Säkularisierung oder Transzendenz?

Paul Bruderer
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Mei­ne Arti­kel der letz­ten Wochen waren vor allem eine Kri­tik an der Post­mo­der­ne. Doch die Post­mo­der­ne öff­ne­te Türen für gute Din­ge, kon­kret für die Suche des Men­schen nach Tran­szen­denz. In die­sem Arti­kel illu­strie­re ich dies anhand der geschei­ter­ten Idee der Säku­la­ri­sie­rung.

Tran­szen­denz (vom Latei­ni­schen trans-jen­seits und sede­re-schrei­ten) bedeu­tet den Bereich, der jen­seits einer Gren­ze liegt. Es gibt Din­ge die bei­spiels­wei­se jen­seits der Gren­ze unse­rer kör­per­li­chen Sin­ne lie­gen. Ultra­schall ist für den Men­schen nicht hör­bar, liegt also für unser Gehör im Bereich des Tran­szen­den­ten. Für die Fle­der­maus trifft dies jedoch nicht zu, denn sie hört Ultra­schall und nutzt ihn für die Navi­ga­ti­on im Dun­keln.

Auch unser Ver­stand hat Gren­zen. Zum Bei­spiel glau­be ich dass die Drei­ei­nig­keit Got­tes etwas ist, das real ist, aber letzt­lich von uns Men­schen ver­stan­des­mäs­sig nicht völ­lig ergrün­det wer­den kann. Die Drei­ei­nig­keit Got­tes liegt also ver­stan­des­mäs­sig in der Tran­szen­denz.

Unser Uni­ver­sum bil­det eine wei­te­re Gren­ze. Der Flamma­ri­on Holz­stich eines unbe­kann­ten Künst­lers wur­de zum ersten Mal im Jahr 1888 ver­öf­fent­licht. Dar­in ist ein Mann zu sehen, der sich bis an den Rand des Uni­ver­sums durch­kämpft, um dort einen Blick in die tran­szen­den­te Rea­li­tät Got­tes zu erha­schen.

Der Holz­stich bringt die unbän­di­ge Sehn­sucht des Men­schen nach der Tran­szen­denz zum Aus­druck, die auch David in Psalm 63 gespürt hat. David braucht sehr inten­si­ve Wor­te des Her­zens und der Gefüh­le um sei­ne Sehn­sucht nach dem tran­szen­den­ten Gott zu beschrei­ben:

Ein Psalm Davids aus der Zeit, als er sich in der Wüste von Juda auf­hielt. Gott, mein Gott bist du, dich suche ich. Wie ein Dur­sti­ger, der nach Was­ser lechzt, so ver­langt mei­ne See­le nach dir. Mit mei­nem gan­zen Kör­per spü­re ich, wie groß mei­ne Sehn­sucht nach dir ist in einem dür­ren, aus­ge­trock­ne­ten Land, wo es kein Was­ser mehr gibt. Mit dem glei­chen Ver­lan­gen hielt ich im Hei­lig­tum Aus­schau nach dir, um dei­ne Macht und Herr­lich­keit zu sehen. (Psalm 63:1 – 3)

Die Vernichtung der Transzendenz?

In den 60-er Jah­ren ent­stand die Theo­rie der Säku­la­ri­sie­rung. Man nahm an, dass die Men­schen Gott nur benö­ti­gen, um die uner­klär­ba­ren Rea­li­tä­ten des Uni­ver­sums zu erklä­ren. Man ging davon aus, dass unge­bil­de­te Men­schen auf tran­szen­den­te Erklä­run­gen zurück­grei­fen, weil sie die Natur und das Uni­ver­sum noch nicht rich­tig ver­stan­den haben. Wenn die Wis­sen­schaft nun immer mehr von dem erklärt, wofür man vor­her Gott als Erklä­rung benö­tig­te, dann wür­den die Men­schen Gott immer weni­ger als Erklä­rung brau­chen. Je mehr die Wis­sen­schaft die Welt erklärt, desto mehr wür­de die Reli­gi­on aus der Gesell­schaft ver­schwin­den — so die Idee der Säku­la­ri­sie­rungs-Theo­rie.

Nun hat die Säku­la­ri­sie­rung tat­säch­lich Ein­zug gehal­ten, ins­be­son­de­re in West­eu­ro­pa und Kana­da. Aber die Vor­den­ker der Säku­la­ri­sie­rungs-Theo­rie zei­gen mit der Zeit eine wach­sen­de Irri­ta­ti­on, dass Reli­gi­on nicht in dem Mass ver­schwin­det, wie sie pro­gno­sti­ziert haben.

Einer der füh­ren­den Expo­nen­ten der Säku­la­ri­sie­rungs-Theo­rie war der Reli­gi­ons­so­zio­lo­ge Peter Ber­ger. Ber­ger ist vor weni­gen Jah­ren im hohen Alter gestor­ben. Sei­ne wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en über­blicken mehr als fünf Jahr­zehn­te. Man erkennt in sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen eine wach­sen­de Irri­ta­ti­on dass sei­ne ursprüng­li­che Theo­rie nicht ein­trifft:

1969: «Wenn die Kom­men­ta­to­ren sich in Bezug auf Reli­gi­on über etwas einig sind, dann über fol­gen­des: Das Über­na­tür­li­che hat die moder­ne Welt ver­las­sen.» A rumor of angels, Kapi­tel 1, eige­ne Über­set­zung

1969 war noch alles klar: Unse­re Welt braucht kei­ne Tran­szen­denz mehr und dem­zu­fol­ge wird die Sehn­sucht des Men­schen nach Tran­szen­denz rapi­de abneh­men. Die­se Zuver­sicht änder­te mit der Zeit, wie das näch­ste Zitat zeigt:

1999: «Die Annah­me, dass wir in einer säku­la­ri­sier­ten Welt leben, ist falsch. Mit weni­gen Aus­nah­men ist die Welt ent­schlos­sen reli­gi­ös wie schon immer, in eini­gen Orten sogar mehr als frü­her.» The Des­e­cu­la­ri­za­ti­on of the World, Sei­te 1, eige­ne Über­set­zung

Es ist Ber­ger hoch anzu­rech­nen, dass er fair mit den Fak­ten umgeht. Sein Ein­ge­ständ­nis nach 30 Jah­ren ver­blüfft: Die Welt ist so reli­gi­ös wie eh und je. An man­chen Orten weni­ger, an ande­ren jedoch noch mehr als frü­her. Und dies trotz immer mehr Erklä­run­gen der Wis­sen­schaf­ten über unzäh­li­ge Aspek­te unse­rer Welt! Kurz vor sei­nem Tod schreibt Ber­ger:

2014: «Die Theo­rie der Säku­la­ri­sie­rung grün­de­te auf der Idee, dass die Moder­ne das Ende der Reli­gi­on brin­gen wird. Die­se Annah­me kann ange­sichts der vor­han­de­nen Tat­sa­chen nicht mehr auf­recht erhal­ten wer­den.» The many altars moder­ni­ty, Ein­füh­rung, eige­ne Über­set­zung

Ein Problem der Moderne, eine Chance der Postmoderne

Die Moder­ne ver­such­te durch Ein­satz des mensch­li­chen Ver­stan­des und ent­spre­chen­der Wis­sen­schaft mög­lichst alles zu erklä­ren. Zuver­sicht­lich mein­te man, man kön­ne damit tran­szen­den­te Erklä­run­gen aus der Welt schaf­fen und die Men­schen wür­den immer weni­ger reli­gi­ös wer­den. Klar gab es da intel­lek­tu­el­le Rie­sen wie Imma­nu­el Kant, die uns warn­ten, dass das Tran­szen­den­te von uns her zwar nicht erreicht, aber auch nicht weg­erklärt wer­den kann. Viel­leicht hät­ten die Reli­gi­ons­so­zio­lo­gen etwas mehr auf Kant hören sol­len? Viel­leicht hät­ten sie auch mehr auf David und ande­re hören sol­len, für die Gott nicht ein­fach nur eine pro­vi­so­ri­sche Erklä­rung für unver­ständ­li­che Din­ge ist, bis die Wis­sen­schaft sie erklä­ren kann.


Es sieht ganz so aus, als sei der Mensch ‹unheil­bar› reli­gi­ös. Unse­re See­le ver­langt danach, sich mit etwas zu ver­bin­den, das grös­ser ist als sie selbst. Wir sind geschaf­fen für Inti­mi­tät mit dem Ewi­gen. Die Bibel nennt das Anbe­tung.

Die Post­mo­der­ne mit ihrer grös­se­ren Offen­heit für unfer­ti­ge Wahr­heit ermög­lich­te eine grös­se­re Akzep­tanz für die spi­ri­tu­el­le Suche der Men­schen nach die­ser Tran­szen­denz. Die 70-er und 80-er Jah­re sahen einen Boom an reli­giö­ser Viel­falt in der Eso­te­rik und dem Inter­es­se an non-dua­len (öst­li­chen) Reli­gio­nen. In der Schweiz hielt zum Bei­spiel eine Medi­ta­ti­ons­tech­nik Ein­zug namens tran­szen­den­ta­le Medi­ta­ti­on, mit Haupt­sitz im schö­nen See­lis­berg, direkt über der berühm­te­sten Schwei­zer Kuh-Wie­se, dem Rüt­li. Es stimmt, der Mensch ist ‹unheil­bar› reli­gi­ös und die Gesell­schaft lässt sich nicht säku­la­ri­sie­ren, moder­ne Wis­sen­schaft hin oder her!

Wo unsere Sehnsucht nach Transzendenz gestillt wird

Doch reicht es, wenn wir uns ein­fach nach etwas Tran­szen­den­tem aus­strecken? David zeigt uns im Psalm 63, dass letzt­lich nur die Begeg­nung mit DEM Tran­szen­den­ten selbst, dem per­so­na­len Schöp­fer die­ser Welt, unse­re Sehn­sucht stillt. Wir müs­sen Gott suchen, und zwar um sei­ner selbst wil­len. Ein­fach nur ‹Tran­szen­denz› stillt die Sehn­sucht nicht. Wir sehen die­sen Punkt im Psalm 63 auf fol­gen­de Wei­se. David befin­det sich in der Wüste (sie­he Ps 63:1) auf der Flucht vor sei­nem eige­nen Sohn Absa­lom, der mit einer Grup­pe von Eli­te — Sol­da­ten sei­nen Vater sucht, um die­sen umzu­brin­gen. Doch David bit­tet Gott nicht um sein Leben son­dern ruft:

Dei­ne Güte ist bes­ser als das Leben (Psalm 63:4)

Mit ‹Güte› ist hier die soge­nann­te Bun­des-Treue Got­tes gemeint. Alles im äus­se­ren Leben von David deu­tet eher auf Got­tes Untreue hin. Immer­hin hat Gott zuge­las­sen, dass David von der eige­nen Fami­lie an Leib und Leben bedroht wird. Doch weil David’s See­le von Sehn­sucht nach dem tran­szen­den­ten Gott erfüllt ist, blickt er an all dem vor­bei. Er streckt sich nach Gott aus, um Got­tes selbst wil­len! Er will Gott nicht als Mit­tel zum eige­nen Zweck, und sei das sogar sein eige­nes Leben. Er geht aufs Gan­ze. Er gibt sich nicht mit weni­ger zufrie­den als mit Gott selbst!

Vie­le Men­schen leben die Suche nach Tran­szen­denz mit 50% Ein­satz. Sie kom­men zu Gott in den Nöten ihres Lebens. Das dür­fen sie selbst­ver­ständ­lich auch tun! Oft spre­chen sie ein Gebet mit unge­fähr die­ser Aus­sa­ge: «Gott wenn du da bist: Ich gebe dir alles, wenn du nur mein Gebet erhörst!» Doch sie wol­len Gott das eine nicht geben, was er von ihnen wünscht: dass sie sich für ihn selbst inter­es­sie­ren um sei­ner selbst wil­len. Erst wenn wir uns für Gott um sei­ner selbst wil­len inter­es­sie­ren, stillt sich unse­re Sehn­sucht nach Tran­szen­denz. Gott weiss das. Er hat uns so erschaf­fen, mit die­ser ein­ge­bau­ten Sehn­sucht nach ihm selbst.

CS Lewis bringt die halb­her­zi­ge Suche vie­ler Men­schen gut zum Aus­druck in einem wich­ti­gen Auf­satz namens ‹Das Gewicht der Herr­lich­keit›:

«Es scheint, als müss­ten unse­re Sehn­süch­te dem Herrn eher zu schwach als zu gross vor­kom­men. Wir sind halb­her­zi­ge Geschöp­fe, die sich mit Alko­hol, Sex und Kar­rie­re zufrie­den geben, wo uns unend­li­che Freu­de ange­bo­ten wird. Wir geben uns viel zu schnell zufrie­den!» CS Lewis, Das Gewicht der Herr­lich­keit, mei­ne Her­vor­he­bung

Unse­re Lei­den­schaf­ten sind nicht zu stark, son­dern zu schwach — die­se Aus­sa­ge gefällt mir sehr! Wenn wir Gott als Mit­tel zum eige­nen, welt­li­chen Zweck suchen, bleibt unse­re Sehn­sucht unge­stillt. Denn unse­re See­le ver­langt danach, sich mit etwas zu ver­bin­den, das grös­ser ist als sie selbst. Wir sind geschaf­fen für Inti­mi­tät mit der ewi­gen Per­son selbst. Kir­chen soll­ten Orte sein, an denen Men­schen in ihrer Suche nach Tran­szen­denz ermu­tigt wer­den, DEM Tran­szen­den­ten selbst, dem per­so­na­len Schöp­fer die­ser Welt zu begeg­nen. David ging in die Kir­che um Gott zu suchen:

So schaue ich aus nach dir in dei­nem Hei­lig­tum, woll­te ger­ne sehen dei­ne Macht und Herr­lich­keit. (Ps 63:3)

Wenn Kir­chen von einer Theo­lo­gie bestimmt sind die das Tran­szen­den­te aus der Bibel und aus dem Glau­ben her­aus­zu­hal­ten ver­su­chen, ver­hin­dert die­se Theo­lo­gie genau das, was die Men­schen so nötig haben: Orte wo sie ihrer Suche nach Tran­szen­denz nach­ge­hen und ihre Sehn­sucht stil­len in der Begeg­nung mit Gott, um sei­ner selbst wil­len. Lasst uns Men­schen und Kir­chen sein, wel­che die selbst­zen­trier­te Halb­her­zig­keit able­gen und lei­den­schaft­li­che Sucher des tran­szen­den­ten Got­tes selbst wer­den!

Hier kannst du mei­nen Vor­trag zu die­sem Arti­kel schau­en

 

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