Holy Bible? (3/6) — Entstehung der modernen Bibelwissenschaft

Roland Hardmeier
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Die mod­erne Bibel­wis­senschaft ist ein Kind der Aufk­lärung. In einzel­nen Teilen lässt sie sich bis zur Renais­sance und zur Ref­or­ma­tion zurück­führen. Wie der Begriff es sagt, ist sie ein fes­ter Teil der Epoche der Mod­erne und nur aus ihr her­aus ver­ste­hbar. In diesem Teil beschreibe ich, wie die mod­erne Bibel­wis­senschaft ent­stand und lege ihre Denkvo­raus­set­zun­gen offen. Auf diese Weise soll der Begriff «Bibelkri­tik» fass­bar werden.

Von der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft ist oft vere­in­fachend als der «Bibelkri­tik» die Rede. Der unscharfe Begriff ist Beze­ich­nung für einen wis­senschaftlichen Zugang zur Bibel, dessen Anfänge auf das 18. Jahrhun­dert anzuset­zen sind.  Im 19. Jahrhun­dert wurde der Begriff «Kri­tik» zum Leit­be­griff der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft. Während im heuti­gen Sprachge­brauch mit Kri­tik ein abw­er­tendes Kri­tisieren gemeint ist, stand der Begriff im auf­streben­den Wis­senschafts­be­trieb des vor­let­zten Jahrhun­derts für ein method­isch über­prüf­bares Vorge­hen. In diesem Sinn wird der Begriff in der Wis­senschaft immer noch ver­wen­det. So will eine «kri­tis­che» Werkaus­gabe von Luthers Schriften oder ein «kri­tis­ch­er» Matthäuskom­men­tar nicht Luther oder Matthäus kri­tisieren, son­dern die auf sie zurück­ge­hen­den Texte nach wis­senschaftlichen Regeln analysieren.

Der Anspruch der Bibelkri­tik ist ein hoher und fest mit west­lichem ratio­nal­is­tis­chem Denkver­mö­gen ver­bun­den. Die mod­erne Bibel­wis­senschaft will unter neuzeitlichen Denkvo­raus­set­zun­gen eine method­isch kon­trol­lier­bare Erschlies­sung der bib­lis­chen Schriften bieten. Sie hat dazu die «his­torisch-kri­tis­che» Meth­ode entwick­elt, die ich in Teil 5 näher beschreiben werde.

Renaissance und Humanismus

Wenn man die mod­erne Bibel­wis­senschaft ver­ste­hen will, muss man sich ein Stück europäis­che Geis­tes­geschichte vergegenwärtigen.

Im 15. Jahrhun­dert kommt es in Ital­ien zu einem kul­turellen Auf­bruch, der ganz Europa erfasst und später von den His­torik­ern als «Renais­sance» (Wiederge­burt) beze­ich­net wird. Mit dem Begriff wird zum Aus­druck gebracht, dass die Ide­ale der Antike wieder­ent­deckt und frucht­bar gemacht wur­den. Zen­trum der Frühre­nais­sance ist Flo­renz, das durch Bankgeschäfte und Han­del zu Reich­tum gelangt. Das Ver­mö­gen wird dazu ver­wen­det, Klöster, Kün­ste, Gelehrte und antike Forschung zu finanzieren.

Die Epoche der Renais­sance bringt den Human­is­mus her­vor, in welchem die Got­teben­bildlichkeit des Men­schen und seine Würde als Geschöpf in den Mit­telpunkt tritt. Zum bedeu­tend­sten Weg­bere­it­er der Ref­or­ma­tion wird der berühmte nieder­ländis­che Human­ist Eras­mus von Rot­ter­dam (1466–1536). Man sagte ihm nach, er habe das Ei gelegt, das Luther aus­ge­brütet habe.

Das Losungswort der Human­is­ten lautet «ad fontes!» (zu den Quellen). Es ist Aus­druck der Suche nach den Ide­alen der Antike in ihrer unver­fälscht­en Gestalt. Damit ist eine wichtige Vorbe­din­gung für die Ref­or­ma­tion erfüllt, in der die Beschäf­ti­gung mit dem Bibel­text von zen­traler Bedeu­tung wird. Die Human­is­ten ler­nen fleis­sig Griechisch, um die antiken Klas­sik­er wie Homer und Pla­ton und das Neue Tes­ta­ment in der Orig­i­nal­sprache lesen zu kön­nen. Bish­er ken­nt man den christlichen Glauben fast auss­chliesslich durch die Ver­mit­tlung der katholis­chen Tra­di­tion und The­olo­gie des Mit­te­lal­ters. Das ändert sich nun. Man begin­nt sich kri­tisch mit lit­er­arischen Quellen zu befassen und fragt nach ihrem his­torischen Ort: Wo ent­standen sie? Wer schrieb sie? Mit welch­er Absicht? Man bemüht sich um exak­te Über­set­zun­gen ins Lateinis­che, das in Europa bis ins 18. Jahrhun­dert Amts- und Gelehrten­sprache ist, und schenkt so den ursprünglichen Tex­ten viel Aufmerksamkeit.

Eine weit­ere Frucht des Human­is­mus ist die Grün­dung zahlre­ich­er Uni­ver­sitäten, unter anderem in Tübin­gen (1477) und Wit­ten­berg (1502), wo Luther lehren wird, und die Grün­dung bedeu­ten­der Bib­lio­theken, die nicht an ein Kloster angeschlossen sind. Damit wer­den die Grund­la­gen gelegt für die Entwick­lung wis­senschaftlich­er Forschung, die sich nicht mehr eng an den christlichen Glauben anlehnt und ihre Berech­ti­gung in ihrem human­is­tis­chen Selb­stver­ständ­nis find­et. Der Human­is­mus wird zum entschei­den­den Weg­bere­it­er der Reformation:

«Der Human­is­mus bere­it­ete als geistige Gross­macht Europas entschei­dend den Boden für die Refor­ma­tio­nen. Die Möglichkeit­en zum Studi­um der Quellen, die daraus sich ablei­t­ende Kri­tik altherge­brachter Tra­di­tio­nen und vor allem die kri­tis­che Wen­dung gegen die Lebens­ferne scholastis­ch­er The­olo­gie prägten alle Per­sön­lichkeit­en der Ref­or­ma­tion nach­haltig.»[1]

Die Reformation

Nach Überzeu­gung der Refor­ma­toren ist das, was das Chris­ten­tum aus­macht, an den Aus­sagen der Schrift zu prüfen. Diese Prü­fung ist ihrer Auf­fas­sung nach möglich, weil die Schrift in sich selb­st klar und ver­ständlich ist.

Wie gelan­gen die Refor­ma­toren zu ihrer Erken­nt­nis? Sie fol­gen dem wis­senschaftlichen Impuls ihrer Zeit und gehen wie die Human­is­ten zurück zu den Quellen. In ihrem Fall ist das das Neue Tes­ta­ment. Luther liest mit Inbrun­st das Neue Tes­ta­ment, studiert aber auch fleis­sig die Werke berühmter Humanisten.

Die Beschäf­ti­gung mit der Bibel rückt in den Mit­telpunkt der evan­ge­lis­chen The­olo­gie. An die Stelle des katholis­chen Lehramts tritt die Autorität der Schrift samt ihrer sachgerecht­en Ausle­gung. Damit ist eine wichtige Voraus­set­zung für das spätere Entste­hen der his­torisch-kri­tis­chen Meth­ode gegeben:

«Für die Ref­or­ma­tion ist die Heilige Schrift die ‘Urkunde’ der Offen­barung Gottes und darum die einzige und auss­chliessliche Quelle aller Verkündi­gung der Kirche. Kirch­liche Tra­di­tio­nen, auch tra­di­tionelle Regeln für die Ausle­gung der Bibel, sind dem grundle­gen­den Zeug­nis der Schrift unterzuord­nen und an diesem zu prüfen. Damit aber wird der wörtliche Sinn des bib­lis­chen Zeug­niss­es mass­ge­blich für sein Ver­ständ­nis. Seit der Alten Kirche hat­te sich für die Bibelausle­gung in The­o­rie und Prax­is das Sys­tem eines vier­fachen Schriftsinns entwick­elt. Neben dem Wortsinn glaubte man einen dreifachen über­tra­ge­nen Sinn ent­deck­en zu kön­nen: Der alle­gorische oder mys­tis­che Sinn umfasst die hin­ter dem Wortsinn ver­bor­ge­nen Glaubenswahrheit­en, der moralis­che Sinn ent­nahm dem Bibel­wort Anweisun­gen zum recht­en Han­deln, der ana­gogis­che Sinn richtete sich auf die escha­tol­o­gis­chen (endzeitlichen) Geheimnisse. Die Refor­ma­toren beton­ten demge­genüber, dass die Bibel als ein in der Geschichte ergan­ge­nes Zeug­nis an ihrem his­torischen Ort ver­standen wer­den muss, denn das Wort ist Fleisch gewor­den (Joh 1,14). Diese Ein­sicht in den geschichtlichen Charak­ter der Offen­barung Gottes förderte nicht nur die Bemühung um die ursprünglichen hebräis­chen und griechis­chen Texte der Bibel, son­dern liess die Schrif­tausle­gung zum über­ra­gen­den Kennze­ichen der Ref­or­ma­tion wer­den. Die Beto­nung des Wortsinns der Heili­gen Schrift schuf so die Voraus­set­zun­gen für die spätere his­torisch-kri­tis­che Meth­ode.»[2]

Entschei­dend für die Ref­or­ma­tion (und die Ausle­gungs­geschichte der Bibel) ist Luthers Auftritt vor Kaiser und Reich­stag am 17. April 1521 in Worms. Luther erklärt:

«Solange ich nicht durch das Zeug­nis der Heili­gen Schrift oder klare Ver­nun­ft­gründe wider­legt werde, so halte ich mich über­wun­den durch die Heilige Schrift. Mein Gewis­sen ist in Gottes Wort gefan­gen. Darum kann und will ich nicht wider­rufen, weil gegen das Gewis­sen zu han­deln beschw­er­lich und gefährlich ist. Gott helfe mir. Amen.»[3]

Luthers Auftritt in Worms gehört zu den entschei­den­den Ereignis­sen der abendländis­chen Geschichte. Luther nimmt für sich vor dem Reich­stag in Anspruch, in Sachen Glauben anders zu urteilen als zehn Konzile, hun­dert Kirchen­väter und tausend Jahre Ausle­gungstra­di­tion! Sein Gewis­sen löst sich vom Zugriff des Dog­mas, es ist an Gottes Wort gebun­den, nicht an die Ver­laut­barun­gen der Kirche. Luthers Weigerung zu wider­rufen, samt sein­er Begrün­dung, ist ein epochaler Vor­gang. Mit Luther erkämpft sich das autonome Gewis­sen seinen legit­i­men Platz in der europäis­chen Geschichte. Es ist jet­zt legit­im, an überkomme­nen Vorstel­lun­gen zu zweifeln, auch wenn die let­zte Kon­se­quenz dieses Zweifelns erst mit der Aufk­lärung sicht­bar wird. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Aufk­lär­er das von Luther erstrit­tene Recht zu zweifeln, für ihre Sicht in Anspruch nehmen. Sie wer­den weit über Luthers Kri­tik an Tra­di­tion und The­olo­gie hin­aus­ge­hen und an den Grund­festen des christlichen Abend­lan­des rütteln.

Aufklärung und kritisches Denkvermögen

Als wichtig­stes Merk­mal der Aufk­lärung, deren Anfänge auf die Mitte des 17. Jahrhun­derts anzuset­zen sind, gilt die Beru­fung auf die Ver­nun­ft als entschei­dende Urteilsin­stanz. Nur hun­dert Jahre nach Luther hat sich die Sit­u­a­tion so geän­dert, dass fun­da­men­tale Kri­tik an der christlichen Weltan­schau­ung möglich wird. In der Zeit der Ref­or­ma­tion gab es keinen Stre­it über das Exis­ten­zrecht christlich­er Weltan­schau­ung, sie wurde voraus­ge­set­zt. Der Stre­it zwis­chen Katholizis­mus und Ref­or­ma­tion beschränk­te sich darauf, welche christliche Sicht die richtige ist. Jet­zt wird die christliche Weltan­schau­ung selb­st in Frage gestellt.

Wahlspruch der Aufk­lärung ist der von Immanuel Kant geprägte Satz: «Habe Mut, dich deines eige­nen Ver­standes zu bedi­enen!» Kant (1724–1804) gilt als der wichtig­ste Philosoph der deutschen Aufk­lärung und als ein­er der ein­flussre­ich­sten Denker des Abend­lan­des. Kant definiert die Aufk­lärung als «Aus­gang des Men­schen aus sein­er selb­stver­schulde­ten Unmündigkeit.» Aus Sicht der Aufk­lär­er hat das kirch­liche Dog­ma den Bürg­er ent­mündigt. Unmündigkeit ist nach Kant «das Unver­mö­gen, sich seines Ver­standes ohne eines anderen zu bedi­enen.» Die Loslö­sung von tra­di­tionellen Vorstel­lun­gen und kirch­lichen Dog­men ist im Zeital­ter der Aufk­lärung «mod­ern» und führt zu einem ersten grossen Säku­lar­isierungss­chub in der Geschichte des Christentums.

Renais­sance, Human­is­mus und Ref­or­ma­tion haben die Vorar­beit für diese Entwick­lung geleis­tet. Die Wieder­ent­deck­ung der antiken Wis­senschaften durch die Renais­sance führte zu einem ver­stärk­ten Fra­gen nach der Natur und dem Ursprung der Dinge. Der Human­is­mus appel­lierte an die Ver­nun­ft und lenk­te den Blick auf die Möglichkeit­en des Men­schen. Und die Ref­or­ma­tion war Voraus­set­zung für die Aufk­lärung, indem sie Kri­tik an der Kirche und ihren Tra­di­tio­nen pop­ulär machte.

«Ich denke, also bin ich»

Nicht nur die Philoso­phie bewegt sich, auch in den Natur­wis­senschaften kommt es zu grossen Verän­derun­gen. Im 17. Jahrhun­dert macht die Welt tech­nis­che Quan­ten­sprünge. Zahlre­iche Ent­deck­un­gen und Erfind­un­gen verän­dern das Leben und führen das her­bei, was wir die «Mod­erne» nen­nen. An die Stelle von Tra­di­tion treten Erfahrung und Ver­nun­ft. Erst­mals in der Geschichte blickt man nicht mehr zurück, son­dern voraus, um das Leben zu meis­tern. Je schneller der Wan­del sich vol­lzieht desto weniger ist die Tra­di­tion eine Hil­fe. Im Umgang mit den neuen Möglichkeit­en der mod­er­nen Welt sind Wis­sen und Ver­nun­ft gefragt. Wis­senschaftlich halt­bar kann in der Folge nur noch sein, was durch prak­tis­chen Nachvol­lzug bewiesen wer­den kann und was vernün­ftig ist. Die Welt wird je länger je weniger durch den Glauben ver­standen und bald nur noch durch die Ver­nun­ft erfasst. Das wird sich sehr bald als Wende im abendländis­chen Denken erweisen.

Für die neue Art zu denken ste­ht der franzö­sis­che Natur­wis­senschaftler und Philosoph René Descartes (1596–1650), der mit seinem berühmten Satz «Ich denke, also bin ich» etwas von unge­heur­er Sprengkraft tut: Er ver­legt die Gewis­sheit von Gott in den Men­schen! Bis zu Descartes fand der Men­sch sein Selb­stver­ständ­nis in der Betra­ch­tung Gottes und im Glauben daran, dass er Eben­bild des Schöpfers ist. Jet­zt richtet sich das denk­ende Sub­jekt ganz auf sich selb­st. Descartes fragt sich, wie er zu gesicherten Erken­nt­nis­sen kom­men kann. Er stellt alles, was sich­er scheint, radikal in Zweifel. Er zweifelt an Gott, an der Welt, an der Natur der Dinge und an sich selb­st. Gibt es Gott? Gibt es mich selb­st über­haupt? Während Descartes alles gründlich anzweifelt und die Dinge sozusagen im freien Fall sind, macht er eine Ent­deck­ung: Da ist jemand, der am zweifeln und daher am denken ist! Also muss es diesen jemand geben und dieser jemand bin ich! Ich denke, also bin ich! Das Fak­tum der eige­nen Exis­tenz wird zum Fun­da­ment aller Gewis­sheit­en.[4]

Die an der Ver­nun­ft ori­en­tierte Denkweise, gilt nicht nur für wis­senschaftliche Behaup­tun­gen, son­dern bald auch für das kirch­liche Dog­ma und das altkirch­liche Schriftver­ständ­nis. Die Vor­denker der Aufk­lärung lesen die Bibel mit den Augen der Ver­nun­ft. Die bib­lis­chen Schriften «müssen zuerst als his­torische Urkun­den der Ver­gan­gen­heit gese­hen wer­den, nicht als ein die Gegen­wart beanspruchen­des Wort. Daher sind die bib­lis­chen Schriften nach densel­ben Meth­o­d­en zu unter­suchen wie andere Doku­mente ihrer Zeit, genau wie die Schriften Pla­tons und Senecas. Was sie für die Gegen­wart bedeuten, muss dann ihre Inter­pre­ta­tion durch die autonome Ver­nun­ft ergeben.»[5]

Was The­olo­gie ist, wie sie betrieben wer­den soll, und wem sie zu dienen hat, erfährt in dieser Zeit eine bis heute nach­wirk­ende Verän­derung. Das Bibel­wort wird dem sub­jek­tiv­en Urteil des Forsch­ers unter­wor­fen und so der men­schlichen Ver­nun­ft aus­geliefert. Auf dem Höhep­unkt des Ver­nun­ftzeital­ters glaubt man, Schrif­tausle­gung ohne Rück­bindung an die kirch­lichen Beken­nt­nisse und ohne Rück­sicht auf die Ausle­gungs­geschichte und die Dog­matik allein nach wis­senschaftlichen Regeln durch­führen zu kön­nen. Die Folge ist eine Ent­frem­dung der akademis­chen The­olo­gie von der kirch­lichen Basis, die bis heute nicht über­wun­den ist. Dort, wo die Bibel mit radikalem Zweifel gele­sen wird, löst sich der Grundbe­stand des Glaubens im Dun­stkreis der Ver­nun­ft auf.

Die Entste­hung der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft ver­dankt sich, wie deut­lich gewor­den ist, einem vielschicht­en und zum Teil anspruchsvollen Prozess. Diesen Prozess sollte man in seinen Grundzü­gen ken­nen, wenn man sich ein Urteil darüber erlauben will, was die mod­erne Bibel­wis­senschaft ausmacht.

Ein Klassiker

Wenn man ver­ste­hen will, auf welchen Denkvo­raus­set­zun­gen die mod­erne Bibel­wis­senschaft grün­det, muss man Ernst Troeltsch (1865–1923) lesen. Die Auseinan­der­set­zung mit ihm ist anspruchsvoll, aber notwendig, um den genetis­chen Code der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft zu knacken.

In seinem Klas­sik­er «Über his­torische und dog­ma­tis­che Meth­ode in der The­olo­gie» bringt er die Grund­sätze der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft nach den Denkvor­gaben der Aufk­lärung auf den Punkt. Die «his­torische» Meth­ode, wie Troeltsch sie nen­nt, ist die Meth­ode der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft, wonach die Bibel nicht aus sich selb­st her­aus, son­dern vom Stand­punkt der all­ge­meinen Geschichte aus betra­chtet und aus­gelegt wird. Die «dog­ma­tis­che» Meth­ode dient bei Troeltsch als Beze­ich­nung für das klas­sis­che Schriftver­ständ­nis, so wie es heute die Evan­ge­likalen vertreten. Troeltsch möchte die bei­den Meth­o­d­en miteinan­der ver­gle­ichen und dabei die Vorzüge der Bibelkri­tik aufzeigen. Troeltsch benen­nt drei Leit­prinzip­i­en, nach denen gear­beit­et wer­den soll:

Das erste Prinzip, auf das Troeltsch die The­olo­gie verpflicht­en will, ist die his­torische Kri­tik. Die bib­lis­chen Berichte müssen ein­er kri­tis­chen Beurteilung unter­wor­fen wer­den. Wie bei Descartes muss der bib­lis­che Text von der Ver­nun­ft sys­tem­a­tisch in Zweifel gezo­gen wer­den. Kri­tik bedeutet für Troeltsch, «dass es auf his­torischem Gebi­et nur Wahrschein­lichkeit­surteile gibt, von sehr ver­schiede­nen Graden der Wahrschein­lichkeit, vom höch­sten bis zum ger­ing­sten, und dass jed­er Über­liefer­ung gegenüber daher erst der Grad an Wahrschein­lichkeit abgemessen wer­den müsse, der ihr zukommt.»[6] Eine his­torische Sichtweise erlaubt also nur Wahrschein­lichkeit­surteile darüber, ob ver­gan­gener Ereignisse wie berichtet stattge­fun­den haben. Zu Gewis­sheit­en führen kann sie nicht. Was in voraufk­lärerisch­er Zeit als bib­lis­che Wahrheit durchging, wird jet­zt kri­tisch rel­a­tiviert. Man muss alles gründlich in Zweifel ziehen und fra­gen, welch­er Grad an Wahrschein­lichkeit beispiel­sweise einem Wort von Jesus oder ein­er von ihm berichteten Tat zukommt. Hat Jesus das wirk­lich gesagt? Ist es Jesus, der hier spricht, oder sind ihm die Worte von der Urkirche in den Mund gelegt wor­den? Wie wahrschein­lich ist es beispiel­sweise, dass Jesus auf dem Wass­er gegan­gen ist?

Wie kann man den Grad der Wahrschein­lichkeit ein­er Sache ermit­teln? Das geschieht zweit­ens durch das Prinzip der Analo­gie. Nach Troeltsch weisen alle his­torischen Ereignisse eine prinzip­ielle Gle­ichar­tigkeit auf. Für Ereignisse und Vorgänge, die wir heute beobacht­en kön­nen, gibt es einen hohen Grad an Wahrschein­lichkeit, dass sie auch vor zweitausend Jahren stattge­fun­den haben. Dinge, die es heute nicht gibt, haben mit einem hohen Grad an Wahrschein­lichkeit auch früher nicht stattge­fun­den. Das Prinzip der Analo­gie ist also ein Erfahrungskri­teri­um. Der Forsch­er schliesst von sein­er heuti­gen Erfahrung ana­log auf damals. Troeltsch spricht in diesem Zusam­men­hang von der «All­macht der Analo­gie».[7] Die Gle­ichar­tigkeit his­torisch­er Ereignisse erlaubt es dem Forsch­er zu beurteilen, wie wahrschein­lich es ist, dass ein Ereig­nis so stattge­fun­den hat, wie es in den Evan­gelien oder an ander­er Stelle berichtet wird.

Gemäss der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft ist es die Auf­gabe des Forsch­ers, kri­tisch zu unter­schei­den zwis­chen den bib­lis­chen Bericht­en und den ursprünglichen Ereignis­sen, auf die sich die Berichte beziehen. Es ist davon auszuge­hen, dass zwis­chen Ereig­nis und Bericht Dif­feren­zen beste­hen. Der Forsch­er will den ver­muteten Dif­feren­zen auf die Spur kom­men. Er fragt zu diesem Zweck ganz im Sinne von Troeltsch:  Wie wahrschein­lich ist es, dass Jesus predi­gend durch die jüdis­chen Lande zog und das Gottes­re­ich aus­rief? Wie wahrschein­lich ist es, dass Jesus sich als Mes­sias ver­stand? Wie wahrschein­lich ist es, dass Jesus auf dem Wass­er ging? Troeltschs Analo­giekri­teri­um würde in diesem Fall bedeuten: Weil es auch heute Leute gibt, die sich an Strasse­neck­en auf­stellen und predi­gen, ist es wahrschein­lich, dass Jesus das auch tat, zumal wan­dernde Predi­ger im Juden­tum keine Sel­tenheit waren. Hinge­gen wird mir heute kaum jemand begeg­nen, der in Basel oder Köln über den Rhein spaziert. Ana­log dazu ist es unwahrschein­lich, dass die Berichte der Evan­gelien vom Gang Jesu auf dem Wass­er, ein his­torisches Ereig­nis wiedergeben.

Schliesslich fragt Troeltsch, was dazu berechtigt, durch analoge Schlüsse Wahrschein­lichkeit­surteile zu fällen. Das führt zum drit­ten Prinzip der Kor­re­la­tion. Es besagt, dass alle his­torischen Begeben­heit­en in ein­er inner­weltlichen Wech­sel­wirkung zueinan­der­ste­hen. Alles, was geschieht, ste­ht in einem kor­rel­a­tiv­en Fluss mit anderen Din­gen und muss von diesen Din­gen her ver­standen und beurteilt werden:

«Ist aber diese alles niv­el­lierende Bedeu­tung der Analo­gie nur möglich auf Grund der Gemein­samkeit und Gle­ichar­tigkeit des men­schlichen Geistes und sein­er geschichtlichen Betä­ti­gun­gen über­haupt, so ist damit der dritte his­torische Grund­be­griff gegeben, die Wech­sel­wirkung aller Erschei­n­un­gen des geistiggeschichtlichen Lebens, wo keine Verän­derung an einem Punk­te ein­treten kann ohne voraus­ge­gan­gene und fol­gende Änderun­gen an einem anderen, so dass alles Geschehen in einem beständi­gen kor­rel­a­tiv­en Zusam­men­hange ste­ht und notwendig einen Fluss bilden muss, indem Alles und Jedes zusam­men­hängt und jed­er Vor­gang in Rela­tion zu anderen ste­ht.»[8]

Jedes Ereig­nis hat also eine Ursache, die sich inner­halb eines deis­tis­chen Welt­bildes (Gott greift nicht in die Geschichte ein) erk­lären lassen muss und somit imma­nent ist. Was meint Troeltsch damit genau und welche Methodik zeigt sich hier?

Bruchlinien

Im Grunde genom­men führt Troeltsch einen method­is­chen Athe­is­mus (es gibt keinen Gott) im Bere­ich der The­olo­gie durch. Sein Welt­bild ist zumin­d­est eine Form des Deis­mus. Die Bibel wird allein mit den Mit­teln der Ver­nun­ft und des Zweifels inter­pretiert, so als gäbe es keinen Gott und kön­nte dieser auch nicht in das Welt­geschehen ein­greifen. In diesem Zusam­men­hang redet man von einem «imma­nen­ten Weltbild».

Die mod­erne Bibel­wis­senschaft arbeit­et immer noch nach den von Troeltsch benan­nten Prinzip­i­en und wen­det sie mehr oder weniger kon­se­quent an. Die The­olo­gen, die kon­se­quent nach diesen Prinzip­i­en die Bibel ausle­gen, sprechen der Bibel ihre his­torische Ver­lässlichkeit rundweg ab. Eine «bib­lis­che Wahrheit» kann es unter diesen Denkvo­raus­set­zun­gen nicht mehr geben. Es gibt nur noch eine Fülle sich wider­sprechen­der Aus­sagen. Die radikale Anwen­dung von Troeltschs Methodik bringt ein athe­is­tis­ches Welt­bild her­vor und führt zum blanken Unglauben.

Das bedeutet nicht, dass die Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft grund­sät­zlich abzulehnen sind. Damit würde man Ergeb­nisse und Meth­ode einan­der gle­ich­set­zen. Es wäre das Gle­iche, wie wenn man das Kochen ablehnen würde, nur weil einem das Menü nicht schmeckt. Das sollte man nun wirk­lich nicht tun!

Wir haben noch einige Denkar­beit vor uns, um Klarheit in das Ver­hält­nis von evan­ge­likalem Schriftver­ständ­nis und mod­ern­er Bibel­wis­senschaft zu brin­gen. Dieser Denkar­beit stelle ich mich in den näch­sten drei Teilen. Ich werde im 4. Teil beschreiben, nach welchen Grund­sätzen evan­ge­likale The­olo­gen die Bibel ausle­gen. Im 5. Teil werde ich zeigen, welche Meth­o­d­en Vertreter der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft anwen­den, um bib­lis­che Texte zu inter­pretieren. Im 6. Teil wer­den wir die Ergeb­nisse auswerten und fra­gen: Kön­nen wir, wenn wir die Bibel als Gottes Wort ver­ste­hen, die Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft anwen­den? Oder führt das unweiger­lich zum Unglauben? Wo gehen die Bruch­lin­ien zwis­chen einem ver­trauensvollen Lesen der Bibel und dem Ein­satz der Ver­nun­ft in der Ausle­gung durch?


[1] Lauster, Die Verza­uberung der Welt, 307.
[2] Arnold­shain­er Kon­ferenz, Das Buch Gottes, 173–174.
[3] Zitiert nach Brandt, Basiswis­sen Kirchengeschichte, 265.
[4] Küng, Das Chris­ten­tum, 766.
[5] Gop­pelt, The­olo­gie des Neuen Tes­ta­ments, 24.
[6] Troeltsch, Über his­torische und dog­ma­tis­che Meth­ode in der The­olo­gie, 731.
[7] Ebd., 732.
[8] Ebd., 733.

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