WOHIN DIE REISE DER POSTEVANGELIKALEN FÜHRT
ARTIKEL ALS PDF
EINFÜHRUNG
Der Titel dieses Artikels ist Ausdruck einer Sorge. Sie treibt mich um, seit ich vor rund zehn Jahren begonnen habe, mich mit dem Postevangelikalismus zu befassen. [1]
Bis vor wenigen Jahren galten die Evangelikalen als «bibelfest». Was zum christlichen Glauben gehört und wie er gelebt wird, haben die Evangelikalen der Bibel im Vertrauen abgerungen, dass sie Gottes Wort ist. Seit der Entstehung eines postevangelikalen Flügels erodiert dieses Vertrauen. Zentrale Glaubenswahrheiten werden systematisch dekonstruiert. Eine wachsende Zahl wird von Zweifeln an bisher felsenfesten Überzeugungen befallen und fragt kritisch: Sind manche Ansichten der Bibel nicht bloss menschlich und vom geschichtlichen Fortschritt überholt?
Die Wurzeln des Postevangelikalismus liegen in Grossbritannien kurz vor der Jahrtausendwende. [2] Bereits damals spielte eine kritische Schriftperspektive eine zentrale Rolle. Als nach der Jahrtausendwende postevangelikale Debatten im deutschsprachigen Raum eröffnet wurden, wiederholte sich dieses Muster. [3] Kritik an der Bibel gehört zur postevangelikalen Identitätskonstruktion.
Diese Entwicklung hat mich veranlasst, mich vertieft mit dem Schriftverständnis der Postevangelikalen auseinanderzusetzen, nachdem ich es bereits in meinem Buch «Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist» thematisierte. [4]
Seit ich postevangelikale Debatten verfolge, stosse ich immer wieder auf denselben Umstand, der von Anfang an eine Sorge in mir auslöste:
Dem postevangelikalen Verlust zentraler Glaubenswahrheiten geht ein Vertrauensverlust in die Bibel als Gottes Wort voraus.
Bei praktisch allen postevangelikalen Vordenkern begegnet mir das Bedürfnis, den Gedanken der Inspiration, der Autorität und der Wahrhaftigkeit der Bibel in der einen oder anderen Weise zu schwächen.
Mich interessiert in diesem Artikel deshalb: Was steht am Ursprung der postevangelikalen Dekonstruktion? Wie interpretieren postevangelikale Vordenker die Bibel? Wohin geht die Reise, wenn man sich zu ihnen in den Zug setzt?
Ich habe drei populäre Werke von postevangelikalen Vordenkern aus meinem Bücherregal genommen, die ich bei den Recherchen zu meinem Buch bereits verwendete, und nochmals nachgeprüft, wie sie ihre Positionen begründen:
- Das Buch «Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?» von Siegfried Zimmer, in welchem er die Schwächen eines fundamentalistischen Bibelzugangs aus seiner Sicht erläutert und für den Denkansatz der modernen Bibelwissenschaft wirbt. [5]
- Das Buch «Wenn der Glaube nicht mehr passt» von Martin Benz, in welchem er seine Befreiung aus seiner fundamentalistischen Denkart nachzeichnet und für einen weniger dogmatischen Umgang mit der Bibel argumentiert. [6]
- Das Buch «Weiterglauben» von Thorsten Dietz, in welchem er mit Blick auf die Auslegung der Bibel in der Geschichte das Spannungsfeld von Menschenwort und Gotteswort auslotet und dabei Luther und die Pietisten ins Spiel bringt. [7]
Die drei Werke eignen sich gut, um die theologische Stichprobe zu machen. Alle drei haben evangelikale Vergangenheit. Alle zielen darauf, Christen mit einer konservativen Bibelfrömmigkeit von der Notwendigkeit eines progressiven Glaubens zu überzeugen. Alle wollen sich nach eigenen Angaben nicht von der Schrift emanzipieren, sondern sie ernstnehmen. [8]
Ich habe vor, das Schriftverständnis der Autoren einer Analyse zu unterziehen und aus evangelikaler Perspektive zu bewerten. An einigen Punkten werde ich mich auf weitere Publikationen beziehen, um zu einer möglichst fairen Würdigung zu gelangen.
Als Richtwert dient mir die Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz mit ihrem Bekenntnis zur Bibel als Heilige Schrift:
«Evangelische Christen bekennen sich zu der in den Schriften des Alten und Neuen Testaments gegebenen Offenbarung des dreieinigen Gottes und zu dem im Evangelium niedergelegten geschichtlichen Glauben … [Wir bekennen] die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift, ihre völlige Zuverlässigkeit und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.» [9]

«SCHADET DIE BIBELWISSENSCHAFT DEM GLAUBEN?»
SIEGFRIED ZIMMER (2012)
Siegfried Zimmer ist vielen von seinen Vorträgen auf der Bildungsplattform «Worthaus» bekannt. In «Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?» versucht Zimmer zwischen einem fundamentalistischen Bibelverständnis und der modernen Bibelwissenschaft zu vermitteln und seine Leser von der Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Umgangs mit der Bibel zu überzeugen.
ANALYSE
Zimmers hauptsächlichen Argumente liegen auf einer weltanschaulichen, einer theologischen und einer dogmatischen Ebene.
Auf der weltanschaulichen Ebene postuliert Zimmer eine kategoriale Unterscheidung zwischen Gott und Jesus einerseits und der Bibel anderseits und begründet damit die Freiheit zur kritischen Erforschung der Bibel.
Die Bibel hat nach Zimmer verlässliche Orientierungskraft. Gott spricht durch die Bibel zu uns. Durch seinen Geist lehrt er uns alles, was für unser Heil notwendig ist. [10] Luthers Satz, dass der Heilige Geist nirgends kräftiger redet als in der Heiligen Schrift, findet Zimmers ausdrückliche Zustimmung. [11] «Wir können davon ausgehen, dass wir durch die Bibel in allen heilswichtigen Fragen eine zuverlässige Orientierung haben.» [12]
Zwischen Gott und der Bibel besteht nach Zimmer eine «Wirkungseinheit». In seinem Vortrag «Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann», spricht Zimmer von einem Riss in der Christenheit:
«Es ist nämlich ein ganz bestimmter Punkt, an dem in der Christenheit die Wege auseinandergehen. Und diesen Punkt müssen wir genau lokalisieren und genau verstehen. Die entscheidende Frage, die ein Teil der Christenheit mit Ja beantwortet und der andere Teil der Christenheit mit Nein, diese Frage lautet: Folgt aus der Wirkungseinheit zwischen Gott und der Bibel, dass die Bibel selber göttliche Eigenschaften hat? Das ist die entscheidende Frage … Hat die Bibel Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit? Darauf antwortet ein Teil der Christenheit in allen Kirchen und in allen Konfessionen mit einem ganz klaren Nein … Ein anderer Teil der Christenheit in allen Kirchen und Konfessionen antwortet darauf mit einem ganz klaren Ja.» [13]
Zwischen Gott und seinem Wort besteht nach Zimmer eine «Wirkungseinheit», aber keine «Wesenseinheit». Die Bibel hat keinen Anteil am Wesen und an der Vollkommenheit Gottes (z.B. daran, dass Gott nicht lügen kann) und besitzt deshalb keine göttlichen Eigenschaften:
«Die Bibel hat göttliche Wirkung, wann und wo Gott es will, aber sie hat keine göttlichen Eigenschaften.» [14]
Aus der Unterscheidung zwischen Gott und seinem Wort folgt die Relativierung der Bibel gegenüber Gott. [15] Die Bibel ist Anrede Gottes an uns und deshalb verlässlich in Heilsdingen. Sie ist gleichzeitig Menschenwort und deshalb voller «Fehler, Spannungen und Widersprüche». [16]
Die Relativierung der Bibel gegenüber Gott schafft die Freiheit, sie nach wissenschaftlichen Kriterien zu untersuchen: «Die kategoriale Unterscheidung zwischen Gott und der Bibel schafft den Raum und die Freiheit zur wissenschaftlichen Erforschung der Bibel.» [17]
Auf der theologischen Ebene bringt Zimmer das auf Luther zurückgehende Prinzip von Jesus als der «Mitte» der Schrift ins Spiel und verbindet damit die Forderung, biblische Texte zu kritisieren, wenn sie im Konflikt mit Jesus stehen.
Für Luthers Rechtfertigungstheologie ist entscheidend, ob ein biblisches Buch «Christum treibet» oder nicht. Die biblischen Bücher sind nach Luther darauf hin zu prüfen, ob sie von der freimachenden Gnade Gottes handeln oder nicht. Bücher, in denen er diese Mitte nicht finden konnte, las Luther kritisch.
Zimmer sucht im Anschluss an Luther nach der Mitte der Schrift, indem er die biblischen Texte befragt, ob sie in Übereinstimmung mit der Gesinnung und der Lehre Jesu sind. Zimmer fordert: [18]
«Wir dürfen in unserem Gottesverständnis und in unserem Gewissen nicht mehr hinter das zurückfallen, was Jesus Christus gesagt und getan hat. Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, was Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden.»
Nach Zimmer ist nicht entscheidend, «dass ein Satz in der Bibel steht, entscheidend ist, in welcher Nähe oder Ferne er zu Jesus Christus steht». Die Suche nach der Mitte der Schrift nötigt also zur kritischen Bibellektüre:
«Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel.» [19]
Kritik dieser Art ist nach Zimmer sachgemäss, weil zwischen Jesus als Person und den biblischen Zeugnissen über Jesus unterschieden werden muss. [20] Jesus ist «die entscheidende Offenbarung», in der Gott sich uns mitteilt, die biblischen Schriften sind Zeugnisse der Offenbarung. [21]
Auf der dogmatischen Ebene kann Zimmer den urchristlichen Glauben an die Verlässlichkeit und höchste Autorität der Heiligen Schrift nicht teilen und lässt ein Unbehagen am Gedanken der Inspiration erkennen.
Zimmer räumt ein, dass das Alte Testament sowohl im Judentum als auch im Urchristentum als inspirierte Willensoffenbarung Gottes gelesen wurde und dass bereits im Neuen Testament der Prozess sichtbar wird, die urchristlichen Schriften den heiligen Schriften des Judentums gleichzustellen. [22] Zimmer kann sich diesem Verständnis jedoch nicht anschliessen und distanziert sich damit von den Aposteln und den Kirchenvätern. Er lässt ein grundsätzliches Unbehagen am Gedanken der Inspiration erkennen und bevorzugt stattdessen die Rede von der «grundlegenden Orientierungskraft» der Bibel. [23]
Einerseits zeigt sich Zimmers Unbehagen im Umgang mit den entscheidenden Stellen über die Inspiration. Während nach evangelikalem (wie auch nach katholischem) Verständnis Texte wie 2Tim 3,14–17 («alle Schrift ist von Gott eingegeben») und 2Petr 1,19–22 («getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen im Auftrag Gottes geredet») von der Inspiration und Autorität der Schrift handeln, wehrt Zimmer mit ihnen bloss die Theorie der Verbalinspiration ab, wonach jedes einzelne Wort der Bibel vom Heiligen Geist eingegeben wurde. Positive Aussagen, wonach diese Texte den urchristlichen Glauben an die Gültigkeit und Autorität der Schrift abbilden und damit Vorbilder für uns sind, sucht man bei Zimmer vergebens.
Anderseits zeigt sich Zimmers Unbehagen am Versuch, die Bedeutung der Inspiration mit geschichtlichen Argumenten zu minimieren. In der Urchristenheit habe es keinen Bedarf für die Verbalinspiration gegeben. Erst im Zuge der Kanonisierung des Neuen Testaments habe man begonnen, überhaupt eine Inspirationslehre zu entwickeln und erst in diesem Zusammenhang sei zum ersten Mal von der Widerspruchslosigkeit der Bibel die Rede gewesen. [24] Luther sei ohne eine Theorie der Inspiration ausgekommen. Erst die lutherische Orthodoxie in nachreformatorischer Zeit habe im Bibeltext die entscheidende Offenbarung erblickt und die Theorie der Verbalinspiration entwickelt. [25]
Zimmer zielt mit seinen geschichtlichen Streiflichtern auf eine konservative Bibelfrömmigkeit. Formen der Verbalinspiration, wie sie heute im Fundamentalismus zu finden sind, liessen sich nicht auf die Bibel zurückführen, sondern stünden in der Nachfolge der Orthodoxie. [26]
Die Bibel ist bei Siegfried Zimmer in Heilsdingen lebendiges Gotteswort, durch das Gott spricht, aber auch fehlbares Menschenwort, das kritisiert werden muss.
BEWERTUNG
Zimmers Schriftverständnis ist ambivalent. Die Bibel hat verlässliche Orientierungskraft in Heilsdingen, ansonsten muss sie kritisch gelesen werden. Das gilt namentlich für alttestamentliche Texte, bei denen Zimmer Konflikte mit der Lehre Jesu ausmacht.
Entscheidend für Zimmers Ansatz ist die weltanschauliche Vorentscheidung, kategorial zwischen Gott und der Bibel zu unterscheiden. Damit stösst Zimmer die Tür zur Autorität «Wissenschaft» mit ihrem methodischen Atheismus auf. Die Bibel hat keinen Anteil an Gottes Wesen und Vollkommenheit, so dass mit Fehlern und Widersprüchen zu rechnen ist. Das gilt hauptsächlich für das Alte Testament, das Zimmer mit massiver Kritik eindeckt.
Zimmers Kritik steht in auffallendem Kontrast zur Hochschätzung, mit der im Neuen Testament vom Alten gesprochen wird. Es wird so von den Schriften des Alten Testaments gesprochen, dass ihnen dieselbe Autorität zukommt, wie Gott selbst. Gottes Wort ist ewig (Ps 119,89), gerecht (Deut 4,8), lebendig (Hebr 4,12) und mächtig (Apg 19,20).
Die Verfasser des Neuen Testaments nahmen zwischen den Schriften des Alten Testaments und Gott eine unverrückbare Wesenseinheit wahr. Sie sprachen von den «heiligen Schriften», wenn sie sich auf das Alte Testament bezogen und vernahmen in ihnen das Reden Gottes (2Tim 3,15; Röm 1,2; 2Petr 2,21). Für Evangelikale gilt im Anschluss an die Verfasser des Neuen Testaments deshalb: Die Bibel ist als Gottes Wort Wesensäusserung Gottes und hat Anteil an seiner Wahrhaftigkeit und Verlässlichkeit. [27]
Die kategoriale Unterscheidung zwischen Gott und der Bibel, wie Zimmer sie vornimmt, ist eine hermeneutische Weichenstellung. Jesus wird zu einem «Kanon im Kanon» und gar zu einem Werkzeug der Bibelkritik. Aus der kritischen Distanz zur Bibel ergibt sich Zimmers Unbehagen an der Inspiration. Positive Aussagen über die Wirksamkeit und Autorität der Schrift spielen eine untergeordnete Rolle.
Nach den Selbstaussagen der Schrift ist Fundamentalkritik, wie Zimmer sie vorträgt, nicht möglich. Jesus hat das Alte Testament nirgends kritisiert, sondern als verlässliches Gotteswort anerkannt (Mt 5,18). Wie will man mit Jesus das Alte Testament kritisieren, wenn Jesus an keiner Stelle erkennen lässt, dass solche Kritik angebracht ist? Was berechtigt dazu, gegen das Alte Testament zu argumentieren, wenn Jesus ein kategorisches Nein zu jeglicher Kritik erkennen lässt (Joh 10,35)? Es gibt nirgends in der Schrift eine Anleitung, Schrift mit Schrift abzulehnen. [28]
Die Aussagen von Jesus und den Aposteln bilden nach evangelikaler Lesart eine ausreichende Basis für eine Theorie der Inspiration:
Jesus sagte, dass der kleinste Buchstabe des Gesetzes in Erfüllung gehen wird (Mt 5,18) und dass die Schrift «nicht gebrochen» werden kann (Joh 10,35). Für Jesus war das, was Mose lehrte, Gottes Wort (Mk 7,10–13). David war vom Heiligen Geist erfüllt, als er die Psalmen schrieb (Mk 12,36). Bei Jesus zeigt sich ein tiefes Vertrauen in die Verlässlichkeit, Autorität und Wirksamkeit des Alten Testaments als von Gott ausgehendes Wort.
Die Haltung der Apostel zum Alten Testament ist eindeutig. Sie beziehen sich in ihren Predigten und Briefen ständig in Form von Anlehnungen, Verweisen und direkten Bezügen auf die Hebräische Bibel als von Gott ausgehendes Wort. Gleichzeitig beanspruchen sie, durch den Geist, selbst auch Gottes Worte weiterzugeben und liefern damit Argumente für die Inspiration des Neuen Testaments. Paulus hat das Evangelium «durch die Offenbarung Jesu Christi empfangen» (Gal 1,12) und lehrt «mit Worten wie der Geist sie lehrt» (1Kor 2,13). Sein Evangelium ist «Offenbarung des Geheimnisses Gottes» (Röm 16,2–5 f), welches ihm Gottes Geist mitgeteilt hat (Eph 3,3 ff).
Das Alte Testament ist nicht blosses Menschenwort, sondern «theopneustos» (wörtlich gottgehaucht) und damit von Gott ausgehendes Wort (2Tim 3,16–17). Der Sache nach ist der Gedanke der Inspiration klar vorhanden. Dies scheint die einhellige Meinung der Kirchenväter gewesen zu sein. Origenes, Athanasius von Alexandria, Basilius der Grosse, Johannes Chrysostomos, Hieronymus und Augustinus leiteten von 2Tim 3,16 den göttlichen Charakter der Heiligen Schrift ab. Die Vulgata, die wichtigste lateinische Bibelübersetzung des Mittelalters, übersetzt «theopneustos» im Anschluss an die Kirchenväter sachlich richtig mit «divinitus inspirata» (göttlich inspiriert).
Dasselbe Vertrauen in die göttliche Wirksamkeit des Alten Testaments zeigt sich im zweiten Petrusbrief. Das Alte Testament ist unter dem Antrieb des Heiligen Geistes entstanden und nicht das Resultat menschlicher Anstrengung (2Petr 1,16 ff).
Johannes stellt in Offb 22,18–19 («Ich bezeuge jedem, der die prophetischen Worte dieses Buches hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Plagen zufügen, von denen in diesem Buch geschrieben steht. Und wer etwas wegnimmt von den prophetischen Worten dieses Buches, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heiligen Stadt wegnehmen, von denen in diesem Buch geschrieben steht») sein Buch auf die gleiche Stufe der Verbindlichkeit wie die Tora des Mose in Deut 4,2 («Ihr sollt dem Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufügen und nicht davon wegnehmen»). Die Johannesoffenbarung will verbindliches Gotteswort und damit Heilige Schrift sein. [29]
Argumentativ zeigt sich: Zimmer gelangt zu einem kritischen Schriftverständnis, indem er biblische Aussagen über die Geltung und Autorität der Schrift minimiert oder übergeht und weltanschauliche und historische Argumente zugunsten einer kritischen Lesart in den Vordergrund rückt.

«WENN DER GLAUBE NICHT MEHR PASST»
MARTIN BENZ (2022)
Martin Benz ist vielen durch seinen Podcast «Movecast» bekannt. In seinem Buch beschreibt er seine persönliche Entwicklung aus der Enge des Fundamentalismus zur Weite eines progressiven Glaubens. [30] Zu seiner theologischen Reise sagt Benz:
«Ich … habe meine Koffer gepackt aus den konservativ-evangelikalen oder fundamentalistischen Denkmustern, in denen ich viele Jahre zu Hause war. Es wurde mir zu eng in der Altstadt.» [31]
ANALYSE
Benz baut sein Plädoyer für einen progressiven Glauben hauptsächlich auf drei Argumenten auf.
Erstens: Die Bibel enthält weniger «faktische» Wahrheiten, die beanspruchen, naturwissenschaftlich nachprüfbar oder historisch wahr zu sein, und mehr «poetische» Wahrheiten, die zum rechten Leben anleiten.
Benz biografische geprägtes Buch ist der Versuch, sich aus einer fundamentalistischen Denkart zu befreien, die auf Rechtgläubigkeit fokussiert, aber am Leben vorbei geht.
«Während meines (eher fundamentalistischen) Theologiestudiums hatten wir immer wieder Vorlesungen bei namhaften Professoren, die versucht haben den wissenschaftlichen Beweis anzutreten, dass die ersten beiden Kapitel von Genesis tatsächlich die naturwissenschaftliche Entstehung der Welt erklären und damit im scharfen Widerspruch zur Evolutionslehre stehen … In all den Jahren habe ich von keinem Professor erfahren, was mir diese Schöpfungserzählung eigentlich wirklich erzählen möchte. Was sie aussagt über das Leben, die Liebe, die Menschenwürde, die Entstehung von Gottesbeziehung oder Moral. Vor lauter mathematischer Beweisführung übersieht man die Botschaft, die diese Geschichten eigentlich erzählen wollen. Die Texte klären dann nur noch Fakten, aber sie erklären nicht länger das Leben.» [32]
Die Unterscheidung zwischen «faktischen» und «poetischen» Wahrheiten ist konstitutiv für Benz Ansatz. Biblische Erzählungen wie die Schöpfungsgeschichte, die Sintflut oder das Schicksal Hiobs transportieren nicht «faktische Wahrheiten», die naturwissenschaftlichen Anspruch erheben oder geschichtlich zu fassen sind. Es geht «nicht um Präzision, um Details und um wissenschaftliche Fakten, sondern um Erinnerung, um Weisheit, um Lebenserfahrung». [33] Benz klingt ähnlich wie die liberalen Theologen des 19. Jahrhunderts, die sich von einem historischen Alten Testament distanzierten und die moralischen Einsichten in den biblischen Texten betonten, wenn er sagt, die Bibel vermittle hauptsächlich Wahrheiten über das Leben und Glauben in dichterischer Form:
«Der moderne Mensch versteht unter Wahrheit vor allem mathematische oder faktische Wahrheit. Daneben gibt es poetische und dichterische Wahrheit. Wer davon ausgeht, dass die Bibel vor allem faktische Wahrheit enthält, muss sie dauernd gegenüber den kritischen Anfragen aus Naturwissenschaft und historischer Wissenschaft verteidigen. Poetische Wahrheit dagegen kann tiefe Weisheiten und Prinzipien in einer Form zum Ausdruck bringen, wie das faktische Wahrheit nie könnte. Es geht also weniger darum, ob die Geschichten in der Bibel historisch oder naturwissenschaftlich wahr sind, sondern vielmehr darum, welche göttlichen Wahrheiten uns diese Texte erzählen wollen.» [34]
Benz macht für seinen Zugang zur Bibel einen literarischen Graben zwischen der biblischen Welt und unserer modernen Denkweise geltend. Als die biblischen Erzählungen entstanden «gab es die Liga der wissenschaftlichen oder historischen Literatur noch gar nicht», zeigt sich Benz überzeugt und bringt damit ein literarkritisches Argument ein. [35] Wenn man naturwissenschaftlich oder historisch an die entsprechenden Texte herangeht, liest man nach Benz neuzeitliche Denkvoraussetzungen in sie hinein, so dass man ihnen Aussagen abringt, die sie gar nicht machen wollen. [36]
Zweitens: In der Bibel gibt es einen Entwicklungsprozess im religiösen Verständnis, so dass sich von einem Buch zum anderen Perspektiven abrupt ändern und alten Einsichten widersprochen wird.
Benz spricht davon, dass Gott sich in der Bibel fortschreitend offenbart, meint aber nicht ein Fortschreiten der Offenbarung in dem Sinn, dass jüngere Einsichten ältere präzisieren. Es geht um veränderte Perspektiven, die alte Einsichten ersetzen:
«Beim aufmerksamen Lesen der Bibel wird deutlich, dass sich bereits innerhalb der Bibel Entwicklung vollzieht … Gebote werden weiterentwickelt, Perspektiven verändern sich, und was in einem biblischen Buch noch galt, gilt in einem anderen Buch bereits nicht mehr. Grundpfeiler von Tradition und Gottesverehrung werden im Laufe der biblischen Texte eingerissen, moralische Einsichten verändern sich und selbst das Gottesbild ist in Bewegung.» [37]
Pikant: Benz erblickt in den unterschiedlichen Gottesbildern des Alten Testaments pagane (heidnische) Einflüsse. Die Gottesbilder der biblischen Verfasser sind das Resultat einer evolutionären Entwicklung im religiösen Verständnis der Menschheit. In die biblischen Texte sind wie in kanaanitischen, griechischen und römischen Göttermythen menschliche Vorstellungen eingeflossen, die sich zu Widersprüchen anhäufen:
«In der Bibel finden sich teils widersprüchliche Gottesvorstellungen. Sie sind Ausdruck verschiedener antiker Gottesbilder, die Einlass in biblische Texte gefunden haben.» [38]
Einen qualitativen Unterschied zwischen den mythischen Gottesvorstellungen des Altertums und den biblischen Darstellungen kann ich in Benz Ausführungen nicht erkennen. Das Alte Testament bildet ab, «wie Menschen Gott als Kinder ihrer Zeit subjektiv verstanden haben und wo sie in der Entwicklung ihres Gottesverständnisses gerade standen». [39] Manche Texte spiegeln deshalb «eher die Sichtweise ihres antiken Umfeldes wider als den Herzschlag Gottes». [40] In einem Movecast zum Thema Bibelverständnis erklärt Benz:
«Gott will dokumentieren, wie damals Menschen gedacht, geglaubt haben, wie ihre Gottesvorstellung war, wie ihre Bewusstseinsebene war. Er will, dass das dokumentiert und dargestellt wird, weil er gleichzeitig zeigen will, wie grossartig sich Glaube, Gottesvorstellung, Erkenntnis und Bewusstsein weiterentwickeln kann. In der Bibel findet sich Entwicklung von primitiv, von ganz archaischer Gottesvorstellung, zu einer immer grösser werdenden Offenbarung, die dann in Christus endet, mündet.» [41]
Jesus ist die Mitte der Schrift. In ihm lösen sich die widersprüchlichen Gottesbilder des Alten Testaments auf. Jesus ist die entscheidende Gottesmanifestation, in der sich Gott den Menschen gegenüber «vereindeutigt» und der vollkommene Ausdruck von Gottes Wesen. [42]
Zwischen den Gottesbildern des Alten Testaments und Jesus besteht eine unüberbrückbare Kluft. [43] Das zeigt sich an zentralen Glaubensbeständen, die Benz dekonstruiert: Gegen die Lehre vom Sühnetod Jesu zu unseren Gunsten argumentiert Benz: Gott ist keine blutrünstige Gottheit, die Opfer braucht, um gnädig gestimmt zu werden. Gegen die Lehre von der ewigen Verlorenheit argumentiert Benz: Gott ist nicht Gewalt und er unterhält auch keine ewige Folterkammer. [44] Benz postuliert harte Widersprüche zwischen dem Alten und dem Neuen Testament: Der Gott von Deuteronomium 28 ist ein Sadist, der Gott von Lukas 7 ein Tröster. [45]
Drittens: Der Entwicklungsprozess im religiösen Verständnis, der sich im Alten Testament beobachten lässt, schliesst Inspiration als Akt aus, in welchem sich Gott den menschlichen Autoren in souveräner Weise bedient.
Der Gedanke der Inspiration schrumpft bei Benz auf seine Möglichkeiten im Rahmen einer evolutionären gesellschaftlichen Entwicklung zusammen:
«Religiöses Bewusstsein ist nicht einfach vom Himmel gefallen. Religiöses Bewusstsein, Gottesverehrung, Frömmigkeit, Gottesbilder und moralisches Verständnis entwickeln sich. Sie sind immer auch Abbild des Umfeldes und der Zeit, in denen Menschen sich befinden … Die Bibel bildet dieses Voranschreiten im Rahmen ihrer Möglichkeiten ab.» [46]
Inspiration als transzendentes Einwirken eines souveränen Gottes auf die menschlichen Verfasser schliesst Benz aus: Die biblischen Autoren sind «Kinder ihrer Zeit und Gott konnte sie nur im Rahmen ihrer Vorstellungen inspirieren». [47] Benz stutzt das Prinzip der Fortschreitenden Offenbarung auf einen immanenten Vorgang zusammen:
«Die Bibel ist kein flaches Buch, bei dem alle Aussagen gleichwertig nebeneinanderstehen. Es gibt deutliche Entwicklungen darin. Durch diese Entwicklungen werden manche Vorstellungen, Gebote, Gottesbilder und religiöse Konzepte abgelöst durch neue und andere. So offenbart sich Gott fortschreitend. Um uns an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen, ist alles in der Bibel Gottes Absicht, aber nicht alles Gottes Ansicht.» [48]
Wenn man Benz folgt, ist man als Bibelleser genötigt, ständig zwischen menschlichen Ansichten und göttlichen Absichten zu unterscheiden. Abgesehen davon, dass unter diesen Voraussetzungen gar nicht alle Teile der Bibel inspiriert sein können, muss sich der Bibelleser durch harte Widersprüche kämpfen und sie gegeneinander abwägen. Ein vertrauensvolles Lesen der Schrift wird so deutlich erschwert. Das gilt auch für das Neue Testament, selbst wenn Benz mit seiner Kritik beim Alten ansetzt. Wenn die alttestamentlichen Autoren der Bibel «Kinder ihrer Zeit» waren und Gott sie «nur im Rahmen ihrer Vorstellungen» inspirieren konnte, sind auch die neutestamentlichen Verfasser gefangen in der Denkweise ihrer Kultur. Folgt man Benz Argumentation muss von einem fehlerhaften Zeugnis über Jesus in den Evangelien ausgegangen werden. Benz denkt seine kritischen Gedanken über die Inspiration nicht zu Ende, aber es ist offensichtlich, dass er mit ihnen die Integrität des Evangeliums grundsätzlich in Frage stellt.
Die Bibel ist bei Martin Benz ein Buch, in dem sich göttliche Wahrheiten und pagane Einflüsse vermengen, so dass der Bibelleser genötigt ist, Teile der Bibel im Licht der Offenbarung in Jesus Christus zu kritisieren.
BEWERTUNG
Benz zeigt in seinem «Umzugshelfer» (so der Untertitel des Buches) ein starkes Bedürfnis, sich von seiner fundamentalistischen Vergangenheit abzusetzen. Das gilt insbesondere für das Schriftverständnis.
Die meisten Evangelikalen können gut damit leben können, dass die Schöpfungsgeschichte poetische Elemente enthält und damit nicht bloss faktische, sondern auch poetische Wahrheit sein will. Und auch damit, dass Hiob möglicherweise eine literarische Figur und keine historische Person ist.
Leider scheint Benz nicht in Betracht zu ziehen, dass Texte wie die Schöpfungsgeschichte und der Sündenfall sowohl faktische als auch poetische Wahrheiten enthalten können. Die Klage, im Fundamentalismus gäbe es eine einseitige Konzentration auf Fakten, die das lebensdienliche Potenzial mancher biblischer Texte übergehe, ist leider nur allzu berechtigt. Das Problem ist, dass Benz das eine gegen das andere ausspielt, indem er einen scharfen Gegensatz zwischen faktischen und poetischen Wahrheiten zu favorisieren scheint.
Benz gibt mir als Leser nichts in die Hand, das mein Vertrauen in die historische Verlässlichkeit des Alten Testaments stärken könnte. So weiss ich nicht, ob Benz an eine reale Gotteserscheinung am Sinai glaubt und daran, dass die Tora des Mose auf Offenbarung beruht. Benz scheint einen Bruch zwischen Glaube und Geschichte in Kauf zu nehmen und stösst damit die Tür zu einem unhistorischen Alten Testament auf.
Das zentrale Argument in Benz Plädoyer und gleichzeitig sein grösstes Problem ist die Idee eines religiösen Entwicklungsprozesses innerhalb der Bibel und das Postulat paganer Einflüsse auf das Alte Testament, so dass sich selbst Gottesbilder ändern. Abgesehen davon, dass einige Argumente von Benz zugunsten einer religiösen Weiterentwicklung unhaltbar sind, wie Benjamin Kilchör in einem lesenswerten Artikel zeigt, [49] sprechen mindestens zwei Überlegungen gegen Benz Annahme:
Zum einen sind die Gottesbilder des Alten Testaments im Vergleich mit antiken Vorstellungen äusserst konsistent. Im antiken Griechenland stritten sich die Philosophen über das Wesen und die Anzahl der Götter und widersprachen sich ständig. Die meisten gingen von unzähligen Göttern aus, einige wenige zeigten eine Neigung zum Monotheismus, kaum einer war Atheist. Einig war man sich nur darin, dass die Götter launisch und unberechenbar waren und eine Moral zeigten, vor denen Eltern ihre Kinder allezeit warnten. [50]
Zum andern gibt es im gesamten alttestamentlichen Kanon keinen Verfasser, der in Anspruch nimmt, eine ganz andere Seite Gottes zeigen zu wollen, welche vorangegangenen Äusserungen widerspricht. Es gibt Aussagen in den Propheten, dass Gottes etwas Neues schaffen oder das er einen neuen Bund mit seinem Volk machen wird, aber keine Ansagen, die auf eine Entwicklung hinweisen, die alte Einsichten «einreissen». Es gibt fortschreitende Offenbarung im Alten Testament, aber nicht im Rahmen eines evolutionären geistesgeschichtlichen Fortschritts, wie ihn Benz vorauszusetzen scheint, sondern im Rahmen von Gottesoffenbarungen, die bestehende Einsichten präzisieren.
Insgesamt habe ich den Eindruck bekommen, Benz lese die Bibel als blosses Protokoll von menschlichen Erfahrungen, fast wie ein Tagebuch der Menschheit, das den Fortschritt im religiösen Erkennen der Menschheit dokumentiert. Das Licht der Offenbarung geht Benz erst bei Jesus auf.
Kein evangelikaler Theologe bestreitet, dass es in der Bibel Entwicklungen gibt. Wie bestimmte Sachverhalte aufeinander zu beziehen sind, etwa die Frage der Gewalt oder die Haltung zur Sklaverei, ist Gegenstand intensiven Ringens und die Antworten fallen nur in seltenen Fällen leicht. Keiner aber geht so weit wie Benz und spricht davon, dass wir im Alten Testament auf «widersprüchliche Gottesbilder» stossen oder «Grundpfeiler der Tradition» von einem Buch zum andern «eingerissen» werden. Offenbar ist Benz dem Gedanken der Einheit der Schrift entfremdet.
Am meisten beunruhigt mich, dass Benz kaum offenbarungstheologisch und weitgehend religionsgeschichtlich argumentiert. Sein Ansatz rückt ihn in die Nähe der «Religionsgeschichtlichen Schule», die um die vorletzte Jahrhundertwende zu einem der Haupttreiber der Bibelkritik wurde. Der Begriff steht für einen Kreis von evangelischen Theologen, die ihren grössten Einfluss zwischen 1890 und 1920 erreichten. [51]
Die Vertreter der Religionsgeschichtlichen Schule stellten die Forderung auf, die Bedeutung der Bibel müsse nicht von ihrem Offenbarungsanspruch her erschlossen, sondern aus dem Vergleich mit den Religionen des Altertums herauskristallisiert werden. Es sei also nicht biblisch, sondern geschichtlich zu verfahren.
An Arbeit für die vergleichende Religionswissenschaft mangelte es nicht. Die spektakulären Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts ermöglichten es, alttestamentliche Bibeltexte mit gleichaltrigen oder älteren Texten der Babylonier, Assyrer und anderer Völker zu vergleichen. Man entdeckte Verbindungen zwischen altorientalischen Sagen und alttestamentlichen Erzählungen sowie babylonischen Gesetzen und dem Gesetz des Mose. In vielen Fällen glaubte man, Abhängigkeiten von altorientalischen Stoffen und deren Weiterentwicklungen im Alten Testament nachweisen zu können.
Nach der Religionsgeschichtlichen Schule ist das Alte Testament das Resultat einer vielschichtigen religiösen Entwicklung innerhalb des Altertums. In Israel seien uralte babylonische und kanaanäische Sagen aufgenommen und über lange Zeiträume tradiert und verändert worden. In dieser Überzeugung eröffnete Hermann Gunkel seinen kritischen Genesiskommentar von 1901 mit dem programmatischen Satz: «Die Genesis ist eine Sammlung von Sagen.» [52]
Das Resultat dieser Annahmen war eine radikale Neuinterpretation des Alten Testaments und eine fatale Herabsetzung seiner historischen Glaubwürdigkeit: Die Offenbarung am Sinai habe nie stattgefunden, die Tora sei nicht von Gott gegeben, Israel habe Kanaan nie erobert, die biblischen Geschichten seien blosse Mythologie. Von der Einzigartigkeit des Alten Testaments konnte unter diesen Voraussetzungen nicht mehr die Rede sein.
Die Prämissen der Religionsgeschichtliche Schule wirken in der modernen Bibelwissenschaft bis heute nach. Nach ihnen ist die Religion Israels eine lokale Ausprägung eines altorientalischen Traditionsprozesses. Es handelt sich nicht um Offenbarungsreligion, sie ist ein blosser Abkömmling der bunten Religiosität des Altertums.
Benz Ausführungen irritieren, weil sie genau in dieses weltanschauliche Schema passen. Benz spricht nicht grundsätzlich von einem unhistorischen Alten Testament, bringt aber religionsgeschichtliche Argumente ein, die geeignet sind, den Offenbarungscharakter der Bibel völlig aufzulösen.
Benz religionsgeschichtlicher Ansatz schliesst Inspiration als souveränen Akt Gottes aus. Mit der Aussage, die Verfasser der Bibel seien «Kinder ihrer Zeit» gewesen und Gott hätte sie «nur im Rahmen ihrer Vorstellungen» inspirieren können, ist nicht nur das evangelikale Schriftverständnis aufgegeben, sondern auch das reformatorische Vertrauen in die Bibel als von Gott ausgehendes Wort ins Abseits gedrängt.

«WEITERGLAUBEN»
THORSTEN DIETZ (2018)
Thorsten Dietz ist vielen durch seine Podcasts, Vorträge und Bücher bekannt. Ein besonderer Schwerpunkt seines Schaffens bildet die Auseinandersetzung mit der evangelikalen Bewegung und fundamentalistischen Denkansätzen. Dietz geistliche Reise begann in der evangelikalen Welt, aus der er sich nach und nach herausarbeitete. Sein Standardwerk «Menschen mit Mission» ist eine Darstellung evangelikaler Geschichte und Theologie aus der kritischen Halbdistanz. [53] Ich beziehe mich auf «Wege zur Liebe», um Dietz Aussagen in «Weiterglauben» zu ergänzen.
ANALYSE
«Weiterglauben» ist eine Sammlung von Beiträgen, mit denen Dietz der Polarisierung in der Christenheit entgegenwirken und zu einem Glauben anregen will, der aus der Enge in die Weite führt. [54] Auskunft über Dietz Schriftverständnis geben die Kapitel über Gott (Seite 33–51), Wahrheit (Seite 53–75) und die Bibel als Gottes Wort (Seite 77–98).
Im Kapitel «Gott gehört uns nicht» geht es um die Frage, inwiefern Menschen in der Lage sind, von Gott zu reden.
Dietz geht von der Tatsache aus, dass wir an ein Geheimnis rühren, wenn wir von Gott reden. [55] Menschliche Sprache und Denkfähigkeit sind Beschränkungen unterworfen. Gott ist immer mehr als unsere Erfahrungen, stets grösser als unsere Gedanken und Begriffe. Obwohl Gott uns nah ist, kann man von Gott nur metaphorisch und «in Rätseln» sprechen. [56]
Angesichts des Gottesgeheimnisses und den Grenzen menschlichen Erkennens, fordert Dietz eine Theologie der Vorläufigkeit und des Verzichts auf Eindeutigkeit. Die konservative evangelikale Bibeltheologie ist Dietz ein Dorn im Auge. In «Menschen mit Mission» beklagt er eine «Sehnsucht nach kognitiver Klarheit und Eindeutigkeit» und wirft den Evangelikalen vor, Abweichler erbittert zu bekämpfen. [57]
Mit seiner Theologie der Vorläufigkeit wirkt Dietz einem überbordenden Dogmatismus entgegen, wie er in populären Formen des Fundamentalismus häufig zu finden ist. Gleichzeitig erschwert er es, zentrale Glaubenswahrheiten und verbindliche Wertsetzungen aus den biblischen Texten abzuleiten.
Im Kapitel «Eine, meine oder keine Wahrheit?!» nähert sich Dietz dem Wahrheitsbegriff an, indem er zwischen einer Wahrheit und ihren Ausdruckweisen unterscheidet. [58]
Die menschliche Fähigkeit, einen Umstand oder eine Wahrheit adäquat zu erfassen und zu beschrieben, ist begrenzt. Das hat nach Dietz auch für die Bibel Gültigkeit: Zwischen Jesus und dem Evangelium einerseits und der Bibel als Zeugnis des Christusereignisses anderseits muss unterschieden werden: [59]
«Die Unterscheidung zwischen der Glaubenswahrheit und ihren jeweiligen Gestalten in konkreten Aussagen ist für das Christentum wesentlich … Nur so kommen wir … gut klar damit, dass die vier Evangelien teilweise recht verschiedene Akzente in ihrer Wiedergabe der Verkündigung Jesu setzen.» [60]
Dietz vermeidet es, von Widersprüchen zu sprechen, lässt mit seiner Unterscheidung aber Raum dafür. Allerdings nimmt Dietz an anderer Stelle für sich in Anspruch, den Evangelien im Vertrauen zu begegnen, dass sie Gottes Heilshandeln vertrauenswürdig bezeugen. [61]
Im Kapitel «Ist die Bibel Gottes Wort?» sowie in einem weiteren über die Autorität der Bibel in ethischen Fragen distanziert sich Dietz von der Ineinssetzung von Bibel und Gotteswort.
Im Fundamentalismus ist die Einheit von Bibel und Gottes Wort Voraussetzung für die Irrtumslosigkeit der Schrift. In der lutherischen Orthodoxie [62] wurde diese Position erstmals systematisch entfaltet. Dietz argumentiert in den besagten Kapiteln mit Luther und den Pietisten gegen die Orthodoxie für einen kritischen Umgang mit der Bibel:
In der Kanonfrage ist für Luther entscheidend, ob eine biblische Schrift auf die freimachende Gnade in Jesus Christus hinweist. Bei der Überprüfung des kanonischen Stellenwerts einer Schrift verfährt Luther nach dem Grundsatz: «Die Schrift ist nicht gegen, sondern für Christus zu verstehen, also entweder auf ihn zu beziehen oder nicht für wahre Schrift zu halten.» [63]
In ethischen Fragen sucht Luther sowohl dem biblischen Wort als auch der konkreten Lebenssituation gerecht zu werden. Dietz zeichnet nach, wie Luther sich unter Berücksichtigung der Lebenswirklichkeit von Betroffenen schon mal für Notlösungen und Kompromisse aussprechen konnte. Dietz folgert:
«Ethische Fragen können gar nicht anders, als immer in einem bestimmten kulturellen Kontext bedacht werden. Das bedeutet auch … dass biblische Gebote ausdrücklich auf ihren zeitgeschichtlichen Kontext hin befragt werden müssen, wie auch unsere Situation erst gründlich wahrgenommen und verstanden werden muss, bevor man an eine adäquate Normanwendung denken kann.» [64]
Das Schriftverständnis der lutherischen Orthodoxie sieht Dietz kritisch. In der Orthodoxie ging «die Unterscheidung von Evangelium und Bibel zunehmend verloren.» [65] Bibel und Wort Gottes wurden von den lutherischen Dogmatikern in eins gesetzt und so für die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift argumentiert. Dogmatisch abgesichert wurde die Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift mit einer voll ausgebildeten Verbalinspiration, wonach jedes einzelne Wort vom Heiligen Geist eingegeben ist. Diese Ineinssetzung läuft Dietz Unterscheidung zwischen einer Wahrheit und ihren Ausdruckweisen zuwider.
Licht sieht Dietz erst im Pietismus. Die Pietisten gaben «den verzweifelten Abwehrkampf der Orthodoxie um die irrtumslose Wahrheit der Bibel» nach und nach auf. [66] So bedeutende heilsgeschichtliche Theologen wie Adolf Schlatter verwiesen darauf, dass die Bibel weder in ihren geschichtlichen Aussagen noch in ihren prophetischen Ansagen Fehlerlosigkeit besitzt. [67]
Es ist offensichtlich in welche Richtung Dietz mit seinen historischen Blitzlichtern stösst: Er sucht den Nachweis zu erbringen, dass sich der Fundamentalismus mit seinem Proprium von der Irrtumslosigkeit der Schrift weder auf Luther noch die Pietisten berufen kann, sondern im Wesentlichen eine moderne Entwicklung des 20. Jahrhunderts ist. [68]
Die Bibel ist bei Thorsten Dietz Gotteswort im Menschenwort, wobei im Zweifelsfall das Menschenwort überwiegt, so dass die Bibel mit kritischer Distanz gelesen werden muss.
BEWERTUNG
In «Weiterglauben» spüre ich eine gewisse Ambivalenz. Einerseits will Dietz zu einem in der Bibel gegründeten Glauben anleiten. Anderseits arbeitet er ständig gegen die Inspiration und Autorität der Bibel.
In «Menschen mit Mission» zeigt sich ein ähnliches Bild. Dietz moniert mit Blick auf die evangelikale Bewegung ein verbissenes Ringen um die richtige Theologie. [69] Das Verständnis dafür, dass es den Evangelikalen um den Erhalt zentraler christlicher Glaubensbestände geht, scheint gering zu sein. Ebenso wenig kommt ins Blickfeld, dass die christlichen Glaubensbestände schon immer erklärt und verteidigt werden mussten. Die evangelikale Bewegung im deutschsprachigen Raum ist durch dieses Ringen überhaupt erst entstanden.
Der postevangelikale Aufbruch, der seit rund einem Jahrzehnt im deutschsprachigen Raum als Bewegung fassbar ist, hat angeregt durch profilierte Theologen wie Siegfried Zimmer und Thorsten Dietz bis in die evangelikale Mitte hinein zu einer massiven Dekonstruktion des Glaubens geführt. Im Grunde genommen stehen wir vor der fast identischen Situation wie im vorletzten Jahrhundert als die Bibelkritik an die kirchliche Basis gelangte und zentrale Glaubensbestände bestritten wurden.
Mit dem Vordringen der Bibelkritik kam es im deutschen Sprachraum ab dem frühen 19. Jahrhundert zu einer von konservativen Kreisen angeführten Protestbewegung, die in ihrer Ausrichtung lange vor der eigentlichen Begriffsbildung evangelikal war. Sie richtete sich gegen die universitäre Theologie, die mit den Methoden der historischen Kritik arbeitete. [70] Jörg Breitschwerdt konstatiert in seiner akribischen Studie «Theologisch konservativ» folgende Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts:
«Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der theologische Rationalismus in vielen Gebieten Deutschlands sehr wirkmächtig – viele Pfarrer waren von ihm geprägt, auch in den Kirchenleitungen. An den evangelisch-theologischen Fakultäten in Deutschland setzte sich zudem im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr die historisch-kritische Methode zur Erforschung der Schriften des Alten und Neuen Testamentes durch. Diese Entwicklung wurde jedoch bei vielen Gemeindegliedern und Gemeindepfarrern nicht mit vollzogen, so dass sich zwischen Gemeindefrömmigkeit und theologischer Wissenschaft eine immer grössere Kluft auftat, die während des gesamten 19. Jahrhunderts als Konfliktherd schwelte.» [71]
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen sich mit der bibelkritischen Theologie und den evangelikal geprägten Erweckungsbewegungen zwei grosse Ströme gegenüber, «wobei von den erweckten Theologen vor allem die Sündhaftigkeit des Menschen und seine daraus folgende Verlorenheit, die Gottheit Jesu Christi und der Sühnetod Jesu als nicht aufgebbarer christlicher Lehrbestand deklariert, von den von liberalem und rationalistischem Gedankengut bestimmten Theologen dagegen die hinter den biblischen Berichten liegende moralische Wahrheit betont wurde». [72] Für den erwecklichen Protestantismus ist stets das Vertrauen in die Bibel als verlässliches Gotteswort die entscheidende Grundlage gewesen.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts drang die Bibelkritik an die Universitäten vor. Sie eroberte einen festen Platz in der Pfarrausbildung und führte zu Unsicherheiten und Konflikten in den Kirchgemeinden. Der Kritik verpflichtete Pfarrer vermochten die von den konservativen Kräften betonten «Heilstatsachen» nicht mehr glauben und ersetzten sie mit «Vernunftwahrheiten», die sie rationalistisch aus der Bibel ableiteten. Zu den «Heilstatsachen» zählten die Konservativen die Jungfrauengeburt Jesu und seine Göttlichkeit, die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, Jesu Sühnetod zur Rechtfertigung des Sünders, seine leibliche Auferstehung und sein Wiederkommen als Weltenrichter. Diese Heilstatsachen bildeten einen Grundbestand des Glaubens, der konservative und erweckliche Kreise weit über das 19. Jahrhundert hinaus einte.
Die Parallelen zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert sind offensichtlich. In beiden geht es um die Abwehr eines kritischen Programms und den Erhalt zentraler Glaubensbestände:
- Zum einen sind die zentralen Glaubensbestände, die heute von den Evangelikalen verteidigt und erklärt werden, praktisch identisch mit den Heilstatsachen, die von den konservativen Kräften im 19. Jahrhundert hochgehalten wurden.
- Zum andern werden im Postevangelikalismus dieselben Glaubensbestände dekonstruiert wie im 19. Jahrhundert beim Vordringen der Bibelkritik an die kirchliche Basis.
- Nicht zuletzt stehen am Ursprung der Dekonstruktion damals wie heute weltanschauliche Vorentscheidungen, die eine kritische Distanz zur Bibel schaffen und das Vertrauen in Gottes Wort unterminieren.
Dietz nimmt für sich in Anspruch, der Bibel mit Vertrauen zu begegnen, trägt aber weltanschauliche Vorentscheidungen an die Bibel heran, welche dieses Vertrauen in Frage stellen:
Dietz unterscheidet zwischen Bibel und Gottes Wort. Das ist kritisches Programm. Es geht auf das 18. Jahrhundert zurück als Johann Salomo Semler in seiner «Abhandlung von freier Untersuchung des Canon» (1771) die Unterscheidung von Wort Gottes und Heiliger Schrift forderte. [73] Semlers Unterscheidung von Wort Gottes und Heiliger Schrift «wurde zum Prinzip einer neuen Hermeneutik, welche die Lehre von der Verbalinspiration gänzlich entwertete und den dogmatisch gleichförmigen Kanonbegriff auflöste, weil unter dieser Voraussetzung gar nicht alle Teile des Kanons inspiriert sein konnten.» [74]
Dietz Unterscheidung zwischen dem historischen Jesus und dem Evangelium einerseits und der Bibel als Zeugnis dieses Geschehens anderseits ist ebenfalls kritisches Programm. Damit treibt er einen Keil zwischen Jesus und die Evangelien. Es ist exakt derselbe Vorgang, der im 19. Jahrhundert das Aufkommen der Bibelkritik ermöglichte und das Vertrauen in die Schrift unterminierte.
Obwohl Dietz nicht zu einer Fundamentalkritik an den Evangelien ansetzt, bin ich besorgt. Seine Denkvoraussetzungen sind ein geeignetes Werkzeug, um biblische Glaubenssätze zu dekonstruieren. Wohin das führt, werde ich am Schluss des Artikels an Dietz neustem Werk «Wege zur Liebe» aufzeigen.
Schliesslich sucht Dietz sein kritisches Programm mit geschichtlichen Blitzlichtern zu untermauern. Er ruft den Pietismus und der dem Pietismus nahestehenden Adolf Schlatter als Zeugen auf, um gegen die Irrtumslosigkeit der Bibel zu argumentieren. Die Argumentation ist enttäuschend einseitig. Sie erweckt den Eindruck, die Pietisten und Schlatter hätten sich von einer verlässlichen Bibel abgewendet und sie kritisch gelesen. Das Gegenteil ist der Fall:
Der Pietismus leistete einen wichtigen, in der Wissenschaft aber weitgehend ungehörten Beitrag zur akademischen Diskussion. Ihm war daran gelegen, einen erwecklichen und vertrauensvollen Umgang mit der Bibel zu fördern. Gleichzeitig wollte der Pietismus auf die modernen Herausforderungen in wissenschaftlich verantwortbarer Weise reagieren. Wissenschaftliches Arbeiten an den biblischen Texten und das vertrauensvolle Lesen der Schrift gingen Hand in Hand. Es gelang den Pietisten, in der Volksfrömmigkeit der Bibel Achtung zu verschaffen. In der akademischen Diskussion vermochten sie sich nicht durchzusetzen.
Das Bild, das Dietz vom pietistischen Schriftverständnis und von Schlatters Haltung zur Bibel zeichnet, ist irreführend. Schlatters heilsgeschichtliches Schriftverständnis war geprägt von der Überzeugung, dass Gott sich in der Bibel zuverlässig zu erkennen gibt. Die Bibel ist nach Matthäus 5,18 Gottes Wort, das «an Gottes Ewigkeit Anteil hat und durch den Menschen nicht entkräftet werden kann». [75] Mit Blick auf 2Petrus 1,21 legt Schlatter dar, dass die Propheten «über Gottes Willen Auskunft gaben». Gott bewegte in seiner Gnade Menschen durch seinen Geist, so dass sie nicht aus ihrem Willen, sondern aus Gott redeten. [76] Eine kritische Distanz zur Bibel sieht anders aus.
Nach der Lektüre von Dietz bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Einerseits spricht Dietz von der Bibel als Gottes Wort und stellt wertvolle Überlegungen für eine denkende Erfassung des Glaubens an. Anderseits baut er mit seinen weltanschaulichen Überlegungen und den einseitigen historischen Blitzlichtern eine Distanz zur Bibel auf.
Ich empfinde seine Ausführungen weniger als eine Einladung zum Weiterglauben und mehr als eine Anstiftung zum Zweifeln. Warum das so ist, wird mir erst nach dem Hören seines Worthaus-Vortrags über die Entstehung und Autorität des Neuen Testaments klar, in welchem Dietz sein Verständnis von Inspiration offenlegt. [77]
Dietz legt dar, dass die Frühe Kirche die kanonischen Texte des Alten Testaments als inspirierte Texte las, distanziert sich aber deutlich von einem aus seiner Sicht völlig verfehltem Inspirationsverständnis:
«Ein falsches Verständnis von Inspiration ist die Inspiriertheit als feststehende Tatsache einer bestimmten Gruppe von Schriften, wo man sagt: Die sind von Gott inspiriert. Das heisst, die sind absolut wahr. Das heisst, du musst das alles glauben.» [78]
Die kategorische Absage an das neutestamentliche Inspirationsverständnis kommt überraschend. Zuerst sagt Dietz, die Frühe Kirche hätte das gesamte Alte Testament als göttlich inspiriert gelesen, um gleich darauf zu sagen, eine «bestimmte Gruppe von Schriften» als inspiriert zu betrachten, sei völlig verfehlt. Deutlicher kann man sich von der Heiligen Schrift nicht emanzipieren.
Ähnlich einseitig wie bei den historischen Blitzlichtern argumentiert Dietz, es gäbe mit 2Tim 3,16 nur gerade einen einzigen Vers in der Bibel, in welchem es heisst, die Schrift sei «theopneustos». Aus diesem Text sei «ein völlig massloser Bibelglaube konzipiert worden», welcher der Bibel in keiner Weise gerecht werde. [79] Andere Texte, die der Sache nach mit Inspiration zu tun haben, übergeht Dietz und erweckt so den Eindruck, es gäbe nur gerade eine einzige verwertbare Bibelstelle zum Thema. Dietz definiert Inspiration mit den Worten:
«Inspiration ist insofern keine Inspiriertheit, keine mechanische Theorie, so und so sind diese Schriften entstanden. Inspiration ist ein Mitteilungs- und Erkenntnisraum, ein Mitteilungs- und Erkenntniszusammenhang, in dem gehört, gelesen, verstanden, bezeugt und gelebt wird. Dieses Verständnis von Inspiration ist sehr wesentlich, sehr wertvoll, wird oft erstickt durch ein Inspiriertheitsdogma, was in dieser Form nicht biblisch ist.» [80]
Ob Dietz sagen will, die Inspiration der biblischen Texte habe weniger mit ihrer Entstehung und mehr mit der Rezeption der Empfänger zu tun, ist für mich nicht klar. Die nebulöse Definition von Inspiration als Mitteilungs- und Erkenntnisraum klingt wie ein modernes Kommunikationskonzept und hat keine biblischen Wurzeln. Klar ist eigentlich nur, dass sich Dietz damit wortreich vom Inspirationsverständnis des erwecklichen Protestantismus verabschiedet.

WOHIN FÜHRT DIE REISE DER POSTEVANGELIKALEN?
Die Überzeugung, dass uns die Bibel den Weg zum Leben und zum Glauben weist, ist stets eines der besonderen Merkmale erwecklicher und evangelikaler Frömmigkeit gewesen. Vor dreissig Jahren schrieb Derek Tidball in seinem Grundlagenwerk über die evangelikale Bewegung:
«Evangelikale schätzen die Schrift hoch ein. Sie ist ihre angesehenste Richtschnur für Leben und Glauben. Sie sind überzeugt, dass sie inspiriert und frei von jedem Irrtum in Fragen der Lehre und des Glaubens ist. Sie treten dafür ein, dass sie verständlich ausgelegt wird und vor allem, dass man ihr gehorcht.» [81]
Dieser Glaube, der die Bewegung zusammengehalten und ihren Erfolg im 20. Jahrhundert ausgemacht hat, wankt.
Der gesellschaftliche Auslöser dieser Entwicklung ist der weltanschauliche Relativismus der Postmoderne. Die Postmoderne steht Wahrheitsansprüchen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Während in der Aufklärung und in der Moderne die Vernunft überbewertet wurde, wird in der Postmoderne das Individuelle überschätzt. «Wahrheit» wird stets neu konstruiert. Was wahr ist, entscheiden Menschen individuell. Es hat weniger mit vernünftigen Argumenten und mehr mit ihrem persönlichen Empfinden sowie wechselhaften gesellschaftlichen Bedingungen zu tun. Die Evangelikalen haben dem relativistischen Wahrheitsbegriff erfolgreich den wuchtigen Gedanken der Offenbarung entgegengehalten, die Postevangelikalen stellen ihn aus weltanschaulichen Überlegungen in Frage. Die Brandmauer bröckelt.
Der Postevangelikalismus ist das Krisenphänomen der Postmoderne und der theologische Brandbeschleuniger dieser Entwicklung. Er stellt den Versuch dar, den biblischen Wahrheitsanspruch und das relativistische Wirklichkeitsverständnis der Postmoderne zusammenzudenken. Resultat dieses Aufeinandertreffens von Heiligem Geist und Zeitgeist ist eine Relativierung der Bibel.
Bis zur Entstehung eines postevangelikalen Flügels war das Schriftverständnis der Evangelikalen relativ homogen. Es schloss sich an das reformatorische Schriftverständnis an und war im Einklang mit der Hochschätzung der Heiligen Schrift in der evangelischen Bekenntnistradition: [82]
Im Heidelberger Katechismus von 1563 heisst es, dass Christen alles für wahr halten, was Gott uns in seinem Wort offenbart hat. [83] Im Westminster Bekenntnis von 1647, das die Hauptströmungen der Reformation in England zusammenfasste, heisst es, dass die Schrift von unfehlbarer Wahrheit und göttlicher Autorität ist. [84] Im Zweiten Helvetischen Glaubensbekenntnis heisst es, dass das Alte und das Neue Testament das wahre Wort Gottes sind, durch das Gott zu uns spricht.
Die Evangelikalen fanden sowohl in ihren historischen Anfängen im angelsächsischen Raum als auch in ihrer modernen Form im deutschen Sprachraum durch dieses Schriftverständnis als Bewegung zusammen. Die Evangelikalen können eine lange Bekenntnistradition für ihren Standpunkt geltend machen. Stadelmann resümiert:
«Evangelikales Schriftverständnis steht in einer langen Tradition evangelischen Bekennens. Evangelikales Schriftverständnis ist vor Auflösungserscheinungen und Uminterpretationen nicht geschützt. Bis heute hat das evangelikale Bekenntnis aber immer wieder die Kraft gehabt das zu bezeugen, wofür eine gute evangelische Bekenntnistradition steht: die uneingeschränkte göttliche Inspiration, Autorität und Wahrheit der Heiligen Schrift.» [85]
Wohin führt es, wenn unter dem Einfluss postevangelikaler Hermeneutik dieses Bekenntnis wankt? Was genau ist das Problem am postevangelikalen Schriftverständnis? Darauf möchte ich mit Blick auf die Beiträge von Zimmer, Benz und Dietz in drei Statements antworten.
Erstens:
Die postevangelikale Hermeneutik entwertet das Konzept der Inspiration. Das führt zur Relativierung des Wahrheitsbegriffs und zu einem Vertrauensverlust in die Bibel als Gotteswort.
Bei meiner Stichprobe bin ich kaum auf positive Aussagen über die Inspiration der Heiligen Schrift gestossen. Die drei Autoren haben ein starkes Bedürfnis, den Gedanken der Inspiration abzuschwächen. Zimmer verwendet die einschlägigen Stellen, um sich gegen die Theorie der Verbalinspiration auszusprechen. Dietz distanziert sich von einem nebulösen «Inspiriertheitsdogma». [86] Benz entwertet mit seinem religionsgeschichtlichen Ansatz den Inspirationsgedanken fast ganz. Mit ihrem kritischen Ansatz legen die Autoren die Axt an die Wurzel des Baumes und bauen eine Distanz zwischen dem Leser und der Bibel auf.
Einen fruchtbaren Umgang mit der Bibel kann es nur geben, wenn man sie nicht mit kritischer Distanz, sondern vertrauensvoll liest, denn Gott kann man nur im Glauben richtig begegnen (Hebr 11,6). Christen begegnen der Bibel nicht mit Skepsis, sondern im Vertrauen, dass uns Gott mit ihr den Weg zum Glauben und zum Leben weist.
Mit seiner Hermeneutik des Vertrauens steht das evangelikale Schriftverständnis in einer Linie mit der altkirchlichen und der reformatorischen Bibelauslegung.
Für die Reformatoren war die vertrauensvolle Bibellektüre entscheidend. Die Schrift ist in sich gewiss und klar, deshalb kann man ihr vertrauen. [87] Das schlichte Bibelwort, bei Luther in Form des Römerbriefs, wurde zum Urquell der Reformation. Beim Lesen der Heiligen Schrift müssen einem nach Luther «Sinn und Verstand stracks verzagen». Man kann die Bibel nur mit «rechter Demut und Ernst zu Gott» und durch die Hilfe des Heiligen Geistes recht verstehen. [88]
Die Evangelikalen suchen das reformatorische Vertrauen in die Schrift lebendig zu erhalten. Postevangelikale unterminieren es regelmässig, obwohl sich fast alle auf Luther berufen. In der Regel geschieht das jedoch nur, um die kritische Suche nach der Mitte der Schrift zu rechtfertigen. Das tiefe Vertrauen der Reformatoren in die Verlässlichkeit und Autorität der Schrift teilen sie nicht.
Es ist richtig, dass Luther Kanonkritik betrieb, um nach Christus zu suchen. Es stimmt ebenso, dass Luther, anders als Calvin in seiner «Institutio», keine ausgebildete Theorie der Inspiration entwickelte. [89] Kanonkritik aber ist nicht dasselbe wie Bibelkritik. Obwohl Luther in der Schrift kritisch danach suchte, was Christus treibet, übte er keine Bibelkritik. Nach seiner Überzeugung ist die Bibel das wahre Wort Gottes, dem wir in allem «den ersten Rang» einräumen müssen. [90] Die Tatsache, dass Luther dem Jakobusbrief einen kanonisch minderwertigen Rang einräumte, macht ihn nicht zum Bibelkritiker.
Luthers Grundvertrauen ist ganz in Übereinstimmung mit den Selbstaussagen der Schrift. Die entscheidenden neutestamentlichen Texte widerspiegeln den tief verankerten Glauben, dass die Schriften des Alten Testaments und die urkirchliche Verkündigung durch Gottes Geist hervorgebracht sind. Mit Peter Stuhlmacher ist deshalb festzuhalten, dass die Lehre von der Inspiration der Schrift «keine von der Kirche erst nachträglich an die Bibel herangetragene, sondern eine schon von der Schrift selbst vertretene und deshalb hermeneutisch ganz ernstzunehmende Anschauung» ist. [91]
Die Inspiration ist ein Gamechanger. Bei der Inspiration fällt die Entscheidung zwischen Vertrauen und Kritik und in manchen Fällen zwischen Glauben und Unglauben. Wer die Inspiration der Heiligen Schrift ablehnt oder ihre Bedeutung minimiert, ist ein Kandidat für die Dekonstruktion des Glaubens.
Die Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz spricht von der göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift und ihrer völligen Zuverlässigkeit. Die Lausanner Verpflichtung, mit der sich die Evangelikalen stark identifizieren, spricht von der Bibel Alten und Neuen Testaments als dem einzigen unfehlbaren Massstab des Glaubens und des Lebens. [92] Zimmer, Benz und Dietz argumentieren durchwegs gegen diese Überzeugung. Nach der Analyse der drei Werke ist meine anfängliche Sorge nicht kleiner, sondern grösser geworden. Der kritische Ansatz des Trios relativiert den biblischen Wahrheitsbegriff. Das «Gotteswort» schrumpft in ihrem Texten auf seine begriffliche Richtigkeit zusammen, bis es fast ganz hinter dem «Menschenwort» verschwindet.
Es fällt auf, dass Dietz und Zimmer gegen die Verbalinspiration argumentieren, wie sie in der lutherischen Orthodoxie mit ihrem Proprium von der absoluten Fehlerlosigkeit der Schrift vorherrschend war und heute in populären Formen des Fundamentalismus anzutreffen ist. Ihre Ausführungen erwecken der Eindruck, man müsste mit der Ablehnung der Verbalinspiration jegliche Form von Inspiration in Frage stellen. Dietz und Zimmer bieten jedenfalls keine Alternative zwischen diesen beiden Polen, obwohl es mit dem evangelikalen Schriftverständnis eine solche Alternative gibt:
Ein mechanisches Verständnis von Inspiration, wonach jedes einzelne Wort vom Geist Gottes diktiert wurde, entspricht nach evangelikalen Verständnis nicht dem geschichtlichen Werden der Heiligen Schrift und war nie Teil des evangelikalen Schriftverständnisses. Entscheidend ist, worauf sich der Gedanke der Unfehlbarkeit bezieht. Die meisten Evangelikalen möchten nicht von der absoluten Unfehlbarkeit der Bibel sprechen, sondern davon, dass uns die Bibel unfehlbar mit dem Willen Gottes bekanntmacht und ihr darum zu vertrauen und zu gehorchen ist.
Gegen die absolute Fehlerlosigkeit und für die Vertrauenswürdigkeit der Heiligen Schrift sprechen eine theologische und eine geschichtliche Überlegung:
Zum einen behauptet die Schrift nirgends ihre absolute Fehlerlosigkeit. Die Rede von der Unfehlbarkeit kommt dem biblischen Sprachgebrauch am nächsten. In Eph 3,3 ff ist von Gottes Offenbarung durch die (Schriften) der Apostel und Propheten die Rede, in 2Tim 3,16–17 von der Inspiration und Nützlichkeit der Schrift, in Mt 5,18 von der Erfüllung des kleinsten Buchstabens der Tora, in Joh 10,35 von der Verlässlichkeit der Schrift, aber nirgends von der absoluten Fehlerlosigkeit oder Irrtumslosigkeit der Schrift.
Zum andern sprachen die Apostel trotz ihres Vertrauens auf die Verlässlichkeit und dem Glauben an die Autorität des Alten Testaments nie von der Wahrheit der Schrift im Sinne einer Verbalinspiration. Die Apostel behandelten die Septuaginta (die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die in den urchristlichen Hausgemeinden gelesen wurde) als genauso inspiriert wie die Hebräische Bibel (deren Originalschriften zu neutestamentlicher Zeit nicht mehr existierten). Wenn Paulus in seinen Briefen aus dem Alten Testament zitiert, dann meistens aus der Septuaginta. Die freimütige Verwendung der Septuaginta zeigt, dass Paulus nicht auf eine Verbalinspiration angewiesen war und grosses Vertrauen hatte, dass Gott sich durch die Septuaginta wahrheitsgetreu mitteilt.
Die Ablehnung der Verbalinspiration muss also keineswegs zur Ablehnung des Inspirationsgedankens an sich führen.
Zweitens:
Die postevangelikale Hermeneutik verneint die Offenbarungsqualität der Bibel. Das führt zur Bereitschaft, die zentralen Glaubensbestände mit dem Zeitgeist zu verhandeln und mündet in einen Glaubensverlust.
Die kritische Bibellektüre ist systemrelevant für den Postevangelikalismus. Kritik an der Bibel ergibt sich in postevangelikalen Ansätzen schon vor der Entwertung des Inspirationsgedankens aus der Unterscheidung zwischen der Offenbarung in Jesus einerseits und den Evangelien als Zeugnis dieser Offenbarung anderseits. Offenbarung kann man nicht kritisieren, menschliches Zeugnis der Offenbarung hingegen schon. Für Evangelikale gilt ein feiner, aber nicht kleiner Unterschied:
Die Evangelien sind nicht nur Zeugnis der Offenbarung in Jesus, sondern Offenbarung selbst.
Die Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz widerspiegelt diese Überzeugung, wenn es heisst, dass sich evangelische Christen «zu der in den Schriften des Alten und Neuen Testaments gegebenen Offenbarung des dreieinigen Gottes» bekennen. Mit der Formulierung wird festgehalten, dass das Zeugnis der Evangelien Offenbarungsqualität hat, so dass im menschlichen Wort Gott selbst zu Wort kommt. Die Bibel ist nach evangelikalem Verständnis beides: Zeugnis des Lebens und Glaubens Israels und der ersten Christen und gleichzeitig Gottes normgebende Offenbarung für uns.
Die Chicago-Erklärung, mit der sich ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen identifizieren kann, expliziert diese Position:
Zum einen sind die Offenbarung durch die Schrift und die Offenbarung in Jesus Christus auf einer Ebene, so dass der Offenbarungsgehalt der Schrift nicht kritisch relativiert werden kann:
«Gott, der selbst die Wahrheit ist und nur die Wahrheit spricht, hat die Heilige Schrift inspiriert, um sich damit selbst der verlorenen Menschheit durch Jesus Christus als Schöpfer und Herr, Erlöser und Richter zu offenbaren. Die Heilige Schrift ist Gottes Zeugnis von seiner eigenen Person.»
Zum andern beschränkt die Chicago-Erklärung den Offenbarungsbegriff nicht auf Jesus, sondern dehnt ihn auf die Schriften des Neuen Testaments aus:
«Als Adam sündigte, überliess der Schöpfer die Menschheit nicht dem endgültigen Gericht, sondern verhiess das Heil und begann in einer Folge von historischen Ereignissen sich selbst als Erlöser zu offenbaren … Diese Linie der prophetischen Sprecher Gottes fand ihren Abschluss in Jesus Christus, der selbst ein Prophet war … und in den Aposteln und Propheten der ersten christlichen Generation. Als Gottes endgültige und auf den Höhepunkt zulaufende Botschaft, als sein Wort an die Welt in Bezug auf Jesus Christus gesprochen und von den Aposteln erläutert worden war, endete die Abfolge der Offenbarungsbotschaften.» [93]
Nach dieser Auffassung sind die neutestamentlichen Schriften mehr als Erinnerungszeugnis an den historischen Jesus und mehr als bezeugtes Wort, nämlich Offenbarung selbst.
Diese Position entspricht dem Selbstanspruch der Bibel. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament werden göttliche Offenbarungen so bezeugt und gedeutet, dass sie zu einer Einheit werden. Dabei ist nicht nur das Offenbarung, was bezeugt wird, sondern der Vorgang der Deutung gehört ebenso zum Offenbarungsgeschehen.
Wenn im Neuen Testament auf prophetische Texte beispielsweise des Propheten Jesaja Bezug genommen wird, unterscheiden die neutestamentlichen Verfasser nicht kritisch zwischen dem Reden Gottes, das der Prophet vernahm einerseits und dem Wortlaut von Jesaja, um dieses Reden weiterzuvermitteln anderseits, sondern Jesajas Worte werden als Worte Gottes gelesen. Das räumt in seinem Vortrag «Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons» selbst Thorsten Dietz ein, allerdings ohne darin ein Vorbild für den Umgang mit biblischen Texten zu erblicken. [94] Wenn demnach Evangelikale die Schrift «sowohl als Zeugnis von geschehener Offenbarung, als auch als göttlich inspiriertes Offenbarungswort» verstehen, kann man das aus weltanschaulichen Gründen kritisieren, aber es hat biblischen Rückhalt. [95]
Der Postevangelikalismus übernimmt das hermeneutische Muster nicht, nach dem im Neuen Testament mit dem Alten verfahren wird. Er trennt geschehenes und bezeugtes Wort und verneint so die Offenbarungsqualität der Bibel. Das hat weitreichende Folgen: Was in unserer radikal pluralistischen Welt wahr und verbindlich ist, können die Postevangelikalen nicht aus der Bibel ableiten, sondern müssen es mit dem Zeitgeist verhandeln.
Postevangelikaler Glaube ist im Grunde genommen Aufklärungstheologie im Gewand der Toleranz. Ein Blick zurück macht den weltanschaulichen Zusammenhang deutlich:
Unter dem Eindruck des Fortschritts kommt es in der Zeit der Aufklärung zu einer «kopernikanischen Wende» im Denken: Erkenntnismittelpunkt ist nicht mehr Gottes Offenbarung, sondern die menschliche Vernunft. Im Zentrum steht nicht länger das zu bedenkende Objekt (nämlich Gott und seine Offenbarung in seinen Werken), sondern das denkende Subjekt (der autonome Mensch, der über sich selbst verfügt). [96] Glaubensbestände, welche der aufstrebenden Vernunft widersprechen, werden dekonstruiert. Es kommt zu einem systematischen Abbau des religiösen Weltgebäudes, der zu einem ersten grossen Säkularisierungsschub in der Geschichte des Christentums führt.
In der Postmoderne kommt es unter anderen Vorzeichen erneut zu einer «kopernikanischen Wende» im Denken:
- Erkenntnismittelpunkt des traditionellen Christentums ist die in der Heiligen Schrift niedergelegte göttliche Offenbarung.
- Erkenntnismittelpunkt der Aufklärung ist die vom kirchlichen Dogma emanzipierte autonome Vernunft.
- Erkenntnismittelpunkt der Postmoderne ist das von Wahrheitsansprüchen befreite persönliche Empfinden des Individuums.
Durch die Wendungen im Denken wandelt sich der Wahrheitsbegriff:
- Im traditionellen Christentum ist das wahr, was dem Evangelium von Jesus Christus entspricht.
- In der Aufklärung ist das wahr, was rational herleitbar und vernünftig nachvollziehbar ist.
- In der Postmoderne ist die Suche nach Wahrheit agnostisch aufgegeben. Wahr ist, was sich richtig anfühlt.
Durch die Verneinung der Offenbarungsqualität der Bibel löst sich der Postevangelikalismus vom biblischen Erkenntnismittelpunkt. Er liefert sich dem toleranten Zeitgeist der Postmoderne aus, so wie sich die Aufklärungstheologen dem rationalistischen Zeitgeist der anbrechenden Moderne auslieferten.
Heute sehen wir, wohin das führt: Postevangelikaler Glaube schrumpft in vielen Fällen auf ein mit der postmodernen Toleranz vereinbares Minimum zusammen. In manchen Fällen kommt es zur totalen Dekonstruktion: Die Rede vom Zorn Gottes ist unmoralisch, das Sühneopfer Jesu am Kreuz unnötig, die Lehre vom Jüngsten Gericht unmenschlich, die sexualethischen Weisungen der Bibel unzeitgemäss. In den Anfängen des Postevangelikalismus hinterfragte man diese Glaubensbestände kritisch. Alternative Deutungen wurden mit offenem Ausgang diskutiert. Unterdessen scheint die Ablehnung dieser Bestände zu einem postevangelikalen Dogma geworden zu sein.
Drittens:
Die postevangelikale Hermeneutik relativiert den Geltungsanspruch der Bibel. Das führt zur Trennung von Ethik und Bekenntnis und bewirkt eine Pluralisierung der Sexualmoral.
Auf keinem anderen Gebiet distanzieren sich postevangelikale Vordenker stärker von evangelikalen Positionen und kritisieren sie heftiger als der Sexualethik. Aus diesem Grund scheint mir hier eine ausführlichere Wertung angebracht.
MARTIN BENZ
In Benz «Umzugshelfer» spielten ethischen Frage eine wichtige Rolle. Obwohl die Bibel eine «grossartige, von Gott inspirierte Quelle» der Ethik ist, eignen sich die biblischen Texte «nicht für eine christliche Sexualmoral». [97] Viele alttestamentliche Weisungen sind «unmenschlich» und nicht übertragbar auf die heutige Lebensrealität. [98] Mit Blick auf seine fundamentalistische Vergangenheit spricht Benz von einem Mangel an befriedigenden Antworten auf sexualethische Fragen und von einem willkürlichen «Sammelsurium» von Ansichten. [99]
Die «unmenschlichen» Weisungen des Alten Testaments summieren sich bei Benz zu einer kategorischen Absage an eine biblische Sexualmoral auf.
Bei Benz vermisse ich dasselbe, was ich in praktisch allen postevangelikalen Debatten über ethische Fragen vermisse: Es kommt nicht zum Tragen, dass es in der Bibel bei aller Unterschiedlichkeit von Einzelaussagen einen auf die Schöpfung (Gen 1–2) zurückgehenden ethischen Grundkonsens gibt.
Genesis 1 setzt einen Verständnisrahmen in Genderfragen. Der Mensch ist als Mann und Frau im Bild Gottes geschaffen. Mann und Frau werden zusammen gesegnet, um sich zu vermehren und über die Erde zu herrschen. Der prägende Gedanke ist neben der Bezogenheit des Menschen auf Gott die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Beide sind Abbild Gottes, beide werden gesegnet, beiden ist die Weltgestaltung aufgetragen.
In Genesis 2 stehen die Binarität des Menschen und die Komplementarität der Geschlechter im Vordergrund. Mann und Frau sind zueinander und füreinander geschaffen. Die entscheidenden Aussagen bilden einen ethischen Verständnisrahmen und stiften Identität: Mann und Frau repräsentieren den Schöpfer, von dem sie kommen. Die Identität des Menschen ergibt sich aus seiner Bezogenheit auf Gott und auf das andere Geschlecht. Im Mann sein und im Frau sein werden Gottes Wesen und Gedanken sichtbar. Unsere biologischen Merkmale als Mann und als Frau informieren uns über unsere Zweigeschlechtlichkeit. Wer wir sind und wie Sexualität gelebt werden soll, ist in der spezifischen körperlichen Gestalt von Mann und Frau angelegt. [100]
Der im Schöpfungsbericht grundgelegte Konsens ist stabil durch die ganze Bibel hindurch. Gottes Design ist die lebenslange monogame Ehe zwischen Mann und Frau. Die Ablehnung von Praktiken, die diesem Ideal widersprechen, ist total: Unzucht, Ehebruch und gleichgeschlechtliche Sexualität werden von den Einzelbestimmungen der Tora über die Lasterkataloge in den neutestamentlichen Briefen bis zur Offenbarung des Johannes verurteilt. Eine Entwicklung in eine progressive Richtung ist weder im Alten noch im Neuen Testament erkennbar.
Benz verhandelt mit dem Zeitgeist, wenn er Gottes Schöpfungsordnung zwar bejaht, sich dann aber für eine «Neuordnung» ausspricht, die es erlaubt, Sexualität gleichgeschlechtlich auszuleben. [101] Benz findet in der Bibel «kritische Stellen zu Homosexualität», vermag aus ihnen aber keine verbindlichen Normen ableiten. [102] Damit kann Benz seinem eigenen Anspruch nicht gerecht werden, die Bibel als eine göttlich inspirierte Quelle der Ethik zu lesen und liefert sich dem Zeitgeist aus.
Bei Benz zeigt sich ein Dilemma, das Dietrich Bonhoeffer in einem anderen Zusammenhang in den Satz vom falschen Zug fasste:
Dietrich Bonhoeffer:
Es nützt nichts, wenn man in einen falschen Zug einsteigt und dann im Gang entgegen der Fahrtrichtung läuft. [103]
Benz fühlt sich der Bibel als Quelle der Ethik verpflichtet, relativiert sie aber dadurch, dass sie keine lebbare Sexualmoral hergibt. Das führt zur Trennung von Ethik und Bekenntnis und zur Auflösung biblischer Werte. Die Weichen in diese Richtung hat Benz schon vorher beim Schriftverständnis gestellt. Mit der Entwertung des Inspirationsgedankens hat sich Benz in den falschen Zug gesetzt und läuft dann in den Kapiteln über Sexualmoral und Homosexualität erfolglos gegen die Fahrtrichtung.
THORSTEN DIETZ UND TOBIAS FAIX
Die Sexualethik, insbesondere die Frage der Homosexualität, gehört zu den Themen, die Thorsten Dietz intensiv bearbeitet. Weil diese in «Weiterglauben» keine zentrale Rolle spielen, beziehe ich mich auf sein aktuelles Standardwerk «Wege zur Liebe» (2025), welches er zusammen mit Tobias Faix verfasst hat.
Dietz und Faix wollen in dem umfangreichen Werk «die grossen Linien in den Bereichen Sexualität, Geschlecht und Lebensformen» nachzeichnen. Es geht darum, «biblisch-theologische Leitlinien und gesellschaftliche Veränderungen sinnvoll aufeinander zu beziehen». Diesem Anspruch wollen die Autoren «im gründlichen Gespräch mit der Bibel und der christlichen Tradition» gerecht werden. [104] Diesem Ziel fühlt sich Dietz auch in «Weiterglauben» verpflichtet. Die Herausforderung bestehe darin, «biblische Normen angemessen auf immer neue Sachverhalte zu beziehen». [105]
Als Leser von «Weiterglauben» und «Wege zur Liebe» gehe ich davon aus, dass «biblische Normen» verbindliche Leitlinien hergeben, denen heute nachgelebt werden soll. Dem ist in «Wege zur Liebe» allerdings nicht so. Das Hauptargument:
Zwischen der Bibel und unserer Lebenswirklichkeit klafft ein unüberwindbarer kultureller Graben. Die Weisungen der Bibel sind schlicht überholt. Den biblischen Autoren fehlten wichtige sexualwissenschaftliche Kenntnisse und anthropologische Überzeugungen, die wir heute haben, ganz oder teilweise. [106]
Besonders gut zeigt sich das am Thema Homosexualität, das Dietz auch anderswo intensiv bearbeitet. [107] Dietz und Faix gehen davon aus, die Antike ausschliesslich ausbeuterische homosexuelle Verhältnisse kannte. Eine homosexuelle Identität sei unbekannt gewesen und erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden. Die biblischen Texte, die sich gegen gleichgeschlechtlichen Sex richten, hätten nur ausbeuterische Verhältnisse im Blick. Sie könnten deshalb gar nicht auf einvernehmliche Partnerschaften angewendet werden, wie sie heute angestrebt werden. Konkret:
«Mit der Entdeckung der homosexuellen Orientierung in der Neuzeit hat sich das Gebiet so signifikant verändert, dass eine Übertragung biblischer Einzelaussagen auf die heutige Zeit in keiner Weise mehr zu rechtfertigen ist.» [108]
Die Abwertung biblischer Weisungen, wie Dietz und Faix sie in «Wege zur Liebe» vornehmen, samt ihrer Begründung ist theologisch fragwürdig und historisch unhaltbar:
Weder in den Texten der Tora noch in den Lasterkatalogen der Briefe noch in Paulus Ablehnung homosexueller Praxis wird zwischen einvernehmlichem und erzwungenem Sex unterschieden. Homosexueller Verkehr wird generell verurteilt, weil er Gottes schöpferischem Design widerspricht.
Die Behauptung, homosexuelle Orientierung sei in der Antike unbekannt gewesen und erst im 19. Jahrhundert entdeckt worden, ist wissenschaftlich widerlegt. [109] In postevangelikalen Diskursen wird sie trotzdem seit Jahren als schlagendes Argument verwendet. Lebenslange gleichgeschlechtliche Beziehungen und einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern sind in der antiken Literatur belegt. Das Konzept der natürlichen Polarität und Komplementarität der Geschlechter wurde schon in vorchristlicher Zeit vertreten und diskutiert. Dass Paulus davon Kenntnis hatte, zeigt seine Formulierung, Männer seien in Begierde «zueinander» entbrannt (Römer 1,27). Es darf als gesichert gelten, dass im Neuen Testament gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht in Unkenntnis, sondern in Kenntnis heidnischer Sexualdiskurse verurteilt werden. Es gibt weder im Alten noch im Neuen Testament eine positive Würdigung homosexueller Praxis.
In den Debatten um die sexuelle Orientierung, zeigen sich zwischen dem postevangelikalen Ansatz von Dietz und Faix und der evangelikalen Theologie markante Unterschiede:
In der evangelikalen Theologie werden ethische Normen zuerst innerhalb einer bibelorientierten Reflexion gewonnen: Es wird gefragt, welche ethischen Prinzipien in einem bestimmten Text hervortreten und als Gotteswille erkennbar werden. Die Bibel bildet in diesem hermeneutischen Prozess die «höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung», wie es die Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz ausdrückt. Nach der theologischen Reflexion werden die gewonnenen Prinzipien auf konkrete Fragen und Lebenszusammenhänge auf heute angewandt.
In postevangelikalen Diskursen dagegen wird ein «Überlegungsgleichgewicht» angestrebt: Ethische Entscheidungen können nur gewonnen werden, wenn biblische Normen, die heutige Lebenswirklichkeit und die Einschätzung der Folgen für das Leben der Betroffenen gleichberechtigt miteinander verbunden werden. Die Bibel ist in diesem Ansatz nicht Norma Normans, sondern blosser Ausgangspunkt, von dem weitergedacht wird.
Dietz und Faix relativieren in «Wege zur Liebe» den Geltungsanspruch der Bibel und lösen biblische Normen auf. In ihrer pluralistischen Ethik wird die Toleranz gar dominant: Sie bezichtigen alle der Diskriminierung, die sich ein Urteil über die sexuellen Präferenzen anderer Menschen erlauben, und stellen sie gar auf eine Stufe mit Rassisten. [110]
Wohin die kritische Relativierung der Bibel geht, zeigt sich in «Wege zur Liebe» auch auf anderen Feldern der Sexualethik:
- Polyamorie wird überwiegend positiv beurteilt. Angeblich soll sie sich positiv auf die Gesundheit auswirken und «gute Bedingungen für das Grossziehen von Kindern bieten». [111] Selbst für Pornografie und Prostitution finden Dietz und Faix anerkennende Worte. [112] Theologische und moralische Bedenken schrumpfen auf blosse Worthülsen zusammen: Die christliche Tradition favorisiere Sexualität in der Ehe. In der biblischen Schöpfungsgeschichte würde die Ehe zwischen Mann und Frau als «göttliches Ideal» beschrieben. Biblische Handlungsanleitungen vermögen die Autoren aus den entsprechenden Texten allerdings nicht abzuleiten. Stattdessen sprechen sie von «Herausforderungen», die es zu meistern gilt und von theologischen und kirchlichen Fragen, die zu «klären» sind. [113] Damit werden nicht Wege zur Liebe eröffnet, sondern Irrwege der Liebe normalisiert. [114]
- Ganz anders ist die Tonlage im Kapitel «Purity Culture» über Sex vor der Ehe. Enthaltsamkeit vor der Ehe richtet nach Auffassung der Autoren mehr Schaden an, als dass sie nützt. Menschen, die sich für die Enthaltsamkeit vor der Ehe entscheiden empfänden ihren Entschluss als Weg zur moralischen und geistlichen Erfüllung. Abgesehen davon sei das Konzept von einer Überbetonung der Sexualität geprägt, bewirke Scham und Schuldgefühle, wirke psychisch belastend, fördere binäres Schubladendenken und sei ein Instrument zur Unterdrückung der Frau. [115] Eine Würdigung aus biblischer Sicht sucht man vergebens. Der eigene Anspruch, mit der Bibel über diese Themen «im gründlichen Gespräch» zu sein, wird total verfehlt.
- Singles können ihre Sexualität frei ausleben, tragen aber «Verantwortung für ihre eigenen sexuellen Handlungen und die Auswirkungen auf andere.» [116] Über ungewollte Schwangerschaften und Abtreibung verlieren die Autoren kein Wort. Offenbar gehört das nicht zu den Dingen, in welchen persönliche Verantwortung gefragt ist. In einem Lehrmittel, das alle Themenfelder der Sexualität einschliesslich Cybersex und Sexrobotik bespricht, ist das ein eklatantes Versagen.
Nach dem Lesen von «Wege zur Liebe» bin ich konsterniert. Ich frage mich, wo die Unterschiede zu den Leitgedanken der sexuellen Revolution liegen, und kann keine finden. Dietz und Faix brechen mit den zentralen Werten christlicher Sexualethik. Über Werte wie Liebe, Einvernehmlichkeit und Rücksicht hinaus scheinen sie nichts spezifisch Christliches zu sagen zu haben.

ERGEBNIS
Das Ergebnis meiner Stichprobe ist ernüchternd: Postevangelikale Theologie ist Bibelkritik im erwecklichen Gewand. Die drei Autoren üben systematische Kritik an der Bibel. Zimmer kritisiert mit Jesus das Alte Testament, Benz entwertet den Gedanken der Inspiration, Dietz und Faix bekennen sich zur feministischen «Hermeneutik des Verdachts». [117] Das Schriftverständnis, das sie vorschlagen, ist geeignet, die christlichen Glaubensbestände, die seit zweitausend Jahren das Fundament des Christentums ausmachen, systematisch zu dekonstruieren. Platz für Wahrheit gibt es nur, wenn sie nicht im Konflikt mit dem Zeitgeist steht.
Meine These, wonach am Ursprung der postevangelikalen Dekonstruktion ein kritisches Verhältnis zur Bibel steht, hat sich bestätigt:
- Am Anfang steht die Entwertung des Inspirationsgedankens. Ausschlaggebend sind weltanschauliche Vorentscheidungen, am deutlichsten bei Benz, der ein souveränes Inspirationsgeschehen ausschliesst. Die Selbstaussagen der Schrift über ihre Verlässlichkeit und Autorität spielen eine untergeordnete Rolle. Nach dem Verständnis der Autoren bezeugt sich in der Bibel nicht in erster Linie Gott den Menschen, sondern Menschen legen Zeugnis von ihrem Glauben ab. Im Zweifelsfall überwiegt das Menschenwort gegenüber dem Gotteswort.
- Der Entwertung des Inspirationsgedankens folgt die Verneinung der Offenbarungsqualität der Bibel. Wenn Gott die biblischen Verfasser nicht durch seinen Geist leitete, sondern diese bloss Zeugnis von ihrem Glauben ablegen, vermischt sich in der Bibel Göttliches und Menschliches. Es wundert nicht, dass dieses Schriftverständnis zum Glaubensverlust führt. Wenn man als Bibelleser Göttliches und Menschliches voneinander unterscheiden muss, wird es fast unmöglich, sich von der Schrift Wahrheit vorgeben zu lassen.
- Die Verneinung der Offenbarungsqualität der Bibel führt zur Relativierung ihres Geltungsanspruchs in theologischen, kirchlichen und ethischen Fragen. Besonders deutlich zeigt sich das in «Wege zur Liebe». Dietz und Faix tragen dem queeren Zeitgeist die Schleppe nach, statt die Fackel voran.
Vergleicht man das kritische Schriftverständnis der drei Autoren mit der Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz, wo von der Inspiration, Offenbarung und Autorität der Heiligen Schrift die Rede ist, muss man feststellen: Die drei Autoren haben die evangelikale Landkarte verlassen. Sie betreten die alten Pfade der Bibelkritik und präsentieren ihre Ergebnisse im erwecklichen Gewand. Das ist verheissungsvoll für Toleranzbegeisterte, aber verhängnisvoll für Wahrheitssucher.
In meinem Artikel «Kirche im postkonfessionellen Umfeld» habe ich auf eine hilfreiche Klassifizierung von Ed Stetzer hingewiesen. Stetzer untersuchte die Emerging Church in den Vereinigten Staaten vor der Jahrtausendwende und machte drei Typen von emergenten Leitern und Pastoren aus: [118]
- «Relevants» entwickeln Gottesdienstformen, die relevant für Kirchendistanzierte sind. Sie bemühen sich im Rahmen einer klassischen evangelikalen Theologie um verständliche Verkündigung.
- «Reconstructionists» glauben, dass die Gemeindestrukturen der Evangelikalen nicht hilfreich sind und optieren für die «inkarnatorische» Kirche, die zu den Menschen geht, anstatt sie anzuziehen.
- «Revisionists» gehen einen Schritt weiter und stellen die evangelikale Theologie und das Schriftverständnis in Frage oder lassen es hinter sich.
Diese Klassifizierung lässt sich ohne weiteres auf den Post-Evangelikalismus im deutschsprachigen Raum anwenden:
- Postevangelikale «Relevants» leiden an der Weltfremdheit ihrer Gemeinden. Sie wünschen sich Gemeinden, die anschlussfähig an die Postmoderne sind, ohne die zentralen Glaubensbestände aufzugeben. Gleichzeitig möchten sie sich für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Diese Stimmen müssen in unseren Gemeinden unbedingt gehört werden.
- Postevangelikale «Reconstructionists» gehen einen Schritt weiter. Sie möchten die Strukturen der Gemeinde so verändern, dass sie das Evangelium in der Postmoderne glaubhaft weitervermitteln kann. Ihre Anliegen leben in der missionalen Theologie weiter, die Grundlagen bietet, damit Gemeinde in der Postmoderne ihren missionarischen Auftrag erfüllen kann. [119]
- Postevangelikale «Revisionist» wollen nicht nur Einstellungen und Strukturen ändern, sondern die evangelikale Theologie einer radikalen Revision unterziehen. Ihr Ziel ist die Neukonstruktion des Glaubens unter den Bedingungen der Postmoderne. Die Dekonstruktion zentraler Glaubensbestände ist kein Kollateralschaden, der in Kauf genommen wird, um anschlussfähig zu sein, sondern hat System. Die drei Autoren sind hier einzuordnen.
Angesichts des Einflusses der drei Autoren, die bis in die evangelikale Mitte hinein gehört und gelesen werden, sorge ich mich um die evangelikale Bewegung, zu der ich mich zähle. Unsere Zukunft entscheidet sich am Schriftverständnis. Wir stehen vor der Gretchenfrage, wie wir es mit der Bibel halten.
Wenn uns nicht klar ist, was wir glauben und wie sich unser Glaube aus der Heiligen Schrift herleitet, ist die evangelikale Bewegung in zwei oder drei Generationen ein unbedeutend kleines Binnengewässer, das im Meer der postmodernen Möglichkeiten an Bedeutung verliert und schliesslich austrocknet.
Bilder: iStock
Fussnoten:
[1] Vgl. Hardmeier, Roland 2022. Kirche im postkonfessionellen Umfeld. Fachreferat an der Tagung der Bundesleitungen der Freien Evangelischen Gemeinden von Deutschland, Schweiz, Österreich und Italien vom 22.6.2022.
[2] Zur Geschichte: Tomlinson, Dave 1995. The post evangelical. Londons: SPCK.
[3] Schmieding, Christoph 2019. www.eulemagazin.de vom 25.9.2019.
[4] Hardmeier, Roland 2024. Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist. Evangelikale zwischen fundamentalistisch und postevangelikal, 31ff. Giessen: Brunnen.
[5] Zimmer, Siegfried 2012 [2007]. Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
[6] Benz, Martin 2022. Wenn der Glaube nicht mehr passt. Ein Umzugshelfer. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft.
[7] Dietz, Thorsten 2018. Weiterglauben. Warum man einen grossen Gott nicht klein denken kann. Moers: Brendow.
[8] Martin Benz leitete 25 Jahre die Vineyard Gemeinde Basel und unterrichtete am Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung (damals noch Institut für Gemeindebau und Weltmission). Dietz bezeichnet sich als «Grenzgänger» zwischen der evangelikalen und der evangelischen Welt und hält fest, dass die aus seiner Sicht positiven Aspekte evangelikaler Frömmigkeit immer zu seinem Leben gehören werden (Dietz, Thorsten 2022. Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt. Holzgerlingen: SCM Brockhaus, 454–455). Siegfried Zimmer gehörte als Jugendlicher 10 Jahre eine Pfingstgemeinde an und war 2 Jahre Lehrer an einer pfingstlichen Bibelschule, bevor er sich aus der pfingstlichen Frömmigkeit, die er als «bedrängend» empfand herausentwickelte und nach dem Studium der Theologie Professor der evangelischen Theologie und Religionspädagogik wurde (www.siegfriedzimmer.de).
[9] Glaubensbasis der Europäischen Evangelischen Allianz. www.each.ch
[10] Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, 13.
[11] Ebd., 14.
[12] Ebd., 14.
[13] Zimmer, Siegfried 2014. Warum das fundamentalistische Bibelverständnis nicht überzeugen kann. www.worthaus.org. Referat vom 22.6.2014, 7:21ff.
[14] Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, 17.
[15] Ebd., 21.
[16] Ebd., 57.
[17] Ebd., 40.
[18] Ebd., 91–92 für das Folgende.
[19] Ebd., 93.
[20] Ebd., 63.
[21] Ebd., 71.
[22] Ebd., 114; 117.
[23] Ebd., 115.
[24] Ebd., 114–117.
[25] Ebd., 120.
[26] Ebd., 123ff.
[27] Vgl. zur Wesenseinheit von Gott und seinem Wort: Hempelmann, Heinzpeter 2009. Was heisst «bibeltreu?», Achtzehn Thesen und zehn Säulen einer Hermeneutik der Demut, 39 in Wahrheit und Erfahrung. Themenbuch zur Systematischen Theologie. Band 1: Einführende Fragen der Dogmatik und Gotteslehre. Hg. Christian Herrmann. Witten: Brockhaus; Schirrmacher, Thomas 2009. Bibeltreu oder der Bibel treu?, Glaubwürdigkeit und Irrtumslosigkeit der Schrift, 48 in Wahrheit und Erfahrung. Themenbuch zur Systematischen Theologie. Band 1: Einführende Fragen der Dogmatik und Gotteslehre. Hg. Christian Herrmann. Witten: Brockhaus.
[28] Maier, Gerhard 1991. Biblische Hermeneutik. Wuppertal und Zürich: Brockhaus, 265.
[29] Ebd., 85.
[30] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 50.
[31] Ebd., 45.
[32] Ebd., 68–69.
[33] Ebd., 70–71.
[34] Ebd., 74.
[35] Ebd., 69.
[36] Ebd., 70.
[37] Ebd., 74.
[38] Ebd., 106.
[39] Ebd., 102.
[40] Ebd., 75.
[41] Benz, Martin 2016. Bibelverständnis, Teil 3: Wessen Geistes Kinder seid ihr? Movecast Folge 8 vom 9.11.2016.
[42] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 98–100.
[43] Ebd., 101.
[44] Ebd., 106.
[45] Ebd., 91–94.
[46] Ebd., 86–87; 90.
[47] Ebd., 90.
[48] Ebd., 90.
[49] Kilchör, Benjamin 2023. Kritisiert Jesus das Alte Testament? www.danieloption.ch vom 17.5.2023.
[50] Dalheim, Werner 2014. Die Welt zur Zeit Jesu. München: C.H. Beck, 316.
[51] «Der Name ‘Religionsgeschichtliche Schule’ steht für ein kurzes, aber folgenreiches Kapitel Göttinger Theologiegeschichte an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Was in Göttingen um 1890 mit einer dichtgedrängten Folge von Habilitationen eines kleinen Kreises von jungen, freundschaftlich verbundenen Gelehrten begann, gedieh in der Folgezeit zu einer die Theologie heftig aufrührenden Bewegung mit einem rasch anwachsenden Kreis von Mitgliedern und Sympathisanten. Von der Bildung einer Schule im konventionellen Sinn mit einer ausgemachten Führungspersönlichkeit und einer Schülergefolgschaft kann trotz des Namens ‘Religionsgeschichtliche Schule’ in diesem Fall nicht gesprochen werden. Vielmehr zeigte sich hier eine Gruppe von Theologen bei aller Verschiedenheit und Eigenständigkeit der Forschungsinteressen einig in zumindest einem entscheidenden Punkt: dem radikal historischen Ansatz im wissenschaftlichen Umgang mit den Quellen des christlichen Glaubens.» (Lüdemann, Gerd und Martin Schröder 1987. Die Religionsgeschichtliche Schule in Göttingen. Eine Dokumentation. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 7).
[52] Gunkel, Genesis, LVI-LVIII.
[53] Dietz, Thorsten 2022. Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt. Holzerlingen: SCM Brockhaus, 203.
[54] Dietz 2020. Weiterglauben, 9; 15. Meine Analyse beschränkt sich auf die Kapitel über Gott (Seite 33–52), Wahrheit (Seite 53–76) und Gottes Wort (Seite 77–98), in denen Dietz ausführt, worauf ein lebensfähiger Glaube seiner Auffassung nach verzichten kann. Die weiteren Kapitel, in denen Dietz unter anderem auf die Bedeutung gemeinschaftlichen Glaubens und den Frömmigkeitsstil eingeht, sind nicht in meinem Fokus, weil sie den Rahmen dieses Artikel sprengen.
[55] Dietz, Weiterglauben, 39.
[56] Ebd., 40; 42; 46.
[57] Ebd., 187–189.
[58] Ebd., 72.
[59] Ebd., 80.
[60] Ebd., 73.
[61] Dietz, Thorsten 2018. Weiterglauben im Gespräch. Eine Antwort auf die Kritik von Markus Till. Ein Gastbreitrag von Thorsten Dietz. www.tobiasfaix.de. Aufgerufen am 12.1.2026.
[62] Die altprotestantische Orthodoxie («Rechtgläubigkeit») ist eine theologiegeschichtliche Epoche, die sich vom Ende des 16. bis in die Mitte des 18. Jh. erstreckte. In ihr ging es um die Konsolidierung der lutherischen und calvinistischen Theologie. Kennzeichnend für die Epoche ist der Versuch, das Erbe der Reformation in ein möglichst geschlossenes Lehrsystem (Dogmatik) zu überführen. Die orthodoxen Dogmatiker setzten sich mit verschiedenen Bekenntnissen auseinander (lutherisch, calvinistisch, katholisch) und in der späten Orthodoxie mit dem Pietismus und der Aufklärung. Das reformatorische Schriftprinzip «sola scriptura» wurde von den orthodoxen Dogmatikern über Luther hinausgeführt und systematisch entfaltet.
[63] Dietz, Weiterglauben, 126–127 (Luther WA 39/I,47)
[64] Ebd., 141–142.
[65] Ebd., 84.
[66] Ebd., 89.
[67] Ebd., 91–92.
[68] Ebd., 92.
[69] Dietz, Menschen mit Mission, 185; 189.
[70] Die Begriffe «Rationalismus», «Modernismus» und «Liberalismus», die damals oft verwendet wurden, sind weitgehend austauschbare Begriffe, die sich auf das Aufkommen der Bibelkritik und ihre Folgen beziehen.
[71] Breitschwerdt, Jörg 2019. Theologisch konservativ. Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland. Arbeiten zur Geschichte des Pietismus, Band 62, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 81.
[72] Ebd., 83.
[73] Vgl. Lauster, Jörg 2004. Prinzip und Methode. Die Transformation des protestantischen Schriftprinzips durch die historische Kritik von Schleiermacher bis zur Gegenwart. Tübingen: Mohr Siebeck, 24.
[74] Schnelle, Udo 2017. Einleitung in das Neue Testament. 9., durchgesehen Auflage. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 19.
[75] Schlatter, Adolf 1908. Erläuterungen zum Neuen Testament. Band 1: Die Evangelien und die Apostelgeschichte. Calw und Stuttgart. Verlag der Vereinsbuchhandlung, 46.
[76] Schlatter, Adolf 1921. Erläuterungen zum Neuen Testament. Band 3: Die Briefe des Petrus, Judas, Johannes, an die Hebräer, des Jakobus. Die Offenbarung des Johannes. Stuttgart: Calwer Vereinsbuchhandlung, 82.
[77] Dietz, Thorsten 2019. Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons. Worthaus Pop-Up 2019.
[78] Ebd., ab 1:18:05.
[79] Ebd., ab 1:19:15.
[80] Ebd., ab 1:22:15.
[81] Tidball, Derek J. 1999. Reizwort Evangelikal. Entwicklung einer Frömmigkeitsbewegung. Stuttgart: Christliches Verlagshaus, 142.
[82] Stadelmann, Helge 2010. Evangelikales Schriftverständnis. Die Bibel verstehen – der Bibel vertrauen. Hammerbrücke: jota Publikationenen, 20.
[83] Heidelberger Katechismus, Frage 21: «Wahrer Glaube ist nicht nur eine feste Erkenntnis, durch die ich alles für wahr halte, was Gott in seinem Wort uns offenbart hat, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirkt, dass nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden … geschenkt ist.»
[84] Westminster Bekenntnis, 1,4–5: «Die Autorität der Heiligen Schrift, um deretwillen man ihr glauben und gehorsam sein muss, beruht nicht auf dem Zeugnis irgendeines Menschen oder einer Kirche, sondern völlig auf Gott, der die Wahrheit selbst ist, als ihrem Autor. Darum ist sie anzunehmen, weil sie Gottes Wort ist. Wir können zwar durch das Zeugnis der Kirche dazu bewogen und angeleitet werden, die Heilige Schrift hochzuschätzen und ehrerbietig zu betrachten … Aber trotzdem kommt unsere volle Überzeugung und Gewissheit von ihrer unfehlbaren Wahrheit und ihrer göttlichen Autorität aus dem inneren Wirken des Heiligen Geistes, der durch und mit dem Wort in unseren Herzen Zeugnis gibt.»
[85] Stadelmann, Evangelikales Schriftverständnis, 24.
[86] Dietz, Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons ab 1:22:15 und 1:15:15.
[87] «Sag mir, wenn du kannst, durch welches Urteil eine Frage abschliessend beantwortet werden kann, wenn die Aussprüche der Väter einander widerstreiten? Man muss nämlich hier mit der Schrift als Richter ein Urteil fällen, was [aber] nicht geschehen kann, wenn wir nicht der Schrift in allen Dingen, die den Vätern beigelegt werden, den ersten Rang einräumen. Das heisst, dass sie selber durch sich selbst ganz gewiss ist (ut sit ipsa per sese certissima), ganz leicht zugänglich (facillima), ganz leicht verständlich (apertissima), ihr eigener Ausleger (sui ipsius interpres), alles von allen prüfend, richtend und erleuchtend (omnium omnia probans, iudicans et illuminans).» WA VII, 97. Zitiert bei Luz, Ulrich 2014. Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments. Neukirchen-Vlyun: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 105–106.
[88] «Erstlich sollst du wissen, dass die Heilige Schrift ein solches Buch ist, das aller andern Bücher Weisheit zu Narrheit macht, weil keines vom ewigen Leben lehrt als dies allein. Darum sollst du an deinem Sinn und Verstand stracks verzagen. Denn damit wirst du es nicht erlangen, sondern mit solcher Vermessenheit dich selbst und andere mit dir stürzen vom Himmel (wie es Lucifer geschah) in den Abgrund der Hölle. Sondern kniee nieder in deinem Kämmerlein und bitte mit rechter Demut und Ernst zu Gott, dass er dir durch seinen lieben Sohn wolle seinen heiligen Geist geben, der dich erleuchte, leite und Verstand gebe.» WA 50, 659,5ff. Zitiert bei Stuhlmacher, Peter 1986. Vom Verstehen des Neuen Testaments. Eine Hermeneutik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 17.
[89] Calvin, Institutio, Erstes Buch, 6.–9. Kapitel.
[90] WA VII, 97. Zitiert bei Luz, Ulrich 2014. Theologische Hermeneutik des Neuen Testaments, 105–106.
[91] Stuhlmacher, Vom Verstehen des Neuen Testaments, 52–53.
[92] Lausanner Verpflichtung 1974, Artikel 2 (Die Autorität der Bibel): «Wir halten fest an der göttlichen Inspiration, der gewissmachenden Wahrheit und Autorität der alt- und neutestamentlichen Schriften in ihrer Gesamtheit als das einzige geschriebene Wort Gottes. Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige unfehlbare Massstab des Glaubens und des Lebens.»
[93] Chicago-Erklärung, Kommentar, 12.
[94] Dietz, Thorsten, Entstehung und Autorität des neutestamentlichen Kanons: «Paulus ist klar: Die Texte des Alten Testaments, die Heilige Schrift, klar, das ist von Gott, das sind Gottes Worte. Das ist Gottes Reden. Das ist aus dem Geist Gottes» (ab 1:20:29).
[95] Stadelmann, Evangelikales Schriftverständnis, 99.
[96] Schnabel, Eckhard 1986. Inspiration und Offenbarung. Die Lehre vom Ursprung und Wesen der Bibel, 49.
[97] Ebd., 118; 154.
[98] Ebd., 158.
[99] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 115–117; 154–155.
[100] Ebd., 186–187.
[101] Ebd., 165–171.
[102] Ebd., 171.
[103] Bonhoeffer, Dietrich 1944. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Der Satz ist in mehreren Versionen überliefert. Er stammt aus einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge vom 21. Juli 1944.
[104] Dietz, Thorsten und Tobias Faix 2025. Wege zur Liebe. Eine Sexualethik zum Selberdenken. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 17–18.
[105] Dietz, Weiterglauben, 101.
[106] Nach Baum, Armin D. 2025. Karte und Gebiet. Bibel und Wissenschaft in der transformativen Sexualethik von Thorsten Dietz und Tobias Faix. Jahrbuch Biblische erneuerte Theologie, Band 9, 256.
[107] Siehe entsprechende Papers auf www.thorsten-dietz.info
[108] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 234.
[109] Baum, Karte und Gebiet, 258ff für das Folgende.
[110] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 231: «Alle Versuche, Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in irgendeiner Weise zu diskreditieren … sie zu benachteiligen oder auszugrenzen, haben in der Geschichte viel Schaden angerichtet. Alle diese Formen der Ausgrenzung oder der Benachteiligung entsprechen strukturell anderen Formen der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder ethnischen Zugehörigkeit.»
[111] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 366ff.
[112] Ebd., 247ff.
[113] Ebd., 375–377.
[114] Bruderer, Paul 2025. Irrwege der Liebe, Kommentar. www.idea.de vom 23.10.2025.
[115] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 276–277.
[116] Ebd., 363–364.
[117] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 68.
[118] Stetzer, Ed 2006. Understanding the Emerging Church. www.crosswalk.com vom 18.6.2022.
[119] Näheres zur missionalen Theologie bei Reimer, Johannes 2009. Die Welt umarmen. Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus; Hardmeier, Roland 2009. Kirche ist Mission. Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Missionsverständnis. Grundlage dieser missionalen Ansätze ist das klassische evangelikale Schriftverständnis. Die Suche nach Gemeindeansätzen, die relevant für die Postmoderne sind, führt in diesen Ansätzen deshalb nicht zur Dekonstruktion des Glaubens.






“Nachrichten vom Tod der Kirche sind stark übertrieben” — oder, um es in Jesu Worten zu sagen: “Die Pforten der Hölle werden sie (die Kirche) nicht überwinden.”
Eine Theologie, die meint, die Bibel und Gott selbst in die Schuhschachtel des ihr Denkmöglichen sperren zu können, ist zum Scheitern verurteilt. Sie klingt verlockend und sorgt immer wieder für Aufsehen — und leider immer wieder auch für Angst unter den Konservativen. Tatsächlich ist sie aber kraft- und substanzlos. Was war Gottes Antwort auf die kritische Theologie des 19. Jahrhunderts? Die Ausgießung des Heiligen Geistes in diversen Erweckungen nach der Jahrhundertwende. Was ist Gottes Antwort auf den postmodernen Relativismus? Das “Quiet Revival”, in dem junge Menschen plötzlich von sich aus in die Kirche zu gehen beginnen, weil sie erkannt haben, dass die Weltanschauung ihrer Eltern nichts Tragfähiges zu bieten hat.
Natürlich ist es wichtig, postevangelikale Theologie zu analysieren, ihr auf den Grund zu gehen und ihre Denkfehler aufzuzeigen. Dennoch halte ich nichts davon, die Stirn in Sorgenfalten zu legen wegen dieser Strömung. Es ist eine Mode, die vorübergehen wird, so wie viele andere auch in den vergangenen 2000 Jahren (man denke nur an die Gnosis!).
Die entscheidende Frage ist: Erlebe ich Gott im Alltag? Erlebe ich seine Kraft und Gegenwart? Existiert mein persönlicher Gott nur in meinem Kopf, oder auch in meinem Herzen, weil ich sein Wirken an mir ganz pesönlich und immer wieder erlebt habe? Wenn das integraler Teil meines Lebens ist, dann können mich solche Diskussionen nicht mehr aus der Fassung bringen. Weil ich dann weiß, dass ich weiß, dass Gott real ist. Weil ich dann verstanden habe, dass es um die Herzensbeziehung zu ihm geht. Und weil diese Herzensbeziehung mich über die ganzen Niederungen solcher Diskussionen erhebt.
Apologetik ist super. Kraftvoll wird sie dann, wenn sie unterlegt ist mit meinem persönlichen, immer wiederkehrenden Erleben von Gottes Kraft und Gegenwart.
Guten Tag Herr Hardmeier
Ihr Buch “Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist” liegt bei uns zu Hause lesebereit. Ich freue mich darauf, Ihren Gedanken zu folgen, weil ich in den letzten Wochen einige Diskussionssendungen oder Podcasts von Ihnen gehört habe. Bei Ihren mündlichen Aussagen hat mich beindruckt, dass Sie Ihre Positionen klar benennen, aber auch Raum für andere Aussagen lassen ohne diese abzuwerten. Das animiert mich, mich genauer mit Ihrem Wissen und Ihren Einschätzungen auseinanderzusetzen.
Aus dem obigen Artikel weht mir nun ein anderer Wind entgegen. Ich weiss, dass eine Diskussionssendung und eine theologische Abhandlung nicht dasselbe sind. Dennoch spüre ich aus Ihrem Artikel auch eine gewisse Schärfe die mich befremdet. Es mag die Sorge um die Zukunft von uns Evangelikalen dahinter liegen. Aber ich empfinde hier etliche Ihrer Aussagen mehr als Warnung und auch als eine Spur Rechthaberei. Ich vermisse den Respekt und die Wertschätzung gegenüber Andersdenkenden, welche ich ich bei Ihnen in oben erwähnten Diskussion immer gespürt habe.
Grüezi Frau Kohler
Herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinen Veröffentlichungen und Ihre kritische Rückmeldung zu “Kein Platz für Wahrheit?” Sie haben Recht: Die Tonlage des Artikels unterscheidet sich im Vergleich mit meinen Büchern und sonstigen Veröffentlichungen.
Einerseits ist das dem Platz der Veröffentlichung geschuldet. In meinem Büchern und in Diskussionssendungen, etwa auf Livenet, oder auch in meinen öffentlichen Vorträgen, richte ich mich an ein breites Publikum. Ich sehe dort meine Aufgabe darin, möglichst breit und fair, die religiöse Landschaft zu beschreiben und viel Platz für Pro und Contra zu schaffen. Auf Daniel Option richte ich mich an ein Publikum, das sich gewohnt ist, sich in Diskussionsräumen zu bewegen, wo auch mal pointiert und durchaus scharf argumentiert wird.
Anderseits liegt es am Thema. Mit dem Artikel möchte ich nicht nur informieren, sondern auch warnen. Die drei von mir untersuchten Theologen sind auf einer klaren Mission: Sie suchen lebendige Christen von einer progressiven Version des Glaubens zu überzeugen und haben mit ihren Veröffentlichungen massgebenden Einfluss, dass viele ihren Glauben dekonstruieren. Das erfüllt mich mit Sorge und ja, davor warne ich. Das tue ich bewusst mit spitzer Feder und scharfen Argumenten, möchte aber die Regeln des Respekts einhalten. Deshalb nehme ich im Artikel (wie auch sonst in meinen
Publikationen) für mich den Begriff “bibeltreu” nicht in Anspruch. Er suggeriert, dass die anderen es nicht sind. Ich spreche von Siegfried Zimmer und anderen Autoren auch nicht von Irrlehrern oder Verführern. Wenn Sie auf Worthaus Referate von Siegfried Zimmer über die Fundamentalisten hören, stellen Sie fest, dass er dauernd abfällige Bemerkungen über konservative Christen (zu denen ich mich auch zähle) macht. Ich möchte Zimmer etwas entgegensetzen, verzichte aber darauf, auf dieselbe Weise von Post-Evangelikalen zu reden. Wenn ich im Artikel sage, Dietz und Faix würden dem Zeitgeist die Schleppe nachtragen, statt die Fackel voran, ist das nach meinem Verständnis scharf formuliert, aber nicht respektlos. Ich hoffe, mein Buch “Glaube der trägt, wenn alles im Fluss ist” wird Ihnen Freude machen. Es ist geprägt von der inhaltlichen Weite, die Sie an meinem Arbeiten grundsätzlich schätzen.
Mit S. Zimmers Buch hab ich mich hier schon gründlich auseinander gesetzt: https://jonaserne.net/wp-content/uploads/2017/12/Verzimmerung_komplett.pdf
Dietz, Benz und Zimmer als die großen Verführer also. Ich selber bin nicht evangelikal und war es auch nie. Daher können mich die besagten Menschen zu nichts verführen. Eine Frage stellt sich mir allerdings: was glaubt der Autor können seine Ausführungen bewirken? Sollen sie Evangelikale davon abhalten, post-evangelikal zu werden? Für so naiv halte ich den Autor nicht.
Soll der Artikel diejenigen bestärken, die ohnehin schon gegen Zimmer, Dietz usw. agieren? Das werden die wahren Frommen wohl hoffentlich nicht nötig haben.
Lieber Alex
Danke für deine kritische Anmerkung. Doch, das möchte ich natürlich: Die Evangelikalen davon abhalten postevangelikal zu werden. Und zwar im Sinn, dass ich den Lesern die Denkvoraussetzungen von Zimmer und Co. aufzeige, damit sie selber entscheiden können, ob sie auf der weltanschaulichen Grundlage, wie postevangelikale Vordenker sie vortragen, ihren Glauben bauen wollen. Ich erhalte für genau diese Offenlegung immer wieder dankbare Rückmeldungen.
Ich bin dankbar für Artikel wie diesen, die mir einen Einblick in die Literatur von postmodernen “Theologen” geben. Danke, Herr Hardmeier für Ihre Ausführungen (denen ich entweder vertraue, oder halt doch die entsprechende Literatur selber lesen müsste).
Ein Gedanke zum letzten Text (“Wenn uns nicht klar ist, was wir glauben und wie sich unser Glaube aus der Heiligen Schrift herleitet, ist die evangelikale Bewegung in zwei oder drei Generationen ein unbedeutend kleines Binnengewässer, das im Meer der postmodernen Möglichkeiten an Bedeutung verliert und schliesslich austrocknet.”):
Es kann durchaus sein, dass sich der Kreis der traditionell glaubenden Evangelikalen in den nächsten Jahren verkleinert. Ich vertraue aber Gott, dass er durchaus fähig ist, dafür zu sorgen, dass dieses Gewässer nicht austrocknet. Vielleicht wird “der Westen” eine neue Missionierung durch andere Weltregionen erleben dürfen, in denen das “evangelikale Glaubensgut” am Wachsen ist.
Persönlich glaube und lebe ich evangelikal – und bin Zeugnis und “offener Brief”, der von Gott geschrieben und von allen gelesen werden kann.
Lieber Othmar
Danke für deine hoffnungsvolle Rückmeldung. Vielleicht hast du recht und mein Schluss-Statement ist zu negativ — hoffen wir es!
Ich schätze die Arbeit von Daniel Option sehr. Diesmal hatte ich keine Lust (mehr), den ganzen Kommentar zu lesen und beschränkte mich auf die fett geschriebenen Texte. Ich verstehe die Bibel immer noch so, dass ich als Christ die Aufgabe und auch die Verantwortung habe, Gottes Wort zu prüfen und letztlich im Gesamtzusammenhang zu verstehen. Ich darf glauben, dass mit der Heilige Geist hilft, Dinge einordnen und verstehen zu können. Das ‘Innenleben’ der Bibel spricht so eigentlich immer wieder neu zu mir und bleibt lebendig.