Kinder für alle?

Regula Lehmann
single-image

Wie würde sich die Annahme der Geset­zesvor­lage “Ehe für alle inklu­sive Samen­spende” auf das Wohl betrof­fen­er Kinder auswirken? Neben der Frage, was die Ehe für alle für gle­ichgeschlechtliche Paare bedeutet, muss dieses The­ma ehrlich und fundiert unter­sucht und disku­tiert wer­den. Weil Kinder nicht mitentschei­den kön­nen, in welche Fam­i­lie sie hineinge­boren wer­den, sind sie darauf angewiesen, dass Erwach­sene ihr Wohl an die erste Stelle set­zen und diesem auch in der Geset­zge­bung höch­ste Pri­or­ität einräumen.

Regelmäs­sig wird in der Debat­te um Ehe für alle beteuert, Stu­di­en bewiesen, dass die Kinder gle­ichgeschlechtlich­er Paare kein­er­lei Nachteile hät­ten. Unter­schla­gen wird dabei in aller Regel, dass namhafte Wis­senschaftler dieser Behaup­tung entsch­ieden wider­sprechen. So erk­lärt beispiel­sweise John P. Sullins in “The case for mom and dad”:[1]

„Sämtliche, wis­senschaftlich valide, ran­domisierte Stu­di­en über Kinder und gle­ichgeschlechtliche Eltern kom­men zu dem Schluss, dass es für Kinder zum Nachteil ist, wenn sie bei gle­ichgeschlechtlichen Eltern statt bei einem Mann und ein­er Frau aufwachsen“

Gestützt wird Sullins These durch ver­schiedene, bre­it angelegte Stu­di­en, die bei jun­gen Erwach­se­nen aus Regen­bo­gen­fam­i­lien deut­lich mehr psy­chis­che und soziale Insta­bil­ität sowie deut­lich mehr Miss­brauch­ser­fahrun­gen fest­stell­ten. Weil es für eine fundierte Debat­te unverzicht­bar ist, auch den kri­tis­chen Stim­men Gehör zu schenken, kom­men einige dieser Forsch­er und Stu­di­en in diesem Artikel zu Wort.

Festzuhal­ten ist aus mein­er Sicht, dass das Phänomen gle­ichgeschlechtlich­er Eltern­schaft in den Län­dern Europas noch jung ist und daher eine gewisse Zurück­hal­tung beim “Zemen­tieren” oder Über­tra­gen von Stu­di­energeb­nis­sen auf Schweiz­er Ver­hält­nisse geübt wer­den sollte. Was jedoch nicht bedeutet, dass nur eine, näm­lich die zus­tim­mende Seite der Medaille betra­chtet wer­den darf.

Keine Unterschiede? Professor Mark Regnerus widerspricht!

Wer die Behaup­tung, es spiele keine Rolle, in welch­er Elternkon­stel­la­tion Kinder aufwach­sen, hin­ter­fragt, stösst früher oder später auf Mark Reg­nerus. Reg­nerus, geboren 1971, ist Pro­fes­sor für Sozi­olo­gie und Philoso­phie am Forschungszen­trum für Bevölkerungsen­twick­lung der Uni­ver­sität Austin (Texas). Dieser kri­tisiert beispiel­sweise, dass eine der bekan­ntesten und häu­fig zitierten Stu­di­en, die “Nationale Langzeit­studie zu les­bis­chen Fam­i­lien” (NLLFS) eine frag­würdi­ge Stich­probe­nauswahl benutzt: Die Stu­di­en­teil­nehmerin­nen wur­den, so Reg­nerus, nicht zufäl­lig aus der gesamten Bevölkerung genom­men, son­dern über Anzeigen in Zeitschriften für les­bis­che Frauen, über Buch­lä­den speziell für Frauen und über Events für les­bis­che Frauen in mehreren größeren Metropol­re­gio­nen ange­wor­ben. Das ergibt logis­cher­weise ein verz­er­rtes Bild, weil der Anteil les­bis­ch­er (zus­tim­mender) Frauen und ihrer Kinder dadurch im Blick auf die Gesamt­bevölkerung viel zu hoch ist.

Wenig ver­trauenswürdig ist zudem laut Reg­nerus, dass sich viele Stu­di­en über homo­sex­uelle Eltern­schaft darauf konzen­tri­eren, was im Moment — während die Kinder noch unter der Für­sorge der Eltern ste­hen — in diesen Haushal­ten vor sich geht. Üblicher­weise wer­den gle­ichgeschlechtliche Eltern darüber befragt, wie es ist, als schwuler Mann oder les­bis­che Frau ein Kind zu erziehen.

Solche Forschun­gen kön­nen jedoch nicht aufzeigen, wie es den Kindern später als Erwach­sene geht, oder was sie während ihres Aufwach­sens erlebt haben. In manchen Fällen wer­den laut Reg­nerus auch Infor­ma­tio­nen von Teil­nehmern gesam­melt, die sich schon über eventuelle poli­tis­che Auswirkun­gen ihrer Antworten bewusst und somit während der Befra­gung vor­ein­genom­men sind.

Nach­fol­gend nenne ich einige Ergeb­nisse aus zwei Studien:

  • Reg­nerus-Studie mit dem Titel „Wie ver­schieden sind die erwach­se­nen Kinder, deren Eltern gle­ichgeschlechtliche Beziehun­gen haben [im Ver­gle­ich mit Kindern aus anderen Fam­i­lien­struk­turen]?” [Link]
  • Studie „Gle­ichgeschlechtlich lebende Eltern, Fam­i­lienin­sta­bil­ität und die Auswirkun­gen auf das Leben der erwach­se­nen Kinder”, die in deutsch­er Über­set­zung beim Fam­i­lien­bund deutsch­er Katho­liken in Augs­burg herun­terge­laden wer­den kann. [Link]

Reg­nerus legt in seinen Stu­di­en umfassende empirische Belege für Unter­schiede vor zwis­chen Kindern, die bei gle­ichgeschlechtlichen Eltern aufwuch­sen, und Kindern, die von ihren biol­o­gis­chen, ver­heirateten Eltern gross­ge­zo­gen wur­den. Er stellt mitunter grosse Unter­schiede fest.

Eine Stärke der Forschungsar­beit von Prof. Reg­nerus liegt darin, dass sie Dat­en von 2988 jun­gen Erwach­se­nen in vierzig ver­schiede­nen Bere­ichen sam­melt, die von wesentlichem Inter­esse für Erziehungs­forsch­er sind. Sie deckt das soziale, emo­tionale und das Beziehungs-Wohlbefind­en ab, von zum Zeit­punkt der Studie bere­its erwach­se­nen Kindern im Alter von 18 bis 39 Jahren.

Eine Auswahl der Ergeb­nisse von Reg­nerus Befragungen: 

  1. Sozial­hil­fe: Wirtschaftlich gese­hen sind die erwach­se­nen Kinder aus les­bis­chen Beziehun­gen laut Mark Reg­nerus’ Studie vier­mal wahrschein­lich­er auf Sozial­hil­fe angewiesen als die Kinder ver­heirateter, het­ero­sex­ueller Paare. Es ist ausser­dem dreiein­halb­mal wahrschein­lich­er, dass sie arbeit­s­los sind.
  2. Sicher­heits­ge­fühl: Die Stu­di­en­teil­nehmer wur­den nach ihren Empfind­un­gen gefragt, in Bezug auf die Erfahrun­gen in der Fam­i­lie, während sie dort aufwuch­sen. Die Kinder les­bis­ch­er Paare gaben die niedrig­sten Werte in Bezug auf das Empfind­en von Sicher­heit in der Kind­heit an, gefol­gt von den Kindern von Män­ner­paaren; die Kinder het­ero­sex­ueller Ehep­aare hat­ten die höch­sten Werte in Bezug auf ihr Sicherheitsgefühl.
  3. Depres­sio­nen: Auf der all­ge­meinen Depres­sion­sskala (CES‑D) gaben die jun­gen Erwach­se­nen mit les­bis­chen und homo­sex­uellen Eltern sig­nifikant häu­figer höhere Depres­sion­swerte an, als die Kinder het­ero­sex­ueller Ehep­aare. Die Kinder aus les­bis­chen Beziehun­gen gaben zweimal häu­figer als die Kinder aus homo­sex­uellen Part­ner­schaften und fast fünf­mal häu­figer als die Kinder het­ero­sex­ueller Ehep­aare an, in den let­zten zwölf Monat­en an Suizid gedacht zu haben.
  4. Sex­uelle Beläs­ti­gung: Auf die Frage, ob sie jemals von einem Eltern­teil oder ein­er anderen erwach­se­nen Für­sorgeper­son sex­uell berührt wor­den seien, antworteten die Kinder von Müt­tern in les­bis­ch­er Beziehung elf­mal häu­figer mit „Ja“ als die Kinder aus het­ero­sex­uellen Ehen. Bei den Kindern schwuler Paare war die Wahrschein­lichkeit, die Frage mit „Ja“ zu beant­worten, dreimal höher. Kinder aus het­ero­sex­uellen Ehen waren am sel­tensten sex­uell belästigt worden.
  5. Beziehungsqual­ität der eige­nen Liebes­beziehung: Nach der Qual­ität ihrer aktuellen Liebes­beziehung befragt, gaben die Kinder von Män­ner­paaren die ger­ing­ste Qual­ität an, gefol­gt von denen, die von nicht ver­wandten Per­so­n­en adop­tiert wur­den; danach kamen die Kinder aus Patch­work­fam­i­lien und danach die Kinder les­bis­ch­er Frauen­paare. Die höch­ste Beziehungsqual­ität gaben die Kinder aus het­ero­sex­uellen Ehen an.

Gedanken zur Regnerus-Studie

Zu Punkt drei (Depressionen/Suizidalität) führen LGBT-Aktivis­ten häu­fig ins Feld, dass die höhere Suizidal­ität durch Stig­ma­tisierung und Diskri­m­inierung durch das soziale Umfeld verur­sacht würde. Fünf Befür­worter der „Minderheiten-Stress“-Theorie behaupteten während Jahrzehn­ten, dass, wenn ein Land keine gle­ichgeschlechtliche Ehe anbi­ete, dies zu Min­der­heit­en­stress führe und dies wiederum Depres­sio­nen und Suizidal­ität bei sex­uellen Min­der­heit­en verur­sache oder erhöhe. In ein­er repräsen­ta­tiv­en, neuen Studie[2] stellen diesel­ben Autoren jedoch nun fest:

“Obwohl sich das soziale und gesellschaftliche Umfeld in den USA – mit den neuen Recht­en für LGBT, mit der Ein­führung der gle­ichgeschlechtlichen Ehe und durch andere Geset­ze – sehr verän­dert hat, nehmen Suizidal­ität und psy­chis­che Prob­leme bei LGB-Per­so­n­en nicht ab.”

Im Gegen­teil: Die Autoren fan­den, dass bei jun­gen LGB-Per­so­n­en, die in ein­er lib­eralen Gesellschaft aufwach­sen, wie sie die USA vorher nie gekan­nt hat, die psy­chis­chen Prob­leme und Suizidal­ität zunehmen. Die Über­legung einiger Forsch­er, die Aus­sicht auf eine gle­ichgeschlechtliche Ehe kön­nte homo­sex­uell empfind­ende Kinder oder Jugendliche von ihren Depres­sio­nen und Suizidgedanken befreien, wird durch die neue repräsen­ta­tive Studie in Frage gestellt, wenn nicht sog­ar für unhalt­bar erklärt.

Per­sön­lich hätte ich ins­beson­dere das Ergeb­nis von Punkt vier dieser Auflis­tung (sex­uelle Beläs­ti­gung) abso­lut nicht erwartet! Angesichts der hohen Miss­brauchs-Zahlen in het­ero­sex­uellen Fam­i­lien waren noch höhere Zahlen für mich kaum denkbar. Doch Reg­nerus’ Ergeb­nisse stim­men mit anderen Forschungsergeb­nis­sen übere­in. Ein 2015 veröf­fentlichter Regierungs­bericht[3] aus den USA kommt eben­falls zum Schluss, dass Kinder, die in ein­er intak­ten biol­o­gis­chen Fam­i­lie mit ver­heirateten Eltern aufwach­sen, die ger­ing­ste Wahrschein­lichkeit haben, sex­uell, physisch oder emo­tion­al mis­shan­delt zu werden.

Dass Reg­nerus Stu­di­en teil­weise hart kri­tisiert wur­den und noch immer wer­den, ver­ste­ht sich von selb­st. Mark Reg­nerus hat seine Arbeit jedoch vertei­digt und zur geäusserten Kri­tik Stel­lung genom­men. [4] Auch wenn sich­er nicht jedes Ergeb­nis der Reg­nerus-Studie eins zu eins für die Schweiz über­nom­men wer­den kann, bein­hal­ten seine Stu­di­en meines Eracht­ens Hin­weise, die ernst zu nehmen sind und unbe­d­ingt in die Debat­te um die Ehe für alle ein­fliessen soll­ten. Dass jegliche kri­tis­che Anmerkung in vie­len Fällen umge­hend mit einem Homo­pho­bievor­wurf gekon­tert wird, sollte uns nicht davon abhal­ten, Fra­gen zu stellen und auch weniger schme­ichel­hafte Stu­di­energeb­nisse zu präsen­tieren. Die unge­sunde Immu­nität, die Regen­bo­gen­fam­i­lien in Medi­en und Gesellschaft geniessen, dient ein­er sach­lichen Debat­te um Ehe für alle und das Wohl von Kindern nicht.
Gle­ichzeit­ig gilt jedoch auch: Wenn ich mit diesem Artikel einen kri­tis­chen Blick auf Regen­bo­gen­fam­i­lien werfe, bedeutet dies ganz und gar nicht, dass ich het­ero­sex­uelle Eltern­schaft ide­al­isieren will. Ich war und bin in mein­er Tätigkeit als Eltern­coach (und in meinem eige­nen Mut­ter­sein) oft genug mit den Defiziten und Missstän­den tra­di­tioneller Fam­i­lien konfrontiert.

Mehr Aufmerksamkeit für Betroffene

Ich meine, es wäre für eine fundierte Auseinan­der­set­zung zen­tral, kri­tis­chen Stu­di­en sowie den Stim­men betrof­fen­er Kinder deut­lich mehr Aufmerk­samkeit zu schenken. In einem 2015 von der “Alliance defend­ing Free­dom” veröf­fentlichen Video erk­lärt der bisex­uell empfind­ene Oscar Lopez:

“Meine Mut­ter und ihre Part­ner­in lebten eine sta­bile Part­ner­schaft. Doch trotz­dem emp­fand ich Sehn­sucht, meinen Vater zu ken­nen. Diese Idee, dass irgend­wo da draussen ein Vater, eine Mut­ter ist, sie ist ein­fach präsent in deinen Gedanken und Gefühlen. Du kannst ein Kind in eine Bub­ble steck­en, in ein Quarti­er mit anderen les­bis­chen Paaren ziehen, es mit Men­schen umgeben, die gle­ichgeschlechtliche Part­ner­schaften befür­worten, doch das Kind wird mit 12 oder 13 Jahren trotz­dem empfind­en, dass etwas “falsch” ist. Das ist, was ich dazu sage.”

Stim­men wie diese soll­ten in ein­er ver­ant­wor­tungsvoll geführten Debat­te unbe­d­ingt gehört und ernst genom­men wer­den. Dass sich nur wenige Betrof­fene öffentlich out­en, ist unter anderem lei­der dem Umstand geschuldet, dass sie Anfein­dun­gen aus den eige­nen Rei­hen fürcht­en. Trotz­dem gibt es, wenn man sich auf die Suche macht, dur­chaus per­sön­liche (wenn auch teil­weise anonymisierte) State­ments aus dem deutschsprachi­gen Raum. Das 2016 erschienene Buch “Spenderkinder”[5] von Wolf­gang Oel­sner und Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl gibt Ein­blick in noch wenig bekan­nte Schick­sale und Fak­ten. So schreibt beispiel­sweise der 25jährige Arthur:

“Gerne würde ich ein­fach alles von Anfang an erzählen. Aber von welchem Anfang? Meine Geschichte ist, wenn man so will, ohne Anfang, weil ich meine genetis­che Herkun­ft nicht kenne.”

Die 28jährige Ste­fanie erklärt:

“Drei Män­ner nehmen bei mir Vater­rollen ein. Doch keinen von ihnen mag ich “Vater” nen­nen. Dazu fehlt immer etwas”.

Per­sön­lich berühren mich solche Aus­sagen. Nicht zulet­zt, weil sie in meinem eige­nen Herzen Res­o­nanz find­en. Ja, Vater­beziehun­gen sind wichtig – auch da, wo sie nicht ide­al und in manchen Fällen sog­ar äusserst schwierig oder belas­tend sind. Ich meine, dass es nicht nur gegen jede Ver­nun­ft, son­dern auch irgend­wie lieb­los ist, wenn Men­schen, die sel­ber das Priv­i­leg hat­ten, ihren leib­lichen Vater von Anfang an zu ken­nen, nun plöt­zlich erk­lären, Vater­beziehun­gen seien verzicht­bar.  Was oder wer hat uns “verza­ubert”, dass wir allen Ern­stes ein Gesetz disku­tieren, das Kindern mit Absicht voren­thält, was vie­len von uns Iden­tität, Schutz und Ver­wurzelung gegeben hat und noch gibt?

Politisch und gesellschaftlich geförderte Vaterlosigkeit

Der Vorschlag, das zutief­st emo­tion­al gefüllte Wort “Vater” aus dem Fam­i­lienge­setz zu stre­ichen und durch den neu­tralen Begriff “Eltern­teil” zu erset­zen, ist nicht zulet­zt aus Sicht der Gen­er­a­tiv­ität abwegig.  Der Gen­fer Nation­al­rat Yves Nideg­ger sprach in der Rats­de­bat­te zum The­ma von “gesellschaftlichem Vater­mord”. Ein präg­nante Aus­sage, die in mod­er­nen Stu­di­en auf Res­o­nanz stösst. Bemerkenswerte Beobach­tun­gen zur Frage, wie sich vielfältige Beziehungs­for­men auf das soziale und emo­tionale Umfeld von Kindern auswirken, leg­en unter anderen die 2021 im Springer-Ver­lag veröf­fentlicht­en Sozi­ol­o­gis­chen Fall­stu­di­en von Dorett Funcke mit dem Titel “Die gle­ichgeschlechtliche Fam­i­lie” vor. Zu ihren Inter­views mit gle­ichgeschlechtlichen Insem­i­na­tions­fam­i­lien schreibt Funcke (Seite 349):

“…Des Weit­eren drückt sich in den Inter­views auf der Ebene der Sprache ein ver­sach­lichter Umgang mit den bei­den Sozial­beziehun­gen, der Eltern-Kind-Beziehung und der Paar­beziehung, aus. Sie wer­den, wie auch die Sozial­i­sa­tion­sprax­is selb­st, behan­delt wie ein kalter Gegenstand.”

In den Inter­pre­ta­tio­nen fiel Funcke die Ver­wen­dung ein­er abstrak­ten Sprech­weise auf, ein “abstrak­tes Reden über den anderen, was ich als Pronom­i­nal­isierung beze­ich­net habe.” Es wür­den, so die Sozi­olo­gin, nicht die Eigen­na­men (z. B. Vor­na­men) oder Gat­tungsna­men (z. B. „meine Partnerin/Ehefrau“) son­dern Pronomen (z.B. „sie“) für die Per­son, über die gesprochen wird, benutzt, obwohl diese im Raum anwe­send ist. In allen Fall­rekon­struk­tio­nen seien neu­trale und dis­tanzierende Darstel­lungsweisen aufgefallen.

Gle­ichgeschlechtliche Frauen­paare und ihre Kinder ste­hen unter hoher emo­tionaler Belas­tung. Weil die nicht-leib­liche Mut­ter, wie Funcke erk­lärt, nicht wie die leib­liche über den gemein­samen biol­o­gis­chen Unter­bau die Beziehung zu ihrem Kind auf­bauen kann, ist sie kon­tinuier­lich bemüht, diesen Man­gel zu kom­pen­sieren. Dies führt zur Auf­s­pal­tung der Mut­ter-Kind-Dyade, bei der die leib­liche Mut­ter an die Periph­erie rückt, der Vater “neu­tral­isiert” oder die Repro­duk­tion­s­tri­ade aufges­pal­tet wird, um den nicht-leib­lichen Eltern­teil zu inkludieren.

Druck und ide­ol­o­gisch unter­drück­te Trauer

Für betrof­fene Kinder dürften diese inten­siv­en Bemühun­gen ihrer bei­der Müt­ter, ihre Lebens­ge­mein­schaft als “gle­ich gut für das Kind” zu etablieren, viel Druck erzeu­gen. Während Jun­gen und Mäd­chen, die ihren Papa durch Tod oder Schei­dung ver­lieren, diesen Ver­lust in aller Regel betrauern dür­fen, wer­den die Kinder von Frauen­paaren dies häu­fig nicht tun (dür­fen), weil sie ihre Müt­ter nicht ver­let­zen und deren Lebensen­twurf nicht in Frage stellen wollen. Die kindliche Trauer wird dadurch unter­drückt und “ide­ol­o­gisch zuge­mauert”; eine hohe Belas­tung, die viele Betrof­fene wohl erst im Ver­lauf ihres Erwach­se­nen­lebens wahrnehmen und benen­nen können.

Als Tochter und Mut­ter, aber auch als Christin ist für mich offen­sichtlich, dass die Ent-emo­tion­al­isierung von Vater- oder Mut­ter­schaft einen immensen Ver­lust bedeutet. Wäre das Wort “Vater” nicht wichtig, würde die Bibel es nicht so oft ver­wen­den und der Segen würde (kön­nte) nicht, wie es im alten Tes­ta­ment immer wieder beschrieben wird, durch die Väter weit­ergegeben wer­den. Wäre die Emo­tion­al­ität von Beziehungs­be­grif­f­en nicht wichtig, würde Jesus uns seinen Vater nicht als Abba vorstellen und der heilige Geist in uns würde es nicht ermöglichen, dass wir Gott als “Abba, lieber Papa” anrufen können.

Recht auf ein Kind?

Ver­fol­gt man die gegen­wär­ti­gen Debat­ten, wird das Kinder­haben zunehmend zum Recht hochstil­isiert. Bioethik­erin Susanne Kum­mer schreibt dazu in ihrem Artikel “Kindeswohl vor Kinder­wun­sch”:[6]

“Eine aktuelle Studie zeigt: 92 Prozent aller Kinder wollen wis­sen, wer ihre genetis­chen Ver­wandten sind und fah­n­den nach genetis­chem Vater und poten­tiellen Hal­bgeschwis­tern. Als Begrün­dung gab ein Großteil der Kinder an, dass ihnen etwas von ihrer per­sön­lichen und genetis­chen Iden­tität fehle.”

Dass Samen­spende und Leih­mut­ter­schaft in der öffentlichen Debat­te häu­fig mit der Adop­tion ver­glichen wer­den, ist laut der in Wien täti­gen Ethik­erin nicht sachgerecht:

“Dass Eltern bere­its existierende, fremde Kinder in ein­er Not­si­t­u­a­tion auf­fan­gen und ihnen ein neues Zuhause schenken, kann nicht mit der geziel­ten Absicht ver­glichen wer­den, ein Kind vom Beginn sein­er Exis­tenz an dazu zu verurteilen, ein „Adop­tions­fall“ zu sein”.

Kinderechte und Kindeswohl haben unbe­d­ingten Vortritt

Laut UN-Kinder­recht­skon­ven­tion Art. 9 hat jedes Kind ein natür­lich­es Recht darauf, wo immer möglich bei seinen biol­o­gis­chen Eltern und in der Herkun­fts­fam­i­lie aufzuwach­sen. Ihm dieses Recht vom Vorn­here­in und mit Absicht vorzuen­thal­ten, ist im Blick auf das Kindswohl zutief­st frag­würdig. Dies unter­schei­det sich, wie Kum­mer sagt, grundle­gend von der Sit­u­a­tion, wenn ein Kind durch Tren­nung oder Tod eines Eltern­teils in eine Patch­work-Fam­i­lien-Sit­u­a­tion kommt. Wer­den für eine Zeu­gung fremde Samen­zellen einge­set­zt, gibt es von Vorn­here­in drei Eltern­teile, mit denen das Kind zurechtkom­men muss. Die kindliche Iden­tität wird frag­men­tiert und es kommt zu einem Split­ting der genetis­chen und sozialen Eltern­schaft.  Dass Frag­men­tierung sich zer­störerisch auf das Wohl von Men­schen auswirkt, wis­sen wir aus Ther­a­pie und Seel­sorge. Dass sich diese Auswirkun­gen häu­fig zeitverzögert zeigen, weil Kinder sehr anpas­sungs­fähig sind, macht sie nicht weniger schlimm. Die Erfül­lung des ver­ständlichen Wun­sches nach Kindern erre­icht dort eine Gren­ze, wo das Kindeswohl und damit let­ztlich auch die Zukun­ft der Gesellschaft auf dem Spiel steht.

Leibferne als Folge der Abwendung vom Prinzip der sinnvollen, göttlichen Ordnung

Wie ist es möglich, dass Ide­olo­gien, welche die Bedeu­tung des biol­o­gisch Gegebe­nen her­ab­set­zen, in unser­er Gesellschaft und in unseren Kirchen ein teil­weise verblüf­fend leicht­es Spiel haben? Noch niemals in der Geschichte war es so ein­fach, die Genial­ität des men­schlichen Kör­pers und sein­er Funk­tio­nen sicht­bar zu machen. Was David in Psalm 139 so poet­isch beschreibt, nimmt mit Hil­fe mod­ern­ster Tech­nik auf unseren Bild­schir­men bis in kle­in­ste Details Gestalt an. “Wir haben es mit ein­er “eige­nar­ti­gen Leibferne” zu tun”, schreibt Bioethik­erin Kum­mer in ihren Aus­führun­gen zu Samen­spende und Fortpflanzungsmedi­zin. “Man tut so, als ob der Leib nur Rohstoff­ma­te­r­i­al wäre. Dabei ist die leib­liche Herkun­ft Teil der Identität.”

Was hat unser Denken vernebelt, dass wir solch offen­sichtliche Tat­sachen über­haupt zur Debat­te stellen? Der men­schliche Leib zeigt in aller Deut­lichkeit, dass Mann und Frau auch in ihrer Geschlechtlichkeit aufeinan­der hin geschaf­fen sind. Wie in Nord- und Süd­pol, wie in Tag und Nacht spiegelt sich in Mann und Frau das Prinzip der Gegen­sät­zlichkeit. Die ganze Schöp­fung funk­tion­iert nach dem Ergänzung­sprinzip, welch­es Frucht­barkeit und damit Zukun­ft ermöglicht. Es gibt keine neuen Erken­nt­nisse, die dies wider­legen wür­den. Noch immer braucht es natür­licher­weise für das Entste­hen eines Kindes eine Samen­zelle, eine Eizelle und eine müt­ter­liche Gebär­mut­ter, die dieses neue Leben umhüllt und ver­sorgt. Nichts hat sich verän­dert – auss­er dem Druck ein­er Lob­by, die fordert, was die Natur oder ihr Schöpfer bei aller Liebe zu allen Men­schen nicht vorge­se­hen hat.

Welche Argu­men­ta­tions-Strate­gie bietet sich an?

Aus mein­er Sicht sind wir in Blick auf die bevorste­hende Abstim­mungs­de­bat­te her­aus­ge­fordert, uns als Kinder Gottes und Teil der wel­tumspan­nen­den Gemeinde Jesu mit Weisheit und Fach­wis­sen, aber eben­so in Ein­fach­heit, Demut und Klarheit zur grundle­gen­den Ord­nung zu stellen, welche die Welt seit ihrer Erschaf­fung zusam­men­hält. Im ersten Satz unseres gemein­samen Glaubens­beken­nt­niss­es beken­nen wir Gott als Vater und Schöpfer und ord­nen uns damit als Geschöpfe in ein Ganzes ein, das unendlich viel gröss­er ist als wir sel­ber.  Wie Kinder sind wir überzeugt, dass alles, was unser himm­lis­ch­er Papa gemacht und ange­ord­net hat, gut ist und allen Men­schen Leben und Segen bringt. Wir sind gerufen, in Liebe, Demut und Klarheit der Selb­stver­got­tung und Selb­st­bes­tim­mung ent­ge­gen­zutreten, die let­ztlich nichts anderes ist als eine mod­erne Form von Götzen­di­enst, zu dessen Opfern schon in bib­lis­ch­er Zeit Kinder und Frauen gehörten. Dieses klare, vielle­icht sog­ar kindliche Beken­nt­nis muss nicht in from­mer Ter­mi­nolo­gie geschehen. Gottes Ord­nun­gen stim­men mit dem übere­in, was tief im Men­schen angelegt ist und sich auch im Sicht­baren zeigt. Mit allem, was wir wis­sen — wenn wir es denn wis­sen wollen.

Fest ste­hen in dem, was Gemeinde und Welt zusammenhält

Für Kinder ist die Sache klar: “Der Kaiser ist im Hemd” und ohne Papas gibt es keine Babys. Wer­den sich genü­gend Men­schen find­en, die frei her­aus Zweifel äussern und Beobach­tun­gen mit­teilen? Die dem Wohl von Kindern unbe­d­ingten Vor­tritt gewähren und die Eins nicht zur Zwei umbiegen, wenn der “Main­stream” dies ver­langt? Die unbe­fan­gen wie Kinder benen­nen, was seit Urzeit­en fest­gelegt ist und alle gesellschaftlichen Um- und Irrwege über­dauern wird? Was aus der Gemeinde Jesu wird, hängt aus mein­er Sicht ele­men­tar mit der Frage zusam­men, ob sie bere­it ist, auf dem Fun­da­ment ihres gemein­samen, wel­tumspan­nen­den Glaubens­beken­nt­niss­es zu bleiben. Auf ewige Grund­wahrheit­en zu set­zen und den gesellschaftlichen Bran­dungswellen standzuhal­ten, statt sich Trends anzu­biedern, die wed­er Zukun­ft haben noch Zukun­ft schaf­fen. Kindlich und unbeir­rbar einzus­tim­men in das Beken­nt­nis, das uns als weltweite Kirche verbindet. “Ich glaube. An Gott, den Vater, den Allmächti­gen. Den Schöpfer des Him­mels und der Erde. An Gott, der den Men­schen erschaf­fen und mit einem Leib aus­ges­tat­tet hat, der ein­deutig und unmit­tel­bar bezeugt, wie es von Anfang an mit Ehe und Fam­i­lie gedacht ist.”

Ein­fach­er geht’s nicht, bess­er auch nicht. Das Him­mel­re­ich gehört den Kindern.

Artikel als PDF herunterladen


Bilder:
iStock
Fussnoten:

[1] Sullins, P., The case for mom and dad. The Linacre Quar­ter­ly, 8. März 2021. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0024363921989491
[2] Mey­er, Ilan, Minor­i­ty stress, dis­tress, and sui­cide attempts in three cohorts of sex­u­al minor­i­ty adults: A.U.S. prob­a­bil­i­ty sam­ple. 2021
[3]Siehe Andrea J. Sed­lak, Jane Met­ten­burg, Mon­i­ca Base­na, Ian Pet­ta, Kar­la McPher­son, Angela Greene, and Spencer Li, „Fourth Nation­al Inci­dence Study of Child Abuse and Neglect (NIS‑4): Report to Congress, Exec­u­tive Sum­ma­ry“, U.S. Depart­ment of Health and Human Ser­vices, Admin­is­tra­tion for Chil­dren and Fam­i­lies, avail­able at acf.hhs.gov
[4]https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12001731?via%3Dihub
[5] https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/ID44364211.html?ProvID=10917736&gclid=Cj0KCQjw24qHBhCnARIsAPbdtlLjhmmP-LOwGtpJsLBFgzEa9vXR8SevNYrJX6tOzlK-0x3NE16kpScaAlIeEALw_wcB&nclid=sjzhsTb_m-pbKX_0YQ0AJiaMvhRp2vRbXxau23PEXaYLtMwYxY5wKugmhajDMekf
[6] https://www.zukunft-ch.ch/kindeswohl-vor-kinderwunsch/

4 Comments
  1. Avatar
    Georg Walter 3 Monaten ago
    Reply

    Danke für die Zusam­men­stel­lung der Fak­ten in Sachen Stu­di­en und die Fol­gerun­gen daraus. Es ist unerträglich, wie dauernd behauptet wird — wie let­zthin wieder Frau Bun­desrätin Keller Sut­ter — Kinder kön­nten ger­ades­ogut bei zwei Frauen aufwachsen.

  2. Avatar
    Sylvie Ruffieux 5 Monaten ago
    Reply

    Bra­vo Bra­vo fur Die Kinders … Hast du trans­la­tion un Français ? udf.geneve@gmail.com DANKE

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 5 Monaten ago
      Reply

      Oui, dans ca. 3 semaine 👍

  3. Avatar
    Wolfgang Ackerknecht 5 Monaten ago
    Reply

    Wertvolle Hin­weise in ein­er mE der wichtig­sten Fra­gen bei Ehe für alle.

Leave a Comment

Your email address will not be published.

You may like

In the news