‘Ehe für alle’ ist Tatsache: Wie geht es weiter?

Paul und Peter Bruderer
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Die Abstim­mung zur ‘Ehe für alle’ ist vor­bei! Wie geht es nach dem deut­lichen Ja zur ‘Ehe für alle’ für Kirche und Gesellschaft weit­er? Für uns ist klar: Für christliche Gemein­schaften und Kirchge­mein­den wird sich das Resul­tat zur ‘Ehe für alle’ als eine Wasser­schei­de ent­pup­pen. Die Regen­bo­gen rufen “Ja! Und mor­gen kämpfen wir weit­er!” Die aktuelle Fas­sung der Ehe für alle ist also nur der Anfang. Die näch­sten Baustellen im Pro­jekt ein­er gesellschaftlichen Umfor­mung sind bere­its eingerichtet.

Mit unserem Engage­ment für ein Nein zur Ehe für alle haben wir mit Daniel Option in den ver­gan­genen Monat­en einen ersten Aus­flug in eine grössere und poli­tisch agierende Öffentlichkeit gemacht. Wir haben uns mit den grundle­gen­den Fra­gen der Ehe für alle und ihrer Beziehung zur Frage nach den Kindern beschäftigt. Dabei haben wir uns inten­siv mit dem ‘Orig­i­nal’, der natür­lichen Fam­i­lie, ihrer Geschichte und ihrem Poten­tial für unsere Zeit auseinan­derge­set­zt. Wir durften die aktuell­sten Forschun­gen rund um das Kindeswohl in gle­ichgeschlechtlichen Beziehun­gen einge­hen­der unter­suchen. Wir haben die Diskus­sion über die Bedeu­tung von Vätern mit­gestal­tet. Der Höhep­unkt war das erhel­lende Inter­view mit dem Sozi­olo­gen Dr. Paul Sullins, dem in den Medi­en disku­tierten Autor von Stu­di­en über Regen­bo­gen — Kinder, sowie das Gespräch mit dem His­torik­er Dr. Allan Carl­son.

Zufriedenheit und belastete Beziehungen

Nun ste­hen wir auf der Ver­lier­er­seite des Abstim­mungskampfes. Den­noch ist das Haupt­ge­fühl, welch­es nach dem Abstim­mungskampf zurück­bleibt, Zufrieden­heit. Wir durften wichtige Impulse für den Abstim­mungskampf geben, haben sel­ber unglaublich viel gel­ernt und viele neue Men­schen ken­nen­gel­ernt: Mutige Mit­stre­it­er und liebe Men­schen, die ganz ander­er Mei­n­ung sind als wir.

Unsere Haupt­mo­ti­va­tion für diesen Aus­flug in die Poli­tik war unser Anliegen für das Kindeswohl. Lei­t­end war dabei der fol­gende Gedanke: Was wer­den unsere Kinder in 30 Jahren über diese heutige Zeit sagen? Wir möcht­en uns auf eine Art und Weise in den gesellschaftlichen Diskurs ein­brin­gen, welche das langfristige Wohl des Men­schen und nicht den kurzfristi­gen Gewinn im Blick hat. Und das kann auch mal bedeuten, unpop­uläre Posi­tio­nen einzunehmen.

Unser Engage­ment hat einige per­sön­liche Beziehun­gen mitunter arg stra­paziert, ins­beson­dere zu manchen Fre­un­den, die Befür­worter sind, und auch zu eini­gen gle­ichgeschlechtlich empfind­en­den Fre­un­den. Es muss aber fest­ge­hal­ten wer­den, dass nicht wir, son­dern Expo­nen­ten der LGBT-Lob­by bald nach der Ein­führung des Part­ner­schafts­ge­set­zes in 2007 den Anspruch auf Ehe für alle aufs poli­tis­che Par­kett gebracht haben. Wer sich selb­st zum The­ma macht, sollte auch etwas Gegen­wind aushal­ten kön­nen. Und wer seinen Abstim­mungskampf mit ein­er nahezu lück­en­losen Unter­stützung durch die ver­sam­melte Schweiz­er Promi­nenz, die Gross­banken, die grossen NGO’s, die wirtschaftlichen, poli­tis­chen und lan­deskirch­lichen Funk­tionäre sowie den grossen Medi­en­häusern inklu­sive Staatsme­di­en auf­bauen kann, der sollte sich vielle­icht auch mal vom Nar­ra­tiv der hil­flosen und unter­drück­ten Minorität verabschieden.

Noch im Novem­ber 2020 verkün­dete eine durch Pink Cross in Auf­trag gegebene Umfrage eine Zus­tim­mung von 82% für die Ehe für alle in der Schweiz­er Bevölkerung. Die Ja-Seite ist auf den Abstim­mungsson­ntag hin um ca. 20% geschrumpft. Auch wenn die Nein-Seite im Abstim­mungskampf Boden gut machen kon­nte, so ist das Abstim­mungsergeb­nis von ca. 64% Ja-Anteil doch ein sehr deut­lich­es Ergebnis.

Mit diesem Resul­tat im Rück­en ist klar, dass die Befür­worter eines gesellschaftlichen Umbaus, weg von tra­di­tionellen Konzepten von Fam­i­lie, nun Aufwind haben und ihre Agen­da forcieren wer­den. Das Ergeb­nis ist ein Sieg für den expres­siv­en Indi­vid­u­al­is­mus und ein deut­lich­es Zeichen, dass sich unsere Gesellschaft abwen­det von unseren christlichen Wurzeln. Der expres­sive Indi­vid­u­al­is­mus ist ein Begriff, den der His­torik­er Carl Tru­man gut erk­lärt, bei der Arbeit des Sozi­olo­gen Charles Tay­lor zen­tral ist, und ver­mut­lich auf Robert N. Bel­lah zurück­ge­ht. Er besagt, dass indi­vidu­ell emp­fun­dene Iden­titäten, samt den damit ver­bun­de­nen Lebensweisen und Wün­schen, zum König gekürt sind. Auf der Wun­schliste dieser Lebensweisen ste­hen auch Kinder, deren Rechte zunehmend den Ansprüchen und Wün­schen der neuen ‘Diversity’-Kultur geopfert wer­den. Das Recht des Kindes auf ein Aufwach­sen bei seinen leib­lichen Eltern wird geopfert.

Wir möcht­en an dieser Stelle fes­thal­ten, dass bei Weit­em nicht alle gle­ichgeschlechtlich Empfind­ende für die Ehe für alle sind. Es hat uns über­rascht, dass mehrere homo­sex­uelle Fre­unde uns gedankt haben, dass wir uns für ein Nein zur Ehe für alle ein­set­zen. Wir möcht­en fes­thal­ten, dass wir auch nach der Abstim­mung gerne mit allen im Gespräch sind, auch auf der anderen Seite der ide­ol­o­gis­chen Gräben.

Der Salami hat noch viele Scheiben

Die Ide­olo­gie, welche die Ein­führung der Ehe für alle einge­bracht hat, ist noch nicht am Ziel, son­dern sie möchte das ganze Feld bes­tim­men. Deshalb wer­den uns ihre The­men noch auf Jahre hin­aus beschäfti­gen. So sind im Schweiz­er Par­la­ment bere­its Schritte ein­geleit­et wor­den, welche eine kon­se­quente Weit­er­führung der Ide­olo­gie vorantreiben. Kat­ja Christ (GLP) hat fol­gende drei par­la­men­tarische Motio­nen einge­bracht (die fett gedruck­ten Titel sind die offiziellen Über­schriften der Motionen):

  • Eizel­len­spende endlich auch in der Schweiz legal­isieren! (Motion 21.421 am 17. März 2021). Dies muss als Weg­bere­itung für eine kom­mende mögliche Legal­isierung der Leih­mut­ter­schaft gese­hen wer­den. Die Ein­führung der Ehe für alle diskri­m­iniert männliche gle­ichgeschlechtliche Paare gegenüber weib­lichen gle­ichgeschlechtlichen Paaren, weil erstere keine Kinder zeu­gen dür­fen. Das Argu­ment der Diskri­m­inierung von Homo­sex­uellen gegenüber Het­ero­sex­uellen hat die Wahl gewon­nen. Nun wird mit aller Wahrschein­lichkeit ein weit­eres Diskri­m­inierungsar­gu­ment von Homo­sex­uellen gegenüber (dies­mal) Homo­sex­uellen dazu führen, dass wir in abse­hbar­er Zeit über Leih­mut­ter­schaft abstim­men müssen. Wie schon im aktuellen Abstim­mungskampf über Samen­spende mit der ‘gesellschaftlichen Real­ität von Samen­spenderkindern’ argu­men­tiert wurde, so wer­den aktuell ‘Gebär­mut­ter-Kinder’ am Gesetz vor­bei als gesellschaftliche Real­ität etabliert und als Argu­ment ins Feld geführt wer­den (ein aktuelles Beispiel führen wir unten auf).
  • Fortpflanzungsmedi­zinge­setz auf­datieren und in die Zukun­ft führen (Motion 21.3238 am 17. März 2021). Hier geht es darum, die Fortpflanzungsmedi­zin dem gesellschaftlichen Werte­wan­del anzu­passen und von star­ren Regeln zu lösen. Es lohnt sich, die Argu­men­ta­tion der Motion zu lesen. Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, in welche Rich­tung hier gear­beit­et wird.
  • Ver­bot von Kon­ver­sions­be­hand­lun­gen bei Min­der­jähri­gen (Motion 21.483 am 16. Sep­tem­ber 2021). Passend zur Logik der ange­blichen Unverän­der­barkeit der sex­uellen Ori­en­tierung, soll es in einem näch­sten Schritt zu einem umfassenden Ver­bot von ‘Kon­ver­sions­be­hand­lun­gen’ bei Min­der­jähri­gen kom­men. Bei Erwach­se­nen wird das wohl noch fol­gen. Inter­es­sant ist, dass die Gen­der-Ide­olo­gie hier grosse Anfra­gen stellt, da sie mit der Flu­id­ität der Sex­u­al­ität argu­men­tiert — also eben grad nicht mit der Unverän­der­barkeit. Inter­es­sant ist auch, dass es Vorstösse gibt, Geschlecht­sumwand­lun­gen bei Teenagern anzuset­zen. Wir spüren deut­lich: Inner­halb der aktuell noch immer zusam­men genan­nten Buch­staben LGBT gibt es mitunter immense ide­ol­o­gis­che Span­nun­gen und Kon­flik­te. Wir soll­ten vor­sichtig sein, zu schnell unsere Geset­ze von ein­er dieser Grup­pen bes­tim­men zu lassen, denn sie wer­den zu ein­er in sich wider­sprüch­lichen Geset­zge­bung führen.

Die Vor­prü­fung der Legal­isierung der Eizel­len­spende nimmt bere­its dieses Jahr die näch­ste Hürde im Par­la­ment. Die Motion ist für die ersten inter­nen Abklärun­gen in den Kom­mis­sio­nen für Wis­senschaft, Bil­dung und Kul­tur des Nation­al­rats auf 4. Novem­ber 2021 trak­tandiert. Es geht mit schnellen Schrit­ten in Rich­tung dessen, was Paul noch vor weni­gen Wochen auf einem Podi­um mit Ver­fechtern der Ehe für alle zugesichert wurde, dass es abso­lut kein The­ma sei. Es ist ein Déja-vu: 2007 wurde dem Volk zugesichert, dass die Ehe für alle kein The­ma sei. Die berühmte Sala­mi-Tak­tik ist ‘alive and well’.

Wie sollte die Nein-Seite des Abstim­mungskampfes reagieren? Eine Möglichkeit wäre eine Ini­tia­tive zur all­ge­meinen Abschaf­fung der Samen­spende zu lancieren, also sowohl für gegen‑, wie auch für gle­ichgeschlechtliche Paare. Wir sind keine Poli­tik — Ken­ner. Ver­mut­lich sig­nal­isiert das deut­liche Resul­tat, das unsere Bevölkerung auch im Bezug auf Fra­gen der Fortpflanzungsmedi­zin ziem­lich pro­gres­siv denkt. Trotz­dem: Träu­men darf man ab und zu! Gle­ichzeit­ig müsste man über­legen, wie wir in unseren Gemein­schaften, aber auch mit poli­tis­chen Tools, wirk­sam Kinder und Fam­i­lien unter­stützen kön­nen in den spez­i­fis­chen Her­aus­forderun­gen, in denen sie ste­hen. Hier wird sich vielle­icht am ehesten auch ein gemein­samer poli­tis­ch­er Boden find­en lassen. Einige Denkanstösse dazu find­en sich bere­its in einem Artikel von uns.

Eine innerkirchliche Lobby agiert strategisch

Mit der Annahme der Ehe für alle kom­men noch grössere Span­nun­gen ins kirch­liche und ins­beson­dere ins freikirch­liche Milieu, welche aktuell mehrheitlich gegen die Ehe für alle ist. Der Ruf, dass Freikirch­ler ihre Mei­n­ung über aus­gelebte Homo­sex­u­al­ität nun doch ändern sollen, wird zunehmen. Der Druck von ausser­halb und inner­halb wird wach­sen, ein­vernehm­lich und in Treue aus­gelebte Homo­sex­u­al­ität als von Gott gewollt, und deshalb als seg­nungswürdig zu sehen. Paul Brud­er­er hat sich in einem viel­ge­le­se­nen Artikel zu dieser Forderung geäussert.

Defin­i­tiv vor­bei scheint die Diskus­sion in den evan­ge­lis­chen Lan­deskirchen. Diese hat­ten sich bere­its vor 2 Jahren in ‘vorau­seilen­dem Gehor­sam’ für die Ehe für alle aus­ge­sprochen — ein Prozess, den wir kri­tisch begleit­et haben. Aus unser­er Sicht hat die evan­ge­lis­che Kirche damit ein neues Glaubens­beken­nt­nis for­muliert, wen­det sich ab von der jud­isch-christlichen Sicht auf die Welt und wird nicht als Gewin­ner­in vom Platz gehen.

Wie sich das neue Glaubens­beken­nt­nis der Reformierten prak­tisch auswirkt, hat man im aktuellen Wahlkampf deut­lich miter­leben kön­nen. Ein kri­tis­ch­er innerkirch­lich­er Diskurs war auf nationaler Ebene nicht mehr gewün­scht. Plu­ral­ität der Mei­n­ung liegt nicht mehr drin. Die EKS-Podi­en wur­den auss­chliesslich mit Befür­wortern der Ehe für alle beset­zt. Die drän­gen­den Fra­gen im Bere­ich der Repro­duk­tion­s­medi­zin wur­den ganz offiziell auf die lange Bank geschoben, während auf ihren mit LGBT-Aktivis­ten beset­zten Podi­en die Samen­spende bere­its als gegebene Tat­sache präsen­tiert wurde.

Es wird auch innerkirch­lich klar: Ist die Ehe für alle etabliert, gibt es viele weit­ere Bere­iche, die an das neue Glaubens­beken­nt­nis angeglichen wer­den müssen. Im Rah­men des Abstim­mungskampfes sind die neuen Felder bere­its sicht­bar gemacht gewor­den: Polyamor­ie und Leih­mut­ter­schaft kom­men ver­mut­lich als Nächstes.

Polyamor­ie: Ein­vernehm­lichkeit unter Erwach­se­nen ist in der neuen, tonangeben­den Weltan­schau­ung das primäre und einzige Kri­teri­um für aus­gelebte Sex­u­al­ität. Stephan Jütte ist Leit­er des Reflab-Pro­jek­tes der Reformierten Kirche des Kan­tons Zürich. In einem Kom­men­tar auf einen Pod­cast von Novem­ber 2020 zeigt er, wie weit man gehen kann, wenn man Ein­vernehm­lichkeit unter Erwach­se­nen als einziges Kri­teri­um für Sex­u­al­ität wählt:

Mit Polyamor­ie, Selb­st­be­friedi­gung und allen ein­vernehm­lichen Sex­u­al­prak­tiken unter erwach­se­nen Men­schen habe ich gar kein Prob­lem. (Quelle aufgerufen am 21.09.2021)

Span­nend wäre konkreter zu hören, was Jütte hin­ter dem Wort ‘allen’ sieht. Denn da gibt es dur­chaus noch weit­ere mögliche For­men der ein­vernehm­lichen Sex­u­al­ität unter Erwachsenen.

Im Abstim­mungskampf um die Ehe für alle hat Jütte eines der ver­schiede­nen Podi­ums­ge­spräche der evan­ge­lisch-reformierten Kirche Schweiz mod­eriert — wie gesagt ohne jegliche kri­tis­che Gegen­stimme. Mit auf dem Podi­um war Michael Braun­schweig, Ethik­er und Vizepräsi­dent Kirchenpflege Reformierte Kirche Zürich. Braun­schweig hat zusam­men mit seinem Part­ner zwei Kinder über Leih­mut­ter­schaft in die Welt gebracht und durfte am besagten Podi­um schon mal ein kräftiges Plä­doy­er für die Leih­mut­ter­schaft platzieren (ab 1:14:14 im Video).

Inzwis­chen hat Braun­schweig in einem Artikel auf Ref.ch nachge­dop­pelt und einen Aufruf ges­tartet, solche Kinder nicht zu diskri­m­inieren. Die Aus­führun­gen von Braun­schweig zeigen bere­its deut­lich, dass die Argu­men­ta­tion­slin­ien zur Begrün­dung der Leih­mut­ter­schaft gle­ich ver­laufen wer­den wie bei der Samen­spende: Die Kinder sind eine Real­ität, weshalb wir dieser Real­ität den gesellschaftlichen Segen erteilen soll­ten, indem wir die schon (am Gesetz vor­bei) etablierte Prax­is legalisieren.

Eines ist für uns wichtig:  Wir heis­sen wie immer jedes Kind willkom­men, das in diese Welt kommt. Das ist unver­rück­bar klar! Unter anderen darum set­zen wir uns auch für den Lebenss­chutz ein. Aber auf der ide­ol­o­gis­chen Ebene ste­hen die Zeichen schon an der Wand:

  • Leih­mut­ter­schaft soll auch von Kirchen akzep­tiert und abge­seg­net werden.
  • Kirchen wer­den aufge­fordert wer­den, polyamouröse Beziehungsnet­ze anzuerkennen.

Ein Blick in die Nach­bar­län­der ist dabei hil­fre­ich. In Deutsch­land wird die Forderung nach der Anerken­nung polyamourös­er Beziehungsnet­ze bere­its jet­zt auf ver­schiedene Weise konkret ein­bracht, z.B. durch Fach­ta­gun­gen, die mitunter sog­ar von von der Deutschen Kirche EKD mit­ge­fördert und mit­fi­nanziert sind. Ein Beispiel ist Liebesleben6, zu dem die Bun­desver­bände “Evan­ge­lis­che Frauen in Deutsch­land e.V.” und die “Män­ner­ar­beit der EKD” im Koop­er­a­tion mit dem Fachrefer­at “Frauen und Män­ner” der EKD und der Frauen und Män­ner­ar­beit der evan­ge­lis­chen Kirchen in Kurhessen-Waldeck ein­ge­laden haben. Diese Tagung war also kirch­lich sehr weit oben ange­bun­den. Auf dem Kreuz & Queer Blog von Evangelisch.de wer­den regelmäs­sig neue queere Jubel­texte und Plä­doy­ers veröf­fentlicht wie zum Beispiel im Artikel “Ich bin doch zu schade für eine_n allein…”. Hier wird fest­gestellt: “Polyamor­ie ist eine Prax­is, zwei oder mehrere sex­uelle und/oder emo­tionale Liebes­beziehun­gen gle­ichzeit­ig zu leben. Beken­nend polyamor lebende Men­schen sind mit vie­len Vorurteilen, die u.a. mit Unwis­sen zu tun haben, konfrontiert.”

Unsere schweiz­erische reformierte Kirche scheint es sich dem grossen Brud­er aus dem Nach­bar­land abgeschaut zu haben und eine bewusste Förderung aller möglichen ein­vernehm­lichen Sex­u­al­prak­tiken zu machen. Einige freikirch­liche Pas­toren und Influ­encer ziehen fröh­lich mit. So ist es nur ver­ständlich und zu begrüssen, wenn sich Nach­fol­ger von Jesus Chris­tus inner­halb unser­er evan­ge­lis­chen Kirche anfan­gen, neue Think­tanks aufzubauen, um den the­ol­o­gis­chen Aus­tausch anzus­tossen und zu fördern.

Woran sollen Christen sich orientieren?

Wir haben tiefes Ver­trauen in die Grundüberzeu­gun­gen der jüdisch-christlichen Weltan­schau­ung, welche die monogame Ehe von Mann und Frau mit dem Poten­tial der natür­lichen Zeu­gung gle­ich­w­er­tig ein­stuft mit dem gewählten zöli­batären Leben. Diese bib­lis­che Weltan­schau­ung agiert wesentlich dif­feren­ziert­er als nur mit Einvernehmlichkeit.

Ein­vernehm­lichkeit ist wichtig! Auch sie ist in der jüdisch-christlichen Weltan­schau­ung begrün­det, welche klarstellt, dass jed­er Men­sch im Eben­bild Gottes geschaf­fen ist. Das bib­lis­che Ja zur Eben­bildlichkeit Gottes von Mann und Frau war der Motor des Wider­standes gegen die patri­achal­is­tis­che Sex­u­al­ität des antiken Hei­den­tums.

Wer aber wie Jütte auss­chliesslich mit Ein­vernehm­lichkeit argu­men­tiert, kann Sex­u­al­prak­tiken recht­fer­ti­gen, die in der Bibel klar als des Men­schen unwürdig dargestellt wer­den. Die jüdisch-christliche Weltan­schau­ung ist vielschichtiger und beschreibt den Men­schen nicht nur in dessen Eben­bildlichkeit, son­dern auch in dessen Geschöpflichkeit und Leib­lichkeit.

Geschöpflichkeit hat damit zu tun, dass wir als Geschöpfe Empfänger sind des Redens Gottes in seinem Wort und durch seinen Geist. So gibt uns Gott seine Ge- und Ver­bote als sein Weg­weis­er zum gelin­gen­den Leben all­ge­mein und auch in der Sex­u­al­ität. Mar­tin Luther bringt das in seinem Schmalka­dis­chen Artikel (1537) auf den Punkt:

…son­dern die Ehe frei haben, wie sie Gott geord­net und ges­tiftet hat, und wollen sein Werk nicht zer­reißen noch hin­dern. (Artikel 11).

Gemäss Luther ist die Ehe von Mann und Frau Gottes Erfind­ung, und soll in der von Gott gedacht­en Gestalt geord­net sein. Woher ken­nen wir die Gestalt der Ehe? Aus dem Wort Gottes. Dort sehen wir, dass Ein­vernehm­lichkeit im Rah­men der monoga­men Ehe von Mann und Frau stat­tfind­en soll.

Leib­lichkeit betont den hohen Wert des physis­chen Kör­pers des Men­schen als etwas Gutes und Iden­titätss­tif­ten­des. Unser Kör­p­er informiert uns, wie sich Gott die Würde der Sex­u­al­ität denkt. Hier liegt ein­er der tief­er­en Gründe, warum die Bibel aus­gelebte Homo­sex­u­al­ität in kein­er Vari­ante pos­i­tiv darstellt.

Eben­bildlichkeit, Geschöpflichkeit, Leib­lichkeit — alle drei Wesense­le­mente des Men­schen müssen also in Kom­bi­na­tion ver­standen wer­den. Jedes der drei Ele­mente gibt den anderen Ele­menten Kon­tur und Gestalt. Jedes Ele­ment diszi­plin­iert die anderen bei­den. Wer nur ein Ele­ment betont, wird es auf Kosten der anderen bei­den tun und vertei­digt Prak­tiken, die aus Sicht der Bibel des Men­schen unwürdig sind. Ein Chris­ten­tum, das nur ein Ele­ment betont, wird verküm­mern und die Men­schen irreführen.

Vergessen wir dabei nicht: Nicht jede Verän­derung ist aus Sicht der Bibel neg­a­tiv! Und manch eine Verän­derung unser­er Gesellschaft offen­bart Defizite in der Art, wie wir bish­er das Chris­ten­tum und unseren Glauben gelebt haben. Chris­ten sind keine prinzip­iellen Kul­tur- und Gesellschafts­geg­n­er, son­dern Kul­turgestal­ter und deren Lieb­haber. Sie leben eine aktive Rolle in der Gesellschaft als Botschafter, welche den Prinzip­i­en, Hal­tun­gen ihres himm­lis­chen ‘Heimat­landes’ verpflichtet sind und deren Werte in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.

Mit dem Psalmis­ten David wis­sen Chris­ten, das Gottes Prinzip­i­en Leben­sprinzip­i­en sind, seine Weisun­gen zum Wohl des Men­schen dienen:

Du tust mir kund den Weg zum Leben. Ps 16:11

Darum: Lasst uns nach dem Ja zur Ehe für alle fröh­lich und ermutigt die Fülle des bib­lis­chen Men­schen­bildes ken­nen -, lieben- und ausleben ler­nen. Lasst uns als christliche Gemein­den zu Zuflucht­sorten für Men­schen wer­den, die Her­aus­forderun­gen in ihrer Sex­u­al­ität haben. Lasst uns als christliche Gemein­den Räume der Gnade sein für alle Men­schen, die Nöte haben in ihrer Sex­u­al­ität. Lasst uns alle die Neugestal­tung unser­er Herzen und unser­er Lebens­führung durch die Gegen­wart Gottes und durch sein Wort als lebensspenden­des Geschenk entdecken.

5 Comments
  1. Avatar
    Häring 5 Tagen ago
    Reply

    Sie haben den Nagel auf den Kopf getrof­fen. Wir müssen ein­fach am Evan­geli­um fes­thal­ten. Denn am Lebensende wird die Frage entschei­dend sein, was wir mit dem Ange­bot von Jesus getan haben.

  2. Avatar
    Ruffieux Sylvie 3 Wochen ago
    Reply

    Texte intéres­sant et pro­fond. Ce sujet demande de la sen­si­bil­ité … MERCI

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 3 Wochen ago
      Reply

      Mer­ci a toi aussi 🙏

  3. Avatar
    Othmar 3 Wochen ago
    Reply

    Nun sind “die Wür­fel gefall­en”. Was die “Ehe für alle” ange­ht. Der Wind wird nun rauer wer­den für diejeni­gen, welche die Werte der Bibel (des Schöpfers allen Sicht­baren und Unsicht­baren) leben und vertreten wollen.
    Ich sehe das nicht in erster Lin­ie als neg­a­tiv. Es wird uns helfen, wieder klarere Kon­turen zu erhal­ten – und damit attrak­tiv­er zu wer­den, für diejeni­gen, welche nicht mit dem “Main­stream” mithal­ten kön­nen oder wollen.
    Gle­ichzeit­ig wer­den wir zunehmend in der Her­aus­forderung ste­hen, allen anderen eben­so in Gnade und Demut begeg­nen zu kön­nen. Gott möge uns beistehen.

    • Paul Bruderer
      Paul Bruderer 3 Wochen ago
      Reply

      Gut auf den Punkt gebracht — danke 👍

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