DNA (2/10): Gewaltlose Feindesliebe

Paul Bruderer
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Die Fein­de gewalt­los lie­ben ist mög­li­cher­wei­se eine der radi­kal­sten For­de­run­gen von Jesus an sei­ne Jün­ger. Die ersten Chri­sten leb­ten das aus und gewan­nen das Herz gan­zer Natio­nen. Liegt viel­leicht hier eine Lösung zur Kri­tik der Post­mo­der­ne an Reli­gi­on und Gewalt?

Wir schrei­ben die Jah­re AD 367 – 372. Christ­li­che Fami­li­en aus dem goti­schen Stamm der Terwin­gen zit­tern, wenn sie hören wie frem­de Wagen sich ihrem Haus nähern. Der goti­sche Fürst Athan­an­rich führt eine syste­ma­ti­sche Ver­fol­gung der christ­li­chen Min­der­heit im eige­nen Volk durch. Dazu lässt er Wagen mit goti­schen Göt­ter-Bil­dern bestücken. Die­se berei­sen das Land und machen Halt vor den Häu­sern von Chri­sten. Wer sich wei­gert, das Göt­ter-Bild anzu­be­ten, wird samt sei­ner Fami­lie im eige­nen Haus im Feu­er ver­brannt.

Die Goten-Chri­sten schla­gen nicht zurück. Sie rächen sich nicht. Viel­mehr erzäh­len sie wei­ter von ihrem Glau­ben an Jesus Chri­stus und gewin­nen so das Herz ihrer goti­schen Nach­barn. Es ent­steht eine christ­li­che Erweckung unter den Goten. Wie kam es an erster Stel­le dazu, dass sich die Her­zen die­ser unbeug­sa­men und krie­ge­ri­schen Goten dem christ­li­chen Glau­ben zuge­wen­det haben?

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Gewaltlosigkeit durch Gewissheit

Wäh­rend ihrer Raub­zü­ge ins römi­sche Reich hin­ein, ent­füh­ren die Goten unter ande­rem Chri­sten aus Kap­pa­do­zi­en (heu­ti­ge Tür­kei) und machen sie zu ihren Skla­ven. Der Geschichts-Schrei­ber Phi­los­t­or­gi­os beschreibt im Jahr 400 einen die­ser goti­schen Raub­zü­ge:

Als sie sich, bela­den mit rei­cher Beu­te, auf den Heim­weg mach­ten, führ­ten sie eine Men­ge Men­schen mit sich fort, unter denen sich auch eine gros­se Anzahl von Geist­li­chen befand. Unter die­sen Gefan­ge­nen waren auch vie­le Gläu­bi­ge. Die­se ver­kehr­ten mit den Bar­ba­ren und führ­ten nicht weni­ge zum Glau­ben (…). Unter denen, die damals fort­ge­schleppt wur­den, waren auch die Vor­fah­ren Wul­fi­las, Kap­pa­do­zier von Abstam­mung (zitiert in Siers­zyn, 2000 Jah­re Kir­chen­ge­schich­te, Band 2, Sei­te 18)

Die­se ent­führ­ten Skla­ven-Chri­sten gewin­nen gewalt­los die Her­zen ihrer goti­schen Her­ren. Erich Schne­pel erklärt, dass die­se Chri­sten:

… in ihrer Gefan­gen­schaft so tap­fer und klar den Weg mit Jesus gin­gen, dass sie ihre goti­schen Her­ren inner­lich erober­ten (Schne­pel, Jesus im frü­hen Mit­tel­al­ter, Sei­te 18)

Die­se gewalt­lo­se Fein­des­lie­be muss den Goten, die zum christ­li­chen Glau­ben kom­men, der­mas­sen Ein­druck gemacht haben, dass sie spä­ter in der eige­nen Ver­fol­gung eben­falls Gewalt­lo­sig­keit statt Ver­gel­tung wäh­len.

Die geist­li­chen Wur­zeln die­ser Gewalt­lo­sig­keit gehen mög­li­cher­wei­se auf den 1. Petrus­brief zurück. Die­ser Brief wur­de unter ande­rem an die Chri­sten in Kap­pa­do­zi­en geschrie­ben (1. Petr 1:1) von denen eini­ge zu goti­schen Skla­ven wer­den. In die­sem Brief berei­tet Petrus Chri­sten auf die Ver­fol­gung durch Feu­er vor:

Gelieb­te, lasst euch durch das Feu­er der Ver­fol­gung unter euch, das euch zur Prü­fung geschieht, nicht befrem­den, als begeg­ne euch etwas Frem­des (1. Petr 4:12)

Die­se Feu­er-Prü­fun­gen wer­den mit dem einen und ein­zig wah­ren Gott, Jesus Chri­stus in Ver­bin­dung gebracht:

Gelobt sei Gott, der Vater unse­res Herrn Jesus Chri­stus, der uns nach sei­ner gro­ßen Barm­her­zig­keit wie­der­ge­bo­ren hat zu einer leben­di­gen Hoff­nung durch die Auf­er­ste­hung Jesu Chri­sti von den Toten… Dann wer­det ihr euch freu­en, die ihr jetzt eine klei­ne Zeit, wenn es sein soll, trau­rig seid in man­cher­lei Anfech­tun­gen, auf dass euer Glau­be bewährt und viel kost­ba­rer befun­den wer­de als ver­gäng­li­ches Gold, das durchs Feu­er geläu­tert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offen­bart wird Jesus Chri­stus. (1. Petr 1:3 und 1. Petr 1:6 – 7)

Es ist der tie­fe Glau­be an den ein­zig wah­ren Gott, der sich in Chri­stus offen­bart hat, der für die­se Chri­sten die Kraft­quel­le für ein gewalt­lo­ses Leben mit­ten im Feu­er der Ver­fol­gung war.

Wie ich spä­ter im Arti­kel zei­gen wer­de, haben wir hier etwas, das die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie nicht ein­zu­ord­nen ver­mag. Denn die­se geht davon aus, dass Abso­lut­heits­an­sprü­che zwangs­läu­fig zu Gewalt­aus­übung füh­ren. Doch bei die­sen Chri­sten erle­ben wir gera­de die Umkeh­rung die­ser Annah­me. Hier haben wir Men­schen, die mit einem reli­giö­sen Abso­lut­heits­an­spruch glau­ben, der sie aber nicht in die Gewalt­aus­übung führt, son­dern im Gegen­teil in eine Fähig­keit, Gewalt zu erdul­den!

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Jesus und Gewaltlosigkeit

Dies alles geht auf die Leh­re und das Leben von Jesus Chri­stus zurück. Jesus setzt sich der Gewalt sei­ner Fein­de aus, indem er sich ans Kreuz nageln lässt, ohne mit Gegen­ge­walt zu ant­wor­ten. Dies ent­spricht ganz sei­ner Leh­re:

Ihr wisst, dass es heißt: ›Du sollst dei­ne Mit­men­schen lie­ben, und du sollst dei­ne Fein­de has­sen.‹ Ich aber sage euch: Liebt eure Fein­de, und betet für die, die euch ver­fol­gen. Damit erweist ihr euch als Söh­ne eures Vaters im Him­mel. (Mt 5:43 – 45)

Die Kir­che hat seit jeher mit der fast unmög­li­chen Anfor­de­rung gerun­gen, die Jesus hier an sei­ne Nach­fol­ger stellt. Doch die ersten christ­li­chen Leh­rer und Kir­chen­vä­ter lehr­ten auf­grund die­ser Aus­sa­ge von Jesus unmiss­ver­ständ­lich, dass Chri­sten gewalt­los leben sol­len, selbst im Ange­sicht von Ver­fol­gung. Wir lesen zum Bei­spiel in einem der ersten Lehr-Doku­men­te der Kir­chen­vä­ter (spä­tes erstes oder frü­hes zwei­tes Jahr­hun­dert):

Es gibt zwei Wege, einer zum Leben und einer zum Tod, aber es gibt einen gros­sen Unter­schied zwi­schen bei­den Wegen. Der Weg zum Leben ist die­ser: Zual­ler­erst sollst du Gott lie­ben, der dich geschaf­fen hat, zwei­tens dei­nen Nach­barn wie dich selbst. Seg­ne wer dich ver­flucht und bete für dei­ne Fein­de. Denn wel­chen Dank gibt es, wenn du nur liebst, wer dich liebt? Tun das nicht auch die Hei­den? Du aber lie­be wer dich hasst, dann wirst du kei­nen Feind mehr haben. (Aus­schnit­te aus der Dida­che Kapi­tel 1, eige­ne Über­set­zung)

Gewalt­lo­sig­keit wird hier — wie auch bei Jesus — als ein Merk­mal bezeich­net, wel­ches Chri­sten von allen ande­ren Men­schen unter­schei­den soll! Eben: Gewalt­lo­se Fein­des­lie­be gehört zur DNA der christ­li­chen Gemein­de. Petrus hat das ver­stan­den, und hat es an die Chri­sten in Kap­pa­do­zi­en ver­mit­telt, wel­che es ihrer­seits den Goten vor­ge­lebt haben, sodass sie auch danach leb­ten.

Eine wich­ti­ge Kom­po­nen­te wel­che den Chri­sten half, gewalt­lo­se Fein­des­lie­be zu leben, ist ihre Über­zeu­gung, dass Gott Gerech­tig­keit brin­gen wird, und sie sich des­halb nicht rächen müs­sen:

Rächt euch nicht selbst, lie­be Freun­de, son­dern über­lasst die Rache dem Zorn Got­tes. Denn es heißt in der Schrift: »Das Unrecht zu rächen ist mei­ne Sache, sagt der Herr; ich wer­de Ver­gel­tung üben.« (Röm 12:18 – 19)

Wenn ange­grif­fe­ne Men­schen die Aus­übung von aus­glei­chen­der Gerech­tig­keit in die eige­ne Hand neh­men, ist die Gefahr gross, dass sie zusätz­li­che Unge­rech­tig­keit und Gewalt tun. Und schon beginnt die Gewalt-Spi­ra­le!

Chri­sten sagen bei Gewalt und Unge­rech­tig­keit nicht «Schwamm drü­ber, es ist nicht so schlimm» son­dern «Es ist schlimm, aber nicht ich, son­dern Gott sorgt zu sei­ner Zeit und auf sei­ne Art für Gerech­tig­keit».

Auch hier haben wir wie­der die­se kla­re Ein­sicht, wel­che jeder post­mo­der­nen Ideo­lo­gie unsin­nig scheint: Men­schen haben einen reli­giö­sen Glau­ben an etwas Abso­lu­tes (der Gerech­tig­keit-brin­gen­de ein­zi­ge Rich­ter der Welt) und die­ser Glau­be führt dazu, dass sie sel­ber kei­ne Gewalt aus­üben.


Tri­umph­bo­gen des Titus am Forum Roma­num in Rom — uns­plash

Die Herausforderung des Staats-Christentums

Als das Chri­sten­tum Ende des vier­ten Jahr­hun­derts zur ‹Staats­re­li­gi­on› erklärt wird, müs­sen die­se The­men noch­mals ganz neu durch­dacht wer­den. Plötz­lich wird alles kom­ple­xer als vor­her, weil es schwer vor­stell­bar ist, dass ein Staat so gänz­lich ohne Armee und Gewalt aus­kommt. Wie soll denn ein ‹christ­li­cher Staat› agie­ren, wenn die Leh­re Chri­sti Gewalt­lo­sig­keit zu for­dern scheint? Und wie agie­ren, wenn der Weg zu staat­li­cher Macht ein Sieg mit­tels Gewalt­lo­sig­keit war?

Die Fra­ge­stel­lun­gen des Staats-Chri­sten­tums müs­sen in einem ande­ren Arti­kel behan­delt wer­den. Darf zum Bei­spiel ein prä­ven­ti­ver Angriff zum Schutz der Zivil­be­völ­ke­rung aus­ge­übt wer­den? Hat denn eigent­lich Gott selbst immer gewalt­los agiert? Wie sol­len hier gewis­se Stel­len im Alten Testa­ment (und Neu­en!) ver­stan­den wer­den? Durf­te US-Prä­si­dent Trump den ira­ni­schen Gene­ral töten oder nicht?

In die­sem Arti­kel beschrän­ke ich mich auf Situa­tio­nen, die eini­ger­mas­sen äqui­va­lent zur Situa­ti­on der Chri­sten vor dem Staats-Chri­sten­tum war. Ich wür­de sagen, dass unse­re Situa­ti­on in West-Euro­pa ähn­lich ist, weil wir als Chri­sten ohne Staats­macht agie­ren. Wie reagie­ren wir in West-Euro­pa als Gemein­den und als ein­zel­ne Chri­sten, wenn uns aus anti­christ­li­chen Grün­den Gewalt ange­tan wird?

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Christliche Antwort auf Gewalt in Westeuropa

Gemäss einem aktu­el­len Bericht des Gate­so­ne Insti­tu­te haben anti­christ­li­che Angrif­fe in Euro­pa signi­fi­kant zuge­nom­men. Mir ist das per­sön­lich in den letz­ten Mona­ten auch auf­ge­fal­len, noch bevor ich die­sen Arti­kel gele­sen habe. Ich nen­ne eini­ge Bei­spie­le aus dem Schwei­ze­risch-Deut­schen Kon­text:

  • Aus­schrei­tun­gen im Zusam­men­hang des ‹Marsch fürs Läbe› in Zürich, Sep­tem­ber 2019
  • Van­da­li­sie­rung eines Laden­lo­kals der Fir­ma Läder­ach Okto­ber 2019
  • Stö­rung eines Got­tes­dien­stes in Basel am Hei­lig­abend 2019
  • Brand-Anschlag auf Gebäu­de und Bus der ‹TOS› christ­li­chen Gemein­de in Tübin­gen am 27. Dezem­ber 2019 (Die Feu­er-Stel­len im 1. Petrus-Brief las­sen grüs­sen…)
  • Farb-Anschlag auf die katho­li­sche Kir­che St. Eli­sa­beth-Kir­che in Ber­lin-Schö­ne­berg in der Nacht auf den 9. Janu­ar 2020

Chri­sten soll­ten in die­sen Situa­tio­nen das aus­le­ben, was Jesus und die ersten Chri­sten gelehrt und vor­ge­lebt haben. Anstatt auf Ver­gel­tung aus zu sein, soll­te die gewalt­lo­se Fein­des­lie­be ihr Han­deln bestim­men. Dies hat das enor­me Poten­ti­al, die Her­zen der Men­schen, die ihnen Gewalt ange­tan haben, mit der Lie­be von Jesus zu errei­chen.

Lei­der gibt es noch heu­te Chri­sten, die zur Gewalt grei­fen. Im Moment scheint dies aus­ser­halb von Euro­pa statt­zu­fin­den (hier ein Bei­spiel). Auch hier müs­sen wir fest­hal­ten, dass Gewalt auf kei­nen Fall der Jesus-Weg ist.

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Gewalt in Diskursen und online-Kommunikation

Ein Ort wo Gewalt aus­ge­übt wer­den kann, ist in der Kom­mu­ni­ka­ti­on, beson­ders in den sozia­len Medi­en.

Der Ton man­cher Dis­kus­si­on ent­larvt die Sehn­sucht der Dis­kus­si­ons­part­ner nach ‹Ver­gel­tung› — man will ein Streit­ge­spräch gewin­nen und nicht das Herz des Gegen­übers. Man miss­re­prä­sen­tiert den Gesprächs­part­ner.

Wir leben im Zeit­al­ter des Inter­nets wel­ches Spot­ten und Ver­ach­tung ein­fach und gleich­zei­tig guten Dis­kurs schwie­rig macht. Des­halb müs­sen wir der gros­sen kul­tu­rel­len Ver­su­chung wider­ste­hen, Spöt­ter zu wer­den. (Tim Kel­ler am 10. Janu­ar 2020, eige­ne Über­set­zung)

Wich­tig ist an die­ser Stel­le, dass gewalt­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on nicht bedeu­tet, dass man mit allem ein­ver­stan­den sein muss, was der Dis­kurspart­ner sagt. Der Dis­kurs mag sogar ange­regt ver­lau­fen und es kann sich immer noch um gewalt­lo­se Kom­mu­ni­ka­ti­on han­deln. Ich per­sön­lich glau­be, dass wir manch­mal vehe­ment ande­rer Mei­nung sein kön­nen als der Gesprächs­part­ner, weil man die­sen Gesprächs­part­ner liebt!

Gewalt in der Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­steht unter ande­rem in der Absicht, in der man etwas sagt. Wenn ich lei­se und sub­til bin, um den ande­ren schlecht dar­zu­stel­len oder des­sen Ruf zu schä­di­gen, übe ich auch Gewalt aus, ein­fach auf lei­se und sub­ti­le Art. Sub­til, unter­gra­bend oder unter­wan­dernd agie­ren kann genau­so Gewalt-aus­übend sein wie aggres­si­ves, lau­tes und nicht-zuhö­ren­des Reden, wel­che das Gegen­über nicht zu Wort kom­men las­sen will, den ande­ren nicht wirk­lich ken­nen­ler­nen und ernst neh­men will.

Ich plä­die­re für einen offe­nen, ehr­li­chen und ger­ne auch ange­reg­ten Dis­kurs, in dem Mei­nungs-Unter­schie­de nicht unter den Boden gewischt oder igno­riert wer­den. Eine sol­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nicht von rhe­to­ri­scher Gewalt bestimmt, son­dern nimmt das Gegen­über mit des­sen Mei­nung, Mei­nungs­ähn­lich­kei­ten und Mei­nungs­un­ter­schie­den ernst.

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Postmoderne, Absolutheitsansprüche und religiöse Gewalt

Das The­ma der Gewalt hat immense Rele­vanz für die post­mo­der­ne Gesell­schaft, wel­che glaubt, dass eine Ideo­lo­gie, die einen Abso­lut­heits­an­spruch erhebt, ihren Stand­punkt letzt­end­lich mit Gewalt durch­set­zen wird. Man soll­te die­sen Ein­druck nicht vor­schnell von der Hand wei­sen. Immer­hin haben wir im 20. Jahr­hun­dert von Euro­pa aus­ge­hend unter ande­rem wegen Ideo­lo­gi­en mit Abso­lut­heits­an­spruch zwei Welt­krie­ge vom Zaun geris­sen. Die Post­mo­der­ne ist ein Pro­test und radi­ka­ler Wider­spruch gegen alle tota­li­tä­ren reli­giö­sen und poli­ti­schen Syste­me.

Prof. Dr. Han­na-Bar­ba­ra Gerl-Fal­ko­vitz bringt in einem aus­ge­zeich­ne­ten Vor­trag eini­ge wich­ti­ge Wesens­zü­ge der Post­mo­der­ne zum Aus­druck. So liebt die Post­mo­der­ne Per­spek­ti­ven, und die­se dür­fen durch­aus wider­sprüch­lich sein. Jede Per­spek­ti­ve zu einem The­ma muss wider­spruchs­los ste­hen gelas­sen wer­den. Das post­mo­der­ne Man­tra lau­tet: Gel­ten las­sen, und zwar ohne zu wer­ten. Des­halb ist auch das Nut­zen unse­res Ver­stan­des dem post­mo­der­nen Men­schen suspekt, denn der Ver­stand begeht zwei ‹Sün­den›: die Sün­de der Wer­tung und die Sün­de des Abso­lut­heits­an­spruchs:

  1. Wer den Ver­stand benutzt, um eine Wahr­heit zu fin­den, stuft die ande­ren Mei­nun­gen damit auto­ma­tisch als falsch ein und wer­tet sie damit. Das ist ein post­mo­der­nes ’no go›.
  2. Das zwei­te Pro­blem ist, dass der Ver­stand selek­tie­rend wirkt. Damit ist gemeint: Das Fin­den der wah­ren Mei­nung führt auto­ma­tisch zum Aus­schluss aller ande­ren, nicht-wah­ren Mei­nun­gen. Der Ver­stand macht eine Eng­füh­rung von vie­len Mei­nun­gen auf eine Wahr­heit. Damit erhebt der Ver­stand letzt­lich einen Abso­lut­heits­an­spruch. Die nicht-wah­ren Mei­nun­gen haben dann kei­ne Exi­stenz-Berech­ti­gung und dür­fen — so die Annah­me der post­mo­der­nen Ideo­lo­gie — not­falls mit argu­men­ta­ti­ver, psy­chi­scher oder phy­si­scher Gewalt ange­gan­gen wer­den.

Für die Post­mo­der­ne sind des­halb alle Dis­zi­pli­nen pro­ble­ma­tisch, die stark auf dem Gebrauch des Ver­stan­des und des­sen Eng­füh­rung auf eine Wahr­heit beru­hen. Dazu gehö­ren die klas­si­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie. Dazu gehört jeder Ver­such einer über­ge­ord­ne­ten Geschichts-Erzäh­lung (Met­anar­ra­tiv) wel­che ande­re oder unter­ge­ord­ne­te Erzäh­lun­gen wer­ten oder aus­blen­den. Dazu gehö­ren Reli­gio­nen, die auf einen ein­zi­gen Gott zurück­ge­hen. Die mono­the­isti­schen Reli­gio­nen, ins­be­son­de­re auch das klas­si­sche Chri­sten­tum, kom­men da total schlecht weg, und wer­den als Reli­gio­nen mit hohem Poten­ti­al zur Gewalt ein­ge­stuft. Lei­der ist tat­säch­lich in der Ver­gan­gen­heit im Namen des Chri­sten­tum Gewalt aus­ge­übt wor­den, und lei­der fin­det dies auch in der Gegen­wart statt.

Ich will hier nicht eine Kri­tik der Post­mo­der­ne machen — ande­re wie Prof. Dr. Han­na-Bar­ba­ra Gerl-Fal­ko­vitz machen das viel bes­ser. Was ich bemer­ken will ist aber Fol­gen­des: Die ersten Chri­sten ver­zich­te­ten auf Gewalt gera­de WEIL sie an den einen, ein­zi­gen Gott glaub­ten! Die ersten Chri­sten glaub­ten an den einen Gott der Bibel, der sich in Jesus Chri­stus am Kreuz der Gewalt der Men­schen hin­gibt. Es war die­ser Glau­be mit Abso­lut­heits­an­spruch, der den ersten Chri­sten die Fähig­keit gab, auf Gewalt mit gewalt­lo­ser Fein­des­lie­be zu reagie­ren!

Wir haben es hier mit einem ein­zig­ar­ti­gen Kurio­sum zu tun, wel­ches für das post­mo­der­ne Den­ken schlicht undenk­bar ist. Ich behaup­te: Nicht jeder Abso­lut­heits­an­spruch führt zwangs­läu­fig zu Gewalt. Nicht jeder Mono­theimus, nicht jedes theo­lo­gi­sche Met­anar­ra­tiv, nicht jeder Gebrauch des Ver­stan­des endet in Gewalt.

Wenn das, was ich behaup­te, stich­hal­tig ist, dann ist das Pro­blem unse­rer Gesell­schaft nicht reli­giö­ser Abso­lut­heits­an­spruch, son­dern der Glau­be an etwas Fal­sches. Ich wage es, einen Schritt wei­ter zu gehen: Erst wenn der Mensch dem einen wah­ren und einen Gott in Jesus Chri­stus begeg­net, ist er in der Lage, Fein­des­lie­be real zu leben. Immer­hin ist Jesus Chri­stus der Frie­dens­fürst der Welt (Jes 9:5). Erst dann wird der Mensch durch die­sen Glau­ben befä­higt, auf Ver­gel­tung zu ver­zich­ten und zu lie­ben, wer ihn hasst.

Die post­mo­der­ne Ideo­lo­gie hin­ge­gen hat nicht die Kraft, in die Gewalt­lo­sig­keit zu füh­ren. Im Gegen­teil — es ist auch bei der Post­mo­der­ne zu befürch­ten, dass sie wie vie­le ande­re Ideo­lo­gi­en in der Gewalt-Aus­übung endet. Lei­der gibt es Anzei­chen, dass dies im Klei­nen bereits geschieht. Denn die christ­li­che Wei­ge­rung, das Rela­ti­ve als das ’neue Abso­lu­te› anzu­er­ken­nen, ist mit ein Grund für die Wut gewis­ser poli­tisch links aus­ge­rich­te­ter Grup­pen auf Chri­sten. Im Fall des Brand-Anschlags auf die TOS und des Farb-Anschlags auf die St. Eli­sa­beth-Kir­che lie­gen Beken­ner­schrei­ben aus ‹femi­ni­stisch auto­no­men Zel­len› vor, wel­che die Anschlä­ge unter ande­rem mit dem Enga­ge­ment der betrof­fe­nen Kirch­ge­mein­den für die Lebens­rech­te Unge­bo­re­ner begrün­den.

Vor die­sem Hin­ter­grund ste­hen auch die wei­ter oben im Arti­kel erwähn­ten Bei­spie­le aus der Schweiz und Deutsch­land. Ach­tung: Auch auf der poli­ti­schen Rech­te gibt es bei gewis­sen Grup­pen Aus­übung von Gewalt. Die Gemein­de von Jesus soll­te sich jen­seits von nur poli­tisch links oder rechts auf­hal­ten, wie der Leit­ar­ti­kel von Ema­nu­el Hun­zi­ker auf­zeigt und erst recht von der Gewalt­aus­übung die­ser Grup­pen.

Was unse­re west­li­che Welt braucht ist nicht die post­mo­der­ne Aus­ra­die­rung jeg­li­cher Ver­nunft, nicht die Aus­lö­schung jeg­li­cher Unter­schie­de, nicht die Gleich­be­rech­ti­gung jeder erdenk­li­chen Per­spek­ti­ve und Mei­nung. Was unse­re west­li­che Welt braucht ist das Fin­den jener einen Per­spek­ti­ve, wel­che tat­säch­lich fähig macht, selbst die Fein­de zu lie­ben. Und die­se Per­spek­ti­ve fin­den wir aus­ge­lebt in der Chri­sten­heit der ersten Jahr­hun­der­te.

Hier sehe ich eine der wich­tig­sten Grün­de, war­um die christ­li­che Gemein­de unse­rer Zeit ihren Glau­ben soli­de und sta­bil grün­den soll. Chri­sten sol­len nicht zum Zwei­feln ani­miert wer­den, was im Moment lei­der vie­le tun. Nein, was wir brau­chen ist tie­fe Gewiss­heit zu fin­den im Glau­ben an den einen wah­ren Gott, der uns fähig macht, Men­schen, die sich zu unse­ren ‹Geg­nern› machen, zu lie­ben. Nur die­se aktiv geleb­te Lie­be, die mit­un­ter einen hohen Preis kosten kann, hat die Kraft die selbst­zer­stö­re­ri­schen Mecha­nis­men der Post­mo­der­ne zu durch­bre­chen und die letzt­lich (zum Teil berech­tig­ter­wei­se) zyni­sche See­le des post­mo­der­nen Men­schen zu erobern mit der Lie­be des einen wah­ren Frie­de­für­sten: Jesus Chri­stus!

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