Holy Bible? (2/6) — Geschichte der evangelikalen Bewegung

Roland Hardmeier
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Einen the­ol­o­gis­chen Stand­punkt ver­ste­ht man am besten, wenn man seine Geschichte ken­nt. In diesem Teil beschreibe ich die Entste­hung der evan­ge­likalen Bewe­gung und definiere ihr Ver­hält­nis zum Fun­da­men­tal­is­mus ein­er­seits und dem Phänomen des Post-Evan­ge­likalis­mus ander­seits. Der Blick in die Geschichte wird uns helfen zu ver­ste­hen, warum Evan­ge­likale die Bibel so und nicht anders auslegen.

Anfänge im angelsächsischen Raum

Das englis­che «evan­gel­i­cal» ist bere­its fünfhun­dert Jahre alt. Der Begriff taucht erst­mals in Eng­land als Beze­ich­nung der Anhänger der Ref­or­ma­tion auf. In den fol­gen­den zwei­hun­dert Jahren wird er vom Aus­druck «protes­tant» zurückge­drängt. Im 18. Jahrhun­dert tritt der Begriff im Zusam­men­hang mit der englis­chen Erweck­ungs­be­we­gung wieder in Erschei­n­ung. Als «Evan­gel­i­cals» wer­den jet­zt die Vertreter der Erweck­ungs­be­we­gung inner­halb der Kirche Eng­lands beze­ich­net. Es han­delt sich um Chris­ten, die zum lebendi­gen Glauben erweckt wur­den, die starre Recht­gläu­bigkeit der englis­chen Staatskirche hin­ter sich gelassen haben und im Ver­trauen auf Chris­tus den Grund ihres Heils sehen. Die Bibel ist für sie ober­ste Richtschnur des Glaubens. Aus diesem Glauben her­aus sind sie sowohl mis­sion­ar­isch als auch diakonisch tätig. Sie sind the­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv, ziehen sich aber nicht auf die pri­vate Tugend­haftigkeit zurück, son­dern nehmen aktiv an der Gestal­tung der Gesellschaft teil. Der eingedeutschte Begriff «evan­ge­likal», den wir heute ver­wen­den, bedeutet von seinen Wurzeln her darum «erweck­lich».

Die englis­che Erweck­ungs­be­we­gung führt zu ein­er Vielzahl von Grup­pierun­gen und Mis­sion­s­ge­sellschaften und damit zu ein­er Auf­s­plit­terung des kirch­lichen Lebens. In den grundle­gen­den Fra­gen aber nehmen die Evan­gel­i­cals eine Ein­heit wahr, die über kon­fes­sionelle Gren­zen hin­weg verbindet. Diese Ver­bun­den­heit drückt sich haupt­säch­lich im Beken­nt­nis zur göt­tlichen Autorität der Heili­gen Schrift aus und in der Ablehnung des the­ol­o­gis­chen Lib­er­al­is­mus, der in den grossen Kirchen Akzep­tanz find­et. In diesem Bewusst­sein kommt es 1846 in Lon­don zur Grün­dung der «Evan­gel­i­cal Alliance». Mit ihr treten die Evan­gel­i­cals erst­mals als tran­skon­fes­sionelle Bewe­gung in Erscheinung.

Die Vertreter aus den Vere­inigten Staat­en, die bei der Grün­dung der Alliance in Lon­don anwe­send sind, brin­gen das Anliegen und den neuen Namen in die neue Welt und prä­gen damit eine ganze Nation. In den Vere­inigten Staat­en find­et das evan­ge­likale Gedankengut seinen Aus­druck in den Erweck­ungs­be­we­gun­gen mit Jonathan Edwards, Charles Finney, Dwight Moody und anderen Per­sön­lichkeit­en. Bewe­gun­gen wie die Bap­tis­ten, Methodis­ten, Pres­by­te­ri­an­er und die Aus­bre­itung der Heili­gungs­be­we­gung geben den Vere­inigten Staat­en eine tiefe evan­ge­likale Prä­gung. Bis zur Mitte des 19. Jahrhun­derts sind die Begriffe «evan­gel­i­cal» und «protes­tant» in den Staat­en prak­tisch gle­ichbe­deu­tend. Erst die Auseinan­der­set­zung mit der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft wird die Unter­schei­dung zwis­chen Protes­tanten und Evan­ge­likalen bringen.

Die eigentlichen Wurzeln des Evan­ge­likalis­mus sind also die Erweck­ungs­be­we­gun­gen des 18. und 19. Jahrhun­derts. Chris­ten ver­schieden­er Beken­nt­nisse nehmen über denom­i­na­tionelle Gren­zen hin­weg eine Ver­bun­den­heit wahr. Durch die Zusam­me­nar­beit ver­schieden­er evan­ge­likal gesin­nter Grup­pen will man bib­lis­ches Chris­ten­tum und Mis­sion fördern. Die Bewe­gung wird durch pos­i­tive Anliegen geprägt. Sie ist the­ol­o­gisch kon­ser­v­a­tiv, gle­ichzeit­ig aber weltoffen.

Doch dann kommt ein weit­er­er mächtiger Fak­tor hinzu: Das Zeital­ter der Aufk­lärung bringt ein verän­dertes Welt­bild her­vor. Das Denken der Men­schen begin­nt sich aus der kirch­lichen Bevor­mundung zu lösen und das tra­di­tionelle Schriftver­ständ­nis zu unter­graben. Die Aufk­lärung dringt bis an die Wurzel der protes­tantis­chen The­olo­gie vor und befeuert die mod­erne Bibel­wis­senschaft. Sie geht haupt­säch­lich von Deutsch­land aus, wo sie method­isch radikal durchge­führt wird, während die Entwick­lung in der angel­säch­sis­chen Welt (bis heute) gemäs­sigter ver­läuft. Zur sel­ben Zeit unter­minieren die Natur­wis­senschaften, vor allem der Dar­win­is­mus, tra­di­tionelle christliche Überzeu­gun­gen. Mit diesen weltan­schaulich konkur­ri­eren­den Konzepten erwach­sen dem kon­ser­v­a­tiv­en Chris­ten­tum, dem die Evan­ge­likalen ange­hören, mächtige Gegen­spiel­er. Die Auseinan­der­set­zung mit ihnen verän­dert die Bewe­gung und prägt sie bis heute. Das gilt auch für das Schriftver­ständ­nis. Teile der evan­ge­likalen Bewe­gung (haupt­säch­lich an ihren fun­da­men­tal­is­tis­chen Rän­dern) definiert ihr Bibelver­ständ­nis in dezi­diert­er Ablehnung zur mod­er­nen Bibelwissenschaft.

Die Entstehung des Fundamentalismus

Der weit­ere Weg der evan­ge­likalen Bewe­gung wird zunächst von den Entwick­lun­gen in den Vere­inigten Staat­en um die Wende zum 20. Jahrhun­dert geprägt. Der ras­ante Wan­del in der The­olo­gie und der Auf­stieg der Natur­wis­senschaften wirkt im amerikanis­chen Protes­tantismus wie ein Spalt­pilz. Eine zunehmende Zahl von The­olo­gen empfind­et die Aufrechter­hal­tung von tra­di­tionellen christlichen Anschau­un­gen wis­senschaftlich nicht länger als redlich. Von den «Kon­ser­v­a­tiv­en», die am tra­di­tionellen Glaubensgut fes­thal­ten, wer­den sie als «Lib­erale» oder als «Mod­ernisten» beze­ich­net. Die Kon­ser­v­a­tiv­en (später «Fun­da­men­tal­is­ten» genan­nt) erken­nen, dass der Auf­bruch des the­ol­o­gis­chen Lib­er­al­is­mus fol­gen­schw­er ist und begin­nen die Grundw­erte des Glaubens zu vertei­di­gen. Es kommt zu hefti­gen Auseinan­der­set­zun­gen, die teil­weise starkes medi­ales Auf­se­hen erre­gen. Je stärk­er der Lib­er­al­is­mus an den Fun­da­menten der The­olo­gie rüt­telt, desto mehr gren­zen sich die tra­di­tionell gesin­nten Kräfte ab.

Die Anschau­un­gen der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft und der Natur­wis­senschaften drin­gen gegen Ende des 19. Jahrhun­derts immer weit­er in die amerikanis­che Gesellschaft vor. Die kon­ser­v­a­tive Antwort auf diese Entwick­lung sind «The Fun­da­men­tals». Es han­delt sich um eine Serie von zwölf Aus­gaben von Auf­sätzen, die zwis­chen 1910 und 1915 eine Gesam­tau­flage von drei Mil­lio­nen Exem­plaren erre­ichen und heute in vier Sam­mel­bän­den vor­liegen. In den Auf­sätzen brin­gen Wis­senschaftler the­ol­o­gis­che Stand­punk­te zur Gel­tung, die für den kon­ser­v­a­tiv­en Protes­tantismus in den Vere­inigten Staat­en grundle­gend sind. In kom­pe­ten­ter und sachgemäss­er Weise wird die ganze Band­bre­ite der christlichen Lehre definiert und gegen ver­schiedene Strö­mungen verteidigt.

Zu den wichtig­sten The­men der ins­ge­samt dreiun­dachtzig Artikel gehören die Unfehlbarkeit der Heili­gen Schrift, die Got­theit Jesu und seine leib­liche Aufer­ste­hung. Kri­tik wird an Bewe­gun­gen wie dem Ratio­nal­is­mus, dem Dar­win­is­mus und der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft geübt. Obwohl die Debat­te anders ver­läuft als in der alten Welt (siehe Teil 1 dieser Serie), lässt sich fest­stellen, dass der Grundbe­stand des Glaubens im amerikanis­chen Fun­da­men­tal­is­mus prak­tisch deck­ungs­gle­ich mit dem der kon­ser­v­a­tiv­en Kräfte in Deutsch­land ist.

Chris­ten, die sich mit den Inhal­ten der «Fun­da­men­tals» iden­ti­fizieren, wer­den als «Fun­da­men­tal­is­ten» bekan­nt. Je heftiger die Auseinan­der­set­zung anhält, desto stärk­er begin­nen sich die Fun­da­men­tal­is­ten über das zu definieren, was sie bekämpfen. Der Fun­da­men­tal­is­mus wird zu ein­er reak­tionären Angele­gen­heit, die immer weniger durch pos­i­tive Anliegen auffällt.

Die «New Evangelicals»

Nach dem Zweit­en Weltkrieg kommt es zu ein­er inner­protes­tantis­chen Erneuerung. Diejeni­gen, die sich mit den Glaubensin­hal­ten der Fun­da­men­tal­is­ten iden­ti­fizieren, aber nicht mit ihrer the­ol­o­gis­chen Enge, nen­nen sich jet­zt «New Evan­gel­i­cals» und knüpfen dadurch an die Ursprünge der evan­ge­likalen Bewe­gung in Eng­land an. Die neuen Evan­ge­likalen set­zen sich unvor­ein­genom­men mit den Her­aus­forderun­gen der Gegen­wart auseinan­der. Sie wollen nicht bloss bekämpfen, son­dern in Übere­in­stim­mung mit den ursprünglichen Anliegen der Bewe­gung auch gestal­ten. Sie leg­en Wert auf gründliche the­ol­o­gis­che Aus­bil­dung, find­en mit Bil­ly Gra­ham zeit­gemässe For­men der Evan­ge­li­sa­tion und bemühen sich um Einheit.

Die Begeis­terung der New Evan­gel­i­cals strahlt bald auf Europa aus. Erweck­liche Kräfte find­en zusam­men und bilden das, was die mod­erne evan­ge­likale Bewe­gung genan­nt wird. Zu ihnen gehören die Pietis­ten, die Freikirchen und die beken­nt­nisori­en­tierten Chris­ten der evan­ge­lis­chen Lan­deskirchen in Deutsch­land. Die neue Dynamik wird von zwei Seit­en angetrieben: Ein­er­seits find­en die erweck­lichen Kräfte mit den New Evan­gel­i­cals wegen des pos­i­tiv­en Anliegens der Evan­ge­lisierung zusam­men. Verbindende Fig­ur ist Bil­ly Gra­ham. Ander­seits entwick­elt sich eine bre­it abgestützte Protest­be­we­gung, die den kon­ser­v­a­tiv­en Protesten im 19. Jahrhun­dert ähn­lich ist. Um die Mitte des 20. Jahrhun­derts dringt die mod­erne Bibel­wis­senschaft in Form der The­olo­gie von Rudolf Bult­mann an die evan­ge­lis­che Basis vor. Für Bult­mann ist der his­torische Glaube nicht wichtig. Jesus habe sich nicht als Sün­dopfer hingegeben und er sei nicht leib­lich aufer­standen, entschei­dend sei allein der Glaube des Einzelnen.

Kon­ser­v­a­tive und erweck­liche Kräfte schla­gen Alarm. Es formiert sich eine Protest­be­we­gung, die beträchtlich­es medi­ales Auf­se­hen erregt. 1966 wird die Beken­nt­nis­be­we­gung «Kein anderes Evan­geli­um» gegrün­det, um Bult­manns Ein­fluss zurück­zu­drän­gen und aus kon­ser­v­a­tiv­er Sicht Ori­en­tierung zu bieten. Die in ihr ver­sam­melten Chris­ten bilden in der Folge den evan­ge­likalen Flügel der Evan­ge­lis­chen Kirche Deutschlands.

In diesem Zusam­men­hang kommt es zu ein­er Bedeu­tungsver­schiebung des Begriffs «evan­ge­likal». Die ursprüngliche Bedeu­tung von «erweck­lich» tritt in den Hin­ter­grund. «Evan­ge­likal» wird jet­zt als kirchen­poli­tis­ches Kampf­wort inner­halb der deutschen Lan­deskirchen ver­wen­det, um die kon­ser­v­a­tiv­en Kräfte von den «mod­er­nen» abzugrenzen.

Von den 1970er Jahren an wird der Evan­ge­likalis­mus organ­isatorisch immer bess­er fass­bar. Die «Evan­ge­lis­che Allianz» wird zum Sam­mel­beck­en, die erweck­liche Chris­ten ver­net­zt. Die Gespräche der evan­ge­likal gesin­nten Kräfte mit den Leitun­gen der Lan­deskirchen ver­laufen ergeb­nis­los. Die Evan­ge­likalen begin­nen darum, eigene Struk­turen aufzubauen. Dazu gehört der Evan­geli­um­srund­funk (ERF), die Arbeits­ge­mein­schaft Evan­ge­likaler Mis­sio­nen (AEM) und die Grün­dung von the­ol­o­gis­chen Aus­bil­dungsstät­ten. Ende der 1970er Jahre ist dieser Vor­gang so gut wie abgeschlossen. Die Evan­ge­likalen haben sich in der Glaubens­land­schaft des deutschen Sprachraums neben der Evan­ge­lis­chen Kirche und den Katho­liken als dritte Kraft etabliert.

Die Post-Evangelikalen

Nach der Jahrtausendwende kommt es zu ein­er Aus­d­if­feren­zierung der bere­its bun­ten Bewe­gung, die den Begriff des Post-Evan­ge­likalis­mus her­vor­bringt. Der Begriff ste­ht für ein Auf­s­plit­tern der evan­ge­likalen Bewe­gung in ver­schiedene Milieus mit je eige­nen the­ol­o­gis­chen Präferen­zen. Ihre Ursprünge liegen in lib­eralen Auf­brüchen in Eng­land in den 1990er Jahren. Der anglikanis­che Priester Dave Tom­lin­son, ein Hauptvertreter des Post-Evan­ge­likalis­mus (Tom­lin­son wuchs in ein­er Brüderge­meinde auf), beschreibt in seinem Klas­sik­er «The post-evan­gel­i­cal» die entsprechende Entwick­lung gut. Die Ansätze aus Eng­land und Ein­flüsse aus den Vere­inigten Staat­en im Zusam­men­hang mit der «Emerg­ing Church» begin­nen um die Jahrtausendwende auf den deutschsprachi­gen Raum einzuwirken.

Eine zunehmende Zahl von erweck­lichen Chris­ten ver­lassen als Folge dieser Entwick­lung ihre evan­ge­likale Heimat und wollen neue Wege gehen. Sie bilden Net­zw­erke, in denen sie ihren Glauben ohne the­ol­o­gisch vorge­fer­tigte Antworten leben und für sich indi­vidu­elle und per­sön­lich tragfähige Beken­nt­nisse for­mulieren kön­nen. The­ol­o­gis­che Stand­punk­te, die in der Anfangszeit der evan­ge­likalen Bewe­gung eine evan­ge­likale Iden­tität förderten, ver­lieren ihre inte­gra­tive Kraft. Tra­di­tionelle Glaubens­gewis­sheit­en brechen für viele weg, aber das empfind­et man nicht als Ver­lust, son­dern als Befreiung. In den Net­zw­erken find­et man Gle­ich­gesin­nte, welche die the­ol­o­gis­che Rechthaberei, die Teile des Evan­ge­likalis­mus prä­gen, hin­ter sich lassen. Die Glaubensin­halte, für die die Evan­ge­likalen der ersten Stunde ihren guten Ruf und ihre akademis­che Stel­lung riskierten, ver­lieren an Bedeutung.

Man definiert sich weniger über das, was man glaubt, und mehr über das, was man als Chris­ten in der Gesellschaft bewirken will. Ethis­che Posi­tio­nen erfahren in kürzester Zeit tek­tonis­che Ver­schiebun­gen. Definierten sich bis zur Jahrtausendwende viele jün­gere Evan­ge­likale beispiel­sweise dadurch, dass sie Sex­u­al­ität in der Ehe auslebten, erachtet eine zunehmende Zahl die Frage, ob sie Veg­e­tari­er wer­den soll­ten, als weitaus wichtiger.

The­ol­o­gisch gehen die Bruch­lin­ien, die früher zwis­chen den Evan­ge­likalen und den «Mod­er­nen» ver­liefen, jet­zt mit­ten durch das evan­ge­likale Lager. Einige dieser poste­van­ge­likalen Grup­pierun­gen vertreten pro­gres­sive Stand­punk­te, an denen der Bezug zum Evan­ge­likalis­mus gut erkennbar ist. Andere lösen sich ganz von evan­ge­likalen Stand­punk­ten oder geben das christliche Beken­nt­nis auf.

Fragen

Bed­ingt durch ihre Geschichte ist die evan­ge­likale Bewe­gung the­ol­o­gisch äusserst vielgestaltig. Von fun­da­men­tal­is­tis­chen Stand­punk­ten am recht­en Rand der Bewe­gung bis zur teil­weisen Akzep­tanz der Ergeb­nisse und Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft hat viel Platz. Dadurch stellen sich Anfra­gen an das evan­ge­likale Schriftverständnis.

Die Fun­da­men­tal­is­ten stellen die Frage, ob die Evan­ge­likalen nicht eine zu grosse the­ol­o­gis­che Weite aufweisen. Fun­da­men­tal­is­ten möcht­en in the­ol­o­gis­chen Fra­gen ein­deutige Stand­punk­te und glauben, dass sie durch gründlich­es Bibel­studi­um zu erre­ichen sind. In pop­ulären For­men des Fun­da­men­tal­is­mus gibt es kaum eine Dif­ferenz zwis­chen «der bib­lis­chen Wahrheit» und «meinem Ver­ständ­nis der Bibel». Das macht the­ol­o­gis­che Auseinan­der­set­zun­gen schwierig, weil sie oft in Rechthaberei mün­den. Evan­ge­likale sind eher bere­it zuzugeben, dass zwis­chen ihrem Bibelver­ständ­nis und der bib­lis­chen Wahrheit stets eine Dif­ferenz beste­ht. Sie machen ernst mit der Tat­sache, dass unsere Erken­nt­nis Stück­w­erk ist, und sind eher bere­it, unter­schiedliche the­ol­o­gis­che Stand­punk­te ungek­lärt ste­hen zu lassen.

Die mod­erne Bibel­wis­senschaft stellt den Evan­ge­likalen die Frage, ob sie die his­torische Gestalt der Bibel ernst genug nehmen. Sie wer­fen ihnen vor, zu schnell bib­lis­che Inhalte zu sys­tem­a­tisieren. Sie glauben, dass es nötig ist, den bib­lis­chen Tex­ten mit einem akademis­chen Zweifel zu begeg­nen und nur das gel­ten zu lassen, was vernün­ftig nachvol­lziehbar ist. Dem stellen die Evan­ge­likalen ent­ge­gen, dass die Bibel nur mit einem Grund­ver­trauen gewinnbrin­gend gele­sen wer­den kann. Das Beken­nt­nis zur Bibel als Wort Gottes, dem wir ver­trauen kön­nen und das Anspruch auf unser Leben erhebt, hält die vielfältige Bewe­gung zusammen.

Post-Evan­ge­likale wer­fen den tra­di­tionellen Evan­ge­likalen vor, in ethis­chen Fra­gen zu eng zu sein und Ander­s­denk­ende auszu­gren­zen. Sie kom­men unter Anwen­dung der Meth­o­d­en der mod­er­nen Bibel­wis­senschaft zu abwe­ichen­den Ergeb­nis­sen, etwa wenn es um die Frage geht, ob Homo­sex­u­al­ität Gottes Schöp­fungsab­sicht­en entspricht. An der Diskus­sion wird deut­lich, dass es hermeneutis­che Fra­gen sind (Fra­gen, welche die Regeln der Schrif­tausle­gung betr­e­f­fen), die darüber entschei­den, zu welchen ethis­chen Stand­punk­ten man schlussendlich kommt.

Es ist klar, dass die Frage nach dem Schriftver­ständ­nis die evan­ge­likale Bewe­gung in den näch­sten Jahren stark beschäfti­gen wird. Die evan­ge­likale Bewe­gung kann sich in Sachen Schriftver­ständ­nis keine Indif­ferenz (Gle­ichgültigkeit) leis­ten, son­st wird sie zwis­chen dem fun­da­men­tal­is­tis­chen und dem poste­van­ge­likalen Flügel zerrieben.

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2 Comments
  1. Avatar
    Martin Mächler 5 Monaten ago
    Reply

    Noch etwas rein For­males — aber Wichtiges für die Leser: Wenn ich 2/6 gele­sen habe, will ich nicht lange suchen oder nochmals Googeln um Teil “3/6” zu find­en. Dies ist aber jet­zt (wo es halt alle 6 Teil gibt] so… und etwas unschön, auch sehr ungewöhn­lich kom­pliziert für solche ver­ket­teten Blogs…

    Ihr kön­nt das auch ein­fach umset­zen, und müsst meinen Kom­men­tar nicht mal genehmigen.. 

    Mit liebem Gruss,
    Mar­tin Mächler

  2. Avatar
    Martin Mächler 5 Monaten ago
    Reply

    Danke für diese Reihe.
    Kein inhaltlich­er Kom­men­tar, son­dern nur formal: 

    Im let­zten Teil **Fra­gen** sind 3 Grup­pen, sowohl fett her­vorge­hoben, als auch durch Absatz getren­nt. Ich denke, da ist verse­hentlich die 4.Gruppe (oder 2. je nach Zäh­lung), die *Evan­ge­likalen*, zum Abschnitt der *Fun­da­men­tal­is­ten* zuge­führt wor­den, statt einen eige­nen Absatz (und Fettschrei­bung) bekom­men zu haben.

    Vie­len Dank für ‘danieloption.ch‘!

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