Liebe deinen Körper

Josua Hunziker
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Brauchen wir eine “The­olo­gie des Kör­pers”? Beschäftigt sich der christliche Glaube nicht primär mit geistlichen, also nicht-materiellen Din­gen? “Nein”, sagt die amerikanis­che Jour­nal­istin und Welt­sicht-Dozentin Nan­cy Pearcey entsch­ieden. Ihr Buch “Liebe deinen Kör­p­er” nimmt den Leser mit auf eine mitreis­sende Reise in die erstaunlich pos­i­tive bib­lis­che Sicht der Kör­per­lichkeit.

Und auf den ersten Blick scheint unsere Gesellschaft von Kör­per­lichkeit ger­adezu besessen zu sein: Unabläs­sig wer­fen wir uns für Self­ies in Pose, die plas­tis­che Chirurgie boomt selb­st unter Teenagern und die sex­uelle Ori­en­tierung wird mancherorts zu dem definierende Kri­teri­um unser­er Iden­tität hochstil­isiert. Die tra­di­tionellen Hal­tun­gen der Kirche zu The­men wie Sex­u­alethik, “Ehe für alle” oder Abtrei­bung scheinen antiquiert, eng­stirnig und vor allem: Kör­per­feindlich.

Genau hier set­zt Pearcey an: Sie wagt einen Blick hin­ter die Argu­men­ta­tion­skulis­sen und set­zt die oft wieder­holten Klis­chees ein­er messer­schar­fen Analyse aus. Was dabei zum Vorschein kommt ist immer wieder erstaunlich, regelmäs­sig ent­lar­vend und nicht sel­ten regel­recht schock­ierend. Vor allem aber eröffnete sich mir per­sön­lich ein neuer Blick auf das men­schliche Leben in ein­er Ganzheitlichkeit, welche mir bis­lang nicht bekan­nt war: Das bib­lis­che Chris­ten­tum dreht sich nicht nur um mein See­len­heil, son­dern bejat meine Kör­per­lichkeit in radikaler Art und Weise.

Leib und Seele

Wir leben in ein­er Kul­tur, welche eine klare Unter­schei­dung zwis­chen dem “Inneren Selb­st” — nen­nen wir es ein­mal die Seele — und dem “materiellen Selb­st” — dem Kör­p­er — macht. Dies stellt uns vor die Frage: Wo ist denn das Zen­trum mein­er Iden­tität, der Kern mein­er selb­st? Bin ich meine Seele und habe einen Kör­p­er? Oder bin ich mein Kör­p­er und habe eine Seele? Für Pearcey ist die Antwort ein­deutig: Im west­lichen Kul­turkreis des 21. Jahrhun­derts wird der Kern der Iden­tität ein­deutig in der Seele verortet. In meinem Inneren entspringt meine Per­sön­lichkeit — das, was mich zum Men­schen macht. Meine Iden­tität, wer ich wirk­lich bin, kann ich nur tief in meinem seel­is­chen Inneren erah­nen und ent­deck­en. Mein Kör­p­er gehört zwar zu mir, ist aber haupt­säch­lich die materielle Hülle mein­er Selb­st, qua­si die “Woh­nung” meines wahren Ichs. Er ist die Verbindung meines Ichs zur “Welt da draussen”. Klingt irgend­wie ver­traut, oder?

Aus dieser Herange­hensweise wird schnell klar, warum die tra­di­tionellen moralis­chen Hal­tun­gen der Kirche zu “Kör­p­er-The­men” heute so stark unter Beschuss ste­hen:

  • Über­holte” Sex­u­alethik: Was hat eine Kirche sich über­haupt ins Sexleben der Men­schen einzu­mis­chen? Sie soll sich um das See­len­heil der Men­schen küm­mern. Da Sex aber primär mit meinem Kör­p­er und wenig mit mein­er Seele oder Spir­i­tu­al­ität zu tun hat, soll sich die Kirche gefäl­ligst aus meinem Sexleben raushal­ten. So lange im sex­uellen Kon­text kein­er Per­son seel­is­chen Schaden zuge­fügt wird (z.B. durch Miss­brauch) ist es doch wohl jedem Men­schen erlaubt, sich diesem kör­per­lichem Genuss so hinzugeben mit wem und wie er das gerne möchte? Schliesslich erbaut und stärkt es mein inneres Ich, wenn ich meine Sex­u­al­ität so ausleben kann, wie ich das füh­le?
  • “Rück­ständi­ge” Ansicht zur mod­er­nen Ster­be­hil­fe und Euthanasie: Was ist noch men­schlich an einem “biol­o­gis­chen Kör­p­er” ohne Anze­ichen ein­er lebendi­gen inneren Per­sön­lichkeit (z.B. im Koma oder im hohen Alter)? Warum sollte ein solch­es Leben nicht been­det wer­den dür­fen? Es han­delt sich ja eigentlich nur noch um die Kör­per­hülle; um biol­o­gis­ches Mate­r­i­al ohne Per­sön­lichkeit? Es ist wed­er wirtschaftlich noch sin­nvoll, Kör­p­er am Leben zu erhal­ten, welche jeglich­er Per­sön­lichkeitsmerk­male ent­behren.
  • Patri­ar­chalisch getriebene” Ablehnung der Abtrei­bung: Geht es nicht in Ord­nung, das “biol­o­gis­che Leben” eines Embryos zu been­den, so lange noch kein Nach­weis ein­er innewohnen­den Per­sön­lichkeit erbracht wer­den kann? Auch dieser wäre ja nur als materieller Kör­p­er ohne Per­sön­lichkeit und Men­schlichkeit zu betra­cht­en. Zumal die Abtrei­bung ein­er wirk­lichen Per­son, näm­lich der Mut­ter, ja ganz bes­timmt helfen kann — ins­beson­dere, wenn sie durch das ein­mal geborene Kind unfrei­willig zu ein­er mas­siv­en Ein­schränkung ihrer Lebens­führung gezwun­gen wäre.
  • Verkrampftes” Ver­hält­nis zum Trans­gen­deris­mus: Es gibt Men­schen, deren inneres, emp­fun­denes Geschlecht nicht mit ihren kör­per­lichen Geschlechtsmerk­malen übere­in­stim­men. Ist es dann nicht abso­lut ok, wenn sie darauf beste­hen, als Ange­höriger ihres emp­fun­de­nen Geschlechts behan­delt werde? Und warum soll­ten sie ihren Kör­p­er als Aus­druck ihrer wahren Iden­tität nicht entsprechend anpassen lassen? Schliesslich dient der Kör­p­er in erster Lin­ie dazu, dem wahren, inneren Ich zum vollen Aus­druck und Erleben der “Welt da draussen” zu ver­helfen?

Pearcey argu­men­tiert überzeu­gend, dass die all diesen Aus­sagen ein gemein­sames Prob­lem haben: Ihnen allen liegt eine dual­is­tis­che Sichtweise der men­schlichen Iden­tität zugrunde: Ein Teil des Men­schen (die Seele) wird also als wichtiger, als “höher” erachtet als der andere Teil (der Kör­p­er). Diese Sicht des Men­schen ist jedoch, so Pearcey, mit dem bib­lis­chen Welt- und Men­schen­bild unvere­in­bar — ein Men­schen­bild, welch­es die Ein­heit von Leib und Seele betont. Die Bibel sieht den Men­schen als Ganzes, bei­de Teile als gle­ich­w­er­tig, gle­ich heilig (im Sinne von “unan­tast­bar”) und mit innewohnen­der Würde aus­ges­tat­tet. Der physis­che Kör­p­er ist damit genau­so iden­titäts­bes­tim­mend wie meine Seele. Pearcey ist also überzeugt: Wir kön­nen nicht gle­ichzeit­ig an die Autorität der Bibel glauben und obi­gen State­ments (auch nur teil­weise) zus­tim­men. Oder umgekehrt: Wer auch nur eine der obi­gen Aus­sagen ver­tritt, verneint bewusst oder unbe­wusst die bib­lis­che Sicht des Men­schen.

Die Bibel als kör­per­feindlich­es Buch? Nicht bei Pearcey! Bei ihrer Analyse der grundle­gen­den moralis­chen Ansicht­en unser­er Zeit (und deren Kon­se­quen­zen auf das Leben der Men­schen) wird immer wieder Pearceys Fasz­i­na­tion und Wertschätzung für die ganzheitliche Men­schlichkeit spür- und greif­bar. Gott, der Schöpfer, hat jedem Men­schen einen wertvollen Kör­p­er und eine kost­bare Seele geschenkt! Gle­ichzeit­ig wird dem Leser bei der Lek­türe von “Liebe deinen Kör­p­er” die tiefe Kör­per­feindlichkeit obiger State­ments dicht und pack­end vor Augen geführt: So wird z.B. im Trans­gen­deris­mus auf­grund ein­er seel­is­chen Vorentschei­dung dem Kör­p­er eine mas­sive Verän­derung aufgezwun­gen — mit oft irre­versiblen Fol­gen und Schä­den. Ganz zu schweigen vom irrepara­blen Schaden, welch­er einem schein­bar per­sön­lichkeit­slosen Embryo mit ein­er Abtrei­bung zuge­fügt wird. Diese abw­er­tende Hal­tung zur Kör­per­lichkeit ist für das bib­lis­che Welt­bild undenkbar.

Der Körper: Biologische Tatsache ohne moralische Relevanz?

Die ganze Argu­men­ta­tion von “Liebe deinen Kör­p­er” baut auf ein­er eigentlich ziem­lich ein­fachen Fest­stel­lung auf: Der Fest­stel­lung, dass der öffentliche Diskurs — egal zu welchem The­ma — fast immer in zwei Kat­e­gorien stat­tfind­et:

  • Werte: Pri­vat, sub­jek­tiv, rel­a­tiv
  • Tat­sachen: Öffentlich, objek­tiv, abso­lut

Aus­sagen zu Werten sind für den mod­er­nen Men­schen prinzip­iell nicht ver­gle­ich­bar mit Aus­sagen zu Tat­sachen — als wür­den Äpfel mit Bir­nen ver­glichen. Im Bere­ich der Werte glauben wir, dass dur­chaus ver­schiedene — auch wider­sprüch­liche — Mei­n­un­gen gle­ichzeit­ig “wahr” sein kön­nen. Für eine Per­son kann es z.B. richtig sein, zu heirat­en — für eine andere Per­son kann es gle­ichzeit­ig richtig sein, nicht zu heirat­en. Im Bere­ich der wis­senschaftlichen Tat­sachen denken wir jedoch, dass es eine all­ge­meine, für alle Men­schen gültige Wahrheit gibt. So gilt zum Beispiel die Schw­erkraft für alle Men­schen gle­ich, egal was sie darüber denken.

Moralis­che und ethis­che The­men wer­den in unser­er Gesellschaft dem Bere­ich der Werte zuge­ord­net. Deshalb sind diese The­men strikt als Pri­vat­sache zu behan­deln: Sie sind sub­jek­tiv und rel­a­tiv. Es gibt in unserem west­lichen Denken keine Instanz, welche für alle Men­schen bindend moralis­che Stan­dards fes­tle­gen kön­nte — sie sind immer Ver­hand­lungssache ein­er Gesellschaft. Was in meinem per­sön­lichen Werte-Bere­ich passiert, geht also nie­man­den etwas an, auch die Kirche nicht — zumin­d­est so lange ich mit dem Ausleben mein­er Werte nie­man­den einen Schaden zufüge.

Diese Spal­tung zwis­chen Werten und Tat­sachen, welche zuerst vom The­olo­gen Fran­cis Scha­ef­fer for­muliert wurde, durch­dringt laut Pearcey das gesamte west­liche Denken und ins­beson­dere den moralis­chen Diskurs in unseren Bre­it­en­graden. (In ihrem etwas älteren Buch “Total Truth” geht Pearcey sehr aus­führlich auf die Fol­gen dieses Dual­is­mus auf die ver­schieden­sten Lebens­bere­iche ein.)

In “Liebe deinen Kör­p­er” zeigt Pearcey, dass diese bei­den Kat­e­gorien die Grund­la­gen der west­lichen “Per­son­schafts-The­o­rie” (engl. per­son­hood the­o­ry) bilden. Diese Per­son­schafts-The­o­rie kann ana­log zu obigem “Werte/Tatsachen” Dual­is­mus wie fol­gt for­muliert wer­den:

  • Per­son: Ethisches/moralisches Konzept, definiert durch unser Wertesys­tem. Meine Seele und somit Kern des “Ich”.
  • Kör­p­er: Biol­o­gis­che Tat­sache, ohne moralis­che Bedeu­tung. Verbindungs­glied der Seele zu der “Welt da draussen”. Der Kör­p­er ist nicht “Ich” — er gehört lediglich zu mir.

Wie bere­its erwäh­nt, ste­ht dieses Men­schen­bild ste­ht laut Pearcey jedoch in schar­fem Kon­trast zum bib­lis­chen Welt­bild:

Aus­gangspunkt ist eine bib­lis­che Natur­philos­phie. Die Bibel verkün­det den tiefen Wert und die Würde des materiellen Bere­ichs — ein­schliesslich des men­schlichen Kör­pers — als das Werk eines lieben­den Gottes. Deshalb legt die bib­lis­che Moral grossen Wert auf die Tat­sache der men­schlichen Kör­per­lichkeit. Die Achtung vor der Per­son ist untrennbar mit der Achtung vor dem Kör­p­er ver­bun­den. Schliesslich hätte Gott sich dafür entschei­den kön­nen, uns wie die Engel zu machen, als Geis­ter ohne Kör­p­er. Es stand ihm frei, ein spir­ituelles Reich zu erschaf­fen, in dem wir umher­schweben. Stattdessen schuf er uns mit materiellen Kör­pern, die in einem materiellen Uni­ver­sum leben. Warum? Offen­sichtlich schätzt Gott die materielle Dimen­sion und er möchte, dass auch wir sie wertschätzen. […] Der Philosoph Donn Wel­ton fasst zusam­men, dass der Kör­p­er in der Bibel “nicht nur ein materieller Gegen­stand oder eine bio­physikalis­che Instanz ist, denn er gehört zum moralis­chen und spir­ituellen Uni­ver­sum eben­so wie zur physis­chen Welt.” Das heisst, die Bibel ver­ban­nt den Kör­p­er nicht in eine untere Etage, wo er nichts weit­er ist als eine bio­chemis­che Mas­chine. Vielmehr ist der Kör­p­er ein wesentlich­er Bestandteil der Per­son und wird deshalb schliesslich mit dem Men­schen erlöst wer­den. Ein Prozess, der bere­its in diesem Leben begin­nt. Wel­ton schreibt: “Let­z­tendlich argu­men­tiert das Neue Tes­ta­ment nicht für eine Ablehnung des Kör­pers, son­dern für seine Erlö­sung und seine Umwand­lung in einen Schau­platz moralis­ch­er und geistlich­er Offen­barung.” Eine bib­lis­che Ethik ist inkar­na­torisch. Wir sind nach Gottes Eben­bild geschaf­fen, um Gottes Charak­ter wiederzus­piegeln, sowohl in userem Geist als auch in unserem kör­per­lichen Han­deln. Es gibt keine Spal­tung, keine Ent­frem­dung. Wir sind leib­liche Wesen. (Liebe deinen Kör­p­er, Seit­en 48–50)

Eine hohe Sicht des Körpers?

“Nun gut”, kön­nte man nun meinen, “ist ja super dass die Bibel so ein hohes Kör­per­bild hat. Aber sind nicht das heutige Nahrungs- und Fit­ness-Bewusst­sein oder die erst kür­zlich erkämpfte sex­uelle Selb­st­bes­tim­mung Zeichen dafür, dass wir die niedere Sicht des Kör­pers von ver­gan­genen Jahrhun­derten endlich hin­ter uns haben?”

“Nicht wirk­lich”, ent­geg­net uns Pearcey, “ganz im Gegen­teil”:

Vom Kör­p­er besessen zu sein, bedeutet nicht, dass wir ihn annehmen. “Der Kult des jun­gen Kör­pers, die Verehrung des retuschierten, von den Medi­en pro­duzierten Kör­pers ver­birgt einen Hass auf echte Kör­p­er”, schreibt die The­olo­gin Beth Felk­er Jones vom Weaton Col­lege. “Die kul­turelle Prax­is drückt Abnei­gung gegen Kör­p­er aus.” Auch der Kör­perkult kann Aus­druck des zweigeschos­si­gen Dual­is­mus sein. Eine Obses­sion mit Train­ing, Body­build­ing und Diäten offen­bart eine Denkweise, ähn­lich der eines Autobe­sitzers, der einen Luxu­swa­gen poliert und auf­motzt. Philosphen nen­nen das “Instru­men­tal­isierung” des Kör­pers. Er wird als Werkzeug behan­delt, das benutzt und kon­trol­liert wird, statt um sein­er selb­st willen geschätzt zu wer­den. Damit machen wir den Kör­p­er zum Objekt, zu einem zu erobern­den Teil der Natur. Die fem­i­nis­tis­che Philosphin Susan Bor­do schreibt. “Das Train­ing, die Straf­fung, das Abnehmen und die Mod­el­lierung des Kör­pers […] fördern eine feindliche Beziehung zu ihm.” Diese Prak­tiken drück­en den Willen aus, den Kör­p­er zu erobern und zu unter­w­erten und let­ztlich von seinen Zwän­gen befre­it zu wer­den. Der radikale Ethik­er Joseph Fletch­er erk­lärte: “Ein Men­sch zu sein […] bedeutet, frei von Phys­i­olo­gie zu sein.” Die Natur wird als eine neg­a­tive Einen­gung gese­hen, die es zu über­winden gilt. (Liebe deinen Kör­p­er, Seite 46)

Tat­säch­lich diag­nos­tiziert Pearcey in unser­er Kul­tur eine Abw­er­tung und bisweilen eine regel­rechte Feind­schaft zur Kör­per­lichkeit. Die ein­gangs genan­nten Vor­würfe gegen die “rück­ständi­ge” christliche Moral grün­den in der Auf­fas­sung, dass der Kör­p­er lediglich ein Instru­ment mein­er selb­st ist, ohne dabei ein wahrhafter Teil von mir zu sein. “Kör­per­feindlich!” sagt Per­acey.

Denn bringt ein “befre­it­er” (also instru­men­tal­isiert­er) Umgang mit unseren Kör­pern wirk­lich die ersehnte Frei­heit, den Weg zum indi­vidu­ellen Glück und damit zu ein­er pros­perieren­den Gesellschaft? Pearcey verneint und zeigt auf, warum Ihrer Ansicht nach ein im bib­lis­chen Men­schen­bild begrün­de­ter Umgang mit unserem Kör­p­er ein ungle­ich grösseres Poten­zial zu einem Leben in Fülle mit sich bringt.

Liebe deinen Körper

In den Kapiteln 2–6 von “Liebe deinen Kör­p­er” geht Pearcey im Detail auf die oben erwäh­n­ten The­men­bere­iche ein, span­nt darin aber regelmäs­sig Bogen zum “grossen Ganzen”, zum bib­lis­chen Men­schen­bild. Dabei schafft sie es immer wieder auf inspiri­erende Art und Weise, Freude und Ehrfurcht über das Wun­der des Lebens und die Schön­heit der men­schlichen Exis­tenz auszu­drück­en und eine “Bet­ter Sto­ry”, ein über­aus pos­i­tives und ein­laden­des Bild der Kör­per­lichkeit im bib­lis­chen Sinne zu zeich­nen.

  • Unter dem Titel Die Freude am Tod beleuchtet das 2. Kapi­tel die Frage der Abtrei­bung und arbeit­et daran das im ersten Kapi­tel erar­beit­ete Grund­ver­ständ­nis der per­son­hood the­o­ry weit­er aus. Pearcey zeigt auf, dass biol­o­gisch gese­hen unge­borene Babys vom Moment der Zeu­gung an ganz klar als Men­sch ein­ge­ord­net wer­den müssen. Jegliche Befür­wor­tung von Abtrei­bung kann nur durch einen Per­son­/Kör­p­er-Dual­is­mus und einem instru­men­tal­isierten Ver­ständ­nis der Sex­u­al­ität gerecht­fer­tigt wer­den. (Weite Teile des Daniel Option Artikels Lei­den­schaftlich für den Schutz des Lebens sind von diesem Kapi­tel inspiri­ert.)
  • In Kapi­tel 3 mit dem Titel Sehr geehrter Wäh­ler, du bist nicht mehr als Per­son qual­i­fiziert leit­et Pearcey dann über zum The­ma der Ster­be­hil­fe und Euthanasie. Wenn ein Kind im Mut­ter­leib als Nicht-Per­son gel­ten kann, warum dann nicht auch Men­schen, die bere­its auf der Welt sind? Ob “Nachge­burtliche Abtrei­bun­gen” oder Ster­be­hil­fe für alte Men­schen — Pearcey zeigt überzeu­gend, dass all diese Ideen an der bib­lisch begrün­de­ten Unan­tast­barkeit des Lebens scheit­ern und die Möglichkeit eines “ein­fachen Todes” let­ztlich eine zutief­st lebensver­ach­t­ende Botschaft aussendet: “Sobald dir dein Leben keine Freude mehr bere­it­et, oder es nicht mehr nüt­zlich für die Gesellschaft ist, ist es wert­los und sollte been­det wer­den.” Welch ein Kon­trast zur bib­lis­chen Botschaft des intrin­sis­chen, tiefen Wertes jedes men­schlichen Lebens: Hier prallt die mod­erne Kör­per­feindlichkeit voll auf die bib­lis­che Kör­per­fre­undlichkeit!
  • Mit Schizoi­der Sex fügt Pearcey ein näch­stes Kapi­tel über die gängige Sex­u­alethik hinzu. Diese sieht Sex in erster Lin­ie als kör­per­lichen Zugang zu Genuss und Mit­tel zur Erfül­lung eines Kinder­wun­sches. Pearcey zeigt, wie diese Ethik in der Tiefe in ein­er instru­men­tal­isierten Sicht des Kör­pers grün­den und damit die Basis für ein unper­sön­lich­es, von emo­tionaler Beziehung los­gekop­peltes Sex­u­alleben legt. Auch hier stellt sie dem die bib­lis­che Sex­u­alethik ent­ge­gen, welche bei­de Part­ner als ganze Per­sön­lichkeit­en würdigt und heiligt. (Mehr dazu auch im Daniel Option Artikel Rev­o­lu­tionäre Sex­u­al­ität)
  • Es fol­gt Kapi­tel 5 unter dem Titel Poli­tik gegen den Kör­p­er. Hier befasst sich Pearcey mit der Homo­sex­u­al­ität und den sich darum rank­enden Nar­ra­tiv­en — ins­beson­dere der Betra­ch­tungsweise dass Homo­sex­u­al­ität eine Frage der Iden­tität sei — man ist also homo­sex­uell, oder man ist es nicht. Doch grün­det auch diese Betra­ch­tung in ein­er höheren Gewich­tung des seel­is­chen Empfind­ens im Kon­flikt mit der Kör­per­lichkeit — biol­o­gisch ist offen­sichtlich, dass Mann und Frau kom­ple­men­tär und ergänzend geschaf­fen sind. Homo­sex­u­al­ität ent­pup­pt sich auf dem Hin­ter­grund des mod­er­nen Dual­is­mus als kör­per­feindlich. Die Sto­ry der homo­sex­uellen Iden­tität geht nur auf, wenn ich meine Iden­tität in meinem seel­is­chen Empfind­en verorte und mein Kör­p­er darin keine Rolle spielt. Auch hier entwirft Pearcey eine bib­lisch begrün­dete Alter­na­tive, welche dem Kör­p­er in der Iden­titäts­bil­dung ein höheres Gewicht zumisst. Das innere Empfind­en — sei dies sex­ueller oder son­stiger Natur — ist ten­den­ziell stärk­er von der Sünde beein­trächtigt als der Kör­p­er. Darum müsste unser Kör­p­er — nicht allein unsere Seele — der Ori­en­tierungspunkt sein, wie wir unsere Sex­u­al­ität leben. Pearcey ruft Chris­ten und Kirchen dazu auf, mit Mut und Offen­heit Men­schen jeglichen sex­uellen Empfind­ens die heilende Gnade Gottes zugänglich zu machen.
  • Mit der Über­schrift Trans­gen­der, Tran­sre­al­ität wen­det sich Pearcey schliesslich dem let­zten The­menkreis zu und knüpft in ihrer Argu­men­ta­tion unmit­tel­bar an das 5. Kapi­tel an. Sie beleuchtet die Trans­gen­der-Ide­olo­gie und führt auch diese — wen wundert’s? — auf den Per­son­/Kör­p­er-Split zurück. Auch sehen wir die Instru­men­tal­isierung des Kör­pers: Der Kör­p­er wird gezwun­gen, sich der Seele, der inner­lich emp­fun­de­nen Iden­tität anzu­passen. Pearcey zeigt mit ein­dringlichen Beispie­len, wie ger­ade Teenag­er in flu­iden Phasen ihrer Iden­titäts­find­ung durch den Imper­a­tiv “Du musst deine Iden­tität sel­ber wählen” über­fordert sind. Die Trans­gen­der-Ide­olo­gie tut ihnen mit den end­losen Möglichkeit­en keinen Gefall­en. Doch auch hier betont Pearcey die Alter­na­tive: Wenn Gott mich mit dem Kör­p­er eines bes­timmten Geschlechts geschaf­fen hat, darf ich das als Teil sein­er Beru­fung für mein Leben annehmen und mich damit auf einen Weg begeben. Ich darf her­aus­find­en was es heisst, dass Er mich als Mann oder Frau geschaf­fen hat. So darf ich mich, wie ich mich auch mit all meinen anderen, teil­weise seinen Massstäben diame­tral ent­ge­genge­set­zten Empfind­un­gen, auf dem Weg des Heils begeben.
  • Den Abschluss bildet das wichtige 7. Kapi­tel: Die Göt­tin der Wahl ist tot. Pearcey fasst ihre Analyse noch ein­mal zusam­men. Den Abschluss des Buch­es bildet ein Aufruf an uns alle — Chris­ten und christliche Kirchen — in all diesen Fra­gen nicht moral­is­tisch, son­dern voller Gnade zu agieren:

Der Haupt­grund für das Ansprechen moralis­ch­er Fra­gen ist, dass sie zu einem Hin­der­nis gewor­den sind, die Botschaft der Erlö­sung über­haupt zu hören. Die Men­schen wer­den mit Rhetorik über­flutet, die ihnen sagt, dass die Bibel has­ser­fült und ver­let­zend, eng und neg­a­tiv sei. Es ist zwar entschei­dend wichtig, die bib­lis­che Lehre von Sünde zu ver­ste­hen, doch der Kon­text muss eine ins­ge­samt pos­i­tive Botschaft sein: Nur das Chris­ten­tum bietet die Grund­lage für ein Ver­ständ­nis, das dem Kör­p­er einen hohen Wert beimisst und ihn als ein gutes Geschenk Gottes ansieht. Wenn Men­schen mit moralis­chen Prob­le­mem zu kämpfen haben, müssen wir eine lebensspendende, lebens­bestäti­gende Botschaft ver­mit­teln. Wir soll­ten daran arbeit­en, die Men­schen von der Schön­heit der bib­lis­chen Vision des Lebens zu überzeu­gen. […] Chris­ten müssen bere­it sein, den Ver­wun­de­ten der säku­laren Moral­rev­o­lu­tion, ihren Flüchtlin­gen, zu dienen. Denen, deren Leben durch falsche Ver­sprechun­gen von Frei­heit und Selb­st­bes­tim­mung zer­stört wurde. (Liebe deinen Kör­p­er, Seit­en 406 und 412)

Fazit

“Liebe deinen Kör­p­er” ist ein starkes Buch! Parcey schafft es, die grossen Kör­per­lichkeits-The­men unser­er Gesellschaft in einen überzeu­gen­den Gesamtkon­text zu brin­gen und in diesem Kon­text ein pos­i­tives, men­schen­fre­undlich­es Bild der bib­lis­chen Kör­per­lichkeit her­auszuar­beit­en. Trotz der vie­len Ref­eren­zen auf wis­senschaftliche Stu­di­en, Medi­en­berichte, Romane und Filme bleibt der Stil immer flüs­sig und mitreis­send — der etwas hölz­ern ins deutsche über­tra­gene Titel bildet hier zum Glück eine Aus­nahme. Tre­f­fend einge­set­zte Einzel­beispiele sor­gen dafür, dass die Aus­führun­gen nie in den luftleeren Raum der The­o­rie abgleit­en. Das Buch ist von gle­ichzeit­ig hoher the­ol­o­gis­ch­er Rel­e­vanz und starkem Prax­is­bezug, welch­es ich vor­be­halt­los jedem Chris­ten empfehle, der sich von den “heis­sen” moralis­chen Fra­gen unser­er Tage verun­sichert fühlt oder frischen Wind in das eigene, von bib­lis­ch­er Pos­i­tiv­ität durch­wobe­nen Men­schen­bild erhal­ten möchte.

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