Die dritte Option für Ökonomie

David Ruprecht
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Wenn ich mit Men­schen über Finan­zen und Öko­no­mie rede, wird oft schnell eti­ket­tiert. Alles ist dann ‹ent­we­der-oder›. Es ist liberal/kapitalistisch oder es ist sozialistisch/kommunistisch. Ich möch­te einen Weg aus die­ser Eng­füh­rung fin­den, indem ich in Anleh­nung an den Arti­kel DNA 10/10 von Paul Bru­de­rer für eine «drit­te Opti­on» der Öko­no­mie plä­die­re.

Als Christ befas­se ich mich seit Jah­ren inten­siv mit öko­no­mi­schen The­men, beson­ders auf der Mikro­ebe­ne der Fami­lie und Kir­che. Die benutz­ten Eti­ket­ten wir­ken oft wie ein Tot­schlag­ar­gu­ment, wel­ches auf der per­sön­li­chen wie auch auf der poli­ti­schen Ebe­ne ein wei­te­res Gespräch unmög­lich machen. «Der Sozia­lis­mus ist mit dem Fall der Sowjet­uni­on geschei­tert, das geht nicht.» oder «Dass der Kapi­ta­lis­mus nicht funk­tio­niert, zeigt die Rea­li­tät, das geht nicht.»

Der bekann­te Autor Yuval Hari­ri beschreibt in sei­nen Büchern Homo Deus und 21 Lek­tio­nen wie der Mensch sich immer mehr als Gott sieht und der Tech­nik immer mehr Ver­ant­wor­tung über­tra­gen wird. Die Fra­ge ist, ob wir wirk­lich in die­se Rich­tung gehen wol­len. Meh­re­re Autoren haben mich inspi­riert und mir Optio­nen gezeigt, wel­che uns einen Aus­weg geben könn­ten. Chri­sti­an Fel­ber hat span­nen­de Gedan­ken zu einer Öko­no­mie des Gemein­wohls. Kim Tan’s Ein­sich­ten über das soge­nann­te Erlass­jahr haben mein Den­ken ver­än­dert.

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Liebe und Freiheit

Für Chri­sten ist die Bibel unse­re Grund­la­ge. Die gröss­te und wich­tig­ste Quel­le in Wer­te­fra­gen ist Got­tes Wort (sie­he DNA 9/10 von Silas Woh­ler), da Gott der Erfin­der allen Lebens ist. Dort fin­den wir das ober­ste Ziel mensch­li­chen Lebens mehr­fach deut­lich genannt, bei­spiels­wei­se in Mat 22.37 – 39:

Du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lie­ben von gan­zem Her­zen, von gan­zer See­le und von gan­zem Gemüt… Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben wie dich selbst

Bern­hard Ott sieht die gan­ze Bot­schaft der Bibel zusam­men­ge­fasst in Luk 2.14:

Ehre sei Gott in der Höhe und Frie­de auf Erden bei den Men­schen sei­nes Wohl­ge­fal­lens.

Got­tes ober­stes Ziel für das mensch­li­che Leben ist die Bezie­hung zwi­schen Men­schen und Gott sowie zwi­schen den Men­schen unter­ein­an­der. Die höch­ste Form der Bezie­hung ist die Lie­be, wel­che nur in Frei­heit wach­sen, gedei­hen und gelebt wer­den kann.

Zu die­ser Frei­heit hat uns Jesus Chri­stus beru­fen (Gal 5.1). Er beschenkt uns dar­um auch mit der Wahr­heit, mit sich selbst (ver­glei­che Joh 1.1ff, Joh 8.31 und Joh 14.6). Dies ist nicht nur das christ­li­che Ver­ständ­nis von Lie­be. Auch die Frie­dens­ak­ti­vi­stin und Athe­istin Emma Gold­mann bekennt:

Wenn man Lie­be nicht bedin­gungs­los geben und neh­men kann, ist es kei­ne Lie­be, son­dern ein Han­del. (zitiert von Ricar­da Sage­horn und Cor­ne­lia Mro­sek in «Los­las­ser, der Herz­mensch einer Dual­see­len­lie­be», S. 31)

Gott ist Urhe­ber allen Lebens und freut sich dar­an (Ps 36.10; Gen 1.31). Alles, was er schuf und tat, soll dem Leben die­nen, einem Leben in voll­kom­me­ner Lie­be und in vol­ler Frei­heit. Dies sind die Ele­men­te, wel­che das Leben aus­ma­chen und wie­der­um neu­es Leben schaf­fen. Eben­so soll alles, was wir sind und tun, die­sem Ziel die­nen (sie­he Mat 6). Die gan­ze Geschich­te Got­tes mit den Men­schen und sei­ne Leh­re zei­gen dies auf. Dar­aus folgt, dass wir als Chri­sten uns bei allen Ent­schei­dun­gen, in öko­no­mi­schen wie ande­ren, die Fra­ge stel­len müs­sen:

Ermög­licht, för­dert, stärkt mei­ne Ent­schei­dung direkt und/oder indi­rekt Leben, Lie­be und Frei­heit in der Bezie­hung der Betrof­fe­nen zu Gott und/oder zwi­schen den Men­schen?


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Ökonomie, Liebe und Freiheit

Wenn wir unse­re öko­no­mi­schen Ent­schei­dun­gen die­ser Prü­fung unter­stel­len, wird unse­re per­sön­li­che maslov­sche Bedürf­nis­py­ra­mi­de sicht­bar. Bud­get- und Finanz­be­ra­ter ken­nen das: «Schau ins Porte­mon­naie eines Men­schen und du siehst in sei­ne See­le». Es zeigt sich, ob wir Gott und sei­ner Treue, Güte und Ver­sor­gung ver­trau­en (Mat 6.19 – 34). Es wird deut­lich sicht­bar, an was wir unser Herz gehängt haben. Dabei kön­nen und dür­fen wir nicht über ande­re urtei­len, da sich unser Ver­trau­en ganz unter­schied­lich zei­gen kann.

Hier ein Bei­spiel, um das zu ver­an­schau­li­chen. Ein Mensch ent­schei­det sich, 100’000.- CHF als Reser­ve anzu­spa­ren. Er kann dies in völ­li­ger Frei­heit tun und ohne inne­re Bin­dung an die­ses Geld. Er kann aber auch den glei­chen Ent­scheid fäl­len aus der der Angst her­aus, dass Gott ihn nicht genü­gend ver­sorgt.

Nach Aus­sen sehen bei­de Vari­an­ten gleich aus, aber in Wirk­lich­keit haben wir es mit zwei unter­schied­li­chen Din­gen zu tun. Eine Vari­an­te dient dem Leben in die­ser Welt, die ande­re Vari­an­te dient sich selbst. Erst wenn die Per­son die Grund­fra­ge an sich her­an­lässt, zeigt sich, ob sie auf dem lebens­be­ja­hen­den Kurs ist oder nicht.


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Ökonomie in der Dritten Option

Gera­de die Drit­te Opti­on trägt dem aus mei­ner Sicht am mei­sten Rech­nung. Sie ori­en­tiert sich nicht an den gän­gi­gen Polen und Eti­ket­ten, son­dern ori­en­tiert sich an den Wer­ten, die der Schöp­fer der Welt uns lebens­be­ja­hend vor­gibt: Lie­be und Frei­heit. Die Drit­te Opti­on inte­griert sowohl liberal/kapitalistische, wie auch sozialistisch/kommunistische Ele­men­te.

Wie das aus­se­hen kann ver­su­che ich in der unten­ste­hen­den Gra­fik auf­zu­zei­gen. Den Rah­men soll dabei Got­tes Wil­le bil­den, den wir in der Bibel erken­nen. Es ist mir bewusst, dass ich in der Dar­stel­lung genau die Eti­ket­ten ver­wen­de, die ich oben ankla­ge. Und das erst noch sim­pli­fi­ziert, schliess­lich gibt es nicht «DEN Kapi­ta­lis­mus» oder «DEN Sozia­lis­mus». Bei­de Pole gibt es in meh­re­ren Abwand­lun­gen. Der Farb­ver­lauf mag die­se «Shades of Grey» andeu­ten. Die als Drit­te Opti­on genann­ten Punk­te sind auch nicht als abso­lut oder ein­zi­ge Opti­on, son­dern als Dis­kus­si­ons­grund­la­ge zu ver­ste­hen.

Lasst uns Chri­sten doch nach sol­chen «drit­ten Optio­nen» suchen, damit wir ler­nen, noch mehr Got­tes Wil­len zu erken­nen und zu leben. Gera­de dies ist mir im Umgang mit unse­ren Res­sour­cen (= Öko­no­mie) ein beson­ders gros­ses Anlie­gen!

Ob im Umgang mit den ver­schie­de­nen Aspek­ten gemäss Gra­fik gesamt­ge­sell­schaft­lich eine Ver­än­de­rung erwünscht ist oder her­bei­ge­führt wer­den soll, ist umstrit­ten. Die aus mei­ner Sicht ent­schei­den­de­re Fra­ge ist: Wie gehe ich per­sön­lich damit um? Also bei­spiels­wei­se: Wie sehe ich den Finanz­markt und wie prägt das mei­ne Ent­schei­dun­gen? Wie ste­he ich zum The­ma Steu­ern und wie hand­le ich da? Wie könn­te eine Drit­te Opti­on in mei­ner Denk- und Hand­lungs­wei­se aus­se­hen?


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Abschliessende Beobachtungen

Es wird zuneh­mend dar­über dis­ku­tiert, ob Kapi­ta­lis­mus und Demo­kra­tie über­haupt kom­pa­ti­bel sind. Im Real­so­zia­lis­mus hat man die Inkom­pa­ti­bi­li­tät die­ser bei­den Ansät­ze erkannt. Was wür­de dies für uns bedeu­ten?

In Chi­na hat sich ein Staats­ka­pi­ta­lis­mus ent­wickelt, der auch eine Art Drit­te Opti­on ist, jedoch offen­sicht­lich aus­ser­halb des bibli­schen Rah­mens. Nicht jede Drit­te Opti­on ist gut, son­dern man muss die rich­ti­ge fin­den!

Die mei­sten Theo­lo­gen lei­ten die Kenn­zei­chen christ­li­cher Kir­chen haupt­säch­lich von Apg 2.42 – 47 und Apg 4.32 – 37 ab. Die Beschrie­be der Urge­mein­de wer­den als Bei­spiel für eine wah­re Kir­che genom­men. Erstaun­li­cher­wei­se wird ein Kenn­zei­chen der dama­li­gen Kir­che jedoch als zeit­ge­bun­den erklärt, wel­ches angeb­lich nicht zu den heu­te noch gül­ti­gen Merk­ma­len einer Kir­che gehö­ren: Der dort beschrie­be­ne Umgang mit Geld und Besitz. Was wür­de es bedeu­ten, die urchrist­li­chen öko­no­mi­schen Wer­te auf unse­re heu­ti­ge Zeit anzu­wen­den?

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