Kirche als Raum der Gnade (2/3): Neun Thesen

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Kirchen sind Räume der Gnade für Men­schen, die Jesus Chris­tus ken­nen­ler­nen wollen. Hier sollen sie hof­fentlich auch zum Glauben an Jesus kom­men und auf­blühen! In dieser Serie von drei Artikeln präsen­tiere ich den 3AB Weg als Hil­fe für Kirchen, Pas­toren, Seel­sorg­er und Chris­ten, damit sie bess­er ver­ste­hen, wie sie ihre Kirche als Raum der Gnade gestal­ten können.

Ich zeige den 3AB Weg am Beispiel der sex­u­alethis­chen The­men und Diskus­sio­nen, die unsere Gesellschaft und Kirchen beschäfti­gen. Der 3AB Weg ist aber auch anwend­bar auf andere ethis­che The­men wie z.B. Umgang mit Finanzen, Umwelt oder soziale Gerechtigkeit und ist in diesem The­men genau­so wichtig, wie bei der Sexualethik.

Im ersten Artikel dieser Serie habe ich die Kirche in Korinth als konkretes Beispiel eines Raumes der Gnade beschrieben. Nun gehe ich dazu über, 9 The­sen zu for­mulieren, die sich aus dem Beispiel von Korinth ableit­en lassen. Diese The­sen bilden das Rück­grat für den 3AB Weg, der im näch­sten Artikel konkret aus­for­muliert wird.

These 1: Kirchen sind für Sünder
These 2: Der Raum der Gnade schafft den Garten des Aufblühens
These 3: Wir müssen unter­schei­den ler­nen zwis­chen Aktiv­itäten, die sofort stop­pen müssen, und Wachstumsbereichen
These 4: ‘Halb-christliche’ Argu­mente sind eine Chance
These 5: Pas­toren müssen eine pos­i­tive Sicht haben für die bib­lis­chen Werte
These 6: Fehlende Lehre schliesst den Raum der Gnade
These 7: Wo die Lehre fehlt, führt gut­ge­heis­sene Sünde zu ‘Notord­nun­gen’ und neuen Normalordnungen
These 8: Wir soll­ten Chris­ten nicht zu schnell taufen
These 9: Bewährtes Christ­sein geht dem Dienst in ein­er Vor­bil­drolle voraus

These 1: Kirchen sind für Sünder

Kirchen sollen Men­schen aufnehmen und lieben, auch wenn sie noch nicht im vollen Umfang ver­standen haben, was es heisst, Jesus nachzufolgen.

Dieser Punkt ist schnell erk­lärt und gut ver­ständlich. Die Kirche in Korinth hat­te kein Stop-Schild am Ein­gang: «Zutritt ver­boten für Män­ner, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen.» Sie durften kom­men, wur­den aufgenom­men, gelehrt und gemäss ihrer Rei­fung in den Dienst geführt.

Das bedeutet für uns: wir sollen die Men­schen zuerst ein­mal mit offe­nen Armen aufnehmen und uns freuen, dass sie da sind. Dies mag in unser­er Zeit eine kul­turelle und ide­ol­o­gis­che Her­aus­forderung für Christin­nen und Chris­ten sein, die sich schon an ein mehr oder wenig christlich­es Umfeld gewöh­nt haben. Es kann sog­ar für ‘Fromme’ einen Kul­turschock geben.

Wir sind berufen, alle Sün­der mit offe­nen Armen willkom­men zu heis­sen! Ihnen gilt die Liebe Gottes, die Gott dazu bewegte, Men­sch zu wer­den und für sie zu ster­ben, damit alle, die an ihn glauben, nicht ver­loren gehen, son­dern das ewige Leben erben (Joh 3:16). Mit ihnen hat Jesus öffentlich sicht­bar Tis­chge­mein­schaft gepflegt, sodass die Phar­isäer und die Schrift­gelehrten mur­rten und sprachen: Dieser nimmt die Sün­der an und isst mit ihnen (Luk 15:2). In der Gemeinde von Korinth waren Men­schen, die von Dieb­stahl und Raub lebten, die alko­ho­lab­hängig waren, notorische Ehe­brech­er, Läster­er und Ver­leumder, und die homo­sex­uell gelebt haben (1Kor 6:9–10). Kirchen beste­hen aus Sün­dern und sind für Sünder!

Ich will nie­man­dem zu nahe treten, aber eigentlich muss ich sagen: Lokalkirchen sind für Sün­der wie du und ich. Wir selb­st sind dankbar, dass wir von der Kirche aufgenom­men wur­den, den Glauben an Jesus find­en und unsere Schritte gehen durften und weit­ere gehen dür­fen. Darum gilt: wo wir Men­schen aufnehmen und lieben, auch wenn sie noch über­haupt nicht ver­standen haben, was es heisst, Jesus nachzu­fol­gen, entste­ht für sie in der Gemeinde ein Raum der Gnade.

Reden wir hier gewis­ser­massen von toleriert­er Sünde in der Kirche? Mir scheint, dass die Antwort davon abhängt, wie wir das Ver­hält­nis von Sünde und Tol­er­anz definieren.

Das unre­flek­tierte, landläu­fige Ver­ständ­nis von Tol­er­anz lautet: Ich nehme dich an, indem ich deine Mei­n­ung und dein Ver­hal­ten gutheisse. Wider­spruch gegen die gewählte Ethik ein­er Per­son ist in diesem Ver­ständ­nis gle­ichzuset­zen mit Ablehnung der Per­son. Die lateinis­che Def­i­n­i­tion von Tol­er­anz ist jedoch anders. ‘Tol­er­are’ bedeutet: ertra­gen, aushal­ten, erdulden. In diesem Artikel folge ich dem Latein entsprechen­den Ver­ständ­nis: Tol­er­anz leben heisst jemand annehmen, selb­st wenn ich dessen Mei­n­ung und gewähltes Ver­hal­ten nicht in allem gutheisse. In dieser Weise ist ein Raum der Gnade ein Raum der Toleranz.

Paulus hat also die Sünde, Sex mit Pros­ti­tu­ierten zu haben, in der Gemeinde in Korinth toleriert. Diese Aus­sage muss für einige kon­tro­vers sein. Mir scheint aber, dass wir es hier tat­säch­lich mit ein­er gewis­ser­massen tolerierten Sünde zu tun haben. Achtung: Nicht gut­ge­heis­sener Sünde, son­dern toleriert­er Sünde. Wie lange Paulus dieses Fehlver­hal­ten toleriert hätte, wis­sen wir nicht. Wir wis­sen nur, dass er es in diesem Moment duldet, respek­tive toleriert.

These 2: Der Raum der Gnade schafft den Garten des Aufblühens

Wo Kirchen den Men­schen helfen umzu­denken, wird der Raum der Gnade für sie zum Garten des Aufblühens.

Men­schen blühen auf, wenn sie anfan­gen mit Jesus zu leben und durch verän­dertes Denken heil wer­den. So begin­nen sie, ein neues Ver­hal­ten zu lieben, sich darin bewähren und Gott zu dienen. Das Leben als Nach­fol­ger von Jesus ist somit ein Garten, in dem unser Leben mit Jesus auf­blühen soll. In diesem Prozess spielt The­olo­gie, wie schon gesagt, eine Schlüs­sel­rolle. The­olo­gie will in der Bibel immer zu verän­dertem Denken und daraus verän­dertem Leben führen. Die Kraft zu diesem Leben kommt aus dem Geist Christi, mit dem der Gläu­bige ver­bun­den ist (1Cor 6:17). Dem Auf­blühen geht immer ein Umdenken voraus.

Das Wichtige ist, dass wir dieses Auf­blühen vor Augen haben, wenn es am Anfang ‘zäh’ ist. Zäh mit uns selb­st, zäh mit anderen Men­schen, welche die neue christliche Plau­si­bil­ität noch nicht erken­nen, geschweige denn leben. Ger­ade dann müssen wir uns vor Augen führen: der Raum der Gnade schafft den Garten des Auf­blühens von geistlichem Leben, wo Gedanken heil wer­den und neue Ver­hal­tensweisen eingeübt wer­den kön­nen. In diesem Garten des Auf­blühens ler­nen wir, uns zu bewähren und zu dienen.

These 3: Wir müssen unterscheiden lernen zwischen Aktivitäten, die sofort stoppen müssen, und Wachstumsbereichen

Kirchen müssen ler­nen zu unter­schei­den zwis­chen Aktiv­itäten, die miss­bräuch­lich oder sog­ar ille­gal sind und deshalb sofort aufhören müssen und solchen, die nicht sofort aufhören müssen, son­dern wo es zur Verän­derung, Rei­fung und let­ztlich zum Auf­blühen kom­men soll.

In dieser These geht es darum, dass Tol­er­anz von Sünde nicht zur Tol­er­anz von Aktiv­itäten führen darf, die der­art ’no go’ sind, dass sie sofort stop­pen müssen. Die katholis­che Kirche hat diesen Punkt zu wenig beachtet, was ihre Kirchen zu Räu­men des Miss­brauchs wer­den liess. Ich nenne die katholis­che Kirche hier lediglich, weil im Moment vor allem sie im Ram­p­en­licht ste­ht von öffentlich bekan­nt gewor­de­nen Miss­brauchs­fällen. Wir müssen lei­der davon aus­ge­hen, dass reformierte Kirchen und Freikirchen eben­so Prob­leme haben, wie auch all­ge­mein Vere­ine, Fir­men und Organ­i­sa­tio­nen aller Art. Aber hier stellen wir die Frage im Christlichen Kon­text: Wie ver­hin­dern wir, dass unsere Kirchen zu Orten wer­den, wo nicht-tolerier­bar­er Miss­brauch stat­tfind­et, ohne gle­ichzeit­ig den Raum der Gnade zu schliessen?

Wir sehen bei Paulus, dass er diese Unter­schei­dun­gen ken­nt und sie in der Gemeinde in Korinth etabliert. Im Raum der Gnade in Korinth gibt es Sün­den, die toleriert wer­den (These 1), und Sün­den, die sofort aufhören müssen. In 1Kor 5:1–5 lesen wir, dass es in der Kirche in Korinth einen Fall von Inzest gibt. Es ist kein biol­o­gis­ch­er, son­dern ein sozialer Inzest: ein Mann hat ein sex­uelles Ver­hält­nis mit sein­er Stief­mut­ter. Die sex­uelle Beziehung ist möglicher­weise ein­vernehm­lich, zumin­d­est wird nichts Gegen­teiliges ersichtlich. Trotz­dem wertet Paulus zusam­men mit Mose und dem Juden­tum dieses Ver­hal­ten als Inzest.

Zum sex­uellen Fehlver­hal­ten sagt Paulus erstens ‘No go!’ und zweit­ens ‘sofort stop!’ Seine Begrün­dung: der Fall ist der­art unmoralisch, dass «er nicht ein­mal bei denen toleriert würde, die Gott nicht ken­nen» (1Cor 5:1) Sog­ar die Hei­den denken in diesem Fall also gle­ich wie die Chris­ten: das­ge­ht nicht. Das Römis­che Gesetz ver­bi­etet dieses Ver­hal­ten aus­drück­lich. Paul sagt nicht nur ’das geht nicht!’ son­dern auch ‘hör’ sofort damit auf!’.

Die ange­dro­hte Mass­nahme muss als Mass­nahme der Gnade gew­ertet wer­den. Dieses Fehlver­hal­ten ist der­art krass daneben, dass dieser Christ mit­tels der Mass­nahme aus sein­er geistlichen Umnach­tung geweckt wer­den soll, damit er zur Besin­nung kommt und an dem Tag, an dem der Herr Gericht hält, doch noch gerettet wird (1Cor 5:5 NGÜ). Nicht Strafe ist hier das Motiv, son­dern grösste Sorge um das See­len­heil dieses Mannes. Der Auss­chluss des Mannes bei unverän­dertem Ver­hal­ten ist also auch Raum der Gnade.

Während Paulus beim Inzest sagt ‘no go’ und ‘sofort stop’ sagt, sagt er bei den gläu­bi­gen Bor­delbe­such­er genau­so ‘no go’ aber nicht ‘sofort stop’. Paulus kann unter­schei­den zwis­chen Aktiv­itäten, die sofort aufhören müssen und solchen, die nicht sofort aufhören müssen. Kirchen müssen das auch.

Die Frage ist dann sofort, nach welchen Kri­te­rien diese Unter­schei­dung zu vol­lziehen ist. Ich denke, die Lin­ie ver­läuft heute zum Teil an anderen Orten als damals und zum Teil am gle­ichen Orte. Es ist wichtig, hier mit gross­er Vor­sicht zu agieren. Es gibt eine Rei­he von Fra­gen, die hier gestellt wer­den müssen. Ich nenne lediglich zwei davon, die aus dieser unmit­tel­baren Diskus­sion her­aus entstehen:

Frage 1: Wie ist die Legal­ität eines Verhaltens?
Frage 2: Wie plau­si­bel ist das christliche Ver­hal­ten für die Umgebungskultur?

Ich habe bere­its erwäh­nt, dass Inzest von der römis­chen Geset­zge­bung ver­boten war. Es gibt Ver­hal­tensweisen, die der­art ille­gal sind, dass man sie unmöglich in der Gemeinde dulden darf. Sie sind nicht nur ‘no go!’ son­dern auch ‘sofort stop!’.

Paulus deutet ein zweites The­ma an. Im Fall des Inzests ist sog­ar den Hei­den klar, dass es nicht geht. Dies gilt aber nicht für den Besuch von Män­nern bei Pros­ti­tu­ierten. Bei den gläu­bi­gen Bor­dellbe­such­er gibt Paulus deshalb nicht ein plumpes, schnelles Ver­bot «tut es nicht», nur um danach sofort zum näch­sten The­ma überzuge­hen. Vielmehr wen­det Paulus viel Text auf, um die Argu­mente der Män­ner einzu­binden und anschliessend hinüberzuführen in eine völ­lig neue Plau­si­bil­ität im Denken über den Kör­p­er. Paulus zielt auf ein Umdenken, das mit­tel- und langfristig Frucht trägt. Er set­zt nicht auf einen Appell, das kurzfristig vielle­icht eine gewisse Ver­hal­tensän­derung bewirken kön­nte, aber mit­tel- und langfristig zu Rück­fällen führt, weil keine neue Logik ins Denken aufgenom­men wird.

Paulus gibt den Män­nern also Zeit, weil ihnen die neue, christliche Logik noch nicht logisch ist. Damit öffnet er die Kirche als Raum der Gnade. Er sieht seine Auf­gabe darin, die Män­ner so zu lehren, dass eine tiefe Umori­en­tierung ihres Denkens möglich wird, damit sie das Gute am bib­lis­chen Nar­ra­tiv erken­nen können:

Richtet euch nicht länger nach den Maßstäben dieser Welt, son­dern lernt, in ein­er neuen Weise zu denken, damit ihr verän­dert werdet und beurteilen kön­nt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vol­lkom­men ist (Rom 12:3)

Damit die from­men Bor­dellbe­such­er diesen Prozess des Umdenkens vol­lziehen kön­nen, sagt Paulus zwar «no go!» aber nicht «sofort stop». Die Kirche gibt ihnen Zeit und Raum, da zu sein, auch wenn sie eigentlich in Sünde leben. Wir als Lokalkirchen sollen es dem Apos­tel nachmachen!

Unser gesellschaftlich­es Umfeld ist an entschei­den­den Punk­ten kom­plett hei­d­nisch gewor­den. Werte wie „Treue“, „Sol­i­dar­ität“, „Emo­tion­al­ität“, „Intim­ität“, „Für­sorge“, „Lebens­glück“, „Eltern­schaft“ etc. sind vom Insti­tut der Ehe abgekop­pelt, total sen­ti­men­tal­isiert und wer­den nahezu hys­ter­isch als ein­klag­bare Rechte einge­bracht, auch und erst recht für homo­sex­uelle Paare und Sin­gles. Sie haben den aller­bre­itesten gesellschaftlichen Kon­sens. Mit diesem Mind­set kom­men die Men­schen und wollen Jesus Chris­tus kennenlernen.

Viele Men­schen sehen demzu­folge kein­er­lei Plau­si­bil­ität beim Gedanken, mit sex­ueller Intim­ität bis zur Heirat zu warten oder über­haupt noch zu heirat­en. Sie sehen auch die Logik nicht mehr, dass die Ehe nur zwis­chen einem Mann und ein­er Frau beste­hen soll. Solange die Liebe unter Erwach­se­nen ein­vernehm­lich ist, ist sie gut und darf nicht kri­tisiert wer­den. Es kommt ja nie­mand zu Schaden, oder etwa nicht? Darum sollen gle­ichgeschlechtlich Empfind­ende genau­so heirat­en dür­fen wie het­ero­sex­uell Empfind­ende. Vie­len Men­schen unser­er Zeit ist kom­plett fremd, warum nur eine het­ero­sex­uelle Ehe erlaubt sein soll. Love is love!

Wenn Men­schen mit dieser Logik Chris­ten wer­den, ändert sich ihr Denken nicht von einem Moment auf den anderen, geschweige denn ihr Ver­hal­ten. Geben wir ihnen wie Paulus Zeit, um eine neue Logik in ihr Denken aufzunehmen oder fordern wir von ihnen, dass sie sich sofort ändern müssen? Gemein­den sollen Men­schen aufnehmen und lieben, auch wenn sie noch nicht in allen Belan­gen ver­standen haben, was es heisst, Jesus nachzu­fol­gen. Gemein­den sind für Sün­der, nicht nur für Heilige.

These 4: ‘Halb-christliche’ Argumente sind eine Chance

Wo Pas­toren und Leit­er ‘halb-christliche’ Argu­mente als Chance wahrnehmen, wird die Kirche ein Raum der Gnade.

Men­schen, die noch nicht zum Glauben gekom­men sind, sowie auch junge Chris­ten und vom Denken der Welt bee­in­flusste Chris­ten wer­den ‘semi-christliche’ Argu­mente find­en, um ein Ver­hal­ten zu recht­fer­ti­gen, das die Bibel als Sünde beze­ich­net. Im ersten Artikel reflek­tiere ich beispiel­haft über die Argu­mente der gläu­bi­gen Bor­dellbe­such­er in Korinth. Sie enthal­ten Spuren von christlich­er Lehre und klin­gen in ihren Ohren wohl deshalb christlich. Paulus zeigt, dass sie aber kom­plett in die falsche Rich­tung führen.

Wir müssen die Anwe­sen­heit solch­er ‘halb-christlichen’ Argu­mente akzep­tieren und ler­nen, sie als Chance zu sehen. In Korinth sind diese Argu­mente da. In unseren heuti­gen Gemein­den sind sie, ob offen aus­ge­sprochen oder nicht, eben­so da. Lei­der wer­den ‘halb-christliche’ Argu­mente manch­mal prob­lema­tisiert. Zum Beispiel kön­nen Pas­toren, Pas­torin­nen und Lei­t­ende auf jeden kle­in­sten Ansatz ein­er ver­muteten Irrlehre hyper­sen­si­bel reagieren. Sie möcht­en diese sofort ‘plattwalzen’.

Mir scheint, dass Paulus die vorhan­de­nen ‘semi-christlichen’ Argu­mente als Chance packt. Er hat sich offen­sichtlich Zeit genom­men, zuzuhören und sie zu ver­ste­hen. Er nutzt sie als Start­punkt sein­er eige­nen Argu­men­ta­tion. Dadurch set­zt er den Start­punkt seines Argu­ments dort an, wo das Denken sein­er Zuhör­er sich befind­et. Er ver­grössert damit die Wahrschein­lichkeit, dass seine Zuhör­er und Zuhörerin­nen sich auf die für sie neue Logik ein­lassen. Paulus lehrt dif­feren­ziert. Den christlichen Ele­menten der Argu­mente wider­spricht er nicht, aber er kor­rigiert die ´semi-christlichen‘ Ansicht­en an den nöti­gen Punk­ten und argu­men­tiert dabei im Gesamtho­r­i­zont bib­lis­ch­er Lehre und chris­tol­o­gis­ch­er Erken­nt­nis. Dabei ent­fal­tet er eine holis­tis­che Gemeinde-The­olo­gie, die auch für die ver­meintlich unbescholten leben­den Gemein­deglieder von immenser Wichtigkeit und großer Dringlichkeit ist.

These 5: Pastoren müssen eine positive Sicht haben für die biblischen Werte

Wo Pas­torin­nen und Pas­toren nicht selb­st zu ein­er beja­hen­den, im umfänglichen Sinne pos­i­tiv­en Sicht auf die in der Heili­gen Schrift offen­barten Werte durch­drin­gen, wer­den sie keine guten Argu­mente find­en und den Raum der Gnade unnötig einengen.

Das Argu­ment von Paulus darüber, dass der Kör­p­er der Män­ner einen viel höheren Wert hat, als sie selb­st denken, ist gefüllt von Men­schen­fre­undlichkeit und Güte. Die Män­ner wer­den hier angeleit­et, viel höher von sich zu denken im Licht ihrer Ver­bun­den­heit mit Jesus Chris­tus. Gle­ichzeit­ig bringt das einen Schutz hinein für die Opfer der hei­d­nis­chen dop­pel­bödi­gen Sex­u­al­prax­is: Die Kör­p­er der Frauen, der Sklaven, Pros­ti­tu­ierten und Kinder wer­den geschützt und eben­so neu gewürdigt. Über die let­zten Jahre durfte ich die Grun­daus­sagen der Sex­u­alethik in der Bibel neu ent­deck­en und habe mich – ja, so würde ich es sagen – zutief­st in sie ver­liebt. Sie sind der­art schön und gut!

Es ist von einem der­art pos­i­tiv­en Ort aus, dass Paulus sein Argu­ment auf­baut in seinem Ver­such, die gläu­bi­gen Freier auf neue Bah­nen zu lenken. Es ist von hier aus, dass er die Argu­mente der Män­ner über­haupt erst als ‘semi-christlich’ iden­ti­fiziert. Wir soll­ten es ihm nachmachen!

Pas­torin­nen und Pas­toren müssen sich Zeit nehmen, die heuti­gen gesellschaftlichen Argu­mente zu ver­ste­hen. Sie müssen sich auch Zeit nehmen, um zu sehen, auf welche Weise diese Argu­mente sozusagen ‘chris­tian­isiert’ in der Gemeinde auf­tauchen in der Form von ‘semi-christlichen’ Argu­menten. Ich höre unter vie­len Chris­ten, dass die Logik ‘love is love’ sie überzeugt. Andere Chris­ten führen das Argu­ment der Ein­vernehm­lichkeit unkri­tisch und unre­flek­tiert ins Spiel und glauben tat­säch­lich, dass eine ein­vernehm­liche Liebes­beziehung unter mündi­gen Per­so­n­en in jedem Fall zu befür­worten ist. Auf­grund dieses Argu­mentes glauben sie zwar noch, dass eine Ehe zwis­chen einem Mann und ein­er Frau etwas Gutes ist, aber sie glauben nicht mehr an die Exk­lu­siv­ität der Ehe von Mann und Frau.

Pas­toren und Pas­torin­nen müssen diese Über­legun­gen als ‘semi-christliche’ Argu­mente erken­nen. Den christlichen Ele­menten darin soll­ten sie nicht wider­sprechen. Sie soll­ten zum Beispiel wis­sen, dass Ein­vernehm­lichkeit eine Inno­va­tion des Chris­ten­tums ist und der Ein­vernehm­lichkeit deshalb nicht wider­sprechen. Aber sie müssen zeigen, dass Ein­vernehm­lichkeit mit anderen wichti­gen Werten kom­biniert wer­den soll. Aktuell gehört beispiel­sweise dazu, die Bedeu­tung des Kör­pers im christlichen Welt­bild zu ver­ste­hen, was dann Auswirkun­gen auf ehe­liche Sex­u­al­ität, auf die aussere­he­liche Sex­u­al­ität, sowie auf nicht het­ero­sex­uelle Sex­u­al­ität hat.

Zu guter Let­zt soll­ten Pas­toren ihre Argu­mente von einem Ort aus­ge­hend auf­bauen, der von pos­i­tiv­en Gefühlen gegenüber den Grun­daus­sagen der Bibel zu Sex­u­al­ität geprägt ist. Es kann nicht sein, dass sie nur ‘Nein’ sagen. Die Frage ist zuerst: Wofür sind wir eigentlich? Und was ist das Gute daran? Von da aus­ge­hend dür­fen und müssen wir auch ‘Nein’ sagen zu gewis­sen Prak­tiken, die dem Guten wider­sprechen. Aber das ‘Nein’ sollte grund­sät­zlich von ein­er pos­i­tiv emp­fun­de­nen Verbindung zur Lehre der Bibel kom­men. Son­st wird der Raum der Gnade sich eher schliessen.

These 6: Fehlende Lehre schliesst den Raum der Gnade

Erst die klar vorhan­dene und kom­mu­nizierte Lehre öffnet den Raum der Gnade.

Wo die Lehre aus­bleibt, entste­ht kein Raum der Gnade, son­dern ein Raum der Willkür und Ver­wirrung. Ist die Lehre aber klar genug etabliert, entste­ht Raum für Einzel­si­t­u­a­tio­nen und für eine duld­same Tol­er­anzfähigkeit. Christliche Lehraus­sagen, also ‘Dog­men’, zer­stören den Raum der Gnade ger­ade nicht, wie dies öfters behauptet wird. Dog­men bilden den Raum der Gnade. Ich möchte ver­suchen, dies anhand eines Beispiels ausser­halb der Sex­u­alethik zu illustrieren.

In Galater Kapi­tel 2 kon­fron­tiert Paulus den Apos­tel Petrus aufs Schärf­ste, weil dieser ange­fan­gen hat, sich von den Hei­den abzu­son­dern. Das Ver­hal­ten von Petrus kom­pro­mit­tiert gemäss Paulus das Evan­geli­um. Mit anderen Worten: Das Ver­hal­ten von Petrus weckt gewichtige the­ol­o­gis­che Fra­gen, ins­beson­dere, weil das falsche Ver­hal­ten eines Leit­ers für die Kirche weitre­ichende Fol­gen hat.

In Apos­telgeschichte 16 sehen wir jedoch, dass Paulus selb­st etwas tut, welch­es das Poten­tial hat, gewichtige the­ol­o­gis­che Fra­gen zu weck­en: Er beschnei­det Tim­o­theus aus Rück­sicht auf die Juden. Tim­o­theus ist väter­lich­er­seits Grieche, durch seine jüdis­che Mut­ter jedoch nach rab­binis­chem Recht „gebür­tiger Jude“ mit Option auf alle Rechte (und Pflicht­en), bei dem lediglich die Beschnei­dung ausste­ht. Wenn ihn Paulus beschnei­det, dann darum, um zu beto­nen, dass der alte Bund seine Gültigkeit im Neuen nicht ver­loren hat, aber ins neue über­führt gehört. Damit zeigt er „den Juden“ in der Kirche: Sieh mal an, der vor­mals Unbeschnit­tene wird Israel nicht ent­fremdet, son­dern find­et durch Chris­tus erst recht zu seinen abra­hami­tis­chen Wurzeln zurück!

Warum darf Paulus das machen und Petrus durfte solche Dinge nicht? Mir scheint, dass ein Teil der Antwort darin liegt, dass zum Zeit­punkt von Apos­telgeschichte 16 die The­olo­gie gek­lärt und etabliert war, was zum Zeit­punkt von Galater 2 nicht der Fall war. In Galater 2 kommt die Petrus-Episode zwar nach dem, was die meis­ten als den Apos­telkonzil sehen, aber viele gehen davon aus, dass die Petrus-Episode zeitlich davor stattge­fun­den hat. Auf jeden Fall find­et die Beschnei­dung von Tim­o­theus nach dem Apos­telkonzil statt, also zu einem Zeit­punkt, an dem Beschnei­dung eines bere­its getauften Chris­ten keine the­ol­o­gis­che Grund­satzfrage aufwirft.

Mein Punkt: Ist die The­olo­gie gek­lärt, hat Paulus einen gewis­sen Freiraum, Dinge zu tun, die vor der the­ol­o­gis­chen Klärung Anlass zu the­ol­o­gis­ch­er Ver­wirrung und allen­falls Willkür gegeben hätte. Darum lautet die These 6: Fehlende Lehre schliesst den Raum der Gnade. Ist die The­olo­gie und die Ethik gek­lärt, öffnet sich damit der Raum für die Gnade und die Möglichkeit,  Einzel­si­t­u­a­tio­nen zu tolerieren.

Kirchen agieren manch­mal jedoch genau umgekehrt. Sie denken, dass sie ver­mei­den müssen, die eigentlich würdi­gende Lehre zu brin­gen, weil sie Rück­sicht vor den Betrof­fe­nen nehmen wollen. Man will nie­mand brüskieren oder jeman­dem zu nahe treten. Damit öff­nen sie den Raum der Gnade jedoch nicht, son­dern sie schliessen ihn, weil sie den Men­schen die bib­lis­chen Aus­sagen zu ihrer eigentlichen Würde voren­thal­ten. Geöffnet wird so ein ander­er Raum, näm­lich der Raum der Willkür und Verwirrung.

These 7: Wo die Lehre fehlt, führt gutgeheissene Sünde zu ‘Notordnungen’ und neuen Normalordnungen

Der Gefahr, dass gut­ge­heis­sene Sünde zu Notord­nun­gen führen, die wiederum zu neuen Nor­malord­nun­gen führen kön­nen, begeg­nen wir mit offen und gut kom­mu­niziert­er Lehre.

Sünde ist alles, was Men­schen von ihrer gottgegebe­nen Würde wegführt. Dies wird im Raum der Gnade auf dif­feren­zierte Weise toleriert (siehe dazu Artikel 1). Ich rede hier also nicht von toleriert­er Sünde, son­dern von gut­ge­heis­sener Sünde. Diese kann zu ‘Notord­nun­gen’ führen, die wieder zum neuen Nor­malord­nun­gen führen kön­nen, wenn sie nicht durch Lehre ins richtige Licht gerückt werden.

Das Wort ‘Notord­nung’ wird heute in zwei Zusam­men­hän­gen benutzt. Im ersten Zusam­men­hang wird ‘Notord­nung’ benutzt für eine Gruppe von Konzes­sio­nen, die das Alte Tes­ta­ment macht, wie z.B. die Möglichkeit der Eheschei­dung oder die Möglichkeit von Zweit­frauen. Der zweite Zusam­men­hang ist die queere und pro­gres­sive The­olo­gie, welche heutzu­tage fordert, dass klar ver­botene Ver­hal­tensweisen als ‘Notord­nun­gen’ geduldet wer­den müssen, nur um wenig später diese zur neuen Norm zu erk­lären. Weil oft nicht klar ist, in welchem Sinn jemand das Wort ‘Notord­nung’ benutzt, set­ze ich es hier zwis­chen Anführungs- und Schlusszeichen.

Wie schon gesagt, schweigt Paulus nicht bezüglich des Ver­hal­tens der Chris­ten, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen, son­dern er lehrt sie bezüglich ihrer Würde. Damit klärt er, in welche Rich­tung das Denken und Han­deln dieser Män­ner sich entwick­eln soll. Ohne Lehre beste­ht die reale Gefahr, dass das Fehlver­hal­ten diese Män­ner irgend­wann akzep­tiert und gut­ge­heis­sen wird.

Nehmen wir das Beispiel eines poliamourös leben­den Mannes. Vielle­icht ist er zusam­men mit einem anderen Mann gemein­sam mit zwei Frauen involviert und kommt jet­zt in die Kirche. Es kann sein, dass diese Sit­u­a­tion schweigend toleriert und the­ol­o­gisch unkom­men­tiert gelassen wird. Unkom­men­tiert kann diese gut­ge­heis­sene Sünde zum näch­sten Schritt führen: dem Wun­sch oder der Forderung, dass diese polyamouröse Beziehung geseg­net wird, als eine Art von ‘Notord­nung’. Es gibt in gewis­sen kirch­lichen Kreisen diese Forderun­gen bereits.

Wenn aus lauter ‘Liebe’ und man­gel­n­dem Mut, dies the­ol­o­gisch offen zu the­ma­tisieren, ein solch­er Segen gesprochen wird, kann es schnell dazu kom­men, dass die Notord­nung nicht mehr gut genug ist. Sie muss zu ein­er Nor­malord­nung umfunk­tion­iert wer­den. Die Entwick­lung der Aus­sagen von Mar­tin Benz zur Seg­nung gle­ichgeschlechtlich­er Paare zeigt eine solche Entwick­lung beispiel­haft: was für Benz einst eine ‘Notord­nung’ war, nen­nt er jet­zt eine ‘Neuord­nung’.

Daraus schliesse ich: Wo der Mut zur bib­lisch-christlichen Lehre fehlt, wer­den kom­plett andere Aus­rich­tun­gen das Denken von Gemein­den übernehmen. Pas­toren, Pas­torin­nen, Kirchen, Lei­t­ende und Werke haben keine Wahl mehr: sie müssen sich inhaltlich den her­aus­fordern­den Fra­gen stellen. Anson­sten wer­den gut­ge­heis­sene Sün­den zu Notord­nun­gen und neuen Nor­malord­nun­gen führen.

These 8: Wir sollten Christen nicht zu schnell taufen

Die Taufe sollte in unserem ‘neu-hei­d­nis­chen’ Set­ting ein­er nach-christlichen Gesellschaft erst vol­l­zo­gen wer­den, wenn Chris­ten und Christin­nen die Grund­la­gen des Glaubens und den Preis, den ihre Nach­folge kosten kön­nte, verstehen.

Im Neuen Tes­ta­ments wur­den die Taufen kurz nach der Bekehrung durchge­führt. Später verän­derte sich das. In den ersten paar Jahrhun­derten des Chris­ten­tums wur­den Chris­ten erst nach ein­er gründlichen Ein­führung in Lehre und Jünger­schaft getauft, die Monate oder sog­ar einige Jahre dauern kon­nte. Ein Grund für diese Entwick­lung ist, dass die Kirchen real­isiert haben, dass Gläu­bige erst dann ein verän­dertes Leben der Nach­folge führen kön­nen, wenn sie gut genug ver­standen haben, was die Unter­schiede zwis­chen dem Leben im Hei­den­tum und dem Leben mit Jesus sind.

Ich glaube, dass wir in unser­er ´neu-hei­d­nis­chen’ Zeit etwas Äquiv­a­lentes tun müssen. Men­schen bekehren sich und sind in ihrem Denken und Ver­hal­ten kaum oder gar nicht auf Chris­tus aus­gerichtet. Wir brauchen Kat­e­chis­men und Kurse, welche den Men­schen klar machen, welch­es Gottes- und Men­schen­bild die Bibel hat, was das Heil wirk­lich bedeutet und was der Preis der Nach­folge ist. Dies muss in unser­er Zeit auch Klärung der Grundw­erte der christlichen Sex­u­alethik bein­hal­ten. Ohne dass wir die Taufe geset­zlich über­be­w­erten und zu einem Abze­ichen von ‘reifem Christ­sein’ machen, müssen wir, so glaube ich, in den näch­sten Jahren ler­nen, die Lehre und Nach­folge viel bess­er anzubrin­gen. Wenig­sten die Klärung, was das beinhaltet.

Es geht mir an diesem Punkt nicht nur um die Taufe. Manche kom­men getauft in die Kirche. Manch­mal müssen Chris­ten Dinge nachex­erzieren. Es geht mir vor allem darum, dass wir Ele­mente in unsere Kirchenak­tiv­ität ein­bauen, wo wir gute Grund­la­gen leg­en auf der Ebene der Lehre und eben­so auf der Ebene der prak­tis­chen Umset­zung und Jüngerschaft.

These 9: Bewährtes Christsein geht dem Dienst in einer Vorbildrolle voraus

Wenn Lei­t­ende, Pas­toren und Pas­torin­nen in Schlüs­sel­bere­ichen der Nach­folge kein bewährtes Leben führen, wer­den sie zur Hypothek für die Gemeinden.

Während in Korinth die Chris­ten, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen, in der Gemeinde sein kön­nen, um ein verän­dertes Denken und Ver­hal­ten zu entwick­eln, ist all­ge­mein für Vor­bilder in den ersten Kirchen klar, dass sie sich an gewis­sen Punk­ten in der Nach­folge Jesu bewährt haben müssen (siehe dazu z.B. 1Tim 3:1–13, wo übri­gens auch sex­u­alethis­che Ele­mente definiert werden).

Petrus erk­lärt, dass die Lei­t­en­den nicht als Beherrsch­er der Kirche agieren, son­dern durch ihr Vor­bild leit­en sollen. Nach­dem ein Men­sch zum Glauben gekom­men ist und im Raum der Gnade ange­fan­gen hat umzu­denken und ein verän­dertes Leben zu führen, öffnet diese Bewährung den Raum zum Dienst. Der Raum der Gnade öffnet den Raum der Bewährung, welch­er wiederum den Raum des Dien­stes öffnet. Jede Per­son ist zur Gemein­schaft in der Kirche ein­ge­laden, aber nicht jede zum Leit­en in der Kirche.

Wenn Vor­bilder in der Gemeinde diese Schritte nicht selb­st gehen, wer­den sie nicht wis­sen, wie sie in den entschei­den­den Sit­u­a­tio­nen dienen müssen. Ein nicht-bewährter Pas­tor wird keine Sta­bil­ität haben, wenn seine Gemein­deglieder begin­nen, neue Notord­nun­gen und Nor­malord­nun­gen zu fordern. Eine unreife Pas­torin wird nicht ver­ste­hen, welche Ele­mente es braucht, damit Christin­nen, die mit grösseren Sün­den leben, Verän­derung erfahren kön­nen. Solche Pas­toren wer­den entwed­er ungeduldig, unbarmherzig und über­fordernd sein, oder selb­st ori­en­tierungs­los die Fahne nach dem aktuellen Wind richten.

Darum: Je mehr bewährte Chris­ten und Christin­nen eine Gemeinde hat, desto mehr kann der evan­ge­lis­tis­che Dienst sta­bil wach­sen gegenüber Men­schen, die aus unseren „neu-hei­d­nis­chen“ Umstän­den zum Glauben kommen.

Nun liegen meine Karten auf dem Tisch

Mit diesen 9 The­sen habe ich meine ‘Karten’ auf den Tisch gelegt. Ich stelle die The­sen gerne zur all­ge­meinen Diskus­sion. Ich erhoffe mir, dass wir einan­der helfen, Gemein­den zu gestal­ten, die von den Men­schen als wirk­liche Räume der Gnade Jesu erlebt wer­den. Was denkst du über die einzel­nen The­sen? Wo siehst du es anders?

Im näch­sten und let­zten Artikel stelle ich den 3AB Weg vor, auf den alles bish­er Gesagte zielt. Ich wende die The­sen beispiel­haft auf Sit­u­a­tio­nen an, welche christliche Mis­sion­sor­gan­i­sa­tio­nen in Gebi­eten mit polyga­men Fam­i­lien hat­ten. Der 3AB Weg zeigt konkrete Schritte auf, wie Pas­toren, Seel­sorg­er und Chris­ten ihre Kirche als Raum der Gnade gestal­ten kön­nen für Men­schen, die in der Sex­u­al­ität ganz andere Lebensen­twürfe wählen, als die Bibel für gut befindet.

 


Bilder: St Andrew Under­shaft Church, Lon­don, iStock

26 Comments
  1. Ruth Völker 3 Monaten ago
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    Hal­lo, Paul,

    vie­len Dank für diese inter­es­san­ten Aus­führun­gen in deinen drei Artikeln zum “Raum der Gnade”. Vieles hat Über­legun­gen von mir aufgenom­men, die ich schon lange eher unsortiert in meinen Gedanken herum getra­gen habe. Es ist für mich sehr span­nend, dazu eine so fundierte the­ol­o­gis­che Auseinan­der­set­zung zu lesen, die dann ja in den Kom­mentaren mit anderen Beteiligten noch fort­ge­set­zt wird.
    Ich bin im Leitung­steam ein­er Freikirche, keine aus­ge­bildete The­olo­gin und hat­te doch gle­ich mehrere Gespräche vor dem inneren Ohr, in denen die von dir beschriebene Span­nung so sehr zum Aus­druck kommt. Auch, weil wohl in jed­er Gemeinde so unglaublich viele ver­schiedene Stand­punk­te zu einzel­nen The­men sind. So kann es sein, dass ein Gemein­demit­glied von der Leitung erwartet, einen homo­sex­uell empfind­en­den Besuch­er sofort anzus­prechen und zu kon­fron­tieren, während ein anderes Mit­glied der­sel­ben Gemeinde den Ehe­be­griff längst auf gle­ichgeschlechtliche Ehen aus­gedehnt hat und von der Gemein­deleitung absolute Tol­er­anz ein­fordert. Da ist es so wichtig, für sich selb­st und im Leitung­steam eine möglichst große Klarheit zu erre­ichen, welche Posi­tion man dazu ein­nehmen will. Deine Artikel dazu werde ich mir jet­zt noch ein­mal genauer vornehmen und durchdenken.
    Ein vorheriger Kom­men­tar bemän­gelt ja, dass als Beispiele wieder haupt­säch­lich die sex­u­alethis­chen The­men her­hal­ten müssen, während die anderen Sün­den etwas unter den Tep­pich fall­en. Zum einen haben wir da in den Gemein­den wirk­lich so etwas wie einen blind­en Fleck, zum anderen ist es aber nun ein­mal so, dass ger­ade in der Sex­u­alethik die größten Verän­derun­gen der let­zten Jahre spür­bar sind. In mein­er Arbeitsstelle werde ich ger­ade auf diese The­men immer wieder ange­sprochen, weil es für viele nicht­gläu­bige Erwach­sene wirk­lich wirkt wie von einem anderen Stern, wenn ich z.B. über mein Ver­ständ­nis von Ehe oder Sex­u­al­ität spreche.
    Auch müssen wir jet­zt z.B. in der Jugen­dar­beit unser­er Gemeinde darum rin­gen, welche Werte und bib­lis­che Impulse wir unseren Jugendlichen geben wollen. Denn selb­st unter den Mitar­bei­t­en­den gibt es dazu schon eine große Var­i­anz an Posi­tio­nen, oft je nach­dem wie alt diese sind. Unsere Jugendlichen und jun­gen Erwach­se­nen wach­sen ja in ein­er Welt auf, in der es eine große Selb­stver­ständlichkeit ver­schieden­ster Entwürfe gibt und auch da erscheint mir dein Ansatz sehr hil­fre­ich. Auch das Buch “Liebe deinen Kör­p­er” (an ein­er anderen Stelle emp­fohlen) hat mir da schon weit­er geholfen.
    Danke also dafür und ich bleibe weit­er­hin ges­pan­nte Leserin eur­er Artikel 🙂
    VG Ruth

    • Paul Bruderer 3 Monaten ago
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      Vie­len Dank Ruth — bin ges­pan­nt, was du nach zweit­er Lek­türe denkst, fragst, bewegst. Du beschreib­st in deinen Worten die Real­ität sehr viel­er Freikirchen. Ich finde es super, dass du da tiefer rein­schaust. Und vielle­icht auch mit dein­er Leitung angehst. Wenn ich helfen kann, meld’ dich unge­niert. bb Paul

  2. Daniel Rath 7 Monaten ago
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    Lieber Paul
    Erst­mal her­zlichen Dank für dein Nach­denken und Anre­gen ein­er Diskus­sion. Da sind sehr viele wertvolle Gedanken drin, die ich gut nachvol­lziehen und teilen kann.
    Ich wieder­hole mich, möchte es aber doch auch schriftlich anmerken. Es geht um die Pas­sage „Während Paulus beim Inzest sagt ‘no go’ und ‘sofort stop’ sagt, sagt er bei den gläu­bi­gen Bor­delbe­such­er genau­so ‘no go’ aber nicht ‘sofort stop’. Paulus kann unter­schei­den zwis­chen Aktiv­itäten, die sofort aufhören müssen und solchen, die nicht sofort aufhören müssen. Kirchen müssen das auch.“
    Aus mein­er Sicht schaffst du hier eine „falsche“ Alter­na­tive, zumin­d­est kön­nen diese For­mulierun­gen falsch ver­standen wer­den. Ich bin dir ja sehr wohlgeson­nen und will dich richtig ver­ste­hen, meine deshalb auch zu erken­nen worauf du hin­aus willst, würde es aber nicht so for­mulieren. Es scheint mir nicht präzise genug, wenn du schreib­st, dass Paulus den Freiern nicht auch ein sofor­tiges stop­pen ihrer Hur­erei gebi­etet. Sehr wohl tut er das. Mit μη γενοιτο set­zt er ein absolutes „No Go“-Statement und zugle­ich eine radikale Auf­forderung zur Unter­las­sung. (Man beachte μη γενοιτο im Römer­brief). Was Paulus nicht tut? Er sank­tion­iert die Bor­dellbe­such­er nicht in gle­ichem Mass, wie den Mann der in Unzucht mit sein­er Stief­mut­ter lebt. Dort greift Paulus ein, weil die Korinther es gegen besseres Wis­sen unter­lassen hat­ten, Kon­se­quen­zen zu ziehen, sie waren dort offen­bar stolz auf eine falsche Toleranz.
    Die Nicht­sank­tion­ierung nun kann ver­schiedene Gründe haben, das miss unbe­d­ingt bedacht werden:
    1. sie kann auf­grund seel­sorg­er­lichen Vorge­hens geschehen, ganz dem Sinne wie du es meinst — bzw wie ich dich ver­ste­he. Schritt eins ist dann nicht der Sank­tion­sham­mer. Die Betrof­fe­nen müssen ver­ste­hen was da schief läuft, damit sie richtige Entschei­dun­gen tre­f­fen kön­nen. Es läuft hier entsprechend Mt 18 ein Prozess, der irgend­wann wohl auch zu Sank­tio­nen führen wird, sofern es nicht zu ein­er frei­willi­gen Umkehr kommt, aber eben nicht zu Beginn.
    2. es kann sein, dass Paulus die Umstände dass Män­ner ins Bor­dell gehen, nur „all­ge­mein bekan­nt“ sind, im Gegen­satz zum Inzest­fall, d.h. was nicht konkret ist kann auch nicht konkret sank­tion­iert wer­den. Das ist ja in der Prax­is auch heute oft der Fall. Oft ist Sünde in der Gemeinde nicht offen­bar, das macht sie nicht weniger sündig, aber hat eine gravierende Folge bezüglich der Ver­ant­wor­tung seit­ens der Mitchris­ten. Sank­tion­iert wird ja ohne­hin immer nur die Unbuss­fer­tigkeit, d.h. wenn jemand an offen­bar­er Sünde fes­thält und das dann zu seinem Heil UND zum Schutz der Gemeinde.
    Ver­stehst du was ich meine? Ich finde die For­mulierung, dass Paulus kein „sofort stop“ fordert unpräzise. Sünde muss immer sofort gestoppt wer­den. Un diesem Sinn erwartet Paulus konkreten Gehor­sam auf seine Lehre, ein Gehor­sam, der sich in der sofor­ti­gen Unter­las­sung der Bor­dellbe­suche man­i­festiert. Das bedeutet aber nicht dass Sünde im Sinne von gemeindediszi­pli­nar­ischen Mass­nah­men immer sofort sank­tion­iert wer­den muss. Ich stelle damit nicht deinen Gedanken grund­sät­zlich in Frage son­dern eine aus mein­er Sicht unpräzise evtl. irreführende For­mulierung mit der For­mulierung „sofort stop“

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
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      Lieber Daniel, danke – ich schätze deinen Input hier sehr. Mir ist son­nen­klar, dass man meine For­mulierung falsch ver­ste­hen kann 😊 Das Risiko gehe ich gerne ein und freue mich ausseror­dentlich über den regen Aus­tausch hier.

      Ich lese deine Aus­führun­gen und stelle fest, dass ich mit fast allem ein­ver­standen bin. Meine For­mulierung ist ver­mut­lich tat­säch­lich zu unpräzise. Es stimmt – wie du sagst – dass Paulus den Chris­ten, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen, keineswegs sagen möchte: ‘no go’ aber ihr dürft noch ein biss­chen weit­er­ma­chen. Er sagt in aller Deut­lichkeit: Es ist falsch und hört sofort auf! Ich habe mit ‘no go’ aber nicht ‘sofort stop’ etwas anderes gemeint: Paulus ver­langt keinen sofor­ti­gen Auss­chluss aus der Gemeinde, wie er es im Fall des Inzest tut. Du stellst das sel­ber auch fest: «Er sank­tion­iert die Bor­dellbe­such­er nicht in gle­ichem Mass, wie den Mann der in Unzucht mit sein­er Stief­mut­ter lebt.» Es ist diese Nuanciertheit, die ich echt bemerkenswert finde. Denn für mich wären Män­ner in mein­er Gemeinde, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen, ein absolutes ‘no go’ und auch ein ‘sofort stop’ im Sinne von sofor­tigem Auss­chluss, wenn das Ver­hal­ten nicht sofort stoppt. Nicht bei Paulus. Paulus sieht (so scheint es mir) dass es kul­turell akzep­tiert war und agiert deshalb anders als im Inzest-Fall. Meine These für heute: Wir müssen als Gemein­den diese wichti­gen Nuancierung zu leben ler­nen bezüglich Prak­tiken, die bib­lisch gese­hen ein­deutig sind (sie sind ‘no go’ und soll­ten auch ein­deutig sofort aufhören) aber kul­turell akzeptiert. 

      Es stimmt auch, was du sagst: Paulus kor­rigiert hier die Gemeinde in Korinth, die nicht wil­lens ist, zu klären und zu han­deln. Umso mehr sehen wir in den Worten von Paulus, wie er die Gemeinde als Raum der Gnade gestal­ten in diesen unter­schiedlich gelagerten Fällen. Wichtig: Nicht die Gemeinde in Korinth ist hier unser Vor­bild, son­dern wie Paulus sie gestal­ten will. 

      Zu deinem Punkt 2 («es kann sein, dass Paulus die Umstände dass Män­ner ins Bor­dell gehen, nur „all­ge­mein bekan­nt“ sind, im Gegen­satz zum Inzest­fall»): das habe ich bish­er nicht über­legt und muss das etwas bedenken. Kön­nte tat­säch­lich sein. Aber ich bin mit dein­er daraus Schlussfol­gerung nicht ein­ver­standen. Mir scheint du sagst: WENN die Per­so­n­en Paulus konkret bekan­nt wären, würde ich mit ihnen genau­so vorge­hen, wie im Inzest-Fall. Das sehe ich ganz klar anders. Und zwar nicht, weil ich Sünde gutheis­sen will. Nicht weil ich sagen will: Es darf ruhig weit­erge­hen. Son­dern weil das nach­haltig verän­derte Ver­hal­ten erst entste­ht, wenn der Sünde eine neue Logik annimmt, die er in der Kraft des Geistes dann auch leben kann. Dafür braucht es neues Denken. Darum: Ich toleriere Konku­bi­natspaare in der Gemeinde, auch wenn es gek­lärt ist, dass es nicht passt zum Leben mit Jesus. Es ist Sünde. Es ist unter der Würde eines Nach­fol­gers von Jesus Chris­tus. Aber sie dür­fen da sein und wir platzieren immer wieder Lehr-Ele­mente, die das gut kom­mu­nizieren. Ich sitze mit ihnen zusam­men, um darüber zu reden. 

      Wie siehst du das?

      • Daniel Rath 7 Monaten ago
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        Lieber Paul
        Ich sehe ein­fach im Text keine Legit­i­ma­tion zur Annahme, dass Paulus konkret von einzel­nen Män­nern wusste, die Pros­ti­tu­ierte auf­sucht­en. Es bleibt nach mein­er Betra­ch­tung unklar und darf deshalb nicht impliziert wer­den — wie übringes auch das Gegen­teil nicht voraus­ge­set­zt wer­den kann.

        Du schreib­st “Mir scheint du sagst: WENN die Per­so­n­en Paulus konkret bekan­nt wären, würde ich mit ihnen genau­so vorge­hen, wie im Inzest-Fall.” Vielle­icht kann man meine Aus­sage tat­säch­lich so wei­t­er­denken, was aber nicht mein­er Absicht entspricht. Was ich sagen will ist: Sobald die Dinge konkret offen­bar sind, kommt es immer auch zu ein­er konkreten Ver­ant­wor­tung und das ist eine neue Dimen­sion. Das beschreib­st du ja sehr gut mit “ich sitze mit ihnen zusam­men um darüber zu reden”. Das ist nicht möglich solange die konkrete Sit­u­a­tion nicht offen­bar ist. In diesem Sinne glaube ich auch, dass Paulus mehr getan hätte als nur “von der Kanzel zu lehren”, wenn er denn in Korinth vor Ort gewe­sen wäre und um die konkreten Sit­u­a­tio­nen gewusst hätte. An anderen Stellen des NT schreibt er, dass er Men­schen “unter Trä­nen ermah­nt hat”. 

        Sind die Dinge offen­bar, han­delt es sich immer um einen Fall. Und ein Fall muss immer in seinem gesamten Kon­text beurteilt wer­den. Hier sehe ich dur­chaus sehr unter­schiedliche Möglichkeit­en der Reak­tion. Das hängt von vie­len Fak­toren ab. Wer sind die betrof­fe­nen Per­so­n­en? Wo ste­hen sie auf ihrem Glaubensweg? Welche geistliche Ein­sicht darf ich von ihnen erwarten? Wie haben sie sich in der Ver­gan­gen­heit zu diesem The­ma geäussert? Wie äussern sie sich heute? Wie mis­sion­ar­isch sind sie mit ihrer der göt­tlichen Wahrheit ent­ge­genge­set­zten Mei­n­ung? In welch­er Ver­ant­wor­tung ste­hen sie inner­halb der Gemeinde? Welche Kom­mu­nika­tion­sebe­nen beste­hen bere­its? Wo kann ein ver­trauensvollen Dia­log begin­nen, u.v.m.
        Zur Prax­is in der Gemeinde: Wie schon gesagt sind unsere Gottes­di­en­ste öffentlich, da wird grund­sät­zlich nie­mand aus­geschlossen. Das heisst nicht, dass wir nicht auf konkrete Sit­u­a­tio­nen einge­hen. Dabei gilt: Ich behan­dle einen Pas­torenkol­le­gen im Konku­bi­nat (der mir kund­tut, dass er all die prüde evan­ge­likale Sex­ual­moral hin­ter sich gelassen hat und zu wahrer Frei­heit durchge­brochen ist) anders als einen Neubekehrten, der unver­heiratet zusam­men­lebt. Auch die tat­säch­lich erlebte Sit­u­a­tion, wo ein getren­nt leben­der Ehe­mann, sichtlich ver­liebt, mit sein­er Konku­bine in die Gemeinde kam und ohne mit der Wim­per zu zuck­en vor sein­er ver­lasse­nen Ehe­frau und den jugendlichen Kindern zum Abendmahlstisch ging hat­te andere Kon­se­quen­zen als das junge Paar, das vor der Hochzeit bere­its in eine gemein­same Woh­nung gezo­gen war. Dazwis­chen gibt es viele weit­ere Nuan­cen. Ich denke da sind wir sehr nahe beieinan­der. Ins­beson­dere han­dle ich auch anders, wenn es um Per­so­n­en in der Leit­er­schaft geht, denn deren Leben wird als Vor­bild und damit auch als implizites Leit­bild wahrgenom­men, ob sie das wahrhaben wollen oder nicht.
        Zum Schluss: Ich glaube wir müssen uns bewusst sein, dass der Skan­dal des Evan­geli­ums in “Jerusalem” und “Korinth” an einem anderen Ort liegt. In ein­er stark von jüdisch-christlichen Werten geprägten Gemein­schaft mit sehr hohen moralis­chen Stan­dards wird der Skan­dal und Auf­schrei ten­den­ziell dort zu find­en sein, wo ein Raum der Gnade eröffnet wird. Das war durch­wegs die Erfahrung von Jesus wo auch immer er den Raum der Gnade eröffnet hat (daher so viele Reden und Gle­ich­nisse die sich mit dem Wesen der Gnade auseinan­der­set­zen) und da hat ja oft auch sein Raum der Gnade die Heuchelei der­sel­ben Welt offen­bart. Umgekehrt wird in korinthis­chen Ver­hält­nis­sen ten­den­ziell der Anstoss in der Auf­forderung zum Gehor­sam ent­ge­gen der gesellschaftlichen Logik und vor allem ent­ge­gen des Götzen der Selb­st­bes­tim­mung liegen. Das hat dann nur zu einem kleinen Teil mit Sex zu tun, son­dern bet­rifft jeden Lebens­bere­ich. Damit ist das Span­nungs­feld in ein­er postchristlichen Gesellschaft mis­sion­ale Gemeinde zu sein, glaube ich gut skizziert. Wir bleiben dran!

        • Paul Bruderer 7 Monaten ago
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          Danke viel­mals Daniel. Ich ste­he immer wieder von sehr ähn­lichen Sit­u­a­tio­nen, wie du sie beschreib­st, wie sie bei dir stat­tfind­en. Mich inter­essieren 2 Dinge nach dem Schreiben mit dir und dem Nach­denken darüber:
          1. Dein Ein­wand, dass Paulus (dein­er Ansicht nach) nicht von konkreten Män­nern in der Kirche in Korinth wusste — und darum die Art von Tol­er­anz, die ich in den Artikeln skizziere, heikel ist. Das führt mich zum zweit­en Punkt.
          2. Ich suche nach ein­er Lösung für Sit­u­a­tio­nen, in denen es über das hin­aus geht, was du beschreib­st (und wir bei­de bere­its erleben). Wir gehen als Gesellschaft in hohem Tem­po in Rich­tung nicht nur Gutheis­sung, son­dern zur legalen Regelung von Beziehungs-Entwür­fen, denen wir als Chris­ten niemals wer­den gutheis­sen kön­nen. Der Parade­fall ist die Homo-Ehe. Davor und daneben gibt es noch viele, aus bib­lis­ch­er Sicht ähn­lich unwürdi­ge Sit­u­a­tio­nen. Wer­den in eini­gen Jahren polyamore Beziehung for­mal geregelt wer­den kön­nen? Wenn wir die Homoe­he geschafft haben, warum dann nicht polyamore Set­tings? Angenom­men die Men­schen tun in eini­gen Jahren nichts, was in den Augen unser­er Gesellschaft und unseres Geset­zge­bers falsch wäre (viel sog­ar gefördert wer­den muss): Was machen wir, wenn sie in die Gemeinde kom­men? Was mich zu 1. Kor 7 hinzieht ist die (so scheint es mir) Fähigkeit von Paulus in der Gemeinde Prak­tiken zu tolerieren (im richti­gen Sinne des Wortes) ohne sie gutzuheis­sen, aber den­noch zu ertra­gen. Da würde mich inter­essieren: wie siehst du vor, diese Art von Sit­u­a­tio­nen zu lösen?

          PS: die Argu­mente, die Paulus ins Feld führt in 1. Kor 6 (ich nenne sie ‘halb-christlich’): sind die nicht ein Hin­weis, dass es spez­i­fis­che Sit­u­a­tio­nen gab? Vielle­icht (von mir aus) nicht spez­i­fis­che Sit­u­a­tio­nen in Korinth selb­st. Vielle­icht trans­feriert Paulus Beispiele aus ein­er anderen Gemeinde und redet hypo­thetisch: “sollte bei euch auch dieses Argu­ment kom­men: so sollt ihr darüber denken”. Oder war es die Ahnung von Paulus, dass hei­d­nis­che Män­ner solch­es tun (zu Pros­ti­tu­ierten zu gehen) und er ‘pro­phy­lak­tisch’ lehrt? Wir müssen diesen Punkt nicht zu sehr in die Länge ziehen — trotz­dem scheint mir diese Frage wichtig.

  3. Udo 7 Monaten ago
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    Hal­lo,
    wie immer ein sehr inter­es­santes The­ma in eurem Blog!
    Die Aus­sage “Paulus hat also die Sünde, Sex mit Pros­ti­tu­ierten zu haben, in der Gemeinde in Korinth toleriert.” ist aus mein­er Sicht etwas gewagt. Ich halte sie auch nicht für zielführend, zumal man heute nicht mehr ver­ste­ht, was Tol­er­anz bedeutet, wie du das ja auch betonst.
    Meinem Ver­ständ­nis nach stand die Gemeinde in Korinth beson­ders unter starkem Säku­lar­isierungs­druck und der Ten­denz, Ansprüche an Jünger­schaft und Nach­folge zu rel­a­tivieren. In diese Sit­u­a­tion hinein predigt Paulus sozusagen eine “heilige Sex­u­al­ität”, weil dies wohl die größte Baustelle war und auch ein beson­ders stark­er Aus­druck der Igno­ranz gegenüber dem Anspruch, ein heiliges Leben zu führen. “Flieht vor den sex­uellen Sün­den! Alle anderen Sün­den spie­len sich außer­halb vom Kör­p­er des Men­schen ab. Wer aber seine Sex­u­al­ität freizügig auslebt, sündigt gegen den eige­nen Kör­p­er. Wisst ihr denn nicht, dass euer Kör­p­er ein Tem­pel des Heili­gen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott bekom­men habt? Ist euch nicht klar, dass ihr euch nicht selb­st gehört? Denn ihr seid für ein Lösegeld gekauft wor­den. Macht also Gott mit eurem Kör­p­er Ehre.” (1. Kor 6, 18–20 NeÜ).
    Ob Leute aus der Gemeinde auch weit­er­hin zu Pros­ti­tu­ierten gin­gen (es han­delte sich ja dann wahrschein­lich um Sex-Sklavin­nen im Aphrodite-Tem­pel) weiß man nicht wirk­lich, ist aber mein­er Ansicht nach dur­chaus wahrschein­lich, weil die Leute in der Gemeinde zu Korinth ihren „Raum der Gnade“ wohl soweit fassten, dass sie sehr viel Sünde in der Gemeinde dulde­ten. Dabei über­schätzten sie offen­bar ihre Inte­gra­tions­fähigkeit maß­los und das nicht nur bzgl. der Sit­u­a­tion, dass jemand mit der Ehe­frau seines Vaters zusammenlebte.
    „Euer Selb­struhm ist wirk­lich unange­bracht! Wisst ihr denn nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durch­säuert? Reinigt euch also vom alten Sauerteig und fegt jeden Krümel davon aus, damit ihr wieder ein frisch­er, ungesäuert­er Teig seid! …. In meinem vorigen Brief habe ich euch geschrieben, dass ihr keinen Umgang mit Men­schen haben sollt, die in sex­ueller Unmoral leben. Damit habe ich nicht die unmoralis­chen Men­schen dieser Welt gemeint, die Habgieri­gen, die Räu­ber oder die Götzenan­beter. Son­st müsstet ihr diese Welt ja ver­lassen. Nein, ich meinte in dem Brief, dass ihr keinen Umgang mit jemand haben sollt, der zur Gemeinde zählt und trotz­dem in sex­ueller Unmoral lebt oder ein habgieriger Men­sch ist oder ein Götzenan­beter, ein Ver­leumder, ein Trinker oder ein Räu­ber. Mit solch ein­er Per­son sollt ihr nicht ein­mal zusam­men essen. Weshalb sollte ich denn über Außen­ste­hende zu Gericht sitzen? Ihr richtet ja nicht ein­mal die, die zur Gemeinde gehören.“ (1. Kor 5, 6ff NeÜ).
    Nach meinem Ver­ständ­nis wäre dann die Sit­u­a­tion in der Gemeinde in Korinth genau ein Beispiel, wie „Räume der Gnade“ nicht ausse­hen sollen.
    Aber ich ver­ste­he dein wichtiges Anliegen, und ich denke, dass die her­aus­fordernde Auf­gaben­stel­lung ist, wieder ein­mal zwei schein­bare Gegen­sätze zusammenzuführen:
    Die Auf­gabe, dass Kirche ein­er­seits eine Willkom­men­skul­tur pflegt (auch ganz im Sinne von Fran­cis Scha­ef­fer), die dem Sün­der die Hand reicht und zur „Umkehr zum Vater“ ein­lädt und dabei „göt­tliche“ Gnade und Geduld auf­bringt und die Auf­gabe, eine Gemein­schaft der Heili­gen zu sein, von Men­schen, die sich gegen­seit­ig stützen und motivieren in der Heili­gung zu wach­sen (Hebr. 12, 14; 1.Petr 1,16) und die dann auch ein Schutzraum ist gegen den Säku­lar­isierungs­druck und der Demon­tage von bib­lis­chen Wahrheit­en. Dabei kann auch mein­er Ansicht nach helfen, dass wir uns die Pri­or­itäten wieder neu vor Augen führen. Es geht in erster Lin­ie darum, dass „Gottes Name geheiligt wird“, wie Jesus es uns im Gebet gelehrt hat und dass Gott geehrt und geliebt wird (Dop­pel­ge­bot der Liebe). Wenn wir das nicht vergessen, wer­den dann die wichti­gen men­schen­be­zo­ge­nen The­men auch auf das richtige Gleis kommen.
    Her­zliche Grüße aus dem Ber­gis­chen Land (Wup­per­tal)

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
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      Danke Udo dass du dir Zeit genom­men hast, das zu schreiben! Hand auf’s Herz: Wenn dein Befund stimmt, fällt so ziem­lich das Meiste von dem, was ich geschrieben habe, in sich zusam­men. Dein Hauptverdikt: Die Gemeinde in Korinth ist nicht ein Beispiel dafür, wie der Raum der Gnade ausse­hen soll, son­dern eben grad ein­er, wie er nicht ausse­hen soll 🙂 Hmm. Ich möchte gerne sagen: ich halte mich an Paulus, der den vielle­icht tat­säch­lich zu offe­nen Raum der Kirche wieder richtig ord­nen muss. Ich ver­suche diese Ord­nungs-Anweisun­gen von Paulus nachzuspüren:
      — Seine klare Lehre (auf die mich viele Leser hin­weisen und der ich ja nicht widersprechen)
      — Seine unter­schiedliche Hand­habung vom Inzest-Fall und den Män­nern, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen
      Wie würdest du denn der Fall ‘Polyg­a­mie’ lösen (dieser Punkt kommt am Fre­itag im drit­ten Artikel)?

      Stay in touch 👍

      • Udo 7 Monaten ago
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        Nein, ich würde nicht sagen, dass das meiste von deinen Gedanken zusam­men­fällt. Ich würde sie nur anders bib­lisch begrün­den. Allein wie Jesus Chris­tus mit Sün­dern umge­gan­gen ist, ist doch beispiel­sweise ein wun­der­bares Vor­bild, wie der Raum der Gnade ausse­hen kann.
        Ich denke Paulus kri­tisiert, dass die Gemeinde in Korinth keine “Erziehungs­maß­nah­men” durch­führen. Es geht dabei ja immer darum, den Sün­der wiederzugewin­nen. Deshalb gehören auch solche Maß­nah­men für mich zum Raum der Gnade. Mit bib­lis­ch­er Wahrheit und Liebe (wieder ganz im Sinne von Fran­cis Scha­ef­fer) Gren­zen set­zen und Wege aufzeigen. Es nicht zu tun, ist ger­ade lieb­los und gleichgültig.
        Polyg­a­mie ist nach meinem Ver­ständ­nis anscheinend eine von Gott geduldete und geregelte Notord­nung für die gefal­l­ene Schöp­fung. Jesus stellt dann den “Schöp­fungs­stan­dard” wieder her (Matthäus 19, 4+5; 1. Kor 7,2). Wie geht man dann mit einem Moslem um, der nach Deutsch­land kommt, Christ wird und zwei Frauen hat? Eine span­nende Frage. Auf jeden Fall seel­sorg­er­lich (um die Seele aller Beteiligten besorgt). Bin auf deinen drit­ten Teil gespannt :-).

        • Paul Bruderer 7 Monaten ago
          Reply

          Danke Udo! Ich fände es span­nend genauer über Korinth mit dir zu reden. Aber vorher: Ja, Jesu Vor­gabe ist ein wun­der­bares Beispiel für die Art, wie wir Raum der Gnade gestal­ten sollen. Das habe ich auch schon gedacht. Der Grund, warum es mich nach Korinth zieht ist, weil dort sehr viel konkreter Prak­tiken genan­nt wer­den und auch konkretere Vorge­hensweisen sicht­bar wer­den. Ich denke ich sage in meinen Artikeln alles, was du hier sagst. Es ist lieb­los (und gnaden­los) sich wie die Gemeinde in Korinth zu ver­hal­ten und nichts zu machen — also keine Mass­nah­men zu ergreifen. Meine Aus­sage: Nun kön­nen wir Paulus zuschauen, wie er diese Kor­rek­turen vorn­immt. Damit wer­den die Kor­rek­turen, die Paulus vorn­immt, für uns zu einem möglichen Mod­ell, wie wir Gemeinde als Raum der Gnade gestal­ten kön­nen. Ich ver­suche in meinen Artikeln, die Art von Paulus herauszuschälen. 

          Polyg­a­mie: gut wahrgenom­men und super Fragestel­lung für Deutsch­land! 🙂 Ich freue mich auf das weit­ere Gespräch.

  4. Uwe Brinkmann 7 Monaten ago
    Reply

    Lieber Paul,

    Danke für deine wichtige Arbeit und Dif­feren­ziertheit. ich freue mich immer wie Du blinde Fleck­en angehst und gegen Aufwe­ichun­gen des Evan­geli­ums auftrittst ohne in dem von den the­ol. Gegenüber erwarteten plat­ten ‘Fun­da­men­tal­is­mus’ abzustürzen. Wir haben grund­sät­zlich die gle­iche Auf­fas­sung was die örtl. Gemein­den als Raum der Gnade bet­rifft. Auch ich habe kür­zlich über LGBT gepredigt und das beson­ders betont (unter Aufrechte­hal­tung eines ’no-go’) — Danke für deinen aus­führlichen Rat diesbzgl.

    Wom­it ich aber Schwieirigkeit habe, ist dass Du sagst, dass die Män­ner in 1Kor 6 in Kor ‘aufgenom­men’ wur­den und ihre Sünde de fac­to toleriert wurde. Ich finde sie wird unisono kri­tisiert: In allen Fällen nicht ein­fach mit einem bloßen “das geht nicht”, son­dern jew­eils mit einem Ver­weis auf die Grund­la­gen des Evan­geli­ums. In Kap. 1–4 behan­delt Paulus das größte Prob­lem in Kor: Stre­it. In Kap. 5–7 als 2. Prob­lem eine fehlgeleit­ete Sex­u­alethik (mit ver­wandten The­men). In Kap. 8–10 die Frage der Frei­heit bzgl. Götzenopfer (mit ver­wandten The­men). In Kap. 11–14 Gemein­de­fra­gen in Kap. 15 die Aufer­ste­hung. Immer geht es um Abwe­ichun­gen von der apos­tolis­chen Lehre & Praxis.

    Während er in 8–10 sehr deut­lich zwei­gleisig fährt: a) lock­er in Kap. 8: “Was nun das Essen von Götzenopfer­fleisch bet­rifft, so wis­sen wir, dass es keinen Götzen in der Welt gibt und dass kein Gott ist als nur ein­er. “, b) streng in Kap. 10: “Ihr kön­nt nicht des Her­rn Kelch trinken und der Dämo­nen Kelch; ihr kön­nt nicht am Tisch des Her­rn teil­nehmen und am Tisch der Dämonen.” …
    … ist er in Kap. 5–7 durch­wegs im Kon­flikt mit der Prax­is von Korinth: in Kap. 5: Unzucht im Sinne von Inzest geht gar nicht, in Kap. 6a: Rechtsstre­it geht gar nicht, in Kap. 6b: 

    Nach dem Inzest (5), wie auch nach dem Rechtsstre­it (6) fol­gen allg. Aus­führun­gen zur Sex­u­alethik (‘Unzucht’):
    — Kap. 5: “Ich habe euch in dem Brief geschrieben, nicht mit Unzüchti­gen Umgang zu haben; 10 nicht über­haupt mit den Unzüchti­gen dieser Welt oder den Hab­süchti­gen und Räu­bern oder Götzen­di­enern, son­st müsstet ihr ja aus der Welt hin­aus­ge­hen. 11 Nun aber habe ich euch geschrieben, keinen Umgang zu haben, wenn jemand, der Brud­er genan­nt wird, ein Unzüchtiger ist oder ein Hab­süchtiger oder ein Götzen­di­ener oder ein Läster­er oder ein Trunk­en­bold oder ein Räu­ber; mit einem solchen nicht ein­mal zu essen.”
    — Kap. 6: “Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben wer­den? Irrt euch nicht! Wed­er Unzüchtige noch Götzen­di­ener noch Ehe­brech­er noch Weich­linge noch mit Män­nern Schlafende 10 noch Diebe noch Hab­süchtige noch Trunk­en­bolde noch Läster­er noch Räu­ber wer­den das Reich Gottes erben. 11 Und das sind manche von euch gewe­sen; aber ihr seid abge­waschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerecht­fer­tigt wor­den durch den Namen des Her­rn Jesus Chris­tus und durch den Geist unseres Gottes.”

    Die let­zte Liste ist qua­si die Ein­leitung zu “deinem Text”; denn anschließend wird ohne Unter­brechung weit­er vor Unzucht gewarnt: in Kap. 5 Einzelfall bei ein­er Unzucht, die gegen die Kul­tur war, in Kap. 6 bei ein­er Unzucht, die im main­stream der Kul­tur lag. ich lese 1Kor 6,12 ff immer von der Aus­sage in 1Kor 6,11, die aus­drück­lich klarstellt, dass dieses falsche Sex­u­alver­hal­ten die Kor in der Ver­gan­gen­heit kennze­ich­nte: “aber das sind manche von euch gewe­sen; aber ihr seid abge­waschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerecht­fer­tigt wor­den”. Es sind also keine Mit­glieder in der Gemeinde, die aktiv in Bor­dellbe­suchen sind, son­dern die es früher prak­tisiert hatten. 

    Zudem: “Unzucht” (porneia) haben kon­ser­v­a­tive Chris­ten immer ein­deutig, als jede Sex­u­al­prax­is im engeren Sinn beze­ich­net, die außer­halb der Ehe stat­tfind­et. Die ‘kon­ser­v­a­tiv­en’ Sin­gles der le. 2. Jahrtausenden haben es so prak­tiziert (= enthalt­sam gelebt).

    Ich finde, dass natür­lich jed­er in unsere Gottes­di­en­ste kom­men kön­nen muss … — so auch meine Botschaft in unser­er Gemeinde. Aber es gibt ander­er­seits auch einen Schutzraum für unsere Kinder, Fam­i­lien, Sin­gels, etc. Eine aktivis­tis­che queere Kul­tur mit einem Auftritt ala CSD, kann man z.B. kaum ohne unge­wollte Ablenkung im Gottes­di­enst inte­gri­eren, ohne dass andere eben­so wertvolle Güter ver­loren gehen. Hier muss man im Einzelfall eben­so fre­undlich wie klar sein.

    Oder dif­feren­zierst du lediglich zwis­chen Gottes­di­en­st­be­such­ern und Mit­gliedern (was eh klar ist)? Auch weil Du die (späte) Taufe beton­st? Ab dann muss die Sache wohl klar sein …? 😉 Ich denke, wir haben immer den Bedarf Men­schen an das Evan­geli­um her­anzuführen, die noch die alten Grabklei­der anhab­en: “Bindet ihn los und lasst ihn gehen” (Lazarus, Joh 11). Sie sollen sich schon wohlfühlen dür­fen, ohne Chris­tus zu ken­nen, und auch nach dem sie Ihn ken­nen gel­ernt haben ist noch ein weit­er Weg, der sowohl von Annahme als auch von Klarheit gekennze­ich­net sein muss. Die Klarheit beste­ht darin, dass allen Men­schen der Anspruch Jesu gezeigt wird, der braven Chris­ten und inter­ssierten Neuhei­den etwas abver­langt; die annahme beste­ht darin, dass wir klarstellen, dass wir alle im gle­ichen Boot sitzen: hin zu dem vom Her­rn aufgezeigten Lebensstil. Dass das auch in ‘kon­ser­v­a­tiv­en’ Gemein­den geht, müssen wir ggf. den ‘pro­gres­siv­en’ Kri­tik­ern noch beweisen.

    Her­zliche Grüße aus dem Land­kreis München
    Uwe

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
      Reply

      Danke Uwe, du sprichst wichtige Punk­te an. Melde mich bald mit meinen Gedanken dazu 👍

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
      Reply

      Danke nochmals Uwe für deine Aus­führun­gen, mit denen ich in grossen Teilen einig bin. Ich würde es so sagen: Trotz der Tat­sache, dass alles stimmt, was du in den flankieren­den Tex­ten (vor und nach 1. Kor 6,12–20), haben wir es hier mit Män­ner zu tun, die immer noch zu Pros­ti­tu­ierten gehen. Ich habe diesen Punkt mit diversen Fach­leuten über­prüft und natür­lich gehen die Mei­n­un­gen auseinan­der. Mir scheint jedoch der Punkt, den Paulus macht, zu sein: Eben grad weil die Män­ner es nicht tun soll­ten (1. Kor 6,9–10) und auch noch nicht aufge­hört haben wie sie es eigentlich soll­ten (1. Kor 6,11), muss er nochmals anset­zen mit ver­tiefter Lehre (1. Kor 6,12–20). Ich würde aber nicht das Wort ‘aufgenom­men’ brauchen, um zu beschreiben, was hier läuft. Sie sind willkom­men. Sie sind da. Meinetwe­gen im Gottes­di­enst. Sie sind real­er Teil der Gemein­schaft. Ob sie getauft sind (Mit­glied oder was auch immer es da für Mech­a­nis­men gibt) ist unklar und darf es auch sein. Ich spreche diesen Punkt an in der These 8 (wo es wie du bemerkt hast, um die Taufe geht) und in der These 9 (wo es um die Vor­bild-Rolle in der Gemeinde geht). Ich sehe hier einen wichti­gen Spiel­raum, klar sagen zu kön­nen, dass bes­timmte Dinge nicht zum Leben in der Würde des Chris­ten gehören, und gle­ichzeit­ig Zeit zu lassen, bis das den Men­schen klar wird. Ich denke meine Frage an dich wäre diese: Wie würdest du den Polyg­a­mie-Fall lösen? Würdest du Polygame Fam­i­lien willkom­men heis­sen? Würdest du sie taufen? Aufnehmen als Mit­glied? In lei­t­ende Posi­tion brin­gen? Wenn ja: warum nicht auch in anderen Fällen?

      • Uwe Brinkmann 7 Monaten ago
        Reply

        Hi Paul,

        ich antworte auf deinen Ein­wurf bzgl. der Polyg­a­mie als Ver­gle­ich zum Umgang mit den Män­nern in Kor, die ange­blich auch nach der Bekehrung noch Pros­ti­tu­tion in Anspruch nah­men … (- ich sehe das noch nicht so).

        Das Polyg­a­mie-The­ma scheint im AT — anders als die Frage der Pros­ti­tu­tion — als Notverord­nung geduldet gewe­sen zu sein, die durch Jesus (& die Apos­tel) auf den Schöp­fungs­stan­dard kor­rigiert wird. Trotz­dem gibt es (noch) solche Mehre­hen, als das Chris­ten­tum entste­ht (oder?). Die “Lösung” in der Mis­sion­s­geschichte der Neuzeit war mach m.E. unter­schiedlich: ein Wegschick­en von tat­säch­lich ver­heirateten Neben­frauen kann aber aus heutiger Sicht kaum als “Lösung” ver­standen wer­den, wenn dies ggf. Pros­ti­tu­tion zur Folge hat.

        Ich denke, dass Evan­geli­um wird — wenn es in das Leben eines Men­schen kommt — nicht mehr Chaos stiften, als vorher ohne Chris­tus da war. In einem Land, wo man “recht­mäßig” mehrere Frauen haben darf und die Mehrheit­skul­tur dies nicht nur toleriert son­dern als nor­mal empfind­et, wäre eine Tren­nung evtl. unangemessen. Trotzem denke ich, dass so ein (Ehe-) Mann nicht Ältester wer­den kön­nte (hier macht das Zahlwort bei “Mann ein­er Frau” in 1Tim 3 / Tit 1 konkret Sinn). 

        Die Gemeinde muss aber über diese Frage in dem jew­eils konkreten Kon­text belehrt wer­den; dass diese ggf. geduldete Prax­is bei z.B. ehe­ma­li­gen Mus­li­men eine Notverord­nung und damit ein Aus­lauf­mod­ell ist. Bekehrte Chris­ten aus dieser Kul­tur müssen wis­sen, dass es der Stan­dard Gottes ein ander­er ist: näm­lich max. eine Frau zu heirat­en. In Summe: sie kön­nen nach ein­er Bekehrung nicht (mehr) weit­ere Frauen dazu nehmen …

        Anders sehe ich es bei einem losen Konku­bi­nat (ggf. auch neben ein­er Ehe): dies muss in jed­wed­er Kul­tur “aufgelöst” wer­den. In unser­er Kul­tur wäre es auch nicht möglich eine 2. Beziehung durch Heirat zu kor­rigieren (da man rechtlich nur eine Per­son ehe­lichen kann) — wozu man ggf. tendieren kön­nte, wenn Mehre­hen kul­turell etabliert sind und Ver­ant­wortlichkeit­en, inkl. Kinder vorhan­den sind. In Summe: ich fürchte man kann kaum rat­en, dass so zu “heilen”.

        An ander­er Stelle haben wir disku­tiert, dass eine homo­sex­uelle Part­ner­schaft oder sog­ar eine eben­solche “Ehe” mit der Hin­wen­dung zu Jesus eine sicht­bare / schmerzhafte Kor­rek­tur als Kon­se­quenz der Nach­folge erfahren wird. Wenn man das homo­sex­uell leben­den Men­schen zumutet, dann ist auch bei het­ero­sex­uellen, une­he­lichen Lebens­ge­mein­schaften (eine Frau) und bei ggf. polyamoren Paaren eine solche Klärung die Folge des neuen Lebens. In Summe: wo es (rechtlich) geht ggf. heirat­en, oder Tren­nung (aber wirtschaftliche Verpflichtung).

        Ich glaube, dass diese Fra­gen stark von der jew­eili­gen Leitkul­tur geprägt wer­den und damit nicht abso­lut sind. Trotz­dem muss Gemeinde in jed­wed­er Kul­tur — neben dem Wert des Ledig­seins — klarstellen, dass Ehe nach Gottes Willen / Wort als exk­lu­sive Beziehung zwis­chen einem Mann und eiuner Frau definiert ist. Wie lange da Über­gangszeit­en sind, wo sündi­ge Struk­turen verän­dert wer­den, ist weniger ein dog­mat­sich­es denn ein seel­sorg­er­lich­es The­ma. Es jedoch gar nicht anzu­pack­en, nicht mal in der Lehre, wird auf Dauer nicht helfen.

        Wir disku­tieren das hier ja v.a. als Abstrak­tum, um den Wider­spruch gegen deine These, dass Paulus in Kor Män­ner duldete die noch zur Pros­ti­tu­ierten gin­gen, zu “prob­lema­tisieren”. Ich fürchte nur, dass unsere Kul­tur uns in Bälde ganz prak­tisch mit solchen Fraghen kon­fron­tiert: dann braucht es neben Klarheit auch Weisheit und das bei die “Gnade und die Wahrheit” (wie sie in Jesus ist) rüber kommt.

        • Paul Bruderer 7 Monaten ago
          Reply

          Span­nend — danke! Du nimmst aus mein­er Sicht vieles richtig war. Es sind super span­nende Fra­gen die — das sagst du richtig — bald nicht mehr nur abstrakt gestellt wer­den, son­dern äusserst konkret. Ich schlage vor, dass wir unsere Diskus­sion nach der Veröf­fentlichung von Artikel 3 am Fre­itag weit­er­führen. Bin ges­pan­nt, was du denkst.

        • Paul Bruderer 7 Monaten ago
          Reply

          PS: Ich denke du hast schon ein Stück recht: Die Polygame Fam­i­lie aufnehmen (obschon sie nicht so leben, wie Jesus das denkt) ist eine andere Kat­e­gorie von ‘aufnehmen’ als die Män­ner in Korinth, die zu Pros­ti­tu­ierten gehen. Ich äussere einige Gedanken und Fra­gen dazu in Artikel 3.

  5. David Ruprecht 7 Monaten ago
    Reply

    Grüess di Paul
    Danke viel­mals für diese hil­fre­iche Serie, ich freue mich schon auf den drit­ten Teil.

    Ich stosse mich aber etwas daran, dass es prak­tisch nur um Sex­u­althe­men geht. Wie ist das mit Sprache (Fluchen, Schimpfen, Hin­ten­herum­re­den, Mob­bing, etc.), Umgang mit Besitz (Ego­is­mus, Neid, Gier, Ver­schul­dung etc.), Sücht­en (nur in der Schlus­saufzäh­lung – Alko­hol, Dig­i­tal­sucht, Social­me­dia, Pornografie etc.), Aussehen/Kleidung (wenn es nicht christlich brav ist, Tat­toos, ver­wahrlost, ungepflegt, stink­end — wir hat­ten mal einen Mes­si inte­gri­ert, das war harte Arbeit — etc.). Nicht bei allem geht es primär um die The­olo­gie, (bspw. Ungepflegt­sein), aber ger­ade deine Dar­legung zum Wert des Kör­pers hil­ft auch da. Ich fände es schön, wenn es da etwas vielfältiger würde. Beson­ders, weil ich schon in diesen The­men furcht­bare Tragö­di­en miter­lebte, wie christliche Sün­der andere Sün­der deswe­gen aus der Kirche drückten.

    Lasst uns in jed­er Hin­sicht Kirche zum Ort der Gnade und Heilung wer­den lassen.
    E gsägneti Zyt
    david

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
      Reply

      Danke David — ich gebe dir recht! Ich habe am Anfang des Artikels diesen von dir genan­nten Punkt angedeutet, aber nicht aus­ge­führt. Es gibt hier ein Ungle­ichgewicht. Ich fände es span­nend, die Bibel, die The­sen und den 3AB Weg in Bezug auf die von dir ange­sproch­enen Sit­u­a­tio­nen zu bereden!

      • David Ruprecht 7 Monaten ago
        Reply

        Grüess di Paul
        Da bin ich gerne dabei — vielle­icht schaf­fen wir es mal gemein­sam bei einem feinen Kaf­fee (gibts ja bei euch :-)) oder einem Bierchen oder Wein zusammenzusitzen.
        Bhüet di Gott
        david

  6. Andreas Hahn 7 Monaten ago
    Reply

    Her­zlichen Dank für die wertvollen Anregungen!
    Zur These 6 — Paulus in Gal 2 und in Apg 16: Nach mein­er Überzeu­gung unter­schei­den sich bei­de Stellen bezüglich der Moti­va­tion der Beteiligten.
    In Gal 2 tren­nt sich Petrus von den Hei­denchris­ten aus Men­schen­furcht (er fürchtet sich vor denen, die aus Jerusalem gekom­men sind und eine strenge Sicht vertreten, V.4 und V.12).
    In Apg 16 geht es Paulus bei der Beschnei­dung von Tim­o­theus darum, dass dem Evan­geli­um keine unnöti­gen Steine in den Weg gelegt wer­den (den Juden ein Jude). Deshalb “geht” die Anpas­sung dort, in Anti­ochien aber nicht.

    • Paul Bruderer 7 Monaten ago
      Reply

      Inter­es­sant! Lässt sich dieses Beispiel aus dein­er Sicht also nicht auf die Fragestel­lung von These 6 anwen­den? Gibt es ein anderes bib­lis­ches Beispiel, welch­es den Punkt von These 6 bringt?

      • Andreas Hahn 7 Monaten ago
        Reply

        Ich würde im Moment mal so sagen: Ohne klare Lehre kann das Reden von Gnade gegen­stand­s­los wer­den. Wenn ich z.B. Sünde umdefiniere, brauche ich möglicher­weise gar keine Gnade mehr, denn es ist ja ok, was ich tue. Wir ertra­gen das Reden von unser­er Sünde immer weniger gut, aber damit erleben wir auch Gnade immer weniger stark. — Eine konkrete Bibel­stelle habe ich grade dazu lei­der nicht.

        • Paul Bruderer 7 Monaten ago
          Reply

          Danke — das macht Sinn 👍

    • Uwe Brinkmann 7 Monaten ago
      Reply

      Ich stimme dem Hin­weis zu, dass Petrus aus Angst gehan­delt hat und Paulus mit absicht.

      Aber neben dem Ver­gle­ich zwis­chen Paulus & Petrus (der eine darf sich jüdisch geben, der andere nicht …), kann man den Unter­schied der Kat­e­gorien auch sehr gut an Paulus eigen­em, dif­feren­zierten Vorge­hen zur Beschnei­dung beschreiben:

      - Tim­o­theus lässt er beschneiden
      — bei Titus weigert er sich hartnäckig

      Bei Tim geht es um eine mis­sion­ar­ische Strate­gie (Methodik): wie kann ich die Juden gewin­nen? Bei Titus geht es um das Evan­geli­um (The­olo­gie): wie kann die Frei­heit in Chris­tus gewhrt werden?

      “Aber nicht ein­mal Titus, der bei mir war, wurde, obwohl er ein Grieche ist, gezwun­gen, sich beschnei­den zu lassen; 4 und zwar wegen der heim­lich einge­drun­genen falschen Brüder, die sich eingeschlichen hat­ten, um unsere Frei­heit, die wir in Chris­tus Jesus haben, zu belauern, damit sie uns in Knechtschaft bracht­en. 5 Denen haben wir auch nicht eine Stunde durch Unter­wür­figkeit nachgegeben, damit die Wahrheit des Evan­geli­ums bei euch verblieb.” (Gal 2,3–5).

      Das kann im Ergeb­nis zu völ­lig unter­schiedlichen Hand­lun­gen führen.

      Wir haben in unseren Hauskreisen vor kurzem die Apg abgeschlossen: auf­fal­l­end war, das Paulus ab der 3. Mis­sion­sreise zunehmend jüdis­che Aspek­te in sein­er Methodik berück­sichtigt, die er ggf. anfangs nicht getan hätte. Bis dahin, dass er in Jerusalem ver­haftet wird, weil er den juden ent­ge­gen kommt und im Tem­pel Opfer bringt und gelübde ableis­tet. Auch hier sehe ich, dass er das nicht nur pargma­tisch tut, son­dern mit voller Absicht (gegen den rat sein­er Mitchristen).

      • Paul Bruderer 7 Monaten ago
        Reply

        Danke — span­nend! Ich denke es stimmt, dass die Frage der Absicht mit hinein­spielt. Mir scheint, dass sie allein aber nicht genügt, um diese Sit­u­a­tio­nen gut zu ver­ste­hen. Die Chris­ten kön­nen ja meine Absicht­en nicht wis­sen, wenn ich sie nicht kom­mu­nizieren. Und das wäre dann mein eigentlich­er Punkt: Es braucht eine kom­mu­nizierte Lehre, eine Erk­lärung, weshalb wir mach­mal etwas tun (oder lassen) und warum wir es nicht tun (oder lassen). Wo dies nicht gek­lärt wird, kann the­ol­o­gis­che Unsich­er entste­hen, was — wenn nach etlich­er Zeit immer noch nicht gek­lärt — zu ethis­ch­er Beliebigkeit führen kann. Mein Anliegen ist der irregeleit­eten Idee zu wider­ste­hen: Bess­er wir sagen nichts über die Anforderun­gen des Glaubens damit nie­mand brüskiert wird. Meine These ist: Im Gegen­teil — ger­ade weil wir etwas sagen (lehren) entste­ht der Freiraum für Zwis­chen­lö­sun­gen, die schnell als the­ol­o­gis­ch­er Kom­pro­miss gedeutet wer­den kön­nen, wenn keine Lehre da ist. Wie siehst du das? Kommt dir ein anderes Beispiel in den Sinn aus der Bibel, wo so etwas hervorkommt?

        • Uwe Brinkmann 7 Monaten ago
          Reply

          Ich habe in mein­er Beschäf­ti­gung mit Paulus / der Apg den Ein­druck gewon­nen, dass Paulus von 2 The­men geleit­et wurde, die er bei sein­er Bekehrung erhielt (er wurde bekehrt …):

          a) die Ein­heit des neuen Gottesvolkes: “Saul, Saul was ver­fol­gts Du mich”?
          b) das Evan­geli­um für die Hei­den: “dieser ist mir ein auser­wähltes Werkzeug, meinen Namen zu tra­gen sowohl vor Natio­nen als ⟨auch vor⟩ Könige und Söhne Israel”

          Diese bei­den Lin­ien sind im Kon­flikt: — wenn er die Ein­heit im Volk Gottes sucht (zwis­chen Juden & Hei­den) ste­ht er in Gefahr Kom­pro­misse zu machen, die das Evan­geli­um kom­pro­mit­tieren; wenn er die Hei­den mit dem Evan­geli­um in die christliche Frei­heit stellt, bekommt er Streß mit den Judenchristen.

          Ab Apg 15 scheint mir das ein Motiv zu sein, dass immer wieder da ist. Paulus lehrt die Ein­heit und die Frei­heit des Evan­geli­ums. Daraus haben andere ein­seit­ige Schlüsse gezogen.

          Ein Stück weit ist das doch auch eine Erfahrung von (kon­ser­v­a­tiv­en) Leit­ern heute, oder nicht? Vgl. das hier disku­tierte Beispiel der Willkom­men­skul­tur ein­er Gemeinde vs. der Före­drung der Heili­gung in ein­er Gemeinde.

          Wie sagte Fran­cis Scha­ef­fer: “Der Christ hat eine dop­pelte Auf­gabe. Sein Ver­hal­ten muss Gottes Heiligkeit und Gottes Liebe wider­spiegeln. Im Chris­ten soll sicht­bar wer­den, dass Gott als per­sön­lich-unendlich­er Gott existiert, und zugle­ich soll er Gottes Wesen, seine Heiligkeit und Lie-be bekun­den. Nicht Heiligkeit ohne Liebe: das wäre bloße Härte. Nicht Liebe ohne Heiligkeit: das wäre nichts als Kom­pro­miss. Wann immer sich einzelne Chris­ten oder christliche Kreise so ver­hal­ten, dass sich darin nicht das Gle­ichgewicht von Gottes Heiligkeit und Liebe aus­drückt, bieten sie ein­er zuschauen­den Welt nicht ein Abbild, son­dern eine Karikatur des Gottes, der existiert.”

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