Kein Platz für Wahrheit?

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by | 15. Feb. 2026 | 9 comments

WOHIN DIE REISE DER POSTEVANGELIKALEN FÜHRT

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EINFÜHRUNG

Der Titel dieses Artikels ist Aus­druck ein­er Sorge. Sie treibt mich um, seit ich vor rund zehn Jahren begonnen habe, mich mit dem Poste­van­ge­likalis­mus zu befassen. [1]

Bis vor weni­gen Jahren gal­ten die Evan­ge­likalen als «bibelfest». Was zum christlichen Glauben gehört und wie er gelebt wird, haben die Evan­ge­likalen der Bibel im Ver­trauen abgerun­gen, dass sie Gottes Wort ist. Seit der Entste­hung eines poste­van­ge­likalen Flügels erodiert dieses Ver­trauen. Zen­trale Glaubenswahrheit­en wer­den sys­tem­a­tisch dekon­stru­iert. Eine wach­sende Zahl wird von Zweifeln an bish­er felsen­festen Überzeu­gun­gen befall­en und fragt kri­tisch: Sind manche Ansicht­en der Bibel nicht bloss men­schlich und vom geschichtlichen Fortschritt überholt?

Die Wurzeln des Poste­van­ge­likalis­mus liegen in Gross­bri­tan­nien kurz vor der Jahrtausendwende. [2] Bere­its damals spielte eine kri­tis­che Schrift­per­spek­tive eine zen­trale Rolle. Als nach der Jahrtausendwende poste­van­ge­likale Debat­ten im deutschsprachi­gen Raum eröffnet wur­den, wieder­holte sich dieses Muster. [3] Kri­tik an der Bibel gehört zur poste­van­ge­likalen Identitätskonstruktion.

Diese Entwick­lung hat mich ver­an­lasst, mich ver­tieft mit dem Schriftver­ständ­nis der Poste­van­ge­likalen auseinan­derzuset­zen, nach­dem ich es bere­its in meinem Buch «Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist» the­ma­tisierte. [4]

Seit ich poste­van­ge­likale Debat­ten ver­folge, stosse ich immer wieder auf densel­ben Umstand, der von Anfang an eine Sorge in mir auslöste:

Dem poste­van­ge­likalen Ver­lust zen­traler Glaubenswahrheit­en geht ein Ver­trauensver­lust in die Bibel als Gottes Wort voraus.

Bei prak­tisch allen poste­van­ge­likalen Vor­denkern begeg­net mir das Bedürf­nis, den Gedanken der Inspi­ra­tion, der Autorität und der Wahrhaftigkeit der Bibel in der einen oder anderen Weise zu schwächen.

Mich inter­essiert in diesem Artikel deshalb: Was ste­ht am Ursprung der poste­van­ge­likalen Dekon­struk­tion? Wie inter­pretieren poste­van­ge­likale Vor­denker die Bibel? Wohin geht die Reise, wenn man sich zu ihnen in den Zug setzt?

Ich habe drei pop­uläre Werke von poste­van­ge­likalen Vor­denkern aus meinem Bücher­re­gal genom­men, die ich bei den Recherchen zu meinem Buch bere­its ver­wen­dete, und nochmals nachgeprüft, wie sie ihre Posi­tio­nen begründen:

  • Das Buch «Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?» von Siegfried Zim­mer, in welchem er die Schwächen eines fun­da­men­tal­is­tis­chen Bibelzu­gangs aus sein­er Sicht erläutert und für den Denkansatz der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft wirbt. [5]
  • Das Buch «Wenn der Glaube nicht mehr passt» von Mar­tin Benz, in welchem er seine Befreiung aus sein­er fun­da­men­tal­is­tis­chen Denkart nachze­ich­net und für einen weniger dog­ma­tis­chen Umgang mit der Bibel argu­men­tiert. [6]
  • Das Buch «Weit­er­glauben» von Thorsten Dietz, in welchem er mit Blick auf die Ausle­gung der Bibel in der Geschichte das Span­nungs­feld von Men­schen­wort und Gotteswort aus­lotet und dabei Luther und die Pietis­ten ins Spiel bringt. [7]

Die drei Werke eignen sich gut, um die the­ol­o­gis­che Stich­probe zu machen. Alle drei haben evan­ge­likale Ver­gan­gen­heit. Alle zie­len darauf, Chris­ten mit ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Bibel­fröm­migkeit von der Notwendigkeit eines pro­gres­siv­en Glaubens zu überzeu­gen. Alle wollen sich nach eige­nen Angaben nicht von der Schrift emanzip­ieren, son­dern sie ern­st­nehmen. [8]

Ich habe vor, das Schriftver­ständ­nis der Autoren ein­er Analyse zu unterziehen und aus evan­ge­likaler Per­spek­tive zu bew­erten. An eini­gen Punk­ten werde ich mich auf weit­ere Pub­lika­tio­nen beziehen, um zu ein­er möglichst fairen Würdi­gung zu gelangen.

Als Richtwert dient mir die Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz mit ihrem Beken­nt­nis zur Bibel als Heilige Schrift:

«Evan­ge­lis­che Chris­ten beken­nen sich zu der in den Schriften des Alten und Neuen Tes­ta­ments gegebe­nen Offen­barung des dreieini­gen Gottes und zu dem im Evan­geli­um niedergelegten geschichtlichen Glauben … [Wir beken­nen] die göt­tliche Inspi­ra­tion der Heili­gen Schrift, ihre völ­lige Zuver­läs­sigkeit und höch­ste Autorität in allen Fra­gen des Glaubens und der Lebens­führung.» [9]

«SCHADET DIE BIBELWISSENSCHAFT DEM GLAUBEN?»

SIEGFRIED ZIMMER (2012)

Siegfried Zim­mer ist vie­len von seinen Vorträ­gen auf der Bil­dungsplat­tform «Worthaus» bekan­nt. In «Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?» ver­sucht Zim­mer zwis­chen einem fun­da­men­tal­is­tis­chen Bibelver­ständ­nis und der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft zu ver­mit­teln und seine Leser von der Notwendigkeit eines wis­senschaftlichen Umgangs mit der Bibel zu überzeugen.

ANALYSE

Zim­mers haupt­säch­lichen Argu­mente liegen auf ein­er weltan­schaulichen, ein­er the­ol­o­gis­chen und ein­er dog­ma­tis­chen Ebene.

Auf der weltan­schaulichen Ebene pos­tuliert Zim­mer eine kat­e­go­ri­ale Unter­schei­dung zwis­chen Gott und Jesus ein­er­seits und der Bibel ander­seits und begrün­det damit die Frei­heit zur kri­tis­chen Erforschung der Bibel.

Die Bibel hat nach Zim­mer ver­lässliche Ori­en­tierungskraft. Gott spricht durch die Bibel zu uns. Durch seinen Geist lehrt er uns alles, was für unser Heil notwendig ist. [10] Luthers Satz, dass der Heilige Geist nir­gends kräftiger redet als in der Heili­gen Schrift, find­et Zim­mers aus­drück­liche Zus­tim­mung. [11] «Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass wir durch die Bibel in allen heil­swichti­gen Fra­gen eine zuver­läs­sige Ori­en­tierung haben.» [12]

Zwis­chen Gott und der Bibel beste­ht nach Zim­mer eine «Wirkung­sein­heit». In seinem Vor­trag «Warum das fun­da­men­tal­is­tis­che Bibelver­ständ­nis nicht überzeu­gen kann», spricht Zim­mer von einem Riss in der Christenheit:

«Es ist näm­lich ein ganz bes­timmter Punkt, an dem in der Chris­ten­heit die Wege auseinan­derge­hen. Und diesen Punkt müssen wir genau lokalisieren und genau ver­ste­hen. Die entschei­dende Frage, die ein Teil der Chris­ten­heit mit Ja beant­wortet und der andere Teil der Chris­ten­heit mit Nein, diese Frage lautet: Fol­gt aus der Wirkung­sein­heit zwis­chen Gott und der Bibel, dass die Bibel sel­ber göt­tliche Eigen­schaften hat? Das ist die entschei­dende Frage … Hat die Bibel Anteil an Gottes Abso­lutheit und Vol­lkom­men­heit? Darauf antwortet ein Teil der Chris­ten­heit in allen Kirchen und in allen Kon­fes­sio­nen mit einem ganz klaren Nein … Ein ander­er Teil der Chris­ten­heit in allen Kirchen und Kon­fes­sio­nen antwortet darauf mit einem ganz klaren Ja.» [13]

Zwis­chen Gott und seinem Wort beste­ht nach Zim­mer eine «Wirkung­sein­heit», aber keine «Wesen­sein­heit». Die Bibel hat keinen Anteil am Wesen und an der Vol­lkom­men­heit Gottes (z.B. daran, dass Gott nicht lügen kann) und besitzt deshalb keine göt­tlichen Eigenschaften:

«Die Bibel hat göt­tliche Wirkung, wann und wo Gott es will, aber sie hat keine göt­tlichen Eigen­schaften.» [14]

Aus der Unter­schei­dung zwis­chen Gott und seinem Wort fol­gt die Rel­a­tivierung der Bibel gegenüber Gott. [15] Die Bibel ist Anrede Gottes an uns und deshalb ver­lässlich in Heils­din­gen. Sie ist gle­ichzeit­ig Men­schen­wort und deshalb voller «Fehler, Span­nun­gen und Wider­sprüche». [16]

Die Rel­a­tivierung der Bibel gegenüber Gott schafft die Frei­heit, sie nach wis­senschaftlichen Kri­te­rien zu unter­suchen: «Die kat­e­go­ri­ale Unter­schei­dung zwis­chen Gott und der Bibel schafft den Raum und die Frei­heit zur wis­senschaftlichen Erforschung der Bibel.» [17]

Auf der the­ol­o­gis­chen Ebene bringt Zim­mer das auf Luther zurück­ge­hende Prinzip von Jesus als der «Mitte» der Schrift ins Spiel und verbindet damit die Forderung, bib­lis­che Texte zu kri­tisieren, wenn sie im Kon­flikt mit Jesus stehen.

Für Luthers Recht­fer­ti­gungs­the­olo­gie ist entschei­dend, ob ein bib­lis­ches Buch «Chris­tum trei­bet» oder nicht. Die bib­lis­chen Büch­er sind nach Luther darauf hin zu prüfen, ob sie von der freimachen­den Gnade Gottes han­deln oder nicht. Büch­er, in denen er diese Mitte nicht find­en kon­nte, las Luther kritisch.

Zim­mer sucht im Anschluss an Luther nach der Mitte der Schrift, indem er die bib­lis­chen Texte befragt, ob sie in Übere­in­stim­mung mit der Gesin­nung und der Lehre Jesu sind. Zim­mer fordert: [18]

«Wir dür­fen in unserem Gottesver­ständ­nis und in unserem Gewis­sen nicht mehr hin­ter das zurück­fall­en, was Jesus Chris­tus gesagt und getan hat. Bib­lis­che Texte, die etwas Anderes für richtig hal­ten, was Jesus uns gelehrt hat, dür­fen unser Gewis­sen nicht binden.»

Nach Zim­mer ist nicht entschei­dend, «dass ein Satz in der Bibel ste­ht, entschei­dend ist, in welch­er Nähe oder Ferne er zu Jesus Chris­tus ste­ht». Die Suche nach der Mitte der Schrift nötigt also zur kri­tis­chen Bibellektüre:

«Im Kon­flik­t­fall argu­men­tieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Chris­tus gegen die Bibel.» [19]

Kri­tik dieser Art ist nach Zim­mer sachgemäss, weil zwis­chen Jesus als Per­son und den bib­lis­chen Zeug­nis­sen über Jesus unter­schieden wer­den muss. [20] Jesus ist «die entschei­dende Offen­barung», in der Gott sich uns mit­teilt, die bib­lis­chen Schriften sind Zeug­nisse der Offen­barung. [21]

Auf der dog­ma­tis­chen Ebene kann Zim­mer den urchristlichen Glauben an die Ver­lässlichkeit und höch­ste Autorität der Heili­gen Schrift nicht teilen und lässt ein Unbe­ha­gen am Gedanken der Inspi­ra­tion erkennen.

Zim­mer räumt ein, dass das Alte Tes­ta­ment sowohl im Juden­tum als auch im Urchris­ten­tum als inspiri­erte Wil­len­sof­fen­barung Gottes gele­sen wurde und dass bere­its im Neuen Tes­ta­ment der Prozess sicht­bar wird, die urchristlichen Schriften den heili­gen Schriften des Juden­tums gle­ichzustellen. [22] Zim­mer kann sich diesem Ver­ständ­nis jedoch nicht anschliessen und dis­tanziert sich damit von den Apos­teln und den Kirchen­vätern. Er lässt ein grund­sät­zlich­es Unbe­ha­gen am Gedanken der Inspi­ra­tion erken­nen und bevorzugt stattdessen die Rede von der «grundle­gen­den Ori­en­tierungskraft» der Bibel. [23]

Ein­er­seits zeigt sich Zim­mers Unbe­ha­gen im Umgang mit den entschei­den­den Stellen über die Inspi­ra­tion. Während nach evan­ge­likalem (wie auch nach katholis­chem) Ver­ständ­nis Texte wie 2Tim 3,14–17 («alle Schrift ist von Gott eingegeben») und 2Petr 1,19–22 («getrieben vom Heili­gen Geist haben Men­schen im Auf­trag Gottes gere­det») von der Inspi­ra­tion und Autorität der Schrift han­deln, wehrt Zim­mer mit ihnen bloss die The­o­rie der Ver­balin­spi­ra­tion ab, wonach jedes einzelne Wort der Bibel vom Heili­gen Geist eingegeben wurde. Pos­i­tive Aus­sagen, wonach diese Texte den urchristlichen Glauben an die Gültigkeit und Autorität der Schrift abbilden und damit Vor­bilder für uns sind, sucht man bei Zim­mer vergebens.

Ander­seits zeigt sich Zim­mers Unbe­ha­gen am Ver­such, die Bedeu­tung der Inspi­ra­tion mit geschichtlichen Argu­menten zu min­imieren. In der Urchris­ten­heit habe es keinen Bedarf für die Ver­balin­spi­ra­tion gegeben. Erst im Zuge der Kanon­isierung des Neuen Tes­ta­ments habe man begonnen, über­haupt eine Inspi­ra­tionslehre zu entwick­eln und erst in diesem Zusam­men­hang sei zum ersten Mal von der Wider­spruch­slosigkeit der Bibel die Rede gewe­sen. [24] Luther sei ohne eine The­o­rie der Inspi­ra­tion aus­gekom­men. Erst die lutherische Ortho­dox­ie in nachre­for­ma­torisch­er Zeit habe im Bibel­text die entschei­dende Offen­barung erblickt und die The­o­rie der Ver­balin­spi­ra­tion entwick­elt. [25]

Zim­mer zielt mit seinen geschichtlichen Strei­flichtern auf eine kon­ser­v­a­tive Bibel­fröm­migkeit. For­men der Ver­balin­spi­ra­tion, wie sie heute im Fun­da­men­tal­is­mus zu find­en sind, liessen sich nicht auf die Bibel zurück­führen, son­dern stün­den in der Nach­folge der Ortho­dox­ie. [26]

Die Bibel ist bei Siegfried Zim­mer in Heils­din­gen lebendi­ges Gotteswort, durch das Gott spricht, aber auch fehlbares Men­schen­wort, das kri­tisiert wer­den muss.

BEWERTUNG

Zim­mers Schriftver­ständ­nis ist ambiva­lent. Die Bibel hat ver­lässliche Ori­en­tierungskraft in Heils­din­gen, anson­sten muss sie kri­tisch gele­sen wer­den. Das gilt namentlich für alttes­ta­mentliche Texte, bei denen Zim­mer Kon­flik­te mit der Lehre Jesu ausmacht.

Entschei­dend für Zim­mers Ansatz ist die weltan­schauliche Vorentschei­dung, kat­e­go­r­i­al zwis­chen Gott und der Bibel zu unter­schei­den. Damit stösst Zim­mer die Tür zur Autorität «Wis­senschaft» mit ihrem method­is­chen Athe­is­mus auf. Die Bibel hat keinen Anteil an Gottes Wesen und Vol­lkom­men­heit, so dass mit Fehlern und Wider­sprüchen zu rech­nen ist. Das gilt haupt­säch­lich für das Alte Tes­ta­ment, das Zim­mer mit mas­siv­er Kri­tik eindeckt.

Zim­mers Kri­tik ste­ht in auf­fal­l­en­dem Kon­trast zur Hochschätzung, mit der im Neuen Tes­ta­ment vom Alten gesprochen wird. Es wird so von den Schriften des Alten Tes­ta­ments gesprochen, dass ihnen dieselbe Autorität zukommt, wie Gott selb­st. Gottes Wort ist ewig (Ps 119,89), gerecht (Deut 4,8), lebendig (Hebr 4,12) und mächtig (Apg 19,20).

Die Ver­fass­er des Neuen Tes­ta­ments nah­men zwis­chen den Schriften des Alten Tes­ta­ments und Gott eine unver­rück­bare Wesen­sein­heit wahr. Sie sprachen von den «heili­gen Schriften», wenn sie sich auf das Alte Tes­ta­ment bezo­gen und ver­nah­men in ihnen das Reden Gottes (2Tim 3,15; Röm 1,2; 2Petr 2,21). Für Evan­ge­likale gilt im Anschluss an die Ver­fass­er des Neuen Tes­ta­ments deshalb: Die Bibel ist als Gottes Wort Wesen­säusserung Gottes und hat Anteil an sein­er Wahrhaftigkeit und Ver­lässlichkeit. [27]

Die kat­e­go­ri­ale Unter­schei­dung zwis­chen Gott und der Bibel, wie Zim­mer sie vorn­immt, ist eine hermeneutis­che Weichen­stel­lung. Jesus wird zu einem «Kanon im Kanon» und gar zu einem Werkzeug der Bibelkri­tik. Aus der kri­tis­chen Dis­tanz zur Bibel ergibt sich Zim­mers Unbe­ha­gen an der Inspi­ra­tion. Pos­i­tive Aus­sagen über die Wirk­samkeit und Autorität der Schrift spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle.

Nach den Selb­staus­sagen der Schrift ist Fun­da­mentalkri­tik, wie Zim­mer sie vorträgt, nicht möglich. Jesus hat das Alte Tes­ta­ment nir­gends kri­tisiert, son­dern als ver­lässlich­es Gotteswort anerkan­nt (Mt 5,18). Wie will man mit Jesus das Alte Tes­ta­ment kri­tisieren, wenn Jesus an kein­er Stelle erken­nen lässt, dass solche Kri­tik ange­bracht ist? Was berechtigt dazu, gegen das Alte Tes­ta­ment zu argu­men­tieren, wenn Jesus ein kat­e­gorisches Nein zu jeglich­er Kri­tik erken­nen lässt (Joh 10,35)? Es gibt nir­gends in der Schrift eine Anleitung, Schrift mit Schrift abzulehnen. [28]

Die Aus­sagen von Jesus und den Apos­teln bilden nach evan­ge­likaler Lesart eine aus­re­ichende Basis für eine The­o­rie der Inspiration:

Jesus sagte, dass der kle­in­ste Buch­stabe des Geset­zes in Erfül­lung gehen wird (Mt 5,18) und dass die Schrift «nicht gebrochen» wer­den kann (Joh 10,35). Für Jesus war das, was Mose lehrte, Gottes Wort (Mk 7,10–13). David war vom Heili­gen Geist erfüllt, als er die Psalmen schrieb (Mk 12,36). Bei Jesus zeigt sich ein tiefes Ver­trauen in die Ver­lässlichkeit, Autorität und Wirk­samkeit des Alten Tes­ta­ments als von Gott aus­ge­hen­des Wort.

Die Hal­tung der Apos­tel zum Alten Tes­ta­ment ist ein­deutig. Sie beziehen sich in ihren Predigten und Briefen ständig in Form von Anlehnun­gen, Ver­weisen und direk­ten Bezü­gen auf die Hebräis­che Bibel als von Gott aus­ge­hen­des Wort. Gle­ichzeit­ig beanspruchen sie, durch den Geist, selb­st auch Gottes Worte weit­erzugeben und liefern damit Argu­mente für die Inspi­ra­tion des Neuen Tes­ta­ments. Paulus hat das Evan­geli­um «durch die Offen­barung Jesu Christi emp­fan­gen» (Gal 1,12) und lehrt «mit Worten wie der Geist sie lehrt» (1Kor 2,13). Sein Evan­geli­um ist «Offen­barung des Geheimniss­es Gottes» (Röm 16,2–5 f), welch­es ihm Gottes Geist mit­geteilt hat (Eph 3,3 ff).

Das Alte Tes­ta­ment ist nicht bloss­es Men­schen­wort, son­dern «theop­neustos» (wörtlich gottge­haucht) und damit von Gott aus­ge­hen­des Wort (2Tim 3,16–17). Der Sache nach ist der Gedanke der Inspi­ra­tion klar vorhan­den. Dies scheint die ein­hel­lige Mei­n­ung der Kirchen­väter gewe­sen zu sein. Ori­genes, Athana­sius von Alexan­dria, Basil­ius der Grosse, Johannes Chrysos­to­mos, Hierony­mus und Augusti­nus leit­eten von 2Tim 3,16 den göt­tlichen Charak­ter der Heili­gen Schrift ab. Die Vul­ga­ta, die wichtig­ste lateinis­che Bibelüber­set­zung des Mit­te­lal­ters, über­set­zt «theop­neustos» im Anschluss an die Kirchen­väter sach­lich richtig mit «divini­tus inspi­ra­ta» (göt­tlich inspiriert).

Das­selbe Ver­trauen in die göt­tliche Wirk­samkeit des Alten Tes­ta­ments zeigt sich im zweit­en Petrus­brief. Das Alte Tes­ta­ment ist unter dem Antrieb des Heili­gen Geistes ent­standen und nicht das Resul­tat men­schlich­er Anstren­gung (2Petr 1,16 ff).

Johannes stellt in Offb 22,18–19 («Ich bezeuge jedem, der die prophetis­chen Worte dieses Buch­es hört: Wer etwas hinzufügt, dem wird Gott die Pla­gen zufü­gen, von denen in diesem Buch geschrieben ste­ht. Und wer etwas weg­n­immt von den prophetis­chen Worten dieses Buch­es, dem wird Gott seinen Anteil am Baum des Lebens und an der heili­gen Stadt weg­nehmen, von denen in diesem Buch geschrieben ste­ht») sein Buch auf die gle­iche Stufe der Verbindlichkeit wie die Tora des Mose in Deut 4,2 («Ihr sollt dem Wort­laut dessen, worauf ich euch verpflichte, nichts hinzufü­gen und nicht davon weg­nehmen»). Die Johan­nesof­fen­barung will verbindlich­es Gotteswort und damit Heilige Schrift sein. [29]

Argu­men­ta­tiv zeigt sich: Zim­mer gelangt zu einem kri­tis­chen Schriftver­ständ­nis, indem er bib­lis­che Aus­sagen über die Gel­tung und Autorität der Schrift min­imiert oder überge­ht und weltan­schauliche und his­torische Argu­mente zugun­sten ein­er kri­tis­chen Lesart in den Vorder­grund rückt.

«WENN DER GLAUBE NICHT MEHR PASST»

MARTIN BENZ (2022)

Mar­tin Benz ist vie­len durch seinen Pod­cast «Move­cast» bekan­nt. In seinem Buch beschreibt er seine per­sön­liche Entwick­lung aus der Enge des Fun­da­men­tal­is­mus zur Weite eines pro­gres­siv­en Glaubens. [30] Zu sein­er the­ol­o­gis­chen Reise sagt Benz:

«Ich … habe meine Kof­fer gepackt aus den kon­ser­v­a­tiv-evan­ge­likalen oder fun­da­men­tal­is­tis­chen Denkmustern, in denen ich viele Jahre zu Hause war. Es wurde mir zu eng in der Alt­stadt.» [31]

ANALYSE

Benz baut sein Plä­doy­er für einen pro­gres­siv­en Glauben haupt­säch­lich auf drei Argu­menten auf.

Erstens: Die Bibel enthält weniger «fak­tis­che» Wahrheit­en, die beanspruchen, natur­wis­senschaftlich nach­prüf­bar oder his­torisch wahr zu sein, und mehr «poet­is­che» Wahrheit­en, die zum recht­en Leben anleiten.

Benz biografis­che geprägtes Buch ist der Ver­such, sich aus ein­er fun­da­men­tal­is­tis­chen Denkart zu befreien, die auf Recht­gläu­bigkeit fokussiert, aber am Leben vor­bei geht.

«Während meines (eher fun­da­men­tal­is­tis­chen) The­olo­gi­es­tudi­ums hat­ten wir immer wieder Vor­lesun­gen bei namhaften Pro­fes­soren, die ver­sucht haben den wis­senschaftlichen Beweis anzutreten, dass die ersten bei­den Kapi­tel von Gen­e­sis tat­säch­lich die natur­wis­senschaftliche Entste­hung der Welt erk­lären und damit im schar­fen Wider­spruch zur Evo­lu­tion­slehre ste­hen … In all den Jahren habe ich von keinem Pro­fes­sor erfahren, was mir diese Schöp­fungserzäh­lung eigentlich wirk­lich erzählen möchte. Was sie aus­sagt über das Leben, die Liebe, die Men­schen­würde, die Entste­hung von Gottes­beziehung oder Moral. Vor lauter math­e­ma­tis­ch­er Bewe­is­führung über­sieht man die Botschaft, die diese Geschicht­en eigentlich erzählen wollen. Die Texte klären dann nur noch Fak­ten, aber sie erk­lären nicht länger das Leben.» [32]

Die Unter­schei­dung zwis­chen «fak­tis­chen» und «poet­is­chen» Wahrheit­en ist kon­sti­tu­tiv für Benz Ansatz. Bib­lis­che Erzäh­lun­gen wie die Schöp­fungs­geschichte, die Sint­flut oder das Schick­sal Hiobs trans­portieren nicht «fak­tis­che Wahrheit­en», die natur­wis­senschaftlichen Anspruch erheben oder geschichtlich zu fassen sind. Es geht «nicht um Präzi­sion, um Details und um wis­senschaftliche Fak­ten, son­dern um Erin­nerung, um Weisheit, um Lebenser­fahrung». [33] Benz klingt ähn­lich wie die lib­eralen The­olo­gen des 19. Jahrhun­derts, die sich von einem his­torischen Alten Tes­ta­ment dis­tanzierten und die moralis­chen Ein­sicht­en in den bib­lis­chen Tex­ten beton­ten, wenn er sagt, die Bibel ver­mit­tle haupt­säch­lich Wahrheit­en über das Leben und Glauben in dich­ter­isch­er Form:

«Der mod­erne Men­sch ver­ste­ht unter Wahrheit vor allem math­e­ma­tis­che oder fak­tis­che Wahrheit. Daneben gibt es poet­is­che und dich­ter­ische Wahrheit. Wer davon aus­ge­ht, dass die Bibel vor allem fak­tis­che Wahrheit enthält, muss sie dauernd gegenüber den kri­tis­chen Anfra­gen aus Natur­wis­senschaft und his­torisch­er Wis­senschaft vertei­di­gen. Poet­is­che Wahrheit dage­gen kann tiefe Weisheit­en und Prinzip­i­en in ein­er Form zum Aus­druck brin­gen, wie das fak­tis­che Wahrheit nie kön­nte. Es geht also weniger darum, ob die Geschicht­en in der Bibel his­torisch oder natur­wis­senschaftlich wahr sind, son­dern vielmehr darum, welche göt­tlichen Wahrheit­en uns diese Texte erzählen wollen.» [34]

Benz macht für seinen Zugang zur Bibel einen lit­er­arischen Graben zwis­chen der bib­lis­chen Welt und unser­er mod­er­nen Denkweise gel­tend. Als die bib­lis­chen Erzäh­lun­gen ent­standen «gab es die Liga der wis­senschaftlichen oder his­torischen Lit­er­atur noch gar nicht», zeigt sich Benz überzeugt und bringt damit ein lit­er­arkri­tis­ches Argu­ment ein. [35]  Wenn man natur­wis­senschaftlich oder his­torisch an die entsprechen­den Texte herange­ht, liest man nach Benz neuzeitliche Denkvo­raus­set­zun­gen in sie hinein, so dass man ihnen Aus­sagen abringt, die sie gar nicht machen wollen. [36]

Zweit­ens: In der Bibel gibt es einen Entwick­lung­sprozess im religiösen Ver­ständ­nis, so dass sich von einem Buch zum anderen Per­spek­tiv­en abrupt ändern und alten Ein­sicht­en wider­sprochen wird.

Benz spricht davon, dass Gott sich in der Bibel fortschre­i­t­end offen­bart, meint aber nicht ein Fortschre­it­en der Offen­barung in dem Sinn, dass jün­gere Ein­sicht­en ältere präzisieren. Es geht um verän­derte Per­spek­tiv­en, die alte Ein­sicht­en ersetzen:

«Beim aufmerk­samen Lesen der Bibel wird deut­lich, dass sich bere­its inner­halb der Bibel Entwick­lung vol­lzieht … Gebote wer­den weit­er­en­twick­elt, Per­spek­tiv­en verän­dern sich, und was in einem bib­lis­chen Buch noch galt, gilt in einem anderen Buch bere­its nicht mehr. Grundpfeil­er von Tra­di­tion und Gottesverehrung wer­den im Laufe der bib­lis­chen Texte ein­geris­sen, moralis­che Ein­sicht­en verän­dern sich und selb­st das Gottes­bild ist in Bewe­gung.» [37]

Pikant: Benz erblickt in den unter­schiedlichen Gottes­bildern des Alten Tes­ta­ments pagane (hei­d­nis­che) Ein­flüsse. Die Gottes­bilder der bib­lis­chen Ver­fass­er sind das Resul­tat ein­er evo­lu­tionären Entwick­lung im religiösen Ver­ständ­nis der Men­schheit. In die bib­lis­chen Texte sind wie in kanaani­tis­chen, griechis­chen und römis­chen Göt­termythen men­schliche Vorstel­lun­gen einge­flossen, die sich zu Wider­sprüchen anhäufen:

«In der Bibel find­en sich teils wider­sprüch­liche Gottesvorstel­lun­gen. Sie sind Aus­druck ver­schieden­er antik­er Gottes­bilder, die Ein­lass in bib­lis­che Texte gefun­den haben.» [38]

Einen qual­i­ta­tiv­en Unter­schied zwis­chen den mythis­chen Gottesvorstel­lun­gen des Alter­tums und den bib­lis­chen Darstel­lun­gen kann ich in Benz Aus­führun­gen nicht erken­nen. Das Alte Tes­ta­ment bildet ab, «wie Men­schen Gott als Kinder ihrer Zeit sub­jek­tiv ver­standen haben und wo sie in der Entwick­lung ihres Gottesver­ständ­niss­es ger­ade standen». [39] Manche Texte spiegeln deshalb «eher die Sichtweise ihres antiken Umfeldes wider als den Herz­schlag Gottes». [40] In einem Move­cast zum The­ma Bibelver­ständ­nis erk­lärt Benz:

«Gott will doku­men­tieren, wie damals Men­schen gedacht, geglaubt haben, wie ihre Gottesvorstel­lung war, wie ihre Bewusst­sein­sebene war. Er will, dass das doku­men­tiert und dargestellt wird, weil er gle­ichzeit­ig zeigen will, wie grossar­tig sich Glaube, Gottesvorstel­lung, Erken­nt­nis und Bewusst­sein weit­er­en­twick­eln kann. In der Bibel find­et sich Entwick­lung von prim­i­tiv, von ganz archais­ch­er Gottesvorstel­lung, zu ein­er immer gröss­er wer­den­den Offen­barung, die dann in Chris­tus endet, mün­det.» [41]

Jesus ist die Mitte der Schrift. In ihm lösen sich die wider­sprüch­lichen Gottes­bilder des Alten Tes­ta­ments auf. Jesus ist die entschei­dende Gottes­man­i­fes­ta­tion, in der sich Gott den Men­schen gegenüber «verein­deutigt» und der vol­lkommene Aus­druck von Gottes Wesen. [42]

Zwis­chen den Gottes­bildern des Alten Tes­ta­ments und Jesus beste­ht eine unüber­brück­bare Kluft. [43] Das zeigt sich an zen­tralen Glaubens­bestän­den, die Benz dekon­stru­iert: Gegen die Lehre vom Süh­ne­tod Jesu zu unseren Gun­sten argu­men­tiert Benz: Gott ist keine blutrün­stige Got­theit, die Opfer braucht, um gnädig ges­timmt zu wer­den. Gegen die Lehre von der ewigen Ver­loren­heit argu­men­tiert Benz: Gott ist nicht Gewalt und er unter­hält auch keine ewige Folterkam­mer. [44] Benz pos­tuliert harte Wider­sprüche zwis­chen dem Alten und dem Neuen Tes­ta­ment: Der Gott von Deuteronomi­um 28 ist ein Sadist, der Gott von Lukas 7 ein Tröster. [45]

Drit­tens: Der Entwick­lung­sprozess im religiösen Ver­ständ­nis, der sich im Alten Tes­ta­ment beobacht­en lässt, schliesst Inspi­ra­tion als Akt aus, in welchem sich Gott den men­schlichen Autoren in sou­verän­er Weise bedient.

Der Gedanke der Inspi­ra­tion schrumpft bei Benz auf seine Möglichkeit­en im Rah­men ein­er evo­lu­tionären gesellschaftlichen Entwick­lung zusammen:

«Religiös­es Bewusst­sein ist nicht ein­fach vom Him­mel gefall­en. Religiös­es Bewusst­sein, Gottesverehrung, Fröm­migkeit, Gottes­bilder und moralis­ches Ver­ständ­nis entwick­eln sich. Sie sind immer auch Abbild des Umfeldes und der Zeit, in denen Men­schen sich befind­en … Die Bibel bildet dieses Voran­schre­it­en im Rah­men ihrer Möglichkeit­en ab.» [46]

Inspi­ra­tion als tran­szen­dentes Ein­wirken eines sou­verä­nen Gottes auf die men­schlichen Ver­fass­er schliesst Benz aus: Die bib­lis­chen Autoren sind «Kinder ihrer Zeit und Gott kon­nte sie nur im Rah­men ihrer Vorstel­lun­gen inspiri­eren». [47] Benz stutzt das Prinzip der Fortschre­i­t­en­den Offen­barung auf einen imma­nen­ten Vor­gang zusammen:

«Die Bibel ist kein flach­es Buch, bei dem alle Aus­sagen gle­ich­w­er­tig nebeneinan­der­ste­hen. Es gibt deut­liche Entwick­lun­gen darin. Durch diese Entwick­lun­gen wer­den manche Vorstel­lun­gen, Gebote, Gottes­bilder und religiöse Konzepte abgelöst durch neue und andere. So offen­bart sich Gott fortschre­i­t­end. Um uns an dieser Entwick­lung teil­haben zu lassen, ist alles in der Bibel Gottes Absicht, aber nicht alles Gottes Ansicht.» [48]

Wenn man Benz fol­gt, ist man als Bibelleser genötigt, ständig zwis­chen men­schlichen Ansicht­en und göt­tlichen Absicht­en zu unter­schei­den. Abge­se­hen davon, dass unter diesen Voraus­set­zun­gen gar nicht alle Teile der Bibel inspiri­ert sein kön­nen, muss sich der Bibelleser durch harte Wider­sprüche kämpfen und sie gegeneinan­der abwä­gen. Ein ver­trauensvolles Lesen der Schrift wird so deut­lich erschw­ert. Das gilt auch für das Neue Tes­ta­ment, selb­st wenn Benz mit sein­er Kri­tik beim Alten anset­zt. Wenn die alttes­ta­mentlichen Autoren der Bibel «Kinder ihrer Zeit» waren und Gott sie «nur im Rah­men ihrer Vorstel­lun­gen» inspiri­eren kon­nte, sind auch die neutes­ta­mentlichen Ver­fass­er gefan­gen in der Denkweise ihrer Kul­tur. Fol­gt man Benz Argu­men­ta­tion muss von einem fehler­haften Zeug­nis über Jesus in den Evan­gelien aus­ge­gan­gen wer­den. Benz denkt seine kri­tis­chen Gedanken über die Inspi­ra­tion nicht zu Ende, aber es ist offen­sichtlich, dass er mit ihnen die Integrität des Evan­geli­ums grund­sät­zlich in Frage stellt.

Die Bibel ist bei Mar­tin Benz ein Buch, in dem sich göt­tliche Wahrheit­en und pagane Ein­flüsse ver­men­gen, so dass der Bibelleser genötigt ist, Teile der Bibel im Licht der Offen­barung in Jesus Chris­tus zu kritisieren.

BEWERTUNG

Benz zeigt in seinem «Umzugshelfer» (so der Unter­ti­tel des Buch­es) ein starkes Bedürf­nis, sich von sein­er fun­da­men­tal­is­tis­chen Ver­gan­gen­heit abzuset­zen. Das gilt ins­beson­dere für das Schriftverständnis.

Die meis­ten Evan­ge­likalen kön­nen gut damit leben kön­nen, dass die Schöp­fungs­geschichte poet­is­che Ele­mente enthält und damit nicht bloss fak­tis­che, son­dern auch poet­is­che Wahrheit sein will. Und auch damit, dass Hiob möglicher­weise eine lit­er­arische Fig­ur und keine his­torische Per­son ist.

Lei­der scheint Benz nicht in Betra­cht zu ziehen, dass Texte wie die Schöp­fungs­geschichte und der Sün­den­fall sowohl fak­tis­che als auch poet­is­che Wahrheit­en enthal­ten kön­nen. Die Klage, im Fun­da­men­tal­is­mus gäbe es eine ein­seit­ige Konzen­tra­tion auf Fak­ten, die das lebens­di­en­liche Poten­zial manch­er bib­lis­ch­er Texte überge­he, ist lei­der nur allzu berechtigt. Das Prob­lem ist, dass Benz das eine gegen das andere ausspielt, indem er einen schar­fen Gegen­satz zwis­chen fak­tis­chen und poet­is­chen Wahrheit­en zu favorisieren scheint.

Benz gibt mir als Leser nichts in die Hand, das mein Ver­trauen in die his­torische Ver­lässlichkeit des Alten Tes­ta­ments stärken kön­nte. So weiss ich nicht, ob Benz an eine reale Gotte­ser­schei­n­ung am Sinai glaubt und daran, dass die Tora des Mose auf Offen­barung beruht. Benz scheint einen Bruch zwis­chen Glaube und Geschichte in Kauf zu nehmen und stösst damit die Tür zu einem unhis­torischen Alten Tes­ta­ment auf.

Das zen­trale Argu­ment in Benz Plä­doy­er und gle­ichzeit­ig sein grösstes Prob­lem ist die Idee eines religiösen Entwick­lung­sprozess­es inner­halb der Bibel und das Pos­tu­lat pagan­er Ein­flüsse auf das Alte Tes­ta­ment, so dass sich selb­st Gottes­bilder ändern. Abge­se­hen davon, dass einige Argu­mente von Benz zugun­sten ein­er religiösen Weit­er­en­twick­lung unhalt­bar sind, wie Ben­jamin Kilchör in einem lesenswerten Artikel zeigt, [49] sprechen min­destens zwei Über­legun­gen gegen Benz Annahme:

Zum einen sind die Gottes­bilder des Alten Tes­ta­ments im Ver­gle­ich mit antiken Vorstel­lun­gen äusserst kon­sis­tent. Im antiken Griechen­land strit­ten sich die Philosophen über das Wesen und die Anzahl der Göt­ter und wider­sprachen sich ständig. Die meis­ten gin­gen von unzäh­li­gen Göt­tern aus, einige wenige zeigten eine Nei­gung zum Monothe­is­mus, kaum ein­er war Athe­ist. Einig war man sich nur darin, dass die Göt­ter lau­nisch und unberechen­bar waren und eine Moral zeigten, vor denen Eltern ihre Kinder allezeit warn­ten. [50]

Zum andern gibt es im gesamten alttes­ta­mentlichen Kanon keinen Ver­fass­er, der in Anspruch nimmt, eine ganz andere Seite Gottes zeigen zu wollen, welche vor­ange­gan­genen Äusserun­gen wider­spricht. Es gibt Aus­sagen in den Propheten, dass Gottes etwas Neues schaf­fen oder das er einen neuen Bund mit seinem Volk machen wird, aber keine Ansagen, die auf eine Entwick­lung hin­weisen, die alte Ein­sicht­en «ein­reis­sen». Es gibt fortschre­i­t­ende Offen­barung im Alten Tes­ta­ment, aber nicht im Rah­men eines evo­lu­tionären geis­tes­geschichtlichen Fortschritts, wie ihn Benz vorauszuset­zen scheint, son­dern im Rah­men von Gotte­sof­fen­barun­gen, die beste­hende Ein­sicht­en präzisieren.

Ins­ge­samt habe ich den Ein­druck bekom­men, Benz lese die Bibel als bloss­es Pro­tokoll von men­schlichen Erfahrun­gen, fast wie ein Tage­buch der Men­schheit, das den Fortschritt im religiösen Erken­nen der Men­schheit doku­men­tiert. Das Licht der Offen­barung geht Benz erst bei Jesus auf.

Kein evan­ge­likaler The­ologe bestre­it­et, dass es in der Bibel Entwick­lun­gen gibt. Wie bes­timmte Sachver­halte aufeinan­der zu beziehen sind, etwa die Frage der Gewalt oder die Hal­tung zur Sklaverei, ist Gegen­stand inten­siv­en Rin­gens und die Antworten fall­en nur in sel­te­nen Fällen leicht. Kein­er aber geht so weit wie Benz und spricht davon, dass wir im Alten Tes­ta­ment auf «wider­sprüch­liche Gottes­bilder» stossen oder «Grundpfeil­er der Tra­di­tion» von einem Buch zum andern «ein­geris­sen» wer­den. Offen­bar ist Benz dem Gedanken der Ein­heit der Schrift entfremdet.

Am meis­ten beun­ruhigt mich, dass Benz kaum offen­barungs­the­ol­o­gisch und weit­ge­hend reli­gion­s­geschichtlich argu­men­tiert. Sein Ansatz rückt ihn in die Nähe der «Reli­gion­s­geschichtlichen Schule», die um die vor­let­zte Jahrhun­der­twende zu einem der Haupt­treiber der Bibelkri­tik wurde. Der Begriff ste­ht für einen Kreis von evan­ge­lis­chen The­olo­gen, die ihren grössten Ein­fluss zwis­chen 1890 und 1920 erre­icht­en. [51]

Die Vertreter der Reli­gion­s­geschichtlichen Schule stell­ten die Forderung auf, die Bedeu­tung der Bibel müsse nicht von ihrem Offen­barungsanspruch her erschlossen, son­dern aus dem Ver­gle­ich mit den Reli­gio­nen des Alter­tums her­auskristallisiert wer­den. Es sei also nicht bib­lisch, son­dern geschichtlich zu verfahren.

An Arbeit für die ver­gle­ichende Reli­gion­swis­senschaft man­gelte es nicht. Die spek­takulären Aus­grabun­gen des 19. Jahrhun­derts ermöglicht­en es, alttes­ta­mentliche Bibel­texte mit gle­ichal­tri­gen oder älteren Tex­ten der Baby­lonier, Assyr­er und ander­er Völk­er zu ver­gle­ichen. Man ent­deck­te Verbindun­gen zwis­chen alto­ri­en­tal­is­chen Sagen und alttes­ta­mentlichen Erzäh­lun­gen sowie baby­lonis­chen Geset­zen und dem Gesetz des Mose. In vie­len Fällen glaubte man, Abhängigkeit­en von alto­ri­en­tal­is­chen Stof­fen und deren Weit­er­en­twick­lun­gen im Alten Tes­ta­ment nach­weisen zu können.

Nach der Reli­gion­s­geschichtlichen Schule ist das Alte Tes­ta­ment das Resul­tat ein­er vielschichti­gen religiösen Entwick­lung inner­halb des Alter­tums. In Israel seien uralte baby­lonis­che und kanaanäis­che Sagen aufgenom­men und über lange Zeiträume tradiert und verän­dert wor­den. In dieser Überzeu­gung eröffnete Her­mann Gunkel seinen kri­tis­chen Gen­e­siskom­men­tar von 1901 mit dem pro­gram­ma­tis­chen Satz: «Die Gen­e­sis ist eine Samm­lung von Sagen.» [52]

Das Resul­tat dieser Annah­men war eine radikale Neuin­ter­pre­ta­tion des Alten Tes­ta­ments und eine fatale Her­ab­set­zung sein­er his­torischen Glaub­würdigkeit: Die Offen­barung am Sinai habe nie stattge­fun­den, die Tora sei nicht von Gott gegeben, Israel habe Kanaan nie erobert, die bib­lis­chen Geschicht­en seien blosse Mytholo­gie. Von der Einzi­gar­tigkeit des Alten Tes­ta­ments kon­nte unter diesen Voraus­set­zun­gen nicht mehr die Rede sein.

Die Prämis­sen der Reli­gion­s­geschichtliche Schule wirken in der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft bis heute nach. Nach ihnen ist die Reli­gion Israels eine lokale Aus­prä­gung eines alto­ri­en­tal­is­chen Tra­di­tion­sprozess­es. Es han­delt sich nicht um Offen­barungsre­li­gion, sie ist ein bloss­er Abkömm­ling der bun­ten Reli­giosität des Altertums.

Benz Aus­führun­gen irri­tieren, weil sie genau in dieses weltan­schauliche Schema passen. Benz spricht nicht grund­sät­zlich von einem unhis­torischen Alten Tes­ta­ment, bringt aber reli­gion­s­geschichtliche Argu­mente ein, die geeignet sind, den Offen­barungscharak­ter der Bibel völ­lig aufzulösen.

Benz reli­gion­s­geschichtlich­er Ansatz schliesst Inspi­ra­tion als sou­verä­nen Akt Gottes aus. Mit der Aus­sage, die Ver­fass­er der Bibel seien «Kinder ihrer Zeit» gewe­sen und Gott hätte sie «nur im Rah­men ihrer Vorstel­lun­gen» inspiri­eren kön­nen, ist nicht nur das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis aufgegeben, son­dern auch das refor­ma­torische Ver­trauen in die Bibel als von Gott aus­ge­hen­des Wort ins Abseits gedrängt.

«WEITERGLAUBEN»

THORSTEN DIETZ (2018)

Thorsten Dietz ist vie­len durch seine Pod­casts, Vorträge und Büch­er bekan­nt. Ein beson­der­er Schw­er­punkt seines Schaf­fens bildet die Auseinan­der­set­zung mit der evan­ge­likalen Bewe­gung und fun­da­men­tal­is­tis­chen Denkan­sätzen. Dietz geistliche Reise begann in der evan­ge­likalen Welt, aus der er sich nach und nach her­ausar­beit­ete. Sein Stan­dard­w­erk «Men­schen mit Mis­sion» ist eine Darstel­lung evan­ge­likaler Geschichte und The­olo­gie aus der kri­tis­chen Halb­dis­tanz. [53] Ich beziehe mich auf «Wege zur Liebe», um Dietz Aus­sagen in «Weit­er­glauben» zu ergänzen.

ANALYSE

«Weit­er­glauben» ist eine Samm­lung von Beiträ­gen, mit denen Dietz der Polar­isierung in der Chris­ten­heit ent­ge­gen­wirken und zu einem Glauben anre­gen will, der aus der Enge in die Weite führt. [54] Auskun­ft über Dietz Schriftver­ständ­nis geben die Kapi­tel über Gott (Seite 33–51), Wahrheit (Seite 53–75) und die Bibel als Gottes Wort (Seite 77–98).

Im Kapi­tel «Gott gehört uns nicht» geht es um die Frage, inwiefern Men­schen in der Lage sind, von Gott zu reden.

Dietz geht von der Tat­sache aus, dass wir an ein Geheim­nis rühren, wenn wir von Gott reden. [55] Men­schliche Sprache und Denk­fähigkeit sind Beschränkun­gen unter­wor­fen. Gott ist immer mehr als unsere Erfahrun­gen, stets gröss­er als unsere Gedanken und Begriffe. Obwohl Gott uns nah ist, kann man von Gott nur metapho­risch und «in Rät­seln» sprechen. [56]

Angesichts des Gottes­ge­heimniss­es und den Gren­zen men­schlichen Erken­nens, fordert Dietz eine The­olo­gie der Vor­läu­figkeit und des Verzichts auf Ein­deutigkeit. Die kon­ser­v­a­tive evan­ge­likale Bibelthe­olo­gie ist Dietz ein Dorn im Auge. In «Men­schen mit Mis­sion» beklagt er eine «Sehn­sucht nach kog­ni­tiv­er Klarheit und Ein­deutigkeit» und wirft den Evan­ge­likalen vor, Abwe­ich­ler erbit­tert zu bekämpfen. [57]

Mit sein­er The­olo­gie der Vor­läu­figkeit wirkt Dietz einem über­bor­den­den Dog­ma­tismus ent­ge­gen, wie er in pop­ulären For­men des Fun­da­men­tal­is­mus häu­fig zu find­en ist. Gle­ichzeit­ig erschw­ert er es, zen­trale Glaubenswahrheit­en und verbindliche Wert­set­zun­gen aus den bib­lis­chen Tex­ten abzuleiten.

Im Kapi­tel «Eine, meine oder keine Wahrheit?!» nähert sich Dietz dem Wahrheits­be­griff an, indem er zwis­chen ein­er Wahrheit und ihren Aus­druck­weisen unter­schei­det. [58]

Die men­schliche Fähigkeit, einen Umstand oder eine Wahrheit adäquat zu erfassen und zu beschrieben, ist begren­zt. Das hat nach Dietz auch für die Bibel Gültigkeit: Zwis­chen Jesus und dem Evan­geli­um ein­er­seits und der Bibel als Zeug­nis des Chris­tusereigniss­es ander­seits muss unter­schieden wer­den: [59]

«Die Unter­schei­dung zwis­chen der Glaubenswahrheit und ihren jew­eili­gen Gestal­ten in konkreten Aus­sagen ist für das Chris­ten­tum wesentlich … Nur so kom­men wir … gut klar damit, dass die vier Evan­gelien teil­weise recht ver­schiedene Akzente in ihrer Wieder­gabe der Verkündi­gung Jesu set­zen.» [60]

Dietz ver­mei­det es, von Wider­sprüchen zu sprechen, lässt mit sein­er Unter­schei­dung aber Raum dafür. Allerd­ings nimmt Dietz an ander­er Stelle für sich in Anspruch, den Evan­gelien im Ver­trauen zu begeg­nen, dass sie Gottes Heil­shan­deln ver­trauenswürdig bezeu­gen. [61]

Im Kapi­tel «Ist die Bibel Gottes Wort?» sowie in einem weit­eren über die Autorität der Bibel in ethis­chen Fra­gen dis­tanziert sich Dietz von der Ineins­set­zung von Bibel und Gotteswort.

Im Fun­da­men­tal­is­mus ist die Ein­heit von Bibel und Gottes Wort Voraus­set­zung für die Irrtum­slosigkeit der Schrift. In der lutherischen Ortho­dox­ie [62] wurde diese Posi­tion erst­mals sys­tem­a­tisch ent­fal­tet. Dietz argu­men­tiert in den besagten Kapiteln mit Luther und den Pietis­ten gegen die Ortho­dox­ie für einen kri­tis­chen Umgang mit der Bibel:

In der Kanon­frage ist für Luther entschei­dend, ob eine bib­lis­che Schrift auf die freimachende Gnade in Jesus Chris­tus hin­weist. Bei der Über­prü­fung des kanon­is­chen Stel­len­werts ein­er Schrift ver­fährt Luther nach dem Grund­satz: «Die Schrift ist nicht gegen, son­dern für Chris­tus zu ver­ste­hen, also entwed­er auf ihn zu beziehen oder nicht für wahre Schrift zu hal­ten.» [63]

In ethis­chen Fra­gen sucht Luther sowohl dem bib­lis­chen Wort als auch der konkreten Lebenssi­t­u­a­tion gerecht zu wer­den. Dietz zeich­net nach, wie Luther sich unter Berück­sich­ti­gung der Lebenswirk­lichkeit von Betrof­fe­nen schon mal für Notlö­sun­gen und Kom­pro­misse aussprechen kon­nte. Dietz folgert:

«Ethis­che Fra­gen kön­nen gar nicht anders, als immer in einem bes­timmten kul­turellen Kon­text bedacht wer­den. Das bedeutet auch … dass bib­lis­che Gebote aus­drück­lich auf ihren zeit­geschichtlichen Kon­text hin befragt wer­den müssen, wie auch unsere Sit­u­a­tion erst gründlich wahrgenom­men und ver­standen wer­den muss, bevor man an eine adäquate Nor­man­wen­dung denken kann.» [64]

Das Schriftver­ständ­nis der lutherischen Ortho­dox­ie sieht Dietz kri­tisch. In der Ortho­dox­ie ging «die Unter­schei­dung von Evan­geli­um und Bibel zunehmend ver­loren.» [65] Bibel und Wort Gottes wur­den von den lutherischen Dog­matik­ern in eins geset­zt und so für die Unfehlbarkeit der Heili­gen Schrift argu­men­tiert. Dog­ma­tisch abgesichert wurde die Unfehlbarkeit der Heili­gen Schrift mit ein­er voll aus­ge­bilde­ten Ver­balin­spi­ra­tion, wonach jedes einzelne Wort vom Heili­gen Geist eingegeben ist. Diese Ineins­set­zung läuft Dietz Unter­schei­dung zwis­chen ein­er Wahrheit und ihren Aus­druck­weisen zuwider.

Licht sieht Dietz erst im Pietismus. Die Pietis­ten gaben «den verzweifel­ten Abwehrkampf der Ortho­dox­ie um die irrtum­slose Wahrheit der Bibel» nach und nach auf. [66] So bedeu­tende heils­geschichtliche The­olo­gen wie Adolf Schlat­ter ver­wiesen darauf, dass die Bibel wed­er in ihren geschichtlichen Aus­sagen noch in ihren prophetis­chen Ansagen Fehler­losigkeit besitzt. [67]

Es ist offen­sichtlich in welche Rich­tung Dietz mit seinen his­torischen Blit­zlichtern stösst: Er sucht den Nach­weis zu erbrin­gen, dass sich der Fun­da­men­tal­is­mus mit seinem Pro­pri­um von der Irrtum­slosigkeit der Schrift wed­er auf Luther noch die Pietis­ten berufen kann, son­dern im Wesentlichen eine mod­erne Entwick­lung des 20. Jahrhun­derts ist. [68]

Die Bibel ist bei Thorsten Dietz Gotteswort im Men­schen­wort, wobei im Zweifels­fall das Men­schen­wort über­wiegt, so dass die Bibel mit kri­tis­ch­er Dis­tanz gele­sen wer­den muss.

BEWERTUNG

In «Weit­er­glauben» spüre ich eine gewisse Ambivalenz. Ein­er­seits will Dietz zu einem in der Bibel gegrün­de­ten Glauben anleit­en. Ander­seits arbeit­et er ständig gegen die Inspi­ra­tion und Autorität der Bibel.

In «Men­schen mit Mis­sion» zeigt sich ein ähn­lich­es Bild. Dietz moniert mit Blick auf die evan­ge­likale Bewe­gung ein ver­bis­senes Rin­gen um die richtige The­olo­gie. [69] Das Ver­ständ­nis dafür, dass es den Evan­ge­likalen um den Erhalt zen­traler christlich­er Glaubens­bestände geht, scheint ger­ing zu sein. Eben­so wenig kommt ins Blick­feld, dass die christlichen Glaubens­bestände schon immer erk­lärt und vertei­digt wer­den mussten. Die evan­ge­likale Bewe­gung im deutschsprachi­gen Raum ist durch dieses Rin­gen über­haupt erst entstanden.

Der poste­van­ge­likale Auf­bruch, der seit rund einem Jahrzehnt im deutschsprachi­gen Raum als Bewe­gung fass­bar ist, hat angeregt durch pro­fil­ierte The­olo­gen wie Siegfried Zim­mer und Thorsten Dietz bis in die evan­ge­likale Mitte hinein zu ein­er mas­siv­en Dekon­struk­tion des Glaubens geführt. Im Grunde genom­men ste­hen wir vor der fast iden­tis­chen Sit­u­a­tion wie im vor­let­zten Jahrhun­dert als die Bibelkri­tik an die kirch­liche Basis gelangte und zen­trale Glaubens­bestände bestrit­ten wurden.

Mit dem Vor­drin­gen der Bibelkri­tik kam es im deutschen Sprachraum ab dem frühen 19. Jahrhun­dert zu ein­er von kon­ser­v­a­tiv­en Kreisen ange­führten Protest­be­we­gung, die in ihrer Aus­rich­tung lange vor der eigentlichen Begriffs­bil­dung evan­ge­likal war. Sie richtete sich gegen die uni­ver­sitäre The­olo­gie, die mit den Meth­o­d­en der his­torischen Kri­tik arbeit­ete. [70] Jörg Bre­itschw­erdt kon­sta­tiert in sein­er akribis­chen Studie «The­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv» fol­gende Sit­u­a­tion zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

«Zu Beginn des 19. Jahrhun­derts war der the­ol­o­gis­che Ratio­nal­is­mus in vie­len Gebi­eten Deutsch­lands sehr wirk­mächtig – viele Pfar­rer waren von ihm geprägt, auch in den Kirchen­leitun­gen. An den evan­ge­lisch-the­ol­o­gis­chen Fakultäten in Deutsch­land set­zte sich zudem im Laufe des 19. Jahrhun­derts immer mehr die his­torisch-kri­tis­che Meth­ode zur Erforschung der Schriften des Alten und Neuen Tes­ta­mentes durch. Diese Entwick­lung wurde jedoch bei vie­len Gemein­degliedern und Gemein­dep­far­rern nicht mit vol­l­zo­gen, so dass sich zwis­chen Gemein­de­fröm­migkeit und the­ol­o­gis­ch­er Wis­senschaft eine immer grössere Kluft auf­tat, die während des gesamten 19. Jahrhun­derts als Kon­flik­therd schwelte.» [71]

Zu Beginn des 19. Jahrhun­derts standen sich mit der bibelkri­tis­chen The­olo­gie und den evan­ge­likal geprägten Erweck­ungs­be­we­gun­gen zwei grosse Ströme gegenüber, «wobei von den erweck­ten The­olo­gen vor allem die Sünd­haftigkeit des Men­schen und seine daraus fol­gende Ver­loren­heit, die Got­theit Jesu Christi und der Süh­ne­tod Jesu als nicht aufgeb­bar­er christlich­er Lehrbe­stand deklar­i­ert, von den von lib­eralem und ratio­nal­is­tis­chem Gedankengut bes­timmten The­olo­gen dage­gen die hin­ter den bib­lis­chen Bericht­en liegende moralis­che Wahrheit betont wurde». [72] Für den erweck­lichen Protes­tantismus ist stets das Ver­trauen in die Bibel als ver­lässlich­es Gotteswort die entschei­dende Grund­lage gewesen.

Im Laufe des 19. Jahrhun­derts drang die Bibelkri­tik an die Uni­ver­sitäten vor. Sie eroberte einen fes­ten Platz in der Pfar­raus­bil­dung und führte zu Unsicher­heit­en und Kon­flik­ten in den Kirchge­mein­den. Der Kri­tik verpflichtete Pfar­rer ver­mocht­en die von den kon­ser­v­a­tiv­en Kräften beton­ten «Heil­stat­sachen» nicht mehr glauben und erset­zten sie mit «Ver­nun­ft­wahrheit­en», die sie ratio­nal­is­tisch aus der Bibel ableit­eten. Zu den «Heil­stat­sachen» zählten die Kon­ser­v­a­tiv­en die Jungfrauenge­burt Jesu und seine Göt­tlichkeit, die Erlö­sungs­bedürftigkeit des Men­schen, Jesu Süh­ne­tod zur Recht­fer­ti­gung des Sün­ders, seine leib­liche Aufer­ste­hung und sein Wiederkom­men als Wel­tenrichter. Diese Heil­stat­sachen bilde­ten einen Grundbe­stand des Glaubens, der kon­ser­v­a­tive und erweck­liche Kreise weit über das 19. Jahrhun­dert hin­aus einte.

Die Par­al­le­len zwis­chen dem 19. und dem 20. Jahrhun­dert sind offen­sichtlich. In bei­den geht es um die Abwehr eines kri­tis­chen Pro­gramms und den Erhalt zen­traler Glaubensbestände:

  • Zum einen sind die zen­tralen Glaubens­bestände, die heute von den Evan­ge­likalen vertei­digt und erk­lärt wer­den, prak­tisch iden­tisch mit den Heil­stat­sachen, die von den kon­ser­v­a­tiv­en Kräften im 19. Jahrhun­dert hochge­hal­ten wurden.
  • Zum andern wer­den im Poste­van­ge­likalis­mus diesel­ben Glaubens­bestände dekon­stru­iert wie im 19. Jahrhun­dert beim Vor­drin­gen der Bibelkri­tik an die kirch­liche Basis.
  • Nicht zulet­zt ste­hen am Ursprung der Dekon­struk­tion damals wie heute weltan­schauliche Vorentschei­dun­gen, die eine kri­tis­che Dis­tanz zur Bibel schaf­fen und das Ver­trauen in Gottes Wort unterminieren.

Dietz nimmt für sich in Anspruch, der Bibel mit Ver­trauen zu begeg­nen, trägt aber weltan­schauliche Vorentschei­dun­gen an die Bibel her­an, welche dieses Ver­trauen in Frage stellen:

Dietz unter­schei­det zwis­chen Bibel und Gottes Wort. Das ist kri­tis­ches Pro­gramm. Es geht auf das 18. Jahrhun­dert zurück als Johann Salo­mo Sem­ler in sein­er «Abhand­lung von freier Unter­suchung des Canon» (1771) die Unter­schei­dung von Wort Gottes und Heiliger Schrift forderte. [73] Sem­lers Unter­schei­dung von Wort Gottes und Heiliger Schrift «wurde zum Prinzip ein­er neuen Hermeneu­tik, welche die Lehre von der Ver­balin­spi­ra­tion gän­zlich entwertete und den dog­ma­tisch gle­ich­för­mi­gen Kanon­be­griff auflöste, weil unter dieser Voraus­set­zung gar nicht alle Teile des Kanons inspiri­ert sein kon­nten.» [74]

Dietz Unter­schei­dung zwis­chen dem his­torischen Jesus und dem Evan­geli­um ein­er­seits und der Bibel als Zeug­nis dieses Geschehens ander­seits ist eben­falls kri­tis­ches Pro­gramm. Damit treibt er einen Keil zwis­chen Jesus und die Evan­gelien. Es ist exakt der­selbe Vor­gang, der im 19. Jahrhun­dert das Aufkom­men der Bibelkri­tik ermöglichte und das Ver­trauen in die Schrift unterminierte.

Obwohl Dietz nicht zu ein­er Fun­da­mentalkri­tik an den Evan­gelien anset­zt, bin ich besorgt. Seine Denkvo­raus­set­zun­gen sind ein geeignetes Werkzeug, um bib­lis­che Glaubenssätze zu dekon­stru­ieren. Wohin das führt, werde ich am Schluss des Artikels an Dietz neustem Werk «Wege zur Liebe» aufzeigen.

Schliesslich sucht Dietz sein kri­tis­ches Pro­gramm mit geschichtlichen Blit­zlichtern zu unter­mauern. Er ruft den Pietismus und der dem Pietismus nah­este­hen­den Adolf Schlat­ter als Zeu­gen auf, um gegen die Irrtum­slosigkeit der Bibel zu argu­men­tieren. Die Argu­men­ta­tion ist ent­täuschend ein­seit­ig. Sie erweckt den Ein­druck, die Pietis­ten und Schlat­ter hät­ten sich von ein­er ver­lässlichen Bibel abgewen­det und sie kri­tisch gele­sen. Das Gegen­teil ist der Fall:

Der Pietismus leis­tete einen wichti­gen, in der Wis­senschaft aber weit­ge­hend unge­hörten Beitrag zur akademis­chen Diskus­sion. Ihm war daran gele­gen, einen erweck­lichen und ver­trauensvollen Umgang mit der Bibel zu fördern. Gle­ichzeit­ig wollte der Pietismus auf die mod­er­nen Her­aus­forderun­gen in wis­senschaftlich ver­ant­wort­bar­er Weise reagieren. Wis­senschaftlich­es Arbeit­en an den bib­lis­chen Tex­ten und das ver­trauensvolle Lesen der Schrift gin­gen Hand in Hand. Es gelang den Pietis­ten, in der Volks­fröm­migkeit der Bibel Achtung zu ver­schaf­fen. In der akademis­chen Diskus­sion ver­mocht­en sie sich nicht durchzusetzen.

Das Bild, das Dietz vom pietis­tis­chen Schriftver­ständ­nis und von Schlat­ters Hal­tung zur Bibel zeich­net, ist irreführend. Schlat­ters heils­geschichtlich­es Schriftver­ständ­nis war geprägt von der Überzeu­gung, dass Gott sich in der Bibel zuver­läs­sig zu erken­nen gibt. Die Bibel ist nach Matthäus 5,18 Gottes Wort, das «an Gottes Ewigkeit Anteil hat und durch den Men­schen nicht entkräftet wer­den kann». [75] Mit Blick auf 2Petrus 1,21 legt Schlat­ter dar, dass die Propheten «über Gottes Willen Auskun­ft gaben». Gott bewegte in sein­er Gnade Men­schen durch seinen Geist, so dass sie nicht aus ihrem Willen, son­dern aus Gott rede­ten. [76] Eine kri­tis­che Dis­tanz zur Bibel sieht anders aus.

Nach der Lek­türe von Dietz bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Ein­er­seits spricht Dietz von der Bibel als Gottes Wort und stellt wertvolle Über­legun­gen für eine denk­ende Erfas­sung des Glaubens an. Ander­seits baut er mit seinen weltan­schaulichen Über­legun­gen und den ein­seit­i­gen his­torischen Blit­zlichtern eine Dis­tanz zur Bibel auf.

Ich empfinde seine Aus­führun­gen weniger als eine Ein­ladung zum Weit­er­glauben und mehr als eine Ans­tiftung zum Zweifeln. Warum das so ist, wird mir erst nach dem Hören seines Worthaus-Vor­trags über die Entste­hung und Autorität des Neuen Tes­ta­ments klar, in welchem Dietz sein Ver­ständ­nis von Inspi­ra­tion offen­legt. [77]

Dietz legt dar, dass die Frühe Kirche die kanon­is­chen Texte des Alten Tes­ta­ments als inspiri­erte Texte las, dis­tanziert sich aber deut­lich von einem aus sein­er Sicht völ­lig ver­fehltem Inspirationsverständnis:

«Ein falsches Ver­ständ­nis von Inspi­ra­tion ist die Inspiri­ertheit als fest­ste­hende Tat­sache ein­er bes­timmten Gruppe von Schriften, wo man sagt: Die sind von Gott inspiri­ert. Das heisst, die sind abso­lut wahr. Das heisst, du musst das alles glauben.» [78]

Die kat­e­gorische Absage an das neutes­ta­mentliche Inspi­ra­tionsver­ständ­nis kommt über­raschend. Zuerst sagt Dietz, die Frühe Kirche hätte das gesamte Alte Tes­ta­ment als göt­tlich inspiri­ert gele­sen, um gle­ich darauf zu sagen, eine «bes­timmte Gruppe von Schriften» als inspiri­ert zu betra­cht­en, sei völ­lig ver­fehlt. Deut­lich­er kann man sich von der Heili­gen Schrift nicht emanzipieren.

Ähn­lich ein­seit­ig wie bei den his­torischen Blit­zlichtern argu­men­tiert Dietz, es gäbe mit 2Tim 3,16 nur ger­ade einen einzi­gen Vers in der Bibel, in welchem es heisst, die Schrift sei «theop­neustos». Aus diesem Text sei «ein völ­lig mass­los­er Bibel­glaube konzip­iert wor­den», welch­er der Bibel in kein­er Weise gerecht werde. [79] Andere Texte, die der Sache nach mit Inspi­ra­tion zu tun haben, überge­ht Dietz und erweckt so den Ein­druck, es gäbe nur ger­ade eine einzige ver­w­ert­bare Bibel­stelle zum The­ma. Dietz definiert Inspi­ra­tion mit den Worten:

«Inspi­ra­tion ist insofern keine Inspiri­ertheit, keine mech­a­nis­che The­o­rie, so und so sind diese Schriften ent­standen. Inspi­ra­tion ist ein Mit­teilungs- und Erken­nt­nis­raum, ein Mit­teilungs- und Erken­nt­niszusam­men­hang, in dem gehört, gele­sen, ver­standen, bezeugt und gelebt wird. Dieses Ver­ständ­nis von Inspi­ra­tion ist sehr wesentlich, sehr wertvoll, wird oft erstickt durch ein Inspiri­ertheits­dog­ma, was in dieser Form nicht bib­lisch ist.» [80]

Ob Dietz sagen will, die Inspi­ra­tion der bib­lis­chen Texte habe weniger mit ihrer Entste­hung und mehr mit der Rezep­tion der Empfänger zu tun, ist für mich nicht klar. Die neb­ulöse Def­i­n­i­tion von Inspi­ra­tion als Mit­teilungs- und Erken­nt­nis­raum klingt wie ein mod­ernes Kom­mu­nika­tion­skonzept und hat keine bib­lis­chen Wurzeln. Klar ist eigentlich nur, dass sich Dietz damit wortre­ich vom Inspi­ra­tionsver­ständ­nis des erweck­lichen Protes­tantismus verabschiedet.

WOHIN FÜHRT DIE REISE DER POSTEVANGELIKALEN?

Die Überzeu­gung, dass uns die Bibel den Weg zum Leben und zum Glauben weist, ist stets eines der beson­deren Merk­male erweck­lich­er und evan­ge­likaler Fröm­migkeit gewe­sen. Vor dreis­sig Jahren schrieb Derek Tid­ball in seinem Grund­la­gen­werk über die evan­ge­likale Bewegung:

«Evan­ge­likale schätzen die Schrift hoch ein. Sie ist ihre ange­se­hen­ste Richtschnur für Leben und Glauben. Sie sind überzeugt, dass sie inspiri­ert und frei von jedem Irrtum in Fra­gen der Lehre und des Glaubens ist. Sie treten dafür ein, dass sie ver­ständlich aus­gelegt wird und vor allem, dass man ihr gehorcht.» [81]

Dieser Glaube, der die Bewe­gung zusam­menge­hal­ten und ihren Erfolg im 20. Jahrhun­dert aus­gemacht hat, wankt.

Der gesellschaftliche Aus­lös­er dieser Entwick­lung ist der weltan­schauliche Rel­a­tivis­mus der Post­mod­erne. Die Post­mod­erne ste­ht Wahrheit­sansprüchen grund­sät­zlich skep­tisch gegenüber. Während in der Aufk­lärung und in der Mod­erne die Ver­nun­ft über­be­w­ertet wurde, wird in der Post­mod­erne das Indi­vidu­elle über­schätzt. «Wahrheit» wird stets neu kon­stru­iert. Was wahr ist, entschei­den Men­schen indi­vidu­ell. Es hat weniger mit vernün­fti­gen Argu­menten und mehr mit ihrem per­sön­lichen Empfind­en sowie wech­sel­haften gesellschaftlichen Bedin­gun­gen zu tun. Die Evan­ge­likalen haben dem rel­a­tivis­tis­chen Wahrheits­be­griff erfol­gre­ich den wuchti­gen Gedanken der Offen­barung ent­ge­genge­hal­ten, die Poste­van­ge­likalen stellen ihn aus weltan­schaulichen Über­legun­gen in Frage. Die Brand­mauer bröckelt.

Der Poste­van­ge­likalis­mus ist das Krisen­phänomen der Post­mod­erne und der the­ol­o­gis­che Brandbeschle­u­niger dieser Entwick­lung. Er stellt den Ver­such dar, den bib­lis­chen Wahrheit­sanspruch und das rel­a­tivis­tis­che Wirk­lichkeitsver­ständ­nis der Post­mod­erne zusam­men­zu­denken. Resul­tat dieses Aufeinan­dertr­e­f­fens von Heiligem Geist und Zeit­geist ist eine Rel­a­tivierung der Bibel.

Bis zur Entste­hung eines poste­van­ge­likalen Flügels war das Schriftver­ständ­nis der Evan­ge­likalen rel­a­tiv homogen. Es schloss sich an das refor­ma­torische Schriftver­ständ­nis an und war im Ein­klang mit der Hochschätzung der Heili­gen Schrift in der evan­ge­lis­chen Beken­nt­nistra­di­tion: [82]

Im Hei­del­berg­er Kat­e­chis­mus von 1563 heisst es, dass Chris­ten alles für wahr hal­ten, was Gott uns in seinem Wort offen­bart hat. [83] Im West­min­ster Beken­nt­nis von 1647, das die Haupt­strö­mungen der Ref­or­ma­tion in Eng­land zusam­men­fasste, heisst es, dass die Schrift von unfehlbar­er Wahrheit und göt­tlich­er Autorität ist. [84] Im Zweit­en Hel­vetis­chen Glaubens­beken­nt­nis heisst es, dass das Alte und das Neue Tes­ta­ment das wahre Wort Gottes sind, durch das Gott zu uns spricht.

Die Evan­ge­likalen fan­den sowohl in ihren his­torischen Anfän­gen im angel­säch­sis­chen Raum als auch in ihrer mod­er­nen Form im deutschen Sprachraum durch dieses Schriftver­ständ­nis als Bewe­gung zusam­men. Die Evan­ge­likalen kön­nen eine lange Beken­nt­nistra­di­tion für ihren Stand­punkt gel­tend machen. Stadel­mann resümiert:

«Evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis ste­ht in ein­er lan­gen Tra­di­tion evan­ge­lis­chen Beken­nens. Evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis ist vor Auflö­sungser­schei­n­un­gen und Uminter­pre­ta­tio­nen nicht geschützt. Bis heute hat das evan­ge­likale Beken­nt­nis aber immer wieder die Kraft gehabt das zu bezeu­gen, wofür eine gute evan­ge­lis­che Beken­nt­nistra­di­tion ste­ht: die uneingeschränk­te göt­tliche Inspi­ra­tion, Autorität und Wahrheit der Heili­gen Schrift.» [85]

Wohin führt es, wenn unter dem Ein­fluss poste­van­ge­likaler Hermeneu­tik dieses Beken­nt­nis wankt? Was genau ist das Prob­lem am poste­van­ge­likalen Schriftver­ständ­nis? Darauf möchte ich mit Blick auf die Beiträge von Zim­mer, Benz und Dietz in drei State­ments antworten.

Erstens:
Die poste­van­ge­likale Hermeneu­tik entwertet das Konzept der Inspi­ra­tion. Das führt zur Rel­a­tivierung des Wahrheits­be­griffs und zu einem Ver­trauensver­lust in die Bibel als Gotteswort.

Bei mein­er Stich­probe bin ich kaum auf pos­i­tive Aus­sagen über die Inspi­ra­tion der Heili­gen Schrift gestossen. Die drei Autoren haben ein starkes Bedürf­nis, den Gedanken der Inspi­ra­tion abzuschwächen. Zim­mer ver­wen­det die ein­schlägi­gen Stellen, um sich gegen die The­o­rie der Ver­balin­spi­ra­tion auszus­prechen. Dietz dis­tanziert sich von einem neb­ulösen «Inspiri­ertheits­dog­ma». [86] Benz entwertet mit seinem reli­gion­s­geschichtlichen Ansatz den Inspi­ra­tions­gedanken fast ganz. Mit ihrem kri­tis­chen Ansatz leg­en die Autoren die Axt an die Wurzel des Baumes und bauen eine Dis­tanz zwis­chen dem Leser und der Bibel auf.

Einen frucht­baren Umgang mit der Bibel kann es nur geben, wenn man sie nicht mit kri­tis­ch­er Dis­tanz, son­dern ver­trauensvoll liest, denn Gott kann man nur im Glauben richtig begeg­nen (Hebr 11,6). Chris­ten begeg­nen der Bibel nicht mit Skep­sis, son­dern im Ver­trauen, dass uns Gott mit ihr den Weg zum Glauben und zum Leben weist.

Mit sein­er Hermeneu­tik des Ver­trauens ste­ht das evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis in ein­er Lin­ie mit der altkirch­lichen und der refor­ma­torischen Bibelauslegung.

Für die Refor­ma­toren war die ver­trauensvolle Bibellek­türe entschei­dend. Die Schrift ist in sich gewiss und klar, deshalb kann man ihr ver­trauen. [87] Das schlichte Bibel­wort, bei Luther in Form des Römer­briefs, wurde zum Urquell der Ref­or­ma­tion. Beim Lesen der Heili­gen Schrift müssen einem nach Luther «Sinn und Ver­stand stracks verza­gen». Man kann die Bibel nur mit «rechter Demut und Ernst zu Gott» und durch die Hil­fe des Heili­gen Geistes recht ver­ste­hen. [88]

Die Evan­ge­likalen suchen das refor­ma­torische Ver­trauen in die Schrift lebendig zu erhal­ten. Poste­van­ge­likale unter­minieren es regelmäs­sig, obwohl sich fast alle auf Luther berufen. In der Regel geschieht das jedoch nur, um die kri­tis­che Suche nach der Mitte der Schrift zu recht­fer­ti­gen. Das tiefe Ver­trauen der Refor­ma­toren in die Ver­lässlichkeit und Autorität der Schrift teilen sie nicht.

Es ist richtig, dass Luther Kanonkri­tik betrieb, um nach Chris­tus zu suchen. Es stimmt eben­so, dass Luther, anders als Calvin in sein­er «Insti­tu­tio», keine aus­ge­bildete The­o­rie der Inspi­ra­tion entwick­elte. [89] Kanonkri­tik aber ist nicht das­selbe wie Bibelkri­tik. Obwohl Luther in der Schrift kri­tisch danach suchte, was Chris­tus trei­bet, übte er keine Bibelkri­tik. Nach sein­er Überzeu­gung ist die Bibel das wahre Wort Gottes, dem wir in allem «den ersten Rang» ein­räu­men müssen. [90] Die Tat­sache, dass Luther dem Jakobus­brief einen kanon­isch min­der­w­er­ti­gen Rang ein­räumte, macht ihn nicht zum Bibelkritiker.

Luthers Grund­ver­trauen ist ganz in Übere­in­stim­mung mit den Selb­staus­sagen der Schrift. Die entschei­den­den neutes­ta­mentlichen Texte wider­spiegeln den tief ver­ankerten Glauben, dass die Schriften des Alten Tes­ta­ments und die urkirch­liche Verkündi­gung durch Gottes Geist her­vorge­bracht sind. Mit Peter Stuhlmach­er ist deshalb festzuhal­ten, dass die Lehre von der Inspi­ra­tion der Schrift «keine von der Kirche erst nachträglich an die Bibel herange­tra­gene, son­dern eine schon von der Schrift selb­st vertretene und deshalb hermeneutisch ganz ern­stzunehmende Anschau­ung» ist. [91]

Die Inspi­ra­tion ist ein Gamechang­er. Bei der Inspi­ra­tion fällt die Entschei­dung zwis­chen Ver­trauen und Kri­tik und in manchen Fällen zwis­chen Glauben und Unglauben. Wer die Inspi­ra­tion der Heili­gen Schrift ablehnt oder ihre Bedeu­tung min­imiert, ist ein Kan­di­dat für die Dekon­struk­tion des Glaubens.

Die Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz spricht von der göt­tlichen Inspi­ra­tion der Heili­gen Schrift und ihrer völ­li­gen Zuver­läs­sigkeit. Die Lau­san­ner Verpflich­tung, mit der sich die Evan­ge­likalen stark iden­ti­fizieren, spricht von der Bibel Alten und Neuen Tes­ta­ments als dem einzi­gen unfehlbaren Massstab des Glaubens und des Lebens. [92] Zim­mer, Benz und Dietz argu­men­tieren durch­wegs gegen diese Überzeu­gung. Nach der Analyse der drei Werke ist meine anfängliche Sorge nicht klein­er, son­dern gröss­er gewor­den. Der kri­tis­che Ansatz des Trios rel­a­tiviert den bib­lis­chen Wahrheits­be­griff. Das «Gotteswort» schrumpft in ihrem Tex­ten auf seine begrif­fliche Richtigkeit zusam­men, bis es fast ganz hin­ter dem «Men­schen­wort» verschwindet.

Es fällt auf, dass Dietz und Zim­mer gegen die Ver­balin­spi­ra­tion argu­men­tieren, wie sie in der lutherischen Ortho­dox­ie mit ihrem Pro­pri­um von der absoluten Fehler­losigkeit der Schrift vorherrschend war und heute in pop­ulären For­men des Fun­da­men­tal­is­mus anzutr­e­f­fen ist. Ihre Aus­führun­gen erweck­en der Ein­druck, man müsste mit der Ablehnung der Ver­balin­spi­ra­tion jegliche Form von Inspi­ra­tion in Frage stellen. Dietz und Zim­mer bieten jeden­falls keine Alter­na­tive zwis­chen diesen bei­den Polen, obwohl es mit dem evan­ge­likalen Schriftver­ständ­nis eine solche Alter­na­tive gibt:

Ein mech­a­nis­ches Ver­ständ­nis von Inspi­ra­tion, wonach jedes einzelne Wort vom Geist Gottes dik­tiert wurde, entspricht nach evan­ge­likalen Ver­ständ­nis nicht dem geschichtlichen Wer­den der Heili­gen Schrift und war nie Teil des evan­ge­likalen Schriftver­ständ­niss­es. Entschei­dend ist, worauf sich der Gedanke der Unfehlbarkeit bezieht. Die meis­ten Evan­ge­likalen möcht­en nicht von der absoluten Unfehlbarkeit der Bibel sprechen, son­dern davon, dass uns die Bibel unfehlbar mit dem Willen Gottes bekan­nt­macht und ihr darum zu ver­trauen und zu gehorchen ist.

Gegen die absolute Fehler­losigkeit und für die Ver­trauenswürdigkeit der Heili­gen Schrift sprechen eine the­ol­o­gis­che und eine geschichtliche Überlegung:

Zum einen behauptet die Schrift nir­gends ihre absolute Fehler­losigkeit. Die Rede von der Unfehlbarkeit kommt dem bib­lis­chen Sprachge­brauch am näch­sten. In Eph 3,3 ff ist von Gottes Offen­barung durch die (Schriften) der Apos­tel und Propheten die Rede, in 2Tim 3,16–17 von der Inspi­ra­tion und Nüt­zlichkeit der Schrift, in Mt 5,18 von der Erfül­lung des kle­in­sten Buch­stabens der Tora, in Joh 10,35 von der Ver­lässlichkeit der Schrift, aber nir­gends von der absoluten Fehler­losigkeit oder Irrtum­slosigkeit der Schrift.

Zum andern sprachen die Apos­tel trotz ihres Ver­trauens auf die Ver­lässlichkeit und dem Glauben an die Autorität des Alten Tes­ta­ments nie von der Wahrheit der Schrift im Sinne ein­er Ver­balin­spi­ra­tion. Die Apos­tel behan­del­ten die Sep­tu­ag­in­ta (die griechis­che Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments, die in den urchristlichen Haus­ge­mein­den gele­sen wurde) als genau­so inspiri­ert wie die Hebräis­che Bibel (deren Orig­i­nalschriften zu neutes­ta­mentlich­er Zeit nicht mehr existierten). Wenn Paulus in seinen Briefen aus dem Alten Tes­ta­ment zitiert, dann meis­tens aus der Sep­tu­ag­in­ta. Die freimütige Ver­wen­dung der Sep­tu­ag­in­ta zeigt, dass Paulus nicht auf eine Ver­balin­spi­ra­tion angewiesen war und gross­es Ver­trauen hat­te, dass Gott sich durch die Sep­tu­ag­in­ta wahrheits­ge­treu mitteilt.

Die Ablehnung der Ver­balin­spi­ra­tion muss also keineswegs zur Ablehnung des Inspi­ra­tions­gedankens an sich führen.

Zweit­ens:
Die poste­van­ge­likale Hermeneu­tik verneint die Offen­barungsqual­ität der Bibel. Das führt zur Bere­itschaft, die zen­tralen Glaubens­bestände mit dem Zeit­geist zu ver­han­deln und mün­det in einen Glaubensverlust.

Die kri­tis­che Bibellek­türe ist sys­tem­rel­e­vant für den Poste­van­ge­likalis­mus. Kri­tik an der Bibel ergibt sich in poste­van­ge­likalen Ansätzen schon vor der Entwer­tung des Inspi­ra­tions­gedankens aus der Unter­schei­dung zwis­chen der Offen­barung in Jesus ein­er­seits und den Evan­gelien als Zeug­nis dieser Offen­barung ander­seits. Offen­barung kann man nicht kri­tisieren, men­schlich­es Zeug­nis der Offen­barung hinge­gen schon. Für Evan­ge­likale gilt ein fein­er, aber nicht klein­er Unterschied:

Die Evan­gelien sind nicht nur Zeug­nis der Offen­barung in Jesus, son­dern Offen­barung selbst.

Die Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz wider­spiegelt diese Überzeu­gung, wenn es heisst, dass sich evan­ge­lis­che Chris­ten «zu der in den Schriften des Alten und Neuen Tes­ta­ments gegebe­nen Offen­barung des dreieini­gen Gottes» beken­nen. Mit der For­mulierung wird fest­ge­hal­ten, dass das Zeug­nis der Evan­gelien Offen­barungsqual­ität hat, so dass im men­schlichen Wort Gott selb­st zu Wort kommt. Die Bibel ist nach evan­ge­likalem Ver­ständ­nis bei­des: Zeug­nis des Lebens und Glaubens Israels und der ersten Chris­ten und gle­ichzeit­ig Gottes nor­mgebende Offen­barung für uns.

Die Chica­go-Erk­lärung, mit der sich ein beträchtlich­er Teil der Evan­ge­likalen iden­ti­fizieren kann, expliziert diese Position:

Zum einen sind die Offen­barung durch die Schrift und die Offen­barung in Jesus Chris­tus auf ein­er Ebene, so dass der Offen­barungs­ge­halt der Schrift nicht kri­tisch rel­a­tiviert wer­den kann:

«Gott, der selb­st die Wahrheit ist und nur die Wahrheit spricht, hat die Heilige Schrift inspiri­ert, um sich damit selb­st der ver­lore­nen Men­schheit durch Jesus Chris­tus als Schöpfer und Herr, Erlös­er und Richter zu offen­baren. Die Heilige Schrift ist Gottes Zeug­nis von sein­er eige­nen Person.»

Zum andern beschränkt die Chica­go-Erk­lärung den Offen­barungs­be­griff nicht auf Jesus, son­dern dehnt ihn auf die Schriften des Neuen Tes­ta­ments aus:

«Als Adam sündigte, über­liess der Schöpfer die Men­schheit nicht dem endgülti­gen Gericht, son­dern ver­hiess das Heil und begann in ein­er Folge von his­torischen Ereignis­sen sich selb­st als Erlös­er zu offen­baren … Diese Lin­ie der prophetis­chen Sprech­er Gottes fand ihren Abschluss in Jesus Chris­tus, der selb­st ein Prophet war … und in den Apos­teln und Propheten der ersten christlichen Gen­er­a­tion. Als Gottes endgültige und auf den Höhep­unkt zulaufende Botschaft, als sein Wort an die Welt in Bezug auf Jesus Chris­tus gesprochen und von den Apos­teln erläutert wor­den war, endete die Abfolge der Offen­barungs­botschaften.» [93]

Nach dieser Auf­fas­sung sind die neutes­ta­mentlichen Schriften mehr als Erin­nerungszeug­nis an den his­torischen Jesus und mehr als bezeugtes Wort, näm­lich Offen­barung selbst.

Diese Posi­tion entspricht dem Selb­stanspruch der Bibel. Sowohl im Alten als auch im Neuen Tes­ta­ment wer­den göt­tliche Offen­barun­gen so bezeugt und gedeutet, dass sie zu ein­er Ein­heit wer­den. Dabei ist nicht nur das Offen­barung, was bezeugt wird, son­dern der Vor­gang der Deu­tung gehört eben­so zum Offenbarungsgeschehen.

Wenn im Neuen Tes­ta­ment auf prophetis­che Texte beispiel­sweise des Propheten Jesa­ja Bezug genom­men wird, unter­schei­den die neutes­ta­mentlichen Ver­fass­er nicht kri­tisch zwis­chen dem Reden Gottes, das der Prophet ver­nahm ein­er­seits und dem Wort­laut von Jesa­ja, um dieses Reden weit­erzu­ver­mit­teln ander­seits, son­dern Jesa­jas Worte wer­den als Worte Gottes gele­sen. Das räumt in seinem Vor­trag «Entste­hung und Autorität des neutes­ta­mentlichen Kanons» selb­st Thorsten Dietz ein, allerd­ings ohne darin ein Vor­bild für den Umgang mit bib­lis­chen Tex­ten zu erblick­en. [94] Wenn dem­nach Evan­ge­likale die Schrift «sowohl als Zeug­nis von geschehen­er Offen­barung, als auch als göt­tlich inspiri­ertes Offen­barungswort» ver­ste­hen, kann man das aus weltan­schaulichen Grün­den kri­tisieren, aber es hat bib­lis­chen Rück­halt. [95]

Der Poste­van­ge­likalis­mus übern­immt das hermeneutis­che Muster nicht, nach dem im Neuen Tes­ta­ment mit dem Alten ver­fahren wird. Er tren­nt geschehenes und bezeugtes Wort und verneint so die Offen­barungsqual­ität der Bibel. Das hat weitre­ichende Fol­gen: Was in unser­er radikal plu­ral­is­tis­chen Welt wahr und verbindlich ist, kön­nen die Poste­van­ge­likalen nicht aus der Bibel ableit­en, son­dern müssen es mit dem Zeit­geist verhandeln.

Poste­van­ge­likaler Glaube ist im Grunde genom­men Aufk­lärungs­the­olo­gie im Gewand der Tol­er­anz. Ein Blick zurück macht den weltan­schaulichen Zusam­men­hang deutlich:

Unter dem Ein­druck des Fortschritts kommt es in der Zeit der Aufk­lärung zu ein­er «kopernikanis­chen Wende» im Denken: Erken­nt­nis­mit­telpunkt ist nicht mehr Gottes Offen­barung, son­dern die men­schliche Ver­nun­ft. Im Zen­trum ste­ht nicht länger das zu bedenk­ende Objekt (näm­lich Gott und seine Offen­barung in seinen Werken), son­dern das denk­ende Sub­jekt (der autonome Men­sch, der über sich selb­st ver­fügt). [96] Glaubens­bestände, welche der auf­streben­den Ver­nun­ft wider­sprechen, wer­den dekon­stru­iert. Es kommt zu einem sys­tem­a­tis­chen Abbau des religiösen Welt­ge­bäudes, der zu einem ersten grossen Säku­lar­isierungss­chub in der Geschichte des Chris­ten­tums führt.

In der Post­mod­erne kommt es unter anderen Vorze­ichen erneut zu ein­er «kopernikanis­chen Wende» im Denken:

  • Erken­nt­nis­mit­telpunkt des tra­di­tionellen Chris­ten­tums ist die in der Heili­gen Schrift niedergelegte göt­tliche Offenbarung.
  • Erken­nt­nis­mit­telpunkt der Aufk­lärung ist die vom kirch­lichen Dog­ma emanzip­ierte autonome Vernunft.
  • Erken­nt­nis­mit­telpunkt der Post­mod­erne ist das von Wahrheit­sansprüchen befre­ite per­sön­liche Empfind­en des Individuums.

Durch die Wen­dun­gen im Denken wan­delt sich der Wahrheitsbegriff:

  • Im tra­di­tionellen Chris­ten­tum ist das wahr, was dem Evan­geli­um von Jesus Chris­tus entspricht.
  • In der Aufk­lärung ist das wahr, was ratio­nal her­leit­bar und vernün­ftig nachvol­lziehbar ist.
  • In der Post­mod­erne ist die Suche nach Wahrheit agnos­tisch aufgegeben. Wahr ist, was sich richtig anfühlt.

Durch die Vernei­n­ung der Offen­barungsqual­ität der Bibel löst sich der Poste­van­ge­likalis­mus vom bib­lis­chen Erken­nt­nis­mit­telpunkt. Er liefert sich dem tol­er­an­ten Zeit­geist der Post­mod­erne aus, so wie sich die Aufk­lärungs­the­olo­gen dem ratio­nal­is­tis­chen Zeit­geist der anbrechen­den Mod­erne auslieferten.

Heute sehen wir, wohin das führt: Poste­van­ge­likaler Glaube schrumpft in vie­len Fällen auf ein mit der post­mod­er­nen Tol­er­anz vere­in­bares Min­i­mum zusam­men. In manchen Fällen kommt es zur total­en Dekon­struk­tion: Die Rede vom Zorn Gottes ist unmoralisch, das Süh­neopfer Jesu am Kreuz unnötig, die Lehre vom Jüng­sten Gericht unmen­schlich, die sex­u­alethis­chen Weisun­gen der Bibel unzeit­gemäss. In den Anfän­gen des Poste­van­ge­likalis­mus hin­ter­fragte man diese Glaubens­bestände kri­tisch. Alter­na­tive Deu­tun­gen wur­den mit offen­em Aus­gang disku­tiert. Unter­dessen scheint die Ablehnung dieser Bestände zu einem poste­van­ge­likalen Dog­ma gewor­den zu sein.

Drit­tens:
Die poste­van­ge­likale Hermeneu­tik rel­a­tiviert den Gel­tungsanspruch der Bibel. Das führt zur Tren­nung von Ethik und Beken­nt­nis und bewirkt eine Plu­ral­isierung der Sexualmoral.

Auf keinem anderen Gebi­et dis­tanzieren sich poste­van­ge­likale Vor­denker stärk­er von evan­ge­likalen Posi­tio­nen und kri­tisieren sie heftiger als der Sex­u­alethik. Aus diesem Grund scheint mir hier eine aus­führlichere Wer­tung angebracht.

MARTIN BENZ

In Benz «Umzugshelfer» spiel­ten ethis­chen Frage eine wichtige Rolle. Obwohl die Bibel eine «grossar­tige, von Gott inspiri­erte Quelle» der Ethik ist, eignen sich die bib­lis­chen Texte «nicht für eine christliche Sex­ual­moral». [97] Viele alttes­ta­mentliche Weisun­gen sind «unmen­schlich» und nicht über­trag­bar auf die heutige Leben­sre­al­ität. [98] Mit Blick auf seine fun­da­men­tal­is­tis­che Ver­gan­gen­heit spricht Benz von einem Man­gel an befriedi­gen­den Antworten auf sex­u­alethis­che Fra­gen und von einem willkür­lichen «Sam­mel­suri­um» von Ansicht­en. [99]

Die «unmen­schlichen» Weisun­gen des Alten Tes­ta­ments sum­mieren sich bei Benz zu ein­er kat­e­gorischen Absage an eine bib­lis­che Sex­ual­moral auf.

Bei Benz ver­misse ich das­selbe, was ich in prak­tisch allen poste­van­ge­likalen Debat­ten über ethis­che Fra­gen ver­misse: Es kommt nicht zum Tra­gen, dass es in der Bibel bei aller Unter­schiedlichkeit von Einze­laus­sagen einen auf die Schöp­fung (Gen 1–2) zurück­ge­hen­den ethis­chen Grund­kon­sens gibt.

Gen­e­sis 1 set­zt einen Ver­ständ­nis­rah­men in Gen­der­fra­gen. Der Men­sch ist als Mann und Frau im Bild Gottes geschaf­fen. Mann und Frau wer­den zusam­men geseg­net, um sich zu ver­mehren und über die Erde zu herrschen. Der prä­gende Gedanke ist neben der Bezo­gen­heit des Men­schen auf Gott die Gle­ich­w­er­tigkeit der Geschlechter. Bei­de sind Abbild Gottes, bei­de wer­den geseg­net, bei­den ist die Welt­gestal­tung aufgetragen.

In Gen­e­sis 2 ste­hen die Bina­rität des Men­schen und die Kom­ple­men­tar­ität der Geschlechter im Vorder­grund. Mann und Frau sind zueinan­der und füreinan­der geschaf­fen. Die entschei­den­den Aus­sagen bilden einen ethis­chen Ver­ständ­nis­rah­men und stiften Iden­tität: Mann und Frau repräsen­tieren den Schöpfer, von dem sie kom­men. Die Iden­tität des Men­schen ergibt sich aus sein­er Bezo­gen­heit auf Gott und auf das andere Geschlecht. Im Mann sein und im Frau sein wer­den Gottes Wesen und Gedanken sicht­bar. Unsere biol­o­gis­chen Merk­male als Mann und als Frau informieren uns über unsere Zweigeschlechtlichkeit. Wer wir sind und wie Sex­u­al­ität gelebt wer­den soll, ist in der spez­i­fis­chen kör­per­lichen Gestalt von Mann und Frau angelegt. [100]

Der im Schöp­fungs­bericht grundgelegte Kon­sens ist sta­bil durch die ganze Bibel hin­durch. Gottes Design ist die lebenslange monogame Ehe zwis­chen Mann und Frau. Die Ablehnung von Prak­tiken, die diesem Ide­al wider­sprechen, ist total: Unzucht, Ehe­bruch und gle­ichgeschlechtliche Sex­u­al­ität wer­den von den Einzelbes­tim­mungen der Tora über die Lasterkat­a­loge in den neutes­ta­mentlichen Briefen bis zur Offen­barung des Johannes verurteilt.  Eine Entwick­lung in eine pro­gres­sive Rich­tung ist wed­er im Alten noch im Neuen Tes­ta­ment erkennbar.

Benz ver­han­delt mit dem Zeit­geist, wenn er Gottes Schöp­fung­sor­d­nung zwar bejaht, sich dann aber für eine «Neuord­nung» ausspricht, die es erlaubt, Sex­u­al­ität gle­ichgeschlechtlich auszuleben. [101] Benz find­et in der Bibel «kri­tis­che Stellen zu Homo­sex­u­al­ität», ver­mag aus ihnen aber keine verbindlichen Nor­men ableit­en. [102] Damit kann Benz seinem eige­nen Anspruch nicht gerecht wer­den, die Bibel als eine göt­tlich inspiri­erte Quelle der Ethik zu lesen und liefert sich dem Zeit­geist aus.

Bei Benz zeigt sich ein Dilem­ma, das Diet­rich Bon­ho­ef­fer in einem anderen Zusam­men­hang in den Satz vom falschen Zug fasste:

Diet­rich Bon­ho­ef­fer:
Es nützt nichts, wenn man in einen falschen Zug ein­steigt und dann im Gang ent­ge­gen der Fahrtrich­tung läuft. [103]

Benz fühlt sich der Bibel als Quelle der Ethik verpflichtet, rel­a­tiviert sie aber dadurch, dass sie keine leb­bare Sex­ual­moral hergibt. Das führt zur Tren­nung von Ethik und Beken­nt­nis und zur Auflö­sung bib­lis­ch­er Werte. Die Weichen in diese Rich­tung hat Benz schon vorher beim Schriftver­ständ­nis gestellt. Mit der Entwer­tung des Inspi­ra­tions­gedankens hat sich Benz in den falschen Zug geset­zt und läuft dann in den Kapiteln über Sex­ual­moral und Homo­sex­u­al­ität erfol­g­los gegen die Fahrtrichtung.

THORSTEN DIETZ UND TOBIAS FAIX

Die Sex­u­alethik, ins­beson­dere die Frage der Homo­sex­u­al­ität, gehört zu den The­men, die Thorsten Dietz inten­siv bear­beit­et. Weil diese in «Weit­er­glauben» keine zen­trale Rolle spie­len, beziehe ich mich auf sein aktuelles Stan­dard­w­erk «Wege zur Liebe» (2025), welch­es er zusam­men mit Tobias Faix ver­fasst hat.

Dietz und Faix wollen in dem umfan­gre­ichen Werk «die grossen Lin­ien in den Bere­ichen Sex­u­al­ität, Geschlecht und Lebens­for­men» nachze­ich­nen. Es geht darum, «bib­lisch-the­ol­o­gis­che Leitlin­ien und gesellschaftliche Verän­derun­gen sin­nvoll aufeinan­der zu beziehen». Diesem Anspruch wollen die Autoren «im gründlichen Gespräch mit der Bibel und der christlichen Tra­di­tion» gerecht wer­den. [104] Diesem Ziel fühlt sich Dietz auch in «Weit­er­glauben» verpflichtet. Die Her­aus­forderung beste­he darin, «bib­lis­che Nor­men angemessen auf immer neue Sachver­halte zu beziehen». [105]

Als Leser von «Weit­er­glauben» und «Wege zur Liebe» gehe ich davon aus, dass «bib­lis­che Nor­men» verbindliche Leitlin­ien hergeben, denen heute nachgelebt wer­den soll. Dem ist in «Wege zur Liebe» allerd­ings nicht so. Das Hauptargument:

Zwis­chen der Bibel und unser­er Lebenswirk­lichkeit klafft ein unüber­wind­bar­er kul­tureller Graben. Die Weisun­gen der Bibel sind schlicht über­holt. Den bib­lis­chen Autoren fehlten wichtige sex­u­al­wis­senschaftliche Ken­nt­nisse und anthro­pol­o­gis­che Überzeu­gun­gen, die wir heute haben, ganz oder teil­weise. [106]

Beson­ders gut zeigt sich das am The­ma Homo­sex­u­al­ität, das Dietz auch ander­swo inten­siv bear­beit­et. [107] Dietz und Faix gehen davon aus, die Antike auss­chliesslich aus­beu­ter­ische homo­sex­uelle Ver­hält­nisse kan­nte. Eine homo­sex­uelle Iden­tität sei unbekan­nt gewe­sen und erst im 19. Jahrhun­dert ent­deckt wor­den. Die bib­lis­chen Texte, die sich gegen gle­ichgeschlechtlichen Sex richt­en, hät­ten nur aus­beu­ter­ische Ver­hält­nisse im Blick. Sie kön­nten deshalb gar nicht auf ein­vernehm­liche Part­ner­schaften angewen­det wer­den, wie sie heute angestrebt wer­den. Konkret:

«Mit der Ent­deck­ung der homo­sex­uellen Ori­en­tierung in der Neuzeit hat sich das Gebi­et so sig­nifikant verän­dert, dass eine Über­tra­gung bib­lis­ch­er Einze­laus­sagen auf die heutige Zeit in kein­er Weise mehr zu recht­fer­ti­gen ist.» [108]

Die Abw­er­tung bib­lis­ch­er Weisun­gen, wie Dietz und Faix sie in «Wege zur Liebe» vornehmen, samt ihrer Begrün­dung ist the­ol­o­gisch frag­würdig und his­torisch unhaltbar:

Wed­er in den Tex­ten der Tora noch in den Lasterkat­a­lo­gen der Briefe noch in Paulus Ablehnung homo­sex­ueller Prax­is wird zwis­chen ein­vernehm­lichem und erzwun­genem Sex unter­schieden. Homo­sex­ueller Verkehr wird generell verurteilt, weil er Gottes schöpferischem Design widerspricht.

Die Behaup­tung, homo­sex­uelle Ori­en­tierung sei in der Antike unbekan­nt gewe­sen und erst im 19. Jahrhun­dert ent­deckt wor­den, ist wis­senschaftlich wider­legt. [109] In poste­van­ge­likalen Diskursen wird sie trotz­dem seit Jahren als schla­gen­des Argu­ment ver­wen­det. Lebenslange gle­ichgeschlechtliche Beziehun­gen und ein­vernehm­liche sex­uelle Hand­lun­gen zwis­chen erwach­se­nen Män­nern sind in der antiken Lit­er­atur belegt. Das Konzept der natür­lichen Polar­ität und Kom­ple­men­tar­ität der Geschlechter wurde schon in vorchristlich­er Zeit vertreten und disku­tiert. Dass Paulus davon Ken­nt­nis hat­te, zeigt seine For­mulierung, Män­ner seien in Begierde «zueinan­der» ent­bran­nt (Römer 1,27). Es darf als gesichert gel­ten, dass im Neuen Tes­ta­ment gle­ichgeschlechtliche Beziehun­gen nicht in Unken­nt­nis, son­dern in Ken­nt­nis hei­d­nis­ch­er Sex­uald­iskurse verurteilt wer­den. Es gibt wed­er im Alten noch im Neuen Tes­ta­ment eine pos­i­tive Würdi­gung homo­sex­ueller Praxis.

In den Debat­ten um die sex­uelle Ori­en­tierung, zeigen sich zwis­chen dem poste­van­ge­likalen Ansatz von Dietz und Faix und der evan­ge­likalen The­olo­gie markante Unterschiede:

In der evan­ge­likalen The­olo­gie wer­den ethis­che Nor­men zuerst inner­halb ein­er bibelo­ri­en­tierten Reflex­ion gewon­nen: Es wird gefragt, welche ethis­chen Prinzip­i­en in einem bes­timmten Text her­vortreten und als Gotteswille erkennbar wer­den. Die Bibel bildet in diesem hermeneutis­chen Prozess die «höch­ste Autorität in allen Fra­gen des Glaubens und der Lebens­führung», wie es die Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz aus­drückt. Nach der the­ol­o­gis­chen Reflex­ion wer­den die gewonnenen Prinzip­i­en auf konkrete Fra­gen und Leben­szusam­men­hänge auf heute angewandt.

In poste­van­ge­likalen Diskursen dage­gen wird ein «Über­legungs­gle­ichgewicht» angestrebt: Ethis­che Entschei­dun­gen kön­nen nur gewon­nen wer­den, wenn bib­lis­che Nor­men, die heutige Lebenswirk­lichkeit und die Ein­schätzung der Fol­gen für das Leben der Betrof­fe­nen gle­ich­berechtigt miteinan­der ver­bun­den wer­den. Die Bibel ist in diesem Ansatz nicht Nor­ma Nor­mans, son­dern bloss­er Aus­gangspunkt, von dem weit­ergedacht wird.

Dietz und Faix rel­a­tivieren in «Wege zur Liebe» den Gel­tungsanspruch der Bibel und lösen bib­lis­che Nor­men auf. In ihrer plu­ral­is­tis­chen Ethik wird die Tol­er­anz gar dom­i­nant: Sie bezichti­gen alle der Diskri­m­inierung, die sich ein Urteil über die sex­uellen Präferen­zen ander­er Men­schen erlauben, und stellen sie gar auf eine Stufe mit Ras­sis­ten. [110]

Wohin die kri­tis­che Rel­a­tivierung der Bibel geht, zeigt sich in «Wege zur Liebe» auch auf anderen Feldern der Sexualethik:

  • Polyamor­ie wird über­wiegend pos­i­tiv beurteilt. Ange­blich soll sie sich pos­i­tiv auf die Gesund­heit auswirken und «gute Bedin­gun­gen für das Grossziehen von Kindern bieten». [111] Selb­st für Pornografie und Pros­ti­tu­tion find­en Dietz und Faix anerken­nende Worte. [112] The­ol­o­gis­che und moralis­che Bedenken schrumpfen auf blosse Worthülsen zusam­men: Die christliche Tra­di­tion favorisiere Sex­u­al­ität in der Ehe. In der bib­lis­chen Schöp­fungs­geschichte würde die Ehe zwis­chen Mann und Frau als «göt­tlich­es Ide­al» beschrieben. Bib­lis­che Hand­lungsan­leitun­gen ver­mö­gen die Autoren aus den entsprechen­den Tex­ten allerd­ings nicht abzuleit­en. Stattdessen sprechen sie von «Her­aus­forderun­gen», die es zu meis­tern gilt und von the­ol­o­gis­chen und kirch­lichen Fra­gen, die zu «klären» sind. [113] Damit wer­den nicht Wege zur Liebe eröffnet, son­dern Irrwege der Liebe nor­mal­isiert. [114]
  • Ganz anders ist die Ton­lage im Kapi­tel «Puri­ty Cul­ture» über Sex vor der Ehe. Enthalt­samkeit vor der Ehe richtet nach Auf­fas­sung der Autoren mehr Schaden an, als dass sie nützt. Men­schen, die sich für die Enthalt­samkeit vor der Ehe entschei­den empfän­den ihren Entschluss als Weg zur moralis­chen und geistlichen Erfül­lung. Abge­se­hen davon sei das Konzept von ein­er Über­be­to­nung der Sex­u­al­ität geprägt, bewirke Scham und Schuldge­füh­le, wirke psy­chisch belas­tend, fördere binäres Schubladen­denken und sei ein Instru­ment zur Unter­drück­ung der Frau. [115] Eine Würdi­gung aus bib­lis­ch­er Sicht sucht man vergebens. Der eigene Anspruch, mit der Bibel über diese The­men «im gründlichen Gespräch» zu sein, wird total verfehlt.
  • Sin­gles kön­nen ihre Sex­u­al­ität frei ausleben, tra­gen aber «Ver­ant­wor­tung für ihre eige­nen sex­uellen Hand­lun­gen und die Auswirkun­gen auf andere.» [116] Über unge­wollte Schwanger­schaften und Abtrei­bung ver­lieren die Autoren kein Wort. Offen­bar gehört das nicht zu den Din­gen, in welchen per­sön­liche Ver­ant­wor­tung gefragt ist. In einem Lehrmit­tel, das alle The­men­felder der Sex­u­al­ität ein­schliesslich Cyber­sex und Sexro­botik bespricht, ist das ein ekla­tantes Versagen.

Nach dem Lesen von «Wege zur Liebe» bin ich kon­stern­iert. Ich frage mich, wo die Unter­schiede zu den Leitgedanken der sex­uellen Rev­o­lu­tion liegen, und kann keine find­en. Dietz und Faix brechen mit den zen­tralen Werten christlich­er Sex­u­alethik. Über Werte wie Liebe, Ein­vernehm­lichkeit und Rück­sicht hin­aus scheinen sie nichts spez­i­fisch Christlich­es zu sagen zu haben.

ERGEBNIS

Das Ergeb­nis mein­er Stich­probe ist ernüchternd: Poste­van­ge­likale The­olo­gie ist Bibelkri­tik im erweck­lichen Gewand. Die drei Autoren üben sys­tem­a­tis­che Kri­tik an der Bibel. Zim­mer kri­tisiert mit Jesus das Alte Tes­ta­ment, Benz entwertet den Gedanken der Inspi­ra­tion, Dietz und Faix beken­nen sich zur fem­i­nis­tis­chen «Hermeneu­tik des Ver­dachts». [117] Das Schriftver­ständ­nis, das sie vorschla­gen, ist geeignet, die christlichen Glaubens­bestände, die seit zweitausend Jahren das Fun­da­ment des Chris­ten­tums aus­machen, sys­tem­a­tisch zu dekon­stru­ieren. Platz für Wahrheit gibt es nur, wenn sie nicht im Kon­flikt mit dem Zeit­geist steht.

Meine These, wonach am Ursprung der poste­van­ge­likalen Dekon­struk­tion ein kri­tis­ches Ver­hält­nis zur Bibel ste­ht, hat sich bestätigt:

  • Am Anfang ste­ht die Entwer­tung des Inspi­ra­tions­gedankens. Auss­chlaggebend sind weltan­schauliche Vorentschei­dun­gen, am deut­lich­sten bei Benz, der ein sou­veränes Inspi­ra­tions­geschehen auss­chliesst. Die Selb­staus­sagen der Schrift über ihre Ver­lässlichkeit und Autorität spie­len eine unter­ge­ord­nete Rolle. Nach dem Ver­ständ­nis der Autoren bezeugt sich in der Bibel nicht in erster Lin­ie Gott den Men­schen, son­dern Men­schen leg­en Zeug­nis von ihrem Glauben ab. Im Zweifels­fall über­wiegt das Men­schen­wort gegenüber dem Gotteswort.
  • Der Entwer­tung des Inspi­ra­tions­gedankens fol­gt die Vernei­n­ung der Offen­barungsqual­ität der Bibel. Wenn Gott die bib­lis­chen Ver­fass­er nicht durch seinen Geist leit­ete, son­dern diese bloss Zeug­nis von ihrem Glauben able­gen, ver­mis­cht sich in der Bibel Göt­tlich­es und Men­schlich­es. Es wun­dert nicht, dass dieses Schriftver­ständ­nis zum Glaubensver­lust führt. Wenn man als Bibelleser Göt­tlich­es und Men­schlich­es voneinan­der unter­schei­den muss, wird es fast unmöglich, sich von der Schrift Wahrheit vorgeben zu lassen.
  • Die Vernei­n­ung der Offen­barungsqual­ität der Bibel führt zur Rel­a­tivierung ihres Gel­tungsanspruchs in the­ol­o­gis­chen, kirch­lichen und ethis­chen Fra­gen. Beson­ders deut­lich zeigt sich das in «Wege zur Liebe». Dietz und Faix tra­gen dem queeren Zeit­geist die Schleppe nach, statt die Fack­el voran.

Ver­gle­icht man das kri­tis­che Schriftver­ständ­nis der drei Autoren mit der Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz, wo von der Inspi­ra­tion, Offen­barung und Autorität der Heili­gen Schrift die Rede ist, muss man fest­stellen: Die drei Autoren haben die evan­ge­likale Land­karte ver­lassen. Sie betreten die alten Pfade der Bibelkri­tik und präsen­tieren ihre Ergeb­nisse im erweck­lichen Gewand. Das ist ver­heis­sungsvoll für Tol­er­anzbegeis­terte, aber ver­häng­nisvoll für Wahrheitssucher.

In meinem Artikel «Kirche im postkon­fes­sionellen Umfeld» habe ich auf eine hil­fre­iche Klas­si­fizierung von Ed Stet­zer hingewiesen. Stet­zer unter­suchte die Emerg­ing Church in den Vere­inigten Staat­en vor der Jahrtausendwende und machte drei Typen von emer­gen­ten Leit­ern und Pas­toren aus: [118]

  • «Rel­e­vants» entwick­eln Gottes­di­en­st­for­men, die rel­e­vant für Kirchendis­tanzierte sind. Sie bemühen sich im Rah­men ein­er klas­sis­chen evan­ge­likalen The­olo­gie um ver­ständliche Verkündigung.
  • «Recon­struc­tion­ists» glauben, dass die Gemein­de­struk­turen der Evan­ge­likalen nicht hil­fre­ich sind und optieren für die «inkar­na­torische» Kirche, die zu den Men­schen geht, anstatt sie anzuziehen.
  • «Revi­sion­ists» gehen einen Schritt weit­er und stellen die evan­ge­likale The­olo­gie und das Schriftver­ständ­nis in Frage oder lassen es hin­ter sich.

Diese Klas­si­fizierung lässt sich ohne weit­eres auf den Post-Evan­ge­likalis­mus im deutschsprachi­gen Raum anwenden:

  • Poste­van­ge­likale «Rel­e­vants» lei­den an der Welt­fremd­heit ihrer Gemein­den. Sie wün­schen sich Gemein­den, die anschlussfähig an die Post­mod­erne sind, ohne die zen­tralen Glaubens­bestände aufzugeben. Gle­ichzeit­ig möcht­en sie sich für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöp­fung ein­set­zen. Diese Stim­men müssen in unseren Gemein­den unbe­d­ingt gehört werden.
  • Poste­van­ge­likale «Recon­struc­tion­ists» gehen einen Schritt weit­er. Sie möcht­en die Struk­turen der Gemeinde so verän­dern, dass sie das Evan­geli­um in der Post­mod­erne glaub­haft weit­er­ver­mit­teln kann. Ihre Anliegen leben in der mis­sion­alen The­olo­gie weit­er, die Grund­la­gen bietet, damit Gemeinde in der Post­mod­erne ihren mis­sion­ar­ischen Auf­trag erfüllen kann. [119]
  • Poste­van­ge­likale «Revi­sion­ist» wollen nicht nur Ein­stel­lun­gen und Struk­turen ändern, son­dern die evan­ge­likale The­olo­gie ein­er radikalen Revi­sion unterziehen. Ihr Ziel ist die Neukon­struk­tion des Glaubens unter den Bedin­gun­gen der Post­mod­erne. Die Dekon­struk­tion zen­traler Glaubens­bestände ist kein Kol­lat­er­alschaden, der in Kauf genom­men wird, um anschlussfähig zu sein, son­dern hat Sys­tem. Die drei Autoren sind hier einzuordnen.

Angesichts des Ein­flusses der drei Autoren, die bis in die evan­ge­likale Mitte hinein gehört und gele­sen wer­den, sorge ich mich um die evan­ge­likale Bewe­gung, zu der ich mich zäh­le. Unsere Zukun­ft entschei­det sich am Schriftver­ständ­nis. Wir ste­hen vor der Gretchen­frage, wie wir es mit der Bibel halten.

Wenn uns nicht klar ist, was wir glauben und wie sich unser Glaube aus der Heili­gen Schrift her­leit­et, ist die evan­ge­likale Bewe­gung in zwei oder drei Gen­er­a­tio­nen ein unbe­deu­tend kleines Bin­nengewäss­er, das im Meer der post­mod­er­nen Möglichkeit­en an Bedeu­tung ver­liert und schliesslich austrocknet.


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Fuss­noten:

[1] Vgl. Hard­meier, Roland 2022. Kirche im postkon­fes­sionellen Umfeld. Fachrefer­at an der Tagung der Bun­desleitun­gen der Freien Evan­ge­lis­chen Gemein­den von Deutsch­land, Schweiz, Öster­re­ich und Ital­ien vom 22.6.2022.

[2] Zur Geschichte: Tom­lin­son, Dave  1995. The post evan­gel­i­cal. Lon­dons: SPCK.

[3] Schmied­ing, Christoph 2019. www.eulemagazin.de vom 25.9.2019.

[4] Hard­meier, Roland 2024. Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist. Evan­ge­likale zwis­chen fun­da­men­tal­is­tisch und poste­van­ge­likal, 31ff. Giessen: Brunnen.

[5] Zim­mer, Siegfried 2012 [2007]. Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben? Klärung eines Kon­flik­ts. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck und Ruprecht.

[6] Benz, Mar­tin 2022. Wenn der Glaube nicht mehr passt. Ein Umzugshelfer. Neukirchen-Vluyn: Neukirch­en­er Verlagsgesellschaft.

[7] Dietz, Thorsten 2018. Weit­er­glauben. Warum man einen grossen Gott nicht klein denken kann. Moers: Brendow.

[8] Mar­tin Benz leit­ete 25 Jahre die Vine­yard Gemeinde Basel und unter­richtete am Insti­tut für gemein­de­ori­en­tierte Weit­er­bil­dung (damals noch Insti­tut für Gemein­de­bau und Welt­mis­sion). Dietz beze­ich­net sich als «Gren­zgänger» zwis­chen der evan­ge­likalen und der evan­ge­lis­chen Welt und hält fest, dass die aus sein­er Sicht pos­i­tiv­en Aspek­te evan­ge­likaler Fröm­migkeit immer zu seinem Leben gehören wer­den (Dietz, Thorsten 2022. Men­schen mit Mis­sion. Eine Land­karte der evan­ge­likalen Welt. Holzger­lin­gen: SCM Brock­haus, 454–455). Siegfried Zim­mer gehörte als Jugendlich­er 10 Jahre eine Pfin­gst­ge­meinde an und war 2 Jahre Lehrer an ein­er pfin­gstlichen Bibelschule, bevor er sich aus der pfin­gstlichen Fröm­migkeit, die er als «bedrän­gend» emp­fand her­ausen­twick­elte und nach dem Studi­um der The­olo­gie Pro­fes­sor der evan­ge­lis­chen The­olo­gie und Reli­gion­späd­a­gogik wurde (www.siegfriedzimmer.de).

[9] Glaubens­ba­sis der Europäis­chen Evan­ge­lis­chen Allianz. www.each.ch

[10] Zim­mer, Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?, 13.

[11] Ebd., 14.

[12] Ebd., 14.

[13] Zim­mer, Siegfried 2014. Warum das fun­da­men­tal­is­tis­che Bibelver­ständ­nis nicht überzeu­gen kann. www.worthaus.org. Refer­at vom 22.6.2014,  7:21ff.

[14] Zim­mer, Schadet die Bibel­wis­senschaft dem Glauben?, 17.

[15] Ebd., 21.

[16] Ebd., 57.

[17] Ebd., 40.

[18] Ebd., 91–92 für das Folgende.

[19] Ebd., 93.

[20] Ebd., 63.

[21] Ebd., 71.

[22] Ebd., 114; 117.

[23] Ebd., 115.

[24] Ebd., 114–117.

[25] Ebd., 120.

[26] Ebd., 123ff.

[27] Vgl. zur Wesen­sein­heit von Gott und seinem Wort: Hempel­mann, Heinzpeter 2009. Was heisst «bibel­treu?», Achtzehn The­sen und zehn Säulen ein­er Hermeneu­tik der Demut, 39 in Wahrheit und Erfahrung. The­men­buch zur Sys­tem­a­tis­chen The­olo­gie. Band 1: Ein­führende Fra­gen der Dog­matik und Gotteslehre. Hg. Chris­t­ian Her­rmann. Wit­ten: Brock­haus; Schirrma­ch­er, Thomas 2009. Bibel­treu oder der Bibel treu?, Glaub­würdigkeit und Irrtum­slosigkeit der Schrift, 48 in Wahrheit und Erfahrung. The­men­buch zur Sys­tem­a­tis­chen The­olo­gie. Band 1: Ein­führende Fra­gen der Dog­matik und Gotteslehre. Hg. Chris­t­ian Her­rmann. Wit­ten: Brockhaus.

[28] Maier, Ger­hard 1991. Bib­lis­che Hermeneu­tik. Wup­per­tal und Zürich: Brock­haus, 265.

[29] Ebd., 85.

[30] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 50.

[31] Ebd., 45.

[32] Ebd., 68–69.

[33] Ebd., 70–71.

[34] Ebd., 74.

[35] Ebd., 69.

[36] Ebd., 70.

[37] Ebd., 74.

[38] Ebd., 106.

[39] Ebd., 102.

[40] Ebd., 75.

[41] Benz, Mar­tin 2016. Bibelver­ständ­nis, Teil 3: Wessen Geistes Kinder seid ihr? Move­cast Folge 8 vom 9.11.2016.

[42] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 98–100.

[43] Ebd., 101.

[44] Ebd., 106.

[45] Ebd., 91–94.

[46] Ebd., 86–87; 90.

[47] Ebd., 90.

[48] Ebd., 90.

[49] Kilchör, Ben­jamin 2023. Kri­tisiert Jesus das Alte Tes­ta­ment? www.danieloption.ch vom 17.5.2023.

[50] Dal­heim, Wern­er 2014. Die Welt zur Zeit Jesu. München: C.H. Beck, 316.

[51] «Der Name ‘Reli­gion­s­geschichtliche Schule’ ste­ht für ein kurzes, aber fol­gen­re­ich­es Kapi­tel Göt­tinger The­olo­giegeschichte an der Schwelle zum 20. Jahrhun­dert. Was in Göt­tin­gen um 1890 mit ein­er dichtge­drängten Folge von Habil­i­ta­tio­nen eines kleinen Kreis­es von jun­gen, fre­und­schaftlich ver­bun­de­nen Gelehrten begann, gedieh in der Fol­gezeit zu ein­er die The­olo­gie heftig aufrühren­den Bewe­gung mit einem rasch anwach­senden Kreis von Mit­gliedern und Sym­pa­thisan­ten. Von der Bil­dung ein­er Schule im kon­ven­tionellen Sinn mit ein­er aus­gemacht­en Führungsper­sön­lichkeit und ein­er Schü­lerge­fol­gschaft kann trotz des Namens ‘Reli­gion­s­geschichtliche Schule’ in diesem Fall nicht gesprochen wer­den. Vielmehr zeigte sich hier eine Gruppe von The­olo­gen bei aller Ver­schieden­heit und Eigen­ständigkeit der Forschungsin­ter­essen einig in zumin­d­est einem entschei­den­den Punkt: dem radikal his­torischen Ansatz im wis­senschaftlichen Umgang mit den Quellen des christlichen Glaubens.» (Lüde­mann, Gerd und Mar­tin Schröder 1987. Die Reli­gion­s­geschichtliche Schule in Göt­tin­gen. Eine Doku­men­ta­tion. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck und Ruprecht, 7).

[52] Gunkel, Gen­e­sis, LVI-LVIII.

[53] Dietz, Thorsten 2022. Men­schen mit Mis­sion. Eine Land­karte der evan­ge­likalen Welt. Holz­er­lin­gen: SCM Brock­haus, 203.

[54] Dietz 2020. Weit­er­glauben, 9; 15. Meine Analyse beschränkt sich auf die Kapi­tel über Gott (Seite 33–52), Wahrheit (Seite 53–76) und Gottes Wort (Seite 77–98), in denen Dietz aus­führt, worauf ein lebens­fähiger Glaube sein­er Auf­fas­sung nach verzicht­en kann. Die weit­eren Kapi­tel, in denen Dietz unter anderem auf die Bedeu­tung gemein­schaftlichen Glaubens und den Fröm­migkeitsstil einge­ht, sind nicht in meinem Fokus, weil sie den Rah­men dieses Artikel sprengen.

[55] Dietz, Weit­er­glauben, 39.

[56] Ebd., 40; 42; 46.

[57] Ebd., 187–189.

[58] Ebd., 72.

[59] Ebd., 80.

[60] Ebd., 73.

[61] Dietz, Thorsten 2018. Weit­er­glauben im Gespräch. Eine Antwort auf die Kri­tik von Markus Till. Ein Gast­bre­itrag von Thorsten Dietz. www.tobiasfaix.de. Aufgerufen am 12.1.2026.

[62] Die alt­protes­tantis­che Ortho­dox­ie («Recht­gläu­bigkeit») ist eine the­olo­giegeschichtliche Epoche, die sich vom Ende des 16. bis in die Mitte des 18. Jh. erstreck­te. In ihr ging es um die Kon­so­li­dierung der lutherischen und calvin­is­tis­chen The­olo­gie. Kennze­ich­nend für die Epoche ist der Ver­such, das Erbe der Ref­or­ma­tion in ein möglichst geschlossenes Lehrsys­tem (Dog­matik) zu über­führen. Die ortho­dox­en Dog­matik­er set­zten sich mit ver­schiede­nen Beken­nt­nis­sen auseinan­der (lutherisch, calvin­is­tisch, katholisch) und in der späten Ortho­dox­ie mit dem Pietismus und der Aufk­lärung. Das refor­ma­torische Schrift­prinzip «sola scrip­tura» wurde von den ortho­dox­en Dog­matik­ern über Luther hin­aus­ge­führt und sys­tem­a­tisch entfaltet.

[63] Dietz, Weit­er­glauben, 126–127 (Luther WA 39/I,47)

[64] Ebd., 141–142.

[65] Ebd., 84.

[66] Ebd., 89.

[67] Ebd., 91–92.

[68] Ebd., 92.

[69] Dietz, Men­schen mit Mis­sion, 185; 189.

[70] Die Begriffe «Ratio­nal­is­mus», «Mod­ernismus» und «Lib­er­al­is­mus», die damals oft ver­wen­det wur­den, sind weit­ge­hend aus­tauschbare Begriffe, die sich auf das Aufkom­men der Bibelkri­tik und ihre Fol­gen beziehen.

[71] Bre­itschw­erdt, Jörg 2019. The­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv. Stu­di­en zu Genese und Anliegen der evan­ge­likalen Bewe­gung in Deutsch­land. Arbeit­en zur Geschichte des Pietismus, Band 62, Göt­tin­gen: Van­den­hoeck und Ruprecht, 81.

[72] Ebd., 83.

[73] Vgl. Lauster, Jörg 2004. Prinzip und Meth­ode. Die Trans­for­ma­tion des protes­tantis­chen Schrift­prinzips durch die his­torische Kri­tik von Schleier­ma­ch­er bis zur Gegen­wart. Tübin­gen: Mohr Siebeck, 24.

[74] Schnelle, Udo 2017. Ein­leitung in das Neue Tes­ta­ment. 9., durchge­se­hen Auflage. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck und Ruprecht, 19.

[75] Schlat­ter, Adolf 1908. Erläuterun­gen zum Neuen Tes­ta­ment. Band 1: Die Evan­gelien und die Apos­telgeschichte. Calw und Stuttgart. Ver­lag der Vere­ins­buch­hand­lung, 46.

[76] Schlat­ter, Adolf 1921. Erläuterun­gen zum Neuen Tes­ta­ment. Band 3: Die Briefe des Petrus, Judas, Johannes, an die Hebräer, des Jakobus. Die Offen­barung des Johannes. Stuttgart: Cal­w­er Vere­ins­buch­hand­lung, 82.

[77] Dietz, Thorsten 2019. Entste­hung und Autorität des neutes­ta­mentlichen Kanons. Worthaus Pop-Up 2019.

[78] Ebd., ab 1:18:05.

[79] Ebd., ab 1:19:15.

[80] Ebd., ab 1:22:15.

[81] Tid­ball, Derek J. 1999. Reiz­wort Evan­ge­likal. Entwick­lung ein­er Fröm­migkeits­be­we­gung. Stuttgart: Christlich­es Ver­lagshaus, 142.

[82] Stadel­mann, Helge 2010. Evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis. Die Bibel ver­ste­hen – der Bibel ver­trauen. Ham­mer­brücke: jota Pub­lika­tione­nen, 20.

[83] Hei­del­berg­er Kat­e­chis­mus, Frage 21: «Wahrer Glaube ist nicht nur eine feste Erken­nt­nis, durch die ich alles für wahr halte, was Gott in seinem Wort uns offen­bart hat, son­dern auch ein her­zlich­es Ver­trauen, welch­es der Heilige Geist durchs Evan­geli­um in mir wirkt, dass nicht allein andern, son­dern auch mir Verge­bung der Sün­den … geschenkt ist.»

[84] West­min­ster Beken­nt­nis, 1,4–5: «Die Autorität der Heili­gen Schrift, um deretwillen man ihr glauben und gehor­sam sein muss, beruht nicht auf dem Zeug­nis irgen­deines Men­schen oder ein­er Kirche, son­dern völ­lig auf Gott, der die Wahrheit selb­st ist, als ihrem Autor. Darum ist sie anzunehmen, weil sie Gottes Wort ist. Wir kön­nen zwar durch das Zeug­nis der Kirche dazu bewogen und angeleit­et wer­den, die Heilige Schrift hochzuschätzen und ehrerbi­etig zu betra­cht­en … Aber trotz­dem kommt unsere volle Überzeu­gung und Gewis­sheit von ihrer unfehlbaren Wahrheit und ihrer göt­tlichen Autorität aus dem inneren Wirken des Heili­gen Geistes, der durch und mit dem Wort in unseren Herzen Zeug­nis gibt.»

[85] Stadel­mann, Evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis, 24.

[86] Dietz, Entste­hung und Autorität des neutes­ta­mentlichen Kanons ab 1:22:15 und 1:15:15.

[87] «Sag mir, wenn du kannst, durch welch­es Urteil eine Frage abschliessend beant­wortet wer­den kann, wenn die Aussprüche der Väter einan­der wider­stre­it­en? Man muss näm­lich hier mit der Schrift als Richter ein Urteil fällen, was [aber] nicht geschehen kann, wenn wir nicht der Schrift in allen Din­gen, die den Vätern beigelegt wer­den, den ersten Rang ein­räu­men. Das heisst, dass sie sel­ber durch sich selb­st ganz gewiss ist (ut sit ipsa per sese cer­tis­si­ma), ganz leicht zugänglich (facil­li­ma), ganz leicht ver­ständlich (aper­tis­si­ma), ihr eigen­er Ausleger (sui ipsius inter­pres), alles von allen prüfend, rich­t­end und erleuch­t­end (omni­um omnia probans, iudi­cans et illu­mi­nans).» WA VII, 97. Zitiert bei Luz, Ulrich 2014. The­ol­o­gis­che Hermeneu­tik des Neuen Tes­ta­ments. Neukirchen-Vlyun: Neukirch­en­er Ver­lags­ge­sellschaft, 105–106.

[88] «Erstlich sollst du wis­sen, dass die Heilige Schrift ein solch­es Buch ist, das aller andern Büch­er Weisheit zu Nar­rheit macht, weil keines vom ewigen Leben lehrt als dies allein. Darum sollst du an deinem Sinn und Ver­stand stracks verza­gen. Denn damit wirst du es nicht erlan­gen, son­dern mit solch­er Ver­messen­heit dich selb­st und andere mit dir stürzen vom Him­mel (wie es Lucifer geschah) in den Abgrund der Hölle. Son­dern kniee nieder in deinem Käm­mer­lein und bitte mit rechter Demut und Ernst zu Gott, dass er dir durch seinen lieben Sohn wolle seinen heili­gen Geist geben, der dich erleuchte, leite und Ver­stand gebe.» WA 50, 659,5ff. Zitiert bei Stuhlmach­er, Peter 1986. Vom Ver­ste­hen des Neuen Tes­ta­ments. Eine Hermeneu­tik. Göt­tin­gen: Van­den­hoeck und Ruprecht, 17.

[89] Calvin, Insti­tu­tio, Erstes Buch, 6.–9. Kapitel.

[90] WA VII, 97. Zitiert bei Luz, Ulrich 2014. The­ol­o­gis­che Hermeneu­tik des Neuen Tes­ta­ments, 105–106.

[91] Stuhlmach­er, Vom Ver­ste­hen des Neuen Tes­ta­ments, 52–53.

[92] Lau­san­ner Verpflich­tung 1974, Artikel 2 (Die Autorität der Bibel): «Wir hal­ten fest an der göt­tlichen Inspi­ra­tion, der gewiss­machen­den Wahrheit und Autorität der alt- und neutes­ta­mentlichen Schriften in ihrer Gesamtheit als das einzige geschriebene Wort Gottes. Es ist ohne Irrtum in allem, was es bekräftigt, und ist der einzige unfehlbare Massstab des Glaubens und des Lebens.»

[93] Chica­go-Erk­lärung, Kom­men­tar, 12.

[94] Dietz, Thorsten, Entste­hung und Autorität des neutes­ta­mentlichen Kanons: «Paulus ist klar: Die Texte des Alten Tes­ta­ments, die Heilige Schrift, klar, das ist von Gott, das sind Gottes Worte. Das ist Gottes Reden. Das ist aus dem Geist Gottes» (ab 1:20:29).

[95] Stadel­mann, Evan­ge­likales Schriftver­ständ­nis, 99.

[96] Schn­abel, Eck­hard 1986. Inspi­ra­tion und Offen­barung. Die Lehre vom Ursprung und Wesen der Bibel, 49.

[97] Ebd., 118; 154.

[98] Ebd., 158.

[99] Benz, Wenn der Glaube nicht mehr passt, 115–117; 154–155.

[100] Ebd., 186–187.

[101] Ebd., 165–171.

[102] Ebd., 171.

[103] Bon­ho­ef­fer, Diet­rich 1944. Wider­stand und Erge­bung. Briefe und Aufze­ich­nun­gen aus der Haft. Der Satz ist in mehreren Ver­sio­nen über­liefert. Er stammt aus einem Brief an seinen Fre­und Eber­hard Bethge vom 21. Juli 1944.

[104] Dietz, Thorsten und Tobias Faix 2025. Wege zur Liebe. Eine Sex­u­alethik zum Sel­ber­denken. Neukirchen-Vluyn: Neukirch­en­er Ver­lags­ge­sellschaft, 17–18.

[105] Dietz, Weit­er­glauben, 101.

[106] Nach Baum, Armin D. 2025. Karte und Gebi­et. Bibel und Wis­senschaft in der trans­for­ma­tiv­en Sex­u­alethik von Thorsten Dietz und Tobias Faix. Jahrbuch Bib­lis­che erneuerte The­olo­gie, Band 9, 256.

[107] Siehe entsprechende Papers auf www.thorsten-dietz.info

[108] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 234.

[109] Baum, Karte und Gebi­et, 258ff für das Folgende.

[110] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 231: «Alle Ver­suche, Men­schen auf­grund ihrer sex­uellen Ori­en­tierung in irgen­dein­er Weise zu diskred­i­tieren … sie zu benachteili­gen oder auszu­gren­zen, haben in der Geschichte viel Schaden angerichtet. Alle diese For­men der Aus­gren­zung oder der Benachteili­gung entsprechen struk­turell anderen For­men der Diskri­m­inierung von Men­schen auf­grund ihres Geschlechts, ihrer Herkun­ft oder eth­nis­chen Zugehörigkeit.»

[111] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 366ff.

[112] Ebd., 247ff.

[113] Ebd., 375–377.

[114] Brud­er­er, Paul 2025. Irrwege der Liebe, Kom­men­tar. www.idea.de vom 23.10.2025.

[115] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 276–277.

[116] Ebd., 363–364.

[117] Dietz und Faix, Wege zur Liebe, 68.

[118] Stet­zer, Ed 2006. Under­stand­ing the Emerg­ing Church. www.crosswalk.com vom 18.6.2022.

[119] Näheres zur mis­sion­alen The­olo­gie bei Reimer, Johannes 2009. Die Welt umar­men. The­olo­gie des gesellschaft­srel­e­van­ten Gemein­de­baus; Hard­meier, Roland 2009. Kirche ist Mis­sion. Auf dem Weg zu einem ganzheitlichen Mis­sionsver­ständ­nis. Grund­lage dieser mis­sion­alen Ansätze ist das klas­sis­che evan­ge­likale Schriftver­ständ­nis. Die Suche nach Gemein­dean­sätzen, die rel­e­vant für die Post­mod­erne sind, führt in diesen Ansätzen deshalb nicht zur Dekon­struk­tion des Glaubens.

Über den Kanal

Roland Hardmeier

Dr. theol. Roland Hardmeier wohnt und arbeitet in Riedikon bei Uster. Er war 15 Jahre lang Pastor im Bund der Freien Evangelischen Gemeinden der Schweiz. Heute ist er als selbständiger Dozent, Referent und Autor tätig. Einblicke in seine Tätigkeit gibt seine Website www.roland-hardmeier.ch

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Kommentare zu diesen Beitrag

9 Comments

  1. Yumiyoshi

    “Nachricht­en vom Tod der Kirche sind stark über­trieben” — oder, um es in Jesu Worten zu sagen: “Die Pforten der Hölle wer­den sie (die Kirche) nicht überwinden.”

    Eine The­olo­gie, die meint, die Bibel und Gott selb­st in die Schuh­schachtel des ihr Denkmöglichen sper­ren zu kön­nen, ist zum Scheit­ern verurteilt. Sie klingt ver­lock­end und sorgt immer wieder für Auf­se­hen — und lei­der immer wieder auch für Angst unter den Kon­ser­v­a­tiv­en. Tat­säch­lich ist sie aber kraft- und sub­stan­z­los. Was war Gottes Antwort auf die kri­tis­che The­olo­gie des 19. Jahrhun­derts? Die Aus­gießung des Heili­gen Geistes in diversen Erweck­un­gen nach der Jahrhun­der­twende. Was ist Gottes Antwort auf den post­mod­er­nen Rel­a­tivis­mus? Das “Qui­et Revival”, in dem junge Men­schen plöt­zlich von sich aus in die Kirche zu gehen begin­nen, weil sie erkan­nt haben, dass die Weltan­schau­ung ihrer Eltern nichts Tragfähiges zu bieten hat.

    Natür­lich ist es wichtig, poste­van­ge­likale The­olo­gie zu analysieren, ihr auf den Grund zu gehen und ihre Denk­fehler aufzuzeigen. Den­noch halte ich nichts davon, die Stirn in Sor­gen­fal­ten zu leg­en wegen dieser Strö­mung. Es ist eine Mode, die vorüberge­hen wird, so wie viele andere auch in den ver­gan­genen 2000 Jahren (man denke nur an die Gnosis!).

    Die entschei­dende Frage ist: Erlebe ich Gott im All­t­ag? Erlebe ich seine Kraft und Gegen­wart? Existiert mein per­sön­lich­er Gott nur in meinem Kopf, oder auch in meinem Herzen, weil ich sein Wirken an mir ganz pesön­lich und immer wieder erlebt habe? Wenn das inte­graler Teil meines Lebens ist, dann kön­nen mich solche Diskus­sio­nen nicht mehr aus der Fas­sung brin­gen. Weil ich dann weiß, dass ich weiß, dass Gott real ist. Weil ich dann ver­standen habe, dass es um die Herzens­beziehung zu ihm geht. Und weil diese Herzens­beziehung mich über die ganzen Niederun­gen solch­er Diskus­sio­nen erhebt.

    Apolo­getik ist super. Kraftvoll wird sie dann, wenn sie unter­legt ist mit meinem per­sön­lichen, immer wiederkehren­den Erleben von Gottes Kraft und Gegenwart.

    Reply
  2. Brigitte Kohler

    Guten Tag Herr Hardmeier
    Ihr Buch “Glaube, der trägt, wenn alles im Fluss ist” liegt bei uns zu Hause lese­bere­it. Ich freue mich darauf, Ihren Gedanken zu fol­gen, weil ich in den let­zten Wochen einige Diskus­sion­ssendun­gen oder Pod­casts von Ihnen gehört habe. Bei Ihren mündlichen Aus­sagen hat mich bein­druckt, dass Sie Ihre Posi­tio­nen klar benen­nen, aber auch Raum für andere Aus­sagen lassen ohne diese abzuw­erten. Das ani­miert mich, mich genauer mit Ihrem Wis­sen und Ihren Ein­schätzun­gen auseinanderzusetzen.
    Aus dem obi­gen Artikel weht mir nun ein ander­er Wind ent­ge­gen. Ich weiss, dass eine Diskus­sion­ssendung und eine the­ol­o­gis­che Abhand­lung nicht das­selbe sind. Den­noch spüre ich aus Ihrem Artikel auch eine gewisse Schärfe die mich befremdet. Es mag die Sorge um die Zukun­ft von uns Evan­ge­likalen dahin­ter liegen. Aber ich empfinde hier etliche Ihrer Aus­sagen mehr als War­nung und auch als eine Spur Rechthaberei. Ich ver­misse den Respekt und die Wertschätzung gegenüber Ander­s­denk­enden, welche ich ich bei Ihnen in oben erwäh­n­ten Diskus­sion immer gespürt habe.

    Reply
    • Roland Hardmeier

      Grüezi Frau Kohler
      Her­zlichen Dank für Ihr Inter­esse an meinen Veröf­fentlichun­gen und Ihre kri­tis­che Rück­mel­dung zu “Kein Platz für Wahrheit?” Sie haben Recht: Die Ton­lage des Artikels unter­schei­det sich im Ver­gle­ich mit meinen Büch­ern und son­sti­gen Veröffentlichungen.
      Ein­er­seits ist das dem Platz der Veröf­fentlichung geschuldet. In meinem Büch­ern und in Diskus­sion­ssendun­gen, etwa auf Livenet, oder auch in meinen öffentlichen Vorträ­gen, richte ich mich an ein bre­ites Pub­likum. Ich sehe dort meine Auf­gabe darin, möglichst bre­it und fair, die religiöse Land­schaft zu beschreiben und viel Platz für Pro und Con­tra zu schaf­fen. Auf Daniel Option richte ich mich an ein Pub­likum, das sich gewohnt ist, sich in Diskus­sion­sräu­men zu bewe­gen, wo auch mal pointiert und dur­chaus scharf argu­men­tiert wird.
      Ander­seits liegt es am The­ma. Mit dem Artikel möchte ich nicht nur informieren, son­dern auch war­nen. Die drei von mir unter­sucht­en The­olo­gen sind auf ein­er klaren Mis­sion: Sie suchen lebendi­ge Chris­ten von ein­er pro­gres­siv­en Ver­sion des Glaubens zu überzeu­gen und haben mit ihren Veröf­fentlichun­gen mass­geben­den Ein­fluss, dass viele ihren Glauben dekon­stru­ieren. Das erfüllt mich mit Sorge und ja, davor warne ich. Das tue ich bewusst mit spitzer Fed­er und schar­fen Argu­menten, möchte aber die Regeln des Respek­ts ein­hal­ten. Deshalb nehme ich im Artikel (wie auch son­st in meinen
      Pub­lika­tio­nen) für mich den Begriff “bibel­treu” nicht in Anspruch. Er sug­geriert, dass die anderen es nicht sind. Ich spreche von Siegfried Zim­mer und anderen Autoren auch nicht von Irrlehrern oder Ver­führern. Wenn Sie auf Worthaus Refer­ate von Siegfried Zim­mer über die Fun­da­men­tal­is­ten hören, stellen Sie fest, dass er dauernd abfäl­lige Bemerkun­gen über kon­ser­v­a­tive Chris­ten (zu denen ich mich auch zäh­le) macht. Ich möchte Zim­mer etwas ent­ge­genset­zen, verzichte aber darauf, auf dieselbe Weise von Post-Evan­ge­likalen zu reden. Wenn ich im Artikel sage, Dietz und Faix wür­den dem Zeit­geist die Schleppe nach­tra­gen, statt die Fack­el voran, ist das nach meinem Ver­ständ­nis scharf for­muliert, aber nicht respek­t­los. Ich hoffe, mein Buch “Glaube der trägt, wenn alles im Fluss ist” wird Ihnen Freude machen. Es ist geprägt von der inhaltlichen Weite, die Sie an meinem Arbeit­en grund­sät­zlich schätzen.

      Reply
  3. Alex aus Cloppenburg

    Dietz, Benz und Zim­mer als die großen Ver­führer also. Ich sel­ber bin nicht evan­ge­likal und war es auch nie. Daher kön­nen mich die besagten Men­schen zu nichts ver­führen. Eine Frage stellt sich mir allerd­ings: was glaubt der Autor kön­nen seine Aus­führun­gen bewirken? Sollen sie Evan­ge­likale davon abhal­ten, post-evan­ge­likal zu wer­den? Für so naiv halte ich den Autor nicht.
    Soll der Artikel diejeni­gen bestärken, die ohne­hin schon gegen Zim­mer, Dietz usw. agieren? Das wer­den die wahren From­men wohl hof­fentlich nicht nötig haben.

    Reply
    • Roland

      Lieber Alex
      Danke für deine kri­tis­che Anmerkung. Doch, das möchte ich natür­lich: Die Evan­ge­likalen davon abhal­ten poste­van­ge­likal zu wer­den. Und zwar im Sinn, dass ich den Lesern die Denkvo­raus­set­zun­gen von Zim­mer und Co. aufzeige, damit sie sel­ber entschei­den kön­nen, ob sie auf der weltan­schaulichen Grund­lage, wie poste­van­ge­likale Vor­denker sie vor­tra­gen, ihren Glauben bauen wollen. Ich erhalte für genau diese Offen­le­gung immer wieder dankbare Rückmeldungen.

      Reply
  4. Othmar Fluck

    Ich bin dankbar für Artikel wie diesen, die mir einen Ein­blick in die Lit­er­atur von post­mod­er­nen “The­olo­gen” geben. Danke, Herr Hard­meier für Ihre Aus­führun­gen (denen ich entwed­er ver­traue, oder halt doch die entsprechende Lit­er­atur sel­ber lesen müsste).

    Ein Gedanke zum let­zten Text (“Wenn uns nicht klar ist, was wir glauben und wie sich unser Glaube aus der Heili­gen Schrift her­leit­et, ist die evan­ge­likale Bewe­gung in zwei oder drei Gen­er­a­tio­nen ein unbe­deu­tend kleines Bin­nengewäss­er, das im Meer der post­mod­er­nen Möglichkeit­en an Bedeu­tung ver­liert und schliesslich austrocknet.”):
    Es kann dur­chaus sein, dass sich der Kreis der tra­di­tionell glauben­den Evan­ge­likalen in den näch­sten Jahren verklein­ert. Ich ver­traue aber Gott, dass er dur­chaus fähig ist, dafür zu sor­gen, dass dieses Gewäss­er nicht aus­trock­net. Vielle­icht wird “der West­en” eine neue Mis­sion­ierung durch andere Wel­tre­gio­nen erleben dür­fen, in denen das “evan­ge­likale Glaubensgut” am Wach­sen ist.
    Per­sön­lich glaube und lebe ich evan­ge­likal – und bin Zeug­nis und “offen­er Brief”, der von Gott geschrieben und von allen gele­sen wer­den kann.

    Reply
    • Roland

      Lieber Oth­mar
      Danke für deine hoff­nungsvolle Rück­mel­dung. Vielle­icht hast du recht und mein Schluss-State­ment ist zu neg­a­tiv — hof­fen wir es!

      Reply
  5. Wolfgang Ackerknecht

    Ich schätze die Arbeit von Daniel Option sehr. Dies­mal hat­te ich keine Lust (mehr), den ganzen Kom­men­tar zu lesen und beschränk­te mich auf die fett geschriebe­nen Texte. Ich ver­ste­he die Bibel immer noch so, dass ich als Christ die Auf­gabe und auch die Ver­ant­wor­tung habe, Gottes Wort zu prüfen und let­ztlich im Gesamtzusam­men­hang zu ver­ste­hen. Ich darf glauben, dass mit der Heilige Geist hil­ft, Dinge einord­nen und ver­ste­hen zu kön­nen. Das ‘Innen­leben’ der Bibel spricht so eigentlich immer wieder neu zu mir und bleibt lebendig.

    Reply

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