Evangelikale und der Kampf gegen die Sklaverei (1/2)

Samuel Kullmann
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Aktuell feiern Juden weltweit das ein­wöchige Pesach-Fest und erin­nern sich dabei an die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei. Chris­ten feiern prak­tisch gle­ichzeit­ig Kar­fre­itag und das Aufer­ste­hungs­fest, wobei der Kreuzestod von Jesus Chris­tus unter anderem die Befreiung aus der Sklaverei der Sünde bedeutet. Die Befreiung aus der Sklaverei ist somit ein rot­er Faden, der viele Büch­er der Bibel sowohl des Alten wie auch des Neuen Tes­ta­mentes durchzieht.

Viele meinen, dass Sklaverei ein grausames Relikt der Ver­gan­gen­heit sei, doch lei­der gibt es heute mehr Sklaven als jemals zuvor in der Men­schen­heits­geschichte – auch in der Schweiz[1]. So wie sich das The­ma der Befreiung aus der Sklaverei durch die Bibel zieht, ist auch der Kampf gegen die Sklaverei ein Ker­nan­liegen der evan­ge­likalen Bewe­gung von ihren Anfän­gen bis heute.

Evan­ge­likale Poli­tik­erin­nen und Poli­tik­er wer­den medi­al in erster Lin­ie oder fast auss­chliesslich als Abtrei­bungs­geg­n­er und Kri­tik­er der “Homo-Ehe” porträtiert. Natür­lich ist es so, dass der Schutz des unge­bore­nen Lebens und eine bib­lis­che Sex­u­alethik bere­its Ker­nan­liegen der ersten christlichen Gemein­den waren. Diese Anliegen gehören auch heute noch zu den poli­tis­chen Ker­nan­liegen in den vie­len evan­ge­likalen Kreisen. Als wertkon­ser­v­a­tive Poli­tik­er machen wir jedoch häu­fig die Erfahrung, dass die Medi­en kaum über unsere Engage­ments zu anderen poli­tis­chen The­men berichten.

Mir scheint, dass dies zwei Gründe hat.

Wenn eine Debat­te über die Abtrei­bungs­frage oder ein LGTB-The­ma stat­tfind­et, find­en Medi­en­schaf­fende prak­tisch keine Gegen­stim­men zum gesellschaftlichen Main­stream mehr. Darum müssen sie zu uns kom­men. Nach­dem z.B. der Nation­al­rat am 11. Juni 2020 deut­lich Ja zur “Ehe für alle” sagte, wurde ich als Kan­ton­spar­la­men­tari­er zum blick.tv-Streitgespräch[2] mit der ehe­ma­li­gen JUSO-Präsi­dentin Funi­ciel­lo aufge­boten. Der Grund war: Es liessen sich kaum Nation­al­ratsmit­glieder für die Kon­tra-Posi­tion finden.

Ander­er­seits mache ich häu­fig die Erfahrung, dass mein Engage­ment zu anderen The­men medi­al kaum Beach­tung find­et. Im März 2019 debat­tierte das Bern­er Kan­ton­spar­la­ment über zwei mein­er Vorstösse zur Bekämp­fung des Men­schen­han­dels. Im einen Vorstoss forderte ich mehr Ressourcen für Strafver­fol­gungs­be­hör­den und eine stärkere Koop­er­a­tion mit der Zivilge­sellschaft zur Bekämp­fung der mod­er­nen Sklaverei im Kan­ton Bern[3]. Der zweite Vorstoss forderte mehr Präven­tion und Aufk­lärung an Schulen zur “Loverboy”-Problematik und über Men­schen­han­del[4]. Lei­der war die medi­ale Berichter­stat­tung darüber prak­tisch Null. Dabei wäre der Kampf gegen den Men­schen­han­del und mod­erne Sklaverei ein passendes Beispiel für ein christlich­es Ker­nan­liegen, das die heutige Gesellschaft nicht als erzkon­ser­v­a­tiv son­dern eher als “pro­gres­siv” bew­erten könnte.

Auch his­torisch gese­hen ist der Kampf für die Abschaf­fung des Sklaven­han­dels und der Sklaverei zutief­st mit den Anfän­gen der evan­ge­likalen Bewe­gung ver­bun­den. Der englis­che Erweck­ung­spredi­ger John Wes­ley war ein­er der ersten Pio­niere im Kampf gegen die Sklaverei, in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Sklaverei als das Nor­mal­ste der Welt betra­chtete. Wes­ley schrieb 1774 in seinem Buch “Thoughts on Slav­ery” [Gedanken über die Sklaverei][5]:

“Wenn ihr also etwas von der Gerechtigkeit hal­tet (ganz zu schweigen von der Barmherzigkeit und dem geof­fen­barten Gesetz Gottes), so gebt allen, was ihnen zuste­ht. Gebt Frei­heit, wem Frei­heit gebührt, d.h. jedem Men­schenkind, jedem Teil­haber an der men­schlichen Natur. (…) Weg mit allen Peitschen, allen Ket­ten, allem Zwang! Seid san­ft zu den Men­schen. Und seht zu, dass ihr jedem stets das tut, was ihr wollt, dass er euch tut.” (Eigene Über­set­zung)

John Wes­ley, by George Romney

Im Feb­ru­ar 1791 schrieb John Wes­ley den let­zten Brief seines Lebens. Dieser Brief[6] war an den evan­ge­likalen Par­la­men­tari­er William Wilber­force gerichtet, der mit bere­its 21 Jahren zum ersten Mal ins Par­la­ment gewählt wurde und bis zu seinem Lebensende dort wirken sollte:

Sehr geehrter Herr. Wenn die göt­tliche Macht Sie nicht dazu erhoben hat, wie Athana­sius Con­tra Mundum[7] zu sein, sehe ich nicht, wie Sie Ihr glo­r­re­ich­es Vorhaben durchziehen kön­nen, sich dieser abscheulichen Schurk­erei ent­ge­gen­zustellen, die der Skan­dal der Reli­gion, Eng­lands und der men­schlichen Natur ist. Es sei denn, Gott hat Sie ger­ade dazu erweckt, so wer­den Sie durch den Wider­stand der Men­schen und Teufel zer­mürbt werden.

Aber wenn Gott für Sie ist, wer kann dann gegen Sie sein? Sind sie alle zusam­men stärk­er als Gott? O werdet nicht müde, Gutes zu tun. Geht weit­er, im Namen Gottes und in der Kraft sein­er Macht, bis selb­st die amerikanis­che Sklaverei (die übel­ste, die die Sonne je sah) vor ihr verschwindet.

Als ich heute Mor­gen ein Trak­tat las, das ein armer Afrikan­er geschrieben hat­te, fiel mir beson­ders der Umstand auf, dass ein Mann mit schwarz­er Haut­farbe, dem von einem Weis­sen Unrecht getan oder der von einem Weis­sen belei­digt wurde, keine Wiedergut­machung bekom­men kann; es ist ein Gesetz in allen unseren Kolonien, dass der Eid eines Schwarzen gegen einen Weis­sen nichts wert ist. Was für eine Schurk­erei ist das!

Dass der­jenige, der Sie von Jugend an geführt hat, Sie weit­er­hin in diesem und allen Din­gen stärken möge, ist das Gebet, lieber Herr,

Ihres wohlwol­len­den Dieners, John Wes­ley (Eigene Über­set­zung)

Bere­its 1787 spürte William Wilber­force eine göt­tliche Beru­fung, sich für die Abschaf­fung des Sklaven­han­dels einzuset­zen. Er schrieb in seinem Tagebuch:

Gott der Allmächtige hat mir zwei grosse Auf­gaben anver­traut, die Unterbindung des Sklaven­han­dels und die Ref­or­ma­tion der Sit­ten [ethis­chen Werte]. (Eigene Über­set­zung)

William Wilber­force, by Karl Anton Hickel

Nach langjähriger Vor­bere­itung zusam­men mit evan­ge­likalen Aktivis­ten und Kün­st­lerin­nen, stellte Wilber­force im April 1791 in ein­er vier­stündi­gen Rede den ersten Geset­ze­sen­twurf für die Abschaf­fung des Sklaven­han­dels im House of Com­mons, dem britis­chen Par­la­ment, vor. Die Geset­zesvor­lage wurde mit 163 gegen 88 Stim­men abgelehnt. Nach dieser ersten Nieder­lage brachte Wilber­force prak­tisch jedes weit­ere Jahr densel­ben Geset­ze­sen­twurf ins Par­la­ment ein und scheit­erte damit viele weit­ere Male. 1796 fehlten nur fünf Stim­men, unter anderem weil einige Unter­stützer von Wilber­force abwe­send waren und stattdessen eine Komö­dienop­er besuchten.

Die jahre­lange Aufk­lärungsar­beit von William Wilber­force und seinen Ver­bün­de­ten trug 1806 entschei­dende Früchte als das The­ma des Sklaven­han­dels ein wichtiges Wahlkampfthe­ma wurde. Die Abo­li­tion­is­ten gin­gen gestärkt aus den Wahlen her­aus und am 23. Feb­ru­ar 1807 wurde ein weit­er­er Geset­ze­sen­twurf zur Abschaf­fung des Sklaven­han­dels mit 283 zu 16 Stim­men deut­lich angenom­men. Die Abschaf­fung des Sklaven­han­dels war jedoch nur ein erster Schritt hin zur Abschaf­fung der Sklaverei. Wilber­force kämpfte bis zu seinem Lebensende dafür und durfte drei Tage vor seinem Tod vernehmen, dass es im Par­la­ment auch eine Mehrheit für die Abschaf­fung der Sklaverei geben würde. Einen Monat nach Wilber­forces’ Tod ver­ab­schiedete das Par­la­ment den Slav­ery Abo­li­tion Act[8] der die Sklaverei in fast allen Teilen des britis­chen Imperi­ums verbot.

Das britis­che Par­la­ment zur Zeit von Wilberforce

Die Abschaf­fung der Sklaverei kam mit einem hohen Preis. Ehe­ma­lige Sklaven­hal­ter wur­den mit 20 Mio. Pfund Ster­ling (146’194 kg Gold!) entschädigt. Dies entspricht beim aktuellen Gold­preis fast acht Mil­liar­den Franken. Zwis­chen 1807 und 1860 beschlagnahmte das West Africa Squadron der Roy­al Navy etwa 1600 Sklaven­han­delss­chiffe und befre­ite 150 000 Sklaven, die auf diesen Schif­f­en waren. Zwis­chen 1830 und 1865 star­ben etwa 1‘587 Män­ner des West Africa Squadron im Kampf gegen den Sklaven­han­del und die Sklaverei[9]. Der Film Amaz­ing Grace beschreibt das Leben und Wirken von William Wilber­force. Hier kann man den deutschen Trail­er zum Film sehen, und hier ihn kaufen.

Genau wie zur Zeit von William Wilber­force gibt es auch heute noch Sklaverei in allen abscheulichen Aus­prä­gun­gen. Während vor 200 Jahren die meis­ten Sklaven auf Plan­ta­gen Zwangsar­beit leis­ten mussten, sind heute die meis­ten Opfer Frauen und Kinder die in den Rotlicht­m­i­lieus dieser Welt sex­uell aus­ge­beutet wer­den. Es ist unsere Pflicht mit aller Entsch­ieden­heit gegen dieses Unrecht vorzuge­hen. Dabei soll­ten wir uns bewusst wer­den, wie hoch der Preis für das britis­che Imperi­um war den Sklaven­han­del und die Sklaverei abzuschaf­fen. Die Bekämp­fung der mod­er­nen Sklaverei, des Frauen­han­dels und der Zwang­spros­ti­tu­tion wird näm­lich eben­falls Opfer ver­lan­gen und es gibt mas­siv­en Wider­stand. In meinem zweit­en Artikel werde ich näher auf den heuti­gen Kampf gegen den Men­schen­han­del eingehen.

Das Logo der britis­chen Anti-Sklaverei Gesellschaft

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Fussnoten:

[1] https://www.fedpol.admin.ch/fedpol/de/home/kriminalitaet/menschenhandel.html
[2] https://www.blick.ch/politik/streitgespraech-auf-blick-tv-das-sagen-funiciello-und-kullmann-zur-ehe-fuer-alle-id15932903.html
[3] https://www.gr.be.ch/gr/de/index/geschaefte/geschaefte/suche/geschaeft.gid-3701ae12048243bf9cd481b7054d81db.html
[4] https://www.gr.be.ch/gr/de/index/geschaefte/geschaefte/suche/geschaeft.gid-c1a52bd520cd4e458e5af2eef26ae00b.html
[5] https://docsouth.unc.edu/church/wesley/wesley.html
[6] https://place.asburyseminary.edu/cgi/viewcontent.cgi?referer=&httpsredir=1&article=1009&context=engaginggovernmentpapers
[7] Beze­ich­nung für Athana­sius, den 20. Papst von Alexan­dria, der als ein­er der Dok­toren der frühen christlichen Kirche gilt. Er wurde “Athana­sius gegen die Welt” genan­nt, weil er das kirch­liche Dog­ma erfol­gre­ich und wieder­holt gegen die ari­an­is­che Häre­sie vertei­digte, die zeitweise sehr pop­ulär wer­den sollte.
(https://www.urbandictionary.com/define.php?term=athanasius%20contra%20mundum)
[8] https://www.pdavis.nl/Legis_07.htm
[9] https://archives.history.ac.uk/1807commemorated/exhibitions/museums/chasing.html

2 Comments
  1. Avatar
    Pasci 6 Monaten ago
    Reply

    Vie­len Dank für den Beitrag. Wer sich noch mehr für Wilber­force und seinen Kampf gegen die Sklaverei inter­essiert, find­et in der Biogra­phie von Erich Metaxas eine span­nende Lek­türe (DE: Wilber­force, SCM Hänssler, 2012 / EN: Amaz­ing Grace — William Wilber­force and the Hero­ic Cam­paign to End Slav­ery, Harper­One, 2007).

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 6 Monaten ago
      Reply

      Danke Pas­cal — wusste nicht, dass Metaxas auch über Wilber­force geschrieben hat. Danke für den Hinweis!

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