Eine K‑Bombe auf das prüde Amerika

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Vor 75 Jahren erschien mit Sex­u­al Behav­ior in the Human Male die erste der berühmt-berüchtigten Kin­sey-Stu­di­en. Die ‚Mut­ter aller Sexs­tu­di­en’ hat eine moralis­che Rev­o­lu­tion los­ge­treten. Mit ihrem Anspruch auf Wis­senschaftlichkeit und einem Overkill an erhobe­nen Dat­en wurde sie als der let­zte schla­gende Beweis dafür gehan­delt, dass die gängige Sex­ual­moral der amerikanis­chen Gesellschaft lebens­fern, repres­siv und hoff­nungs­los überkom­men war. Doch ein näher­er Blick auf die Stu­di­en – auf ihren Auf­bau, auf Frage­bö­gen und Proban­den, auf Ver­fahren zur Daten­er­he­bung und nicht zulet­zt auf die wis­senschaftlichen und ethis­chen Prämis­sen von Kin­sey und seinem Team – offen­bart nicht nur die Ide­olo­giean­fäl­ligkeit solch­er Konzepte, son­dern auch, wie Sta­tis­tiken selb­st zu Agen­ten der Real­itäts­bil­dung wer­den und sich als Instru­ment der Macht gebrauchen lassen.

Empirische Stu­di­en dienen der Erken­nt­nis­gewin­nung. Es ist unbe­strit­ten, dass es immer eine Her­aus­forderung ist, sie möglichst neu­tral zu gestal­ten, damit die Aus­sagekraft ihrer Resul­tate ver­lässlich und all­ge­me­ingültig ist. Das ist es schon bei tech­nis­chen The­men, umso mehr bei sozi­ol­o­gis­chen oder gar ver­hal­tenspsy­chol­o­gis­chen Fragestel­lun­gen, erst recht in einem so sen­si­blen Bere­ich wie der Sex­u­al­ität. Ver­such­sauf­bau, Frage­bo­gen und Ver­fahren der Eval­u­a­tion sind schon immer Teil des Ergeb­niss­es – was in der Studie redlicher­weise mitre­flek­tiert gehört. Eine solche Redlichkeit sucht man in den Kin­sey-Reporten vergeblich.

Wenn ich in diesem Artikel in die Geschehnisse rund um die ‘Mut­ter aller Sexs­tu­di­en’ vor 75 Jahren ein­tauche und sie dar­lege, dann in der Hoff­nung, dass dieses Stück ‘Archäolo­gie von Ide­olo­gie’ auch für unsere Zeit sen­si­bil­isieren kann. Dazu fasse ich nach dem his­torischen Teil zusam­men, welche Lehren ich daraus für mich per­sön­lich und für unsere Zeit ziehe.

Die Stu­di­en über männliche Sex­u­al­ität (1948) und weib­liche Sex­u­al­ität (1953)

Die Kin­sey-Stu­di­en und ihre weitre­ichende Wirkung sind ein Beispiel dafür, wie die Erken­nt­nisse ein­er wis­senschaftlich frag­würdi­gen und weltan­schaulich motivierten Forschung die Deu­tung­shoheit in Gesellschaft und Bil­dung erobern kon­nten. Und das weltweit. Bedeu­tend war dabei die Rolle ein­er finanziell poten­ten und draufgän­gerischen Ver­mark­tungsstrate­gie und ein­er unkri­tis­chen Medienmaschinerie.

Die Durch­set­zungskraft der Kin­sey-Stu­di­en lässt sich nur ver­ste­hen in Zusam­men­hang mit dem ein­flussre­ichen Ver­bün­de­ten im Hin­ter­grund. Denn das «Insti­tute for Sex Research» an der Indi­ana-Uni­ver­sität unter der Leitung des Zoolo­gen Alfred Kin­sey (1894–1956) hat­te die mächtige Rock­e­feller Foun­da­tion als Geldge­berin und Vermarktungspartnerin.

Die Mutter aller Sex Studien

«Der durch­schnit­tliche Amerikan­er betätigt sich in Bett, Küche und Stall sex­uell auf so ziem­lich jede vorstell­bare Weise – gle­ich­sam unabläs­sig und meist ohne jegliche Gewis­sens­bisse» – unge­fähr so lässt sich die Haupterken­nt­nis der Stu­di­en über männliche Sex­u­al­ität (1948) und weib­liche Sex­u­al­ität (1953) zusam­men­fassen. Die „Kin­sey Reports“ explodierten um die Mitte des zwanzig­sten Jahrhun­derts wie zwei Atom­bomben in der prü­den Ödnis der amerikanis­chen Gesellschaft. Angetrieben von ein­er umfan­gre­ichen Pressekam­pagne mit reißerischen Head­lines wur­den die Stu­di­en augen­blick­lich zu Bestsellern.

Tat­säch­lich: die Kin­sey-Stu­di­en erhiel­ten auf­grund ihrer Wirkung den Spitz­na­men «K‑Bomb». [1] Dies auch, weil der Bericht über weib­liche Sex­u­al­ität just an jen­em Tag pub­liziert wurde, an dem die Nachricht über den Test ein­er sow­jetis­chen H‑Bombe in den USA die Runde machte.[2]

Dabei waren die Büch­er beileibe keine entspan­nende Gute-Nacht Lek­türe. Auf den rund je 850 Seit­en waren jew­eils Hun­derte sta­tis­tis­ch­er Tabellen und Kur­ven­grafiken mit trock­e­nen sach­lichen Erläuterun­gen verteilt. Kin­sey hat­te über den Zeitraum von eini­gen Jahren mit einem kleinen Team tausende Sex­u­al-Biografien gesam­melt. Zusam­menge­tra­gen in minu­tiös vor­bere­it­eten Inter­views, die ein einziges Ziel hat­ten: bis in die intim­sten Geheimnisse der Kan­di­datin­nen und Kan­di­dat­en vorzu­drin­gen und ihre Sex­u­al­prak­tiken im Detail auszuleuchten.

Tabellen und Grafiken ohne Ende: die Kin­sey Studien

Die Ergeb­nisse dieser Inter­views, fest­ge­hal­ten in codiert­er Sprache, sind bis heute der Öffentlichkeit nicht zugänglich.[3] Es wurde alles unter­sucht, was man sich nur vorstellen kann im Bere­ich der sex­uellen Lust­gewin­nung: Von Mas­tur­ba­tion­s­ge­wohn­heit­en über außere­he­liche Affären, Pet­ting und Sex vor der Ehe, Analverkehr, gle­ichgeschlechtliche Sex­u­alkon­tak­te, Gebrauch von Fetis­chen aller Art, sado­masochis­tis­che Phan­tasien und Erfahrun­gen bis hin zum Sex mit Tieren und der Mes­sung frühkindlich­er Orgas­mus­fähigkeit – ich ers­pare dem Leser die Details.

Im Endergeb­nis offen­barten die Stu­di­en das Porträt ein­er ver­lo­ge­nen Gesellschaft, die zwar vorgibt, sich an die moralis­chen Codes sein­er kon­ser­v­a­tiv­en Grün­derzeit zu hal­ten, in Wahrheit aber in großer sex­ueller Freizügigkeit lebt. Die Stu­di­en ergaben hor­rende Quoten von vore­he­lichem Sex und alltäglichem Ehe­bruch. Kin­sey zeich­nete das Bild ein­er mehrheitlich bisex­uellen Bevölkerung[4] und schrieb ihr eine erstaunlich hohe Zahl an homo­sex­uellen Erfahrun­gen zu. Kinder waren aus sein­er Sicht von Geburt an gen­i­tal erreg­bar, wofür er mit der Stop­puhr aufgeze­ich­nete Ver­suche an Kindern und Säuglin­gen präsen­tierte.[5]

Dinge wie Selb­st­be­herrschung, Enthalt­samkeit oder Treue standen bei Kin­sey nicht hoch im Kurs, nur dem per­sön­lichen Vergnü­gen im Weg. Ein spezielles Anliegen von Kin­sey und seinen Mit­stre­it­ern war das Aufzeigen ein­er Kor­re­la­tion zwis­chen vore­he­lichen sex­uellen Erfahrun­gen und ehe­lichem Sex-Glück.[6] Oder wie es sein Wegge­fährte Wardell B. Pomeroy in seinem Aufk­lärungsrat­ge­ber für Jungs formulierte:

«Es ist, wie wenn man mit einem Auto eine Test­fahrt macht, bevor man es kauft.»[7]

Kin­sey machte klar, dass nach seinen Stu­di­energeb­nis­sen eigentlich ein Großteil der Bevölkerung wegen Verge­hen gegen das Sit­tenge­setz hin­ter Git­ter sitzen müsste. Die Forderung, die er aus seinen Stu­di­en ableit­ete, liegt auf der Hand: Die Nor­men müssen an die Real­ität angepasst wer­den, die von der Studie ans Licht gebracht und genau ver­messen wor­den ist. [8]

Die Pub­lic­i­ty rund um die Stu­di­en machte Kin­sey zu einem Star. Er soll zwis­chen­zeitlich nach dem amerikanis­chen Präsi­den­ten gar der bekan­nteste Amerikan­er gewe­sen sein.[9] Sein Por­trait zierte im August 1953 das Cov­er des Time Mag­a­zin, kurz darauf wurde er in Europa emp­fan­gen wie ein Rock­star.[10]

Auf dem Höhep­unkt: Kin­sey ziert 1953 das Cov­er des Time Magazine

Auch wenn es vor Kin­sey schon wis­senschaftliche Forschun­gen im Bere­ich der Sex­u­al­ität gegeben hat, gel­ten heute seine Berichte als die Grün­der­stunde der mod­er­nen Sex­olo­gie und Kin­sey als der Vater dieser rel­a­tiv jun­gen Diszi­plin. Die Stu­di­en haben in Ameri­ka und weltweit nach­haltig soziale und kul­turelle Werte bee­in­flusst. Sie waren eine bren­nende Lunte für die sex­uelle Rev­o­lu­tion der 60er und 70er Jahre.

Doch wir wis­sen heute, dass Kin­seys wis­senschaftliche Rep­u­ta­tion und empirischen Ergeb­nisse in viel­er­lei Hin­sicht zweifel­haft waren.

Eine verzerrte Datenbasis

Inzwis­chen ste­ht fest, dass die Daten­ba­sis der Studie sig­nifikant verz­er­rt war. Sie bot keineswegs, wie Kin­sey glauben machen wollte, Ein­blick ins Liebesleben des amerikanis­chen Durch­schnitts­bürg­ers. Die Verz­er­rung ent­stand, weil eine über­durch­schnit­tlich hohe Anzahl der Inter­views in Gefäng­nis­sen, im Sex-Gewerbe, in der schwulen Szene und im lib­ertär geprägten städtis­chen Milieu erhoben wurde. Heute geht man davon aus, dass Kin­sey schon im Vorn­here­in eine klare Vorstel­lung von den zu erzie­len­den Resul­tat­en hat­te und deshalb seine Klien­tel gezielt rekru­tierte. Es liegt auf der Hand, dass ein bes­timmter Men­schen­schlag eher bere­it war, seine Fra­gen zu beant­worten, die (nicht nur nach dama­li­gen Vorstel­lun­gen) als obszön indiskret gal­ten und auf sex­uelle Devianzen ziel­ten, und in der entsprechen­den Aus­führlichkeit vor ein­er frem­den Per­son auszubre­it­en. Kin­sey suchte span­nende Sex-Biografien, keine lang­weili­gen Stories.

Kin­sey schlug Bedenken von Fach­leuten bere­its in der Anfangsphase seines Pro­jek­tes in den Wind. So soll der bekan­nte Psy­chologe Abra­ham Maslow ihn bere­its Anfang der 40er Jahre auf die Prob­lematik der sta­tis­tis­chen Unzu­ver­läs­sigkeit ein­er Daten­er­he­bung zu Sex-The­men hingewiesen haben, bei der Frei­willige für die Inter­views ange­wor­ben wür­den. Eine Studie über Sex­u­alver­hal­ten würde eher extro­vertierte Men­schen zum Mit­machen motivieren, eher intro­vertierte hinge­gen abschreck­en.[11]

Ein weit­er­er, sozialpsy­chol­o­gisch gewichtiger Aspekt, den Kin­sey ganz außen vor ließ, war der durch zwei mörderische Weltkriege weit­ge­hend trau­ma­tisierte Zus­tand der Nation – wie übri­gens der ganzen Welt: schlimme, unver­ar­beit­ete Erleb­nisse von Gewalt, Aggres­sion, Trauer, Äng­sten, Ver­lust, Tren­nung und Ent­frem­dung bei den heimkehren­den Män­nern, und entsprechende Belas­tun­gen bei den Frauen, die lange Jahre im Aus­nah­mezu­s­tand funk­tion­ierten. Beson­ders betrof­fen war jene Gen­er­a­tion, die im Fadenkreuz der Stu­di­en stand. Dass Krieg auch im Sex­u­alver­hal­ten des Men­schen einen ‘Aus­nah­mezu­s­tand’ her­beiführt und sit­tliche Ver­wahrlosung eben­so wie sex­uelle Über­sprung­shand­lun­gen begün­stigt, war zur Zeit Kin­seys bere­its eine gut unter­suchte Tat­sache.[12] Den­noch reflek­tieren Kin­sey und seine Kol­le­gen nicht, dass sie ihre Dat­en mit­ten in den Kriegs­jahren und unmit­tel­bar danach – also in der Zeit eines gesellschaftlichen Aus­nah­mezu­s­tandes – erhoben haben. Die Sen­si­bil­ität gegenüber dem Kon­text geht ihnen ab.[13]

Ergeb­nisse der Inter­views wur­den in codiert­er Sprache festgehalten.

Neben der also von Grund auf verz­er­rten Daten­ba­sis kamen im Zuge der Daten­ver­ar­beitung viele prob­lema­tis­che Fak­toren hinzu, für deren detail­lierte Aus­führung an dieser Stelle der Platz fehlt – deshalb nur einige kurze Hin­weise. Zum Beispiel wur­den dem Leser kle­in­ste Proban­den­grup­pen als repräsen­ta­tiv für die ganze Bevölkerung verkauft. Oder Per­so­n­en­grup­pen wur­den auf unzuläs­sige weise zusam­menge­fasst. Zum Beispiel kon­nte in ein­er kleinen Proban­den­gruppe das exzes­sive Ver­hal­ten ein­er Einzelper­son die Durch­schnittswerte nach oben schnellen lassen. Das Ergeb­nis bildete dann nicht die Real­ität ab.[14]

Neben Lob für den bahn­brechen­den Charak­ter der Studie gab es deshalb schon bald Kri­tik an der empirisch-wis­senschaftlichen Ver­lässlichkeit der Ergeb­nisse. Die Amerikanis­che Sta­tis­tis­che Gesellschaft musste sich der Sache schlussendlich annehmen. Ihre 1954 pub­lizierte kri­tis­che Analyse der Stu­di­en gibt vie­len Ein­wän­den recht:

«Kri­tik­er bemän­geln zu Recht, dass viele der inter­es­san­testen und pro­voka­tivsten Aus­sagen in dem Buch [Kin­sey 1948] nicht auf den darin präsen­tierten Dat­en beruhen und dass dem Leser nicht klar gemacht wird, auf welchen Beweisen die Aus­sagen beruhen. Außer­dem wer­den die Schlussfol­gerun­gen, die aus den im Buch präsen­tierten Dat­en gezo­gen wer­den, von KPM [Kin­sey, Pomeroy und Mar­tin] oft viel zu kühn und zuver­sichtlich for­muliert. Zusam­mengenom­men laufen diese Ein­wände darauf hin­aus, dass ein Großteil des Buch­es unter das Niveau guter wis­senschaftlich­er Arbeit fällt.»[15]

Ein darwinistisches Menschenbild

Kinsey’s war in seinem Ansin­nen und Vorge­hen von einem bes­timmten Men­schen­bild geleit­et. Als Kind hat­te er sich von dem als rigide emp­fun­de­nen christlichen Glauben sein­er Eltern abge­wandt und sich athe­is­tis­chen und dar­win­is­tis­chen Ideen zugewandt.

Aus Kinsey’s Sicht war der Men­sch ein «men­schlich­es Tier»[16], ein gän­zlich von Trieben geleit­etes Wesen. Alles, was es hemmte, seinen Trieb auszuagieren, war hin­der­lich für eine gesunde und natür­liche Entwick­lung. Ja – es schadete der Evo­lu­tion des Men­schen. Das erk­lärte Ziel von Kin­sey war es, durch seine Studie zur Über­win­dung kul­tureller Hem­mungen beizu­tra­gen zugun­sten eines «rein biol­o­gis­chen Sex­u­allebens».[17] Kin­sey sah im sit­tlichen Empfind­en, und ins­beson­dere im men­schlichen Gewis­sen eine uner­wün­schte und schädliche Beiga­be zur sex­uellen Aktiv­ität.[18]  Solche Dinge standen, so meinte er, der notwendi­gen freien sex­uellen Ent­fal­tung im Wege. Im Wege stand vor allem die Reli­gion und die Kirche mit ihrem Anspruch der sex­uellen Treue und ihrer Bevorzu­gung der Heterosexualität.

Anders als Dar­win, der Evo­lu­tion als Aneinan­der­rei­hung von kle­in­sten Vari­a­tio­nen ver­stand, sah Kin­sey den Haupt­treiber der Evo­lu­tion in jähen Muta­tio­nen. Als Zoologe hat­te er über 20 Jahre hin­weg Mil­lio­nen von Gall­we­spen gesam­melt — zig­tausende davon fein säu­ber­lich aufge­spießt — und sie auf Muta­tio­nen unter­sucht. Seine Samm­lung ist heute noch im Amer­i­can Muse­um of Nat­ur­al His­to­ry gelagert.[19] Nun galt es, sex­uelle Biografien ‘aufzus­pießen’. Dabei waren für ihn die gle­ichen Ideen lei­t­end.[20] Sex­uelle Prak­tiken jen­seits der het­ero­sex­uellen Norm hob Kin­sey als span­nende Muta­tio­nen her­vor. In ihnen meinte er das Entwick­lungspo­ten­tial zu ein­er neuen, höheren Stufe in der Evo­lu­tion der men­schlichen Rasse aus­machen zu kön­nen. Der monogame het­ero­sex­uelle ‚Nor­mal­fall‘ hinge­gen war für ihn unin­ter­es­sant.[21]

Die Tabelle Nr. 34 über frühkindliche ‘Orgas­mus­fähigkeit’ wurde lange nicht hinterfragt.

Kin­sey scharte Men­schen um sich, die seine Ansicht­en teil­ten, oder zumin­d­est bere­it waren, sich darauf einzu­lassen. In der umfan­gre­ich­sten Kin­sey Biografie beschreibt James H. Jones dessen Auss­chlusskri­teri­um bei der Rekru­tierung von Mitar­beit­ern wie folgt:

«Für ihn kamen Mitar­beit­er mit ortho­dox­en Sex­u­al­w­erten schlicht und ein­fach nicht in Frage»[22]

Um die rechte Gesin­nung sicherzustellen, mussten poten­tielle Mitar­beit­er sich erst selb­st als Testkan­di­dat­en von Kin­sey sex­uell ausleucht­en und befra­gen lassen.[23] Kin­sey erwartete, dass seine Mitar­beit­er aktiv sex­uelle Gren­züber­schre­itun­gen pflegten. Wer zum inneren Ring gehören wollte, musste sex­uell freizügig leben und sich an homo­sex­uellen Erfahrun­gen und ‘wis­senschaftlichen’ Bil­dauf­nah­men – sprich pornografis­chen Film-Ses­sions – beteili­gen.[24] Die Kosten für diese pornografis­chen Doku­men­ta­tio­nen wur­den an der Uni unter der Rubrik «Tier­auf­nah­men» ver­bucht.[25] Das Stu­dio für die Auf­nah­men befand sich im Dachgeschoss seines Pri­vathaus­es.[26]

Dass Kin­sey mit sein­er Arbeit, sowohl was die Mitar­beit­er als auch was die Proban­den und Befragten bet­rifft, Gle­ich­gesin­nte mag­netisch ange­zo­gen hat, liegt auf der Hand. Der The­ologe Hans Lutz schreibt 1957 in sein­er kri­tis­chen Unter­suchung des Men­schen­bildes von Kinsey:

«Das Bestreben, mit Gewis­sens­bis­sen auf irgen­deine Art fer­tig zu wer­den, sie z.B. durch abw­er­tende Charak­ter­isierung als unberechtigt auszuschal­ten, ist nicht nur der im all­ge­meinen wis­senschaftlichen Gewande aus­ge­sproch­ene Wun­sch Kin­seys, son­dern auch der prak­tis­che Wun­sch viel­er der von ihm befragten Per­so­n­en.»[27]

Man wollte das eigene schlechte Gewis­sen loswer­den. Kin­sey ver­half einem dazu. Doch obwohl dieses Men­schen­bild seine Ziele und Vorge­hensweisen in erhe­blichem Maße prägte und bee­in­flusste, betonte er stets die ‘wis­senschaftliche Voraus­set­zungslosigkeit’ sein­er Arbeit.

Eine persönliche Agenda

Die Forschungstätigkeit von Alfred Kin­sey muss auch vor dem Hin­ter­grund sein­er eige­nen Biografie und Sex­u­al­ität gese­hen wer­den. Seine Biografie war geprägt von ein­er schwieri­gen, angst­be­set­zten Kind­heit, von frühen (homo)erotischen Erfahrun­gen, auch durch über­grif­fige Erwach­sene[28], der Abwen­dung von einem als repres­siv emp­fun­de­nen christlichen Glauben der Eltern und dem radikalen Bruch mit den dazuge­hören­den christlichen Moral­codes.[29]

Zwar blieb Kin­sey sein ganzes Leben mit sein­er Frau Clara ver­heiratet, mit der er vier Kinder hat­te. Doch seine Inter­essen ver­lagerten sich zunehmend aufs männliche Geschlecht und auf sado­masochis­tis­che sex­uelle Prak­tiken.[30] Die bekan­nte ‘Kin­sey Skala’, die impliziert, dass Men­schen nicht in exk­lu­sive het­ero­sex­uelle oder homo­sex­uelle Kat­e­gorien passen, muss unter anderem auch als ein Reflex sein­er eige­nen sex­uellen Vor­lieben gese­hen wer­den. Der Gestal­ter und Bes­tim­mer der Studie ist in der Studie selb­st wiederzufinden.

Die bekan­nte Kin­sey-Skala aus dem Buch über männliche Sexualität

Die tiefe Feind­seligkeit gegenüber Kirche und Chris­ten­tum ist eine der Kon­stan­ten, die bis heute das von Kin­sey begrün­dete Berufs­feld der Sex­olo­gie bes­timmt. Kin­sey ist da nur ein­er unter vie­len. Die Schuld für sex­uelle Scham und Reue wurzelte sein­er Ansicht nach in den Restrik­tio­nen und Pflicht­en der bib­lis­chen Tra­di­tion. Ja, er wäh­nte die amerikanis­che Libido im Würge­griff der jüdisch-christlichen Sex­ual­moral.[31] In der Men­tal­ität sog. „prim­i­tiv­er Völk­er“ und in östlichen Reli­gio­nen meinte er hinge­gen befreiende sex­pos­i­tive Men­tal­itäten aus­machen zu kön­nen.[32] Der His­torik­er Paul Robin­son for­muliert es folgendermaßen:

«Er war bestrebt, die Schuld auf die Reli­gion zu schieben, ohne dafür Beweise zu liefern.»[33]

Dem Chris­ten­tum warf er in einem eigen­tüm­lichen Selb­st­wider­spruch vor, als Wertesys­tem völ­lig irrel­e­vant für das reale Leben zu sein, zugle­ich aber die Ursache für alles darzustellen, was die Men­schen belastete oder ein­schränk­te.[34] Er hat­te seine eigene säku­lare Heils­botschaft und ver­bre­it­ete sie mit mis­sion­ar­isch­er Inbrunst:

 «Die Essenz von Kin­seys’ Evan­geli­um war ein­fach: Die Sex­ual­moral musste reformiert wer­den, und die Wis­senschaft würde den Weg weisen».[35]

Seine Strate­gie, um diesem Evan­geli­um zum Durch­bruch zu ver­helfen, war die Erhe­bung ein­er Unmenge von Daten:

«Aus sein­er Per­spek­tive bedeutete dies nur eines: eine wis­senschaftliche Probe von solchem Aus­maß zu sam­meln, dass die Men­schen von seinem Vol­u­men über­wältigt wür­den»[36].

Erfolg dank mächtiger Verbündeter

Die Kin­sey-Stu­di­en waren wis­senschaftlich nicht so objek­tiv, wie sie vor­gaben zu sein. Sie dien­ten vielmehr als Instru­ment, um eine sehr per­sön­liche und weitre­ichende gesellschaftliche Agen­da voranzubrin­gen, wobei Empirie und Sta­tis­tik in gewiss­er Hin­sicht als Tar­nung dienten.

Das Erstaunliche an den Kin­sey-Reporten ist, dass die Rech­nung ihres Urhe­bers aufge­gan­gen ist. Die Wucht der Daten­fülle und die schrillen Schlagzeilen in den Zeitschriften reicht­en aus, um die Öffentlichkeit zu überwältigen.

Die mas­sive Medi­en­aufmerk­samkeit, die die Pub­lika­tion der Stu­di­en begleit­ete, soll von Beginn weg ein inte­graler Bestandteil der Strate­gie wer­den. Bere­its 1946 – zwei Jahre vor Pub­lika­tion der ersten Studie – kam es zu ersten Presse­brief­in­gs. Über die Erschei­n­ung des Ban­des zur weib­lichen Sex­u­al­ität sollen dann 1953 rund 70% der amerikanis­chen Nachricht­en­magazine berichtet haben. Ein unglaublich­er Wert. Entschei­dend dafür war die Unter­stützung durch die Rock­e­feller Foun­da­tion, die ihr weitverzweigtes Netz an Pressekon­tak­ten nutzte und Aus­la­gen finanzierte.[37]

Grossauftritt vor Stu­den­ten an der Berke­ley Uni­ver­sität, 1952

Bis die Fas­sade der Wis­senschaftlichkeit zu bröck­eln begann, die sta­tis­tis­chen Unzulänglichkeit­en und die verdeck­ten per­sön­lichen Moti­va­tio­nen von Kin­sey und sein­er Kom­plizen ans Licht kamen, war die Sache gelaufen und die amerikanis­che Gesellschaft der beab­sichtigten ‘Schock-Ther­a­pie’ unterzogen.

Die lib­er­al-pro­gres­sive Elite in Bil­dung, Poli­tik und Medi­en störte sich nicht an der fehler­haften Daten­ba­sis und an der verz­er­rten Darstel­lung der Real­ität. Denn die Studie hat­te aus ihrer Sicht die ‘richti­gen Schlüsse’ gezo­gen. Davon und von der wis­senschaftlichen Redlichkeit gibt das State­ment von Wardell B. Pomeroy, dem Mitau­tor der Studie, beredtes Zeugnis:

«Sog­ar wo die Sta­tis­tiken fehler­haft waren… waren die Schlüsse, die wir aus ihnen gezo­gen haben, richtig.»[38]

Kin­sey wurde von diesen Kreisen als Erlöser­fig­ur gefeiert, der die Men­schheit in die Frei­heit führt. Zahllose Per­sön­lichkeit­en, die die ‘Hall of Fame’ mod­ern­er Sex­u­al­wis­senschaften bevölk­ern, ließen sich unmit­tel­bar von Kin­sey inspiri­eren. Ob John Mon­ey oder Har­ry Ben­jamin (Trans- und Gen­derthe­o­rien), Hugh Hefn­er (Ja, der Grün­der von Play­boy gehört auch in die Galerie), Mas­ters & John­son (Sex­u­alther­a­pi­en) oder der infame Hel­mut Kentler (Urvater der Sex­u­alerziehung der Vielfalt und posthum aus­gewiesen­er Apolo­get der Pädophilie) – sie alle und noch viele mehr beriefen sich auf Kin­sey als Inspi­ra­tions­ge­ber oder Mentor.

Dem Geist Kin­seys huldigen bis heute, oft völ­lig unkri­tisch, viele maßge­bliche sex­u­al­wis­senschaftliche Schulen, Insti­tu­tio­nen und Pub­lizis­ten. Beispiel­sweise meinte 2009 die Psy­cholo­gin Ange­li­ka Schett in einem Beitrag auf SRF, Kin­sey habe mit dem «unvor­ein­genomme­nen Blick des Wis­senschaftlers» Män­ner befragt.[39]

Der 2004 veröf­fentlichte Kinofilm ‘Kin­sey’ mit Liam Nee­son in der Haup­trol­le zeich­net Alfred Kin­sey in aller Ehrerbi­etung als muti­gen Pro­to­typ des Sex-Guru, der gegen die Big­ot­terie und Heuchelei sein­er Zeit kämpfen musste.

Sich­er haben die Jahre seit Kin­sey auch neue Entwick­lun­gen gebracht, welche teil­weise der Ent­fal­tung sein­er Anliegen in die Quere kom­men. So entwick­elte sich in Teilen der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung das Bewusst­sein, dass seine Vorstel­lung enthemmter Sex­u­al­ität vor allem Frauen ver­ob­jek­tivieren­den Män­nern in die Hand gespielt hat­te. Man ist heute auch wesentlich sen­si­bil­isiert­er für die The­matik von Mach­tausübung im Bere­ich der Sex­u­al­ität. Und die AIDS-Krise der 80er sorgte für ein neues Bewusst­sein bezüglich der gesund­heitlichen Risiken ein­er ungezügel­ten Sexualität.

Vor­lesung an der Uni von Copen­hagen, 1955

Fakt bleibt den­noch, dass weite und vor allem laute Kreise im Beruf­s­stand der Sex­olo­gen sich bis heute hin­ter ihr Idol stellen. Dies trotz seinen wis­senschaftlichen Verz­er­run­gen und Lügen. Trotz sein­er per­versen, über­grif­fi­gen und miss­bräuch­lichen Meth­o­d­en, trotz der zwielichti­gen Mitar­beit­er­rekru­tierung, trotz sein­er Iden­ti­fika­tion und aktiv­en Zusam­me­nar­beit mit pädo­sex­uellen Kinder­schän­dern.[40]

Peter Gehrig, die prä­gende Fig­ur ein­er in der Schweiz bekan­nten Sex­olo­gen-Aus­bil­dung namens «Sex­o­cor­porel» ist in einem SRF-Beitrag aus dem Jahre 2005 voll des Lobes für Kin­sey. Dieser habe die «Dop­pel­moral aus­ge­hoben» und «wis­senschaftlich gezeigt, wie Leute sich sex­uell ver­hal­ten». Wenn man ver­ste­ht, dass die Grün­der­fig­ur sein­er Organ­i­sa­tion – der Kanadier und Ex-Priester Jean-Yves Des­jardins (1931–2011) – seine Sex­u­alther­a­pie unter anderem auf den The­o­rien von Kin­sey aufge­baut hat, dann sind solche Aus­sagen nachvol­lziehbar.[41] Eine Kri­tik an Kin­sey würde möglicher­weise auch die eige­nen Ther­a­piemeth­o­d­en in Frage stellen.

Heimliche Freunde in der Kirche

Unver­hofft Rück­halt fand Kin­sey in der Kirche. Hier ent­pup­pte sich so manch­er ver­meintlich­er Feind als heim­lich­er Ver­bün­de­ter. Kin­sey pflegte in den späten 40ern und bis zu seinem Tod 1956 inten­sive Kon­tak­te in die kirch­liche Welt. The­olo­gen und kirch­liche Funk­tionäre, welche ein Inter­esse an seinem ‘wis­senschaftlich unver­stell­ten’ Blick hat­ten und seine Erken­nt­nisse ins kirch­liche Leben inte­gri­eren woll­ten, genossen seine volle Zuwen­dung. Ihnen gab Kin­sey nüt­zliche Instru­mente in die Hand, um in Syn­oden, Aufk­lärungs­büch­ern oder Fach­lit­er­atur die ‘neuesten wis­senschaftlichen Erken­nt­nisse’ einzubrin­gen und entsprechende Refor­men, Anpas­sun­gen im Leben und in der Lehre ihrer Kirchen vorzuschlagen.

Spuren des Zer­falls: Kin­sey zwis­chen 1948 und 1955

So bedankt sich der The­ologe Seward Hilt­ner in einem 1953 pub­lizierten Buch über christliche Sex­u­alethik für die Bere­itschaft von Kin­sey, einen «inten­siv­en Briefwech­sel» mit ihm zu führen. [42] Hilt­ner ruft dann in seinem Buch dazu auf, die christliche Sicht auf Sex «im Lichte der Kin­seystu­di­en» zu über­denken.

Weit­ere Kon­tak­te bestäti­gen das Bild eines Kin­sey, der das Chris­ten­tum und seine Sex­ual­moral zwar abgrundtief ver­achtete, aber The­olo­gen mit revi­sion­is­tis­chen Absicht­en höch­ste Aufmerk­samkeit zollte.[43]

Kritiker: hinderlich oder nützlich?

Natür­lich gab es unter Kirchen­leuten auch viele Kri­tik­er. Unter ihnen beispiel­sweise den ein­flussre­ichen The­olo­gen Rein­hold Niebuhr. Das Denken von Kin­sey sei von einem «absur­den Hedo­nis­mus» geprägt, schreibt er in ein­er Reak­tion auf die Stu­di­en.[44]

Eine weit­ere bekan­nte Per­sön­lichkeit unter den Kri­tik­ern war der Evan­ge­list Bil­ly Gra­ham. In ein­er feuri­gen und hörenswerten Rede prangerte er 1953 die destruk­tive Wirkung der erst ger­ade erschiene­nen Studie über Frauen an. «Es ist unmöglich, den Schaden zu bemessen, den dieses Buch der ohne­hin erodieren­den Moral in Ameri­ka beifü­gen wird.», beklagt er gle­ich am Anfang, um anschließend den ‘bib­lis­chen Fall gegen Kin­sey’ darzule­gen. [45]

Bil­ly Gra­ham lag mit seinem Ein­wand, dass die Daten­ba­sis von Kin­sey verz­er­rt sein muss, völ­lig richtig. Seine Innen­sicht auf das fromme Ameri­ka hat­te ihn zu Recht skep­tisch gemacht:

«Dr. Kinsey’s Bericht erweist sich als völ­lig ein­seit­ig und wis­senschaftlich unhalt­bar, wenn darin behauptet wird, dass sieben von zehn Frauen, die vore­he­liche Affären hat­ten, kein­er­lei Gewis­senszweifel hät­ten. Er hat bes­timmt keine der Mil­lio­nen wiederge­boren­er christlichen Frauen befragt, für die Tugend, Anstand und Beschei­den­heit einen hohen Wert haben. Ich habe keine christliche Frau unter meinen Bekan­nten, die sich ein­er solchen Befra­gung und Analyse unterziehen würde.»

Aufre­gung: die Stu­di­en führten zu ein­er Unmenge von Sekundärliteratur

Kri­tik an den von Kin­sey befeuerten Entwick­lun­gen gab es auch von ander­er Seite, etwa vom bekan­nten Sozi­olo­gen Pitir­im Sorokin (1889–1968), dem Begrün­der und langjähri­gen Leit­er der Sozi­olo­gie an der Har­vard Uni­ver­si­ty. Dieser kri­tisierte in den 50er Jahren die zunehmende Sex-Besessen­heit und ekla­tante Unwis­senschaftlichkeit, welche in Diszi­plinen wie Psy­cholo­gie, Sozi­olo­gie und Anthro­polo­gie Einzug gehal­ten habe. Er begrüße eine wis­senschaftlich solide Forschung, meint Sorokin. Aber eine neue Gilde von sich «gegen­seit­ig auf die Schul­tern klopfend­en» Pseu­do-Wis­senschaftlern sei damit beschäftigt, «Fabeln» zu pro­duzieren und diese dann dem Volk als «objek­tive neue Erken­nt­nisse» zu verkaufen.[46]

In seinem 1956 pub­lizierten Werk «The Amer­i­can Sex Rev­o­lu­tion» spricht Sorokin von ein­er «moralis­chen Schiz­o­phre­nie», die im Land und in der Reli­gion Einzug gehal­ten habe. Son­ntags wür­den Chris­ten ein Lip­pen­beken­nt­nis zur Berg­predigt abgeben, die sog­ar den lüster­nen Blick auf eine Frau ver­bi­etet, während sie wochen­tags nach dem Mot­to «Lasst uns essen und trinken, denn mor­gen sind wir tot!» leben wür­den. Ja, Gefüh­le von Schuld und Reue wür­den im Fahrwass­er der The­o­rien Freuds zunehmend als gefährliche Symp­tome von sex­ueller Repres­sion ver­standen. In ver­schiede­nen Vari­a­tio­nen, aber meist «gek­lei­det im Gewand wis­senschaftlich­er Jar­gons» wür­den «neue Selig­preisun­gen» verkün­det: «ethis­ch­er Müll», der vor allem das Ziel habe, «Mil­lio­nen von Men­schen mit ein­er glitzern­den Recht­fer­ti­gung ihrer ungezähmten Vorhaben zu ver­sor­gen.»[47]

Inwiefern solche Kri­tiken Kin­sey und seinen Ver­bün­de­ten genützt oder geschadet hat, kann disku­tiert wer­den. Zusät­zliche Pub­lic­i­ty bracht­en sie auf jeden Fall.

Kin­sey & Co. hat­ten der­weil ihre eigene Strate­gie, mit Geg­n­ern und Kri­tik­ern umzuge­hen: sie wur­den kurz­er­hand ele­gant als ‘Moral­is­ten’, ‘Prof­i­teure’, ‘Feinde des Fortschrittes’, oder als ‘unwis­sende Igno­ran­ten’ abgestem­pelt.[48]

Wenn Wissenschaft die Realität konstruiert

Der Fall Kin­sey zeigt ein­drück­lich, wie sta­tis­tis­che Erhe­bun­gen als Instru­ment zur Bee­in­flus­sung der öffentlichen Mei­n­ung und zur Lenkung kom­plex­er gesellschaftlich­er Prozesse dienen kön­nen. Neben der sin­nvollen, erhel­len­den, mal mehr und mal weniger präzisen Beschrei­bung der Real­ität kom­men sie eben auch als Waf­fen in den Kul­turkämpfen unser­er Tage zum Ein­satz.[49]

Ger­ade in den Sozial­wis­senschaften kann die Ver­suchung groß sein, über die objek­tive Beschrei­bung hin­aus zur For­mung und Verän­derung der vorge­fun­de­nen Real­ität beizu­tra­gen. Deswe­gen sind eine selb­stkri­tis­che Reflex­ion und das Offen­le­gen der eige­nen Method­olo­gie wis­senschaft­sethisch unerlässlich.

Dun­kle Schat­ten: Kin­sey in Sizilien auf den Spuren des Okkul­tisten Aleis­ter Crowley

In einem aktuellen Buch fordert der Poli­tik­wis­senschafter Jason Blake­ly dazu auf, sozial­wis­senschaftliche Texte nicht als trock­ene, tech­nis­che Abhand­lun­gen wahrzunehmen, welche deskrip­tiv die Welt beschreiben, son­dern als «lebendi­ge kul­turelle und ide­ol­o­gisch auf Weltverän­derung zie­lende Unternehmungen».[50] Blake­ly sieht im weit ver­bre­it­eten ‘Sci­en­tismus’[51] unser­er Tage eine latente Form der Machtausübung:

«Die Wis­senschaft bildet nichts weniger als einen einzi­gar­ti­gen mod­er­nen Kul­tur- und Macht­ty­pus. Während frühere Gesellschaften unter dem Miss­brauch ver­schieden­er Arten von Autorität lit­ten — kirch­lich, poli­tisch, stammes­mäs­sig und famil­iär -, erleben allein mod­erne Gesellschaften den Miss­brauch von Autorität im Namen der Wis­senschaft.»[52]

Wis­senschaftliche Pro­jek­te und Stu­di­en kön­nen also Machtin­stru­mente sein im Bemühen von Ide­olo­gien, Dom­i­nanz über ein bes­timmtes Milieu zu erlan­gen oder auszuüben, dieses Milieu zu For­men und zu bestimmen.

Die Kin­sey Stu­di­en und ihre Wirkungs­geschichte sind ein Parade­beispiel dafür, wie dieser Vor­gang funk­tion­iert. Kin­sey kon­nte seine Wertevorstel­lun­gen gesellschaftlich durch­set­zen, indem er mit Sta­tis­tiken operierte und die Deu­tung­shoheit über Zahlen erlangte. Wer die Zahlen kon­trol­liert, bee­in­flusst auch die Mei­n­ungs­bil­dung der Zielgruppe.

Vom Umgang mit Studien über Sexualität

Die herkömm­liche christliche Sex­u­alethik ste­ht seit ger­aumer Zeit unter Beschuss. Spätestens seit Kin­sey erfol­gt der Ansturm auch mit der Wucht von Umfra­gen und Sta­tis­tiken und mit dem Anspruch der Wis­senschaftlichkeit. Die daraus abgeleit­ete Forderung, im Lichte von ‘neuen’ Ent­deck­un­gen oder ‘erdrück­enden’ Fak­ten die christliche Ethik zu über­denken, wird zunehmend auch in eige­nen Rei­hen laut.

Weil uns solche Forderun­gen in den kom­menden Jahren beschäfti­gen wer­den, habe ich mich gefragt: Wie kann ich beurteilen, welche Qual­ität eine Studie im christlich-kirch­lichen Kon­text zum Sex­u­alver­hal­ten hat? An welche Grund­sätze halte ich mich als Christ angesichts immer mas­siv­er wer­den­der, empirisch gestützter Sachzwänge im säku­laren Umfeld?

Hier kommt sie also, meine keineswegs abschließende ‘Check­liste’, die mir erst­mal zur per­sön­lichen Reflek­tion dient:

  1. Die Schlussfolgerungen vieler Studien sind absehbar und sollten mich deshalb auch nicht vom Hocker reissen.

Geschieht etwas, von dem man sagen kön­nte: »Sieh, das ist neu!« – Es ist längst zuvor auch geschehen in den Zeit­en, die vor uns gewe­sen sind. (Pred 1:10)

Wenn die Urhe­ber ein­er Studie ähn­lich aufk­lärerisch-mis­sion­ar­isch vorge­hen wie Kin­sey, wird die Sta­tis­tik ver­mut­lich ziem­lich genau das ausspuck­en, was ihrem Ansin­nen entspricht, und in diesem Sinne inter­pretiert wer­den. Die entsprechen­den Head­lines sind abse­hbar, kön­nten eigentlich schon vor­ab geschrieben wer­den:

«Warum sich Chris­ten nicht an die moralis­chen Maxi­men ihrer Kirchen halten.»

«Das Sex­u­alleben der Gläu­bi­gen ist bunter und vielfältiger als gedacht.»

«Chris­ten erleben Sex­ual­moral der Kirchen als repres­siv und veraltet.»

«Studie: Kirchen ver­hin­dern sex­uelle Ent­fal­tung in Eigenverantwortlichkeit.»

«Viele fühlen sich aus­geschlossen – große Studie fordert Akzep­tanz für queeres Christentum.»

«Neue Erken­nt­nisse: Studie fordert Über­denken christlich­er Sexualethik.»

«Zurück auf die Schul­bank: Kirchen man­gelt es an sex­ueller Fachkompetenz.»

  1. Als Nachfolger Jesu sollte ich immer bereit sein, Fehler einzusehen, Korrekturen anzubringen und etwas zu lernen.

Prüft alles und behal­tet das Gute! Das Böse aber – ganz gle­ich in welch­er Form – sollt ihr mei­den. (1Thess 5:21–22)

Ich darf als Christ die Dinge ohne Angst prüfen und das, was sich als Gut erweist, behal­ten. Wer weiss? Vielle­icht bringt eine neue Studie etwas Wichtiges zum Vorschein?!

Mit der Auf­forderung zur Prü­fung geht aber auch die oft unter­schla­gene Auf­forderung zusam­men, das Böse, in welch­er Form auch immer, zu iden­ti­fizieren und zu mei­den. Sta­tis­tiken im weit­en Spek­trum der Erfahrun­gen, Empfind­un­gen und Lebensweisen von Men­schen, die sich als Chris­ten beze­ich­nen, sind eine inter­es­sante Infor­ma­tion­squelle, die Auf­schluss gibt über das, was unter uns an Fra­gen, Erwartun­gen, Man­gelzustän­den, Verir­run­gen und auch Fehlhal­tun­gen Real­ität ist.

Ich brauche mir dabei keine Illu­sio­nen zu machen: wed­er kirch­liche Ein­rich­tun­gen noch christliche Fam­i­lien sind davor gefeit, ungute Kom­pro­misse zu schließen, sich an den Schwäch­sten zu verge­hen, Fehlhal­tun­gen, dun­kle Geheimnisse zu pfle­gen und falschen Abhängigkeit­en bis hin zum Miss­brauch Vorschub zu leis­ten – auch und erst recht im Bere­ich der Sex­u­al­ität. Dass dem so ist, wird dieser Tage nur zu gerne öffentlichkeitswirk­sam ven­tiliert. Ja, es gibt tat­säch­lich Hand­lungs­be­darf im christlichen Umfeld.

Ich sollte mich aber auch nicht von einem Nar­ra­tiv blenden lassen, welch­es in ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Sex­u­alethik die Wurzel allen Übels sieht. Die Beratungskolum­nen der säku­laren und from­men Presse und die Flut von psy­chol­o­gis­chen Beratungs- und Ther­a­pieange­boten machen sicht­bar, dass die Auflö­sung sex­ueller Nor­men nicht notwendi­ger­weise zu einem erfüll­ten Sex­u­alleben führt oder ein Dasein frei von Verklemmtheit und Neu­rose. Die Sprechz­im­mer christlich­er Seel­sorg­er sind rand­voll mit Men­schen, die nicht an den Ansprüchen ein­er christlichen Moral und Sex­u­alethik zu zer­brechen dro­hen, son­dern an den ver­heeren­den Fol­gen ihrer Nichteinhaltung.

  1. Christliche Ethik und Moral lässt sich weder aus dem Durchschnittsverhalten von Umfrageteilnehmern ableiten, noch bemisst sie sich daran, wie erfolgreich professionelle PR-Maschinen sie an den Mann und an die Frau bringen. 

Ich mache also ständig dieselbe Erfahrung: Das Gute will ich tun, aber ich tue unauswe­ich­lich das Böse. Ich stimme Gottes Gesetz aus tief­ster Überzeu­gung und mit Freude zu. Den­noch han­dle ich nach einem anderen Gesetz, das in mir wohnt. (Röm 7:21–23, HfA)

Ergeb­nisse von Umfra­gen wer­den mit Sicher­heit dazu herange­zo­gen wer­den, eine Revi­sion tra­di­tioneller christlich­er Moralvorstel­lun­gen zu fordern. Als Nach­fol­ger von Jesus definiere ich aber, was ethisch richtig und falsch ist, nicht wie Kin­sey & Co. auf­grund empirisch­er Trends und Durch­schnittswerte. Vielmehr ori­en­tiere ich mich an der zeit­losen Wahrheit Gottes, welche uns Chris­ten durch sein Wort zugänglich ist.

Mass­ge­blich für die Herde Jesu ist nicht der durch­schnit­tliche Stand­punkt und die Befind­lichkeit der Schafe, son­dern der Zielpunkt des Hirten, der sicheres Gelände und nahrhafte Wei­den für seine Herde im Blick hat. Als Nach­fol­ger Jesus weiss ich um die guten und heil­samen Absicht­en Gottes. Deshalb stimme ich mit Paulus Gottes Gesetz «aus tief­ster Überzeu­gung und mit Freude zu».

Dass es ein Span­nungs­feld gibt zwis­chen dem, was der Meis­ter für uns im Blick hat, und dem, was wir nach eigen­em Gut­dünken für richtig und erstrebenswert hal­ten, ist dabei von vorn­here­in evi­dent. Stu­di­en, die vorgeben, diese Span­nun­gen erst ‘aufzudeck­en’, erge­hen sich in Trivialitäten.

Ob nach dem Kin­sey-Report oder nach der Veröf­fentlichung der näch­sten oder übernäch­sten Studie: Als Nach­fol­ger Jesu darf für mich die Wahrheit weit­er­hin darin beste­hen, dass christliche Fam­i­lien und bib­lis­che Sex­u­alethik nicht das Prob­lem sind, son­dern eine Antwort auf die seit Men­schenge­denken beste­hen­den und aktuellen Störun­gen unser­er Kul­tur sein können.

Chris­ten sind fehlbar, christliche Fam­i­lien machen Fehler, keine Frage. Eben­so die Kirche. Aber am Ende des Tages liegt in den Schätzen Gottes wesentlich mehr Hoff­nung und nach­haltige Kraft als in den modis­chen Weisheit­en der Welt, deren Ver­falls­da­tum oft genug schon vor dem Abklin­gen des Hypes, der um sie herum gemacht wird, abge­laufen ist.

  1. Als Nachfolger Jesu will ich mich nicht von einer vorgeblichen Wissenschaftlichkeit blenden lassen, sondern aufmerksamer Beobachter sein.

Nehmt euch vor denen in Acht, die euch mit ein­er leeren, trügerischen Philoso­phie ein­fan­gen wollen, mit Anschau­un­gen rein men­schlichen Ursprungs, bei denen sich alles um die Prinzip­i­en dreht, die in dieser Welt herrschen, und nicht um Chris­tus. (Kol 2:8, NGÜ)

Meine Beschäf­ti­gung mit den Hin­ter­grün­den der Kin­sey Studie haben mir klargemacht, dass ich nicht ein­fach gut­gläu­big fressen muss, was mir vorge­set­zt wird. Der weltan­schaulich ’neu­trale’ Raum ist let­z­tendlich wohl eine Illu­sion. Nicht über­all wo ‘wis­senschaftlich’ drauf­ste­ht, ist auch gute Wis­senschaft drin. Eben­so enthält nicht alles Chris­tus, wo ‘christlich’ draufsteht. 

Wenn ich mit ein­er Sex-Umfrage kon­fron­tiert werde, kön­nen mir fol­gende Fra­gen dabei helfen, mir einen ersten Ein­druck zu bilden:

  • Wie ist die Gesamt­studie angelegt?
    Wer steckt hin­ter der Studie? Was für Moti­va­tio­nen treiben die Urhe­ber an? Was haben sie son­st noch pub­liziert? Haben sie ihren Stan­dort gekennze­ich­net, kön­nten sie in irgen­dein­er Weise befan­gen sein? Leg­en sie ihre Prämis­sen, Vorüber­legun­gen und impliziten The­sen offen? Wer­den die Roh­dat­en zugänglich gemacht? Wer finanziert oder spon­sert die Studie? Über welche Kanäle sollen die Ergeb­nisse pub­liziert werden?
    Grund­sät­zlich gilt: Wenn bei ein­er Studie ein aus­führen­des Team mit ‘mis­sion­ar­isch­er Agen­da’ und ein poten­ter Part­ner in der Ver­mark­tung zusam­menkom­men, ist erst­mals Vor­sicht ange­bracht. Denn dann ist die Möglichkeit für eine ide­olo­gie- oder inter­essegeleit­ete Manip­u­la­tion gegeben.
  • Sind die gewählten Meth­o­d­en der Studie sin­nvoll oder problematisch?
    Nicht nur, aber ins­beson­dere im Bere­ich Sex­u­al­ität ist die Wahrschein­lichkeit, dass die Ergeb­nisse ein­er öffentlich frei zugänglichen Umfrage repräsen­ta­tiv sind und den Quer­schnitt des unter­sucht­en Zielpub­likums zuver­läs­sig abbilden, ger­ing. Die sachgemäße Entzer­rung der Resul­tate dürfte wiederum eine prob­lema­tis­che Übung sein. Resul­tate aus solchen Umfra­gen sollte ich deshalb grund­sät­zlich mit der nöti­gen Zurück­hal­tung ‘genießen’.
  • Ver­spricht die Umfrage klar umris­sene Erken­nt­nisse oder eröffnet sie große inter­pre­ta­tive, speku­la­tive Spielräume?
    Sind die Fra­gen und die Antwor­top­tio­nen ver­ständlich und klar, oder kön­nen sie in unter­schiedliche Rich­tung gedeutet wer­den? Bein­hal­ten Fragestel­lun­gen implizite moralis­che Wer­tun­gen, die mein Votum bee­in­flussen kön­nten? Wer­den zen­trale Begriffe definiert oder nicht? Meine Ver­mu­tung: Unschär­fen in den Fragestel­lun­gen und in der Begrif­flichkeit tra­gen zu ein­er unsachgemäßen Erweiterung der inter­pre­ta­tiv­en Spiel­räume bei. Begriffe kön­nen im Nach­gang inhaltlich ten­den­z­iös gefüllt wer­den und so die Ergeb­nisse der Studie verzerren.
  • Auf welchen weltan­schaulichen oder auch fach­lichen Voran­nah­men beruht der Auf­bau der Umfrage?
    Men­schen funk­tion­ieren auf der Grund­lage ihrer Weltan­schau­ung kon­se­quenter, als ihnen selb­st vielle­icht bewusst ist. Die Prä­gung und der Hin­ter­grund der Urhe­ber wird nicht erst in der Auswer­tung sicht­bar, son­dern bere­its in der Erstel­lung der Umfrage. Diese ist sozi­ol­o­gisch gese­hen bere­its Teil der Realitätsbildung.
    Wenn zum Beispiel ohne eine voraus­ge­hende Frage nach dem eige­nen Konzept von Geschlecht, wie selb­stver­ständlich, mehr als zwei Geschlechter in der Umfrage zur Auswahl ste­hen, dann ist das zugle­ich eine weltan­schauliche Aus­sage («wir fol­gen hier nicht dem bib­lis­chen Nar­ra­tiv von zwei Geschlechtern ») und eine Form der Real­itäts­bil­dung («Es ist heute selb­stver­ständlich, von mehr als zwei Geschlechtern zu reden, also soll­test du es auch.»).
    Ich weiß mit­tler­weile auch, dass es lei­der keine Garantie für solide Wis­senschaftlichkeit ist, wenn neuere Stu­di­en ihre Fragekat­a­loge an etablierten Messin­stru­menten der Sex­u­al­wis­senschaft aus­richt­en, erst recht nicht, wenn diese selb­st in der Tra­di­tion ein­er von Kin­sey geprägten Sex­u­althe­o­rie ste­hen. [53]
    Bei ein­er Urteils­bil­dung hil­ft es mir, wenn ich eine Umfrage daraufhin befrage, was sie aus­lässt und warum. Im Bere­ich der Sex­u­al­ität kann ich zum Beispiel fra­gen, inwiefern die Umfrage den grundle­gen­den Zusam­men­hang zwis­chen Sex und Fortpflanzung berück­sichtigt oder nicht (The­men wie Frucht­barkeit, Kinder­wun­sch, Schwanger­schaft, Eltern­schaft und der­gle­ichen). Bleibt dieser Zusam­men­hang weit­ge­hend aus­ge­blendet, kann das natür­lich eine sin­nvolle Beschränkung des The­mas der Umfrage sein. In ein­er großen Studie mit dem Anspruch auf den umfassenden Blick auf den men­schlichen Sex­u­al­trieb und das Sex­u­alver­hal­ten kann das aber auch ein Hin­weis auf ein pro­gres­sives Mind­set in der Tra­di­tion eines Kin­sey sein. Denn seine Vision war die ein­er von ‘lästi­gen Neben­ef­fek­ten’ wie der Sorge um die Zeu­gung von Kindern befre­it­en, ego-zen­tri­erten und lust­fokussierten Sexualität.

Mit dieser «Mes­sage to self» möchte ich meine Übung in ‘ide­ol­o­gis­ch­er Archäolo­gie’ nun auch abschließen. Ich durfte ein­mal mehr viel ler­nen, und bin damit sich­er noch nicht am Ende.

Kin­sey starb am 25. August 1956. Sein Geist weht aber in viel­er­lei Hin­sicht immer noch um uns. Es lebt weit­er im infa­men Kin­sey Insti­tute, welch­es bis heute mit Rück­endeck­ung aus Poli­tik und Acad­e­mia die Lügen und Ver­brechen ihres Grün­ders kaschiert.[54]

Kin­seys Geist lebt vor allem weit­er in den poli­tisch ten­den­z­iösen Gen­der­stud­ies unser­er Tage, in der zele­bri­erten sex­uellen Vielfalt der Pride-Märsche, in den das kindliche Schamge­fühl stra­pazieren­den Aufk­lärungs­büch­ern und in dem stetig mutieren­den Vok­ab­u­lar der Queer-Bewe­gung. Vielle­icht auch schlicht und ein­fach in der neusten Sex­u­alum­frage, bewor­ben in der Zeitschrift deines Vertrauens.

 


Fuss­noten:

[1] https://nursingclio.org/2013/08/20/dropping-the-k-bomb/
[2] 20. August 1953, Vgl: https://www.pbs.org/wgbh/americanexperience/features/bomb-soviet-tests/
[3] Mündliche Auskun­ft von Judith Reis­man im Rah­men eines Zoom­calls am 05.01.2021
[4] Vgl. dazu die bekan­nte Kin­sey-Skala: https://en.wikipedia.org/wiki/Kinsey_scale
[5] Vgl. Dazu die ominöse Tabelle Nr. 34 in Sex­u­al Behav­ior in the Human Male
[6] Diese Behaup­tung ist unbe­wiesen, hinge­gen gibt es einen gut doku­men­tierten Zusam­men­hang zwis­chen vore­he­lichem Verkehr und erhöhter Wahrschein­lichkeit ein­er Schei­dung. Vgl. z.B. diese aktuelle Studie: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0192513X231155673
[7] Wardell B. Pomeroy, Boys and Sex, A long need­ed mod­ern sex­u­al Guide for Boys, 1968, S107
[8] Vgl. James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S619-620
[9] https://www.srf.ch/play/tv/mtw/video/alfred-kinsey-dr–sex?urn=urn:srf:video:ad7de488-306e-4b59-b877-a99a59aed8bc&showUrn=urn%3Asrf%3Ashow%3Atv%3Aad7de488-306e-4b59-b877-a99a59aed8bc
[10] Unter anderem gab es Auftritte an der Uni­ver­sität von Kopen­hagen und Aarhus (DK)
[11] Zitiert aus: Judith Reis­man, Stolen Hon­or Stolen Inno­cence: How Amer­i­ca Was Betrayed by the Lies and Sex­u­al Crimes of a Mad “Sci­en­tist”, 2012, S55, eigene Übersetzung
[12] Vgl. etwa Mag­nus Hirschfeld, Sit­tengeschichte des Weltkrieges, 1930
[13] Es ist kein Wun­der, dass die USA in den 50ern eine kon­ser­v­a­tive Wende erlebten und die Kin­sey-Stu­di­en ihre Wirkung erst verzögert in der sex­uellen Rev­o­lu­tion der späten 60er und der 70er ent­fal­tet haben. Die Men­schen waren in den Nachkriegs­jahren auf der Suche nach Nor­mal­ität und men­schlich­er Wärme, Heilung der Beziehun­gen, Schutz der Fam­i­lien, Ern­st­nehmen der Scham. Die zer­störerischen Auswirkun­gen ein­er aus den Fugen ger­ate­nen Welt inkl. Sex­u­al­ität hat­ten sie erlebt. Sie woll­ten etwas anderes. Vgl. z.B:
https://www.lovetoknow.com/life/relationships/1950s-family-structure-values-everyday-life
https://www.bartleby.com/essay/Religious-Revival-of-the-1950s-PKM3U493RYZS
[14] Für eine aus­führliche Behand­lung der sta­tis­tis­chen Fehler und Prob­leme: Amer­i­can Sta­tis­ti­cal Asso­ci­a­tion, Sta­tis­ti­cal Prob­lems of the Kin­sey Report, 1954. Vgl. auch: Dr. Hans Lutz, Das Men­schen­bild der Kin­sey Reporte, Beiträge zur Sex­u­al­forschung, 10. Heft, 1957, S45-57
[15] Amer­i­can Sta­tis­ti­cal Asso­ci­a­tion, Sta­tis­ti­cal Prob­lems of the Kin­sey Report, 1954, S152, eigene Übersetzung
[16] Pro­gram­ma­tisch dafür der Titel ein­er Schrift von ihm aus dem Jahre 1941: «Sex Behav­iour in the Human Animal».
[17] Dr. Hans Lutz, Das Men­schen­bild der Kin­sey Reporte, Beiträge zur Sex­u­al­forschung, 10. Heft, 1957, S55
[18] Dr. Hans Lutz, Das Men­schen­bild der Kin­sey Reporte, Beiträge zur Sex­u­al­forschung, 10. Heft, 1957, S60
[19] https://www.amnh.org/research/invertebrate-zoology/collections/hymenoptera-non-apoidea/kinsey-gall-wasps
[20] Vgl. Cor­nelia Chris­ten­son, Kin­sey: a Biog­ra­phy, 1971, S8
[21] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S220
[22] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S480, eigene Übersetzung
[23] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S480
[24] Vgl. dazu das Kapi­tel «We can­not use any­one afraid of Sex» in James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic /  Pri­vate Life, 1997, S465-500
[25] Wardell B. Pomeroy, Dr. Kin­sey and the Insti­tute for Sex Research, 1972, S174
[26] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S607, 612–613
[27] Dr. Hans Lutz, Das Men­schen­bild der Kin­sey Reporte, Beiträge zur Sex­u­al­forschung, 10. Heft, 1957, S61
[28] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S23, eigene Übersetzung
[29] Vgl. z.B. Wardell B. Pomeroy, Dr. Kin­sey and the Insti­tute for Sex Research, 1972, S30
[30] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S612-614
[31] Paul Robin­son, The Mod­erni­sa­tion of Sex, 1976, S86
[32] Vgl. R. Marie Grif­fith: The Reli­gious Encoun­ters of Alfred C. Kin­sey, The Jour­nal of Amer­i­can His­to­ry, Sept. 2008, S368
[33] Paul Robin­son, The Mod­erni­sa­tion of Sex, 1976, S83
[34] Vgl. R. Marie Grif­fith: The Reli­gious Encoun­ters of Alfred C. Kin­sey, The Jour­nal of Amer­i­can His­to­ry, Sept. 2008, S352
[35] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S466, eigene Übersetzung
[36] James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S466, eigene Übersetzung
[37] : Judith Reis­man, Stolen Hon­or Stolen Inno­cence: How Amer­i­ca Was Betrayed by the Lies and Sex­u­al Crimes of a Mad “Sci­en­tist”, 2012, S55, eigene Übersetzung
[38] Wardell B. Pomeroy, Dr. Kin­sey and the Insti­tute for Sex Research, 1972, S286p, eigene Übersetzung
[39] https://www.srf.ch/audio/agenda/alfred-kinsey-der-tabubrecher?uuid=57fb470b-e3c7-4f4c-b088-5b704b12a6fc
[40] Es ist Judith Reis­man (1935–2021), welche 1990 in ihrem Buch Kin­sey, Sex and Fraud die öffentliche Aufmerk­samkeit auf die ominöse Tabelle 34 in Sex­u­al Behav­ior in the Human Male lenk­te. Darin wird die sex­uelle Erre­gungs­fähigkeit von Kleinkindern exper­i­mentell doku­men­tiert. Ihre Kon­fronta­tion von Wegge­fährten von Kin­sey in der Phil Don­ahue Show ist sehenswert und kann heute noch auf Video nachgeschaut wer­den: https://www.youtube.com/watch?v=zUGtmb0taKU. Die Sym­pa­thien Kin­seys für Pädophile wird in der Biografie von James H. Jones bestätigt: James H. Jones, Alfred C. Kin­sey — A Pub­lic / Pri­vate Life, 1997, S752-753.
[41] Kin­sey ist die primäre Quelle für Des­jardins in seinem ersten und wohl bekan­ntesten Buch «Le Mythe du Péché Soli­taire» (1969). Das Buch plädiert für die De-Stig­ma­tisierung von Mas­tur­ba­tion. Unter anderem führt Des­jardins die von Kin­sey miss­bräuch­lich unter­suchte frühkindliche sex­uelle Erreg­barkeit und das Vorkom­men von Mas­tur­ba­tion in der Tier­welt als Argu­mente ins Feld.
[42] Seward Hilt­ner, Sex Ethics and the Kin­sey Reports, 1953, vii
[43] Die Kon­tak­te von Kin­sey ins religiöse Milieu und deren Reak­tion auf seine Pub­lika­tio­nen sind gut doku­men­tiert in der Forschungsar­beit von R. Marie Grif­fith: The Reli­gious Encoun­ters of Alfred C. Kin­sey, The Jour­nal of Amer­i­can His­to­ry, Sept. 2008, S349-377. Unter anderem wer­den darin der Ein­fluss von Kin­sey auf bekan­nte The­olo­gen wie den Amerikan­er Nor­man Pit­tenger oder den Englän­der Der­rick Shervin Bay­ley erwäh­nt. Der Prozess-The­ologe Pit­tenger, zwis­chen­zeitlich Vor­sitzen­der der The­ol­o­gis­chen Kom­mis­sion des Weltkirchen­rates, forderte in seinem Buch Time for Con­sent (1970) die völ­lige Annahme von homo­sex­uellen Beziehun­gen und out­ete sich anschliessend selb­st als homo­sex­uell. Der Englän­der Der­rick Shervin Bai­ley soll sichtliche Freude an seinem schriftlichen Aus­tausch mit Kin­sey gehabt haben. Er hat­te grossen Ein­fluss durch sein Buch Sex­u­al Rela­tion­ships in Chris­t­ian Thought (1959), in dem er für eine Lockerung der britis­chen Sit­tenge­set­ze plädierte und neue Argu­mente bezüglich Homo­sex­u­al­ität in die The­ol­o­gis­che Debat­te einführte.
[44] Don­ald Porter Ged­des (ed.), An analy­sis of the Kin­sey Reports on Sex­u­al Behav­ior in the Human Male and Female, 1954, S66
[45] https://billygraham.org/audio/the-bible-and-dr-kinsey/ , Vgl. Auch den Tran­script in: E.J. Daniels, I Accuse Kin­sey!, 1954, S103-112, eigene Übersetzungen
[46] Vgl z.B Pitir­im Sorokin, The Amer­i­can Sex Rev­o­lu­tion, 1956, S38-43 oder auch Pitir­im Sorokin, Fads and Foibles in mod­ern Soci­ol­o­gy, 1958, S3‑4
[47] Vgl. Pitir­im Sorokin, The Amer­i­can Sex Rev­o­lu­tion, 1956, S43-46, eigene Übersetzungen
[48] Wardell B. Pomeroy, Dr. Kin­sey and the Insti­tute for Sex Research, 1972, S286, eigene Übersetzung
[49] Vgl. Dazu Beispiel­sweise: Joel Best, Damned Lies and Sta­tis­tics – Untan­gling Num­bers from the Media, Politi­cians, and Activists, 2001
[50] Jason Bleke­ly, We Built Real­i­ty – How Social Sci­ences Infil­trat­ed Cul­ture, Pol­i­tics, and Pow­er, 2020, xiv, eigene Übersetzung
[51] Als Sci­en­tismus wir die Mei­n­ung beze­ich­net, dass die Wis­senschaft mit­tels wis­senschaftliche Meth­o­d­en der beste oder einzige Weg sind, um die Wahrheit über die Welt und die Real­ität zu erkennen.
[52] Jason Bleke­ly, We Built Real­i­ty – How Social Sci­ences Infil­trat­ed Cul­ture, Pol­i­tics, and Pow­er, 2020, xvi, eigene Übersetzung
[53] Wer einen real­is­tis­chen Blick auf die Irrun­gen und Wirrun­gen in der noch kurzen Geschichte der Sex­olo­gie gewin­nen möchte, dem seien fol­gende zwei Büch­er emp­fohlen: Ira L. Reiss, An Insider’s View of Sex­u­al Sci­ence Since Kin­sey, 2006; Jan­ice M. Irvine, Dis­or­ders of Desire: Sex and Gen­der in Mod­ern Amer­i­can Sex­ol­o­gy, 1990
[54] Vgl. dazu den aktuellen Artikel von Albert Mohler über die Verquick­un­gen des Kin­sey Insti­tutes mit der Uni­ver­sität von Indi­ana und der Poli­tik dieses US-Bun­desstaates: https://wng.org/opinions/polymorphous-perversity-in-the-heartland-1700050198?fbclid=IwAR2xwo9BSaTda609p9D6HmQPFIccKJb0zR6cZdEzbcZTkI-efUbZMhILr1M

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