Schimmernde Hoffnung: Wir haben unsere Tochter verloren

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Wir ver­loren im Jahr 2013 unsere Tochter Eve­lyne durch ihren Suizid. Ich möchte euch Anteil geben an der Geschichte, die Gott mit uns in dieser Zeit schreibt. Seine Hoff­nung ist in unser Leben gekommen!

Unsere älteste Tochter Eve­lyne war schon immer die selb­ständig­ste unser­er drei Kinder. Sie wirk­te ver­ant­wor­tungsvoll, umsichtig. Schon als Kind sagte sie (und ihre jün­gere Schwest­er): “Ich will auch an Jesus glauben”. Das macht­en wir damals in einem gemein­samen Gebet fest. Später engagierte sie sich in der Jungschar als Lei­t­erin. Es war eine Freude zu sehen, wie sie auf­blühte; je mehr Kinder um sie herum waren, desto wohler war ihr. Nach der Schule entsch­ied sie sich für eine Lehre als Kauffrau.

Nach Abschluss der Lehre fand sie eine Stelle in einem KMU der Region am Emp­fang. Sie machte dort ihren Job so gut, dass ihr Chef ihr rasch mehr Ver­ant­wor­tung übertrug: Wenn er abwe­send war, sollte sie die Jungs im Aussen­di­enst organ­isieren, die Arbeit­en zuteilen. Das gelang ihr. Später ver­traute er ihr sog­ar eine neue Mitar­bei­t­erin an, die etwas Extra-Betreu­ung brauchte.

Umweg Australien für die berufliche Zukunft
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Irgend­wann merk­te Eve­lyne, dass das nicht ihr Beruf fürs Leben ist. Aber was ist es denn? Mehr Umgang mit Men­schen sollte her, auch mehr Aben­teuer. Sie fasste den Plan, für 1 Jahr nach Neusee­land zu reisen, um dort an ein­er Sprach­schule ihr gutes Englisch auf Busi­ness-Niveau zu hieven. Die Agen­tur, die solche Reisen ver­mit­telte, bere­it­ete sie darauf vor, dass es extrem schwierig sei, für Neusee­land eine Ein­reise­be­wil­li­gung zu erhal­ten. Die Hür­den seien extrem hoch. Alter­na­tiv kön­nte Aus­tralien in Frage kom­men. Dort klappe es fast immer, aber fast immer erst im let­zten Moment. Sie müsse also Geduld haben.

So kam es dann auch. In Aus­tralien genoss sie ein wun­der­bares, traumhaftes Jahr. Als Hil­f­slehrerin in ein­er Schule mit etwa 700 Kindern und 200 Lehrkräften sollte sie während dem Unter­richt Kindern helfen. Und während der schul­freien Zeit (die Kinder wohn­ten die Woche über jew­eils auf dem Schul­cam­pus) sollte sie zu den Kindern schauen. Sie war ganz in ihrem Element.

Sie unter­nahm Reisen durch Aus­tralien, skypte mit uns und fand gegen Ende des Aus­tralien­jahres die Gewis­sheit, dass sie nochmals eine Aus­bil­dung machen wollte zur Kleinkinder­erzieherin. Trotz ihren Bemühun­gen, aus Aus­tralien in der Schweiz wieder Unterkun­ft und Arbeit zu find­en, blieb das erfol­g­los. Inzwis­chen hat­te sie auch her­aus­ge­fun­den, wie sie zu dieser gewün­scht­en Aus­bil­dung kom­men kön­nte. Unter­dessen mussten wir als Fam­i­lie in eine kleinere Woh­nung umziehen. Trotz­dem beschlossen wir, dass Eve­lyne nach ihrer Rück­kehr in die CH ein­fach mal bei uns wieder einziehen sollte.

Was ist mit Evelyne los?
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Sie fand Arbeit (tem­porär eine Stel­lvertre­tung für eine Frau im Mut­ter­schaft­surlaub) und mit zwei Fre­undin­nen kon­nte sie ein kleines zum späteren Abbruch vorge­se­henes Häuschen in Woll­ishofen beziehen. Wir zügel­ten ihre Hab­seligkeit­en und richteten ihr Zim­mer dort ein — roman­tisch im Dach­stock mit Blick über die alte Genossen­schaftssied­lung. Sie hat­te dort eine schöne, gute Zeit und eine gute Stelle mit einem guten Chef. Sie besuchte uns ziem­lich regelmäs­sig an den Woch­enen­den und wirk­te immer aufgestellt und lebensfroh.

Am Son­ntag, 06.01.2013 — wir waren ger­ade am Mit­tagessen, läutete das Tele­fon. Ich nahm ab. “Hal­lo Vik­tor”, meldete sich eine von Evelyne’s WG-Fre­undin­nen etwas schüchtern, “ich wollte nur mal fra­gen, wie es Eve­lyne geht”. Hm?, stutzte ich und dachte ger­ade: warum fragst du mich das? Sie ist doch bei euch? Da bemerk­te diese Fre­undin: “Ach, du weisst noch gar nichts?” “Ähm, was sollte ich wis­sen?” “Oh, Entschuldigung … die Polizei war da, hat Evelyne’s Zim­mer durch­sucht. Eve­lyne ist auf dem Polizeiposten in Zürich …” “Was?!?” …

Ich hat­te das Tele­fonge­spräch noch nicht been­det, recher­chierte unsere jün­gere Tochter bere­its sel­ber nach. Ja, bestätigte sie dann gle­ich, Eve­lyne sei auf der Hauptwache der Polizei in Zürich. Aber mehr sagte die Polizei nicht. Kurz darauf läutete es wieder. Eve­lyne durfte uns per­sön­lich anrufen. “Sali Bap­pi, ja, ich glaube, ich habe eine Dummheit gemacht. Ich werde jet­zt in eine Klinik gebracht. Der Kranken­wa­gen ste­ht schon draussen.” Wohin wirst du gebracht, Eve­lyne?” Ich höre, wie sie die Polizis­ten neben sich fragt. “Kilch­berg”, sagt sie. “Dür­fen wir dich besuchen kom­men, Eve­lyne?” “Ja, gerne”, höre ich ihre verun­sicherte Stimme. “Gut, wir kom­men, gell. Bis bald.” Und dann lassen wir alles ste­hen und liegen.

Die psychiatrische Klinik
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In der psy­chi­a­trischen Klinik Kilch­berg angekom­men, tre­f­fen wir auf die Psy­cholo­gin, die eben zusam­men mit unser­er Eve­lyne aus dem Besprechungsz­im­mer her­auskommt. Eve­lyne ist etwas blass, macht auf uns aber einen son­st nor­malen Ein­druck. Sie lächelt uns an, mit etwas verk­lärtem Blick (was mir aber erst hin­ter­her bewusster wird). Wir erfahren, dass Eve­lyne von ein­er Auto­bahn­brücke in der Nähe ihres Wohnortes herun­ter­sprin­gen wollte (oder von ein­er Brücke auf die Auto­bahn herunter). Pas­san­ten hät­ten sie beobachtet, die Polizei alarmiert, und die war rechtzeit­ig da und kon­nte Eve­lyne dazu bewe­gen, da wieder herunter zu kom­men — erfolgreich.

Die Psy­cholo­gin meint, das sei ver­mut­lich ein­fach eine Kurz­schlusshand­lung gewe­sen, gar nicht wirk­lich die Absicht unser­er Tochter. Sie sehe das dur­chaus ein. Möglicher­weise wäre das ganze schon über­standen. Aber sicher­heit­shal­ber möcht­en sie unsere Tochter noch eine Nacht zur Beobach­tung hier­be­hal­ten. Wir sind alle ein­ver­standen. Wir bleiben noch ein paar Momente bei Eve­lyne, bevor wir uns wieder ver­ab­schieden und nach Hause fahren (es wird langsam Abend).

Am gle­ichen Abend noch muss ich nochmals weg. Als ich gegen 2200 Uhr wieder nach Hause komme, fällt mir beim Betreten der Woh­nung sofort auf, dass es ungewöhn­lich still ist. Ich finde meine Frau und meine jün­gere Tochter im Wohnz­im­mer niedergeschla­gen auf dem Sofa sitzend. Die Klinik hätte angerufen. Eve­lyne hätte sich schon wieder ver­sucht das Leben zu nehmen. Sie habe sich im WC eingeschlossen, ein Glas zertrüm­mert und sich mit ein­er Scherbe die Pul­sad­er aufzuschlitzen versucht.

Schock!

Wir begreifen gar nichts. Die fol­gen­den Wochen wer­den unglaublich anstren­gend. End­lose Abklärun­gen und Unter­suchun­gen laufen. Was ist bloss los mit unser­er Tochter? Wir besuchen sie täglich abwech­slungsweise mor­gens und abends. Meis­tens fährt am Vor­mit­tag meine Frau hin (oft mit unser­er jün­geren Tochter), am Abend dann ich. Wir erleben Eve­lyne vor­erst rel­a­tiv nor­mal, wie wir sie ken­nen. Wir spazieren, lachen, spie­len miteinan­der — und haben auch viele Gespräche.

Diagnose und Glaubensfragen
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Eve­lyne sagt mir ein­mal: “Ich glaube, ich habe es mit Gott ver­mas­selt”. Ich real­isiere, dass sie sich von Gott abgeschnit­ten, ver­lassen fühlt — selb­st ver­schuldet. All mein Zure­den kommt nicht an. Das tut weh. Nach­dem schlussendlich alle möglichen Unter­suchun­gen abgeschlossen sind (alles i.O.), bleibt nur noch die Diag­nose: Psychose.

Schock!

Ich per­sön­lich darf in dieser Zeit viele, viele per­sön­liche Begeg­nun­gen mit Eve­lyne haben — das ist inten­siv und schön. Ich kann sie in den Arm nehmen, mit ihr im Hof der Klinik in der bit­teren Kälte spazieren. Ich spüre ihre Unruhe in ihr (kann ihr aber nicht helfen). Immer wieder erzählt sie uns glaub­haft, dass sie gar nicht ster­ben wolle. Sie wolle leben. Sie habe ja Freude am Leben, und noch viele Pläne. Irgend­wann fol­gt wieder ein Suizid­ver­such in der Klinik. Sie wird aggres­siv gegen das Per­son­al. Sie lei­det unter den schlim­men Neben­wirkun­gen der Medikamente.

Man ver­sucht ihr in der Klinik so gut wie möglich zu helfen, Medika­mente zu ändern, anzu­passen, usw. Es wird so schlimm, dass man sie in die “Gum­mizelle” sper­ren muss. Man kommt ihr aber so weit ent­ge­gen (weil man ihr das glaubt, dass sie leben will), dass man die Türe zu dieser Zelle (die sel­ber in einem abgeriegel­ten Sicher­heits­bere­ich der Abteilung liegt) nicht zumacht, son­dern live bewacht. Da sitzt also immer jemand vor der offe­nen Türe und bewacht unsere Eve­lyne — Tag und Nacht. Sie darf nicht mal die Türe der Toi­lette zu machen, wenn sie auf die Toi­lette muss. Was für ein entwürdi­gen­des Dasein — Vegetieren.

Uns ges­tat­tet man aus­nahm­sweise, dass wir sie in ihrer Zelle besuchen dür­fen. Nor­maler­weise wird das nicht erlaubt. Uns erlauben sie es, weil  sie den enor­men, starken Fam­i­lien­zusam­men­halt sehen. Und den schätzen sie in der Klinik ganz hoch. Das sei aussergewöhn­lich, sagen sie uns. Nie­mand son­st hier bekomme täglich Besuch, schon gar nicht zweimal. Die meis­ten Fam­i­lien wür­den an so was zer­brechen. Nicht wir — offen­bar. Wow. Ist Gott so krass stark mit uns?

Ich besuche also unsere Tochter da in ihrer Zelle — bek­lem­mend. Eine Matratze auf dem Boden — nur mit einem Lein­tuch bespan­nt — ohne Bettdecke, ohne Kissen. Son­st nichts in diesem Raum. ich set­ze mich zu Eve­lyne auf die Matratze. Hier liegt ein Häufchen furcht­bares Elend. Wo ist die Lebens­freude unser­er schö­nen jun­gen Tochter?

Ihr alle, die ihr ihn verehrt, ver­traut dem HERRN! Er ist eure Hil­fe und euer Schutz. (Psalm 115,11)

Die Medika­mente haben sie völ­lig zuge­dröh­nt, sediert, weil sie son­st zu aggres­siv war. Auch jet­zt noch kom­men mir die Trä­nen ob diesem Elend. Ich halte sie ein­fach in den Armen, bis ich wieder gehe. Das reisst enorm am Herzen. Nach etwa 1 Woche wagt man es, sie wieder zurück auf ihr Zim­mer der geschlosse­nen Abteilung zu brin­gen. Aber sie wird dort ab jet­zt sofort rund um die Uhr live bewacht. Hier tre­ffe ich sie bei einem mein­er näch­sten Besuche wieder an. Müde, erschöpft, fast nicht ansprech­bar richtet sie sich auf und sitzt neben mir auf ihrem Bett. Sie mag nicht reden. Sie lehnt sich ein­fach wie ein Sack Kartof­feln an mich. Ich halte sie ein­fach im Arm fest und habe sie lieb. Gegenüber sitzt die Sitzwache, eine Frau mit­tleren Alters. Mit ihr komme ich ins Gespräch. Natür­lich inter­essiert sie sich für unsere Tochter, für die Geschichte.

Ich erzäh­le ihr — auch von unserem Glauben, unser­er Zuver­sicht. Plöt­zlich meldet sich Eve­lyne wie aus ihrer Trance: “Meinst du wirk­lich, dass Gott mich noch liebt?” Ganz ver­dat­tert bin ich. Damit habe ich nicht gerech­net. “Garantiert, Eve­lyne, garantiert! Du kriegst das gar nicht hin, dass er dich nicht mehr lieben würde. Er hat dich so lieb wie nie­mand son­st.” Das tröstet sie, ermutigt sie. Ich merke, das kommt jet­zt an — auch damit hätte ich jet­zt nicht gerech­net. “Soll ich mit dir beten, Eve­lyne?” “Ja”, jam­mert sie kläglich.

Ich bete mit Evelyne.

Ich merke, dass sie ganz dabei ist, auch wenn sie sel­ber nichts for­mulieren kann. Wird sie tat­säch­lich irgend­wie ruhiger? Nein, nicht ein­fach müde von den Medika­menten, son­dern irgend­wie — zuver­sichtlich­er, gebor­gen­er? Auf jeden Fall real­isiere ich, dass sie ihr Ver­trauen zu Gott wieder find­et. Hal­lelu­ja! Macht das mich glück­lich! Wieder ist die Zeit des Abschieds. In den fol­gen­den Tagen erholt sich Eve­lyne. Ihr Zus­tand verbessert sich so weit, dass sie gerne wieder aus der Klinik aus­treten und in ihr gewohntes Leben zurück­kehren möchte.

Auf gutem Weg
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Schliesslich dür­fen wir sie tat­säch­lich nach Hause nehmen. Nein, in die WG zurück geht noch nicht. Auch an die Arbeit zurück geht noch nicht. Wir nehmen sie wieder zu uns. Alles sieht gut aus, nimmt einen guten Ver­lauf, ermutigt. Wir sind überzeugt, dass alles wieder gut kommt. Sie macht einen ersten Ver­such, wieder zur Arbeit zu gehen, merkt dann aber, dass 100% noch zu viel ist. Sie reduziert das Arbeit­spen­sum, geht aber regelmäs­sig zur Arbeit. Eine gewisse Span­nung bleibt bei uns immer. Wir sind uns bewusst, dass wir nichts in der Hand haben. Wir müssen das Gott über­lassen. Irgend­wann hat Eve­lyne auch das Bedürf­nis, wieder in die WG zurück­zukehren. Wir reden mit ihren Fre­undin­nen. Wir klären, dass sie nicht ver­ant­wortlich sind für Eve­lyne, und dass wir keine Erwartun­gen oder Forderun­gen an sie haben und auch ein Nein ver­ste­hen und akzep­tieren wer­den. Sie sagen zu. Also zieht Eve­lyne wieder in ihre WG und geht inzwis­chen auch wieder nor­mal an ihre Arbeit. Inzwis­chen kommt auch das Ende ihres Tem­porärein­satzes hier ins Blick­feld. Deshalb macht sich Eve­lyne wieder auf die Suche nach ein­er näch­sten Stelle. Sie wird eine find­en müssen, die es ihr ermöglicht, Teilzeit zu arbeit­en, damit sie ihre gewün­schte Aus­bil­dung zur Kleinkinder­erzieherin (berufs­be­glei­t­end) machen kann. Sie find­et eine! Sie freut sich sehr darauf. Und auch die Auf­nah­meprü­fung für die Aus­bil­dung hat sie inzwis­chen erfol­gre­ich bestanden. Damit ist ihr Weg für die gewün­schte näch­ste Aus­bil­dung frei! Hur­ra, wir freuen uns alle mit.

Als ob alles bereits fertig vorbereitet gewesen wäre …
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Dien­stagabend etwa 2100 Uhr. Eine Fre­undin von Eve­lyne ruft uns an: “Du, da ist etwas komisch”, erzählt sie. “Ich bin ger­ade von mein­er Arbeit nach Hause gekom­men. Die Türe unseres Häuschens stand weit offen. In der Küche bren­nt das Licht, auf dem Herd ste­ht das Nacht­essen von Eve­lyne, aber es ist nie­mand da. Auch ihre Jacke ist da, ihr Handy ist da, ihre Hauss­chlüs­sel liegen da — aber sie selb­st ist nicht da.” Wir beschliessen, uns nicht gle­ich von Angst und Panik gefan­gen nehmen zu lassen. Wir vere­in­baren, dass wir mal zuwarten. Etwa 20 Minuten später wieder ein Anruf, die zweite WG-Kol­le­gin und Fre­undin: “Du, ich halte das nicht aus …” Alles klar. “Gut, dann alarmieren wir jet­zt die Polizei, gell.” “Ja, gerne”. Das tun wir. Die Polizei hört uns zu, stellt Fra­gen und will wis­sen, was wir denken und ver­muten. Sie wür­den sich sofort auf die Suche machen und sich melden, sobald sie etwas wüssten. Als es um etwa 3 Uhr an der Türe klin­gelte, war mir sofort und schla­gar­tig klar, was das hiess. Ich stand auf. An der Gegen­sprechan­lage (wir wohnen in einem MFH im 2. Stock) meldet sich die Polizei. Ich öffne die Türe. Zwei Polizis­ten treten ein. Wir set­zen uns mit mul­migem Gefühl. “Wir haben ihre Tochter gefun­den. Es tut uns leid …”. Nie­mand von uns bricht zusam­men. Alles bleibt ruhig, gefasst — geschockt. Wir erfahren, dass Eve­lyne gestern Abend um etwa 2000 Uhr vor einen Zug gesprun­gen ist und tot ist.

Die Polizis­ten ver­ab­schieden sich, nach­dem sie sich offen­bar sich­er genug sind, dass wir wirk­lich zurecht zu kom­men scheinen. Und wir, wir funk­tion­ieren jet­zt irgend­wie ein­fach. Am Mor­gen ver­fasse ich schon die Tode­sanzeige. Bere­its als wir die Nachricht vom Tod unser­er Tochter erhal­ten hat­ten, stand mir (und inter­es­san­ter­weise auch mein­er Frau) sofort Römer 8,38–39 vor Augen – als ob alles bere­its fer­tig vor­bere­it­et gewe­sen wäre.

“Ich bin ganz sich­er, dass nichts uns von sein­er Liebe tren­nen kann: wed­er Tod noch Leben, wed­er Engel noch Dämo­nen noch andere got­tfeindliche Mächte, wed­er Gegen­wär­tiges noch Zukün­ftiges, wed­er Him­mel noch Hölle. Nichts in der ganzen Welt kann uns jemals tren­nen von der Liebe Gottes, die uns ver­bürgt ist in Jesus Chris­tus, unserem Her­rn.” (Römer 8,38–39)

Da lebt Evelyne
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Der Tag der Abdankung kommt. Unser Chrischona-Gemein­de­haus wird voll mit Gästen, die an der Trauer­feier teil­nehmen. Auch aus Aus­tralien wird jemand geschickt, die sowieso ger­ade in Europa unter­wegs war! Aber vorher ist da noch die Ver­samm­lung auf dem Fried­hof. Die Polizei hat­te uns emp­fohlen, unsere Tochter nicht mehr anzuschauen. Sie sei sehr entstellt. Wir soll­ten sie lieber als ganz­er Men­sch in Erin­nerung behal­ten. Das macht­en wir auch so. Und das war mit ein Grund, warum wir beschlossen hat­ten, sie kremieren zu lassen. So wird nie­mand sie zertrüm­mert sehen müssen.

Da ste­ht jet­zt also die Urne auf dem Fried­hof. Wir sind ziem­lich als erste da. Aber nach und nach tre­f­fen Leute ein, mit Trä­nen, umar­men uns still, leg­en ihre Beilei­d­skarten hin, formieren sich zu einem Hal­bkreis vor der Urne.

In dieser Phase erlebe ich etwas Aussergewöhn­lich­es: Ich ste­he da und spüre und sehe gle­ich direkt rechts neben mir eine Nebel­wand — oder so wie eine Milch­glass­cheibe — aber eher wie Nebel — dünn, ich kön­nte meinen Arm hin­durch­streck­en. Auf der anderen Seite dieser Nebel­wand sehe ich einen Schat­ten, der sich bewegt, eine men­schliche Sil­hou­ette, weib­lich. Mehr sehe ich nicht. Ich begreife sofort und ohne Worte oder Erk­lärun­gen: Das da drüben, jen­seits dieser Nebel­wand, das ist die Ewigkeit; da lebt Evelyne.

Diese Gewis­sheit ist mir eigentlich nicht neu. Aber dieses Erleb­nis, diese Erfahrung ist mir in ein­er noch nie erlebten Art einge­fahren, also ob ich direkt in den Him­mel hätte schauen dür­fen. Ich weiss, da hat mir Gott ganz per­sön­lich eine trös­tende, stärk­ende Erfahrung geschenkt, die ganz per­sön­lich und intim ist — und unbe­sieg­bar stark. -

Ich weiss, dass ich sie wiederesehen werde
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Rück­blick: Diese ganze Gebor­gen­heit hat eige­nar­tiger­weise genau in dem Moment ange­fan­gen, als an jen­em 6. Jan­u­ar 2013 der Tele­fo­nan­ruf der Fre­undin kam, die sich nach dem Erge­hen von Eve­lyne erkundi­gen wollte. Gle­ichzeit­ig mit dem Schock kam auch Friede und Gebor­gen­heit ins Herz. Es war, wie wenn Zwill­ings­geschwis­ter Hand in Hand zur Tür hereinkom­men: Schock und Frieden.

Und eben­falls gle­ichzeit­ig stand die Geschichte Hiobs in meinen Gedanken, und zwar etwa fol­gen­des: Da ste­ht doch am Anfang des Buch­es Hiob, wie eines Tages der Satan in der Ver­samm­lung vor Gottes Thron auf­tauchte und Gott her­aus­forderte. Und Gott bewil­ligte dem Satan, dass er Hiob prüfen dürfe. Genau das wurde mir klar: Das, was da jet­zt mit uns passierte, hat damit zu tun, dass Gott ein Gesuch des Satans bewil­ligt hat — wie mit einem sieges­gewis­sen Lächeln auf den Stock­zäh­nen; so, also würde Gott etwa sagen: Dann mach halt mal. Aber keine Sorge, diese Fam­i­lie trage ich schon auch durch. Du ver­lierst. Du hast keine Chance. -

Eines Tages kamen die Gottessöhne zur himm­lis­chen Ratsver­samm­lung und jed­er stellte sich an seinen Platz vor dem HERRN. Unter ihnen war auch der Satan. Der HERR fragte ihn: »Was hast denn du gemacht?« »Ich habe die Erde kreuz und quer durch­streift«, antwortete der Satan. Der HERR fragte ihn: »Hast du auch meinen Diener Ijob gese­hen? So wie ihn gibt es son­st keinen auf der Erde. Er ist ein Vor­bild an Rechtschaf­fen­heit, nimmt Gott ernst und hält sich von allem Bösen fern.« Der Satan ent­geg­nete: »Würde er dir gehorchen, wenn es sich für ihn nicht lohnte? Du hast ihn und seine Fam­i­lie und seinen ganzen Besitz vor jedem Schaden bewahrt. Du lässt alles gelin­gen, was er untern­immt, und sein Vieh füllt das ganze Land. Taste doch ein­mal seinen Besitz an! Wet­ten, dass er dich dann öffentlich ver­flucht?« Da sagte der HERR zum Satan: »Gut! Alles, was er besitzt, gebe ich in deine Gewalt. Aber ihn selb­st darf­st du nicht antas­ten!« Danach ver­ließ der Satan die Ratsver­samm­lung. (Hiob 1:6–12)

Dieser Friede, der da in unsere Herzen (bei mir und bei mein­er Frau) ein­fuhr, der war und ist bis heute so stark, dass wir ein­fach ohne Bit­terkeit sein dür­fen, ein­fach gebor­gen, fröh­lich trotz diesem lei­d­vollen Abschied, trotz dem Ver­mis­sen unser­er Tochter. Dieser Friede Gottes trägt uns ein­fach durch alles durch — bis heute. Dieser Friede hat uns nie ver­lassen, nie, auch in den Nächt­en nicht, in denen ich wach gele­gen habe und mich dabei ertappt habe, wie mein Geist wie ein Scan­ner wie ver­rückt die ganze Lebenslin­ie von Eve­lyne abge­sucht hat: Wo habe ich etwas überse­hen, ver­passt, falsch gemacht, wo, wo, wo …? Nichts gefun­den, ein­fach nichts. Bis ich dann irgend­wann mir sagen kon­nte: Fer­tig. Lass es. Über­lass das Gott. Klar bin ich ein Men­sch und Vater mit Fehlern. Aber darum geht es nicht. Gott weiss, was er macht. Also über­lass es ihm. Und das kann ich tat­säch­lich auch heute noch. Das gibt so was von Ruhe, set­zt frei, macht froh. Da finde ich tat­säch­lich keine Bit­terkeit, kein Fra­gen nach einem Warum, nur Friede und Dankbarkeit. Klar, auch Wehmut. Auch heute kom­men mir Trä­nen, wenn ich diese Zeilen schreibe. Ich ver­misse unsere Tochter. Aber ich weiss, dass ich sie wieder­se­hen werde. Sie ist bei Gott gut aufge­hoben. Manch­mal witzeln wir in der Fam­i­lie, ob sie vielle­icht mit Gros­vati Eile mit Weile spielt?

Ein hoher — zu hoher — Preis bezahlt?
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Und was dann in der Folge noch geschah? Ich muss ein biss­chen aus­holen. Unsere jün­gere Tochter Michèle riss 2 Wochen vor ihrem 18. Geburt­stag von zu Hause aus (das war im Jahr 2007). Sie brach mit ein­er wilden, rabi­at­en Art sämtliche Kon­tak­te zu uns und allen Ver­wandten ab. Sie hat­te via chat­ten einen Mann in Deutsch­land ken­nen­gel­ernt. Zu diesem zog sie. Wir Eltern wur­den von ihr bzw. eher von ihrem “Fre­und” aufs Übel­ste unter aller Gürtellinie beschimpft, bedro­ht, erpresst — erfol­g­los. Wir Eltern merk­ten, dass wir hier nichts mehr machen kon­nten und über­liessen auch das ein­fach Gott, der sie ganz sich­er im Auge behal­ten würde (ein­fach­er gesagt als gelebt). Ich wusste damals nicht, ob ich sie jemals in diesem Leben wieder sehen würde; und wenn, dann wie? Tot? Ermordet? Miss­braucht? Als allein­erziehende Mut­ter und Sozial­hil­feempfän­gerin? Oder als erfol­gre­iche Man­agerin eines KMU? Oder gerät sie in ein Milieu von Dro­gen, Krim­inellen, Radikalen? Das tut weh, sehr weh. Wir hörten nichts mehr von ihr.

Gott kann unendlich viel mehr an uns tun, als wir jemals von ihm erbit­ten oder uns aus­denken kön­nen. So mächtig ist die Kraft, mit der er in uns wirkt. (Eph­eser 3,20)

Irgend­wann später zog Michèle wieder bei uns ein. Und jet­zt, einige Zeit nach dem Tod ihrer Schwest­er, die sie sehr mochte, litt sie mal unter ein­er Auseinan­der­set­zung mit ihrem jün­geren Brud­er. Als ich mich mit ihr über diese Auseinan­der­set­zung unter­halte, erzählte sie mir, dass sie durch den Tod ihrer Schwest­er Eve­lyne eigentlich erst defin­i­tiv wieder zurück zum Ver­trauen und zum Glauben an Jesus Chris­tus gefun­den habe. Ich habe geweint vor Freude (und tue das auch heute wieder). “Das ist ein sehr hoher Preis, den wir da zahlen”, meinte Michèle auch im Blick auf den Tod ihrer Schwest­er, der zu ihrer eige­nen Rück­kehr zu Jesus geführt hat­te. “Ja, der ist hoch, das stimmt. Aber weisst du: wir haben mehr gewon­nen als ver­loren. Wir haben dich wieder gefun­den. Und Eve­lyne haben wir nicht wirk­lich ver­loren. Wir wer­den sie wieder­se­hen. Sie lebt in Gottes Gegen­wart.” Da sind wir uns einig und dankbar mit einem uner­schüt­ter­lichen tiefen Frieden und Geborgenheit.

Aus Michèle ist eine wun­der­bare, aufgeschlossene Frau gewor­den. In und an ihr erleben wir, wie Gott aus Scher­ben­haufen Gold macht!

Da bist du zu Hause
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Faz­it: Wir sind so geseg­net, dass es trotz allem Leid ein­fach unfass­bar grossar­tig ist. Nein, wir möcht­en das alles nicht nochmals durch­machen. Es hat uns extrem Kraft gekostet und tut es heute noch. Aber wir sind darin auch unglaublich gereift, haben die Gemein­schaft, die Fre­und­schaft, die Treue, die Kraft, die Liebe des ver­bor­ge­nen, geheimnisvollen, allmächti­gen und schöpferischen und heil­samen Gottes in ein­er Art und Weise erlebt, die man nie plau­si­bel erzählen kann. Es ist so per­sön­lich, intim, stärk­end — da willst du ein­fach nur noch hin. Da bist du zu Hause, in seines Vaters Haus. In mir ist trotz unbeant­worteten Fra­gen ein­fach Ruhe, Friede, Freude, Zuver­sicht, Dankbarkeit. Und eine stör­rische Hoff­nung in aktuellen schwieri­gen Lebensumständen 😊!

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10 Comments
  1. Jürg Stucki 3 Jahren ago
    Reply

    Lieber Vik­tor, liebe Yvonne und Familie
    Eur­er Geschichte zu lesen hat mich sehr aufgewühlt, trau­rig berührt und trotz­dem Mut gemacht. Auf der einen Seite, macht­los mitzuer­leben ein geliebtes Kind zu ver­lieren und ander­er­seits trotz­dem einen tiefen Frieden im Herzen zu haben. Gle­ichzeit­ig stärkt die Geschichte die Sehn­sucht und den Glauben an Gott. Auch wenn wir nicht immer alles ver­ste­hen, kön­nen wir darauf ver­trauen, dass er einen guten Plan hat.
    Vie­len Dank für das Teilen eur­er Geschichte. 

    “Es gibt nichts, was die Abwe­sen­heit eines geliebten Men­schen erset­zen kann. Je schön­er und voller die Erin­nerung, desto härter die Tren­nung. Aber die Dankbarkeit ver­wan­delt die Qual der Erin­nerung in eine stille Freude. Man trägt das ver­gan­gene Schöne nicht wie einen Stachel, son­dern wie ein kost­bares Geschenk in sich.” Diet­rich Bonhoeffer

    • Viktor Pfister 3 Jahren ago
      Reply

      Lieber Jürg
      Das ist ein tre­f­fend­es Zitat von Diet­rich Bon­ho­ef­fer. So empfinde ich das tat­säch­lich auch. Trotz­dem bleibt es für mich ein Geschenk Gottes, dass wir das so erleben dür­fen. Für mich ist das nicht selb­stver­ständlich, son­dern — hm, wie soll ich sagen — wie ein­fach eine “zeug­nishafte Demon­stra­tion der Kraft und All­macht Gottes”, der solche Geschicht­en und Men­schen mit solchen Geschicht­en dur­chaus zu tra­gen, zu seg­nen, zu trösten ver­mag. Das ist aus mein­er Sicht nicht men­schliche Leis­tung, son­dern ein­fach Gnade, Barmherzigkeit, Güte — ohne Anspruch darauf, dass man daraus eine Geset­zmäs­sigkeit ableit­en kön­nte. Gott bleibt unfass­bar schöpferisch und gestal­tet mit jedem Men­schen die Geschichte immer per­sön­lich — aber immer voll mit sein­er unfass­baren Macht der Liebe gestal­tet. Bhüet di Gott, Jürg.

    • Birke 3 Jahren ago
      Reply

      Zutief­st Berührt und in tiefer Dankbarkeit.
      Gottes reichen Segen und Jesu Liebe uns allen alle Zeit bis in Ewigkeit.
      Amen

  2. Frank 3 Jahren ago
    Reply

    Vie­len Dank dass Sie das teilen!

    • Paul Bruderer 3 Jahren ago
      Reply

      Ja finde ich auch. Mutig, sehr wichtig, und hilfreich!

    • Viktor Pfister 3 Jahren ago
      Reply

      Lieber Frank, gern geschehen. Ich teile ja nur, was ich geschenkt bekom­men habe. Ich wün­sche Ihnen Gottes starken Segen.

  3. Viktor Pfister 3 Jahren ago
    Reply

    Das kann ich voll unterstützen.

  4. Yvonne 3 Jahren ago
    Reply

    Lieber Vik­tor Pfis­ter, Ihre Geschichte hat mich zu tief­st berührt. Sie macht Hoff­nung, dass aus schmerzhaftesten Erfahrun­gen Gutes entste­hen kann und dass ein Leben mit Gott das erstrebenswerteste auf dieser Welt ist.

  5. Pascal 4 Jahren ago
    Reply

    Lieber Vik­tor, was sagt man zu so ein­er Geschichte? Ich auf jeden Fall: Danke! Danke für ein weit­eres Mal erzählen, Emo­tio­nen zulassen, auszuhal­ten, weit­er zu ver­trauen. Ihr seid mir zu einem lebendi­gen Beispiel gewor­den, dass das Lei­den nicht das let­zte Wort hat.

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