen des himm­li­schen Erbes und des End­ziels des Glau­bens in der Gegen­wart Got­tes (1Pet 1:3 – 9) sind für die Hin­ter­blie­be­nen hand­fe­ste Rea­li­tät, mit der sie leben. Das Kleid der Mär­ty­rer ist ein ewi­ges Kleid. Was für ein Kon­trast zu unse­rer dies­seits­be­zo­ge­nen west­lich-zivi­li­sier­ten Kul­tur!

Welches Kleid tragen wir?

Seit einem Jahr ziert das oben dar­ge­stell­te Bild der 21 Mär­ty­rer mei­nen Arbeits­platz. Es soll mich dar­an erin­nern, was es für Men­schen in ande­ren Welt­re­gio­nen bedeu­ten kann, Gott treu zu sein. Das Bild fragt mich jeden Tag neu: Wie sieht mei­ne Treue aus? Was darf mich mein Christ­sein kosten? Was bedeu­tet es, ein Nach­fol­ger von Jesus zu sein?

Die Ehe­frau einer der Mär­ty­rer beschreibt, was für sie Nach­fol­ge bedeu­tet:

«Der Herr Jesus Chri­stus wur­de gekreu­zigt, gegeis­selt und gefol­tert um unser wil­len. Kön­nen wir nicht ein klein wenig Resi­li­enz auf­brin­gen? Kön­nen wir nicht um sei­net­wil­len eini­ge Trop­fen unse­res Blu­tes geben?»

Das Glau­bens-Kleid der Mär­ty­rer von Liby­en ist so anders als jenes, wel­ches mir in unse­rem west­li­chen Wohl­stands-Chri­sten­tum begeg­net. Wir zele­brie­ren unse­re Glau­bens­zwei­fel, ohne dass wir jemals die Glau­bens­prü­fun­gen bestehen müss­ten, wel­che Chri­sten in ande­ren Welt­re­gio­nen zu bestehen haben. Wir leben der­mas­sen in Über­fluss und Ein­bil­dung unse­rer eige­nen Fähig­kei­ten, dass der Him­mel als rea­le Hoff­nung gar kei­ne Bedeu­tung mehr zu haben scheint für unser Leben. Wir sind so vom Wahr­heits-Rela­ti­vis­mus unse­rer Zeit geprägt, dass unser christ­li­ches Glau­bens­be­kennt­nis zur aus­tausch­ba­ren Flos­kel ohne jeg­li­ches Preis­schild gewor­den ist.

Unser west­li­ches Evan­ge­li­um scheint sich vor allem als eines aus­zu­for­men, wel­ches den mensch­li­chen Bedürf­nis­sen nach Annah­me, Wert­schät­zung und Zustim­mung ent­ge­gen­kommt. Im Kon­trast dazu zei­gen uns Chri­sten in Ver­fol­gungs­si­tua­tio­nen ein bibli­sches Evan­ge­li­um, das nicht pri­mär mensch­li­che Bedürf­nis­se in den Mit­tel­punkt stellt. Ein Evan­ge­li­um, bei dem Jesus nicht der tät­scheln­de Alles-Gut-Macher ist, son­dern der Herr und König des anbre­chen­den Got­tes­reichs, dem wir unser Leben schul­den und dem wir zur Nach­fol­ge ver­pflich­tet sind, auch wenn es uns alles kostet, inklu­si­ve unser Leben.

Für Chri­sten in Ver­fol­gungs­si­tua­tio­nen bedeu­tet die Annah­me des Evan­ge­li­ums gera­de das Gegen­teil von Bedürf­nis­stil­lung. Wer dort das Evan­ge­li­um annimmt, weiss, dass er damit auf Annah­me, Wert­schät­zung und Zustim­mung ver­zich­tet, und dass er statt­des­sen um Jesu wil­len mit gesell­schaft­li­cher Aus­gren­zung und Ver­ach­tung rech­nen muss. Wer so an Jesus glaubt, weiss, dass ihm der Glau­be an Jesus sei­ne Bezie­hun­gen, sei­ne Fami­lie, viel­leicht sogar sein Leben kosten kann.

Natür­lich kön­nen wir in der west­li­chen Welt die unpo­pu­lä­ren The­men wie Schuld, Bus­se, Ver­ge­bung, Herr­schaft Jesu, Nach­fol­ge, Hin­ga­be, das «Ster­ben mit Chri­stus am Kreuz» weg­las­sen. Dann wird die Bot­schaft weni­ger anstös­sig und klingt ein­gän­gi­ger, und das «Kleid des Glau­bens» sieht dann (angeb­lich) schön aus! Aber dann wird die Gna­de Got­tes zu einer bil­li­gen Gna­de, die nichts kostet, damit aber auch nie­man­dem etwas wert sein wird. Dann ver­sinkt die Kir­che Jesu in Harm­lo­sig­keit und Irrele­vanz.

Was für ein arm­se­li­ges Bild geben wir doch ab im Ver­gleich zu den lybi­schen Mär­ty­rern und ihren Ange­hö­ri­gen! Ist unser Ruf nach dem näch­sten Satz Klei­dern nicht ein Hohn im Lich­te des Blut­zolls, wel­ches Chri­sten über die Jahr­hun­der­te für ihr Fest­hal­ten an Chri­stus als dem einen Herrn bezahlt haben? Ich habe die­sen beque­men Glau­ben satt, der ein­zig dar­auf aus ist, mög­lichst naht­los in unse­re Gesell­schaft ein­zu­blen­den und der auch mein eige­nes Leben zutiefst prägt!

In sei­nem Buch beschreibt Mar­tin Mose­bach die mög­li­che alter­na­ti­ve Klei­der­ord­nung für unse­re west­li­chen Kir­chen sehr tref­fend:

«Auch für die Zukunft des Chri­sten­tums hal­ten die Kop­ten Erfah­run­gen bereit: Wie kann Chri­sten­tum aus­se­hen und wei­ter­be­stehen, wenn die Mehr­heits­ge­sell­schaft und der Staat nicht mehr dul­dend und wohl­wol­lend sind, son­dern feind­se­lig wer­den und wenn Chri­sten die Teil­nah­me am öffent­li­chen Leben ver­wei­gert wird, weil sie sich der Zivil­re­li­gi­on nicht unter­wer­fen wol­len? Sieht es nicht bei­na­he so aus, als sei der Weg der west­li­chen Kir­che durch die Jahr­hun­der­te ein rie­sen­haf­ter, höchst ereig­nis­rei­cher Umweg gewe­sen, der jetzt genau dort mün­det, wo die kop­ti­sche Kir­che gedul­dig aus­ge­hal­ten hat?»

Wel­ches Kleid wol­len wir als Chri­sten zukünf­tig tra­gen? Ja, lasst uns die­se wich­ti­ge Fra­ge dis­ku­tie­ren! Und ver­ges­sen wir bei der Dis­kus­si­on die sper­ri­gen oran­gen Over­alls nicht, wel­ches das letz­te Kleid der 21 Mär­ty­rer von Liby­en waren!

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Anmer­kung 17.02.20:

In unse­rem Arti­kel «Jesus allein ist König» gehen wir ein­ge­hen­der auf den Aspekt der Königs­herr­schaft Jesu ein, wie ihn die ersten Chri­sten gelebt haben. Wei­ter gibt jener Arti­kel Kon­kre­tio­nen für unser west­li­ches Set­ting, auch bezüg­lich der unschein­ba­ren ‹Kai­ser› in unse­rem Leben, wie zum Bei­spiel ‹Kai­ser Wachs­tum› oder ‹Kai­ser Selbst­be­stim­mung›. Herz­li­che Ein­la­dung an alle, auch die­sen Arti­kel zu lesen als Teil der Dis­kus­si­on.

20 Comments
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    Gofi Müller 6 Monaten ago
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    Lie­ber Peter, vie­len Dank für dei­nen Arti­kel! Ich wür­de ger­ne ein wenig aus­führ­li­cher dar­auf reagie­ren, wenn das okay ist.
    Dei­nen Anstoß fin­de ich total sinn­voll, die Fra­ge, was uns unser Bekennt­nis zu Chri­stus wert ist, was wir es uns kosten las­sen, ist immer wie­der aufs Neue fäl­lig. Bei mir rennst du damit offe­ne Türen ein, denn die­se Fra­ge war Teil mei­ner ’spi­ri­tu­al for­ma­ti­on›, wie der Eng­län­der sagt: In mei­ner Kind­heit und Jugend herrsch­te noch der Kal­te Krieg, und unse­re Gemein­de pfleg­te engen Kon­takt zu Chri­stin­nen und Chri­sten in der Sowjet­uni­on, die auf­grund ihres Glau­bens in Arbeits­la­gern inter­niert wur­den, ver­hört und gefol­tert wur­den oder sich ver­stecken, ihre Ver­samm­lun­gen heim­lich abhal­ten muss­ten. Schon der Besitz einer Bibel war straf­bar.
    Sie wur­den uns damals als Vor­bil­der vor Augen gestellt. Nie­mand wünsch­te uns irgend­et­was Böses, aber eins war doch klar: Wenn uns schon nie­mand in den GULAG steck­te, dann soll­ten wir uns wenig­stens für unser Zeug­nis für das Evan­ge­li­um aus­la­chen las­sen.
    Ich habe das auch ver­sucht und mich dafür geschämt, dass es mir etwas aus­mach­te, wenn ich für mei­nen Jesus-Saves-Auf­nä­her ver­spot­tet wur­de. Ich glau­be, das ist ein Mal pas­siert. Uns war so gründ­lich ein­ge­trich­tert wor­den, dass ‹die Welt› wirk­lich etwas gegen das Evan­ge­li­um von Jesus Chri­stus hät­te — gegen das wah­re Evan­ge­li­um, nicht irgend­ein abge­schwäch­tes, ver­wäs­ser­tes — dass wir immer nur dar­auf war­te­ten, dass uns dem­nächst irgend­je­mand has­sen wür­de.
    Beun­ru­hi­gen­der­wei­se geschah das nicht. Ich muss geste­hen, dass kei­ner der­je­ni­gen, die mir bei­gebracht haben, dass Ver­fol­gung und Leid die logi­sche Kon­se­quenz auf­rech­ter Jesus­nach­fol­ge sei, jemals für sei­nen Glau­ben gefol­tert oder geschlach­tet wor­den wäre. Die mei­sten leben noch oder sind inzwi­schen an Alter oder Krank­heit gestor­ben. Das war in der Tat beun­ru­hi­gend, denn dass uns nie­mand das Leben zur Höl­le machen woll­te, muss­te bedeu­ten, dass unse­re Nach­fol­ge nicht rich­tig, nicht gut sein konn­te. Es gab des­halb ver­ein­zelt Geschwi­ster, die in ihren mis­sio­na­ri­schen Bemü­hun­gen eine der­ar­ti­ge Aggres­si­vi­tät an den Tag leg­ten, dass ein nor­ma­ler Mensch sie ein­fach has­sen muss­te — zu ihrer gro­ßen Erleich­te­rung.
    Spä­ter ent­deck­te ich zwei­er­lei: Chri­sten, die in der DDR leb­ten, wur­den tat­säch­lich drang­sa­liert. Sie wur­den viel­leicht nicht gefol­tert und ermor­det, aber schi­ka­niert. Es gab sogar Plä­ne für Gefan­ge­nen­la­ger, die konn­ten aber nicht mehr umge­setzt wer­den. Die Wen­de kam schnel­ler als alle dach­ten. Und: Ande­ren gelang es bes­ser als uns, gefol­tert und gemor­det zu wer­den. Das waren zB Femi­ni­stin­nen, die gegen die Mäd­chen­be­schnei­dung kämpf­ten, Mus­li­me, Athe­isten, Huma­ni­sten und Bud­dhi­sten, die bereit waren, für das Wohl ihrer Mit­men­schen ihre Gesund­heit, ihre Frei­heit, ja ihr Leben zu opfern. Jetzt gera­de pas­siert es wie­der: Men­schen, die in der Eises­käl­te mit syri­schen Flücht­lin­ge aus­har­ren, die vor den Kämp­fen bei Idlib flie­hen. Ich fürch­te, vie­le von ihnen sind kei­ne Chri­sten. Men­schen aus allen Reli­gio­nen sind bereit, für das Gute ihr Leben zu las­sen, so, wie die Män­ner, von denen du schreibst und die auch ich bewun­de­re. Ihre Geschich­te hat mich damals tief bewegt, und sie tut es immer noch.
    Du sagst, wir sol­len ihnen nach­ei­fern. Ich stim­me dir zu. Du sagst, wir eifern ihnen nach, indem wir am unver­fälsch­ten, unver­än­der­li­chen Evan­ge­li­um fest­hal­ten, so wie sie es bis in den Tod taten. Lass uns das tun, und wir wer­den bei­de sehr alt wer­den, so Gott will. Nie­mand wird uns behel­li­gen. Ja, man wird uns aus­la­chen, sich über uns ärgern. Viel­leicht gibt es hier und da ein biss­chen Ruf­mord. Mehr wird nicht pas­sie­ren. Es wird auch nichts hel­fen, wenn wir uns öffent­lich als Ver­folg­te bezeich­nen, weil das Fern­se­hen einen gemei­nen Bericht über uns macht. Wir wer­den nicht ver­folgt. Jeden­falls nicht, weil wir sagen: Jesus ist Gott, Jesus ist der Weg, die Wahr­heit und das Leben. Nie­man­den juckt das. (Das gilt natür­lich nicht für Brü­der und Schwe­stern, die inzwi­schen unter uns leben, sehr zum Miss­fal­len vie­ler unse­rer Mit­chri­sten, und sich vom Islam zum Chri­sten­tum bekehrt haben. Für sie gel­ten ande­re Bedin­gun­gen, sie müs­sen tat­säch­lich um Leib und Leben fürch­ten. Du weißt das. Ich weiß es auch.) In Thü­rin­gen wie­der­um ist es zur­zeit sehr viel leich­ter, dafür kran­ken­haus­reif geschla­gen zu wer­den, dass man gegen Nazis ist. Das Bekennt­nis zu Jesus funk­tio­niert da in die­ser Hin­sicht nicht so gut.
    Dabei haben wir durch­aus auch die Mög­lich­keit, um des Evan­ge­li­ums wil­len zu lei­den. Nur, den­ke ich, han­delt es sich nicht so sehr um das evan­ge­li­sche Bekennt­nis, das den Aus­schlag gibt, son­dern eher um die evan­ge­li­sche Pra­xis. Dass man­che von uns an den euro­päi­schen Gren­zen Not­lei­den­den hel­fen und dabei ihr Geld, ihre Bequem­lich­keit und ihre Gesund­heit opfern, hal­te ich für im tief­sten Kern jesua­nisch und evan­ge­li­ums­ge­mäß. Viel­leicht hat man ja sogar Glück und wird von einem kroa­ti­schen Gren­zer zusam­men­ge­schla­gen. Dürf­te man in die­sem Fall sagen, man sei um Jesu wil­len ver­folgt wor­den, oder wäre das nur poli­tisch und daher nicht das­sel­be?
    Und wenn man es nun für Jesus getan hät­te?
    Und wenn man es nicht für Jesus, son­dern nur im Gei­ste von Jesus getan hät­te?
    Und wenn man nun im Gei­ste von Jesus gehan­delt hät­te, ohne es zu wis­sen?
    Nun sagst du, wenn ich dich recht ver­ste­he, dass Men­schen, die die­se Fra­gen stel­len, sich dem Zeit­geist anbie­dern. Wir ver­wi­schen die Gren­zen. Wir erge­hen uns lie­ber in unse­ren Zwei­feln, als dass wir das Wort klar und wahr pre­di­gen. Woll­te Gott, es wäre so ein­fach! Aber das ist ja unser aller Pro­blem: dass die Din­ge hier, wo wir leben, eben nicht ein­fach sind. Man wird noch nicht ein­mal dann ver­folgt, wenn man es aus­drück­lich wünscht! Und weil die Din­ge eben nicht ein­fach sind, des­halb bemü­hen wir Zweif­ler uns um Klar­heit, selbst wenn das bedeu­tet, dass wir erst ein­mal für Unklar­heit sor­gen. Wir machen die Erfah­rung (jetzt schon seit gerau­mer Zeit), dass die Klar­heit, die du dir wünschst und von uns allen for­derst, die Kir­che nicht vor­an­bringt. Ja, wir kön­nen jede theo­lo­gi­sche Arbeit ver­wei­gern und fort­fah­ren, die alten Paro­len raus­zu­hau­en. (Mit theo­lo­gi­scher Arbeit mei­ne ich: mit der Rea­li­tät kon­fron­tiert sein und dar­auf­hin die eige­ne Theo­lo­gie über­prü­fen.) Man­che sagen: Wo das getan wird, boomt Gemein­de. Ich beob­ach­te etwas ande­res: Wo auschließ­lich das getan wird, zuckt die Gesell­schaft die Schul­tern, wäh­rend die Kir­che ero­diert, weil die Fra­gen der Mit­glie­der nicht mehr ernst genom­men wer­den. Wenn Kir­che sich nicht in den Dia­log mit der Gesell­schaft und der sie umge­ben­den Kul­tur begibt und sich in Mono­lo­gen ergeht, bleibt sie irrele­vant. Die Kir­chen, die boo­men, mögen das auf die Klar­heit ihrer Pre­digt zurück­füh­ren. In Wirk­lich­keit sind vie­le ande­re Fak­to­ren min­de­stens genau­so ent­schei­dend, wenn nicht wich­ti­ger, zB Nach­bar­schafts­hil­fe, das Inter­es­se an den Fra­gen der Men­schen, Authen­ti­zi­tät, letzt­lich jede Form der geleb­ten Lie­be. (Vol­le Kir­chen sind übri­gens kein Sym­ptom für leben­di­ge Gemein­de: Je radi­ka­ler die Pedigt, desto grö­ßer die Anhän­ger­schaft. Wer wach­sen will, macht mit ver­ba­ler Bra­chia­li­tät nie etwas falsch. Anschlie­ßend kann man das als gött­li­che Bestä­ti­gung ver­kau­fen — ein tod­si­che­res Rezept. Ich habe kon­kre­te Bei­spie­le vor Augen.)
    Ich kom­me des­halb auf dei­ne Fra­ge zurück: Was darf uns das Evan­ge­li­um kosten? Die­se Fra­ge wer­den wir anders bean­wor­ten müs­sen als die Chri­sten, die von ihren isla­mi­sti­schen Schläch­tern zum Strand geführt wer­den, aller­dings genau­so radi­kal. Ich wür­de vor­schla­gen, wir opfern unser Selbst­ver­ständ­nis, wir sei­en die Heils­brin­ger und Hüter der Wahr­heit und wir hät­ten auf jede x‑beliebige Fra­ge die pas­sen­de Ant­wort. Wir soll­ten die Behaup­tung opfern, unse­re Theo­lo­gie sei was­ser­dicht und ent­hiel­te kei­ne Leer­stel­len. Auch soll­ten wir mit dem Irr­tum auf­räu­men, wir könn­ten von nie­man­dem mehr etwas ler­nen, am wenig­sten von ande­ren Reli­gio­nen. Unse­re Über­zeu­gung, die Kir­che sei gleich­be­deu­tend mit dem Reich Got­tes, gehört auch geop­fert, sie hat bis­her nur Scha­den ange­rich­tet. Wenn ich wei­ter­ma­che, fällt mir sicher noch mehr ein. Natür­lich hält uns auch nie­mand davon ab, unser Geld, unse­re Bequem­lich­keit und unse­re Gesund­heit ein­zu­set­zen, um ande­ren zu Hil­fe zu kom­men und sie zu ret­ten. Ich den­ke da aller­dings zunächst ans Leben im Dies­seits.
    Ich mei­ne, unser Ster­ben sieht anders aus. Es ist aber genau­so real. Ich stim­me dir voll­kom­men zu, wir müs­sen von unse­rem hohen Ross her­un­ter.
    Dan­ke noch­mals für dei­nen Anstoß! Die Fra­ge, die du stellst, ist abso­lut rele­vant. Sie beglei­tet mich seit mei­ner Kind­heit. Und ich fin­de das sogar gut.

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Lie­ber Gofi.

      Dan­ke das du dir Zeit genom­men hast, so aus­führ­lich auf mei­nen Arti­kel zu reagie­ren. Es ist inter­es­sant, auch einen Ein­blick in dei­ne eige­ne Bio­gra­fie und dein Den­ken zu bekom­men. Ich kann aus zeit­li­chen Grün­den, und weil ich ein Lang­sam­den­ker und ‑schrei­ber bin, nicht mir der glei­chen Aus­führ­lich­keit dir zurück­schrei­ben. Trotz­dem ein paar Stich­wor­te:
      Ver­fol­gung:
      Weder wün­sche ich mir eine, noch hal­te ich mich per­sön­lich fit für eine, noch wür­de ich mir anmas­sen, die Situa­ti­on von uns Chri­sten hier in Euro­pa als Ver­fol­gungs­si­tua­ti­on zu beschrei­ben. Was ich sehe ist eine Ver­än­de­rung der Leit­kul­tur, wel­che ten­den­zi­ell zu Benach­tei­li­gung von Chri­sten füh­ren könn­te, oder zu gewis­sen Ein­schrän­kun­gen der Mei­nungs­äus­se­rung. Dies als Ver­fol­gung zu bezeich­nen wäre ein Hohn ange­sichts des­sen, was Chri­sten zum Bei­spiel in der isla­mi­schen Welt oder in Indi­en aktu­ell erle­ben.
      Zur evan­ge­li­schen Pra­xis:
      Die­se hal­te ich für wich­tig. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ver­schlies­sen wir uns der Quel­le, aus der das Leben fliesst, schöp­fen wir letzt­lich nur aus löch­ri­gen Zister­nen. Die Reduk­ti­on unse­res Han­dels auf eine gute huma­ni­sti­sche Agen­da hal­te ich des­halb für ver­kürzt. Denn der Mensch ist, wie ich es sehe, zum Lob sei­nes Schöp­fers geschaf­fen, und nicht nur zur Pfle­ge sei­ner Schöp­fung. Wer die­ses Grund­be­dürf­nis igno­riert wird dem Men­schen letzt­lich auch nicht gerecht. Der Men­schen braucht min­de­stens so stark eine per­spek­ti­ve für das jen­seits, wie er eine für das dies­seits braucht. So geht mir das jeden­falls per­sön­lich. Und auch ganz vie­len Men­schen am Ende ihres Lebens­wegs.
      Zu poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung:
      Die beschäf­tigt mich auch. Wir ver­su­chen mit unse­rem Blog genau einen Weg für Chri­sten jen­seits der poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung zu beschrei­ben. Aktu­ell zum Bei­spiel mit unse­rer DNA- Serie. Wenn wir als Chri­sten nur noch als Gefan­ge­ne einer poli­ti­schen Ideo­lo­gie ope­rie­ren, sei es rechts oder links, wer­den wir not­ge­drun­gen nur noch ein ver­krüp­pel­tes Evan­ge­li­um der Welt gegen­über prä­sen­tie­ren.
      Schau dir doch mal unse­ren Leit­ar­ti­kel dazu an:
      https://danieloption.ch/featured/dna‑1 – 10-die-ein­zig­ar­ti­ge-wer­te-kom­bi­na­ti­on-der-chri­sten­hei­t/
      Oder lies mei­nen Arti­kel in der Serie über das Über­brücken kul­tu­rel­ler Grä­ben:
      https://danieloption.ch/featured/dna‑5 – 10-den-kul­tu­rel­len-gra­ben-ueber­win­den/
      Zum Ler­nen von den ande­ren Reli­gio­nen:
      Hier bin ich zuge­ge­be­ner­mas­sen ein Skep­ti­ker. Nicht dass ich mir nicht wert­schät­zen­de Bezie­hun­gen zu Men­schen ande­rer Reli­gio­nen wün­schen wür­de. Nicht das ich nicht zutiefst über­zeugt bin davon, dass jeder Mensch die glei­che gott­ge­ge­be­ne Wür­de hat. Nicht das ich nicht die Schön­heit ande­rer Kul­tu­ren schät­zen wür­de. Mei­ne Hal­tung beim The­ma der Reli­gi­ons­ver­mi­schung liegt begrün­det im Exklu­si­vi­täts­an­spruch, den der Gott der Bibel selbst erhebt. Der bibli­schen Bei­spie­le über ‘miss­lun­ge­ne’ Syn­kre­ti­sti­sche Bewe­gun­gen gibt es genü­gen­de. Ich hab auf unse­rem Blog das Bei­spiel von Bileam aus­führ­lich bear­bei­tet als Drei­tei­ler:
      https://danieloption.ch/theologie/altes-testament/bileam-teil‑1/

      Zur Fra­ge, was uns der Herr­schafts­an­spruch Jesu in unse­ren Brei­ten­gra­den kosten könn­te:
      Hier lie­fert unser neue­ster Arti­kel wich­ti­ge Ansät­ze, indem es zum Bei­spiel über ‘Kai­ser Selbst­be­stim­mung’ und ‘Kai­ser Wachs­tum’ spricht:
      https://danieloption.ch/featured/dna‑7 – 10-jesus-allein-ist-koeni­g/
      Ich hof­fe die­ser Ein­blick gibt dir eini­ge inter­es­san­te Rück­mel­dun­gen. Soll­test du mal in der Schweiz sein wür­den ich mich freu­en, die ken­nen­zu­ler­nen und ein Bier zusam­men zu neh­men.
      Herz­li­cher Gruss
      Peti

  2. Avatar
    David 6 Monaten ago
    Reply

    Und was ist denn der oran­ge Over­all für die in die­sem durch aus­ser­ge­wöhn­li­chem Wohl­stand gepräg­ten und (mehr oder weni­ger) frei­em Land leben? Scha­de dass die­ser Arti­kel nicht eine Ebe­ne tie­fer geht und damit aus empa­ti­scher Betrof­fen­heit kon­kre­te Ansät­ze für geleb­te Nach­fol­ge in unse­rem All­tag (der nicht von der Bedro­hung von Leib und Leben geprägt ist) wird. Auf einer wei­ter­füh­ren­den Ebe­ne wür­den z.B. Fra­gen auf­tau­chen die wirk­lich All­tags­re­le­vanz haben wenn man den Glau­ben hier leben will, der durch­aus von Her­aus­for­de­run­gen in der Nach­fol­ge von Jesus Chri­stus geprägt ist (z.B. Mar­kus 10,23).

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke David für dei­nen Bei­trag. Ich gebe dir recht, das mein Arti­kel kei­ne Kon­kre­ti­on für unse­res west­li­ches Wohl­stand­set­ting macht. Wir haben aber soeben einen Arti­kel publi­ziert: «Jesus allein ist König». Die­ser geht ein­ge­hen­der auf den Aspekt der Königs­herr­schaft Jesu ein, und gibt gewis­se Kon­kre­tio­nen für unser west­li­ches Set­ting, auch bezüg­lich der unschein­ba­ren ‹Kai­ser› in unse­rem Leben, wie zum Bei­spiel ‹Kai­ser Wachs­tum› oder ‹Kai­ser Selbst­be­stim­mung›.
      Dan­ke für dein Mit­den­ken und herz­li­che Lese­emp­feh­lung.
      Hier der Link
      https://danieloption.ch/featured/dna‑7 – 10-jesus-allein-ist-koeni­g/

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    Rolf 6 Monaten ago
    Reply

    «Die Ruhe und Wür­de, mit dem alle 21 Män­ner in den Tod gin­gen, kann uns nur beein­drucken und mit Ehr­furcht und Stau­nen erfül­len.» — – Der IS hat mit sei­nen Opfern zahl­rei­che Schein­hin­rich­tun­gen aus­ge­führt, so dass die­se nicht wuss­ten wann es wirk­lich die ech­te Hin­rich­tung war

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    Manfred Reichelt 6 Monaten ago
    Reply

    Es wur­de sich hier über moder­ne Strö­mun­gen mokiert, u.a. sol­che, die Gott auch als unper­sön­lich vor­stel­len. Sol­che Vor­stel­lun­gen wider­spre­chen nicht der Bibel, son­dern sind auch zutiefst logisch. Eine Per­son ist näm­lich ein kom­ple­xes Wesen, und ein sol­ches kann nicht Ursa­che, son­dern nur Resul­tat sein.
    Am Anfang steht des­halb das Leben an sich, wie ich das hier, in Bezug auf unse­re Erlö­sung, erläu­te­re: https://​man​fre​d​rei​chelt​.wor​d​press​.com/​2​0​1​8​/​0​3​/​2​0​/​d​i​e​-​l​o​g​i​k​-​d​e​r​-​e​r​l​o​e​s​u​ng/

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    Jürg 6 Monaten ago
    Reply

    Vie­len Dank für die­sen Arti­kel. Ich schaue zurück auf 43 Jah­re, seit ich begann, Theo­lo­gie zu stu­die­ren. Und ich stel­le fest: Nichts Neu­es unter der Son­ne. Man weiss bes­ser, was Pau­lus heu­te anders schrei­ben wür­de. Man spielt Jesus, den syn­op­ti­schen, gegen das übri­ge NT aus. Man will eine Öku­me­ne der Mystik. Man will anschluss­fä­hig sein. Man will den christ­li­chen Glau­ben in eine Zivil­re­li­gi­on ver­wan­deln. Was heisst über­haupt «Anschluss­fä­hig­keit»? Woher kommt die­ser Begriff? Wie lau­tet sei­ne theo­lo­gi­sche Begrün­dung? Man will das ja hof­fent­lich nicht mit 1 Kor 9. 19ff begrün­den? Pau­lus hat nicht sei­ne Bot­schaft ver­än­dert (1 Kor 1 und 2), son­dern ist den Juden anders begeg­net als denen, die nicht unter dem Gesetz stan­den. «Allen bin ich alles gewor­den, um in jedem Fall eini­ge zu ret­ten.» Aber eben: Pau­lus wür­de ja heu­te eini­ges anders sagen und tun, wenn er so wis­sen­schaft­lich und so gei­ster­füllt wäre wie wir! Wir könn­ten ihn da gewiss noch eini­ge Tipps geben.

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke Jürg!

  6. Avatar
    Benjamin Kilchör 6 Monaten ago
    Reply

    Vie­len Dank für die­sen Bei­trag. Ich erlau­be mir, auf die Til­mann Geske Memo­ri­al Lec­tu­re am 16. April 2020 an der STH Basel hin­zu­wei­sen, mit Mar­tin Mose­bach als Gast­re­fe­ren­ten:
    https://​sth​ba​sel​.ch/​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​e​n​/​t​i​l​m​a​n​n​-​g​e​s​k​e​-​m​e​m​o​r​i​a​l​-​l​e​c​t​u​r​e​-​2​0​20/

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
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      Dan­ke!

  7. Regula
    Regula 6 Monaten ago
    Reply

    Auch mich hat Made­lei­ne Del­brèls Zitat beschäf­tigt. Chri­stus sel­ber klei­det sei­ne Braut doch in Gewän­der, die nemals abnut­zen oder aus der Mode kom­men. Nein, es ist nicht Josefs far­bi­ges Gewand, son­dern das ein­fa­che Gewand der Noma­den, der Men­schen, die unter­wegs sind. Mit und auf ihren wie­der­kom­men­den Herrn und Bräu­ti­gam hin.
    Ich befürch­te, dass die pro­gres­si­ve, «der Mode fol­gen­de» Kir­che kei­ne Zukunft hat, sich letzt­lich sel­ber über­flüs­sig macht.
    Immer wie­der kommt mir der Gos­pel «Give me that old­ti­me reli­gi­on» in den Sinn. Ich emp­fin­de wirk­lich, dass sie«good enough fo me» ist. Oder, wie die Band vom Gebets­haus Augs­burg auf ihrer neu­en CD singt: «Heu­te will ich mich ent­schei­den, Dir zu fol­gen, auch durch Lei­den.» Gros­se Wor­te, oran­ger Over­all. Doch ich ken­ne kei­ne über­zeu­gen­de­re Opti­on!

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke Regu­la!

  8. Avatar
    Dave Kull 6 Monaten ago
    Reply

    Dan­ke Dir Peti!
    Berüh­rend und schlägt in mir genau die Sai­ten an, wel­che mich auch bewe­gen und beschäf­ti­gen!

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke Dave.

  9. Avatar
    Dave 6 Monaten ago
    Reply

    Lie­ber Peti, ich schla­ge vor, dass du doch den Blick opti­mi­stisch vor­aus rich­ten mögest, was aus dei­ner Glau­bens­tra­di­ti­on Posi­ti­ves erwächst, statt pes­si­mi­stisch nach hin­ten zu schie­len auf all die, die es anders und damit falsch machen. Ich bin jeden­falls froh und dank­bar, einer Kir­che anzu­ge­hö­ren, die «nicht an die Bibel glaubt, son­dern…» (sie­he https://​emk​-schweiz​.ch/​s​p​i​r​it/).
    Sehr ger­ne lade ich ein, ein­mal einer Pre­digt von mir bei­zu­woh­nen, damit du dir sel­ber ein Bild machen kannst, inwie­fern sich mein dem Zeit­geist aus­ge­lie­fer­tes Bibel­ver­ständ­nis auf die Ver­kün­di­gung aus­wirkt. Ich pre­di­ge mor­gen um 10.10 in der evang. Kir­che Basa­din­gen zum Jah­res­los Mk 9. Oder dann am 23.02. sozu­sa­gen neben dei­ner Haus­tür — 200 Meter von der Chrischo­na — in der evang. Kir­che Fel­ben.
    Ich wür­de mich über dei­ne Anwe­sen­heit sehr freu­en, zumal ich ja bei dir mei­ne ersten Pre­dig­ter­fah­run­gen vor vol­ler Frau­en­fel­der Stadt­kir­che sam­meln durf­te.
    Ein segens­rei­cher Sonn­tag!
    Dave.

    • Peter Bruderer
      Peter Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Dan­ke für dei­ne Rück­mel­dung Dave und viel Erfolg mor­gen. Mein Sohn hat einen Auf­tritt in unse­rer Kir­che, den ich nicht ver­pas­sen darf! Auch sonst wäre die Kon­ku­renz gross — wie es scheint hat sich Godi Locher in er ev. Kir­che Frau­en­feld ange­mel­det 🙂

      • Avatar
        Dave 6 Monaten ago
        Reply

        Ich den­ke du weisst, was ich sagen will. Das hat nichts mit Auf­trit­ten und Locher zu tun. Es geht um ehr­li­ches Inter­es­se an Sache und Per­son. Es geht um ver­ste­hen wol­len statt urtei­len und rich­tig­stel­len. Mich hat zum Bei­spiel sehr inter­es­siert, wel­che Aus­wir­kun­gen Bult­manns Her­me­neu­tik auf sei­ne Pre­dig­ten hat. Aber das fin­det man in Büchern, nicht in Blogs und Kom­men­ta­ren.

        • Peter Bruderer
          Peter Bruderer 6 Monaten ago
          Reply

          Dann schau­en wir doch, das wir das mal in den kom­men­den Mona­ten hin­krie­gen!

          • Avatar
            Dave 6 Monaten ago

            Ger­ne:
            19.04. evang. Basa­din­gen
            03.05. evang. Fel­ben
            16.08. evang. Fel­ben
            23.08. evang. Basa­din­gen
            13.09. evang. Wigol­tin­gen
            04.10. evang. Fel­ben
            18.10. evang. Basa­din­gen
            13.12. evang. Fel­ben

  10. Avatar
    Rahel 6 Monaten ago
    Reply

    Wow! Abso­lut gewal­tig, total ergrei­fend, her­aus­for­dernd, erschüt­ternd und zutiefst inspi­rie­ren­de! Ganz herz­li­chen Dank Peti!

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