Rules for Radicals

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Heiligt der Zweck die Mit­tel? «Meis­tens», wäre die Antwort von Saul D. Alin­sky vor gut 50 Jahren gewe­sen. Mit seinem Buch «Rules for Rad­i­cals» hat er das strate­gis­che Hand­buch für die Aktivis­ten der 68er Gen­er­a­tion geschaf­fen. Heute greifen aber auch kon­ser­v­a­tive in seine Trick­kiste und feiern damit Erfolge. Ein Grund, diesen ins Alter gekomme­nen Klas­sik­er mal unter die Lupe zu nehmen.

Wer sich in ein­er Auseinan­der­set­zung befind­et, tut gut daran zu wis­sen, mit welchen Mit­teln sein Geg­n­er kämpft. Das gilt für Armeen, für poli­tis­che Parteien, für Fir­men und für die Kirche unter Druck seit­ens der Gesellschaft oder seit­ens ein­er lib­eralen The­olo­gie. Das Buch “Rules for Rad­i­cals” war für mich dies­bezüglich ein Augenöffn­er. Es ist ein aus der Prax­is abgeleit­etes Buch. Und Prax­is hat­te Saul D. Alin­sky (1909–1972) wahrlich genug, als er 1971 seine ‘prag­ma­tis­che Anleitung für real­is­tis­che Radikale’ veröf­fentlichte. Alin­sky hat­te sich über fast 40 Jahre hin­weg den Ruf des effek­tiv­en ‘Com­mu­ni­ty Orga­niz­ers’ erar­beit­et. Als Kämpfer für sozial­is­tis­che Ide­ale im kap­i­tal­is­tis­chen Ameri­ka war er für die einen eine Leg­ende, für die anderen das Feind­bild schlechthin.

Saul D. Alin­sky: Rules for Rad­i­cals, A Prag­mat­ic Primer for Real­is­tic Rad­i­cals, 1971

Die von Alin­sky aufge­baute Organ­i­sa­tion hat­te sich darauf spezial­isiert, mar­gin­al­isierten Gemein­schaften und aus­ge­beuteten Arbeit­er­schaften in den Chefe­ta­gen von Städten und Fir­men Gehör zu ver­schaf­fen. Dazu waren auch ziem­lich alle Mit­tel recht. Wenn Alin­sky mit seinem Team in eine Stadt ein­rollte, war eines sich­er: Es war vor­bei mit der Ruhe.

Doch der mit allen Wassern gewasch­ene Klassenkämpfer ärg­ert sich über eine neue Gen­er­a­tion von Aktivis­ten: die Rev­o­lu­tionäre der 68er. Diese neue Gen­er­a­tion meint, mit «lan­gen Haaren» und «Attack­en auf die amerikanis­che Flagge» in der Gesellschaft etwas bewe­gen zu kön­nen (xviii,xix). Ihnen gel­ten Alin­skys Ratschläge. Denn, wie er so schreibt: Es gibt gewisse zen­trale Konzepte des Aktivis­mus, welche unab­hängig der Umstände und Zeit greifen. Diese zu ken­nen sei die Grund­lage für einen «prag­ma­tis­chen Angriff auf das etablierte Sys­tem». (xvii). Ger­ade diese Über­trag­barkeit von Alin­skys Prinzip­i­en auf neue Umstände macht das Buch interessant. 

In den ver­gan­genen 50 Jahren waren die poli­tis­chen und kul­turellen Rev­o­lu­tionäre jen­er Tage so erfol­gre­ich, dass sie heute selb­st zum ‘etablierten Sys­tem’ gewor­den sind. Und so find­et sich das Buch des Linksak­tivis­ten Alin­sky in unseren Tagen auf ein­mal in den Hän­den von kon­ser­v­a­tiv­en ‘Strassenkämpfern’ wieder, welche seine tak­tis­chen Winkelzüge gegen die ‘woke’ Dom­i­nanz unser­er Tage einsetzen.

Zum Beispiel bezieht sich der kon­ser­v­a­tive Kom­men­ta­tor Matt Walsh, bekan­nt für seinen Film ‘What is a Woman’ expliz­it auf Alin­sky als Inspi­ra­tionsquelle für eine sein­er jüng­sten Kampagnen:

“Was wir mit Bud Light und jet­zt mit Tar­get gemacht haben, stammt direkt aus Saul Alin­skys “Rules for Rad­i­cals”: Wäh­le das Ziel, friere es ein, per­son­al­isiere es, polar­isiere es. Die Linke hat das schon immer so gemacht. Jet­zt kön­nen sie mal sehen, wie es sich am emp­fan­gen­den Ende anfühlt.” (meine Übersetzung)

Worauf bezieht sich Matt Walsh? Nach Wer­bekam­pag­nen mit LGBT+ The­men mussten die amerikanis­che Bier­marke Bud Light und die Super­mark­tkette Tar­get diesen Som­mer mas­sive Umsatzein­bussen auf­grund ein­er Boykot­tkam­pagne verze­ich­nen. Walsh gehört zu den Ini­tia­toren dieses Boykott’s.

Alinsky’s Regel­w­erk wird also Hüben und Drüben angewen­det. Was kennze­ich­net das ‘Sys­tem Alin­sky’? Wie ist dieses zu bew­erten? An zwei Kapiteln im Buch möchte ich das erläutern.

Eine Ethik des Zweckmässigen

Die Arbeitsweise Alinsky’s ist durch und durch von Prag­ma­tismus geprägt: Gut ist, was nützt. Wenn das, was nützt auch gut ist, ist es auch ok. Aber das Einzige, was let­z­tendlich zählt, ist das Erre­ichen des gesteck­ten Zieles. Ob die dabei einge­set­zten Mit­tel ethisch lauter sind oder nicht, ist abhängig von der eige­nen Befind­lichkeit, von der Bedeut­samkeit des Zieles und natür­lich davon, ob man selb­st ein Mit­tel ein­set­zt oder der Geg­n­er. Alin­sky fasst fol­gen­der­massen zusammen:

«Mit­tel und Zweck ste­hen in ein­er so engen Beziehung zueinan­der, dass die wahre Frage nie die sprich­wörtliche war: “Recht­fer­tigt der Zweck die Mit­tel?”, son­dern immer lautete: “Recht­fer­tigt dieser bes­timmte Zweck diese bes­timmten Mit­tel”?» (S47, meine Übersetzung)

Anhand ver­schieden­er Beispiele und 11 Prinzip­i­en erläutert er seine Ethik des ‘Zweck­mäs­si­gen’ (S26-47). Für Inter­essierte habe ich diese im Anhang aufge­führt)[1]. Wer sich diese 11 Prinzip­i­en zu Gemüte führt, wird hof­fentlich gle­ichzeit­ig den Kopf schüt­teln und inner­lich nick­en.

Der Leser wird hof­fentlich den Kopf schüt­teln in Anbe­tra­cht dessen, wie durch und durch oppor­tunis­tisch die Ethik von Alin­sky ist. Für Alin­sky sind ethis­che Leit­sätze keine Prinzip­i­en, welche uns in unserem Han­deln leit­en sollen. Sie sind vielmehr ein­fach Instru­mente oder gar Waf­fen, welche im Kampf gezielt einge­set­zt wer­den kön­nen, um ein Ziel zu erre­ichen. Ethis­ches Ver­hal­ten ist für ihn etwas, was man immer vom Geg­n­er ein­fordern soll, auch wenn man sich selb­st nicht daran hält. Je nach Nüt­zlichkeit ist die Ethik mal wichtig oder eben nicht. Und sowieso: Der Sieger wird let­z­tendlich die Geschichts­büch­er schreiben. Folge dessen ist der der Sieger immer automa­tisch auch auf der ethisch kor­rek­ten Seite. Was ist deshalb das Wichtig­ste? Das Siegen!

Wichtig ist zu ver­ste­hen, dass moralisch vor­bildlich­es Ver­hal­ten für Alin­sky etwas dur­chaus Wertvolles ist. Es ist ihm aber nicht auf­grund sein­er Vor­bildlichkeit wertvoll, son­dern weil auch moralisch gutes Ver­hal­ten ein effek­tives Mit­tel zur Ziel­er­re­ichung sein kann. Alinsky’s Kro­nzeuge ist dabei der bekan­nte Frieden­sak­tivist Mahat­ma Ghan­di (S37-45) Dieser habe das Opti­mum aus seinen spär­lichen Möglichkeit­en her­aus­ge­holt. Seine Strate­gie des gewalt­freien Wider­standes sei nur ent­standen, weil er keine Waf­fen zur Ver­fü­gung hat­te und die Men­schen in seinem Ein­flussfeld grund­sät­zlich wenig motiviert waren. Mit anderen Worten: Wenn Ghan­di Waf­fen gehabt hätte, hätte er diese wohl einge­set­zt. Doch er hat­te sie nicht. Daher sei gemäss Alin­sky das ‘am Boden Sitzen und Nichts tun’ ein­fach der opti­male Ein­satz der vorhan­de­nen Mit­tel gewe­sen. Das ‘am Boden sitzen und nichts tun’ kam zudem moralisch erhaben daher. Alin­sky doku­men­tiert seine These mit glaub­haft klin­gen­den Quellen. Lakonisch merkt er an, dass zu den ersten Aktiv­itäten des endlich unab­hängi­gen Indi­en das Ein­schränken von Demon­stra­tionsrecht­en und der Ein­satz von Waf­fen im Kash­mir-Kon­flikt gewe­sen sei. Neue Mit­tel waren zur Hand, und damit auch neue ethis­che Regeln.

Der Leser wird deshalb ver­mut­lich auch inner­lich nick­en, weil die von Alin­sky for­mulierten Leit­sätze doch so präzise das wiedergeben, was in Real­ität in unser­er Welt vor sich geht. Wie schnell wer­den heute Anliegen und Prinzipen über Bord gewor­fen, nur weil sich eine Lage neu präsen­tiert! Wie oft wird moralis­ches Ver­hal­ten einge­fordert, welch­es man selb­st in kein­er Weise ein­hält! Wie schnell wer­den aus Frieden­sak­tivis­ten Kriegstreiber! Wie ein­fach mutieren Unter­drück­te zu Unterdrückern!

Wie sollen wir über diesen ethis­chen Prag­ma­tismus denken? Zumin­d­est zeigen uns die von Alin­sky aufgestell­ten Prinzip­i­en ein­drück­lich, nach welchen Regeln die kleinen und grossen Macht­spiele in unser­er Welt aus­ge­spielt wer­den. Diese zu ken­nen kann uns helfen, die Welt um uns etwas bess­er zu ver­ste­hen, Dinge einzuord­nen oder sich selb­st und anderen ein­mal den Spiegel vorzuhalten.

Das Tragis­che ist: Alin­sky find­et diesen ethis­chen Prag­ma­tismus tat­säch­lich super. Seine Botschaft: So funk­tion­iert die Welt und nach diesen Regeln musst du spie­len, wenn du deine Feinde besiegen willst.

Taktische Prinzipien

In den tak­tis­chen Prinzip­i­en Alin­skys tritt seine Jahre­lange Erfahrung deut­lich zutage. Hier sind seine 13 tak­tis­chen Prinzip­i­en, jew­eils mit kurz­er Erläuterung:

  1. «Macht ist nicht nur das, was man hat, son­dern auch, das der Feind glaubt, dass man sie hat.»
    Will heis­sen: Gib vor Mit­tel zu haben, auch wenn du sie nicht hast. Wenn du lügen musst, dann lüge.
  2. «Gehe nie über die Erfahrung dein­er Leute hinaus.»
    Will heis­sen: Men­schen mei­den das, was ihnen nicht famil­iär ist. Sie wollen sich mit ihren eige­nen Waf­fen schlagen.
  3. «Wann immer es möglich ist, gehe über die Erfahrung deines Fein­des hinaus.»
    Will heis­sen: Erhöhe bei deinem Geg­n­er die Unsicher­heit, indem du ihm unge­wohnte Erfahrungs­felder aufzwingst.
  4. «Bring den Feind dazu, seine eige­nen Regeln zu befolgen.»
    Will heis­sen: Bring die Inkon­sis­ten­zen oder Übertrei­bun­gen des Geg­n­ers zum Leucht­en. Zwinge ihn dazu, sich kor­rigieren zu müssen.
  5. «Spott ist die stärk­ste Waffe des Menschen.»
    Will heis­sen: Gegen Spott kann man sich nicht vertei­di­gen. Spott erzeugt im Geg­n­er zudem Wut. Wut führt zu Reak­tio­nen, die wiederum aus­genutzt wer­den können.
  6. «Eine gute Tak­tik ist eine, die deinen Leuten Spass macht.»
    Das erk­lärt sich von selbst…
  7. «Eine Tak­tik, die sich zu lange hinzieht, wird zur Belastung.»
    Will heis­sen: Irgend­wann geht den Leuten die Luft aus und sie gehen nach Hause. Das muss einge­plant werden.
  8. «Halte den Druck aufrecht.»
    Will heis­sen: Gib deinem Geg­n­er keine Chance, sich neu zu formieren und Atem zu holen.
  9. «Eine Bedro­hung ist meist schreck­lich­er als die Sache selbst.»
    Will heis­sen: Emp­fun­dene Bedro­hun­gen binden Kräfte, die dann ander­norts nicht zur Ver­fü­gung stehen.
  10. «Die wichtig­ste tak­tis­che Prämisse ist die Entwick­lung von Oper­a­tio­nen, die einen kon­stan­ten Druck auf den Geg­n­er aufrechterhalten.»
    Will heis­sen: Du befind­est dich in einem Krieg, nicht in einem Einzel­ge­fecht. Auf eine Oper­a­tion muss die näch­ste fol­gen. Ein erziel­ter Kom­pro­miss ist ein­fach der Aus­gangspunkt für den näch­sten Kon­flikt, den es anzuzetteln gilt. Das Ziel ist immer der ganze ‘Sala­mi’ — eine Scheibe nach der anderen.
  11. «Wenn man mit einem Neg­a­tiv hart und tief genug Druck macht, wird es in die Gegen­seite einbrechen.»
    Will heis­sen: Wenn du dein Anliegen lange und ein­dringlich genug vor­bringst, wer­den sich auf ein­mal Leute auf deine Seite schla­gen, oder dein Geg­n­er lässt sich zu einem Fehler verleiten.
  12. «Der Lohn für einen erfol­gre­ichen Angriff ist eine kon­struk­tive Alternative.»
    Will heis­sen: Wer Krieg führt, sollte auch eine ‘Lösung’ respek­tive einen konkreten Endzu­s­tand vor Augen haben. Son­st wird der Geg­n­er die Lösung liefern.
  13. «Wäh­le das Ziel, friere es ein, per­son­al­isiere es und polar­isiere es.»
    Will heis­sen: Fokussiere auf eine Per­son oder Organ­i­sa­tion und mache diese toxisch.

Auch in dieser Liste drückt der fehlende innere Kom­pass von Alin­sky immer wieder durch. Den­noch empfinde ich, dass hier auch einzelne wertvolle Erken­nt­nisse sind, welche kon­struk­tiv einge­set­zt wer­den kön­nen. Grup­pen funk­tion­ieren nun mal nach gewis­sen Prinzip­i­en der Psy­cholo­gie und Grup­pen­dy­namik. Das kann auch kon­struk­tiv einge­set­zt werden.

Wichtig in der Anwen­dung ist aus Sicht von Alin­sky, dass diese Prinzip­i­en mit viel Fan­tasie und tak­tisch auf spez­i­fis­che Sit­u­a­tio­nen zugeschnit­ten angewen­det wer­den. Es braucht immer noch den Leit­er mit den richti­gen Instink­ten und Siegeswillen, um erfol­gre­ich zu sein.

Dur­chaus unter­halt­sam sind die vie­len Beispiele, die Alin­sky in seine Erzäh­lung ein­flechtet und die seinen Willen doku­men­tieren: Wirke wenn möglich inner­halb von Gesetz und Vorschriften, lote die Gren­zen aber bis aufs äusser­ste aus. Ein Beispiel dazu: Alin­sky wurde von ein­er Stu­den­ten­gruppe an ein­er kon­ser­v­a­tiv­en protes­tantis­chen Schule ange­heuert. Die Stu­den­ten störten sich daran, dass sie in der Schule nicht rauchen, tanzen oder ein Bier trinken durften. Doch Kau­gum­mi kauen war erlaubt. So sorgten sie dafür, dass einige hun­dert Stu­den­ten an der Schule für eine regel­rechte Kau­gum­mi­plage sorgten. Es sei nicht lange gegan­gen, bis fast alles auss­er Kau­gum­mikauen erlaubt gewe­sen sei. (S145/146).

Polar­i­sa­tion ist für Alin­sky etwas, was er sehr bewusst anstrebt. Polar­i­sa­tion hil­ft, einen Kon­flikt erst mal zu schaf­fen, aus welchem dann Prof­it geschla­gen wer­den kann (S134). Polar­i­sa­tion bewirkt man unter anderem mit Dis­rup­tion oder gar Trans­gres­sion – dem bewussten Übertreten von einge­spiel­ten Selb­stver­ständlichkeit­en, von gesellschaftlichen Codes oder moralis­chen Vorstel­lun­gen. Im Fall der kau­gum­mikauen­den Schüler war die Dis­rup­tion eine ganz kleine. Sie haben die Gehsteige ihrer Schule mit Kau­gum­mi verseucht – nicht ille­gal, aber ent­ge­gen der guten Sitte. Die Empörung darüber war dann der Aus­gangspunkt dafür, dass sie ihre tat­säch­lichen Forderun­gen (Rauchen, Tanzen und Bier trinken) durch­set­zen konnten.

Wer die Mech­a­nis­men der moralis­chen Rev­o­lu­tion unser­er Tage aktiv beobachtet, der wird bemerken, wie die Tak­tiken von Alin­sky auch heute Anwen­dung find­en. Die ‘Sala­mi-Tak­tik’ ken­nen ich nur zu gut aus den ganzen Entwick­lun­gen rund um die Ehe für alle. Der Prinzip der Trans­gres­sion führt uns Rosa von Praun­heim aktuell vor, wenn er seine per­versen Bilder in ein­er Kirche ausstellt und damit logis­cher­weise einen Sturm der Entrüs­tung ent­facht. Auch Derek Webb, vor Jahren noch Mit­glied der pop­ulären christlichen Pop-Band Caedmon’s Call, kann als Beispiel genan­nt wer­den. Nach sein­er Dekon­ver­sion, set­zt er die tak­tis­chen Prinzip­i­en Alinsky’s gegen sein früheres Milieu ein. Sein jüng­ster Coup: eine Drag Queen an die Spitze der christlichen Apple-Charts in den USA zu kat­a­pul­tieren. Dabei kamen min­destens 5 der tak­tis­chen Prinzip­i­en zur Anwen­dung (Nr 3, 5, 6, 11, 13). Wir dür­fen uns auf weit­ere Episo­den freuen oder gefasst machen.

Abschliessende Gedanken

Was halte ich von diesem Alin­sky und sein­er Dien­stan­weisung für Revolutionäre?

Zum ersten: Die Lek­türe hat mir tat­säch­lich Spass gemacht! Auch wenn die vie­len Beispiele im Buch aus ein­er völ­lig anderen Zeit kom­men, so merkt man doch wie Ähn­lich­es heute immer noch abläuft, wenn auch an anderen Schau­plätzen. Die Büh­nen sind heute eher die sozialen Medi­en mit ihren «Shit­storms» und virtuellen ‘Schlacht­en’. Manch­mal sieht man, wie sich solche Schlacht­en bilder­buch­mäs­sig nach Alin­sky-Mustern ent­fal­ten, wie Men­schen regel­recht in die Fall­en hinein­ren­nen, welche ihnen gestellt wer­den. Wer Alin­sky ken­nt, wird sich let­z­tendlich sicher­er auch in Onlinediskus­sio­nen engagieren können.

Ein span­nen­der Aspekt 50 Jahre nach Erscheinen des Buch­es ist natür­lich, dass heute Hüben und Drüben nach dem gle­ichen tak­tis­chen Regel­w­erk ‘gespielt’ wird. Das ist ehrlich gesagt kein guter Garant für kon­struk­tive Prozesse, son­dern befeuert eher die zunehmende Polarisierung.

Trotz­dem kann es mal dran sein, einen ‘auf Alin­sky’ zu machen. Ich per­sön­lich kann zum Beispiel den Aktio­nen gegen Tar­get und Bud-Light in den USA einiges abgewin­nen. Es gibt Momente, wo es gerecht­fer­tigt sein kann, Dinge auch öffentlich anzuprangern oder zu boykot­tieren. Wenn Grosskonz­erne ziel­gerichtet unter Kindern den Trans-Lebensstils mit all seinen ver­heeren­den Kon­se­quen­zen bewer­ben, darf das kreativ bekämpft wer­den. Das ist meine per­sön­liche Mei­n­ung. Nur sollte das Ganze dann ohne das Lügen, Lästern, Erpressen und Schikanieren auskom­men, was bei Alin­sky mit zum Pro­gramm gehörte.

Auch die Propheten in der Bibel haben nicht immer zim­per­lich zum Volk gesprochen. Jesus hat da und dort auf ‘den Putz’ gehauen – man denke zum Beispiel an die Tem­pel­reini­gung (Joh 2:13–25). Der Glaube ken­nt also so etwas wie eine ‘heilige Empörung’, welche auch mal Laut wird, welche ziel­gerichtet und mit ein­er gewis­sen Radikalität Verän­derung ein­fordert. Dem Unrecht, der Ver­führung oder der Bosheit, muss man sich auch mal entschlossen entgegenstemmen.

Aus mein­er Sicht völ­lig untrag­bar ist aber die ethis­che Beliebigkeit Alin­skys. Seine Zeitzeu­gen bericht­en, dass diese teil­weise ver­heerende Neben­wirkun­gen mit sich brachte. Am Anfang des Buch­es macht Alin­sky deut­lich, dass er selb­st mit dem Teufel einen Pakt schliessen würde. Er wid­met sein Buch auf der ersten Seite dem Wider­sach­er Gottes:

«Wir soll­ten… den ersten den Men­schen bekan­nten Radikalen nicht vergessen, der gegen das ‘Estab­lish­ment’ auf­begehrte und dies so erfol­gre­ich tat, dass er wenig­sten sein eigenes Reich gewann – Lucifer»

Alin­sky hat­te nicht viel für Glaube und Reli­gion übrig. Er stellt in seinem Buch auch klar, dass ehe­liche Treue nicht ins Reper­toire eines ‘Com­mu­ni­ty Orga­niz­ers’ gehöre. Eine Tätigkeit wie seine biete zu viele Gele­gen­heit­en, um sich mit Din­gen wie Enthalt­samkeit zu belas­ten (S65).

Trotz solchen State­ments liessen sich protes­tantis­che und katholis­che Organ­i­sa­tio­nen immer wieder auf ihn und seinen moralis­chen Rel­a­tivis­mus ein. Denn das Anheuern Alinsky’s kam mit dem Ver­sprechen eines erfol­gre­ichen Kampfes gegen Missstände.

Jesus gibt uns in der Berg­predigt und mit seinem ganzen Leben ein alter­na­tives Set an ethis­chen Leit­sätzen. Gerechtigkeit soll uns wichtig sein (Mt 5:6). Aber die Sicht auf den Kon­tra­hen­ten ist eine andere als bei Alinsky:

«Liebt eure Feinde und bit­tet für die, die euch ver­fol­gen» (Mt 5:12).

Jesus fordert uns her­aus, unser Leben in San­ft­mut und Rein­heit des Herzens zu leben (Mt 5:1–12). Er möchte nicht, dass wir unsere Feinde mit Spott ein­deck­en, son­dern die Backe hin­hal­ten (Mt 5:39). Es ist viel ein­fach­er einen Feind zu besiegen als ihn zu lieben. Der Anspruch Jesu auf die Art und Weise, wie ich mein Leben führe und Kon­flik­te gestalte, fordert mich tat­säch­lich sehr her­aus. Die Schlacht­en Gottes wer­den nach anderen Regeln geführt. Und die grössten Siege, so macht er uns klar, gilt es in unseren eige­nen Herzen zu gewinnen:

«Denn was hil­ft es dem Men­schen, die ganze Welt zu gewin­nen und Schaden zu nehmen an sein­er Seele?» (Mk 8:36)

 


Fuss­noten:

[1] Die 11 ethis­chen Prizip­i­en von Alin­sky (jew­eils mit kurz­er Umschreibung).

  1. «Die Beschäf­ti­gung mit der Ethik der Mit­tel und Zwecke ist umgekehrt pro­por­tion­al zu den per­sön­lichen Inter­essen in dieser Frage.» Will heis­sen: Ethis­che Prinzip­i­en eracht­en wir für umso wichtiger, je weniger ihre Anwen­dung unsere Ziele betr­e­f­fen. Und wir eracht­en sie für umso weniger wichtig, je mehr sie unsere Ziele betreffen.
  2. «Das Urteil über die Ethik der Mit­tel ist abhängig von der poli­tis­chen Hal­tung der­jeni­gen, welche du beurteilst.» Will heis­sen: Wenn dir die poli­tis­che Hal­tung deines Geg­n­ers zuwider geht, dann bist du ihm gegenüber nicht an ethis­chen Prinzip­i­en gebunden.
  3. «Im Krieg heiligt der Zweck fast jedes Mit­tel.» Das erk­lärt sich wohl von selbst.
  4. «Die Beurteilung muss im Kon­text der Zeit erfol­gen, in der die Aktion stattge­fun­den hat, und nicht aus einem anderen chro­nol­o­gis­chen Blick­winkel.» Will heis­sen: Der spez­i­fis­che Kon­text bes­timmt, ob ein Mit­tel moralisch legit­im ist oder nicht.
  5. «Die Sorge um die Ethik steigt mit der Anzahl der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­tel und umgekehrt.» Will heis­sen: Wenn nur ein Mit­tel zur Hand ist zur Ziel­er­re­ichung, darf dieses Mit­tel einge­set­zt wer­den, auch wenn es moralisch ver­w­er­flich ist.
  6. «Je unwichtiger das angestrebte Ziel ist, desto mehr kann man es sich leis­ten, eine ethis­che Bew­er­tung der Mit­tel vorzunehmen.» Will heis­sen: In unwichti­gen Din­gen kann man sich auch mal ein ethisch kor­rek­tes Han­deln leisten.
  7. «Im All­ge­meinen ist der Erfolg oder Mis­ser­folg ein mächtiger Fak­tor in der ethis­chen Beurteilung.» Will heis­sen: Es gibt keine ‘erfol­gre­ichen Ver­räter’. Denn diese wer­den in der Geschichtss­chrei­bung zu ‘grün­den­den Vätern’ (S34). Demzu­folge ist der Erfolg das alles Entschei­dende. Wer Erfolg hat, der bes­timmt die Geschichtss­chrei­bung und kann das ethis­che Urteil bezüglich der einge­set­zten Mit­tel umschreiben.
  8. «Die Moral eines Mit­tels ist abhängig davon, ob eine Nieder­lage oder ein Sieg unmit­tel­bar bevorste­ht.» Will heis­sen: Wer auf der Ziellinie des Erfolges ein drastis­ches Mit­tel ein­set­zt, dem wird das später vorge­hal­ten wer­den. Beispiel: Atom­bombenein­satz in Japan am Ende des zweit­en Weltkrieges.
  9. «Jedes wirk­same Mit­tel wird von der Oppo­si­tion automa­tisch als unethisch eingestuft.» Will heis­sen: Gute Argu­mente oder stich­haltige Instru­mente in der Hand des Geg­n­ers haben grund­sät­zlich immer ‘böse’, ‘unlauter’ und ‘ver­w­er­flich’ zu sein.
  10. «Man tut, was man kann, mit dem, was man hat, und klei­det es in ein moralis­ches Gewand.» Will heis­sen: Es ist oft hil­fre­ich, Mit­tel einzuset­zen, welche als moralisch gut beurteilt wer­den, weil dies hil­fre­ich zur Ziel­er­re­ichung ist. Manch­mal ist die best­mögliche Option auch gle­ichzeit­ig eine moralisch gute.
  11. «Die Ziele müssen in all­ge­meinen Begrif­f­en wie “Frei­heit, Gle­ich­heit, Brüder­lichkeit”, “Gemein­wohl”, “Streben nach Glück”, “Brot und Frieden” for­muliert wer­den.» Will heis­sen: Zielpunk­te kön­nen sich im Laufe eines Kon­flik­tes in einem dynamis­chen Prozess ver­schieben. Deshalb soll­ten sie so for­muliert sein, dass sie nicht zur Zwangs­jacke wer­den, son­dern stetig neu inter­pretiert wer­den können.
1 Comment
  1. Peter Bruderer 5 Monaten ago
    Reply

    Hier find­en sich so etwas wie die upge­dateten “Rules for Rad­i­cals” für unsere Zeit: https://beautifultrouble.org/

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